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Katholischer Erwachsenenkatechismus (1985/1995) – Katechismus der Katholischen Kirche (1992)

Grundlegende Lektüre zum Verständnis unserer Welt: Ein katholischer Katechismus

Die meisten Menschen winken beim Wort „Katechismus“ ab: Sie denken an eine Sammlung von kurzen Fragen und Antworten, wie sie die Schüler in früheren Zeiten auswendig lernen mussten. Die reine Schikane. Und doktrinärer Kirchen-Unsinn ist es obendrein. Wer glaubt denn sowas? Wer tut sich das an? Also weg damit.

Aber so einfach ist es nicht. Es gibt eine ganze Reihe von sehr guten Gründen, warum man einen Katechismus gründlich gelesen haben sollte:

  • Was ist Christentum überhaupt? Das ist genau die Frage, die ein Katechismus beantwortet. Ein Katechismus ist die Zusammenfassung der christlichen Glaubens- und Sittenlehre: Was man als Christ inhaltlich glauben sollte, und wie man als Christ leben und handeln sollte in der Welt. Das Wort „Katechismus“ könnte man mit „Lehrbuch“ übersetzen. – Viele Menschen glauben zwar zu wissen, was Christentum ist, doch in Wahrheit ist das vorhandene Wissen oft nur sehr oberflächlich. Da das Christentum aber nun einmal tatsächlich ein wesentlicher Grundpfeiler unserer gesamten westlichen Kultur ist, sollte man sich durchaus die Mühe machen, der Sache etwas näher auf den Grund zu gehen. Und zwar völlig unabhängig von der Frage, ob man das nun glauben will oder nicht. Darum geht es gar nicht. Es geht um ein unverzichtbares Stück Bildung, ohne das wir die Welt, in der wir leben, nicht richtig verstehen können.
  • Die Bibel deuten: Die meisten Menschen glauben, was Christentum sei, das stünde in der Bibel. Man müsse nur die Bibel lesen, und schon wüsste man, was Christentum ist. Aber das ist falsch. Ganz falsch. – Natürlich ist die Bibel das heilige Buch der Christen und damit die Grundlage des Christentums. Aber reicht ein Blick in die Bibel wirklich? Wenn ein x-beliebiger Christ an unserer Haustüre steht und uns eine Bibel überreicht, wissen wir dann schon, was der glaubt? Es gibt so viele Variationen: Papst oder nicht Papst? Bußsakrament oder nicht? Abendmahl als echte Wandlung oder nur als Symbol? Ehescheidung erlaubt oder nicht erlaubt? Jesus der wahre Sohn Gottes oder nur ein Auserwählter? Maria als Mutter der Kirche, oder nur ein unbedeutendes Waschweib? – Mit der Bibel allein weiß man praktisch nichts! Denn was eine Kirche aus der Bibel herausliest, das steht nur im Katechismus der jeweiligen Kirche. Und nur dort! Die Bibel hingegen ist sehr interpretationsfähig. Die Deutungen gehen weit auseinander. – Katholiken glauben zudem, dass das Leben der Kirche eine Überlieferung außerhalb der Bibel transportiert, die ebenfalls von Bedeutung ist. Auch deshalb reicht die Bibel allein nicht. Aufmerksame Leser werden schnell bemerken, dass sich Christentum und Kirche gar nicht voneinander trennen lässt. Wir wissen von Christus nur durch die Kirche. Auch die Bibel ist eine Hervorbringung der Kirche.
  • Christentum durchschauen: Gerade dann, wenn man dem Christentum gegenüber kritisch eingestellt ist, sollte man es kennen. Denn nur wer das Christentum kennt, weiß überhaupt, was alles auf das Christentum zurückgeht. Und nur dann kann man es auch kritisieren. Und sich Alternativen überlegen. Viele Kritiker des Christentums wissen gar nicht, wie viele Bestandteile unserer Kultur auf das Christentum zurückgehen. Sie nehmen viele christliche Dinge für selbstverständlich, die es gar nicht sind, und täuschen sich über die Welt, in der sie leben. Sie sollten einen Katechismus lesen.
  • Andere Religionen durchschauen: Natürlich ist es das Durchschauen und Verstehen anderer Religionen viel einfacher, wenn man erst einmal eine Religion etwas gründlicher durchschaut hat. Und das sollte natürlich zuerst die traditionelle Religion des eigenen Kulturkreises sein. Viele Menschen haben ein oberflächliches Verständnis von Christentum, das sie kurzerhand auf andere Religionen übertragen. Auf diese Weise geraten sie in beliebige Irrtümer über andere Religionen. Mit teils tragischen Konsequenzen. – Von den Islamverharmlosern ist das bekannt. Kaum jemand hat von Kultur und Religion so wenig Ahnung wie die Anhänger eines zügellosen Multikulti. Aber auch jene sind auf dem Holzweg, die sagen, sie hätten den Koran gelesen und wüssten jetzt ganz genau, was „der Islam“ lehrt. Der Koran ist jedoch ein extrem interpretationsbedürftiger Text. Im Koran stehen Aufforderungen zur Gastfreundschaft direkt neben Tötungsbefehlen. Und von Mohammed steht so gut wie nichts im Koran. Nichts wissen sie also! Sie haben schlicht das falsche Buch gelesen, wenn sie es überhaupt gelesen haben. Nicht der Koran, sondern die Deutung (!) des Korans durch die jeweilige Gruppierung ist entscheidend. Das arabische Wort für Katechismus ist übrigens Ilmihal. Islamhasser haben genauso wenig Ahnung von Religion und Kultur wie Islamverharmloser.
  • Einzelthemen: Die Zahl der Themen, zu denen heute Irrtümer kursieren, ist groß. Viele wissen z.B. nicht, dass die Bibel als ganzes als vom Heiligen Geist inspiriert gilt. Manche Christen meinen, sie bräuchten gewisse Texte der Bibel einfach nicht ernst nehmen, weil diese im Alten Testament stehen, oder in den Paulusbriefen. Das ist aber falsch. Auch diese gelten als Gottes Wort. – Ebenso falsch ist es, zu behaupten, die Bibel wäre von Menschen geschrieben, der Koran hingegen sei Gottes Wort. Denn natürlich gilt auch die Bibel als Gottes Wort. Inspiriert durch den Heiligen Geist, aufgeschrieben durch menschliche Schreiber nach deren begrenztem, menschlichen Verständnis. Kein Wort der Bibel kann gestrichen werden. Kein einziges! Religiöse Reformen kommen nicht dadurch zustande, dass man an Bibel oder Koran Streichungen vornimmt, sondern vor allem dadurch, dass man eine irrige Interpretation durch eine bessere Interpretation ersetzt. Mehr dazu unten. – Typisch katholische Themen wie die Heilige Wandlung (Transsubstantiation), die Heiligenverehrung, die Unmöglichkeit der Weihe von Frauen zu Priestern oder der Zölibat der Priester werden ebenfalls erklärt. Man würde sich wünschen, dass alle Journalisten, die über diese Themen schreiben, wenigstens einmal in ihrem Leben einen Katechismus gelesen hätten. Das würde uns 50% des Unsinns, der zur Katholischen Kirche geschrieben wird, ersparen. – Interessant auch, was die christliche Sittenlehre zur Rolle des Staates und der Autorität über andere Menschen zu sagen hat. Oder zum Wirtschaftsleben und zur Soziallehre. Ebenso die Lehre, wann Gewalt, Aufstand und Krieg legitim sind. Schließlich auch das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Kirche und Wissenschaft. Die Menge der Themen ist unerschöpflich.
  • Wie sieht eigentlich eine Gesamtweltanschauung aus? Ein Katechismus spannt – ganz unabhängig von den konkreten Glaubensinhalten – einen Rahmen auf, was alles für Fragen beantwortet werden müssen, um zu einer umfassenden Weltanschauung zu kommen. Auf diese Weise richtet ein Katechismus auch einen Maßstab für alle Kritiker des Christentums auf: Denn alle diese Fragen müssen eine alternative Antwort bekommen, wenn man die christliche Antwort ablehnt! Es ist wirklich eine Menge geistiger Arbeit, die geleistet werden muss, wenn man kein Christ mehr sein will. – In dieser Fülle von Fragen, die ein Katechismus behandelt, ist auch das hohe kulturelle Niveau beschlossen, das die westliche Welt erreicht hat. Man kann nicht einfach hinhüpfen und sagen: Ich glaube das alles jetzt nicht mehr, weg damit! Dieser „Wegwerf-Atheismus“ ist ja heute sehr beliebt. Aber er ist zugleich ein dramatischer Absturz des kulturellen Niveaus. Denn der Wegwerf-Atheismus schafft keine tragfähige Alternative. Er haust vielmehr in den Trümmern des untergehenden Christentums und zehrt unwissentlich von einer Substanz, die immer mehr schwindet. Der Wegwerf-Atheismus kann seiner Natur nach nur eine Übergangserscheinung sein. Entweder die Kultur verfällt tatsächlich, oder es kommt zu einem neuen Aufschwung, sei es mit dem alten Christentum, sei es mit einer anderen Weltanschauung, die ähnliches leistet (oder mit beidem zugleich auf einer gemeinsamen Grundlage?).

Leseempfehlung

Warum sollte es ein katholischer Katechismus sein? Ganz einfach deshalb, weil man hier auch heute noch wesentlich näher dran ist an dem, was Christentum war, ist und sein sollte, als irgendwo sonst. Die evangelische Kirche ist bekanntlich schon länger vom Zeitgeist zerfressen. Hier müsste man wohl bis in die 1950er Jahre zurückgehen, um einen brauchbaren Katechismus zu finden. Der ist dann aber nicht mehr für heutige Menschen geschrieben. – Und die Werke von Theologen? Diese können sehr hilfreich sein, aber sie leisten eines nicht: Sie sind nicht das autoritative Wort der Kirche, die sich vom Heiligen Geist geleitet sieht. Das findet man nur im Katechismus der Kirche. Nur der Katechismus „gilt“ sozusagen, nur der Katechismus bietet besiegelte Glaubenslehre.

Drei Werke seien empfohlen:

  • Zuerst der erste Band des „Katholischen Erwachsenenkatechismus“ der deutschen Katholischen Kirche, mit dem Untertitel „Das Glaubensbekenntnis der Kirche“. Der deutsche Katechismus zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr viel erklärt und eine Brücke zwischen der alten Überlieferung und der modernen Lebenswelt der Lesers zu schlagen versucht. Das wurde damals (1985) unter der Federführung von Walter Kasper auch noch sehr gut gemacht, ohne sich dem Zeitgeist anzupassen. Wenigstens dieses Buch sollte man gelesen haben. Es lohnt sich!
  • Als Schocktherapie könnte man dann den 1995 erschienenen zweiten Band des deutschen Katechismus lesen: „Leben aus dem Glauben“. Hier wird die Sittenlehre der Kirche dargelegt, doch leider ist dieser zweite Band bereits deutlich vom Zeitgeist angekränkelt. Der Leser wird den Unterschied zum ersten Band schnell bemerken und sich mit Grausen abwenden. Hier wimmelt es von ethischem Relativismus, und der Fokus liegt auf Umweltschutz und „sozialer Gerechtigkeit“. Gedanken wie Ordnung, Vernunft, Disziplin und Konsequenz sucht man in diesem Buch vergebens. Marktwirtschaft und Liberalität kommen kaum vor. Tapferkeit wird in diesem Buch ohne Umschweife mit „Zivilcourage“ im Sinne des linken Zeitgeistes übersetzt. Dass man auch tapfer gegen (!) den linken Zeitgeist sein könnte, oder z.B. auch tapfer als Polizist oder Soldat, kommt nicht vor. Zwischen 1985 und 1995 muss es in der deutschen Katholischen Kirche zu einem Sieg der Linken gekommen sein.
  • Sehr empfehlenswert ist die Lektüre des sogenannten „Weltkatechismus“ der katholischen Kirche, der unter der Federführung von Kardinal Ratzinger erarbeitet wurde und 1992 erschienen ist. Der offizielle Titel lautet „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK). Dieser deckt beide Teile ab, Glaubens- und Sittenlehre. Die Glaubenslehre wird hier etwas steifer und mit weniger Erklärungen abgehandelt. Es schadet aber nicht, dasselbe noch einmal in anderen Worten zu lesen. Vor allem aber findet man hier endlich auch die christliche Sittenlehre, die der zweite Band des deutschen Katechismus völlig versaubeutelt hat, in angenehm glaubwürdiger und authentischer Weise dargelegt.

Was fehlt: Entwicklung von Religion

Wer mitreden möchte in Sachen Kultur und Philosophie, in Sachen Literatur und Geschichte, in Sachen Geschichte und Politik, in Sachen Wissenschaft und Medizin, ja, überhaupt in allen (!) Dingen, die unsere westliche Kultur ausmachen, der hat mit der obigen Lektüre eine wichtige Grundlage gelegt.

Allerdings hat man damit noch nicht das ganze Bild. Mindestens eine Sache fehlt. Nämlich die Entwicklung des Christentums. Religionen sind keine statischen Gebilde, auch wenn deren heilige Bücher weitgehend unverändert bleiben. Religionen verändern und entwickeln sich. Teilweise in glaubwürdiger und legitimer Weise. Teilweise nicht. Dazu erfährt man in einem Katechismus recht wenig, weil der Katechismus immer nur die jeweils aktuelle Glaubens- und Sittenlehre enthält, die zum Zeitpunkt seiner Abfassung galt.

Tatsächlich leben Religionen zu einem guten Teil auch von der Suggestion, dass ihre Lehre schon immer so war und sich nicht verändert habe. Jedenfalls ist eine Veränderung der Lehre immer ein schmerzhafter Prozess. Denn eine Veränderung der Lehre bedeutet logischerweise, dass die zuvor geltende Lehre falsch war und man im Irrtum lebte. Dennoch muss ein gläubiger Mensch an solchen Veränderungen interessiert sein, wenn es sich um Korrekturen handelt. Glaubwürdige religiöse Reformen können nur in diesem Sinne stattfinden: Als Korrekturen weg von Irrtümern, hin zur Wahrheit, zur Realität. Niemals als beliebige Anpassungen an den Zeitgeist. Deshalb ist auch die historisch-kritische Erforschung der Urtexte und der Ursprünge von Religionen so wichtig: Weil diese Betrachtungsweise viele Möglichkeiten für glaubwürdige Korrekturen in der Interpretation eröffnet.

Das solche Reformen möglich sind, hat das Christentum in den letzten Jahrhunderten wiederholt bewiesen. Von der Reformation bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. – Ein Beispiel: Das christliche Sittengesetz wurde früher tatsächlich als ein Gesetz verstanden, an das man sich zu halten hatte. Das staatliche Gesetz christlicher Staaten versuchte, das christliche Sittengesetz in Paragraphen zu fassen. Heute hingegen wird die christliche Morallehre nur noch als Empfehlung begriffen, die sich der einzelne Gläubige nach eigener Gewissensentscheidung zu eigen machen sollte. Kein Polizist oder Richter, nicht einmal mehr ein Priester schnüffelt den Menschen hinterher, ob sie sich daran halten. Das staatliche Gesetz und die christliche Morallehre werden völlig getrennt voneinander gesehen. Auch wenn die christliche Morallehre sich im Kern nicht verändert hat, so hat sich doch die Perspektive auf sie völlig verändert.

Aber auch der Islam hat im Laufe seiner Geschichte wiederholt starke Wandlungen durchgemacht. Schon sehr früh wurde eine rationalistische Deutung des Koran entwickelt. – Man kann den Islam natürlich nicht dadurch reformieren, dass man irgendwelche Passagen in Koran und Hadith streicht. Man kann ja auch die antisemitischen Passagen im Neuen Testament oder die Gebote zur Tötung von Hexen im Alten Testament nicht einfach streichen. Man kann den Islam auch nicht dadurch reformieren, dass sich der Islam von Mohammed und seinen Taten distanziert. Aber man könnte den Islam dadurch reformieren, dass man historisch-kritisch glaubwürdig herausarbeitet, dass Mohammed gewisse Dinge, die ihm später fälschlicherweise zugeschrieben wurden (und deshalb auch nicht im Koran stehen), gar nicht getan hat. Zum Beispiel die Vertreibung und Abschlachtung von drei jüdischen Stämmen aus Medina. Es handelt sich um spätere Hinzuerfindungen, um die Juden aus der Umma herauszudrängen, ganz ähnlich wie die antisemitischen Passagen im Neuen Testament dazu dienten, die christlichen Gemeinden von den Juden abzugrenzen.

Nicht der Text also, wohl aber die Interpretation kann sich ändern. Und zwar nicht aus Beliebigkeit und Hokuspokus, sondern weil es tatsächlich gute Gründe dafür gibt. In diesem Sinne muss (!) sich die Interpretation sogar ändern. Denn der gläubige Mensch will ja in der Wahrheit, in der Realität leben. Alles andere wäre Traditionalismus, also ein Festhalten an traditionellen Vorstellungen, obwohl sie widerlegt sind. Das gibt es natürlich auch. In allen Religionen. Traditionalismus ist nicht mit einem sinnvollen Traditionsbewusstsein zu verwechseln, das valide Traditionen hochhalten möchte.

Alternative

Wer wissen möchte, wie es möglich sein sollte, eine Alternative zum Christentum zu entwickeln, wird in einem Katechismus ebenfalls vielfach fündig werden. Denn viele der christlichen Lehren gehen ganz oder in Teilen auf die vorchristliche Antike zurück. Hier stoßen wir auf den anderen, den zweiten Grundpfeiler der westlichen Kultur: Die antike Philosophie und Geistesgeschichte.

Vieles von dem, was das Christentum ausmacht, ist in diesem Sinne gar nicht wirklich christlich. Es ist uns nur in christlicher Gestalt überliefert worden. Schon die Texte des Neuen Testaments sind mit Anspielungen und Wendungen aus der griechischen Philosophie durchdrungen. Augustinus und seine Zeit haben viel Platonismus ins Christentum hineingetragen. Thomas von Aquin hat Aristoteles für das Christentum ausgewertet. Was einst ins Christentum eingepackt wurde, kann heute wieder ausgepackt und ohne die Verpackung gesehen und gelesen werden. Vielleicht sogar besser ohne als mit der Verpackung.

Wer also nach Alternativen sucht, der muss auf Griechenland und Rom zurückgreifen. Empfohlen sei vor allem die Lektüre von Platon, Aristoteles und Cicero.

Die deutsche Ausgabe des katholischen Weltkatechismus enthält einen in diesem Sinne bezeichnenden Fehler: In den umfangreichen Indizes am Ende des Werkes, die es so nur in der deutschen Ausgabe gibt, wird Cicero bei den „kirchlichen Schriftstellern“ aufgeführt. Ein amüsantes und vielsagendes Detail.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Gilles Marchand: Ein Mund ohne Mensch (2016)

Von der Heilsamkeit der kleinen Dinge und der Phantasie gegenüber einem Lebenstrauma

Der Roman handelt von einem sehr zurückgezogen lebenden Buchhalter Ende vierzig, der sich abends regelmäßig mit einigen Freunden in einem Café trifft. Er hat eine große Narbe vom Mund über den ganzen Hals, die er mit Schals sorgsam zu verbergen versucht. Niemand weiß, was es damit auf sich hat, niemand wagt zu fragen. Eines Tages wird ihm klar, dass er die Geschichte der Narbe erzählen sollte. Abend für Abend nähert er sich dem Kern der Geschichte an.

Der Roman überzeugt durch die einfühlsame Darstellung des zurückhaltenden, bescheidenen Innenlebens des Protagonisten und der Begegnung mit seinen Freunden. Die skurrile Phantasie seiner Geschichten, mit der der Alltag zu etwas besonderem verklärt wird, macht Freude. Am Ende kommt dann eine wuchtige Überraschung, und alle Fäden laufen zusammen.

Ein gutes Buch. Ein starkes Buch.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. Februar 2026)

Marc-Antoine Mathieu: 3 Sekunden (2011)

Faszinierend! Nicht das Bild bewegt sich, sondern der Betrachter!

Das Buch kommt einem am Anfang seltsam dünn vor, und man denkt: O wie mühsam. Aber dann saugt es einen hinein und man kann es nicht mehr weglegen, und es kommt noch eine Szene, und noch eine Szene, ….. wirklich eine faszinierende Idee: Eine starre Szene, durch die sich der Betrachter auf einem Lichtstrahl hindurchbewegt. Und es entfaltet sich ein regelrechter Krimi.

Gut, dass man die Sequenz dann auch noch einmal auf der Internetseite des Buches am Bildschirm durchgehen kann. Wirklich eine faszinierende Idee. Es hat Spaß gemacht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung 11. Juli 2018)

Homer: Ilias (um 700 v.Chr.)

Einmal sollte man die Ilias als ganzes gehört haben

Es lohnt sich unbedingt, die Ilias als ganzes zu lesen, besser aber zu hören! Jeder kennt die Ilias und weiß so ungefähr, worum es da geht. Aber die Ilias ist eben nicht die Geschichte von dem Trojanischen Krieg mit dem hölzernen Pferd am Ende, die außerhalb der Ilias überliefert ist.

Sondern die Ilias ist eine großartige und gewaltige Dichtung vor dem Hintergrund dieses Krieges, die am Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht, und voller tiefgründiger Gehalte ist:

  • Das Walten der Götter und des Schicksals,
  • der Mensch in seinem Streben und Scheitern,
  • Krieg und Kampf,
  • Volk und Herrschaft,
  • Liebe und Zorn,
  • Feindschaft und Vergebung,
  • usw. usf.

Es ist eine Dichtung, die eine in sich geschlossene und schlüssige Handlung hat, fast wie ein Theaterstück. Man muss das als ganzes kennen:

  • Wie die Götter die Handlung bestimmen,
  • wie die Menschen in diesem Rahmen agieren,
  • wie Achilleus sich versagt,
  • wie die Troer die Achäer immer ärger bedrängen,
  • dann die Wende durch Zeus,
  • schließlich das gegenseitige Erkennen der Feinde (Achilleus/Priamos) als Menschen,
  • usw.

Man sollte es am besten hören: Der beste Ausdruck für die Wirkung der Ilias ist vielleicht „Kopfkino“. Beim Hören ist man der Situation, wie die Ilias einst vorgetragen wurde, am nächsten: Ein Sänger trägt sie vor Publikum vor.

Die Dichtung ist so reichhaltig, dass sie bis heute fortwirkt, und in vielem drinsteckt, von dem man es nicht vermutete. Jeder sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen, jeder wird es wieder anders und neu entdecken!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. Juli 2012)

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss (1963)

Gefrieren und Auftauen am Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein

In seinem Roman „Eis-Schloss“ thematisiert Tarje Vesaas den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein anhand einer sehr einfachen Geschichte: Das Mädchen Unn, die soeben Weise geworden ist, zieht zu ihrer Tante neu ins Dorf. Sie sondert sich von den anderen Kindern ab. Nach einer Weile der Zurückhaltung freundet Siss sich mit ihr an. Unn will ihr ein Geheimnis verraten, macht dann jedoch vorläufig einen Rückzieher. Um Siss nicht zu schnell zu nahe zu kommen, schwänzt Unn die Schule und verläuft sich im „Eis-Schloss“, einer bizarren, riesigen Eisstruktur, die sich Jahr für Jahr aufs neue um einen Wasserfall herum bildet. Darin erfriert Unn in trauernder Schönheit, und bleibt verschwunden. Siss verschließt sich daraufhin vor der Welt in kindlich-kindischer Treue zu Unn. Doch irgendwann taut das Eis.

Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenensein ist gekennzeichnet durch ein Sich-Öffnen gegenüber anderen und ein Sich-Lösen von engen, verklemmten Horizonten. Die Phase ist gekennzeichnet von Unsicherheit, Vortasten und Zurückziehen, von Dazugehören und sich Absondern, auch von sturem, kindischem Festklammern an der Kindlichkeit. Das alles wird durch die große Metapher des Eis-Schlosses bezeichnet, durch das Bild vom Gefrieren und Auftauen.

Unn muss sterben, weil sie den Übergang zum Erwachsensein nicht schafft. Sie bleibt in ihrer Trauer über ihre Mutter gefangen, und erstarrt zum Tod im Eis. Für Siss wiederum repräsentiert der Tod Unns den Ernst des Lebens, den sie akzeptieren lernt, und damit den Abschied von der Kindheit schafft.

Der Roman schildert diese Vorgänge äußerst behutsam. Die Dorfgesellschaft ist von homogener Friedlichkeit und sehr rücksichtsvoll. Damit spiegelt der Roman nur bedingt die moderne Gegenwart, die gekennzeichnet ist durch eine politisch und weltanschaulich zerklüftete Gesellschaft und durch Rücksichtslosigkeit. Die zarte Zurückhaltung aller Handelnden bietet keine Identifikation für moderne Phänomene wie individuelle Enthemmtheit auf Kosten der Gemeinschaft, oder bedrohlich beherrschende kollektive Meinungen bzw. den Widerstand des Einzelnen dagegen. Diese Probleme gibt es bei Vesaas nicht. Seine heile Welt ist viel zu idyllisch, und damit aus unserer Zeit gefallen.

Auch die Sprache in diesem Buch ist gefroren und kristallklar wie das Eis-Schloss: In kurzen, knappen Sätzen schildert Vesaas jede Szene, und deutet durch den knappen, hochsymbolischen Stil dabei viel mehr an, als er explizit sagt. In der kalten Klarheit der Sätze liegt paradoxerweise aber auch ein Zartgefühl, das seinesgleichen sucht. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel hat das gut zum Ausdruck gebracht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. Dezember 2019)

David Garnett: Dame zu Fuchs (1922)

Skurril aber sehr schön – Liebe überwindet alle eigenen und fremden Vorurteile

Eines Tages verwandelt sich Mrs Tebrick in eine Füchsin. So skurril, so real. Und sie beginnt, mehr und mehr ihren tierischen Instinkten zu folgen. Mehr noch als die Füchsin steht aber Mr Tebrick im Mittelpunkt dieses literarischen Kleinods: Wie wird er sich zu seiner geliebten Frau verhalten? Wie weit wird er in seinem Verständnis für ihre immer tierischer werdende Natur gehen? Wird er sich den Erwartungen seiner Mitmenschen beugen? Wird er sie am Ende verlassen?

Es ist rührend, die inneren Kämpfe von Mr Tebrick mitzuverfolgen. Am Ende von vielen durchgefochtenen inneren Schlachten steht ein moralischer Sieg, ein Triumph der Menschlichkeit – aber auch ein tragischer Schluss.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 15. Mai 2019)

Dan Brown: The Secret of Secrets (2025)

Prag, Hirnforschung und Deep State: Ein gelungener Dan Brown

Die Romane von Dan Brown sind immer wieder nach demselben Schema gestrickt, und mal geht das Konzept wunderbar auf, mal gerät es langweilig und langatmig. Dieses Mal ist das Konzept wieder voll aufgegangen. Der Roman ist rasant, wendungsreich, bildungsschwanger und thematisch interessant: So muss ein Dan Brown sein.

Der Leser bekommt eine herrlich rasante Jagd durch die Handlung des Romans präsentiert. Es gibt zwei große Themen: Einerseits Hirnforschung, Nahtoderfahrung, nicht-lokales Bewusstsein, Noetik und Chip-Implantate im Gehirn, und was man damit machen kann. Der Roman beginnt fast esoterisch, doch es klärt sich alles realistisch auf: Dan Brown übertreibt das Thema nicht ins Phantastische, sondern bleibt im Rahmen des zumindest Möglichen und Denkbaren und Diskutierbaren.

Andererseits geht es um den Deep State der USA, hier speziell um die CIA und ihre Firma In-Q-Tel. In-Q-Tel investiert in alle möglichen Technologien, damit die CIA immer einen Fuß in der Tür hat. Außerdem erwirtschaftet die CIA auf diese Weise Erträge, mit der sie Operationen finanzieren kann, von der die politische Führung nichts weiß: Der klassische Fall des Deep State. Dabei geht es auch um das Dilemma, wie weit ein Geheimdienst sich „schmutzige“ Hände machen darf, um das Gute in der Welt zu fördern und das Böse abzuwehren.

Dabei findet alles in Prag statt, der goldenen Stadt, deren Sehenswürdigkeiten konsequent abgeklappert werden. Interessant zu wissen, dass das Wort „Prag“ eine „Schwelle“ bezeichnet, auf Englisch: „Threshold“. Das Buch enthält einen gut gemachten Stadtplan, der dem Leser hilft, den Überblick zu behalten. Ja, der Leser weiß am Ende, was er in Prag sehen will, definitiv! Und trinken: Tschechischen Absinth.

Ein Nebenthema ist der Umgang der USA mit den Staaten, die sich unter ihre Hegemonie begeben haben: Werden sie wie Vasallenstaaten und Kolonien behandelt, in denen sich die USA alles herausnehmen können, oder zeigen die USA Respekt vor der Souveränität des jeweiligen Landes?

Dabei ist Dan Brown ein großes Lob auszusprechen: Andere Autoren hätten die obigen Ingredienzien dazu genutzt, ein antiamerikanisches Pamphlet zu schreiben. Nicht so hier! Es wird deutlich, dass der Deep State eben nicht identisch mit einem „bösen Amerika“ ist, sondern etwas, was auch aus Sicht der USA aus dem Ruder gelaufen ist. Wir sehen mehrere Beamte der USA auf verschiedenen Ebenen, wie sie glaubwürdig mit ihrem Gewissen ringen und die Dilemmata aufzulösen versuchen, in die sie durch den Deep State gebracht wurden. Am Ende gelingt es ihnen, die Verhältnisse zu einem guten Ende zu wenden, ohne dass es naiv pseudomoralisch oder antiamerikanisch wurde, sondern im Gegenteil: Es kommt das beste von Amerika zum Vorschein, mit viel pragmatischer Moral und Realismus.

Anders als in den vorigen Romanen ist Robert Langdon in diesem Roman zusammen mit einer Partnerin unterwegs. Das Techtelmechtel zwischen den beiden wird nicht übertrieben, und so ist auch dieser Aspekt des Romans gelungen.

Kritik

Es geht in diesem Roman um Prag, die Stadt des Golem und der großen astronomischen Uhr, die auch das Cover ziert. Man hätte erwartet, dass Dan Brown einige historische Rätsel mit diesen Dingen verbindet, die Robert Langdon im Laufe des Romans lösen muss. Doch das ist nicht der Fall. Die astronomische Uhr wird nur im Vorübergehen erwähnt und der Golem wird nur als Anspielung und Chiffre verwendet. Über die historischen Hintergründe der Uhr und des Golem erfährt man praktisch nichts.

Dass sich eine der Romanfiguren als Golem verkleidet und mit diesem eine Seelenverwandtschaft sieht, ist übrigens eine Übertreibung. Die Scharade will nicht so recht einleuchten, erst recht nicht mehr, wenn man gegen Ende des Romans das Geheimnis dieser Figur erfährt.

Nicht gelungen ist die Idee von Dan Brown, dass die Menschheit durch die Noetik an der Schwelle zu einem neuen Verständnis des Todes stünde, der uns allen die Angst vor dem Tod nehmen und damit zu einer friedlicheren Gesellschaft führen würde. Das ist für Dan Brown „the secret of secrets“, daher der Buchtitel. Zum Glück kommt diese misslungene Idee – obwohl der Titel des Buches auf sie hinweist – nur am Ende und am Rande des Romans vor. Hier ist philosophisch zu wenig investiert worden. Der Tod wird immer eine Schwelle bleiben, und alles jenseits davon ist uns unbekannt. Wissenschaft allein wird die Angst vor dem Tod niemals mindern können. Eine solche Besserung ist – in Maßen – höchstens von Religion und Philosophie zu erwarten. Dan Brown verweist mit Recht auf die Religiosität der Menschen des Mittelalters.

Der deutsche Verlag Lübbe blamiert sich übrigens, wo er kann: Das Buch ist zwar mit Karte, Lesebändchen und rot gefärbtem Buchschnitt gut ausgestattet, aber ein Preis von 32,- Euro ist dennoch unzweifelhaft ein monetäres Abgreifen der interessierten Leserschaft. Ein Preis von 25,- Euro wäre angemessen gewesen. Die Übersetzung ist weitgehend gelungen, dennoch fallen wieder einige Stellen auf, die man noch hätte glattbügeln können. An ganz wenigen Stellen zu Anfang fiel eine Beidnennung („Teilnehmerinnen und Teilnehmer“) als penetrant auf. Offenbar wollte da jemand mit penetranten Beidnennungen gendern, hat dann aber bald aufgegeben. Der Titel des Buches ist ebenfalls misslungen, er hätte analog zu den bisherigen Titeln aus einem Wort bestehen müssen, und das wäre in diesem Fall „Threshold“ gewesen.

Noch immer surft Lübbe auf der woken Welle: Auf der Internetseite des Verlages ist alles gegendert und in unerträglichem Regenbogen-Pastell gehalten. Doch in seinen Romanen gendert der Verlag nicht. Wenn diese Leute wirklich an die Genderei glauben würden, müssten sie dann nicht konsequent auch ihre Romane gendern? Und wenn sie ihre Romane nicht gendern, aus Rücksicht auf die Leser, heißt das dann, dass die Genderei auf der Internetseite eine einzige Rücksichtslosigkeit gegenüber den Lesern ist?

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Helmut J. Dahmer: Mit Goethe in Sizilien oder Die Entdeckung des sizilianischen Goethe (2010)

Goethes italienische Verwandlung auf Sizilien neu entdecken und miterleben

Die Grundthese von Helmut J. Dahmers Werk lautet, dass Goethes Abstecher nach Sizilien nicht etwa nur ein Abenteuer am Rande seiner Italienreise war, wie dies häufig dargestellt wird, sondern im Gegenteil ihr Höhe- und Wendepunkt, der Goethes italienische Verwandlung bewirkte. Die Herausarbeitung von Argumenten für diese Auffassung ist dem Autor auch überzeugend gelungen. Am Ende ließ Goethe gewissen Gedanken keine Herrschaft mehr über sich.

Man ist als Leser noch einmal mit Goethe auf der Reise: Von den engen Verhältnissen in Weimar flieht man über die Alpen bis nach Rom und erlebt dabei ganz neu und anders den Stress, dem Goethe dabei ausgesetzt war: Seine weiter schwelende verkorkste Verbindung zu Frau von Stein und ein manisches Pflichtprogramm zur Bewältigung der Kunsteindrücke Italiens. Und dann das innere Ringen um den Aufbruch nach Sizilien … in eine völlig neue und innere Freiheit.

Gnadenlos werden die Dogmen und Klischees der etablierten Goethe-Interpreten aufgespießt und ad absurdum geführt. Bissig und ohne falschen Respekt wird auch Goethe selbst immer wieder mit einem Augenzwinkern auf die Schippe genommen. Die Stimmung des Buches ist aber keinesfalls bösartig, sondern launig und heiter und von einer feinen Ironie getragen.

Immer wieder wird auch der Kontrast von damals zu heute benutzt, um Kontrapunkte zu setzen: Teils wird eine Sprache gewählt, die den Duktus der Goethezeit nachzuahmen versucht, teils fällt der Autor in einen modernen Jargon, der jedes Klischee konterkariert. Vergleiche zu heutigen Zuständen auf Sizilien machen auf heilsame Weise bewusst, dass Goethes Italienische Reise kein Stück Vergangenheitsliteratur ist, sondern klassisch und zeitlos, d.h. stets gegenwärtig. Goethe ist kein abgehobenes Genie, sondern ein gebildeter Mensch wie der Leser auch. Nicht mehr und nicht weniger.

Es wird eine große Fülle an Hintergründen und Kontextwissen zu Goethes Italienischer Reise geboten, seien es unveröffentlichte Briefe von Goethe oder seinen Zeitgenossen, seien es Reisebeschreibungen anderer Italienfahrer, oder sei es Goethes Motivation zur Reise, oder auch seine Rückkehr nach Weimar mit ihren Folgen. Man liest und versteht das ungewöhnliche Selbsterneuerungsunternehmen der Italienischen Reise noch einmal ganz anders, vollständiger, ganzer, aber auch frischer und aus dem Muff der damaligen Zeit in die Gegenwart gehoben.

Helmut J. Dahmers Werk ist zugleich ein ernst zu nehmender Beitrag zur Goetheforschung. Im ganzen Werk sind unauffällig über 600 Belegverweise platziert, die jede Behauptung akribisch untermauern. Der Autor ist ein Kenner der Materie und weiß, wovon er schreibt.

Mit diesem Buch bin ich wahrhaft glücklich geworden, es war eine Lust, es zu lesen. Das Cover sagt alles über die Stimmung, in die das Buch den Leser versetzt: Ein heiterer blauer Himmel, ein besonnter Tempel, ein launiger Titelschriftzug. Es ist gut, dass dieses Buch geschrieben wurde. Es gibt dem Leser die Möglichkeit, den Anspruch auf Selbsterneuerung nun selbst wiederum zu erneuern. In Zukunft wird man Goethes Italienische Reise immer im Doppelpack mit Helmut J. Dahmers Werk lesen müssen.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. Dezember 2010; Rezension inzwischen auf Amazon verschwunden)

Jonathan Swift: Gullivers Reisen (1726)

Bissige und unterhaltsame Gesellschaftssatire

Der Roman „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift ist keine schöne Kindergeschichte, als die sie weithin bekannt ist, sondern eine bissige Gesellschaftssatire für erwachsene Leser. Obwohl sie schon 1726 erschienen ist, hält sie auch für den modernen Leser noch manche Überraschung bereit. Im ganzen gelangt der Protagonist auf seinen Reisen zu vier verschiedenen Ländern:

Weithin bekannt sind noch die ersten beiden Länder: Liliput, ein Land von winzig kleinen Menschen, und das entsprechende Gegenteil, Brobdingnag, ein Land von riesenhaften Menschen. Interessant ist, dass immer auch die Vegetation entsprechend kleiner oder größer sein soll. Außerdem sind alle bereisten Länder ziemlich genau auf dem Globus verortet, in Regionen, die damals noch unerforscht waren. In Liliput und Brobdingnag werden vor allem politische Vorgänge aufs Korn genommen, durch Intrigen und Machtspiele, in die der Protagonist gerät.

Für den modernen Leser eher amüsant ist dann die Insel Laputa, eine Insel von Gelehrten, die im Grunde Fachidioten sind, und von Dienern begleitet werden, um sie notfalls aus ihrer inneren Versunkenheit zu wecken. Hier sind wiederum die „Projektmacher“ am besten getroffen: Leute, die bewährte Vorgehensweisen z.B. in der Landwirtschaft oder beim Hausbau zugunsten irrwitziger Ideen abschaffen, die für modern gelten. Man kennt das auch heute.

Im Land der Houyhnhnms schließlich begegnet der Protagonist einem Volk von sprechenden, menschenähnlich lebenden Pferden, die wahrhaft edelmütig gesinnt sind und praktisch den Idealstaat Platons realisiert haben. Alles wird durch Vernunft geregelt, nichts durch Emotion. Zugleich findet er dort aber auch verwilderte Menschen vor, die sogenannten Yahoos, die zu wilden, trügerischen Tieren geworden sind. An ihnen werden grundlegende Eigenschaften der Menschen kritisiert, und der Protagonist tut sich schwer, nach dieser Reise wieder mit normalen Menschen zu verkehren, ohne sich zu ekeln. Und man kann es nachvollziehen.

Interessant am Rande: In Laputa wird eine Maschine vorgestellt, die durch die Kombinatorik von Worten in verschiedenen flektierten Formen beliebige Werke hervorbringen soll. Das erinnert an die Ars Magna des Raimundus Lullus, und an die Bibliothek von Babel von Jorge Luis Borges.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 28. April 2021)

Fritz Vahrenholt / Sebastian Lüning: Unerwünschte Wahrheiten – Was Sie über den Klimawandel wissen sollten (2020)

Warum Klimaskepsis völlig berechtigt ist – ein richtig gutes Buch

Der erste Eindruck beim Auspacken des Buches ist überraschend: Das ist nicht nur sachlich-fachlich ein gutes Buch, sondern allein schon optisch beeindruckend: Das Format ist etwas größer als gewohnt, man hat sozusagen „richtig viel Buch“ in der Hand, und damit ist auch die Gestaltung von Schrift, Kapiteln und den vielen Abbildungen sehr großzügig, schön und angenehm geraten. Ein Buch mit Stil, das man gerne liest, obwohl so viele Zahlen und Tabellen darin sind. Gratulation an Verlag und Autoren allein schon dazu!

Inhaltlich begegnen einem all die Themen und Fragestellungen wieder, die man selbst aus eigener Beobachtung der Debatte bestens kennt. Alles, was man über viele Jahre im eigenen kleinen Archiv abgelegt hat, findet sich hier bestens aufbereitet wieder, und noch so viel mehr. Und es wird nicht nur die Treibhausthese beleuchtet, sondern auch Alternativthesen, die politische Struktur der Wissenschaft, sofern es dann noch Wissenschaft ist, aber auch die Frage nach alternativen Energiequellen und ihren Problemen, und welchen Sinn eine nationale Radikal-Strategie überhaupt haben soll, wenn der Rest der Welt nicht mitzieht. Denn die vorherrschende Klima-Ideologie scheitert nicht nur an der wissenschaftlichen Kernfrage, sondern auch an einer ganzen Reihe weiterer Fragen. Die öffentliche Debatte hat sich längst nach Utopia verabschiedet, und mancher Spruch von „Fridays for Future“ klingt inzwischen regelrecht gefährlich.

Besonders wohltuend ist die Sachlichkeit der Darlegung. Hier werden die Akzente richtig gesetzt, hier werden die Abwägungen richtig getroffen. Es kommt kein falscher Zungenschlag hinein, es wird kein Radikalismus mit Radikalismus beantwortet. Vahrenholt und Lüning sind mit ihrem Blog „Kalte Sonne“ die lebenden Beweise dafür, dass man weder „rechts“ noch gekauft sein muss, um der vorherrschenden Klima-Ideologie zu widersprechen. Menschlichkeit und Vernunft genügen völlig. – Das böse Gegenbeispiel ist natürlich der Verein EIKE, der personell immer noch mit dem bräunlichen Sumpf der siechen Gauland-AfD verbandelt ist. EIKE liefert den Vertretern der vorherrschenden Klima-Ideologie eine Steilvorlage dafür, Kritik mühelos abzubügeln. EIKE kann man nur den antitotalitären Grundkonsens aller Demokraten empfehlen, also einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit AfD und Linke.

Was Vahrenholt und Lüning hier vorlegen, verdient allemal, in den Medien sachlich verhandelt zu werden. Das sind keine Verschwörungstheorien und es ist keine gekaufte Wissenschaft. An der Frage, inwieweit die vorgelegten Debattenbeiträge von Politik und Medien aufgegriffen werden, entscheidet sich tatsächlich die Frage, ob diese Beiträge „unerwünscht“ sind, wie der Titel schon sagt, bzw. inwieweit Staat und Gesellschaft bei uns noch zu einer demokratischen Debatte fähig sind. In Inhalt, Augenmaß und Stil ein starkes Buch, ein gutes Buch, ein wichtiges Buch!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 30. September 2020)

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