Thomas Gifford: Assassini – Der Vatikan-Thriller (1990)

Etwas quälende Story mit geringem Ertrag an Spannung, Bildung, Aufklärung

Thomas Giffords „Assassini“ ist ein Vatikan-Thriller, der lange Zeit vor Dan Browns Illuminati erschien und deshalb auch nach ganz anderen Regeln funktioniert. Im Zentrum steht kein uraltes Geheimnis, das zu erforschen wäre, sondern eine Priester-Connection aus dem Zweiten Weltkrieg, deren alte Verbindungen und Rivalitäten Jahrzehnte später zu einer Serie von Morden führt. Die Assassini aus dem 16. Jahrhundert haben dafür kaum mehr als ihren Namen beigesteuert, ihre Einbeziehung in die Story wirkt sehr aufgesetzt.

Der Roman ist auch wesentlich langatmiger als man es von heutigen Romanen gewohnt ist, die Geschichte entwickelt sich eher gemächlich. Die Protagonisten hangeln sich auch kaum selbst von Hinweis zu Hinweis, sondern kommen eher durch Zufälle mit ihren Recherchen voran, oder durch lange Monologe von Zeitzeugen. Es nervt besonders, dass ein Kapitel oft genau in dem Moment abbricht, in dem ein weiteres Stück des Geheimnisses gelüftet wird, so dass der Leser für eine ganze Weile weniger weiß als die Protagonisten des Romans – auf diese Weise baut sich eher Ärger als Spannung auf.

Auch die Story selbst erscheint ein wenig gekünstelt und unwirklich: Dass der Vatikan im Zweiten Weltkrieg nichts besseres zu tun hatte, als sich mit den Nationalsozialisten die Beutekunst zu teilen, ist kaum glaubwürdig; auch das Schema von Papst Pius XII. als Nazi-Papst ist so nicht haltbar.

Der Roman hat nur eine einzige nützliche und aufklärerische Wirkung: Man sieht Priester, Nonnen, Kardinäle und einflussreiche gläubige Laien als ganz normale Menschen denken und handeln und realistisch unfromm sein, und verliert so – sofern man gläubig ist – ein Stück weit die falsche Ehrfurcht und das falsche Vertrauen, das Gläubige der Kirche und ihren Repräsentanten häufig entgegen bringen. Man lernt ein wenig zweifeln und fragen, auch wenn die Story selbst leider zu dick aufgetragen ist, um gläubige Menschen überzeugend ansprechen zu können.

Fazit

Eine etwas quälende Story mit wenig Ertrag an Spannung, Bildung und Aufklärung.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon ca. 26. Juni 2011; heute dort verschwunden)

Jürgen Roth: Der Deutschland-Clan – Das skrupellose Netzwerk aus Politikern, Top-Managern und Justiz (2007)

Interessant, aber dennoch völlig unbefriedigend

Irgendwie befriedigt dieses Buch nicht. Nicht, dass es nicht ordentlich recherchiert wäre. Manches ist auch interessant. Aber … zum einen schildert Roth viele einzelne Fälle, die jedoch keinen Zusammenhang haben; deshalb schon von einem „Clan“ zu sprechen halte ich für gewagt. Vieles hat man auch schon als aufmerksamer Zeitungsleser mitbekommen, Roth liefert da nur noch ein paar Zusatzdetails.

Aufgefallen ist mir, dass Roth Gewerkschaften, Verbände, NGOs, Kirchen, islamische Organisationen u.v.a. nicht zum „Clan“ zu rechnen scheint, sie kommen nicht vor. Etwas nervig ist, dass Roth offenbar politisch spürbar links steht: Notwendige Maßnahmen zum Umbau des Sozialstaates sieht er deshalb als Teil des „Clans“. Ebenso geht es mit notwendigen marktwirtschaftlichen Bereinigungsprozessen, die für die Betroffenen natürlich schmerzlich, für die Gesellschaft aber unumgänglich sind.

Völlig unbefriedigend ist, dass Roth immer nur Probleme darstellt, aber kaum eine Zeile darauf verwendet, was sich denn ändern müsste, damit die beschriebenen Probleme reduziert werden. Klagen ist immer einfacher als Vorschläge machen. Mich würde z.B. interessieren, welche Maßnahmen in Italien sich als wirksam gegen die Mafia herausgestellt haben.

Alles in allem entnehme ich dem Buch die wenig originelle These, dass die Moral der Gesellschaft insgesamt abgenommen hat. Dieses Phänomen, seine Ursachen, und was man dagegen tun könnte, hätte Roth viel intensiver beleuchten sollen.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 05. April 2009; dort inzwischen nicht mehr aufzufinden)

Michael Klonovsky: Land der Wunder (2009)

Ästhetisch unakzeptabel: Enttäuschung von diesem Autor

Nachdem ich den „Ramses-Code“ vom selben Autor gelesen hatte, griff ich zum „Land der Wunder“. Ein Fehlgriff. Das Buch ist im Gossenstil der „Idiot“-Bücher geschrieben, offenbar, um ein breites Lesepublikum zu erreichen. Man muss auch solche Bücher einmal gelesen haben, um über unkultiviertes Denken und Empfinden unterrichtet zu sein – aber einmal reicht völlig.

Diesmal habe ich – was ich sehr selten tue – die Lektüre abgebrochen, und zwar an der Stelle, wo der Held der Geschichte besoffen auf der Toilette seiner Freundin einschlief und vom Nebenbuhler den Hintern abgewischt bekam, welcher tags darauf mit Freundin vor dem Erwachenden steht, in Unterhosen, den Geruch von Sperma u.a. verbreitend. Das ist es, was von diesem Buch bleibt, und das muss man sich nicht geben.

Nach kurzem Überfliegen des Endes (die Freundin und überzeugte Sozialistin wurde zur Prostituierten und stirbt an Krebs) war ich mit dem Buch fertig.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 23. Mai 2015)

Sonia Rossi: Fucking Berlin – Studentin und Teilzeit-Hure (2008)

Klischeehaft und ohne Berlin-Bezug

Das Buch „Fucking Berlin“ von Sonia Rossi ist leider nur ein typisches Milieu-Buch, das die üblichen Klischees ableiert. Die arme Studentin aus behütetem Hause, das schrittweise Abrutschen in die Prostitution, das den Übergang von moralisch zu unmoralisch kaschiert, der liebe, aber naive Freund, das völlig irrationale Verlieben in einen kiffenden Strichjungen, was einem Mädchen aus gutem Hause wohl eher selten passieren dürfte, die Abtreibung, das eigene Kind, die üblichen Freier-Archetypen usw. usf.

Dieses Buch könnte von vorne bis hinten eine einzige Erfindung nach Vorgabe sein. Aber vielleicht ist die Wirklichkeit in diesem Milieu ja tatsächlich eine Ansammlung von Klischees. Das Leben kann manchmal sehr banal sein. In diesem Sinne wäre es dann doch gut, dass dieses Buch geschrieben wurde.

Wie auch immer: Man sollte durchaus einmal ein Buch dieser Art gelesen haben, aber dieses eine Buch reicht dann fürs Leben. Mit Berlin hat die Story übrigens nicht allzu viel zu tun.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Gelesen und rezensiert: Januar 2011.

Dave Eggers: Your Fathers, Where Are They? And the Prophets, Do They Live Forever? (2014)

Great plot lost to an unexpected theme

The plot of this book is a great idea: A young man kidnaps several persons who played a role in his upbringing, his mother, a teacher, a congressman, a policeman, an astronaut, and forces them to answer those questions he always wanted to be answered.

Don’t we all want to have answers from certain persons from our past? Why did they act like they acted? What did they really think? Our parents, teachers, etc.?

This book could have been a great story, if it concentrated on the big questions in the heart of everybody.

The problem is: The book is not about these big questions, and the young kidnapper is not everybody. The book is about fatherless young men. Partly non-white. And their problems. And troubles with the police which makes use of guns far to quickly. And drug-addicted mothers. This is interesting, too, but it disappoints the expectation.

Therefore the title: „Your fathers where are they?“ And the young man killed by the police far too quickly considered himself to be a prophet, therefore the title „and the prophets, do they live forever?“ First you think, these are some of the questions the young kidnapper will ask his victims, yet these questions never appear in all the book.

The dialogue as literary form is well-applied in this book, this made it worth reading, too.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 15. August 2015)

Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst – Erinnerungen (2009)

Das Selbstverständliche sagen, auch wenn es ungelegen kommt

Joachim Gaucks Autobiographie ist solide, enthält aber auch keine Überraschungen. Vor allem im Schlussteil äußert Gauck einige Selbstverständlichkeiten, deren Besonderheit allein darin liegt, dass es heute leider nicht mehr selbstverständlich ist, dass diese Ansichten geäußert werden. Beispiele: Bei aller Kritik am „kapitalistischen“ System, vor allem von linker Seite – ohne Freiheit wird alles nur noch schlimmer, ohne Freiheit ist alles nichts. Und: Die Linken behindern die Aufarbeitung des DDR-Unrechts und messen mit zweierlei Maß, weil sie nicht in der Lage sind, sich mit ihrer eigenen Schuld zu befassen. Es tut gut, diese Selbstverständlichkeiten ausgesprochen zu sehen, und dass Gauck dies tut, ist zu würdigen.

Grenzwertig ist Gaucks Würdigung des Widerstandes von Kommunisten. Er macht nämlich nicht deutlich, ob er hier den Widerstand von Einzelnen würdigen möchte, die aus Naivität die Unmenschlichkeit ihrer eigenen kommunistischen Ideologie nicht verstanden haben – das wäre in Ordnung. Oder ob er hier die kommunistische Ideologie ganz oder teilweise mit würdigt – das wäre nicht in Ordnung.

Interessant ist Gaucks Verhältnis zum christlichen Glauben. Denn Gauck wurde nicht deshalb Pastor, weil er besonders gläubig gewesen wäre, sondern weil ihn die Suche nach einer Ausweichmöglichkeit vor dem Regime dorthin trieb. Völlig akzeptabel ist es, wenn er schreibt, dass der Glaube „neben“ dem kritischen Denken steht. Völlig unverständlich jedoch ist es, wenn er tiefgläubige osteuropäische Bauern als Vorbilder im Glauben nennt – denn deren Gläubigkeit und Ungeplagtheit von Zweifeln ist ja keiner besonderen Leistung geschuldet, sondern vielmehr einem Mangel: Einem Mangel an Fähigkeit zur Selbstreflexion. Überhaupt kann die christliche Ausformung von Gläubigkeit bei Gauck nur vor dem Hintergrund seines Lebens verstanden werden: Die Umstände legten es ihm eben nahe, in die allzu große Ungewissheit des christlichen Glaubens zu „springen“, und Gauck „sprang“. Vernünftig ist dieser „Sprung“ jedoch nicht. Gaucks Erklärungen zu diesem Punkt sind sehr verständlich und müssen hingenommen werden, sie sind aber nicht überzeugend.

Die von Gauck gewählten Schwerpunkte des Buches verwundern ein wenig. Werden hier nicht zu viele Fluchtgeschichten erzählt? Gab es denn nichts anderes im Alltag der DDR? Andererseits muss man davon ausgehen, dass Gauck diesen Schwerpunkt nicht ohne Bedacht gewählt hatte. Vielleicht war es ja tatsächlich so, dass den Menschen in der DDR die Fluchten und Ausreisen als Hauptereignisse im Vordergrund ihrer Wahrnehmung standen, und nicht ihr Alltagsleben.

Etwas problematisch ist die Chronologie: Die Kapitel sind teilweise chronologisch, teilweise aber auch unchronologisch thematisch gehalten, so dass Gauck z.B. zunächst plötzlich verheiratet ist, die Darlegung seiner Eheschließung jedoch erst weiter hinten im Buch erfolgt.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Geschrieben Anfang März 2012)

Tibor Rode: Das Los (2014)

Richtig gute Story technisch nicht optimal umgesetzt

Tibor Rode kann gute historische Stoffe finden und sie auch gut für einen Roman aufbereiten. Das hat er hier wieder gezeigt. Das Thema Glück und Spiel wird literarisch gelungen aufbereitet, anhand der preußischen Lotterie von Friedrich dem Großen und dem modernen Pokerspiel.

Aber bei der technischen Umsetzung zeigen sich weiterhin Mängel: Die verschiedenen Handlungsstränge fangen erst nach 2-3 Stunden Hörzeit (Hörbuch) an, sich zu verknüpfen. Das ist zu lange. Und da fängt die Zusammenführung ja erst langsam an! Das endgültige Zusammenführen der verschiedenen Handlungsstränge geschieht erst kurz vor Schluss!

Allerdings hat das Buch einen völlig überraschenden und schönen Schluss, der einen wieder versöhnt. Lesen lohnt, der Leser sollte aber wirklich bis zum Schluss die Hoffnung aufrecht erhalten, dass sich das Buch wider Erwarten doch noch rundet.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 24. Januar 2016)

Akif Pirinçci: Deutschland von Sinnen – Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer (2014)

Ehrliche und untermauerte „Rede an die deutsche Nation“

Akif Pirincci (wie immer sich dieser Name ausspricht) hat eine flammende Rede und einen aufrichtigen Appell an die Deutschen geschrieben, der sich durch Klarheit ebenso wie Einfachheit auszeichnet, mit der er die Wahrheit auf eine zutiefst menschliche Weise ausspricht: Pirincci pflegt einen bodenständigen Realismus, der sich ein X nicht für ein U vormachen lässt, der sich einen Blick für das bewahrt hat, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben. Dabei wünscht Pirincci den Grünen Gutmenschen nicht einmal Strafe an den Hals, sie mögen einfach nur die Klappe halten und gehen. Und seine holzschnittartigen Thesen lassen explizit Raum für Andersartigkeit, nur dass Pirincci diese nicht für den Normalfall hält und das auch klar sagt.

Seine Sprache ist weniger eine Gossensprache, sondern vielmehr die Sprache, in der ein Mensch denkt, aber nicht spricht. Eine Sprache der deutlichen Worte, die aber nicht verletzend gemeint sind, sondern nur wahr.

Sehr gut hat Pirincci das Thema der Öffentlichen-Rechtlichen Medien aufgegriffen, das im Tugendterror-Buch von Sarrazin seltsamerweise unter den Tisch fiel. Beim Thema Islam schwächelt Pirincci ein wenig, denn die Möglichkeit eines aufgeklärten Islam analog zum heutigen Christentum blendet er komplett aus – kein großes Problem, da der aufgeklärte Islam noch im Embryo-Status ist. Seine Erlebnisse vor einem deutschen Gericht sind lesenswert. Seine Analyse der prekären Lage der deutschen Mittelschicht (das sind Du und Ich) rüttelt auf. Seine Einsichten in Wirkzusammenhänge der Wirklichkeit sind teilweise beeindruckend.

Dies ist kein dummes Buch. Was ich bei Sarrazin ebenfalls noch nicht gelesen hatte, ist der Umstand, dass die Zuwanderer überwiegend männlich sind, und deshalb das Geschlechterverhältnis in Deutschland auf der Kippe steht. Pirincci kritisiert meisterhaft die deutschen Journalisten und Intellektuellen: Sollten sie nicht hinter den Vorhang der Verhältnisse schauen, anstatt dabei zu helfen, den Vorhang über die Verhältnisse auszubreiten?

Pirinccis Vision ist kein negativer Reflex, sondern ein konstruktiver Appell: Deutsche Männer! Deutsche Frauen! Ihr seid etwas, seid Euch dessen bewusst! Es ist eine Rede an die deutsche Nation, wie in Zeiten des Vormärz. Es ist weniger ein Versuch, ausgefeilte Lösungen für alles anzubieten, als vielmehr ein Aufruf zum Perspektivwechsel! Unter diesem Gesichtspunkt sind dann auch alle Grobheiten und Einfachheiten verständlich und verlieren ihre Schärfe.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 10. August 2014; inzwischen dort verschwunden)

Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft (2018)

Unausgeführte literarische Versuche, die kein Ganzes ergeben, und wenig hell sind

Dieses Buch ist ein Torso. Es hat lauter unzusammenhängende Kleinigkeiten darin, die literarisch oder inhaltlich von Wert sind: Zunächst ein endloser psychedelischer Strom von Assoziationen und Rückblenden, teilweise im Suff. Dann die literarische Gestaltung des Redens im Suff (Marmeladow in Dostojewskis Schuld und Sühne bleibt aber unerreicht). Sehr interessant die Idee, dass die Sprache durch ihren Klang Trost und Sicherheit spendet, und weniger durch ihre Inhalte. In diesem Sinne könnte der psychedelische Strom von Assoziationen in diesem Buch als beruhigendes Dauermurmeln für den Leser interpretiert werden.

Inhaltlich werden zahllose aktuelle Themen angerissen, insbesondere in der Oberflächlickeit des Suffs, aber dann bekommen die Themen häufig doch noch einen Drive in größere Tiefe. Aber immer nur angedeutet. Und das ist zu wenig. Die Brüderbeziehung ist hingegen eher klassisch: Auf der einen Seite ein Schwärmer und Idealist, der vieles anfängt und nichts zu Ende bringt, eine verletzliche und empfindliche Natur, die hysterisch auf die Probleme der Welt reagiert, geistig meist an der Oberfläche verbleibt und Küchenphilosophie betreibt, sich schwer in soziale Zusammenhänge einordnet, Erfolg bei den Frauen hat, aber keine dauerhafte Beziehung zustande bringt, und schließlich dem Alkohol verfällt. Auf der anderen Seite der eher nüchterne, rationale Typ, zurückhaltend und deshalb auch robuster, der Dinge zu Ende führt und tiefer in die Gedanken eindringt (z.B. Panpsychismus). Zwei Welten treffen aufeinander. Neu ist das aber nicht.

Schließlich der Tod als Thema. Die Trauer. Die Erinnerung. Die Banalität des Todes. Trost durch den Erzählstrom der Worte, ohne dass es auf Inhalte ankäme. Wie das Gutenachtlied für Kinder. Nein, das ist alles nicht überzeugend. Ich hätte z.B. gerne gehört, ob der Panpsychismus in der Lage ist, Trost zu spenden. Oder ob der Bruder, der sich sein Leben selbst schwer gemacht hatte, sein Leben tapfer und tugendhaft gelebt hat, und ob das Trost spenden kann. Aber nichts davon.

Und all das wird nicht zu einem größeren Ganzen integriert.

An einer Stelle blieb eine Dummheit stehen, die sauer aufstößt. Es geht um die Deutschen unter dem Nationalsozialismus, Zitat: „… die Einwohner jenes Landes in der Mitte des Kontinents, deren Eltern das Zerstören und Töten, das später auch die eigenen Kinder traumatisierte, ja überhaupt erst in Gang gesetzt hatten, durch offene Zustimmung oder mangelnden Widerstand“ (S. 166).

Dass es unzulässig ist, ein ganzes Volk für eine Diktatur in Haft zu nehmen, wusste schon Thukydides, und dass die Athener von dieser Weisheit später abkamen, hatte Thukydides mit großer Klarheit als deutlichstes Zeichen des moralischen Verfalls erkannt. Hinzu kommt die unsägliche Leichtigkeit, mit der es heute üblich geworden ist zu sagen, man hätte bitteschön gefälligst Widerstand leisten sollen, ansonsten wäre man eben schuldig. Ich muss kein Buch gut finden, das mir solche Dummheiten vorsetzt. Die Menschen heute scheitern ja bereits daran, ihre Vereinnahmung durch den Zeitgeist überhaupt zu erkennen, geschweige denn, dass sie Widerstand leisten würden, obwohl man heute dazu weit weniger Mut benötigt, als damals. Bücher sollten ihre Leser aufklären und nicht zur Verwirrung beitragen.

Fazit

Dies ist ist ein Trümmerhaufen von einem Buch. Aus den verkohlten Resten der Ruine kann ein findiger Lumpensammler zwar Kleinigkeiten von Schrottwert herausziehen, mehr aber nicht. Der Titel ist Programm: „Die Überwindung der Schwerkraft“. Ein hehres Versprechen, von dem aber jeder weiß, dass das gar nicht geht. Damit ist dieses Buch völlig programmgemäß an seinem eigenen Anspruch gescheitert.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 17. Juli 2019)

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor – Ein Jahrebuch (2020)

Teils Ossi-Wessi-Geschichte, teils Zeugnis der Zunahme der Verlogenheit

Birk Meinhardt ist ein waschechter Ossi und erklärt sich dankenswerterweise ausführlich und ehrlich dazu, was das im Guten wie im Schlechten bedeutet. Hier ist das Buch sehr stark. Als er nach dem Mauerfall in den Westen zur Süddeutschen Zeitung kommt, fühlt er sich im Paradies: Er kann alles schreiben was er will! Doch dann bemerkt er immer mehr Einschränkungen, und am Ende passen seine neu erwachte Freiheitsliebe und die Linie der Zeitung nicht mehr zusammen.

Teilweise ist das einfach eine Ossi-Wessi-Geschichte. Der Ossi denkt, im Westen ist das Paradies, und dann ist es doch nicht so. Die Süddeutsche Zeitung hat, wie viele Zeitungen, eine recht klare Linie. Es war schon immer klar, dass man dort nicht alles schreiben kann. Nur hat Birk Meinhardt dies eben erst spät bemerkt. Und es ist im Grundsatz auch nichts verkehrt daran, dass verschiedene Zeitungen verschiedene „Linien“ haben. Das Verlogene liegt eher darin, dass diese Blätter nicht offen dazu stehen und ihre Linie nicht im Untertitel ihrer Zeitung klar zum Ausdruck bringen.

Doch auf dieses Niveau bringt Birk Meinhardt seine Kritik nicht. Teilweise offenbart der Autor, dass er selbst eine recht einseitig Sicht auf die Welt hat. Er ist gegen die USA und ihre Kriege, gegen die NATO, für Russland, usw. usf. Das darf er sein, und es sollte auch eine Zeitung dafür in Deutschland geben, und sowas sollte auch im Öffentlich-Rechtlichen fair behandelt werden. Aber dass er damit bei der Süddeutschen nicht ankommt, ist klar.

Interessanter ist, dass dieses Buch teilweise auch ein Zeugnis dafür ist, dass die Verlogenheit und Einseitigkeit in Deutschland in den letzten Jahrzehnten tatsächlich zugenommen hat. Leider wird das aber nicht sauber von der Ossi-Fehlwahrnehmung getrennt. Der Leser muss sich selbst denken, was auf das eine Phänomen und was auf das andere Phänomen zurückgeht.

Das Buch ist dort stark, wo es ehrlich die eigene Geschichte und die Vorgänge in der Süddeutschen Zeitung beschreibt. Man sieht, was läuft, und wie es läuft. Das ist immer gut und der Anfang und die Basis jeder Kritik. Das Buch schafft es aber nicht, die Analyse auf ein höheres Niveau zu heben, das geeignet wäre, echte Lösung zu formulieren. Es bleibt sozusagen auf Wutbürger-Niveau hängen. Klar, die Zustände machen wütend. Aber die Lösung kann eben nicht sein, dass die Süddeutsche Sachen veröffentlicht, die ihrer Linie zuwiderlaufen. Deshalb nicht volle Punktzahl.

Die richtige Kritik wäre gewesen: Die Süddeutsche muss offen zu ihrer politischen Linie stehen. Und es muss andere Zeitungen und öffentlich-rechtliche Journalisten geben, die auch die anderen Meinungen zum Zuge kommen lassen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. Februar 2021)

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