Jason Colavito: The Legends of the Pyramids – Myths and Misconceptions about Ancient Egypt (2021)

Hochinteressantes Thema, viel Stoff, aber leider unübersichtlich und fehlerhaft

Mit seinem Buch „The Legends of the Pyramids“ hat Jason Colavito ein weiteres Werk vorgelegt, in dem er einen Strang von Themen, Mythen und Legenden, wie sie heute in Pseudowissenschaft und Popkultur zu finden sind, auf ihre Ursprünge untersucht und auf diese Weise verbreitete Irrtümer und Pseudowissenschaft entlarvt. Das ausgewählte Thema ist dabei hochspannend: Einmal deshalb, weil es den Kern vieler pseudowissenschaftlicher Vorstellungen zur antiken Geschichte berührt. Und dann deshalb, weil bislang ein Mangel an Literatur zu diesem Thema herrschte, so dass hier vieles im Dunkeln lag.

Wir erfahren also, wie sich langsam, Schritt für Schritt, die falschen Vorstellungen rund um das alte Ägypten gebildet haben, von den alten Griechen über die Anfänge der Alchemie, von den Versuchen von Juden, Christen und Muslimen, das alte Ägypten für ihre Weltsicht zu vereinnahmen, von den Irrungen und Wirrungen in Renaissance und Aufklärung bis hin zur modernen Pseudowissenschaft und Popkultur.

Dazu wird wirklich sehr viel Stoff geboten in diesem Buch. Und es werden sehr viele Zusammenhänge aufgezeigt. Diese Zusammenhänge alle recherchiert und aufgefunden zu haben war gewiss eine langjährige Arbeit, und es ist der eigentliche Wert dieses Buches.

Doch leider ist das Buch unübersichtlich und teilweise fehlerhaft.

Unübersichtlich

Der Versuch, die komplexen Verwicklungen und Zusammenhänge in einem lockeren Erzählstil abzuhandeln, ist hier noch viel deutlicher gescheitert als in den vorigen Büchern von Jason Colavito. Die Zahl der Autoren und Werke, aus denen sich im Laufe der Zeit das Gespinst von Irrtümern zusammenwebt, ist sehr groß. Es wäre diesmal noch sehr viel dringender gewesen, diese Autoren und Texte in Tabellen zusammenzustellen. Auch Flussdiagramme, die aufzeigen, wer wen beeinflusst hat, wären sehr hilfreich gewesen. Doch der Leser wird mit einer endlosen Flut an immer neuen Autoren und Werken, die in jedem Kapitel neu auf ihn einprasseln, ziemlich allein gelassen.

Besonders ärgerlich ist die missglückte Einteilung des Stoffs in Überschriften. Die Überschriften sind auf den Effekt getrimmt, Neugier und Interesse zu wecken, und geben deshalb oft keine klare Auskunft über den behandelten Inhalt des jeweiligen Kapitels oder Unterkapitels und deren Zusammenhänge. Das erschwert die Orientierung im Buch sehr. Zudem tauchen die Unterkapitel nicht im Inhaltsverzeichnis auf, so dass das Inhaltsverzeichnis keinerlei Überblick bietet. Sehr ärgerlich ist auch, dass der behandelte Stoff recht willkürlich in Unterkapitel eingeteilt wurde: Teilweise findet sich der Stoff, der durch eine Unterkapitelüberschrift angekündigt wird, über mehrere folgende Unterkapitel verteilt. Teilweise wird in einem Unterkapitel noch ein weiterer Autor behandelt, dem damit keine eigene Überschrift gewidmet ist, so dass er bei der Durchsicht der Überschriften nicht sichtbar ist. Teilweise wird ein Thema zunächst in einem Unterkapitel abgehandelt, um daraufhin in einem eigenen Hauptkapitel behandelt zu werden.

Sehr ärgerlich ist auch, dass der Autor bei der Behandlung des Stoffes manchmal der Chronologie der Ereignisse folgt und zeigt, wer etwas zuerst geschrieben hat, wer es danach aufgriff, usw., manchmal jedoch auch der umgekehrten Reihenfolge den Vorzug gibt und zeigt, von welchem früheren Autor etwas übernommen wurde, und von wem dieser es wiederum übernommen hatte, usw. Das ständige Vor und Zurück verwirrt sehr. Der Überblick wird auch dadurch erschwert, dass der Autor spätere Entwicklungen, oft ankündigt und diesen vorgreift: Der Leser ist auf diese Weise dann geistig immer schon sehr viel weiter in der Zukunft und wird dann im nächsten Abschnitt wieder in eine Vergangenheit zurückgeholt, die mit den Ankündigungen nichts zu tun hat, denn das, was angekündigt wurde, kommt erst viele Kapitel später. Ebenfalls ungünstig ist, dass spätere Kapitel ein Thema groß aufbauen, dessen Vorbereitung man in einem viel früheren Kapitel fast überlesen hätte, weil es dort nur sehr klein abgehandelt wurde, ohne auf dessen Bedeutung aufmerksam zu machen.

Sehr, sehr ärgerlich ist, dass dieses Buch kein Literaturverzeichis und keine Fußnoten mit Verweisen auf die genauen Stellen in den entsprechenden Werken enthält. Die Namen von Werken werden nur im Text genannt, wenn überhaupt, und ganz selten findet sich eine genaue Seitenangabe. Damit hat dieses Werk leider sehr viel an Belegbarkeit und Nachvollziehbarkeit verloren. Für ein Werk, das sich die Aufgabe gestellt hat, Pseudowissenschaft zu entlarven, ist das ein dramatisches Versagen. Es ist zu vermuten, dass das Fehlen von Literatur und Fußnoten ebenfalls der Idee geschuldet ist, ein „schön zu lesendes“ Buch zu schaffen. Das war aber genau die falsche Idee. Dem näher interessierten Leser werden nicht einmal 2-3 wissenschaftliche Werke zur Vertiefung des Themas empfohlen, wie es sonst bei populärwissenschaftlichen Werken üblich ist. Das ist sehr schade.

Ebenfalls ungenügend ist es, dass Jason Colavito wiederholt von Bildern und deren Details spricht, ohne diese abzudrucken. Dieses Buch enthält einige sehr allgemein gehaltene Bilder in Farbe, so dass es sicher kein Problem gewesen wäre, die besprochenen Bilder ins Buch aufzunehmen. So z.B. die Darstellung der Arche Noah als Pyramide am Tor des Baptisteriums von Florenz oder die Darstellung der Pyramiden als Kornspeicher im Dom von Venedig. So muss der Leser sich auch hier selbst bemühen und im Internet nachschlagen.

Alles in allem hat Jason Colavito mit diesem Buch eine sehr umfangreiche Stoffsammlung geschaffen, doch die Aufbereitung des Stoffes für den Leser ist ihm nur schlecht gelungen. Diese Aufbereitung muss der Leser zum großen Teil selbst leisten. Dasselbe gilt für die Literatur- und Quellenarbeit. Das hätte man sehr viel besser machen können.

Fehlerhaft

Wir gehen die Fehler der Reihe nach durch. Alles zum Thema Atlantis behandeln wir in einem Extra-Abschnitt.

Obwohl zunächst richtig gezeigt wird, dass mancher Fehler und manche Geschichte bei Herodot eine historisch-kritische Erklärung hat, so dass Herodot nicht als Erfinder von Märchen abgetan werden kann, wird Herodot schließlich genau als das dargestellt („The Greek historian had many stories to tell …“; „Herodotus’s mixture of fact and fiction“; S. 13 f.). Das ist so nicht richtig. Es ist damit natürlich auch falsch, dass spätere griechische Autoren nach dem angeblichen Vorbild von Herodot Fakten und Fiktion leichtfertig vermischt hätten. Es ist auch falsch, dass Herodot mit jenen Griechen nach Ägypten kam, die die Ägypter gegen die Perser unterstützen wollten (S. 10). In Wahrheit kam Herodot erst nach Ägypten, als die Perser bereits gesiegt hatten.

Es ist falsch, lapidar zu behaupten, dass Aigyptos „burned face“ bedeuten würde (S. 16). Es gibt diese Theorie zwar, doch es handelt sich nicht um die vorherrschende Theorie. Zumal es Übereinstimmung darin gibt, dass der Name der Aithiopen auf ihre „burned faces“ zurückgeht. Es ist kaum anzunehmen, dass auch die Ägypter ihren Namen wegen ihrer Hautfarbe bekamen.

Die „Excerpta Barbari Latina“ sind keine „Excerpts in Bad Latin“ (S. 65), sondern „Lateinische Exzerpte eines Barbaren“.

Es ist falsch, dass die Araber, die Ägypten 640 n.Chr. erobert hatten, „struggled to integrate the newly conquered territory into a distinctly Islamic cultural context.“ (S. 67) Am Anfang waren die Araber nicht daran interessiert, ihre neugewonnen Untertanen zu islamisieren. Der Islam selbst hatte sich damals noch gar nicht als neue Religion gefestigt. Das begann erst später unter Kalif Abd al-Malik ab 685 n.Chr. Deshalb ist man in der Wissenschaft dazu übergegangen, von den Eroberern lieber von Arabern als von Muslimen zu sprechen.

Nachdem auf S. 76 gesagt wurde, dass „the real history of Egypt had been forgotten“, folgt nur eine Seite später die Aussage, dass die Meinung verbreitet war, dass die Hyksos um 1600 v.Chr. die Pyramiden erbauten (S. 77). Aber die Kenntnis von den Hyksos ist doch ein unglaubliches Detail der ägyptischen Geschichte! Also war doch nicht alles vergessen …

Louis Figuier wird „one of the most racist scientists of his era“ genannt. Figuier „tried to remove the Arabs and other non-Whites from the story altogether.“ (S. 145) – Wir können bei Figuier bei kurzer Recherche keinen fanatischen Rassismus feststellen, sondern nur den „normalen“ Rassismus der Zeit. Figuier nimmt Schwarze sogar gegen Benachteiligungen in Schutz. Es ist zudem fraglich, ob ein damaliger Rassist Araber als „nicht-weiß“ wahrgenommen hätte. Wir vermuten, dass Jason Colavito bei Figuier mit dem Vorwurf des „most racist“ über das Ziel hinausgeschossen ist. (Da wie überall keine Quelle angegeben ist, können wir die Behauptung nicht überprüfen.)

Die folgende Aussage ist gleich dreifach falsch: „Since the publication of Charles Darwin’s On the Origin of Species in 1859, the tension between secular views of history and science and traditional spiritual and mythical ideas had grown unbearable, and the break between them had become almost inevitable. To believe that the pyramids were ten thousand years old or the work of Atlanteans operating under divine command was to reject the discomforting authority of evolution and materialism.“ (S. 158) – Erstens ist Charles Darwin kein Argument gegen ein Alter von zehntausend Jahren, denn mit Charles Darwin wurde die menschliche Geschichte stark in die Vergangenheit verlängert. Das bessere Argumente gegen die zehntausend Jahre wären die Ergebnisse der Ägyptologie gewesen. – Das Spektrum der Bedeutungen, die man dem Begriff „divine command“ geben kann, ist sehr breit. Das bessere Argument wäre gewesen, dass Religion und Wissenschaft zwei Sphären sind, die man methodisch nicht vermischen sollte. – Das betrifft auch die Behauptung einer „authority of … materialism“. Das bessere Argument wäre gewesen, von einem „methodischen Materialismus“ zu sprechen. Wissenschaft ist jedenfalls keine Verpflichtung zu einem materialistischen Glauben. Ich würde sogar fast sagen: Wenn überhaupt, dann das Gegenteil.

Seltsamerweise werden „the Nazis“ in diesem Buch nur mit einem einzigen kurzen Satz behandelt: „The Nazis believed it“, nämlich dass die Ägypter „weiße Arier“ waren (S. 208). Zunächst ist diese Aussage falsch. Der führende NS-Althistoriker Helmut Berve bestritt 1935 das Existenzrecht der Ägyptologie an deutschen Universitäten, da sie sich mit einer „nichtarischen“ Zivilisation befasse, die man nicht verstehen könne, weil sie „artfremd“ sei. Die deutschen Ägyptologen versuchten daraufhin, soweit sie nicht emigriert oder vom Dienst suspendiert worden waren, die Ägypter als Arier darzustellen. Abgeschafft wurde die Ägyptologie zwar nicht, aber das Verdikt von Helmut Berve wog schwer.

Leider hat es Jason Colavito versäumt, auf den nationalsozialistischen Propaganda-Film „Germanen gegen Pharaonen“ von 1939 einzugehen. Der Plot ist schnell erzählt: Zuerst stellt ein Ägyptologie-Professor die Sicht der wissenschaftlichen Ägyptologie vor. Dann tritt ein Pseudowissenschaftler auf, der alle die Dinge behauptet, von denen Jason Colavito in diesem Buch schreibt: Sehr interessant! Und schließlich tritt ein Nationalsozialist auf, der beweist, dass die Ägypter ihr Wissen angeblich aus dem Norden von den Germanen hatten. Es ist wirklich sehr schade, dass dieser Film nicht in diesem Buch besprochen wird. Der Film ist auf Youtube frei verfügbar.

Zum Thema Atlantis

Der Umgang von Jason Colavito mit dem Thema Atlantis ist wie immer äußerst mangelhaft. Zugegeben: Das Thema Atlantis ist sehr komplex und Jason Colavito ist nicht der erste, der diese Fehler begeht.

Zunächst wird Atlantis „fabulous“ genannt (S. 23) und es ist von „its wonders“ die Rede (S. 24). Doch Atlantis war nicht „fabulous“ und auch kein Wunderland, sondern fügte sich in den Augen der alten Griechen perfekt in deren damalige Weltsicht ein. An Atlantis war nichts Phantastisches oder Magisches. Jason Colavito unterlässt es auch, die 9000 Jahre von Atlantis mit den 11340 Jahren von Herodots Ägypten in Beziehung zu setzen (S. 23), von denen er kurz zuvor erzählt hatte (S. 11). Doch nur unter diesem Gesichtspunkt versteht man überhaupt, wie man die 9000 Jahre deuten muss. Platon wollte jedenfalls bestimmt nicht auf die letzte Eiszeit verweisen, soviel steht fest.

In der Darstellung Ägyptens bei Platon unterlaufen Jason Colavito zwei schwere Fehler: „Plato attributed the whole story to the Egyptians, claiming it had been written on pillars in an old temple and known only to the wise priests.“ (S. 23) – Beides ist falsch. In Platons Timaios 24a heißt es, dass der Priester zusammen mit Solon „Schriften zur Hand nehmen“ werde (ta grammata labontes), und das kann nur ein Papyrus sein. Die Legende von den Tempelsäulen kam erst später auf, vermutlich mit der Geschichte von Krantor, wie sie von Proklos überliefert wird. – Aber auch die „weisen Priester“ sind falsch. Denn der Priester, der Solon auf Atlantis hinweist, wird als namenloser, alter Priester beschrieben, nicht als „weiser“ Priester. Es handelt sich um einen der vielen Anhaltspunkte, die die Geschichte sehr realistisch wirken lassen. Erst spätere Autoren haben versucht, den Priester als einen namentlich bekannten und berühmten Priestergelehrten darzustellen (Plutarch, Proklos, Clemens von Alexandria, Kosmas Indikopleustes). – Insofern die Entstehung eines falschen Ägyptenbildes das zentrale Thema dieses Buches ist, handelt es sich um zwei schwerwiegende Fehler.

Und es unterläuft Jason Colavito auf derselben Seite gleich noch ein dritter schwerwiegender Fehler, mit dem er sich zusätzlich in einen Selbstwiderspruch verwickelt: Auf der einen Seite wird die Aussage Platons richtig dargestellt, dass die zyklisch auftretenden Flutkatastrophen Ägypten verschonen – auf der anderen Seite wird behauptet, dass in der Atlantisgeschichte von einer Weltflut die Rede sei („its history occurred before the greatest flood of all, the one that destroyed the world.“; S. 23, auch S. 37). Doch das ist falsch. Die Flutkatastrophen in der Atlantisgeschichte sind regionale Katastrophen. Wie bereits richtig gesagt, soll insbesondere Ägypten von diesen Flutkatastrophen jeweils verschont geblieben sein.

Jason Colavito möchte auf eine Gleichsetzung der Flut von Atlantis mit der biblischen Sintflut hinaus, zwischen denen er „extremely close parallels“ (S. 24) sieht, doch das ist falsch. Die Flut von Atlantis ist nicht nur keine Weltflut, sondern es ist auch falsch, dass Zeus am Ende der Atlantisgeschichte die Zerstörung von Atlantis ankündigt, wie Jason Colavito meint (S. 24). Vielmehr wird dort eine Strafe zur Besserung der Atlanter angekündigt, und das kann nicht die Zerstörung sein. Immerhin: Vielleicht wurde die Zerstörung von Atlantis bei einer zweiten Götterversammlung beschlossen. Ebenfalls falsch ist es, wenn Jason Colavito schreibt: „In all of these stories, key elements repeat“, denn neben der Tatsache, dass die Atlantisflut keine Weltflut war, zählt Jason Colavito ein wichtiges Schlüsselelement auf, das in der Altantisgeschichte gar nicht vorkommt: „A small number of people are saved“ (S. 24). In der Atlantisgeschichte gibt es keine Arche Noah, soviel steht fest. – Es gibt also keine „extremely close parallels“ zwischen der Atlantisgeschichte und der biblischen Sintflutsage, sondern mehrere gewichtige Unterschiede.

Völlig irreführend ist es, wenn Jason Colavito von Platons Atlantisgeschichte mit den Worten „Parts of the story can be found in“ zu Apollodoros, Ovid und Lukian überleitet (S. 24). Diese Autoren sprechen nicht von Atlantis. Zudem dürfte mit Apollodoros die Bibliotheca des Pseudo-Apollododors gemeint sein. Denn Apollodoros selbst ist bekannt für eine Aufzählung von damals bekannten unglaubwürdigen Wundergeschichten, in denen die Atlantisgeschichte auffällig fehlt; sie war für ihn offenbar keine unglaubwürdige Wundergeschichte.

Es ist auch falsch, wenn Jason Colavito davon schreibt, dass „later Jewish, Christian, and Islamic commentators, all of whom saw … a reason to associate Atlantis with the antediluvian world that existed before Noah’s flood“. Es ist zwar richtig, dass einige christliche Autoren diese Verbindung irrigerweise gezogen haben (z.B. Clemens von Alexandria, Kosmas Indikopleustes), aber andere christliche Autoren haben sehr wohl erkannt, dass die Flut von Atlantis keine Weltflut war (z.B. Tertullian, Arnobius Afer).

Es kann deshalb auch keine Rede davon sein, dass die Atlantisgeschichte „the blueprint for associating Egypt’s greatest wonders – the pyramids – with Noah’s flood“ war (S. 25). Mir ist kein antiker Text bekannt, in der von Pyramiden in Atlantis die Rede ist. Dieser Gedanke kam erst in der Neuzeit auf, als man die Pyramiden der indianischen Kulturen in Amerika mit den Pyramiden in Ägypten verglich. Es ist zwar richtig, dass die Pyramiden schon in der Antike mit der biblischen Sintflut in Verbindung gebracht wurden, aber die Atlantisgeschichte war dabei nicht im Spiel.

Jason Colavito selbst erwähnt in den folgenden Kapiteln auch nirgends einen solchen Zusammenhang, speziell auch dort nicht, wo er hätte erwähnt werden müssen, wenn es diesen Zusammenhang gegeben hätte, so z.B. bei der Diskussion der „Many Flood Stories“ (S. 29). Auch, dass die Atlantisgeschichte angeblich auf Tempelsäulen geschrieben stand, wird in den folgenden Kapiteln nicht mehr erwähnt, obwohl dort viel von den Mythen die Rede ist, die sich um die Inschriften auf Säulen und Tempelwänden ranken. Es ist fast so, wie wenn Jason Colavito seinen eigenen Behauptungen über Atlantis nicht getraut hätte, so dass er sie in seiner späteren Argumentation lieber wegließ. Die Argumente, die er statt dessen vorlegt, sind auch viel besser und zweifelsohne richtig (z.B. Flavius Josephus S. 32).

Es ist geradezu verwunderlich, dass Jason Colavito erst mit Ignatius Donnelly wieder auf die Verbindung von Atlantis und den Pyramiden zu sprechen kommt. Die Vermutung, dass die ägyptischen Pyramiden mit den Pyramiden der indianischen Kulturen in Amerika über den versunkenen Kontinent Atlantis zusammenhängen, ist deutlich älter. Diese Beobachtung geht mindestens zurück bis Carlos de Sigüenza y Góngora 1680.

Jason Colavito verkürzt zudem die Darstellung von Ignatius Donnelly in einer Weise, die den eigentlichen Sinn verfälscht. Laut Colavito hätte Donnelly geschrieben, „that Atlantis had been populated by White people and Jews, the chosen races of God. ‚Atlantis was the original seat of the Aryan or Indo-European family of nations,‘ he wrote.“ (S. 207 f.) – Doch wenn wir bei Donnelly nachlesen, finden wir etwas ganz anderes. Dort heißt es: „That Atlantis was the original seat of the Aryan or Indo-European family of nations, as well as of the Semitic peoples, and possibly also of the Turanian races.“ (S. 2 Donnelly) Die „Semitic peoples“ umfassen wesentlich mehr als nur die Juden, und die Turanier sind „gelb“. Und von „chosen races“ ist überhaupt nicht die Rede. Lediglich „chosen people“ wird in Bezug auf die Juden an einer ganz anderen Stelle erwähnt (S. 212 Donnelly). Auch die Europäer sind für Donnelly keine reinen Weißen, sondern eine Mischung verschiedener „Farben“ (S. 197 Donnelly). – Natürlich ist das alles aus moderner Perspektive immer noch rassistisch, aber es ist eben keinesfalls dermaßen rassistisch wie es bei Jason Colavito klingt.

Was fehlt

Es wäre sinnvoll gewesen, die alchemische Tradition Ägypens noch mehr in den Blick zu nehmen. Hier wäre es außerdem gut gewesen, wenn die Überlieferungswege, die Peter Kingsley von den Pythagoreern nach Ägypten aufgezeigt hat, analysiert und integriert worden wären (Peter Kingsley, Ancient Philosophy, Mystery, and Magic – Empedocles and Pythagorean Tradition, Clarendon Press, Oxford 1995).

Der Umstand, dass viele Christen die ägyptische Kultur für eine Kultur von Götzenanbetern hielten, die sie deshalb verachteten, hätte näher beleuchtet werden müssen (z.B. Origenes).

Man hätte gerne einen der christlichen Autoren genannt bekommen, die die überproportionalen Darstellungen von Pharaonen und Göttern auf den ägyptischen Tempelwänden als Darstellungen von Riesen deuteten (S. 51).

Man hätte gerne Belege dafür bekommen, dass die Kopten nicht der Meinung waren, dass die Pyramiden die Kornspeicher des Joseph waren (S. 63).

Man hätte gerne mehr Hintergrundinformation zu der anonymen Aussage bekommen: „For every building, I fear the ravages of time, but as for this monument, I fear for time.“ (S. 67) Woher kam diese Aussage? Was ist ihre älteste Erwähnung?

Man hätte gerne mehr über die Verbindung der Freimaurer zur ägyptisierenden Symbolik erfahren.

Man hätte gerne eine Quellenangabe zu der Behauptung, dass Léon Denis mit einem Zitat von Lenormant das Horusgefolge angeblich zu Atlantern erklärte (S. 145). Man findet bei Léon Denis nur ein Zitat von Lenormant, dass die Sphinx älter sei als die Pyramiden. Ich vermute, die Aussage zu den Atlantern ist ein Irrtum, und es ist dieses Zitat gemeint.

Man hätte gerne einen konkreten Beleg für diese Aussage: „The empire imagined for antediluvians and Atlantis was a mythic precedent to the unprecedented imperial expansion of Victorian Europe.“ (S. 213) – Es klingt ja durchaus plausibel, aber einen Beleg für diesen Zusammenhang zu finden, ist schwierig.

Schluss

Wer sich für das Thema interessiert, bekommt mit Jason Colavitos neuem Buch eine überaus reichhaltige Stoffsammlung in die Hand, wie er sie so schnell nicht woanders finden wird. Mit gesunder Skepsis und einem Interesse an eigener Recherche kann man damit viel anfangen. Sehr viel sogar. Wer es gerne übersichtlich und einfach hat, wird allerdings nicht so gut bedient.

An manchen Stellen ist der Autor etwas respektlos gegenüber religiösem Glauben. Sehr zu loben ist hingegen das Kapitel „Afrocentrism and ancient Egypt“, in dem Jason Colavito beschreibt, wie Ägypten als „schwarz“ vereinnahmt wurde. Hier fällt der äußerst heilsame Satz: „… but as with so many correctives, they often tried to make too strong a case for the opposite, reproducing many of the same errors in reverse.“ (S. 210) Außerdem merkt Jason Colavito mit Recht an, dass hinter solchem Denken immer noch ein rassistisches Denken steckt, „a pernicious belief that culture is genetic“ (S. 211). Sehr wahr.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Atlantis-Scout und Amazon (gekürzt, englisch) am 31. August 2021)

Gilles Marchand: Ein Mund ohne Mensch (2016)

Von der Heilsamkeit der kleinen Dinge und der Phantasie gegenüber einem Lebenstrauma

Der Roman handelt von einem sehr zurückgezogen lebenden Buchhalter Ende vierzig, der sich abends regelmäßig mit einigen Freunden in einem Café trifft. Er hat eine große Narbe vom Mund über den ganzen Hals, die er mit Schals sorgsam zu verbergen versucht. Niemand weiß, was es damit auf sich hat, niemand wagt zu fragen. Eines Tages wird ihm klar, dass er die Geschichte der Narbe erzählen sollte. Abend für Abend nähert er sich dem Kern der Geschichte an.

Der Roman überzeugt durch die einfühlsame Darstellung des zurückhaltenden, bescheidenen Innenlebens des Protagonisten und der Begegnung mit seinen Freunden. Die skurrile Phantasie seiner Geschichten, mit der der Alltag zu etwas besonderem verklärt wird, macht Freude. Am Ende kommt dann eine wuchtige Überraschung, und alle Fäden laufen zusammen.

Ein gutes Buch. Ein starkes Buch.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. Februar 2026)

Günther Patzig: Ethik ohne Metaphysik (1971/83)

Plädoyer für den Utilitarismus in einer von Kants Kategorischem Imperativ beherrschten Umwelt

Der Philosoph Günther Patzig hat unter dem Titel „Ethik ohne Metaphysik“ 1971 bzw. in zweiter, überarbeiteter Auflage 1983 eine Reihe von Aufsätzen zusammengestellt, deren zentrale These sich ungefähr folgendermaßen zusammenfassen lässt: Der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant sei eine große Entdeckung und bleibe gültig, aber er bedürfe notwendig der Ergänzung durch den Utilitarismus.

Patzig arbeitet allerdings mit einem Kuschel-Utilitarismus: Er geht nicht konsequent vom völlig egoistischen Standpunkt des Menschen aus, wie z.B. Cicero, sondern stellt statt dessen das Allgemeinwohl als Ansatzpunkt des Utilitarismus dar. Er wendet sich dagegen, Altruismus letztlich egoistisch begründen zu wollen. Lustgewinn und Schmerzvermeidung sind für Patzig keine ausreichende Begründung, da er von einem platten Begriff von „Lust“ ausgeht.

Das alles ist natürlich Unfug. Patzig selbst lässt einigemale den wahren Ansatzpunkt des Utilitarismus durchschimmern (z.B. S. 46: Das Egoistische ist nicht automatisch das Schlechte; S. 165). Wer den Utilitarismus aus dem Allgemeinwohl begründet, handelt naiv und unphilosophisch. Das Allgemeinwohl ist vielleicht eine gute Faustregel, die aus dem Utilitarismus folgt, nicht aber dessen wahrer Wurzelgrund. Natürlich muss der Utilitarismus, um praktisch zu werden, Faustregeln entwickeln, und kann nicht in jedem Einzelfall die absolute utilitaristische Rechnung aufmachen. Diese Faustregeln müssen unweigerlich auch das Allgemeinwohl in den Blick nehmen. Aber unter der Ebene dieser Regeln liegt ein tieferer Grund, der rein egoistisch ist, wobei der Altruismus im Egoismus einbeschlossen ist.

Außerdem redet sich Patzig den Kategorischen Imperativ (KI) Kants schön bzw. er biegt ihn in Richtung eines utilitaristischen Ansatzes um und schiebt so dem KI gewissermaßen wie mit einem Taschenspielertrick ein utilitaristisches Verständnis unter, das er im Original nicht hat. Bei Patzig ist der Kategorische Imperativ mehr eine Heuristik und Faustregel zur Findung moralisch nützlicher Regeln. Kant habe keineswegs Moral aus einer rein logisch-vernünftigen Überlegung ziehen wollen, meint Patzig irrigerweise: Doch genau das ist Kants KI. Der KI von Patzig ist nicht mehr der KI von Kant. Das Rigorose an Kants KI wird weggeredet und statt dessen kurzerhand zum utilitaristischen Abwägen von Werten übergegangen. Am Ende wird Kants KI von Patzig ad absurdum geführt, als er die Abwägung jeder einzelnen Situation in den KI aufnehmen zu können glaubt. Ein solcher auf den Einzelfall mit Güterabwägung ausziselierter KI wäre aber kein kategorisches Gesetz mehr, sondern eine Güterabwägung im Einzelfall. Also gerade nicht das, was Kant mit dem KI wollte.

Indem Patzig auch John Rawls Gedankenexperiment mit dem „veil of ignorance“ als Anwendung des KI deutet, verkennt Patzig, dass das Gedankenexperiment von Rawls auf einem wohlverstandenen Egoismus aufbaut, und nicht auf einem Gesetz, das im Sinne Kants von jedem Eigennutz absieht. Das falsche Verständnis des KI erklärt auch die seltsame Auffassung von Patzig, dass die antiken Ethiken ein Defizit hätten, das durch eine Kombination von Utilitarismus und Kategorischem Imperativ behoben werden müsste. Bei Cicero gibt es kein solches Defizit.

Die gute Absicht von Patzig

Warum beging Patzig diese Fehler? Der Grund dafür ist offenbar, dass er in einer Umwelt lebte, nämlich der deutschen Philosophie, die völlig vom Kategorischen Imperativ Kants beherrscht ist. In dieser Umwelt glaubte Patzig wohl, den Kategorischen Imperativ nicht frontal angreifen zu können, und den Utilitarismus nur in abgeschwächter Form präsentieren zu können. Auf diese Weise glaubte er offenbar, Anschlussfähigkeit zu wahren und mögliche Interessenten nicht zu verschrecken. Es handelt sich also um Fehler, die begangen wurden, um der Sache zum Durchbruch zu verhelfen. Genützt hat es offenbar nicht, und es ist auch sehr die Frage, ob eine Verbiegung dessen, was man möchte, bei der Durchsetzung desselben hilfreich ist, gerade auch wenn es um Philosophie geht.

Es ist natürlich dennoch ein großes Verdienst von Patzig, den Utilitarismus in Deutschland ins Gespräch gebracht zu haben, und Defizite des Kategorischen Imperativs von Kant zumindest angedeutet zu haben! Es hat aber die Konsequenz gefehlt. Patzig scheint jedenfalls sehr daran gelitten zu haben, dass sich die angelsächsische Welt dem Utilitarismus zuwandte, während die deutsche Welt in Kants KI steckenblieb, weil er die Nachteile und die Irrtümer des einen und die Vorteile und die Wahrheit des anderen klar erkannt hatte.

Weitere Themen

Verhältnis Ethik zum Recht. Grundlegende Überlegungen, an denen vieles richtig ist. Es fehlt ein wenig der Gedanke, dass Strafe sich ausschließlich auf einen in der Zukunft zu erreichenden Zweck richten sollte, was Abschreckung und Befriedung nicht ausschließt.

Gegen Relativismus und Subjektivismus, für die Geltung von objektiven moralischen Normen.

Detailkritik an Kants Sprache, die begriffliche Unschärfen, Fehler und Widersprüche bei Kant aufzeigt.

Einzelnes

Für Patzig ist der erste Entwickler des Utilitarismus Joseph Butler (1692-1752). Doch dieser erbte den Grundgedanken des Utilitarismus bereits von Shaftesbury (1671-1713).

Der Titel „Ethik ohne Metaphysik“ ist ein wenig fragwürdig. Denn weder der Kategorische Imperativ noch der Utilitarismus geben konkrete Werte und letzte Ziele vor. Beide sind im Grundsatz in der Metaphysik verankert und hängen nicht an diesseitigen, konkreten Gütern; und beide sind offen für metaphysische Ziele. Unter „Metaphysik“ versteht Patzig offensichtlich die Behauptung göttlicher Offenbarungen wie sie in den großen Religionen postuliert werden. Wer solche göttlichen Offenbarungen ablehnt, ist die Metaphysik und letztlich auch Gott aber noch lange nicht los.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 26. Januar 2020)

Marc-Antoine Mathieu: 3 Sekunden (2011)

Faszinierend! Nicht das Bild bewegt sich, sondern der Betrachter!

Das Buch kommt einem am Anfang seltsam dünn vor, und man denkt: O wie mühsam. Aber dann saugt es einen hinein und man kann es nicht mehr weglegen, und es kommt noch eine Szene, und noch eine Szene, ….. wirklich eine faszinierende Idee: Eine starre Szene, durch die sich der Betrachter auf einem Lichtstrahl hindurchbewegt. Und es entfaltet sich ein regelrechter Krimi.

Gut, dass man die Sequenz dann auch noch einmal auf der Internetseite des Buches am Bildschirm durchgehen kann. Wirklich eine faszinierende Idee. Es hat Spaß gemacht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung 11. Juli 2018)

Johannes Leismüller: Der Zyklop (1999)

Ein Münchner baut auf einer griechischen Insel ein Haus – doch kein Zyklop, nirgends

Der Roman „Der Zyklop“ von Johannes Leismüller erzählt, wie ein Münchner, der regelmäßig auf einer bestimmten griechischen Insel Urlaub macht, dort eines Tages die Ruine eines Bauernhauses im Hinterland kauft und das Haus neu aufbauen lässt. Wir erleben den Kontakt zu den Einheimischen, dem Wirt Apostolis, den Verkäufern des Hauses, den verschiedenen Handwerkern, dem Popen, aber auch mit anderen Nichtgriechen, die sich auf der Insel niedergelassen haben. Wir sehen, wie das Haus Stück für Stück neu aufgebaut wird, mit allen physischen und bürokratischen Hindernissen auf diesem Weg. Esel transportieren das Baumaterial. Die Mauern müssen der Tradition gemäß aufgeführt werden. Nachbarn klagen die Hälfte einer Mauer ein. Strom, Wasser und Abwasser müssen organisiert werden. Ein kleiner Arbeitsunfall muss versorgt werden, das Unfallopfer wird von der Insel nach Athen geflogen. Der zunehmende Tourismus wird eher störend wahrgenommen.

Immer wieder fliegt der Protagonist zwischendurch zurück nach München. Dort spaziert er durch die Stadt und stellt Vergleiche zu Griechenland an. In den Hofgartenarkaden betrachtet er die Bilder des Griechenlandzyklus von Richard Seewald. Auch Föhnwetter und Bierkultur sind ein Thema. Einmal geht es auch nach Berlin, das damals eine einzige Baustelle war, und einmal nach Paris, wo er auf eine Reisegruppe nach Disneyworld Paris trifft.

Aber auch ganz banale Beobachtungen werden angestellt: Über die Konsumkultur, abgepacktes Fertigessen, über das wahre Leben, oder über typische Momente und Erlebnisse einer Flugreise. Der Protagonist ist verheiratet, managt den Wiederaufbau aber fast völlig ohne seine Frau, so dass diese kaum in Erscheinung tritt und der Protagonist eher wie ein Einsiedler wirkt, der sich fortwährend seine ganz eigenen Gedanken macht.

Der Autor hat ganz offensichtlich einen politisch linksliberalen Drall, ganz dem naiven Zeitgeist der damaligen Schickeria gemäß. Allerdings bleiben alle Überlegungen in diese Richtung sehr an der Oberfläche. Der Autor assoziiert diese Dinge mehr, als dass er darüber nachdenkt. Themen sind hier z.B. die bayerische Politik, die katholische Kirche, die Jugoslawienkriege, Palästinenser und Israelis, griechisch-türkische Rivalitäten, sowie Religion und sexuelle Freizügigkeit. Als Schutzheiligen seines neuen Hauses wünscht sich der Protagonist Sokrates. Umweltschutz ist kaum ein Thema. Klimaschutz gar keines. Das Thema kommt nicht vor. Ebensowenig Flugscham: Es wird viel geflogen in diesem Buch!

Das Buch stammt aus dem Jahr 1999. Es wird noch in Mark bezahlt. Keiner hat ein Handy. Einer der Handwerker gibt das Telefon des örtlichen Cafés als Telefonnummer an. An einer Stelle wird „jemand mit Handy“ als etwas besonderes, als Wichtigtuer und Macher dargestellt. Die linksliberale Haltung des Romans wirkt wie selbstverständlich. „Rechte“ kommen nicht vor, noch nicht einmal als Negativfolie.

Grundsätzlich könnte das Buch ein authentischer Bericht eines Müncheners sein, der tatsächlich ein Haus auf einer griechischen Insel wiederaufbauen ließ, es muss nicht als Roman gelesen werden. Tatsächlich verbrachte der Autor Johannes Leismüller seit den 1950er Jahren einen großen Teil seiner Zeit in Griechenland. Reale Personen, die im Roman auftauchen, verstärken den Realitätseffekt, so z.B. Argyris Marneros, ein Dichter und Fremdenführer auf der Insel Kos, oder Manolis Glezos, der die Hakenkreuzfahne von der Akropolis holte und auf der Insel Naxos geboren wurde. Leismüller verstand sich auch als „europäischer Bürger“, der linksliberale Drall ist auch also ebenfalls authentisch und nicht nur die Fiktion eines Romans.

Ein Zyklop kommt im ganzen Buch nicht vor. An einigen wenigen Stellen werden Vergleiche zu Zyklopen gezogen. Diese sind aber nebensächlich und unzusammenhängend. So wird z.B. eine Insel mit dem Schädel eines Zyklopen verglichen. Die gekaufte Hausruine sieht aus, als ob ein Zyklop auf das Haus getreten sei. Dem wiederaufgebauten Haus wird außerdem ein würfelförmiger Aufbau verpasst, der ebenfalls mit dem Aussehen eines Zyklopen verglichen wird. Aber es wird nichts weiter dazu gesagt oder daraus geschlossen. Der Titel „Der Zyklop“ erscheint eher wie ein Verlegenheitstitel der Marketingabteilung des Verlages. Die überlieferte Mythologie der Zyklopen wird nicht wirklich zum Thema gemacht.

Fazit

Wer erfahren will, wie es ist, in Griechenland nicht nur Urlaub zu machen, sondern dort zu leben und ein Haus zu bauen und in einen nicht-touristischen Kontakt mit den Einheimischen zu kommen, für den kann dieses Buch sehr wertvoll sein. Auch die Vergleiche und Überlegungen sind teilweise wertvoll, hier macht sich jemand Gedanken über alles mögliche, wie wir das alle fortwährend tun, und auch das kann sehr lehrreich sein. Schließlich ist das Buch ein Dokument für eine Zeit, die vergangen ist: Eine Zeit ohne Handys und ohne Euro, als Linksliberale noch ganz unhinterfragt ihre Naivität ausleben konnten. Eine literarische, philosophische oder politische Offenbarung ist das Buch jedoch nicht.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Homer: Ilias (um 700 v.Chr.)

Einmal sollte man die Ilias als ganzes gehört haben

Es lohnt sich unbedingt, die Ilias als ganzes zu lesen, besser aber zu hören! Jeder kennt die Ilias und weiß so ungefähr, worum es da geht. Aber die Ilias ist eben nicht die Geschichte von dem Trojanischen Krieg mit dem hölzernen Pferd am Ende, die außerhalb der Ilias überliefert ist.

Sondern die Ilias ist eine großartige und gewaltige Dichtung vor dem Hintergrund dieses Krieges, die am Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht, und voller tiefgründiger Gehalte ist:

  • Das Walten der Götter und des Schicksals,
  • der Mensch in seinem Streben und Scheitern,
  • Krieg und Kampf,
  • Volk und Herrschaft,
  • Liebe und Zorn,
  • Feindschaft und Vergebung,
  • usw. usf.

Es ist eine Dichtung, die eine in sich geschlossene und schlüssige Handlung hat, fast wie ein Theaterstück. Man muss das als ganzes kennen:

  • Wie die Götter die Handlung bestimmen,
  • wie die Menschen in diesem Rahmen agieren,
  • wie Achilleus sich versagt,
  • wie die Troer die Achäer immer ärger bedrängen,
  • dann die Wende durch Zeus,
  • schließlich das gegenseitige Erkennen der Feinde (Achilleus/Priamos) als Menschen,
  • usw.

Man sollte es am besten hören: Der beste Ausdruck für die Wirkung der Ilias ist vielleicht „Kopfkino“. Beim Hören ist man der Situation, wie die Ilias einst vorgetragen wurde, am nächsten: Ein Sänger trägt sie vor Publikum vor.

Die Dichtung ist so reichhaltig, dass sie bis heute fortwirkt, und in vielem drinsteckt, von dem man es nicht vermutete. Jeder sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen, jeder wird es wieder anders und neu entdecken!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. Juli 2012)

Duden: Mit Goethe durch das Jahr 2026 – Goethe und das Klima (2025)

Interessanter Beitrag zu Goethe und der Wetterforschung – schlechtes Kalendarium

Der enthaltene Aufsatz „Goethe und das Klima“ von Prof. Bodo Plachta ist sehr interessant. Allerdings ist der Titel falsch gewählt: „Goethe und das Wetter“ wäre korrekter gewesen. Denn es geht um die Erforschung von Wolken und Wetter, also um Meteorologie, und weniger um Klimaforschung. Die Wahl des Titels ist wohl dem Modethema Klimawandel geschuldet.

Jedenfalls sehen wir einen Goethe, der mit Barometer und Thermometer hantiert und als Minister eine der ersten Wetterwarten einrichtet, die regelmäßig ihre Messergebnisse publiziert. Von Howards Klassifizierung der Wolken ist Goethe begeistert, seine eigenen Theorien bleiben jedoch im Vagen stecken, Goethe hat sie zu Lebzeiten nie veröffentlicht. Dazu gibt es eine Reihe von Zeichnungen Goethes sowie Hintergrund- und Kontextinformationen. Sehr schön.

Aufhänger ist übrigens das „Jahr ohne Sommer“, dessen Ursache der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien war. Goethe hat den wahren Grund für das Jahr ohne Sommer allerdings nie erfahren. Schließlich lesen wir, dass Mary Shelley, die das schlechte Wetter an den Genfer See vertrieben hatte, dort mit ihrem Freundeskreis auch Goethes Faust las. Daraufhin schrieb sie den berühmten Roman „Frankenstein“. Im Roman liest wiederum Frankenstein Goethes Werther. Später wird Mary Shelley Goethes Grab in Weimar besuchen. Man kann nun spekulieren, ob sich „Frankenstein“ vielleicht dem Homunculus aus Goethes Faust II verdankt?

Das Kalendarium ist eine Katastrophe. Lieblos werden verschiedenste Goethe-Zitate aneinandergereiht. Man erfährt aber nicht, woher sie stammen. Praktisch unbrauchbar.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss (1963)

Gefrieren und Auftauen am Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein

In seinem Roman „Eis-Schloss“ thematisiert Tarje Vesaas den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein anhand einer sehr einfachen Geschichte: Das Mädchen Unn, die soeben Weise geworden ist, zieht zu ihrer Tante neu ins Dorf. Sie sondert sich von den anderen Kindern ab. Nach einer Weile der Zurückhaltung freundet Siss sich mit ihr an. Unn will ihr ein Geheimnis verraten, macht dann jedoch vorläufig einen Rückzieher. Um Siss nicht zu schnell zu nahe zu kommen, schwänzt Unn die Schule und verläuft sich im „Eis-Schloss“, einer bizarren, riesigen Eisstruktur, die sich Jahr für Jahr aufs neue um einen Wasserfall herum bildet. Darin erfriert Unn in trauernder Schönheit, und bleibt verschwunden. Siss verschließt sich daraufhin vor der Welt in kindlich-kindischer Treue zu Unn. Doch irgendwann taut das Eis.

Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenensein ist gekennzeichnet durch ein Sich-Öffnen gegenüber anderen und ein Sich-Lösen von engen, verklemmten Horizonten. Die Phase ist gekennzeichnet von Unsicherheit, Vortasten und Zurückziehen, von Dazugehören und sich Absondern, auch von sturem, kindischem Festklammern an der Kindlichkeit. Das alles wird durch die große Metapher des Eis-Schlosses bezeichnet, durch das Bild vom Gefrieren und Auftauen.

Unn muss sterben, weil sie den Übergang zum Erwachsensein nicht schafft. Sie bleibt in ihrer Trauer über ihre Mutter gefangen, und erstarrt zum Tod im Eis. Für Siss wiederum repräsentiert der Tod Unns den Ernst des Lebens, den sie akzeptieren lernt, und damit den Abschied von der Kindheit schafft.

Der Roman schildert diese Vorgänge äußerst behutsam. Die Dorfgesellschaft ist von homogener Friedlichkeit und sehr rücksichtsvoll. Damit spiegelt der Roman nur bedingt die moderne Gegenwart, die gekennzeichnet ist durch eine politisch und weltanschaulich zerklüftete Gesellschaft und durch Rücksichtslosigkeit. Die zarte Zurückhaltung aller Handelnden bietet keine Identifikation für moderne Phänomene wie individuelle Enthemmtheit auf Kosten der Gemeinschaft, oder bedrohlich beherrschende kollektive Meinungen bzw. den Widerstand des Einzelnen dagegen. Diese Probleme gibt es bei Vesaas nicht. Seine heile Welt ist viel zu idyllisch, und damit aus unserer Zeit gefallen.

Auch die Sprache in diesem Buch ist gefroren und kristallklar wie das Eis-Schloss: In kurzen, knappen Sätzen schildert Vesaas jede Szene, und deutet durch den knappen, hochsymbolischen Stil dabei viel mehr an, als er explizit sagt. In der kalten Klarheit der Sätze liegt paradoxerweise aber auch ein Zartgefühl, das seinesgleichen sucht. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel hat das gut zum Ausdruck gebracht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. Dezember 2019)

Jason Colavito: The Mound Builder Myth – Fake History and the Hunt for a „Lost White Race“ (2020)

Comprehensive work about the Mound Builder myth – Persons, hypotheses, historical context

The Mound Builder myth is the wrong idea that the Indian mounds in Northern America had been built by some other people than the local Indians resp. their ancestors. There often was a racist motivation behind this belief: If a „lost white race“ had built the mounds which later had been expelled or eradicated by the allegedly newly arrived Indians, then the European colonization and expansion could be perceived as a re-conquest, and the Indians could be perceived as non-native foreigners to their own land. Candidates for the identity of the „lost white race“ were e.g. the Lost Tribes of Israel, Scyths, Celts, Scots, Norsemen, and finally even Atlantis. But also non-white candidates were often driven by racist intentions to delegitimize the Indians. Some thought of Indians from India, and many thought of the Aztecs or Toltecs who allegedly settled in North America first before they allegedly were expelled to Southern America by the newly arrived Indians.

Jason Colavito’s „The Mound Builder Myth“ describes the creation, development, demise, and afterlife of the Mound Builder myth in all detail. The number of authors, hypotheses, and forgeries gathered in this book is amazing. All information is well-documented by 434 notes and eleven pages of bibliography in the appendix. There are thirteen pictures of mounds, authors, or forged stones.

Each development of the Mound Builder myth is paralleled with the respective developments in society and politics. It is well demonstrated that the Mound Builder myth always reflected the current zeitgeist: From the war with Britain, via the war with Mexico, expelling the Indians to the West, the Reconstruction era after the civil war, the mass immigration of Italians, the popularity of eugenics, until postmodernism in the 2nd half of the 20th century. It is amazing to see how the decline of the Mound Builder myth coincided with the decline of the Indian question, and how the myth is revived in later days under completely different perspectives.

Even the foundation myth of the Mormons is based on the Mound Builder myth, and the giants of the Bible were also allegedly found in the mounds.

The core message of Jason Colavito’s book is conveyed with overwhelming evidence: It is obvious that the motivation behind the Mound Builder myth often had been racist and driven by the zeitgeist. This book is a valuable lesson about the direct or indirect interference of politics and public opinion with science or what the public considers science, and how important and effective the resistance of individual dissenters sometimes is, in the long run.

Formal criticism

Right at the beginning of the book a short but comprehensive introduction into the real history of the mounds would have been helpful, especially in order to understand why the connection of the mounds to the contemporary Indians of the 19th century got lost (or to which extent some kind of connection still existed).

The various authors and their hypotheses are presented in a novel-like style. By this approach, order and overview get often lost. The storyline repeatedly goes back and forth in time, and the same authors repeatedly appear in varying roles. The book is divided in only few chapters, and often the content belonging to one chapter, according to its headline, occurs in an other chapter (e.g. important content concerning the giants myth is in the chapter following the giants chapter).

It would have been preferable to have more order and overview in such a complex theme. More speaking headlines, and also subheadlines would have been helpful. At least a table in the appendix listing all authors and their hypotheses, and by whom they where influenced, and whom they influenced in turn. Also a list of the forged stones (what, who, where and when) would provide overview. Also interesting would have been an overview of all persons who continuously held the correct belief that the Mounds were built by the Indians. These were not few, including Martin van Buren, US president 1837-1841.

Last but not least, a map is missing, where all the sites of mounds are marked. Also a map of Ohio or the state of New York could be useful, where the locations of the authors of hypotheses are marked who, as it seems, often lived close to each other and thus easily influenced each other.

The present-day situation is discussed only in the Conclusion, but it really had deserved a chapter on its own.

In the bibliography the book „Hidden Cities“ by Robert G. Kennedy is missing.

It would have been interesting to include some paragraphs about the current official opinion of the various Mormon churches on the origin of the Mormon belief. As I have read, there are not only fundamentalist believers but also more liberal views. How do they live with the truth?

Criticism of contents

While the core message of Jason Colavito’s book is simply true and deserves ardent support, especially when considering the strange revival of the Mound Builder myth in modern TV shows and weird religious fundamentalist or racist circles, there are several problems which may have their origin in a too narrow perspective of the author.

The book does not take seriously enough the legitimacy of 19th century doubts about who built the mounds. As the book itself says, the Mound Builder era ended some 500 years before the Europeans arrived, and the Indian civilization declined (pp. 48 f.). Or the reason for the decline were infectuous deseases contracted by the very first contacts with Europeans, so that except the very first Europeans the Europeans did get to know the Indian civilization only in a declined state (pp. 7, 180). (The book is not clear about which of the two reasons was more important.)

In effect, Indians did not build mounds any more and did not use the mounds as they once had been used. Therefore, it is absolutely understandable that doubts arose when comparing the remainders of the mound building civilization and the state of the civilization of contemporary local Indians. The book repeatedly reports of such doubts (e.g. on pp. 44, 180, 261 f.), but does not take them seriously, although even the famous Frederic Ward Putnam of Harvard thought of the Celts as the Mound Builders (p. 304). Therefore, these doubts should have been examined more carefully. It is not legitimate to talk about the Mound Builder myth as if every proponent of an incorrect explanation had been driven by racism, though often this was the case.

There are several passages in this book where the interpretation of the sources is going beyond what is really contained in the sources in order to make the wanted case.

One example is president Andrew Jackson’s speech of 1830 (p. 116). Andrew Jackson equals the alleged replacement of the Mound Builders by the Indians with the replacement of the Indians by the Europeans. But other than Jason Colavito thinks, the Mound Builder myth does not serve as a racist justification for the replacement of the Indians. Because under a racist perspective, the replacement of the „higher“ race of the Mound Builders by the „lower“ race of the Indians is not justified. The justification expressed by Andrew Jackson is another one. It is simply Social Darwinism: The stronger replaces the weaker. And the case of the Mound Builders serves only as an example, not as a special justification.

Another example is the opinion of the famous German natural researcher Alexander von Humboldt, as expressed in the „Report of the Librarian“ in the Proceedings of the American Antiquarian Society No. 53 of 1869 on p. 42. According to Jason Colavito, Humboldt was „arguing that some Native Americans most closely related to the Mound Builders had been ‚born white‘ before the sun burned them a ruddy copper color.“ (p. 251) – But this is not the case. First, according to the source it is a certain Monsieur de Volney who claims this, and Humboldt is against this claim. Humboldt adds that Mexicans and Peruvians (who were considered related to the Mound Builders by many) are brown by birth. Only the Eskimos and a tribe at the northwest coast are allegedly born white. And then Humboldt calls for verifying the claim of de Volney by just going out and looking at real Indians! This is the spirit of the true scientist and not at all a racist attitude. Especially not in case of Alexander von Humboldt who was an ardent proponent of the idea of human rights.

Another example is Jason Colavito’s reliance (p. 328) on the book „The American West and the Nazi East“ by Carroll P. Kakel, 2011. The book compares the genocidal conquest of eastern Europe by the Nazis with the spread of European settlers in the American West and connected genocidal events – which is grotesque! The Nazis planned their genocidal acts intentionally right from the beginning and conquered Eastern Europe by military force in short time, whereas in the American West, settlers spread slowly over many decades, were confronted with a completely incompatible civilization, and genocidal events unfolded mostly unplanned and unintentionally. Even well-minded intentions towards the Indians played out badly, as Jason Colavito rightly says (e.g. pp. 263-267). – Citations drawn from the book turn out to be taken out of context and their meaning turned upside down. Where Hitler said that America had gunned down the millions of redskins to a few hundred thousands, the context is the following: According to Hitler, the land belonged to the Indians, and the white men have stolen it from them, and the gunning down is depicted by Hitler as a crime. – It is also not true that Hitler was a „massive fan of Westerns“. Hitler watched Westerns, too, but he was not a „massive fan“ of them. Hitler was a massive fan of Disney’s animated cartoon films, especially „Snow White“, as we know today. This book by Kakel is really problematic! You find there many modern myths about the Nazis but not the real history. E.g. Kakel describes the ideologies of Hitler, Himmler and Rosenberg as being on the same line – nothing could be more wrong. Himmler and Rosenberg had severe differences, and Hitler kept clear distance of those two and their ideas. Furthermore, Rosenberg is depicted as „party ideologue“ – which he wished to be but wasn’t. There was only one person defining the Nazi creed and this one person was Hitler, and Hitler, Goebbels and Goering are known to have mocked Himmler and Rosenberg for their fancy ideas.

Criticism concerning the Indian question

The drama of the Indian question is also misrepresented in Jason Colavito’s book. Obviously, Jason Colavito follows a rather romantic perspective of Indians and Europeans living peacefully together on the same land, each of them according to their unchanged traditional culture. This unrealistic multiculturalist idealism becomes clear e.g. by his criticism of Ralph Waldo Emerson’s opinion that the Indians have to modernize (p. 190), or the criticism of the basic intentions of Helen Hunt Jackson and Henry L. Daws (pp. 263 ff.), who wanted to civilize the Indians rather than to expell or kill them. Even Thomas Jefferson wanted to modernize the Indians (pp. 64 f.).

Jason Colavito’s criticism reveals an unrealistic, romantic dream. The European civilization was much more developed than the Indian civilization, so that it was clear right from the very beginning of their contact that the Indian civilization could not survive unchanged. Therefore, the only morally acceptable idea was indeed to develop the Indians to modernity. And here we are right in the middle of the drama: Because, how to repeat the development of European civilization in time lapse? How to modernize the Indians without (!) taking away their Indian identity? And how to civilize a people who partially or totally resisted to be civilized?

It is absolutely understandable that many believed such a civilizing process not possible, and that patience with the Indians ran out, though physically or culturally genocidal acts are also not acceptable, of course. It is really a drama, a problem with no easy solution, a real tragedy, and who knows the outcome if more patient politicians than Andrew Jackson had governed the US in this time. It is not a forgone conclusion that things had played out better, then.

Jason Colavito’s biased orientation in these questions becomes even more clear when he depicts the achievements of human rights as bad for the Indians. He e.g. connects the removal of „all incompatibilities with indiviudalism, and personal liberty“ with the word „destroy“, or he depicts the „redefining of gender roles“ in Indian families as „devastating“. (pp. 265, 267) But human rights are there for all human beings, and finally good for all human beings. The continuation of the patriarchy of the Indian culture, i.e. the systematic suppression of women (and all other family members!) by „old red men“, under the rule of the United States is inconceivable, and is only one aspect of Indian culture which had no chance to survive, and this although the Europeans themselves had still some obvious remainders of patriarchy in their civilization in the 19th century.

Criticism concerning Atlantis

Concerning Atlantis, the book creates the impression that the Atlantis story had „long considered to be fictional“, until the 19th century, and then had been revived by fraudulent Europeans such as Fortia d’Urban (pp. 273 f.). But this is wrong. Atlantis had been long considered real, and what started in the 19th century was not a revival of the idea of a real Atlantis, but quite the opposite: It was the start of the idea that Atlantis had been fictional becoming the prevailing idea.

It is also wrong that „the Spanish“ considered Mexico Atlantis (pp. 273). Only „some“ Spanish thought of Mexico as Atlantis, not „the“ Spanish. The official Spanish position was to reject this idea (e.g. Antonio de Herrera y Tordesillas 1601).

Missing is Francis Bacon’s „New Atlantis“. Here, the Indian civilizations of Southern America are Atlantis, and Plato’s cyclically repeating catastrophes are the reason why the Indians fell down from a higher level of civilization. This would have been an example of Atlantis belief fitting better to reality than usually expected, and it would be interesting to see whether and how Francis Bacon’s view influenced the views of the 18th/19th century.

Ignatius Donnelly is misrepresented as a racist (chapter 11). Of course, Donnelly’s views are partially racist under a modern perspective, but under the perspective of his time, the opposite holds true. Donnelly was a progressive politician, fighting for the abolition of slavery. He even wrote a novel about a white man living like a black and suffering discrimination („Doctor Huguet“, 1891). Furthermore, Donnelly’s Atlanteans were not only white, but also yellow and red, and even excluded some white peoples. According to Donnelly, Europeans were not purely white but a mixture of white and yellow. And in American prehistory, all races of all kinds had met and lived together, as he wrote. Donnelly’s core motivation was clearly not racist although he expressed various racist stereotypes prevailing in his time. The abuse of Donnelly’s work, e.g. by omitting that Donnelly’s Atlanteans are not only white, is much more harmful than the original work itself.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 24. Mai 2020)

Simon Strauss: Sieben Nächte (2017)

Ausbruchsversuch aus allzu glatten Leben? Nur eine Simulation davon!

Die Novelle „Sieben Nächte“ von Simon Strauß zeigt zunächst das Dilemma des modernen, verwöhnten, politisch korrekt denkenden jungen Menschen: Er hat sich gemeinsam mit seiner Generation ganz im Rahmen des Mainstreams entwickelt und dabei problemlos alles erreicht, was zu einem erfolgreichen aber unauffälligen jugendlichen Durchschnittsleben dazugehört, kurz: Er hatte weder ein Problem mit Mathematik noch ein Problem mit dem Zeitgeist, noch Probleme, Freunde und auch Frauen zu haben. Und jetzt steht er vor dem Beginn des Erwachsenenlebens, das ebenso 08/15 weiterzugehen droht wie seine Jugend: Heiraten, Kinder bekommen, ein Haus bauen, festangestellt sein. Doch dieses Leben ist zu glatt, zu brav, zu gewöhnlich. Es ist weder etwas besonderes noch vermittelt es Sinn. Es gab auch keine Widerstände, an denen man hätte wachsen und reifen können. Alles ist irgendwie kindisch und läppisch. Man war nicht einmal bei der Bundeswehr.

In dieser Situation beschließt der Protagonist, angeregt durch einen Bekannten, der auch das Schlusswort schreiben wird, in sieben Nächten jeweils eine der sieben Todsünden auszuleben und dies in den folgenden sieben Kapiteln schriftlich festzuhalten. Er will damit erreichen, etwas besonderes zu tun, persönlich zu reifen, und der Wildheit der Jugend ein Denkmal zu setzen, bevor er sich der Langweiligkeit des Erwachsenenlebens hingeben wird.

Die sieben Kapitel zu den sieben Nächten mit den sieben Todsünden sind moderne literarische Variationen der bekannten sieben Todsünden, die interessant, anregend, und teils packend zu lesen sind. Der Autor schafft es zweifelsohne, viele Fragen, Probleme und Situationen zu thematisieren, die dem Leser nur allzu bekannt sind. Das Schlusswort zieht dann ein etwas lendenlahmes Fazit: So richtig erfolgreich war der Ausbruchsversuch eigentlich nicht, aber er würde dennoch in Erinnerung bleiben und deshalb irgendwie wertvoll sein. Ein dem Buch vorangestelltes Gedicht beklagt das Schicksal des Dandys, schließt dann aber überraschend mit der Zeile: „Dandy, you’re all right.“

Kritik

Zunächst ist zu fragen, warum der Übergang in ein langweiliges Erwachsenleben einen dramatischen Verlust an Lebendigkeit, Freiheit etc. bedeuten sein soll, wenn bereits die Jugend langweilig war? Hier bäumt sich niemand auf, um die Wildheit der Jugend zu bewahren, denn bereits die Jugend war nach eigener Auskunft allzu glatt und allzu langweilig. Dies ist ein echter Selbstwiderspruch in diesem Buch, wenn auch verzeihlich, denn dann wäre es eben kein „letzter“ sondern der erste und einzige Ausbruchsversuch aus einem langweiligen Leben.

Dann ist zu fragen, warum das Verhalten in den sieben Nächten, also das Begehen der sieben Todsünden, ein Ausbruch aus der beklagten Langweiligkeit sein soll? Denn was in diesen sieben Nächten geschieht, entspricht doch ganz der Langweiligkeit der allzu glatt verlebten Jugend! Er ist hochmütig, wie es verwöhnte Jugendliche nun einmal sind, er schläft wollüstig mit einer Frau, was er nach eigener Auskunft ebenfalls schon mehrfach getan hatte, usw. Dieser Widerspruch führt beim Leser zu ersten Zweifeln: Hat der Autor übersehen, dass dieser „Ausbruch“ gar keiner ist?!

Es ist vor allem zu fragen, warum man „sündigen“ muss, um zu reifen? Auch durch „Sünden“ kann sich eine gewisse Reife ergeben (wenn man seine Schuld einsieht), aber echte Reife erlangt man doch vor allem gerade dadurch, dass man gegen Widerstände das Richtige tut. Also z.B., dass man schwierige Probleme mit Geduld löst, etwa an einem schwierigen Studium dranbleibt. Oder eine Freundschaft bzw. eine Ehe über Höhen und Tiefen hinweg erhält. Oder das Erschaffen eines literarischen oder wissenschaftlicher Werkes über viele Jahre hinweg. Das Aalglatte hingegen tut selten gut. So mancher tut sich allzu leicht, mit Frauen im Bett zu landen, scheitert aber an der Liebe. So mancher hat viel Spaß mit Freunden, ist aber völlig ignorant gegenüber dem Leiden anderer. So mancher plappert die öffentlichen Meinungen beifallheischend nach, und seien es nur die ewig doofen Witze über republikanische US-Präsidenten, hat aber keine eigene Meinung, die er sich unter Mühen und Irrtümern errungen hätte, und für die er bereit wäre, sich lächerlich zu machen.

Auch die Perspektive auf ein angeblich langweiliges Erwachsenenleben ist völlig falsch: Warum sollte es langweilig sein, zu heiraten, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen und einen Beruf zu ergreifen? So kann nur jemand denken, der sich dem Mainstream so sehr hingegeben hat, dass er sich gar nichts anderes mehr vorstellen kann als den Mainstream. Denn heiratet man eine Frau nicht auch deshalb, um in ihr eine seelenverwandte, erhellte Verbündete gegen die Anfeindungen der dumpfen Mitwelt zu haben? Wird man nicht versuchen, seine Kinder so zu erziehen, dass sie zu großartigen, selbständigen, besonderen Menschen werden? Wird man nicht vielleicht auch im Beruf oder im Hobby versuchen, die Welt irgendwie zu verbessern? Als Lehrer seine Schüler auf das Leben vorbereiten? Als Krankenschwester die Leiden von Kranken lindern? Das Besondere kann manchmal sehr einfach sein. Wer ein Überzeugter ist, wird immer und überall auf irgendeine Weise wirken.

Völlig ausgeblendet wird die große Frage nach Religion und Weltanschauung. Eine richtige Religion oder Weltanschauung mit der entsprechenden Moral zu finden bzw. zu erarbeiten und mit großem Ernst und großer Konsequenz danach zu leben, sollte eigentlich eine der wichtigsten Aufgaben eines erhellten jungen Menschen sein, und würde auch dem Zeitgeist (vermutlich aller Zeiten) völlig zuwiderlaufen. Davon ist in diesem Buch aber an keiner Stelle die Rede.

„Faschistisch“?

Dem Buch wurde vorgeworfen, „faschistisch“ zu sein. Das ist Unfug. Weder wird die Demokratie noch die Gleichberechtigung von Mann und Frau noch sonst etwas derartiges ernsthaft in Frage gestellt. Es wird lediglich der Wunsch formuliert, besonders und sinnvoll zu leben, und nicht langweilig und grau. Das ist zwar elitär und gegen den (derzeit linksliberalen) Zeitgeist, aber nur deshalb, weil es schon immer so war, dass sich nur wenige Menschen solche Gedanken machen. In diesem Sinne ist auch jeder Linksintellektuelle elitär. – Vermutlich stammt der Vorwurf daher, dass Simon Strauß der Sohn von Botho Strauß ist, und sich sprachliche und thematische Parallelen zwischen den Werken beider entdecken lassen. Aber auch Botho Strauß war kein „Faschist“, sondern wurde nur als solcher verschrieen.

Konservativ?

Die Idee, durch „Sünden“ zu reifen, ist so ziemlich das Anti-Konservativste, was man sich ausdenken kann. Nein, dieses Buch ist nicht konservativ. Man könnte lediglich die Fragestellung, von der das Buch ausgeht, und die Respektlosigkeit vor dem linksliberalen Zeitgeist, die sich in einigen Passagen zeigt, als konservativ bezeichnen. Diese Punkte sind auch das einzig Gute an diesem Buch.

Visionsloser Trotz und stilles Einverständnis mit der Langweiligkeit des Mainstream

In Wahrheit bleibt der Autor dieses Buches selbst noch in seinem Widerstand gegen den Zeitgeist in demselben gefangen. Es ist nämlich sehr linksliberal gedacht, dass man durch „sündigen“ reift, denn „sündigen“ ist der Inbegriff der Überschreitung von Verboten, die eine konservative Autorität angeblich deshalb aufgestellt hat, um die Menschen wie Kinder zu halten. Es ist sehr linksliberal gedacht, Ehe, Familie, und Beruf grau in grau zu sehen: Die Familie als die „Agentur der kapitalistischen Konsumgesellschaft“, der Beruf als willenlose Knechtschaft im Dienste des Kapitalismus. Es ist sehr linksliberal gedacht, Sex wie einen Schluck Wasser zu konsumieren, und Liebe als konservatives Konzept beiseite zu schieben. Diese Stereotypen stecken offenbar tief im Inneren des Autors, und er konnte sich nicht von ihnen lösen, sie nicht überwinden, und nun lehnt er sich wie ein trotziges Kind aufgrund eines unausgegorenen Unbehagens dagegen auf, ohne zu wissen, was er statt dessen eigentlich wollen sollte. Tugendhaftigkeit, Ehe, Familie, Beruf und Liebe will er offenbar nicht, weil er das Abenteuer in ihnen nicht erkennen kann. Und das Thema Religion und Weltanschauung fehlt völlig. Damit würde aber jede echte Kritik am Zeitgeist beginnen müssen.

Am Ende scheint der aufbegehrende Protagonist (bzw. der Autor selbst, wer sonst?) mit dem Schicksal des Dandy sogar ganz zufrieden zu sein. Das wird sehr deutlich in dem einleitende Gedicht, das mit „Dandy, you’re all right“ endet, und im Schlusswort, das sich mit einem gescheiterten Ausbruchsversuch völlig zufrieden gibt. Allzu schnell kehrt man in den grauen Mainstream zurück. Ein echter Ausbruchsversuch war vom Autor offenbar nie geplant. Alles war im Grunde eine Simulation von Ausbruch, die sich als Teil des Mainstream entpuppt. Die Simulation von Widerstand als Initiationsritus in den grauen Erwachsenen-Mainstream. Damit kann man’s dann ganz vergessen. Das ist im Grunde genau das Problem, vor dem der Vater des Autors 1993 im „Anschwellenden Bocksgesang“ gewarnt hatte:

„Heute benutzen Majorität und Minderheit, gleich welcher Sparte, durchweg dasselbe konforme Vokabular der Empörungen und Bedürfnisse. Dem gegenüber werden sich strengere Formen der Abweichung und der Unterbrechung als nötig erweisen; … … … Der Widerstand ist heute schwerer zu haben, der Konformismus ist intelligent, facettenreich, heimtückischer und gefräßiger als vordem, das Gutgemeinte gemeiner als der offene Blödsinn, gegen den man früher Opposition oder Abkehr zeigte.“ – „Dabei: so viele wunderbare Dichter, die noch zu lesen sind – so viel Stoff und Vorbildlichkeit für einen jungen Menschen, um ein Einzelgänger zu werden. Man muß nur wählen können; das einzige, was man braucht, ist der Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream. Ich bin davon überzeugt, daß die magischen Orte der Absonderung, daß ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen für den Erhalt des allgemeinen Verständigungssystems unerläßlich ist. Nicht zuletzt deshalb steht man jetzt vor einer gigantischen Masse an Indifferenz unter den Jugendlichen, weil die politisierte Gesellschaft sich ausschließlich mit korporierten Minderheiten beschäftigt hat und keinerlei Prägemuster für den Einzelgänger zur Verfügung stellte.“

Fazit

Die Langweiligkeit einer aalglatt und zeitgeistig verlebten Jugend zu thematisieren und danach zu fragen, wie man reift und ein besonderes und sinnvolles Leben lebt, ist ein großartiger Ansatz und eine wichtige Fragestellung. Die Ausführung dieses Ansatzes muss jedoch als völlig gescheitert angesehen werden. Insbesondere ist es dem Autor nicht gelungen, wesentliche Irrtümer des Zeitgeistes zu überwinden. Schlimmer noch: Der Autor scheint eine Überwindung des aalglatten Lebens in Wahrheit gar nicht anzustreben, sondern sich mit einer vorübergehenden Simulation von Widerstand zufrieden zu geben, die in Wahrheit auch nur Teil des Mainstreams ist, den er im Grunde bejaht.

Es bleiben der Ansatz des Buches und einige lesenwerte literarische Miniaturen und zum eigenen Denken anregende Textstücke. Für den Rest gilt: Dandy, you’re NOT all right.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 08. Juni 2019)

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