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Mark A. Gabriel: Islam und Terrorismus – Was der Koran wirklich über Christentum, Gewalt und die Ziele des Djihad lehrt (2002)

Gutes Buch – Schlechtes Buch – Differenzierung

Das Buch von Mark A. Gabriel beschreibt den Islam in hervorragender Weise. So erscheint es jedenfalls zunächst. Von den Anfängen mit Mohammed, der ein blutrünstiger und mörderischer Kriegsherr war und befahl, die ganze Welt zu erobern. Von den zahllosen Versen im Koran, die zu Gewalt und Mord aufrufen. Vom Dschihad als Angriff und Unterwerfung. Von der Lehre der Abrogation, derzufolge „milde“ Verse durch spätere Gewaltverse überschrieben werden. Von der Tötung der Apostaten. Von der Unterdrückung der Frauen. Von der Sklaverei. Von der Lehre, dass Muslime lügen dürfen, um ihre wahren Absichten zu verschleiern. Es wird nichts ausgelassen.

Und ja: Diesen Islam, den Mark A. Gabriel hier beschreibt, den gibt es wirklich. Wir sehen ihn überall. Wir erleben ihn überall. Westliche Islamverbände versuchen, das Bild weich zu zeichnen, doch es ist offensichtlich, dass sie nur verschleiern wollen, was unter der Decke wirklich stattfindet. Es ist falsch, wenn unsere Politiker sagen, es sei nur der Islamismus, während „der Islam“ völlig harmlos sei. Nein, es ist nicht nur der Islamismus. Es ist auch der traditionelle Islam. Es ist auch der Traditionalismus, nicht nur der Islamismus.

Als Warnung vor einer echten Gefahr ist dies ein wirklich gutes Buch.

Warum ist es dennoch ein schlechtes Buch?

Ein Vergleich mag zeigen, warum dies ein schlechtes Buch ist. Stellen wir uns einen Beobachter des Christentums vor, der im Jahr 1500 beschreibt, was er sieht.

Er sieht eine totalitäre Weltkirche, vom Papst diktatorisch beherrscht. Diese Kirche rechtfertigt die Herrschaft von Königen und Adligen über die Menschen als gottgewollt. Bauern leben praktisch wie Sklaven unter ihren Herren. Frauen sind ihren Männern untertan und müssen ihr Haupt bedecken. Hexen und Ketzer werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Juden müssen in Ghettos leben. Hin und wieder kommt es zu einem Judenpogrom. Die arme Bevölkerung wird über den Ablasshandel weiter ausgepresst. Christliche Heere erobern blutig das neu entdeckte Amerika. Bei der Ausbreitung des Christentums wird nicht zimperlich vorgegangen. Große Teile der Indio-Bevölkerung kommen ums Leben, der klägliche Rest wird versklavt. Die Indio-Kultur wird ausgelöscht, denn sie gilt als gottlos. Reformer wie Jan Hus wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Einzelne Reformstimmen wie z.B. Erasmus von Rotterdam bleiben ungehört. Auch der Reformer Martin Luther wird bald für vogelfrei erklärt werden.

Wir sehen wahrlich kein gutes Bild des Christentums. Der Beobachter hat aber einen Punkt: Die Beschreibung ist nämlich nicht falsch. Alles das gab es im Jahr 1500 wirklich. Das Christentum war damals in keinem guten Zustand.

Wenn der fiktive Beobachter des Jahres 1500 jetzt sagen würde: Seht, so ist das Christentum! So war es immer. So wird es immer sein. Denn das steht ja auch alles in der Bibel: Der Papst, die Kirche, das Verhältnis zu den Juden, die Unterdrückung der Frauen, die Verbrennung der Hexen: Es steht alles im heiligen Buch der Christen und kann niemals geändert werden! Denn die Bibel ist Gottes Wort! – Wäre das ein gerechtes, ein faires, ein gutes Urteil über das Christentum? Die Antwort ist klar: Nein, das wäre es nicht.

Wo liegen die Denkfehler des fiktiven Beobachters?

Der Beobachter des Jahres 1500 hat völlig vergessen, dass das Christentum in den letzten 1500 Jahren auch ganz anders war als das Christentum, das er in seiner Gegenwart erlebt. Der Beobachter irrt, dass die Zustände des Jahres 1500 alle in der Bibel festgeschrieben stehen. Das war nur die Deutung (!) des Bibeltextes im Jahr 1500 durch die Kirche. Doch der Text der Bibel selbst sagt so etwas nicht unbedingt. Und nicht zuletzt unterschätzt der Beobachter die Reformer völlig.

Der Beobachter ist völlig der falschen Suggestion der Traditionalisten erlegen, dass das alles schon immer so war und immer so sein müsse. Diesen Irrtum nennt man Traditionalismus. Traditionalismus ist kein Konservativismus. Konservativismus kann auf der Grundlage der Vernunft auch neue Deutungen akzeptieren. Traditionalismus ist ein Festhalten und Festklammern an einer mittelalterlichen Vorstellung von Kirche und Religion gegen jede Vernunft.

Die Fehler des Mark A. Gabriel

Und genau diese Fehler begeht auch Mark A. Gabriel bei seiner Beschreibung des Islam. Es ist einfach falsch, dass alle diese Lehren im Koran festgeschrieben stehen würden. Der Koran ist ein höchst widersprüchliches Buch, in dem Gebote zu Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und Gastfreundschaft direkt neben Tötungsbefehlen stehen. Viele angebliche Lehren des Koran stehen auch gar nicht im Koran, sondern in der Hadith-Literatur, die erst Jahrhunderte nach Mohammed aufgezeichnet wurde. Kann man diese Texte auch anders deuten als der aktuell vorherrschende Islam? Aber natürlich kann man das! Mark A. Gabriel ist der Suggestion der Traditionalisten erlegen.

Und die Lehren des Koran sind in der Vergangenheit tatsächlich auch vielfach anders gedeutet worden. Mark A. Gabriel unterschlägt völlig die lange und windungsreiche Geschichte des Islam und tut so, als wäre der Islam in 1400 Jahren völlig unverändert geblieben. Schon wieder ist er der Suggestion der Traditionalisten erlegen! Keine Religion bleibt über 1400 Jahre unverändert. Das sollte einem schon der gesunde Menschenverstand sagen.

Bereits die Anfänge des Islam waren ganz anders, als die Traditionalisten es sich vorstellen. Die historisch-kritische Forschung zeichnet heute ein völlig anderes Bild der Anfänge des Islam als die traditionellen Überlieferungen, die erst Jahrhunderte nach Mohammed erstmals aufgezeichnet wurden. Mohammed war kein blutrünstiger Kriegsherr, und er wollte auch gewiss nicht die Welt erobern. Dann gab es auch eine Phase, in der sich der Islam auf der Grundlage der antiken Philosophie dem Rationalismus zuwandte (Mutazila) und höchst moderne Lehren vertrat. Dschihad wurde von manchen Gelehrten klar auf einen Verteidigungskrieg beschränkt, und zwar im Einklang mit der Kriegslehre Platons im Dialog Nomoi. Es ist derselbe Platon, der auch Grundlage der europäischen Kultur ist. Nicht zu vergessen die Reformbemühungen im Islam seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts, die mit viel Optimismus bis zum Ersten Weltkrieg vorangetrieben wurden. Erst die Reaktion auf die Eroberung der arabischen Welt durch Briten und Franzosen brachte die Reformbemühungen zu einem Ende, und es entstand der politische Islam, der Islamismus, wie wir ihn heute kennen. Seitdem wird der Islam von Traditionalisten und Islamisten beherrscht.

Mark A. Gabriel ist auch ungerecht, wenn er dem Islam das Christentum als bessere Religion gegenüberstellt. Manche sagen z.B., Jesus wäre friedliebend gewesen, so dass er auch die andere Wange hinhielt und lieber ans Kreuz ging. Ein solcher Religionsgründer ist jedoch genauso problematisch wie ein blutrünstiger Kriegsherr. Denn es ist das andere Extrem. Wer das Böse gewähren lässt, wird keine gerechte Gesellschaft errichten können. Aber kein christlicher Islamkritiker verschwendet einen Gedanken auf dieses ernste Problem.

Wer jetzt einwendet, dass Jesus und das Neue Testament gar nicht so friedliebend sind, wie viele meinen, hat vielleicht Recht, gibt aber damit gleichzeitig zu, dass vorherrschende Deutungen auch falsch sein können. Und natürlich entstehen mit einem nicht-friedlichen Jesus neue Probleme: Bis hin zur Rechtfertigung von Kreuzzügen, weil Jesus sagte, er bringe keinen Frieden, sondern das Schwert. Ja, so wurden die Kreuzzüge theologisch begründet, so falsch das auch gewesen sein mag: Das war die damals vorherrschende Deutung.

Wenn wir an die Emanzipation der Frau denken, dann ist diese in den christlichen Ländern noch keine 100 Jahre her, und die kirchliche Akzeptanz der Gleichberechtigung vielleicht erst 50 Jahre her, und das in 2000 Jahren Geschichte des Christentums. Auch die Sklaverei wurde von den Christen lange nicht abgeschafft, sondern erst um 1800. Da hat sich das Christentum aber sehr lange Zeit gelassen, seine guten Seiten zu zeigen, könnte man sagen!

In Wahrheit waren die Abläufe ja auch ganz anders: Es sind Humanismus und Aufklärung, die sich der Wiedergeburt der philosophischen Ideen der Antike verdanken, die ab 1500 zu greifen begannen. Christliche Humanisten und Aufklärer haben das Christentum zu Reformen gebracht, und zwar immer wieder gegen den Willen der Traditionalisten in der Kirche. So entstand schrittweise das menschenfreundliche Christentum, wie wir es heute kennen. Ein menschenfreundliches Christentum konnte glaubwürdig entstehen, weil die Anfänge des Christentums anders waren, als man um 1500 dachte. Also genau derselbe Vorgang, den auch der Islam in der Zeit der Mutazila und bei anderen Gelegenheiten erlebt hat und noch in Zukunft erleben könnte.

Was die aktuellen Reformbewegungen im Islam anbelangt, schweigt Mark A. Gabriel völlig. Das ist natürlich ein totales Versagen. Gewiss, diese Reformbewegungen ändern am schlechten Gesamtbild des aktuellen Islam erst einmal nicht viel. Aber es wäre ein großer Fehler, sie nicht im Auge zu behalten. In Marokko z.B. wurde die Lehre von der Tötung von Apostaten vom höchsten Fatwa-Rat abgeschafft. Und zwar mit einer historisch-kritischen Begründung: Die entsprechenden Aussagen im Koran beziehen sich nach Meinung des Fatwa-Rates auf eine Kriegssituation, und was an dieser Stelle mit dem Tod bestraft wird, ist nicht der Abfall vom Glauben, sondern der Hochverrat im Krieg. Eine logisch und historisch schlüssige Argumentation, die Schule machen könnte. Mit Argumenten dieser Art wurde auch das Christentum reformiert. Es wäre ganz falsch, solche Reformbewegungen einfach zu ignorieren. Hier kann sehr schnell aus etwas Kleinem etwas Großes werden.

Völlig verrückt ist auch der Lösungsvorschlag von Mark A. Gabriel: Die Muslime sollen zum Christentum bekehrt werden, meint er. Natürlich darf ein Christ Muslime bekehren wollen, aber wie realistisch ist es, das als große Lösung für das Problem zu verkaufen?! Es ist bestenfalls eine sehr, sehr kleine Teillösung.

Zusammenfassung

Mark A. Gabriel hat einen richtigen und wichtigen Punkt: Der Islam in seinem aktuellen Zustand, der von Traditionalisten und Islamisten beherrscht wird, ist eine echte Gefahr.

Es wäre aber ganz falsch zu sagen, dass „der Islam“ so sei, und dass Islamreformer praktisch ignoriert werden könnten, weil das nur Traumtänzer seien. Damit wirft man den Reformern Knüppel zwischen die Beine, schlägt allen gutwilligen Muslimen die Tür vor der Nase zu und treibt die Muslime in die Arme von Traditionalisten und Islamisten. Das ist selten dämlich.

Beim Islam muss natürlich zweigleisig vorgegangen werden: Einerseits muss man gegen Islamismus und Traditionalismus vorgehen. Andererseits muss man gutwilligen Muslimen die Möglichkeit eröffnen, einen reformierten Islam zu entwickeln. Eine pauschale Verurteilung des Islam verbietet sich deshalb genauso wie eine pauschale Verharmlosung des Islam. Was verurteilt werden muss sind Islamismus und Traditionalismus, nicht „der Islam“, auch wenn dieser aktuell von Islamismus und Traditionalismus beherrscht wird.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

Robert A. Segal: Mythos – Eine kleine Einführung (2007)

Parforce-Ritt durch die Mythenforschung

„Mythos“ von Robert A. Segal ist eine kleine Einführung in die Mythenforschung, d.h. in die Frage, wie die Wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert den Mythos definiert und analysiert hat. Dabei unternimmt Segal einen wahren Parforce-Ritt durch die verschiedenen Ansätze, die Mythen unter den Gesichtspunkten Wissenschaft, Philosophie, Religion, Ritual, Literatur, Psychologie, Struktur und Gesellschaft zu deuten versuchen. Dabei orientiert er sich an den Hauptautoren für diese Gebiete. Jeder Ansatz wird immer wieder am gleichen Mythos, dem Adonis-Mythos, ausprobiert, um die Unterschiede in den Ansätzen zu zeigen.

Die Anordnung der Deutungsansätze ist leidlich chronologisch, dennoch tauchen die Namen mancher Forscher wiederholt auf, weil sie zum Mythos unter verschiedenen Gesichtspunkten etwas zu sagen hatten. Einige Tabellen am Ende des Buches, die die Zusammenhänge noch einmal übersichtlich (nach Zeit, nach Autor, nach Ansatz) zusammengefasst hätten, wären hilfreich gewesen. Alles in allem ein nützliches Büchlein, um schnell ins Thema einzusteigen und einen Überblick zu bekommen. Aber es schwirrt einem hinterher auch der Kopf, und man sehnt sich nach einem Buch, das mehr Ordnung hinein bringt.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 22. Juli 2011)

Thomas A. Szlezák: Platon lesen (1993)

Allgemeinbildende Grundeinsichten zu Platons Dialogen

Die Dialoge Platons sind grundlegende Texte unserer Kultur der Aufklärung und können und sollten von jedem gelesen werden. Auf einer oberflächlichen Ebene sind sie auch leicht und unmittelbar zu verstehen.

Doch wer etwas tiefer in die Materie eindringen möchte und die Frage stellt, was Platon mit seinen Dialogen genau bezweckte und sagen wollte, der ist mit „Platon lesen“ von Szlezák zunächst ganz gut bedient. Was hier über Platon gesagt wird, gehört genauso zur grundlegenden Allgemeinbildung wie die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung über die Texte von Bibel, Koran u.a.

Natürlich ist nicht alles, was Szlezák sagt, unumstritten, so z. B. seine Auffassungen zur Verwendung des Begriffes „Mythos“ durch Platon. Dennoch: Leseempfehlung!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 11. März 2011)

Martin Walser: Über Deutschland reden (1988)

Notwendige und unbequeme Gedanken zur deutschen Nation inmitten des anti-deutschen Selbsthasses

Das vorliegende Suhrkamp-Büchlein versammelt verschiedene Aufsätze und Reden von Martin Walser aus den Jahren 1979 bis 1988, die alle von Deutschland und der deutsche Kultur handeln. Damals, 1988, hatte eine linksdominierte Öffentlichkeit den Gedanken an Deutschland und die deutsche Nation in der BRD praktisch geächtet. Erst die Wiedervereinigung brachte dann – für viele höchst unerwünscht – den Gedanken an Deutschland wieder auf die Tagesordnung und führte zu einer teilweisen Normalisierung. Spätestens in den Merkel-Jahren wurde diese Normalisierung wieder zurückgefahren, so dass der Gedanke an Deutschland, die deutsche Nation und die deutsche Kultur heute (2026) ähnlich geächtet ist wie damals.

Die Sprache und die Gedankengänge Walsers sind teilweise „dicht“ im literarisch-philosophischen Sinn, d.h., der Text ist sind nicht immer ganz leicht zu verstehen und auf einen Nenner zu bringen. Wir wollen im folgenden die Kerngedanken und zentralen Zitate herausziehen, um dieses vergessene Büchlein für eine breitere Leserschaft fruchtbar werden zu lassen. Statt die einzelnen Aufsätze und Reden chronologisch durchzugehen, werden die einzelnen Aussagen nach Themen sortiert besprochen, also unabhängig davon, in welchem der Aufsätze und Reden zwischen 1979 und 1988 die Aussagen gemacht wurden.

Umgang mit dem Holocaust

Die zentrale Frage zur deutschen Nation ist natürlich der Umgang mit dem Holocaust. Sieht man den Holocaust als den Gipfelpunkt der deutschen Kultur und des deutschen (Un-)Wesens an, dann ist mit dem deutschen Wesen natürlich kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Doch ist das wirklich so? Kann und darf man Deutschland und die Deutschen auf den Holocaust reduzieren?

Dazu hat Martin Walser im Jahr 1979 zwei Texte verfasst, die seltsam widersprüchlich sind. Zuerst den Aufsatz „Händedruck mit Gespenstern“, in dem er den linken Intellektuellen vorwirft, sie würden sich selbst von aller Schuld freisprechen und statt dessen die ganze Schuld beim Volk, dem deutschen Volk, abladen:

„Aber in der Rückschau auf das Jahr 1933 hat man sich nahezu festgelegt auf eine Meinung, in der das deutsche Volk als eine Masse erscheint, die zum Reaktionären, Kleinbürgerlichen, Dumpfen, Aufklärungsfeindlichen, Faschismusverdächtigen neigt. Die zurechnungsfähigen Intellektuellen waren an 1933 offenbar nicht beteiligt oder sie waren Opfer. Schuld war wieder dieses deutsche Volk, das dem Verbrechen zugeschaut hatte, mitgemacht hatte, gejubelt hatte. Wieder waren die zurechnungsfähigen Intellektuellen nicht dabei. Mit diesen fanatisierten Kleinbürgern hatten sie nichts zu tun. Und die Kapitalisten sind sowieso jedesmal auf der Seite der Kriegs- und Geschichtsgewinner. Der Dumme ist immer das Volk.“ (S. 19)

Hier nimmt Martin Walser die Deutschen also in Schutz vor einem kollektiven Schuldvorwurf, den ausgerechnet die linken Intellektuellen beim einfachen Volk abladen, während sie sich selbst eine weiße Weste attestieren. Hier sind wir beim Vorwurf des „Shitbürgertums“ von Ulf Poschardt aus dem Jahr 2025, demzufolge viele dieser linken Intellektuellen ganz und gar keine weiße Weste hatten, sondern selbst Sympathisanten der Nazis waren. Ihr pauschaler Vorwurf an „die Deutschen“ ist in diesem Sinne eine Strategie, der eigenen, persönlichen Schuld zu entkommen.

In seiner Rede „Auschwitz und kein Ende“ aus demselben Jahr 1979 spricht Walser jedoch ganz anders. Mit der Formulierung „wir, die wir zur Volksgemeinschaft der Täter gehören“ (S. 24) ist Walser ganz nahe an dem bösen Wort vom „Tätervolk“. Walser weiter: „Wir auf jeden Fall helfen uns eben dadurch, dass wir die Schuld … … … auf eine Handvoll Schergen schieben.“ (S. 24) – „Und doch ist diese Tötungsfabrik durch uns entstanden.“ – „In Auschwitz arbeitete unsere ganze Gesellschaft mit.“ (S. 25)

„Ein Franzose oder ein Amerikaner … muss nicht denken: Wir Menschen! Er kann denken: Diese Deutschen! Können wir denken: Diese Nazis!? Ich kann es nicht.“ (S. 25) Weiter: „Diese Schuld ist unter den Bedingungen unserer Geschichte entstanden. … Wir sind die Fortsetzung. Auch der Bedingungen, die zu Auschwitz führten.“ (S. 25 f.) „Kein Deutscher kann … sagen, seine Landsleute, die hier gewirkt haben, seien Psychopathen oder Spezialisten gewesen, mit denen habe er nichts zu tun.“ (S. 26 f.)

Walser diagnostiziert: „Uns fehlt etwas, was über den einzelnen hinausgeht. Etwas, dem er verpflichtet ist. Etwas, das ihn unfähig gemacht hätte, an der Auschwitz-Tötungs-Fabrik in irgendeiner Weise mitzuarbeiten. Etwas, was Gott und Humanismus noch nicht schafften.“ Walser weiter: „… kann nicht gedient sein, wenn ein Verbrechen solchen Ausmaßes nachträglich herunterdividiert wird auf ein paar Bösewichter. Was ist das für eine Einteilung: Ich gehöre dazu, sobald es sich um Goethes Faust handelt, aber mit dem Dr. Faust in Auschwitz habe ich nichts gemein. Wir haben mit ihm alles gemein, was wir mit Goethe gemein haben.“ (S. 29) Und: „Ich glaube: man ist Verbrecher, wenn die Gesellschaft, zu der man gehört, Verbrechen begeht.“ (S. 30)

Mit diesen Worten ist Martin Walser wieder ganz und gar bei der Kollektivschuldthese angelangt: Alle Deutschen sind schuldig, allein, weil sie Deutsche sind. Den Deutschen fehle etwas, was andere Völker angeblich hätten. Begründet wird dies mit schrägen Thesen: Denn Goethes Faust, den Walser anführt, ist ein höchst öffentliches Werk, das die deutsche Nation wahrlich geprägt hat, während Walsers „Dr. Faust in Auschwitz“ bekanntlich höchst unöffentlich zu Werke ging, und das aus gutem Grund: Weil die Deutschen dieses Verbrechen nämlich keinesfalls gutgeheißen hätten, hätte man es öffentlich gemacht.

Natürlich ist der erste Ansatz von Martin Walser wesentlich zielführender als der zweite: Es gibt keine Kollektivschuld, natürlich nicht, denn der Gedanke einer Kollektivschuld widerspricht jedem humanistischen Geist. Gewiss, die Zahl der Schuldigen ist hoch. Es sind nicht nur ein paar wenige Anführer schuldig geworden, das ist schon richtig. Aber es ist eben auch nicht so, dass das ganze deutsche Volk wie ein Mann diesem Verbrechen zugestimmt hat. Ganz und gar nicht. Es ist etwas zwischen diesen beiden Extremen, auf jeden Fall eine höchst ungleiche Verteilung von Schuld, und es ist bis heute nicht hinreichend erforscht worden, wie diese Schuld eigentlich tatsächlich verteilt ist. Ein Grund dafür ist, dass mit dieser Frage Politik gemacht wird. Bis heute. Das ist ja das Problem.

Wie kommt es, dass Martin Walser in zwei Texten desselben Jahres 1979 einmal so und einmal so sprach? Man kann nur Vermutungen anstellen. Vielleicht ist der Grund, dass der zweite Text eine Rede zu einer Ausstellung ist, wo Walser auch vor Opfern des Holocaust sprach. Vielleicht empfand Walser es in dieser Situation passender, nicht zu differenzieren? Ehrlich wäre er dann nicht gewesen. Seine ehrliche Meinung finden wir ganz offensichtlich im ersten Text. Und in seinen weiteren Texten, in denen er die deutsche Kultur vor jedem Pauschalvorwurf in Schutz nimmt, wie wir im folgenden sehen werden.

Die Anti-Deutschen als Folge des Holocaust und 1918

Martin Walser sieht genau, wie der anti-deutsche Reflex der BRD aus einem Versagen des Umgangs mit Auschwitz erwächst: „Aber ich muss zugeben, eine rein weltliche, eine liberale, eine vom Religiösen, eine überhaupt von allem Ich-Überschreitenden fliehende Gesellschaft kann Auschwitz nur verdrängen. Wo das Ich das Höchste ist, kann man Schuld nur verdrängen.“ (S. 20)

Auch die Auflösung von nationaler Identität im Individualismus ist eine Flucht vor der Verantwortung: „Deutsches Volk? Nie gehört.“ (S. 28) „Ich weiß ja, wie wenig ernst der BRD-Erfolgsmensch seinen Pass nimmt. Er ist mindestens Europäer.“ (S. 93) „Wo Miteinander, Solidarität und Nation aufscheinen, da sieht das bundesrepublikanisch-liberale Weltkind Kirche oder Kommunismus oder Faschismus.“ (S. 20) Auch die Wirtschaft zieht sich aus der Affäre: „Ja, Firmen waren auch dabei in Auschwitz. Aber was ist eine Firma? Hat eine Firma Gedächtnis? Gewissen?“ (S. 28) „Internationalismus ist in Ost- und Westdeutschland ein gleichermaßen forcierter Wert.“ (S. 22)

Nur im Ausland sei man zwangsläufig Deutscher: „Es soll in den letzten dreißig Jahren öfter vorgekommen sein, dass Deutsche im Ausland durch entgegenkommend gemeintes, betont undeutsches Auftreten besonders unangenehm deutsch gewirkt haben.“ (S. 94)

Heutige Historiker sagen mit ihren Analysen des Nationalsozialismus mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit (S. 78). Ein Gespräch über Deutschland ende immer ungut, auch unter Freunden (S. 79). Alles sei von Phrasen überdeckt: „Deutschland habe es sowieso nie gegeben.“ – „Also nie mehr Deutschland.“ (S. 80) – Dabei war Deutschland und seine Einheit im 19. Jahrhundert demokratisch gedacht worden, selbst Karl Marx sprach von Deutschland (S. 81).

Heute heiße es: „Die Deutschen sind alle Nazis“ (S. 85) Walser wundert sich: „wie viele bedeutende Leute Jahrzehnte nach der Erledigung des Faschismus ihren Zorn und ihr gutes Gewissen lebenslänglich durch antifaschistische Regungen belebten.“ (S. 86) Dem Historikerstreit, der von Habermas losgetreten wurde, ist Walser dankbar: Denn er hat zu einer Vielfalt von Ansichten von Links und Rechts geführt, die Walser problemlos in seiner Person integrieren kann, so behauptet er (S. 86 f.).

Willy Brandt nenne die deutsche Frage jetzt „Schizophrenie“, Egon Bahr empfiehlt „Verfassungspatriotismus“, und Otto Schily will die Verpflichtung zur Wiedervereinigung aus der Präambel des Grundgesetzes streichen lassen. (S. 90) „Politik, Schule und Medien, die Wortführer also, haben, mit krass verschiedenen Motiven, viel getan, um die Teilung vernünftig zu machen.“ (S. 92) Wer davon sprechen möchte, dass es noch Deutsche gibt, muss es beweisen, als ob es eine außergewöhnlich kühne Behauptung wäre: „Das muss man beweisen, weil einem im Deutschland-Gespräch auch Karthago und die Azteken vorgehalten werden.“ (S. 93)

Martin Walser setzt den Beginn der Probleme mit der Nation sogar schon 1918 an: „Ich vermute, dass unsere nationale und gesellschaftliche Ratlosigkeit eine Folge unserer Entfernung von unsere Geschichte ist. Mir kommt es so vor, als hätten sich unsere Intellektuellen nach 1918 vom Volk getrennt … … … Schon das Wort ruft vielfältiges Schaudern hervor. Volk – ist das überhaupt ein Begriff? Ist das nicht ein total obsoletes Wort?“ (S. 17 f.)

Das Volk hatte die Folgen des Ersten Weltkrieges zu erleiden, die „bürgerlich-feudalen Cliquen“ nicht. Schon in den 1920er Jahren waren Philosophie und Literatur internationalistisch geprägt. „Die Intellektuellen hatten Roaring Twenties. Arbeiter und Kleinbürger hatten einen aussichtslosen Kampf gegen immer neue Einfälle eines nun doch wirklich international auftretenden Kapitalismus.“ (S. 18)

Am Ende sei immer das Volk der Dumme. „Das [Volk] lernt eine Lektion nach der anderen und kommt kaum nach mit Lernen und Umlernen. Und das deutsche Volk ist ein Musterschüler. In Ost und West. Lieber verliert es sich selbst, als dass es seinem Ost- oder Westlehrer auch nur den geringsten Kummer bereiten würde. Wir haben immer alles besser gekonnt, als wir selbst zu sein.“ (S. 19)

Die BRD ist geschichtslos geworden. „Geschichtsabweisend ist der aktuelle Intellektuelle.“ (S. 20) „Adorno hat diese Geschichtsverneinung mit polemischen Bemerkungen gegen Brecht blanko abgesegnet.“ (S. 20 f.) Der deutsche Kulturbetrieb kennt keinen Sinn mehr im Leben, Sinn wird produziert wie Weizen und Milch (S. 21). Es gilt: „Praxis adieu. Volk adieu. Ich gestatte mir, dazuzusetzen: Gott adieu. Weil Gott für mich kein obsoletes, sondern ein historisches Wort ist für das Bedürfnis nach Ichüberschreitung. Ich halte auch die Zielrichtung nicht für obsolet. Dass uns etwas fehlt, sieht jeder.“ (S. 22)

Deutschland vor den Anti-Deutschen retten

Martin Walser will sich mit diesem Zustand nicht abfinden. „Wer sind wir? Sobald man im Ausland ist, ist man ein Deutscher. Aber wer bin ich hier?“ (S. 19) – „Ich habe ein Bedürfnis nach geschichtlicher Überwindung des Zustands Bundesrepublik. Von Grund auf sollten wir weiter. Aber die herrschende öffentliche Meinung, das herrschende Denken, der vorherrschende Sprachgebrauch nennen dieses Bedürfnis obsolet, obsolet heißt veraltet; ich glaube nur, es sei alt.“ (S. 23)

Eine ewige Strafe für den Holocaust will Walser nicht anerkennen: „Dass ich Jalta, Teheran und die Folgen Strafaktion nenne, ruft Stirnrunzeln hervor. Ich beeile mich zu sagen, dass wir die verdient hatten. Aber doch nicht für immer. Strafe dient nicht der Sühne, sondern doch wohl der Resozialisierung.“ (S. 83) Es sei ungerecht, Schlesierschmerz in einem Atemzug mit Neonazitum nennen (S. 83). „Wir nicken zu allem vor lauter Angst, sonst für Nazis gehalten zu werden.“ (S. 84)

Eine Quelle der Regeneration Deutschlands sieht Walser in der Geschichte: „Seit die konvulsivische Nation nun zerstört ist in einem Ausmaß, das eine Nation allein überhaupt nicht verschulden kann, ist sie mehr als andere auf Geschichte verwiesen. Nur wenn wir eine Nation waren, werden wir wieder eine sein. Und das regelt keiner außer uns selbst.“ (S. 32) – „Von Gewissheit umstellt, widersprechen wir. Es gibt keine mit der Schwäche vergleichbare Kraftquelle.“ Und: „Aus diesem Aber bauen wir den unterirdischen Himmel, den der Geschichte.“ Schließlich: „Der Unterirdische Himmel ist, wenn er sich treu bleibt, subversiv.“ (S. 38)

Walser verweist auch auf jene wenigen Intellektuellen, die mit ihm seine Bedenken teilen und ihrerseits an Deutschland nicht irre geworden sind: Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson (S. 91 f.).

Schließlich meint Martin Walser, das die Deutschen in der DDR oft authentischer Deutsche geblieben seien als die Westdeutschen. Der Brief einer Dresdnerin, wie froh sie ist, von ihm nicht vergessen worden zu sein, ist dafür ein Beleg. Oder die Gedichte von Wulf Kirsten aus Weimar. Diese leben aus einem Sinn für Geschichte und belegen: Es gibt noch „unblamiertes Deutsches“ (S. 98). „Wirkt, verglichen mit einem Kirsten, viel Westliteratur nicht wie Ideologie?“ (S. 96)

„Die Nation ist im Menschenmaß das mächtigste geschichtliche Vorkommen, bis jetzt. Mächtig im geologischen, nicht im politischen Sinn. Die Nation wird sich sicher auflösen irgendwann. Aber doch nicht durch eine Teilung. Doch nicht durch Jalta-Churchill-Roosevelt-Stalin.“ (S. 99) – Im Jahr 1988, nur ein Jahr vor 1989, schrieb Walser: „Es gibt demnach nicht die geringste konkrete Aussicht auf einen Anfang der Überwindung der Teilung. Deutschland bleibt demnach ein Wort, brauchbar für den Wetterbericht. Ich wundere mich selber darüber, dass diese konkrete Aussichtslosigkeit bei mir nicht umschlägt in Hoffnungslosigkeit. Vielleicht wirkt da dieses Geschichtsgefühl.“ (S. 100)

Demokratie und Medien

Martin Walser stellt der Demokratie der BRD und ihrem Mediensystem kein gutes Zeugnis aus. Er sieht eine wachsende Diskrepanz zwischen dem, was geschrieben und dem was verschwiegen wird. Die Differenz ist der „innere Samisdat“. (S. 10 f.) „Pluralismus als Fleckerlaufbahrung, das ist unser Ideal. Möglichst viele Farben, möglichst folgenlos, möglichst öffentlich: so unser Presse-Credo. Demokratische Entwicklung gediehe, glaube ich, nur dann, wenn wirkliche Widersprüche wirklich öffentlich werden könnten.“ (S. 11) Statt dessen: „eine aus lauter monochromen Partien bestehende öffentliche Meinung täuscht Vielfalt vor, wie die östliche veröffentlichte Meinung Öffentlichkeit vortäuscht.“ (S. 11)

„Unser Pluralismus hat so viel Wirklichkeit wie ein in einem Disney-Atelier gezeichneter Dschungel Natur: in solchen Ateliers gibt es ja auch Spezialisten für Tigertatzen, Samtpfoten, Wolken und Veilchen; aber alles ist eben just animated.“ (S. 12) Walser wendet sich gegen den Kleingeist der „Fachleute“, denn in Wahrheit komme es auf den politischen Willen der Akteure an: „Es ist immer mehr möglich, als Fachleute auszurechnen imstande sind“ (S. 90).

Der Grundgedanke der Demokratie wird nicht verwirklicht: „Und die Leute werden nicht gefragt. Das Volk! Populist wird man geschimpft, wenn man meint, die Deuschland-Frage könne nur vom Volk beantwortet werden.“ – „Wir leben noch in einer Zeit, in der nur von oben nach unten gesprochen wird. Von unten nach oben gibt es die Volksstimme nur demoskopisch verfremdet.“ – „Also liegt alles an den Regierungen. Und damit im argen. Es sei denn, die beiden Bevölkerungen ließen sich diesen Pragmatismus nicht ewig gefallen.“ (S. 100)

Walser weist auf die Bedeutung von Öffentlichkeit für die Demokratie hin: „Zweifellos war die öffentliche Meinung das bürgerliche Befreiungsinstrument schlechthin.“ – „Die öffentliche Meinung ist also so ehrwürdig wie die Verfassung.“ (S. 55) – Doch mit dem Mainzer Revolutionär Georg Forster fürchtet Walser deutsche Zustände: „In Deutschland … wird also nicht das Bürgerrecht aus der öffentlichen Meinung stammen, sondern man wird irgendwie ein Bürgerrecht heraufzaubern, und dann öffentliche Meinung damit machen, von oben nach unten also.“ (S. 56) Walser weiter: „Wenn die öffentliche Meinung in den Händen derer ist, die durch sie kontrolliert werden sollen, dann ist – um im Bilde zu bleiben – das Nervensystem unter Vollnarkose.“ (S. 57)

Walser wendet sich gegen Medienmogule wie Berlusconi (S. 53) oder gegen beherrschende Medienkonzerne wie z.B. Bertelsmann, ohne sie beim Namen zu nennen: „Finstere Verlagsschranzen und Medienmonster mit ihrer die Seelen ganzer Kontinente beugenden Macht machen die ältesten Drachensagen zum aktuellen Bilderbuch.“ (S. 39) Das damals neue Privatfernsehen (Bertelsmann, Leo Kirch) ist für Walser keine kommerzielle Veranstaltung, sondern Ausübung von Macht (S. 63).

Das öffentlich-rechtliche Mediensystem hält er für konkurrenzfähig, man müsse nicht darauf bestehen, dass es keine Privaten geben solle. Auf jeden Fall sei wichtig, „dass wir nicht an der Etablierung von Macht, sondern an der Schaffung einer Gegenmacht interessiert sind“ (S. 61).

Denn Macht sei per se ein Problem. „In dreißig Jahren Ausdrucksgewerbe habe ich keine Erfahrung gemacht, die deformierender, verheerender, krankmachender gewesen wäre, als die Erfahrung der Ohnmacht.“ (S. 62) – „Dass Macht nur missbrauchbar ist, wurde im Laufe der Jahre meine wichtigste Erfahrung. Ich habe noch keinen einzigen Menschen getroffen, der durch Machtbesitz nicht entstellt worden wäre.“ (S. 62 f.) – „Macht ist in dem Maße schlimm, wie sie unkontrollierbar ist, egal wer sie ausübt.“ (S. 63)

Sprache und Literatur

Martin Walser kritisiert die Kritik der Frankfurter Schule am sogenannten „Jargon der Eigentlichkeit“: „Schlimmer als der geschmähte Jargon der Eigentlichkeit kommt mir der Jargon vor, in dem da geschmäht wurde.“ (S. 17) – Denn: „Die Sprache sagt nur etwas, wenn sie von Unschuldigen benutzt wird.“ (S. 17) – „Das richtige Verhalten ist wahrscheinlich nur mit dem historischen Vermögen der Sprache zu erörtern.“ (S. 17)

Walser wendet sich gegen die traditionelle Definition von Klassikern in der Literatur. Bei traditionellen Klassikern ginge es oft um die Legitimierung von Macht. Denn was ein Klassiker sei, definiere sich durch dessen Brauchbarkeit. Was ein Klassiker ist, entstehe so durch das Volk und dessen Benutzung von Literatur. (S. 42 f.)

Wer Selbstbewusstsein nötig hat, wird bei Goethe fündig. Wer die Bürgerliche Freiheit und das Schöne entdecken will, greift zu Schiller. Wer verzweifelt, weil es in Deutschland nicht besser werden will, sucht bei Jean Paul Trost. Fichte und Kant sind ihrerseits widerständig gegen die Verhältnisse. Und eiNne Jugend, die reine Helden braucht, findet sie bei Karl May. (S. 43 f.)

„Der Klassiker ist zuerst ein Klassiker seiner Nation.“ (S. 44) – „Unser Klassiker bringt unsere Geschichte zum Ausdruck. Also können wir ihn brauchen.“ (S. 46) – „Sprache sammelt und vermehrt in jedem Klassiker ihr Vermögen.“ (S. 48) – Ohne Hölderlin, Goethe oder Schiller sei die deutsche Sprache gar nicht mehr denkbar.

Mit Goethe sagt Walser: „Übrigens ist mir alles verhasst, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.“ (S. 52) So sollte ein echter Klassiker sein.

Walsers Selbstverständnis als Linker

Aus der Sicht des Jahres 2026 wirkt manches von dem, was Martin Walser damals schrieb, wie „rechts“. Aber natürlich verstand sich Walser als ein Linker, und das kommt auch wiederholt zum Ausdruck.

Ein Demokrat mit Anspruch auf die Verwirklichung der Demokratie wird von Walser kurzerhand als „Sozialist“ angesprochen. Und so verstand er sich selbst, wenn er auch anfügt: „Wie schonend, das nicht in der ersten Person sagen zu müssen.“ (S. 9)

Von der DDR hoffte Walser, dass sie sich zu einem echten Sozialismus entwickeln könnte: „es gibt aber auch die Hoffnung, dass aus dem real existierenden Sozialismus ein wirklicher werden könnte. … … … Die Schwierigkeit entsteht aber dadurch, dass wir dem Osten eine Entwicklungsmöglichkeit zugestehen müssen; auch um unseretwillen. Wenn wir ihn aber nur als etwas behandeln, was abgeschafft werden muss, dann haben wir diese deutsche Aufgabe verfehlt.“ (S. 58 f.) – Walser war auch der Auffassung, dass die Zustände in der DDR im Westen schwarzgemalt würden: „Das Kerkerbild, das hier von der DDR gemalt wird, soll unsere Leute dazu überreden, sich trotz ihrer Ohnmacht und Gezwungenheit frei zu fühlen.“ (S. 15) Statt das westliche System eindeutig als das bessere System zu bezeichnen, hält sich Walser auf Äquidistanz. Das ist sträflich.

Ein Satz stößt angesichts der kommenden Kriege im ehemaligen Jugoslawien und um die Ukraine als böser Irrtum auf: „Und Kriege finden in Europa sowieso nicht mehr statt.“ (S. 81)

Bezüglich der deutschen Geschichte ist Martin Walser ebenfalls auf linke Weise wählerisch. „Was 1871 gegründet wurde, war ja nicht das, was 1848 gewollt worden war.“ (S. 81) – „Nur wenn die Gefahr bestünde, dass wir ins Hohenzollern- oder Hitler-Deutsche zurückfielen, wäre die Teilung gerechtfertigt, ja geradezu notwendig.“ (S. 85) – Schließlich spricht Walser vom „konservativen Missbrauch“ und dem „Adenauerschen Wiedervereinigungsgedöns.“ (S. 90)

Es ist völlig geschichtsvergessen, das Kaiserreich und Nazi-Deutschland in einem Atemzug zu nennen. Wer das Kaiserreich so scharf ablehnt, wie es hier geschieht, der muss sich ernsthaft fragen lassen, wo er noch den Unterschied zu Hitler-Deutschland sieht, und wo er überhaupt ein gutes Deutschland sieht: Vielleicht in der Metternich-Ära? Oder im Dreißigjährigen Krieg?! Wer das Kaiserreich nicht als gelebte Normalität (mit Fehlern) begreifen kann, der sucht wohl nach Utopia. Das Kaiserreich von 1871 so wie Hitlerdeutschland verteufeln und ausgrenzen zu wollen, ist maßlos und falsch. Ebenso die Unterstellung, Konservative würden „Missbrauch“ betreiben, wenn sie von Wiedervereinigung sprechen. Wie demokratisch ist jemand, der Konservative wie Adenauer auf diese Weise aus dem demokratischen Spektrum ausgrenzt?

Nebenthemen

Ein Aufsatz von 1987 widmet sich dem Gegensatz von charaktervollen und charakterlosen Menschen. Der charakterlose Mensch vermeidet klare Urteile. Frauen tun das auch. Dem charakterlosen Menschen entspricht eine gegenstandslose Sprache, in der ein Urteil gar nicht mehr möglich ist.

An dem FAZ-Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki arbeitet sich Martin Walser an zwei Stellen ab. Einmal geht es um Literaturkritiker im Allgemeinen: Sie seien ihr eigener Maßstab. Manche hätten „Medienomnipräsenz“. Und dann fällt der Satz: „Am Kritiker erlebt man, wie Macht den Charakter düngt.“ (S. 69) Marcel Reich-Ranicki bleibt ungenannt, ist aber offensichtlich gemeint.

An einer anderen Stelle wird Marcel Reich-Ranicki explizit genannt und kritisiert, weil er Respekt für die Meinung von Franz Xaver Kroetz äußerte, es sei weise, dass es zwei Deutschlands gebe. Damit würde sich Kroetz der „hierzulande jetzt üblichen nationalen, mitunter ins Nationalistische übergehenden Heuchelei“ widersetzen, so Reich-Ranicki. (S. 87) – Walser wendet sich gegen den an ihn gerichteten Vorwurf von Marcel Reich-Ranicki, er sei Bonner Losungen verfallen und opportunistisch (S. 88). – Walser trocken: „Auch ein prominenter FAZ-Redakteur kann nicht alles, ja er darf nicht alles wissen. Je weniger einer weiß, umso infallibler ist er. Und am infallibelsten ist der Papst.“ (S. 89)

Auch Thomas Mann wird von Martin Walser wiederholt kritisiert. Zuerst habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um seine antidemokratische Haltung in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ zu legitimieren. Doch auch noch 1932 habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um sich nunmehr zwar nicht mehr als antidemokratisch, doch immer noch als unpolitisch zu stilisieren. Goethe und Schiller werden bei Thomas Mann zu Chiffren für Thomas und Heinrich Mann. (S. 49 f.; S. 67)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Katholischer Erwachsenenkatechismus (1985/1995) – Katechismus der Katholischen Kirche (1992)

Grundlegende Lektüre zum Verständnis unserer Welt: Ein katholischer Katechismus

Die meisten Menschen winken beim Wort „Katechismus“ ab: Sie denken an eine Sammlung von kurzen Fragen und Antworten, wie sie die Schüler in früheren Zeiten auswendig lernen mussten. Die reine Schikane. Und doktrinärer Kirchen-Unsinn ist es obendrein. Wer glaubt denn sowas? Wer tut sich das an? Also weg damit.

Aber so einfach ist es nicht. Es gibt eine ganze Reihe von sehr guten Gründen, warum man einen Katechismus gründlich gelesen haben sollte:

  • Was ist Christentum überhaupt? Das ist genau die Frage, die ein Katechismus beantwortet. Ein Katechismus ist die Zusammenfassung der christlichen Glaubens- und Sittenlehre: Was man als Christ inhaltlich glauben sollte, und wie man als Christ leben und handeln sollte in der Welt. Das Wort „Katechismus“ könnte man mit „Lehrbuch“ übersetzen. – Viele Menschen glauben zwar zu wissen, was Christentum ist, doch in Wahrheit ist das vorhandene Wissen oft nur sehr oberflächlich. Da das Christentum aber nun einmal tatsächlich ein wesentlicher Grundpfeiler unserer gesamten westlichen Kultur ist, sollte man sich durchaus die Mühe machen, der Sache etwas näher auf den Grund zu gehen. Und zwar völlig unabhängig von der Frage, ob man das nun glauben will oder nicht. Darum geht es gar nicht. Es geht um ein unverzichtbares Stück Bildung, ohne das wir die Welt, in der wir leben, nicht richtig verstehen können.
  • Die Bibel deuten: Die meisten Menschen glauben, was Christentum sei, das stünde in der Bibel. Man müsse nur die Bibel lesen, und schon wüsste man, was Christentum ist. Aber das ist falsch. Ganz falsch. – Natürlich ist die Bibel das heilige Buch der Christen und damit die Grundlage des Christentums. Aber reicht ein Blick in die Bibel wirklich? Wenn ein x-beliebiger Christ an unserer Haustüre steht und uns eine Bibel überreicht, wissen wir dann schon, was der glaubt? Es gibt so viele Variationen: Papst oder nicht Papst? Bußsakrament oder nicht? Abendmahl als echte Wandlung oder nur als Symbol? Ehescheidung erlaubt oder nicht erlaubt? Jesus der wahre Sohn Gottes oder nur ein Auserwählter? Maria als Mutter der Kirche, oder nur ein unbedeutendes Waschweib? – Mit der Bibel allein weiß man praktisch nichts! Denn was eine Kirche aus der Bibel herausliest, das steht nur im Katechismus der jeweiligen Kirche. Und nur dort! Die Bibel hingegen ist sehr interpretationsfähig. Die Deutungen gehen weit auseinander. – Katholiken glauben zudem, dass das Leben der Kirche eine Überlieferung außerhalb der Bibel transportiert, die ebenfalls von Bedeutung ist. Auch deshalb reicht die Bibel allein nicht. Aufmerksame Leser werden schnell bemerken, dass sich Christentum und Kirche gar nicht voneinander trennen lässt. Wir wissen von Christus nur durch die Kirche. Auch die Bibel ist eine Hervorbringung der Kirche.
  • Christentum durchschauen: Gerade dann, wenn man dem Christentum gegenüber kritisch eingestellt ist, sollte man es kennen. Denn nur wer das Christentum kennt, weiß überhaupt, was alles auf das Christentum zurückgeht. Und nur dann kann man es auch kritisieren. Und sich Alternativen überlegen. Viele Kritiker des Christentums wissen gar nicht, wie viele Bestandteile unserer Kultur auf das Christentum zurückgehen. Sie nehmen viele christliche Dinge für selbstverständlich, die es gar nicht sind, und täuschen sich über die Welt, in der sie leben. Sie sollten einen Katechismus lesen.
  • Andere Religionen durchschauen: Natürlich ist es das Durchschauen und Verstehen anderer Religionen viel einfacher, wenn man erst einmal eine Religion etwas gründlicher durchschaut hat. Und das sollte natürlich zuerst die traditionelle Religion des eigenen Kulturkreises sein. Viele Menschen haben ein oberflächliches Verständnis von Christentum, das sie kurzerhand auf andere Religionen übertragen. Auf diese Weise geraten sie in beliebige Irrtümer über andere Religionen. Mit teils tragischen Konsequenzen. – Von den Islamverharmlosern ist das bekannt. Kaum jemand hat von Kultur und Religion so wenig Ahnung wie die Anhänger eines zügellosen Multikulti. Aber auch jene sind auf dem Holzweg, die sagen, sie hätten den Koran gelesen und wüssten jetzt ganz genau, was „der Islam“ lehrt. Der Koran ist jedoch ein extrem interpretationsbedürftiger Text. Im Koran stehen Aufforderungen zur Gastfreundschaft direkt neben Tötungsbefehlen. Und von Mohammed steht so gut wie nichts im Koran. Nichts wissen sie also! Sie haben schlicht das falsche Buch gelesen, wenn sie es überhaupt gelesen haben. Nicht der Koran, sondern die Deutung (!) des Korans durch die jeweilige Gruppierung ist entscheidend. Das arabische Wort für Katechismus ist übrigens Ilmihal. Islamhasser haben genauso wenig Ahnung von Religion und Kultur wie Islamverharmloser.
  • Einzelthemen: Die Zahl der Themen, zu denen heute Irrtümer kursieren, ist groß. Viele wissen z.B. nicht, dass die Bibel als ganzes als vom Heiligen Geist inspiriert gilt. Manche Christen meinen, sie bräuchten gewisse Texte der Bibel einfach nicht ernst nehmen, weil diese im Alten Testament stehen, oder in den Paulusbriefen. Das ist aber falsch. Auch diese gelten als Gottes Wort. – Ebenso falsch ist es, zu behaupten, die Bibel wäre von Menschen geschrieben, der Koran hingegen sei Gottes Wort. Denn natürlich gilt auch die Bibel als Gottes Wort. Inspiriert durch den Heiligen Geist, aufgeschrieben durch menschliche Schreiber nach deren begrenztem, menschlichen Verständnis. Kein Wort der Bibel kann gestrichen werden. Kein einziges! Religiöse Reformen kommen nicht dadurch zustande, dass man an Bibel oder Koran Streichungen vornimmt, sondern vor allem dadurch, dass man eine irrige Interpretation durch eine bessere Interpretation ersetzt. Mehr dazu unten. – Typisch katholische Themen wie die Heilige Wandlung (Transsubstantiation), die Heiligenverehrung, die Unmöglichkeit der Weihe von Frauen zu Priestern oder der Zölibat der Priester werden ebenfalls erklärt. Man würde sich wünschen, dass alle Journalisten, die über diese Themen schreiben, wenigstens einmal in ihrem Leben einen Katechismus gelesen hätten. Das würde uns 50% des Unsinns, der zur Katholischen Kirche geschrieben wird, ersparen. – Interessant auch, was die christliche Sittenlehre zur Rolle des Staates und der Autorität über andere Menschen zu sagen hat. Oder zum Wirtschaftsleben und zur Soziallehre. Ebenso die Lehre, wann Gewalt, Aufstand und Krieg legitim sind. Schließlich auch das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Kirche und Wissenschaft. Die Menge der Themen ist unerschöpflich.
  • Wie sieht eigentlich eine Gesamtweltanschauung aus? Ein Katechismus spannt – ganz unabhängig von den konkreten Glaubensinhalten – einen Rahmen auf, was alles für Fragen beantwortet werden müssen, um zu einer umfassenden Weltanschauung zu kommen. Auf diese Weise richtet ein Katechismus auch einen Maßstab für alle Kritiker des Christentums auf: Denn alle diese Fragen müssen eine alternative Antwort bekommen, wenn man die christliche Antwort ablehnt! Es ist wirklich eine Menge geistiger Arbeit, die geleistet werden muss, wenn man kein Christ mehr sein will. – In dieser Fülle von Fragen, die ein Katechismus behandelt, ist auch das hohe kulturelle Niveau beschlossen, das die westliche Welt erreicht hat. Man kann nicht einfach hinhüpfen und sagen: Ich glaube das alles jetzt nicht mehr, weg damit! Dieser „Wegwerf-Atheismus“ ist ja heute sehr beliebt. Aber er ist zugleich ein dramatischer Absturz des kulturellen Niveaus. Denn der Wegwerf-Atheismus schafft keine tragfähige Alternative. Er haust vielmehr in den Trümmern des untergehenden Christentums und zehrt unwissentlich von einer Substanz, die immer mehr schwindet. Der Wegwerf-Atheismus kann seiner Natur nach nur eine Übergangserscheinung sein. Entweder die Kultur verfällt tatsächlich, oder es kommt zu einem neuen Aufschwung, sei es mit dem alten Christentum, sei es mit einer anderen Weltanschauung, die ähnliches leistet (oder mit beidem zugleich auf einer gemeinsamen Grundlage?).

Leseempfehlung

Warum sollte es ein katholischer Katechismus sein? Ganz einfach deshalb, weil man hier auch heute noch wesentlich näher dran ist an dem, was Christentum war, ist und sein sollte, als irgendwo sonst. Die evangelische Kirche ist bekanntlich schon länger vom Zeitgeist zerfressen. Hier müsste man wohl bis in die 1950er Jahre zurückgehen, um einen brauchbaren Katechismus zu finden. Der ist dann aber nicht mehr für heutige Menschen geschrieben. – Und die Werke von Theologen? Diese können sehr hilfreich sein, aber sie leisten eines nicht: Sie sind nicht das autoritative Wort der Kirche, die sich vom Heiligen Geist geleitet sieht. Das findet man nur im Katechismus der Kirche. Nur der Katechismus „gilt“ sozusagen, nur der Katechismus bietet besiegelte Glaubenslehre.

Drei Werke seien empfohlen:

  • Zuerst der erste Band des „Katholischen Erwachsenenkatechismus“ der deutschen Katholischen Kirche, mit dem Untertitel „Das Glaubensbekenntnis der Kirche“. Der deutsche Katechismus zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr viel erklärt und eine Brücke zwischen der alten Überlieferung und der modernen Lebenswelt der Lesers zu schlagen versucht. Das wurde damals (1985) unter der Federführung von Walter Kasper auch noch sehr gut gemacht, ohne sich dem Zeitgeist anzupassen. Wenigstens dieses Buch sollte man gelesen haben. Es lohnt sich!
  • Als Schocktherapie könnte man dann den 1995 erschienenen zweiten Band des deutschen Katechismus lesen: „Leben aus dem Glauben“. Hier wird die Sittenlehre der Kirche dargelegt, doch leider ist dieser zweite Band bereits deutlich vom Zeitgeist angekränkelt. Der Leser wird den Unterschied zum ersten Band schnell bemerken und sich mit Grausen abwenden. Hier wimmelt es von ethischem Relativismus, und der Fokus liegt auf Umweltschutz und „sozialer Gerechtigkeit“. Gedanken wie Ordnung, Vernunft, Disziplin und Konsequenz sucht man in diesem Buch vergebens. Marktwirtschaft und Liberalität kommen kaum vor. Tapferkeit wird in diesem Buch ohne Umschweife mit „Zivilcourage“ im Sinne des linken Zeitgeistes übersetzt. Dass man auch tapfer gegen (!) den linken Zeitgeist sein könnte, oder z.B. auch tapfer als Polizist oder Soldat, kommt nicht vor. Zwischen 1985 und 1995 muss es in der deutschen Katholischen Kirche zu einem Sieg der Linken gekommen sein.
  • Sehr empfehlenswert ist die Lektüre des sogenannten „Weltkatechismus“ der katholischen Kirche, der unter der Federführung von Kardinal Ratzinger erarbeitet wurde und 1992 erschienen ist. Der offizielle Titel lautet „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK). Dieser deckt beide Teile ab, Glaubens- und Sittenlehre. Die Glaubenslehre wird hier etwas steifer und mit weniger Erklärungen abgehandelt. Es schadet aber nicht, dasselbe noch einmal in anderen Worten zu lesen. Vor allem aber findet man hier endlich auch die christliche Sittenlehre, die der zweite Band des deutschen Katechismus völlig versaubeutelt hat, in angenehm glaubwürdiger und authentischer Weise dargelegt.

Was fehlt: Entwicklung von Religion

Wer mitreden möchte in Sachen Kultur und Philosophie, in Sachen Literatur und Geschichte, in Sachen Geschichte und Politik, in Sachen Wissenschaft und Medizin, ja, überhaupt in allen (!) Dingen, die unsere westliche Kultur ausmachen, der hat mit der obigen Lektüre eine wichtige Grundlage gelegt.

Allerdings hat man damit noch nicht das ganze Bild. Mindestens eine Sache fehlt. Nämlich die Entwicklung des Christentums. Religionen sind keine statischen Gebilde, auch wenn deren heilige Bücher weitgehend unverändert bleiben. Religionen verändern und entwickeln sich. Teilweise in glaubwürdiger und legitimer Weise. Teilweise nicht. Dazu erfährt man in einem Katechismus recht wenig, weil der Katechismus immer nur die jeweils aktuelle Glaubens- und Sittenlehre enthält, die zum Zeitpunkt seiner Abfassung galt.

Tatsächlich leben Religionen zu einem guten Teil auch von der Suggestion, dass ihre Lehre schon immer so war und sich nicht verändert habe. Jedenfalls ist eine Veränderung der Lehre immer ein schmerzhafter Prozess. Denn eine Veränderung der Lehre bedeutet logischerweise, dass die zuvor geltende Lehre falsch war und man im Irrtum lebte. Dennoch muss ein gläubiger Mensch an solchen Veränderungen interessiert sein, wenn es sich um Korrekturen handelt. Glaubwürdige religiöse Reformen können nur in diesem Sinne stattfinden: Als Korrekturen weg von Irrtümern, hin zur Wahrheit, zur Realität. Niemals als beliebige Anpassungen an den Zeitgeist. Deshalb ist auch die historisch-kritische Erforschung der Urtexte und der Ursprünge von Religionen so wichtig: Weil diese Betrachtungsweise viele Möglichkeiten für glaubwürdige Korrekturen in der Interpretation eröffnet.

Das solche Reformen möglich sind, hat das Christentum in den letzten Jahrhunderten wiederholt bewiesen. Von der Reformation bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. – Ein Beispiel: Das christliche Sittengesetz wurde früher tatsächlich als ein Gesetz verstanden, an das man sich zu halten hatte. Das staatliche Gesetz christlicher Staaten versuchte, das christliche Sittengesetz in Paragraphen zu fassen. Heute hingegen wird die christliche Morallehre nur noch als Empfehlung begriffen, die sich der einzelne Gläubige nach eigener Gewissensentscheidung zu eigen machen sollte. Kein Polizist oder Richter, nicht einmal mehr ein Priester schnüffelt den Menschen hinterher, ob sie sich daran halten. Das staatliche Gesetz und die christliche Morallehre werden völlig getrennt voneinander gesehen. Auch wenn die christliche Morallehre sich im Kern nicht verändert hat, so hat sich doch die Perspektive auf sie völlig verändert.

Aber auch der Islam hat im Laufe seiner Geschichte wiederholt starke Wandlungen durchgemacht. Schon sehr früh wurde eine rationalistische Deutung des Koran entwickelt. – Man kann den Islam natürlich nicht dadurch reformieren, dass man irgendwelche Passagen in Koran und Hadith streicht. Man kann ja auch die antisemitischen Passagen im Neuen Testament oder die Gebote zur Tötung von Hexen im Alten Testament nicht einfach streichen. Man kann den Islam auch nicht dadurch reformieren, dass sich der Islam von Mohammed und seinen Taten distanziert. Aber man könnte den Islam dadurch reformieren, dass man historisch-kritisch glaubwürdig herausarbeitet, dass Mohammed gewisse Dinge, die ihm später fälschlicherweise zugeschrieben wurden (und deshalb auch nicht im Koran stehen), gar nicht getan hat. Zum Beispiel die Vertreibung und Abschlachtung von drei jüdischen Stämmen aus Medina. Es handelt sich um spätere Hinzuerfindungen, um die Juden aus der Umma herauszudrängen, ganz ähnlich wie die antisemitischen Passagen im Neuen Testament dazu dienten, die christlichen Gemeinden von den Juden abzugrenzen.

Nicht der Text also, wohl aber die Interpretation kann sich ändern. Und zwar nicht aus Beliebigkeit und Hokuspokus, sondern weil es tatsächlich gute Gründe dafür gibt. In diesem Sinne muss (!) sich die Interpretation sogar ändern. Denn der gläubige Mensch will ja in der Wahrheit, in der Realität leben. Alles andere wäre Traditionalismus, also ein Festhalten an traditionellen Vorstellungen, obwohl sie widerlegt sind. Das gibt es natürlich auch. In allen Religionen. Traditionalismus ist nicht mit einem sinnvollen Traditionsbewusstsein zu verwechseln, das valide Traditionen hochhalten möchte.

Alternative

Wer wissen möchte, wie es möglich sein sollte, eine Alternative zum Christentum zu entwickeln, wird in einem Katechismus ebenfalls vielfach fündig werden. Denn viele der christlichen Lehren gehen ganz oder in Teilen auf die vorchristliche Antike zurück. Hier stoßen wir auf den anderen, den zweiten Grundpfeiler der westlichen Kultur: Die antike Philosophie und Geistesgeschichte.

Vieles von dem, was das Christentum ausmacht, ist in diesem Sinne gar nicht wirklich christlich. Es ist uns nur in christlicher Gestalt überliefert worden. Schon die Texte des Neuen Testaments sind mit Anspielungen und Wendungen aus der griechischen Philosophie durchdrungen. Augustinus und seine Zeit haben viel Platonismus ins Christentum hineingetragen. Thomas von Aquin hat Aristoteles für das Christentum ausgewertet. Was einst ins Christentum eingepackt wurde, kann heute wieder ausgepackt und ohne die Verpackung gesehen und gelesen werden. Vielleicht sogar besser ohne als mit der Verpackung.

Wer also nach Alternativen sucht, der muss auf Griechenland und Rom zurückgreifen. Empfohlen sei vor allem die Lektüre von Platon, Aristoteles und Cicero.

Die deutsche Ausgabe des katholischen Weltkatechismus enthält einen in diesem Sinne bezeichnenden Fehler: In den umfangreichen Indizes am Ende des Werkes, die es so nur in der deutschen Ausgabe gibt, wird Cicero bei den „kirchlichen Schriftstellern“ aufgeführt. Ein amüsantes und vielsagendes Detail.

PS 01. Mai 2026: Cicero wird nicht nur in der deutschen Ausgabe, sondern in allen Ausgaben weltweit als „kirchlicher Schriftsteller“ geführt. Auch auf Latein unter den „Scriptores ecclesiastici“.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Gilles Marchand: Ein Mund ohne Mensch (2016)

Von der Heilsamkeit der kleinen Dinge und der Phantasie gegenüber einem Lebenstrauma

Der Roman handelt von einem sehr zurückgezogen lebenden Buchhalter Ende vierzig, der sich abends regelmäßig mit einigen Freunden in einem Café trifft. Er hat eine große Narbe vom Mund über den ganzen Hals, die er mit Schals sorgsam zu verbergen versucht. Niemand weiß, was es damit auf sich hat, niemand wagt zu fragen. Eines Tages wird ihm klar, dass er die Geschichte der Narbe erzählen sollte. Abend für Abend nähert er sich dem Kern der Geschichte an.

Der Roman überzeugt durch die einfühlsame Darstellung des zurückhaltenden, bescheidenen Innenlebens des Protagonisten und der Begegnung mit seinen Freunden. Die skurrile Phantasie seiner Geschichten, mit der der Alltag zu etwas besonderem verklärt wird, macht Freude. Am Ende kommt dann eine wuchtige Überraschung, und alle Fäden laufen zusammen.

Ein gutes Buch. Ein starkes Buch.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. Februar 2026)

Homer: Ilias (um 700 v.Chr.)

Einmal sollte man die Ilias als ganzes gehört haben

Es lohnt sich unbedingt, die Ilias als ganzes zu lesen, besser aber zu hören! Jeder kennt die Ilias und weiß so ungefähr, worum es da geht. Aber die Ilias ist eben nicht die Geschichte von dem Trojanischen Krieg mit dem hölzernen Pferd am Ende, die außerhalb der Ilias überliefert ist.

Sondern die Ilias ist eine großartige und gewaltige Dichtung vor dem Hintergrund dieses Krieges, die am Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht, und voller tiefgründiger Gehalte ist:

  • Das Walten der Götter und des Schicksals,
  • der Mensch in seinem Streben und Scheitern,
  • Krieg und Kampf,
  • Volk und Herrschaft,
  • Liebe und Zorn,
  • Feindschaft und Vergebung,
  • usw. usf.

Es ist eine Dichtung, die eine in sich geschlossene und schlüssige Handlung hat, fast wie ein Theaterstück. Man muss das als ganzes kennen:

  • Wie die Götter die Handlung bestimmen,
  • wie die Menschen in diesem Rahmen agieren,
  • wie Achilleus sich versagt,
  • wie die Troer die Achäer immer ärger bedrängen,
  • dann die Wende durch Zeus,
  • schließlich das gegenseitige Erkennen der Feinde (Achilleus/Priamos) als Menschen,
  • usw.

Man sollte es am besten hören: Der beste Ausdruck für die Wirkung der Ilias ist vielleicht „Kopfkino“. Beim Hören ist man der Situation, wie die Ilias einst vorgetragen wurde, am nächsten: Ein Sänger trägt sie vor Publikum vor.

Die Dichtung ist so reichhaltig, dass sie bis heute fortwirkt, und in vielem drinsteckt, von dem man es nicht vermutete. Jeder sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen, jeder wird es wieder anders und neu entdecken!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. Juli 2012)

Hanns Cibulka: Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (1989)

Authentisches Kriegserleben eines Gebildeten auf Sizilien

Hanns Cibulka war 1943 als Nachrichtensoldat des Flakregiment 7 unter dem Kommando von Major von Treptow auf Sizilien und berichtet authentisch von dem Kriegserleben eines einfachen Soldaten. Dieses stellt sich unspektakulärer dar, als heutige Kriegsfilme vermuten lassen. Als Nachrichtensoldat hatte Cibulka Telefonleitungen zwischen Befehls- und Gefechtsständen aufzubauen, wobei hinzu kommt, dass er in einem Flak-Regiment Dienst tat, das eher im Hinterland stationiert wurde um Angreifer aus der Luft zu bekämpfen.

Einquartiert auf einem verlassenen Gehöft einige Kilometer von Catenanuova entfernt, kommt Cibulka mit Land und Leuten in Kontakt. Sizilianer sind politisch weder so noch so gepolt, sondern halten sich aus der Politik heraus und kümmern sich lieber um ihre eigenen, unmittelbaren Belange. Cibulka hat auch einen guten Blick für die Flora der Insel, die er mit großem Kenntnisreichtum immer wieder beschreibt. Tiere erscheinen grundsätzlich als feindselig: Skorpione, Schlangen, Mücken und Moskitos. Harmlose und freundliche Tiere wie Schafe oder Ziegen kommen praktisch nicht vor.

Hanns Cibulka war offenbar schon in jungen Jahren ein gebildeter Mensch: Er weiß um die Mythen und die Geschichte der Insel Sizilien und verknüpft sein eigenes Erleben damit. Als Lektüre hat er u.a. Goethes Italienische Reise und Gregorovius‘ Wanderjahre in Italien dabei. Seine Überlegungen sind nicht immer historisch korrekt, aber immer bedenkenswert, auf jeden Fall literarisch wertvoll.

Sehr interessant ist die ständige Angst davor, von feindlichen Jagdbombern entdeckt und aufs Visier genommen zu werden, sobald man das Haus verlässt. Diese ständige Präsenz feindlicher Jagdbomber weit hinter der Front erinnern an den heutigen Krieg zwischen Russland und der Ukraine, in dem die Soldaten ebenfalls ständig durch gegnerische Drohnen bedroht werden. Die immer wieder eingestreuten Wehrmachtsberichte vom Tage zeigen auch, dass es viele Luftangriffe der Alliierten auf italienische Städte gab. Außerdem scheint klar zu werden, dass Jäger effektiver in der Bekämpfung feindlicher Flugzeuge waren als die damalige Flak.

Am Ende erzählt Cibulka vom Rückzug auf die Ätna-Linie und von einer Abwehrschlacht gegen die heranrückenden Amerikaner. Dann fällt er wegen einer Erkrankung an Malaria aus und kommt ins Lazarett. Hier endet das Tagebuch. Nicht mehr im Tagebuch berichtet wird, dass Cibulka schließlich in Gefangenschaft geriet. Von seiner Gefangenschaft schreibt Cibulka in seinem viel früher erschienenen „Sizilianischen Tagebuch“.

Besondere Themen

In einigen Rückblenden berichtet Cibulka auch von seinen Erlebnissen an der Ostfront, bevor er nach Italien kam. Darunter seine Erlebnisse als Militärmusiker in einem Wehrmachtsbordell. Wie ihm in Russland in einer Flamme die Muttergottes von Tschenstochau erschien. Oder seine Beobachtungen zur Physiognomie eines gefangenen ukrainischen Generals.

Dass Deutschland eine Diktatur ist, ist Cibulka vollkommen bewusst. Mehrfach wird ausführlich auf Ernst Jüngers „Marmorklippen“ rekurriert. Cibulka stammt aus dem schlesischen Jägerndorf, wo sein Vater Sozialdemokrat war und sich dagegen wandte, dass Jägerndorf von der Tschechoslowakei zurück zu Deutschland kam. Auch von Engländern und Franzosen fühlte Cibulka sich als Tscheche verraten. Es sei deshalb nicht sein Krieg, der hier geführt wird, meint er. Cibulka hat also keine Präferenz für einen Sieg der Alliierten.

Mit Empedokles denkt Cibulka über die Sinnlosigkeit des ewigen Hasses unter den Menschen nach, wodurch einmal mehr deutlich wird, dass er keine Seite in diesem Krieg präferiert. Dass Empedokles als Arzt und politischer Mensch eine besondere Rolle spielte, ist Hanns Cibulka bewusst. Auch das Fragmentarische an der Überlieferung zu Empedokles reizt ihn aus literarischen Gründen: Denn ein Fragment ist nicht abgeschlossen. Das ganze literarische Werk von Hanns Cibulka ist deshalb als Fragment angelegt, meistens Tagebücher.

Für Cibulka ist die Diktatur Hitlers eine ganz normale Diktatur wie viele andere auch. Auch der Krieg ist ein Krieg wie viele andere auch. Immer wieder werden Gleichsetzungen mit der Antike vorgenommen. Dass die Diktatur des Nationalsozialismus etwas besonders Schlimmes sein könnte, kommt bei Cibulka als Gedanke nicht vor. Auch die Judenverfolgung und der Holocaust kommen an keiner einzigen Stelle vor. Von mehr als „Arbeitslagern“, wie es sie in jeder Tyrannis gibt, weiß Cibulka nichts. Obwohl Cibulka zuvor an der Ostfront war und als Nachrichtensoldat in einer privilegierten Stellung, was Informationen anbelangt, wusste er offenbar nichts davon. Denn sonst bekam er über die Telefonleitungen alles mit: Welche Ereignisse vor sich gingen, welche Diskussionen geführt wurden, welche Befehle erteilt wurden und sogar, wie die Offiziere das militärische Telefonnetz dazu missbrauchten, mit ihren Geliebten zuhause zu telefonieren.

Der DDR-Autor Cibulka veröffentlichte dieses Buch erst 1989, so dass man es auch als stille Abrechnung mit der DDR-Diktatur lesen kann. Die Verdrehung der öffentlichen Worte und das Wirken der Propaganda werden von Cibulka in einer Weise beschrieben, die auch an die DDR denken lässt.

Kritik

Formal ist zu bemängeln, dass nicht deutlich genug wird, welche Passagen wirklich das originale Tagebuch sind und welche Passagen der Autor bei späterer Bearbeitung hinzugefügt hat, und wann diese spätere Bearbeitung stattfand; womöglich waren es mehrere. Das schmälert den literarischen Wert nicht, kratzt aber etwas an der Authentizität des Tagebuchs.

Eine ganze Reihe von Parallelen zur antiken Geschichte sind schwärmerisch übertrieben, schief, oder – wenn man es genau nimmt – sachlich falsch. Auch das schmälert den literarischen Wert nicht und die Überlegungen bleiben in einem höheren und allgemeineren Sinne durchaus richtig. Man muss hier auch bedenken, dass der Autor erst Anfang 20 war, als er in Sizilien war.

Wirklich ärgerlich ist etwas anderes. Der Autor frönt einer deutschen Unsitte, die im Gefolge des Nationalsozialismus aufkam: Alles Wahre, Schöne und Gute an deutscher Kultur und Geschichte wird den Schrecken des Nationalsozialismus gegenübergestellt und daraus dann der Schluss gezogen, es sei falsch, wertlos oder sei nicht das wirkliche Leben. So wird Goethe mehr oder weniger deutlich vorgeworfen, man habe vor lauter Bomben und Granaten nichts Schönes in Sizilien gefunden. Das Sizilien Goethes sei also höchstens ein Schönwetter-Sizilien, eine wirklichkeitsfremde Idylle. Dem preußischen Major von Treptow wird sein Preußentum zum Vorwurf gemacht: Es ende in elendem Soldatentod, und er ginge hinterher wieder in sein Herrenhaus. Der preußische Staat habe wenig Kultur hervorgebracht.

Solches Denken ist falsch und ungerecht. Der Humanist weiß, dass das Wahre, Schöne und Gute gerade auch angesichts des Schreckens seinen Wert behält, gerade dann. Auch Goethe war schon im Krieg und hat auch verschiedene Heerzüge hin und her durch Weimar ziehen sehen. Seine Ideale gelten nicht trotz dieser Erlebnisse, sondern gerade auch mit und wegen dieser Erlebnisse. Und dass Preußen kaum Kultur hervorgebracht hat, ist grober Unfug. Hat nicht Friedrich der Große die Aufklärung befördert? Immanuel Kant? Wilhelm und Alexander von Humboldt? Bode- und Pergamonmuseum in Berlin? Und ist nicht die Zivilisierung eines Volkes ebenfalls eine große Kulturleistung? Einschließlich der Militärkultur? Und sind die britischen und amerikanischen Soldaten nicht auch einen elenden Soldatentod gestorben? Und sind die britischen Offiziere und amerikanischen Generäle nach dem Krieg nicht auch in ihre Herrenhäuser zurückgekehrt? Natürlich sind sie das. Die Urteile von Hanns Cibulka über Deutschland und Preußen sind falsch und ungerecht.

Hanns Cibulka nennt selbst zwei Dinge, die es ihn hätten besser wissen lassen können: Da ist zum einen der Umstand, dass Cibulka das Immergleiche aller Kriege beklagt. Daran ist etwas Wahres, auch wenn Cibulka den besonderen Charakter des Nationalsozialismus verfehlt. Insofern es für den Krieg, wie er ihn erlebt hat, zutrifft: Warum dann ausgerechnet Preußen herauspicken und darauf herumhacken? Warum nicht z.B. das britische Empire und den typischen Charakter des britischen Offiziers? – Zum anderen sagt Cibulka selbst, dass sich das Wesen des preußischen Offiziers überlebt habe. Damit erkennt er wenigstens implizit an, dass der Krieg, in dem er kämpft, nichts mehr mit Preußen zu tun hat. Warum aber dann auf dem Wesen des preußischen Offiziers herumhacken? Gerade preußische Offiziere haben unter Hitler manchen Befehl verweigert und schließlich auch das Attentat auf Hitler gewagt. Etwas mehr Differenzierung und Gerechtigkeit hätte man sich da schon wünschen können.

Schließlich träumt Cibulka davon, dass die Soldaten einfach ihre Uniformen ausziehen und sich verbrüdern. Das ist hochgradig naiv. So ist die Welt nicht. Cibulka wirft Goethe vor, ein zu idyllisches Weltbild zu haben, selbst aber träumt er hemmungslos vom Wolkenkuckucksheim. Der Versuch, alles Wahre, Schöne und Gute an deutscher Kultur und Geschichte mit dem Nationalsozialismus nach unten zu ziehen, ist auch deshalb gründlich fehlgeschlagen, weil der Autor dieses Versuchs selbst als Träumer entlarvt ist.

Einige Zitate

„Wenn ich das Wort Sizilien ausspreche, bin ich bestürzt über die phonetische Wirkung, da gibt es dreimal das flammenzüngige I, das ist das scharf zischende S, das z. In diesem Wort lebt nichts Verträumtes, Romantisches, da ist alles hart, hell und klar, ganz andere Gestalten treten aus dem dunklen Laub hervor, wo die Goldorangen glühn.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 47)

„Auf dieser Insel war es schon immer eine Frau, die man verehrte, da waren Astarte und Ischtar, Aphrodite und Venus, und erst spät, sehr spät die Jungfrau Maria, keine strenge Herrin, eine Mutter, die den Menschen entgegengeht.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 61)

„Die Insel ist in ihrem Kern Gebirgsmasse. Im Norden dominiert das Urgestein: Gneis, Glimmerschiefer, Granit. Der Ätna ist ein selbständiges Gebirgsmassiv aus Vulkangestein, im Süden liegen die Kalkberge. Nicht nur der Geologe, auch der Laie erkennt die Unterschiede zwischen dem Nordosten und dem Süden der Insel. Der Wechsel der geologischen Struktur verändert das Landschaftsbild, die Berge sind anders gegliedert, sie haben nicht nur eine andere Form, an ihren Hängen wächst auch eine andere Flora.
Im Inneren der Insel Bergketten, es sind heiße trockene Hänge mit grauem Steingeröll, kahl, verkarstet. In diesen Regionen stürzen am Abend keine Wasser in die Kanäle, um sich den den Wurzeln der Bäume wieder zu sammeln. Unerbittlich brennt das Himmelsgestirn herab, saugt aus dem Boden das letzte Wasser. In dieser Landschaft gibt es auch keine Felder, keine Dörfer. Neben dem Maultierpfad Steine, nichts als Steine, eine stachlige Strauchvegetation, eine Wüstenflora. Es ist ein Gebirge, das den Menschen abweist, eine halbafrikanische Wildnis, medusenhaft, außerhalb der Zeit, fern von Maß und Ordnung.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 29 f.)

„In den letzten Tagen habe ich mich wiederholt gefragt, wie würde ein Militär, Major von Treptow, die sizilianische Landschaft beschreiben, vielleicht so:
Sizilien hat eine dreihundertzwanzig Kilometer lange Nordküste, eine zweihundertfünfzehn Kilometer lange Ostküste, die Südküste beträgt zweihundertfünfundachtzig Kilometer. Für militärische Operationen sind im Norden die Golfe von Palermo und Castellamare von Bedeutung, im Osten die Buchten von Messina, Catania, Augusta und Syrakus, die Südküste hat keinen eingeschnittenen Meerbusen.
Die Insel ist sehr gebirgig, große Tiefebenen, die sich für ein Aufmarschgebiet eignen, sind nicht vorhanden. Südlich von Catania, zwischen den Flüssen Simeto und Gornalinga [sic!], liegt eine Ebene, die militärisch von Belang sein könnte, aber auch die Küstenebene im Süden, im Raum von Gela, ist nicht zu unterschätzen.
Abgesehen vom Ätna, der ein selbständiges Gebirgssystem bildet, gibt es Gebirgskomplexe, die von militärischer Relevanz sind: die Gebirgskette an der Nordküste der Insel, das Peloritanische Gebirge, es steigt bis eintausenddreihundert Meter an, das Nebrodische Gebirge, das westlich von Taormina ins Innere des Landes vorstößt und südlich von Cefalù zweitausend Meter erreicht.
In der Südabdachung der Insel liegen die Schwefellager. In diesem Gebirgskomplex herrscht große Wasserarmut, die Berge sind kahl, die Flüsse ausgetrocknet, nur im Winter und im Frühling verwandeln sie sich in wilde Bergströme, die über die Ufer treten und die Verkehrswege unter Wasser setzen.
Das Innere Siziliens ist eine in sich geschlossene Gebirgsmasse, ein ungegliedertes Gebirgsganzes, kein Hochgebirge, aber auch keine Hügellandschaft.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 63 f.)

„Ich erinnere mich auch heute noch an dieses unbeschreibliche Licht: es stürmt vom griechischen Festland herüber, überfällt dich, dringt in dich ein, es ist wie ein tätiger Sturm, der über das Land hinweggeht, der alles aufbricht, Fenster, Türen und Schlösser, dieser Glanz hat die Maske Apollons angenommen.
Man muss die Zypressen, die Pinien selbst einmal gesehen haben, wie sie in mikroskopischer Schärfe an einem Felsabhang stehen. Nicht nur der Stamm, auch die Nadeln werden von den Strahlen der Sonne umrandet, es ist, als dringen sie durch die Äste bis hinab in die dunkelsten Bereiche der Wurzeln. Dieses Licht nimmt der Landschaft die Schwere, gibt den Dingen eine überragende Leichtigkeit, Sicherheit, nach der man in unseren Breiten vergebens sucht, selbst in der Mittagsglut scheint der Schatten der Häuser über dem Erdboden zu schweben.
Am späten Nachmittag, wenn die Landschaft wieder fassbar wird, werden die Dinge körperlich, gewinnen an Substanz, die Perspektive nimmt zu, das Licht hat sich verändert, es ist ruhiger geworden, in den Abendstunden wird es durchlässig für die Nacht.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 66 f.)

„Die mediterrane Atmosphäre auf Sizilien hat etwas Verlässliches, eine Beständigkeit, die den Klimaten der deutschen Mittelgebirge fremd ist. Keine Wetterstürze, kein Kälteeinbruch“.(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 81)

„Der Scirocco ist kein heimatlicher Wind, der von den Bergkuppen herab in die Täler fällt, sich dreht, in sich zusammenbricht, aussetzt, es ist ein Glutwind, der aus der Sahara kommt. Er ist von einem betäubenden Gleichmaß, eine Provokation für Seele und Leib. Ein solcher Wind kann den Menschen in den Wahnsinn treiben. Ständig trommelt er mit seinen Sandkörnern ans Fenster, auf das Dach, auf die Blätter der Kastanie; den ganzen Tag knirscht zwischen den Zähnen der Sand.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 113)

„In einem Land, wo Politik zur Religion wird, trägt der Staat den Purpurmantel der Inquisition.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 105 f.)

„Der Tod war für Empedokles nichts anderes als eine neue Bewusstseinsebene. Wer das Geistige im Kosmos verneint, verneint sich selbst.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 124)

„Ich erinnere mich noch heute an den ukrainischen General. Eine halbe Stunde lang konnte ich ihn vom Klappenschrank aus beobachten. Sein Körper war wuchtig, das Gesicht breitflächig, die Backenknochen hoch angesetzt. Mein erster Gedanke: Hier kommt ein Stück wandelnder Erde auf dich zu. Das Gesicht und das weite ukrainische Land, irgendwie gehörten sie seit Generationen zusammen.
Dieses Offiziersgesicht hob sich noch nicht aus den Gesichtern der anderen russischen Soldaten heraus. Es war ein Gesicht, das nichts öffnete, nichts zurücknahm, das alles in sich verschloss, das auf der Lauer lag, ein verschlüsseltes Gesicht, das sich keine Blöße gab. Nicht nur das Schweigen um den Mund, alles war wie ein Siegel, das eine kommende Zeit erst aufbrechen muss.
Das Wesentliche an seinem Gesicht war das Frontale, nicht das Profil. Es hatte etwas Flächenhaftes, von der Stirnfläche hinab bis zu den Wangen. Ich stand auf, ging um den General herum. Von der Seite her gesehen, fing dieses Gesicht wirklich erst an, Profil zu werden, mir schien, als wartete es auf den inneren Befehl, auf das Signal, welche Form es endgültig annehmen sollte. Solche Gesichter werden nicht in einem einzigen Leben verbraucht, sie sind auf Jahrhunderte angelegt.
An diesem Gesicht gab es nichts zu deuteln, es war ganz einfach da. Europa würde mit ihm rechnen müssen. Und doch hat mich an diesem Gesicht etwas erschreckt: vergebens suchte ich in ihm nach einem Stück Himmel.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 125 f.)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Mario Rausch: 500 Jahre Hellas – Von Homer bis Sokrates (2025)

Sehr ordentliche Einführung in das klassische Griechenland

Mit „500 Jahre Hellas“ hat Mario Rausch eine niveauvolle aber kurzweilige Einführung in die Welt des klassischen Griechenlands geschrieben. Es werden die üblichen Themen abgehandelt wie z.B. die Perserkriege, das Orakel von Delphi, die Olympischen Spiele, die Demokratie, die Religion, die Philosophie, Athen und Sparta, der Peloponnesische Krieg, oder der Prozess des Sokrates. Die Kapitel sind angenehm kurz aber doch sehr informativ.

Zu jedem Thema werden wissenschaftliche Quellen aus Archäologie und Klassischer Philologie genannt, und alle Aussagen werden unter dem Gesichtspunkt des Standes der Wissenschaft differenziert vorgetragen. Deshalb könnte dieses Buch auch als Einführung für angehende Studenten der Altertumswissenschaften dienen. Teilweise werden auch seltene oder originelle Gedanken eingeflochten, so z.B. das Schweigen des Sokrates in seinem Prozess über sein Verhältnis zur Tyrannenherrschaft, oder der Umstand, dass auch Sparta viele Künstler hervorbrachte.

Die Darstellung ist dabei wohltuend frei von allzu offensichtlichen politischen Präferenzen des Autors, die heute so manche historische Darstellung unglaubwürdig machen, weil eine sekundäre Absicht erkennbar ist. Auf diese Weise kann sich der Zauber der griechischen Welt und des griechischen Geistes aus der Sache selbst heraus entfalten und seine Wirkung auf den Leser ausüben. Werke mit einem ähnlichen Ansatz sind „The Greek Way“ von Edith Hamilton oder „Die alten Griechen“ von Konrad Adam, wobei „The Greek Way“ in seiner Qualität – bei aller Kritik – unerreicht ist.

Es fehlt ein Kapitel, das die Wirkungsgeschichte bis in unsere Tage aufzeigt. Ein Fehler fiel auf, der in einem Werk mit beinahe wissenschaftlichem Anspruch nicht hätte auftreten dürfen: Es wird berichtet, wie die alten Texte ihren Weg über die Araber nach Europa zurückfanden. Doch das ist nicht einmal eine halbe Wahrheit. Die meisten antiken Texte kamen über Byzanz nach Europa, ohne Vermittlung der Araber. Das hätte gesagt werden müssen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

David Garnett: Dame zu Fuchs (1922)

Skurril aber sehr schön – Liebe überwindet alle eigenen und fremden Vorurteile

Eines Tages verwandelt sich Mrs Tebrick in eine Füchsin. So skurril, so real. Und sie beginnt, mehr und mehr ihren tierischen Instinkten zu folgen. Mehr noch als die Füchsin steht aber Mr Tebrick im Mittelpunkt dieses literarischen Kleinods: Wie wird er sich zu seiner geliebten Frau verhalten? Wie weit wird er in seinem Verständnis für ihre immer tierischer werdende Natur gehen? Wird er sich den Erwartungen seiner Mitmenschen beugen? Wird er sie am Ende verlassen?

Es ist rührend, die inneren Kämpfe von Mr Tebrick mitzuverfolgen. Am Ende von vielen durchgefochtenen inneren Schlachten steht ein moralischer Sieg, ein Triumph der Menschlichkeit – aber auch ein tragischer Schluss.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 15. Mai 2019)

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