Schlagwort: Freundschaft (Seite 1 von 2)

Paul Torday: Bordeaux – Ein Roman in vier Jahrgängen (2008)

Haltloser Mensch wird von nekrophilem Freund in den Untergang manipuliert

Das Buch „Bordeaux“ von Paul Torday handelt von Wilberforce, der bei Pflegeeltern unglücklich aufwuchs und bis Mitte Dreißig außer der Softwareentwicklung keinerlei Identität entwickelt hat. Er hat keine Religion oder Weltanschauung, hat nie über den Sinn des Lebens nachgedacht, liest keine Bücher, hat keine Freunde und keine Hobbies, keine Vorlieben bezüglich Essen oder Filmen, und auch keine politische Meinung.

Wilberforce gerät nun durch Zufall in einen Kreis von „Freunden“, die einer höheren gesellschaftlichen Schicht angehören: Der Adlige Ed und seine Verlobte, der pensionierte Offizier Eck, und der Weinkenner Francis Black, der letzte Erbe einer traditionsreichen Familie. Auch diese Menschen sind innerlich leer, folgen entleerten Traditionen, und frönen dem süßen Nichtstun bzw. der Jagd u.a. „gehobenen“ Vergnügungen ohne tieferen Sinn. Da Wilberforce nichts anderes kennt, lässt er sich willig mit diesen „Freunden“ ein.

Insbesondere Francis Black nimmt Wilberforce unter seine Fittiche, und führt ihn in die Geheimnisse der Weinkennerei ein. Leider ist Francis Black das, was man einen destruktiven oder nekrophilen Charakter nennt: Ein Charakter, der dem Untergang, der Selbstzerstörung und dem Tode zustrebt, und auch alles um sich herum in diesen Untergang mitnehmen möchte. Schon sein eigenes Leben hat Francis Black ruiniert, durch Spielschulden und seine Wein-Obsession, für die er das Vermögen seiner Familie durchgebracht hat. Er hat keine Frau und keinen Erben. Eine tiefere Ursache für den dunklen Charakter von Francis Black findet man in dessen Jugend: Seine Eltern verboten ihm die Ehe mit einer Frau von „niederem“ Stand, ein gemeinsames Kind wurde zur Adoption freigegeben. Vermutlich sieht Francis Black in dem Adoptivkind Wilberforce, der ebenfalls Francis heißt, sein eigenes Kind, doch es bleibt offen, ob Francis Wilberforce tatsächlich der Sohn von Francis Black ist.

Von Francis Black wird Wilberforce regelrecht dazu „programmiert“, seinerseits zum obsessiven Weinliebhaber zu werden und den Weinkeller – die „Gruft“ – von Francis Black nach dessen Tod zu übernehmen. Zu diesem Zweck verkauft Wilberforce seine erfolgreiche Softwarefirma unter Wert und stößt dabei auch seinen Geschäftspartner Andy vor den Kopf, der sein Freund hätte sein können. Kurz vor seinem Tod manipuliert Francis Black Wilberforce dazu, seinen Gefühlen für eine Frau nachzugeben: Catherine, die Verlobte von Ed. In diesem Fall nicht die schlechteste Manipulation, muss man sagen.

Im Laufe kurzer Zeit entwickelt sich Wilberforce aufgrund seiner obsessiven Weinliebhaberei zum Alkoholiker. Seine Ehefrau Catherine ruft ihn vergeblich zur Ordnung, und stirbt in einem Autounfall, den Wilberforce im Suff – mit Absicht? – provoziert hat. In seinen Halluzinationen erscheint immer wieder der von Verwesungsgeruch begleitete Francis Black, der ihn zu sich in den Tod ruft. Am Ende ist Wilberforce pleite und erliegt endgültig dem Suff. Die beinahe magische Beziehung von Francis Black zu Wilberforce bis über den Tod hinaus wird im Laufe des Buches immer wieder durch christliche Symbolik angezeigt, was dem Buch fast eine mystische Note gibt.

Was soll dieses Buch?

Im Grunde ist es banal: Ein innerlich haltloser Mensch gerät an falsche Freunde, denen er aufgrund seiner Haltlosigkeit erliegt. Das ist nicht gerade originell, aber vor allem ist es nicht wirklich interessant. Wahre und interessante Freundschaft entsteht z.B., wenn Menschen, die bereits eine Identität haben, bemerken, dass sie auf ähnlicher Wellenlänge ticken. We cannot meet face to face, until we have faces. Aber davon leider kein Gedanke in diesem Buch.

Das ganze Buch strahlt eine mehr oder weniger depressive Stimmung aus, die von der durchaus vorhandenen feinen Ironie des Stils nicht wettgemacht werden kann. Auch die Schilderung von Obsessionen und des fortschreitenden Verfalls eines Alkoholikers ist nichts neues.

Kurz: Kein Buch, was man gelesen haben muss. Man könnte höchstens sagen: Einmal im Leben sollte man vielleicht auch so etwas gelesen haben. Schaden tut’s nicht.

Einzelnes

Das Buch erzählt die Geschichte rückwärts statt vorwärts. Das führt immer wieder zu gewissen Aha-Effekten beim Leser. Allerdings führt es hin und wieder auch zu Verwirrung. Man erkennt auch nicht alle Bezüge, und müsste das Buch im Grunde zweimal lesen. Zudem hätte man dieselben Aha-Effekte auch beim Vorwärtserzählen erzielen können, wie man nach einigem Nachdenken herausfindet. Die Rückwärtserzählung ist also keineswegs so genial, wie sie zunächt erscheinen mag.

Das Buch endet aufgrund der Rückwärtserzählung genau an dem Punkt, an dem Wilberforce glaubt, durch seine neuen „Freunde“ die Freiheit und das wahre Leben entdeckt zu haben. Der Leser weiß an dieser Stelle natürlich bereits um die ganze tragische Entwicklung, die sich anschließen wird. Aber auch diesen Effekt hätte man durch durch Vorwärtserzählen erzielen können, z.B. durch eine zunächst rätselhafte, kurze Vorausblende am Anfang des Buches, und eine entsprechende Rückblende im Moment des Todes am Ende des Buches.

Catherine, die Verlobte des Adligen Ed und spätere Ehefrau von Wilberforce, will ebenso wie Wilberforce ausbrechen: Ausbrechen aus dem sinnlosen Leben der „gehobenen“ Gesellschaft, die ihr den Weg einer unglücklichen Ehe mit Ed klar vorgezeichnet hat. Doch auch sie kommt an den Falschen, nämlich an Wilberforce. Tragisch. Traurig. Depressiv. Sinnlos.

Die absolute Null-Identität von Wilberforce ist etwas unglaubwürdig. Aber nun gut. Menschen, die sich über Religion und Weltanschauung und den Sinn des Lebens noch nie Gedanken gemacht haben, gibt es in der Tat viele, und Haltlosigkeit und Manipulierbarkeit ist keine Seltenheit. Insofern lassen wir die Übertreibung der Null-Identität von Wilberforce als literarische Übertreibung gelten.

Ein Satz des Buches hat echte Freude gemacht, und dieser Satz wird in Erinnerung bleiben: „Drei Nager in dunklem Manchester-Hemd fressen delikat das Wensleydale-Fragment.“ Es ist ein sinnloser Merksatz aus dem Alkohol-Delirium von Wilberforce, aber die spontane Vorstellung von drei kuscheligen, putzigen Nagetieren, die – im Hemd! – pausbäckig und spitzbübisch grinsend ein wertvolles Papyrus-Fragment auffressen, ist einfach nur köstlich!

(Statt eines wertvollen Papyrus-Fragments ist hier aber wohl nur ein Bruchstück von Wensleydale-Käse gemeint. Im englischen Original ist der Satz übrigens nicht halb so gut: Dank an den Übersetzer!)

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 31. Mai 2018)

Mary W. Shelley, Frankenstein oder Der moderne Prometheus (1818/30)

Flaches, unlogisches Herzschmerz-Stück, das das Thema konsequent verschenkt

Wie Mary Shelley in einem Vorwort selbst erzählt, schrieb sie diesen Roman bei einem Aufenthalt mit Freunden am Genfer See, als man durch das „Jahr ohne Sommer“ durchweg schlechtes Wetter hatte und deshalb ans Haus gefesselt war. Der Roman handelt von dem jungen Viktor Frankenstein aus Genf, der nach Ingolstadt auf die Universität geschickt wird, wo er das Geheimnis des Lebens ergründet und sein Monster erschafft.

Diese Universität war die älteste Universität in Bayern. Später zog sie nach München um, wo sie heute Ludwig-Maximilians-Universität heißt. Hier wurde von Professor Adam Weishaupt 1776 der aufklärerische Illuminaten-Orden gegründet, was die Ursache dafür gewesen sein dürfte, die Handlung des Romans hier anzusiedeln. Gesagt wird dazu im Roman aber nichts.

Das Monster selbst wird offenbar aus Leichenteilen hergestellt und gleicht einem Menschen, nur dass es zu groß geraten und potthässlich ist, außerdem unempfindlich gegenüber Kälte. Vor allem ist das Monster zunächst gar kein Monster. Es ist vielmehr einsichtig und zartfühlend und lernt durch Beobachtung und sucht den Kontakt zu Menschen, konkret zu einer Familie von französischen Exilanten bei Ingolstadt. Doch aufgrund seiner Hässlichkeit wird das Monster immer wieder schroff zurückgewiesen. Daraufhin verbittert es.

Ein erster Rachemord an der Familie von Viktor Frankenstein, dem Schöpfer des Monsters, geschieht bei Genf. Bei einer Begegnung mit Frankenstein am Montblanc-Gletscher fordert das Monster die Herstellung einer weiblichen Gefährtin. Dieses Werk beginnt Frankenstein auf den Orkney-Inseln, doch er bricht das Werk vor der Vollendung ab. Daraufhin setzt das Monster seine Mordtaten an der Familie Frankensteins fort. Schließlich stirbt Frankenstein auf der Jagd nach dem Monster, und das Monster sucht den Freitod.

Thema verschenkt

Eigentlich bearbeitet dieser Roman ein großartiges Thema: Einem Wissenschaftler gelingt es, einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Was hätte man daraus nicht alles machen können? Alles, was wir heute zum Thema Künstliche Intelligenz diskutieren, hätte hier seinen Platz gehabt. Aber selbst die wenigen Passagen zum Homunculus in Goethes Faust II sind gedankenreicher als dieser Roman.

Der Leser bemerkt die Flachheit der Darstellung vielleicht zum ersten Mal, als die Autorin sich um jede Erklärung herumdrückt, wie Frankenstein denn das wissenschaftliche Wunder bewerkstelligt hat, einen Menschen künstlich zu erschaffen. Normalerweise leben Science-Fiction-Romane zu einem guten Teil davon, dass sie versuchen, zukünftige Forschung und Technik intelligent vorwegzunehmen und einigermaßen zu erklären. Es ist ganz erstaunlich, wie hellsichtig mancher Autor von Science Fiction war. Doch nichts davon in diesem Buch.

Viele logische Brüche

Der nächste logische Bruch kommt, als Frankenstein genau in dem Moment, als sein Monster zum Leben erwacht, irgendwie nichts mehr davon wissen will und schließlich aus der Wohnung flieht und sich mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Als er zurück kommt, ist er froh, dass das Monster weg ist. Es wird kein Gedanke daran verschwendet, wie denn das neue Wesen in die Welt zu integrieren ist, wie man es erziehen muss, oder dass es unbeaufsichtigt Schaden anrichten könnte. Das ist sehr unwirklich.

Das Buch ist voll von weiteren logischen Brüchen:

  • Frankenstein treibt mit einem Ruderboot von den Orkney-Inseln ab und landet … in Irland. Das erscheint doch sehr weit hergeholt.
  • Obwohl Frankenstein vom Wind zufällig an irgendeine Küste in Irland getrieben wird, hat es das Monster geschafft, die Leiche des ermordeten Freundes Henry Clerval genau an der Küste abzulegen, an die Frankenstein zufällig angetrieben wird.
  • Generell stellt sich im Verlauf des Romans öfter die Frage, wie es das Monster nur angestellt haben soll, Frankenstein immer akkurat auf den Fersen zu bleiben.
  • Obwohl Frankensteins Vater als alt und gebrechlich beschrieben wird, reist er von Genf nach Irland.
  • Immer wieder erklärt Frankenstein gegenüber seinem Vater, dass er schuld sei am Tod der Verwandten, doch er erklärt nie, warum.
  • Erst ganz zum Schluss, als so gut wie alle Verwandten und Bekannten Frankensteins tot sind, entschließt sich Frankenstein das zu tun, was er längst hätte tun sollen, nämlich auf die Jagd nach dem Monster zu gehen.

Besonders unlogisch scheint auch die irre Verzweiflung des Monsters über sein Unvermögen zu sein, Anschluss an Menschen zu finden. Denn dieses Schicksal ist gar nicht so ungewöhnlich. Viele Menschen leiden an ähnlichen Problemen und müssen damit auf irgendeine Weise fertig werden. Nicht jeder findet einen geeigneten Lebenspartner, geschweige denn einen idealen Partner. Nicht jeder findet Freunde und Seelenverwandte in seinem Leben. Hässlichkeit, Behinderung und andere Gründe, warum Menschen keinen Anschluss finden, gibt es auch heute zuhauf.

Es gibt viele Strategien, damit umzugehen. Insbesondere gehört dazu eine gewisse Ergebenheit in das Schicksal und eine konstruktive Bewältigung. Bei Priestern, Mönchen oder Nonnen ist die Ehelosigkeit sogar selbstgewählt, und dennoch leben diese Menschen kein sinnloses Leben. Aber das Monster von Frankenstein glaubt, es müsse morden, wenn es keine Partnerin bekommt. Das ist schon sehr eng geführt.

Und dann wäre da noch eine weitere Möglichkeit gewesen, Anschluss zu finden: Das Monster ist nämlich übermenschlich stark und sammelt über Nacht Holz für die französischen Exilanten, die es heimlich beobachtet, ohne sich als Urheber des Holzsegens zu offenbaren. Wenn das Monster sich den Menschen als nützlicher Dienstleister angeboten hätte, etwa zum Holz sammeln, wäre es gewiss nicht wegen seiner Hässlichkeit zurückgewiesen worden. Aber auf solche Ideen kommt der Roman gar nicht erst.

Viel unnötiger Herzschmerz

Das Buch wurde mit dem Anspruch geschrieben, beim Leser Grauen zu erregen. Doch davon keine Spur. Vielmehr ist dieses Buch randvoll mit Herzschmerz der unnötigen Art. Ständig werden die Gefühle des Monsters und der Menschen reflektiert. Seien es die seelischen Nöte der Einsamkeit des Monsters oder die Gewissensnöte von Viktor Frankenstein. Einmal fragt sogar die Braut Frankensteins, ob er denn eine andere liebe, da er doch immer so unglücklich sei: Hier kippt die Gefühligkeit ins Lächerliche.

Ebenso unnötig ist das nervtötende Rätselraten der Frankensteins um die Unschuld der vermeintlichen Mörderin Justine, die zu Unrecht als Täterin des ersten Mordes des Monsters vermutet wird. Es ist ein wahres Drama und am Ende unterschreibt Justine sogar ein Geständnis, obwohl sie doch unschuldig ist, und alle Gefühligkeit läuft ins Leere, denn der Leser weiß, wer der wahre Täter ist.

Generell ist die Hauptperson Viktor Frankenstein immer wieder verwirrt und irrt ziellos umher, kann sich nicht entschließen und bleibt rat- und tatlos. Diese Hemmung und Verklemmung, die von ständigen Gedanken und Gefühligkeiten begleitet wird, macht auf den Leser einen höchst unnötigen Eindruck.

Einziger Lichtblick: Selbsterziehung des Monsters

Die Selbsterziehungsgeschichte des Monsters ist der einzige Lichtblick des Romans. Hier wurde tatsächlich etwas Intelligenz investiert. Wie das Monster erst in der Natur Erfahrungen macht und dann durch die Beobachtung der französischen Exilanten Sprache und Verhalten lernt, wird vom Leser mit Interesse aufgenommen.

Hier sind insbesondere die Bücher zu nennen, aus denen das Monster lernt: Es ist „Les Ruines, ou Méditations sur les révolutions des empires“ von Constantin François Volnay 1791, „Paradise Lost“ von John Milton, Plutarchs Lebensbeschreibungen, und schließlich Goethes „Die Leiden des jungen Werther“.

Auch die unbeholfene Annäherung an die Menschen, die falschen Hoffnungen, die falschen Vorstellungen, sowie die Enttäuschung des Monsters können anrühren. Vergleichbare Erlebnisse kennt mancher sicher aus der eigenen Jugend. Was nicht mehr anrührt ist allerdings die anschließende Verbitterung des Monsters und sein mörderischer Fanatismus.

Nebenthemen

Ein wichtiges Thema ist die Wissenschaft und das Verständnis von Wissenschaft. Einerseits die mittelalterlichen Wissenschaftler und Alchemisten Paracelus und Albertus Magnus, andererseits die „moderne“, nüchtern-rationale Wissenschaft. Es ist der Gegensatz von rationaler Wissenschaft versus ganzheitlicher Methode, ähnlich, wie wir es bei Goethe finden. Die beiden Professoren, bei denen Frankenstein lernt, sind ebenfalls paradigmatisch: Ein Pedant und ein offener Geist. Solche Lehrertypen kennt wohl jeder aus seiner Jugend. Generell ist immer von „Naturphilosophie“ die Rede, nie von „Naturwissenschaft“. Das gefällt. Frankenstein verleidet seine Wissenschaft nach Erschaffung des Monsters, wodurch er zu einem allzu Wissenschaftsskeptischen Menschen wird, der vor jeglicher Wissenschaftsbegeisterung warnt. Der Roman zeigt zum Thema Wissenschaft interessante Ansätze, doch bleiben sie leider unausgeführt.

Die Natur spielt immer wieder eine Rolle: Der Genfer See, Waldszenen, der Hausberg Salève bei Genf, an dessen Steilwand das Monster hinaufklettert, der Gletscher am Montblanc (Mer de Glace, Montenvers), die Orkney-Inseln, das Meer. Doch die Natur bleibt bloße Kulisse.

Freundschaft wird wiederholt thematisiert: Da ist die Freundschaft zum Jugendfreund Henry Clerval, dann die Freundschaft zu seiner zukünftigen Ehefrau, die in der Familie wie eine Tochter mit aufgezogen wurde, und schließlich in der Rahmenhandlung auf dem Forschungsschiff im Nordpolarmeer die Freundschaft des Expeditionsleiters Robert Walton zum sterbenden Frankenstein. Auch Robert Walton ist ein Mann der Wissenschaft und leidet daran, keinen seelenverwandten Freund zu kennen.

In die Geschichte der französischen Exilanten ist schließlich noch der Topos „Entführung aus dem Serail“ eingeflochten worden. Der Franzose verliebt sich in Paris in die Tochter eines türkischen Kaufmanns, doch dieser versucht die Verbindung zu verhindern und die Tochter in der Türkei unter den Schleier zu bringen und in einen Harem zu verheiraten. Am Ende kann die Tochter fliehen und zu ihrem Geliebten gelangen.

Fazit

Ein weltberühmter Roman, der ein großartiges Thema aufgreift ….. und gnadenlos verschenkt. Die tiefere Ursache dafür mag das Alter der Autorin sein; sie war gerade erst 18 Jahre alt, als sie den Roman schrieb. Bei ihrem Genfer Aufenthalt sollen Shelley und ihre Freunde auch Goethes Faust gelesen haben, was eine Inspiration gewesen sein könnte. Doch an das Niveau der Gedanken zum Homunculus aus Goethes Faust II – so knapp sie auch sind – reicht dieser Roman nicht heran.

Übersetzung / Hörbuch

In der angeblich ungekürzten Hörbuchfassung des Audio-Verlages bzw. des WDR fehlten u.a. jene Passagen, wo sich das Monster am Anfang des 15. Kapitels mithilfe der Werke „Paradise Lost“ von John Milton, Plutarchs Lebensbeschreibungen, und schließlich Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ selbst erzieht. Das ist sehr schade und unerklärlich.

Die Übersetzung verfälscht offenbar auch folgenden Sachverhalt: Im Original möchte Frankenstein seiner Braut „the day after our marriage“ sein Geheimnis lüften, in der Übersetzung wird als Zeitpunkt jedoch der Morgen vor der Hochzeit genannt.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

Gilles Marchand: Ein Mund ohne Mensch (2016)

Von der Heilsamkeit der kleinen Dinge und der Phantasie gegenüber einem Lebenstrauma

Der Roman handelt von einem sehr zurückgezogen lebenden Buchhalter Ende vierzig, der sich abends regelmäßig mit einigen Freunden in einem Café trifft. Er hat eine große Narbe vom Mund über den ganzen Hals, die er mit Schals sorgsam zu verbergen versucht. Niemand weiß, was es damit auf sich hat, niemand wagt zu fragen. Eines Tages wird ihm klar, dass er die Geschichte der Narbe erzählen sollte. Abend für Abend nähert er sich dem Kern der Geschichte an.

Der Roman überzeugt durch die einfühlsame Darstellung des zurückhaltenden, bescheidenen Innenlebens des Protagonisten und der Begegnung mit seinen Freunden. Die skurrile Phantasie seiner Geschichten, mit der der Alltag zu etwas besonderem verklärt wird, macht Freude. Am Ende kommt dann eine wuchtige Überraschung, und alle Fäden laufen zusammen.

Ein gutes Buch. Ein starkes Buch.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. Februar 2026)

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss (1963)

Gefrieren und Auftauen am Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein

In seinem Roman „Eis-Schloss“ thematisiert Tarje Vesaas den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein anhand einer sehr einfachen Geschichte: Das Mädchen Unn, die soeben Weise geworden ist, zieht zu ihrer Tante neu ins Dorf. Sie sondert sich von den anderen Kindern ab. Nach einer Weile der Zurückhaltung freundet Siss sich mit ihr an. Unn will ihr ein Geheimnis verraten, macht dann jedoch vorläufig einen Rückzieher. Um Siss nicht zu schnell zu nahe zu kommen, schwänzt Unn die Schule und verläuft sich im „Eis-Schloss“, einer bizarren, riesigen Eisstruktur, die sich Jahr für Jahr aufs neue um einen Wasserfall herum bildet. Darin erfriert Unn in trauernder Schönheit, und bleibt verschwunden. Siss verschließt sich daraufhin vor der Welt in kindlich-kindischer Treue zu Unn. Doch irgendwann taut das Eis.

Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenensein ist gekennzeichnet durch ein Sich-Öffnen gegenüber anderen und ein Sich-Lösen von engen, verklemmten Horizonten. Die Phase ist gekennzeichnet von Unsicherheit, Vortasten und Zurückziehen, von Dazugehören und sich Absondern, auch von sturem, kindischem Festklammern an der Kindlichkeit. Das alles wird durch die große Metapher des Eis-Schlosses bezeichnet, durch das Bild vom Gefrieren und Auftauen.

Unn muss sterben, weil sie den Übergang zum Erwachsensein nicht schafft. Sie bleibt in ihrer Trauer über ihre Mutter gefangen, und erstarrt zum Tod im Eis. Für Siss wiederum repräsentiert der Tod Unns den Ernst des Lebens, den sie akzeptieren lernt, und damit den Abschied von der Kindheit schafft.

Der Roman schildert diese Vorgänge äußerst behutsam. Die Dorfgesellschaft ist von homogener Friedlichkeit und sehr rücksichtsvoll. Damit spiegelt der Roman nur bedingt die moderne Gegenwart, die gekennzeichnet ist durch eine politisch und weltanschaulich zerklüftete Gesellschaft und durch Rücksichtslosigkeit. Die zarte Zurückhaltung aller Handelnden bietet keine Identifikation für moderne Phänomene wie individuelle Enthemmtheit auf Kosten der Gemeinschaft, oder bedrohlich beherrschende kollektive Meinungen bzw. den Widerstand des Einzelnen dagegen. Diese Probleme gibt es bei Vesaas nicht. Seine heile Welt ist viel zu idyllisch, und damit aus unserer Zeit gefallen.

Auch die Sprache in diesem Buch ist gefroren und kristallklar wie das Eis-Schloss: In kurzen, knappen Sätzen schildert Vesaas jede Szene, und deutet durch den knappen, hochsymbolischen Stil dabei viel mehr an, als er explizit sagt. In der kalten Klarheit der Sätze liegt paradoxerweise aber auch ein Zartgefühl, das seinesgleichen sucht. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel hat das gut zum Ausdruck gebracht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. Dezember 2019)

Nero Campanella: Wie ich unsterblich wurde (2023)

Fingerübung eines Schriftstellers

Die halb literarische, halb autobiographische Figur Brinus vom Schrock, 50, entstammt der saarländischen Bohème, in der er auch versumpft ist, mit Alkohol, Kumpels, allerlei Substanzen, Masturbation, Huren, viel Schmutz und Rotz und einer Menge ungesunden „Abenteuern“ zwischen Tresen und Toilette. Eines Tages bekommt er durch einen Ex-Kumpel, der es vom verkrachten Marxisten zum SPD-Funktionär geschafft hat, ein Künstlerstipendium für einen Aufenthalt auf dem brandenburgischen Schlossgut Wiepersdorf.

Das Schlossgut gibt es wirklich, und es dient tatsächlich als Refugium für Schriftsteller und Künstler aller Art, gesponsert vom Steuerzahler. Es hat eine gut gemache Webseite, auf der man es sich in aller Ausführlichkeit ansehen kann: Sehr schön!

Der Roman reflektiert autofiktional das eigene Tun: Der Schriftsteller erzählt also, wie er nach Schloss Wiepersdorf kommt, wo er mit allerlei seltsamen Künstlern zusammenlebt. Es stellt sich schnell heraus, dass keiner dieser Künstler wirklich etwas vorzuweisen hat, ganz wie Brinus vom Schrock selbst. Alle sind gescheitert, spießig und insgeheim spinnert, und alle singen das politisch korrekte Lied des „linksliberalen“ Zeitgeistes. Nur ausgerechnet eine Lesbe nicht. Und Brinus vom Schrock auch nicht, der sich dadurch schnell unmöglich macht. Der Stil des Buches ist respektlos und zynisch: Brinus vom Schrock hat zwar manchen Durchblick durch die Kulissen der Welt, der immer wieder erfrischend ist, doch zu einer konstruktiven Bewältigung reicht es nicht.

„Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Künstler, psychologisch gesehen, Streber mit schlechten Noten waren, die sich nur auf kreativen Umwegen den Autoritäten andienten, um ein paar Krümel Wichtigkeit von der Tafel der Geschichte aufzuschnappen, dann wäre er mit diesem Betroffenheitsgekusche um mich herum soeben geliefert worden.“ (S. 107)

Der Roman hechelt verschiedene Situationen und Themen durch: Die Saarbrücker Bohème, die brandenburgische Provinz, politische Korrektheit, peinliches Ertapptwerden, schmarotzende Künstler, politischer Filz, Spießertum, Sex, Drogen aller Art und ihre Folgen, Hegel, ein Traumkapitel, das Sterben eines Freundes (das stärkste Stück im ganzen Buch), die Begegnung mit einem Literaturagenten, die Frage nach der Glaubwürdigkeit eines religiösen Glaubens, das Verschwinden des belesenen Bildungsbürgertums, u.v.a.m.

Fazit

Alles in allem bietet das Buch eine Reihe von gelungenen und teils witzigen Stücken, doch es ist kein ganzes, es bleibt Essay. Am Ende bleiben Verlust, Peinlichkeiten und Scheitern eines wenig erfolgreichen Lebenskünstlers. Das allerdings wird literarisch gut aufbereitet. Es ist die Fingerübung eines Schriftstellers, nur die Generalprobe, nicht das eigentliche Werk.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Robert Bolt, Fred Zinnemann: Ein Mann zu jeder Jahreszeit (Film, 1966)

Passiver Widerstand aus Gewissensgründen glaubwürdig dargestellt

Der Film schildert eindrucksvoll, wie Thomas Morus versucht, den Anforderungen der Obrigkeit einfach aus dem Weg zu gehen und sie nicht zu reizen. Thomas Morus ist kein Held vom billigen Format, der die Gefahr sucht. Aber die Obrigkeit wird gerade durch dieses Verhalten dazu gereizt, ihn herauszufordern, von ihm Bestätigung zu verlangen, ihn Schritt um Schritt in die Enge zu drängen, um ihn zu unterwerfen. Ähnliches hörte man schon von DDR-Dissidenten: Wenn der Staat sie einfach in Ruhe gelassen hätte, wären sie gar keine Dissidenten geworden.

Es ist auch treffend dargestellt, wie Morus sich bewusst von seinen Freunden distanziert, um sie nicht ins Schlamassel mit hineinzuziehen. Es ist gut zu sehen, wie die Menschen um Morus von ihm Abstand nehmen, ihn sogar verraten oder persönliche Rache nehmen. Man sieht, wie schwer es ist, einen Standpunkt gegen die herrschende Meinung einzunehmen, welche sozialen Mechanismen plötzlich greifen und zu wirken beginnen, um den Dissidenten zu isolieren und zu zerstören.

Und es ist gut zu sehen, wie die Macht unter dem Deckmantel der Galanterie plump und brutal ist, im Gegensatz zur Tochter von Morus, die gebildet und feinsinnig ist.

Das alles ist kein Historienfilm, der eine historische Begebenheit dröge ableiert. Das ist ein Menschheitsdrama.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 11. Juli 2008)

Robert Silverberg: Gilgamesch The King (1984)

Gelungenes Sinuhe-Remake für die sumerische Kultur

Mit seinem Buch „Gilgamesch – The King“ hat Robert Silverberg eine Art Remake des Klassikers „Sinuhe der Ägypter“ von Mika Waltari vorgelegt. Wie dort auch läuft vor den Augen des Lesers eine Art psychedelischer Lebensfilm des Protagonisten ab, der gewissermaßen die Innensicht und die weltanschauliche Perspektive eines antiken Menschen nachzubilden versucht, von der Wiege bis zur Bahre. Auf diese Weise wird ein besonders intensiver Einblick in die jeweilige Zeit und Kultur gegeben. War es bei Waltari das alte Ägypten, ist es bei Silverberg die sumerische Kultur.

Das Remake ist gelungen: Wer nach der Lektüre nach Informationen über die alten Sumerer sucht, wird finden, dass Silverberg die wesentlichen Elemente dieser Kultur verarbeitet hat, und zwar gut verarbeitet. Historische Exaktheit darf man natürlich nicht erwarten, das ist nicht der Sinn der Sache, zumal die Forschung bei diesen frühen Kulturen immer noch sehr in Fluss ist. Es steht das Literarische und Menschliche im Vordergrund; in der alten Kultur spiegeln sich Einsichten, die sehr wohl auch für die Gegenwart gelten.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. Juli 2012)

Honoré de Balzac: Die Frau von dreißig Jahren (1842)

Ein Frauenleben zu Balzacs Zeiten – nur begrenzt auf heute übertragbar

Balzac durchleuchtet mit diesem Buch den typischen Werdegang einer Frau seiner Zeit vom Jugendalter bis zum Tod (insofern ist der Titel irreführend). Dieser Werdegang, der eine fortgesetzte Lebenskatastrophe ist, wurde damals durch das Institut der Ehe bestimmt, die offenbar praktisch unauflöslich war. Aus diesem Umstand ergeben sich eine ganze Reihe von zwangsläufigen Konsequenzen.

Am Anfang allen Übels steht die enthusiastische Wahl eines oberflächlich beeindruckenden Ehegatten. Dieser entpuppt sich jedoch schon bald als Langweiler und Dummkopf. Doch die Ehe ist ein für allemal geschlossen. Abwechslung bietet eine ältere, erfahrene Freundin. Doch diese stirbt alsbald. Abwechslung bietet ein Kind. Doch es ist kein Kind der Liebe. Abwechslung bietet auch ein Liebhaber. Doch die Ehe verhindert, dass aus dieser Beziehung eine ernste Sache werden kann. Der Liebhaber stirbt tragisch, es kommt der nächste Liebhaber. Die Erwartungen und der Schwatz der Gesellschaft sind unerträglich, ebenso die außerehelichen Ausschweifungen des Ehegatten. Vor einem Notar muss Normalität geheuchelt werden. Die Tochter läuft irgendwann davon, weil sie genau spürt, dass sie nicht geliebt wurde. Eine andere Tochter wird glücklich verheiratet, und für ihr Glück wird am Ende alles Eigene geopfert. Kurz: Ein Frauenleben als durchgängige Tragödie vom Anfang bis zum Ende.

Der Roman war für seine Zeit bedeutsam, es fällt jedoch schwer, die Situation ohne weiteres auf die heutige Zeit zu übertragen. Viele Einzelaspekte dieser Tragödie zeigen sich natürlich auch in unseren Tagen, doch der zentrale Zwang der Ehe ist heute nicht mehr in gleicher Weise vorhanden. Aus heutiger Sicht wäre es z.B. interessant gewesen zu lesen, wie die Protagonistin nach ihrer Eheschließung schrittweise bemerkt, dass ihr enthusiastisch verehrter Ehemann ein Dummkopf ist. Man hätte es dann mit dem Hintergedanken lesen können: Woran merkt sie es, und hätte man es nicht schon vorher merken können? Doch genau diesen Vorgang der Erkenntnis überspringt Balzac komplett. Im einen Moment ist die Protagonistin noch enthusiastisch verliebt, im nächsten Kapitel ist sie schon die enttäuschte Ehefrau ein Jahr später.

Der Verlauf der Handlung ist zudem nicht rund. Insbesondere zum Ende hin wird viel gesprungen. Man liest, dass Balzac hier verschiedene Erzählungen zu einer vereinigte. Diese Vereinigung ist leider nicht gut gelungen.

Interessant eine Episode am Rande:

Der Notar Alexandre Crottat ist ein Anaisthetos, also ein Mensch, der für soziale Empfindlichkeiten, Gefühle und unterschwellige Signale nicht empfänglich ist. Dieser Crottat schwadroniert in Gegenwart der Familie d’Aiglemont – Ehemann, Ehefrau und Liebhaber mitsamt ehelichen und außerehelichen Kindern – ehrlich und direkt über die schier unglaublichen Rechtsfälle in Ehesachen in der Gesellschaft, und bemerkt gar nicht, dass er damit genau die Situation der Menschen trifft, in deren Gegenwart er redet. In gewissem Sinn ist er der moralischste, glaubwürdigste Charakter in diesem Buch. Man kann es ihm noch nicht einmal als einen Fehler ankreiden, dass er sich „unmöglich“ benimmt, denn „unmöglich“ sind ja in Wahrheit die anderen, nicht er. Allerdings wäre er klug beraten, zu schweigen, denn die anderen lernen durch seine richtigen Reden nichts, und er schadet sich nur selbst. Man würde ihm diese Einsicht und mehr Gespür wünschen zu schweigen, dann könnte er ein Weiser sein. Jedenfalls ist es unzureichend, diesen Menschen als dick und dumm zu charakterisieren, wie es anscheinend geschieht. Seine „Dummheit“ erscheint nur vor dem Hintergrund einer verlogenen Gesellschaft „dumm“.

Besser hat es der alte Dorfpfarrer gemacht, der versuchte, die Protagonistin zu belehren: Erstens spricht er die Protagonistin unter vier Augen an, zweitens kann er durch das Beispiel seines eigenen Leidens Eindruck machen, und drittens spürt er irgendwann, dass er nicht weiterkommt, und stellt daraufhin seine Bemühungen stillschweigend ein.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 31. Dezember 2020)

Per Petterson: Pferde stehlen (2003)

Reiches, atmosphärisches Buch über Väter, Einsamkeit, das Leben schlechthin

Es ist die Geschichte eines Jungen und seines Vaters, die beide 1948 einen Sommer auf einer Hütte in der norwegischen Provinz nahe der schwedischen Grenze verbringen. Es ist ein Sommer voller Abenteuer für den Jungen, ein Leben in und mit der Natur, einsam, arbeitsam und einfach, ein Leben mit glücklichen und tragischen Momenten. Vater und Sohn kommen sich dabei so nahe wie nie, und der Sohn beginnt zum Mann zu werden.

Doch was der Sohn nicht weiß: Sein Vater war schon einmal hier, im Krieg, und hatte Flüchtlingen über die Grenze nach Schweden geholfen. Und sich dabei verliebt. Es ist der letzte Sommer, den Vater und Sohn gemeinsam verbringen, bevor der Vater die Familie endgültig verlassen und ohne Wiederkehr zu seiner Geliebten gehen wird.

Die Geschichte wird aus der Perspektive des Sohnes erzählt, wie er nun seinerseits als alter Mann erneut in eine Hütte in derselben Gegend zieht, um seine letzten Jahre in jener arbeitsamen Einsamkeit zu verbringen, die er damals von seinem Vater kennengelernt hatte. Auch jetzt sind Glück und Tragik nahe beieinander: Ehefrau und Schwester sind gestorben, aber seine Tochter besucht ihn überraschend. Die Einsamkeit tut gut und wird mit der Lektüre von Charles Dickens abgerundet, sie wird aber auch als Risiko empfunden. Aber da ist noch sein Hund Lyra, und ein guter Nachbar, den er noch aus dem Sommer 1948 im Zusammenhang mit tragischen Ereignissen kennt.

Per Petterson ist ein sehr atmosphärisches, ruhiges Buch gelungen, das den Leser teilhaben lässt an den Gedanken und Gefühlen der Protagonisten. Ein Buch über Väter und Söhne, über Einsamkeit und Freundschaft, über Liebe und Verlassenheit, über Stadt und Land, über Krieg und Frieden, über Jugend und Alter, über unmittelbares Erleben und späteres Erinnern, über das Leben schlechthin, kurz: Es ist ein sehr reiches Buch.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 17. August 2018)

Hermann Hesse: Narziss und Goldmund (1930)

Durchspielen von Sinnlichkeit und Geistigkeit – Kritik am typisch „Deutschen“

Der Roman „Narziss und Goldmund“ schildert die Freundschaft zweier Klosterschüler, von denen der eine radikal sinnlich, der andere radikal geistig lebt. Narziss lebt ein Leben der Gelehrsamkeit, bleibt immer nur im Kloster, steigt zum Abt auf, und hat einen rationalen Durchblick durch die Zusammenhänge der Welt. Goldmund hingegen verlässt das Kloster, zieht wandernd durch die Lande, legt eine Frau nach der anderen flach, wird zum bildenden Künstler, und kehrt am Ende ins Kloster zurück. Während die Figur des Goldmund den Roman beherrscht, taucht Narziss nur am Anfang und Ende auf, und steht – obwohl ebenbürtig – nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Hermann Hesse wollte hier ganz offensichtlich zwei Charaktereigenschaften an zwei Menschen durchspielen, indem er sie jeweils völlig einseitig gestaltet und miteinander in freundschaftliche Verbindung bringt. Narziss muss Goldmund anfangs erst zur Erkenntnis seiner selbst befreien, bevor dieser hemmungslos sinnlich werden kann. Goldmund hingegen lässt Narziss zweifeln, ob ein rein geistiges Leben wirklich gut ist. Narziss hat Goldmund am Ende voraus, dass er dessen Sinnlichkeit anfanghaft versteht. Goldmund hingegen versteht die geistige Welt des Narziss noch nicht einmal im Ansatz. Goldmund bleibt bis zuletzt ein großes Kind, kuriert eine gefährliche Verletzung nicht aus, und stirbt blöde lächelnd (Hirnschlag?), ohne die Mehrzahl der von ihm geplanten Werke geschaffen zu haben. Narziss bleibt zweifelnd zurück.

Bedingt durch Bildungsmangel und die Irrtümer des Zeitgeistes fassen viele Leser diesen Roman falsch auf. Der erste Irrtum ist die Lesart als Lebensratgeber. Wie wenn Hermann Hesse dem Leser hätte sagen wollen: „Enthemme Dich, fick Dich durch’s Leben, die Rationalen sind die Dummen.“ Doch das ist nicht der Fall. Beide Charaktere sind gleich in ihrer Würde. Und beide Charaktere taugen nicht als Vorbild. Vorbildlich wäre eine richtige Mischung aus beidem. Der zweite verbreitete Irrtum ist die Lesart als homoerotischer Roman. Auch das ist Unfug. Die Liebe zwischen Narziss und Goldmund ist die Liebe von Mensch zu Mensch, jenseits aller Geschlechtlichkeit. Wer das nicht erkennt, hat etwas verpasst.

Thema Sinnlichkeit: Hier spielt das Bild der „Mutter“ eine große Rolle. Zunächst die eigene, verlorene Mutter, dann das Bild der „großen“ Mutter. Die Mutter als Verkörperung von Leben und Tod zugleich. Goldmund verfällt dieser Vorstellung völlig und wird von ihr in den Tod gezogen. Narziss sind solche Gedanken und Gefühle fremd.

Thema Kunst und Künstler: Der Werdegang von Goldmund zum Künstler, seine Begegnung mit Werken und mit dem Meister, sein innerer Drang, seine Gedanken über Gesehenes und seine inneren Bilderwelten geben dem Leser einen lebendigen Eindruck davon, was es heißt ein Künstler zu sein und Werke zu schaffen.

Thema Lebensweisheit: Der Roman umspannt das ganze Leben zweier Menschen und enthält deshalb auch eine Menge Lebensweisheit zu allen möglichen Themen (Jugend vs. Alter, Wanderschaft vs. Sesshaftigkeit, Lehre vs. Meisterschaft, Leben vs. Tod), die nicht zwingend mit dem Thema des Buches verbunden sind. Es könnte sich lohnen, das Buch mehrfach zu lesen.

Thema Kloster Maulbronn: Hermann Hesse hat das Kloster Mariabronn natürlich nach dem Kloster Maulbronn gestaltet, in dem er als Internatsschüler gescheitert war. Aber überraschenderweise ist die Darstellung der Klosterschule in diesem Roman durchgehend positiv! Das erfreut den Leser, der sich an die Depressivität des Romans „Unterm Rad“ erinnert, in dem Hesse seine negativen Erfahrungen im Kloster Maulbronn verarbeitet hatte.

Thema Mittelalter: Neben dem Kloster wird das ganze mittelalterliche Leben durchgespielt: Dörfer und Höfe, ein Ritter auf seiner Burg, die Bischofsstadt (die angeblich nach Würzburg gestaltet sein soll, aber Würzburg ist viel zu barock), der Statthalter des Kaisers in seiner Residenz.

Thema Pest: Auch die mittelalterliche Pest spielt eine Rolle. Es ist interessant, die heutigen Erfahrungen mit der Corona-Pandemie mit dieser literarischen Darstellung der Pest zu vergleichen. Es gibt die Angst vor der Ansteckung, das Abstandhalten und Isolieren, die behördlichen Anweisungen, die Geschäftemacher usw.

Typisch „deutsch“:

Hermann Hesse schrieb dieses Buch 1927-1929, also noch vor der Zeit des Nationalsozialismus: „Ich habe mit diesem Buch der Idee von Deutsch­land und deutschem Wesen, die ich seit der Kindheit in mir hatte, einmal Ausdruck gegeben und ihr meine Liebe gestanden – gerade weil ich alles, was heute spezi­fisch ‚deutsch‘ ist, so sehr hasse.“ – Was könnte Hesse damit gemeint haben?

Viele denken an die im Roman geschilderte Verbrennung von Juden als Sündenböcken für die Pest. Narziss sagt, er würde eine Judenverbrennung zwar niemals anordnen, aber es könnte sein, dass er sie geschehen ließe, wenn er sie nicht verhindern könne, denn: „Die Welt ist nicht anders“. – Das mag vielleicht ein Aspekt des typisch Deutschen sein, den Hesse vielleicht auch meinte, aber Hesse schrieb dieses Buch vor der Zeit des Nationalsozialismus, und Judenpogrome waren und sind alles andere als typisch „deutsch“. Die Antwort des Narziss ist außerdem gar nicht so unvernünftig: Nicht mittun ist schon ziemlich viel getan. – Es könnte auch die Rationalität und Gelehrsamkeit des Narziss gemeint sein. Aber dieser kann es nicht allein sein, weil er ebenbürtiger Gegenspieler zu Goldmund ist, und weder Rationalität noch Gelehrsamkeit sind typisch „deutsch“. – Es könnten mit „deutsch“ auch die sesshaften Spießer gemeint sein, gegen die Goldmund als Vagabund polemisiert. Aber das ist nur ein Randthema.

Nein, es ist etwas ganz anderes, was die Menschen von heute nicht sehen, weil sie durch Bildungsmangel und Zeitgeist blind dafür geworden sind. Der Elephant im Raum ist natürlich die zentrale Figur des Goldmund, wie er mit größter Unbekümmertheit und Naivität durch das ganze deutsche Reich wandert, dabei Jung-Siegfriedhaft immer ein Kind bleibt, wie er sich gerne in Raufereien verwickelt und manchmal jemanden totschlägt, wie er die Jüdin Rebecca, die gerade ihre Familie auf dem Scheiterhaufen verloren hat, dämlich dazu auffordert, ihr Leben doch in sinnlicher Lust zu genießen, der sich nicht einmal ansatzweise (!) aufs Denken versteht, und der schließlich dem Todessog der großen Mutter verfällt. Dies ist die große Kritik am deutschen Volk, die Hermann Hesse hier gestaltet hat. Diese Figur ist es, die Hermann Hesse zugleich liebt und hasst. Also gerade das, was manche als positive Lebenslehre aus diesem Roman mitnehmen wollen, ist in Wahrheit die zentrale Kritik des typisch „Deutschen“.

Ein Vergleich zu Thomas Manns „Zauberberg“ von 1924 drängt sich auf: Auch hier meinen heute viele irrigerweise, der politisch Radikale Naphta wäre die große Warnung vor dem, was kommt. Doch in Wahrheit ist es der freundliche Herr Peeperkorn, der alle für sich vereinnahmt und nur inhaltsleere Gespräche führt, vor dem Thomas Mann vor allem warnen will. Auch dieses Buch wird in ganz ähnlicher Weise missverstanden.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Geschrieben 27. August 2020.

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