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Nadia Wassef: Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um – Mein abenteuerliches Leben als Buchhändlerin in Kairo (2021)

Wertvolles Buch mit vielen Aspekten: Ägypten, Unternehmertum, Literatur, Entwicklung, Islam u.v.a.m.

Nadia Wassef erzählt in diesem Buch, wie sie mit ihrer Schwester und einer guten Freundin die erste moderne Buchhandelskette in Ägypten gründete, wo der Buchhandel bis dahin in den Händen von verschlafenen Krämern lag oder per Versand abgewickelt wurde. Während der Erzählung erfährt der Leser eine Menge Einzelheiten über viele verschiedene Themen.

Man kann dieses Buch zunächst als Ratgeber für Unternehmer und Gründer lesen. Denn wir erfahren sehr viel über die praktischen Schwierigkeiten und Entscheidungen, die immer wieder überwunden und getroffen werden müssen. Vom Umgang mit der Bürokratie bis hin zur Lösung zwischenmenschlicher Probleme ist alles dabei. Es ist wirklich sehr lehrreich.

Der Zustand des ägyptischen Staates ist dabei ein ständiges Thema. Die Autorin ist eine entschiedene Gegnerin des Nasser-Sozialismus und zeigt an vielen Beispielen auf, wie sich sozialistische Politik negativ auf Ägypten ausgewirkt hat. Sei es die Korruption, seien es die faulen weil unkündbaren Beamten, sei es die Bürokratie. Auch die Zensur des Nasser-Sozialismus wird immer wieder angeprangert. Teilweise muss sie in der berüchtigten Mogamma, einem großen Bürokratie-Komplex in Kairo, vorsprechen, um bestimmte (harmlose) Bücher verkaufen zu dürfen. Manche durchtriebenen Händler haben parallel zu offiziellen Vertriebswegen ein erstaunlich gut funktionierendes Beschaffungsnetzwerk aufgebaut, mithilfe dessen auch illegale Artikel besorgt werden können. Die Autorin hat einen klaren Blick für die Verhältnisse:

„Früher dachte ich, dass die Undurchsichtigkeit der Gesetze und die Willkür, mit der sie gedeutet wurden, unbeabsichtigt wären. Doch nach fast zwei Jahrzehnten als Unternehmerin in Ägypten weiß ich: Es ist so gewollt. Die alles durchdringende Ungewissheit und die endlosen Verzögerungen waren Mittel zur Kontrolle. Du siehst aus der Ferne zu, immer in dem Wissen, dass du selbst eines Tages an die Reihe kommst. Und bis dahin unterziehst du dich einer panoptischen Selbstzensur und wägst jedes deiner Worte sorgfältig ab, als ob du unter Dauerbeobachtung stündest.“ (S. 99)

Sehr interessant sind die Einblicke in das Leben der ägyptischen Oberschicht, zu der die Autorin dazu gehört. Die Oberschicht schickt ihre Kinder auf englische Schulen, wo sie ausschließlich die englische Kultur kennenlernen. Die arabische Sprache, also die Sprache ihres eigenen Volkes, beherrschen diese Menschen nur schlecht. Wir erfahren, dass Angehörige der ägyptischen Oberschicht z.B. Urlaub in der Bretagne machen. Eine befreundete Künstlerin pendelt ständig zwischen London und Kairo. Die Finanzierung der Buchhandlung ist trotz Verlusten offenbar ebenfalls kein Problem. Die Autorin entscheidet sich nach dem Arabischen Frühling, nach London auszuwandern, wo sie nun ihre Heimat sieht. Letztlich ist sie aber überall ein wenig fremd.

Die Unterschicht kommt eher am Rande vor. Die Angestellten der modernen Buchhandlung sind arm und deshalb korruptionsanfällig. Die Überwachung der Angestellten der Buchhandlung hat ein orwellsches Ausmaß. Auch Fahrer und Haushälterinnen und deren Verhaltensweisen und Probleme werden besprochen. Die Buchhandlung kann der ägyptischen Vetternwirtschaft nicht entkommen, jeder Angestellte ist bestrebt, seine Verwandten im Unternehmen unterzubringen, und so geschieht es dann auch. Es scheint in Ägypten eine große Zahl an schlecht bezahlten Jobs zu geben wie Fahrer, Haushälterin, Kindermädchen, Concierge, usw. Insbesondere das Lieferwesen und die Verrichtung von Botengängen sind groß ausgebaut. Die kleinen Leute sympathisieren mit den Muslimbrüdern, aber nicht aus religiösen Gründen, sondern weil diese sich sozial betätigen, während die Staatsbürokratie die kleinen Leute im Stich lässt.

Die Buchhandlung richtet sich leider vor allem an diese Oberschicht. Denn nur die Oberschicht verfügt über das Geld, Bücher zu kaufen, und über die Zeit, sie zu lesen. Geführt werden englische, französische, deutsche und arabische Titel. Dass auch die deutsche Sprache für würdig befunden wurde, obwohl die Autorin selbst kein Deutsch kann, ist interessant zu lesen. Zur Sprache kommen Kunstbücher aus dem deutschen Taschen-Verlag (S. 241), aber es wird auch der deutsche Qualitätsklebstoff gelobt, mit dem die Werbeeinkaufstaschen der Buchhandlung verleimt werden (S. 47).

Auch die besonderen Probleme von Frauen in der ägyptischen Gesellschaft werden thematisiert. Allerdings befindet sich die Autorin in einer privilegierten Position, so dass ihre Darstellung dieser Probleme sich harmloser anhört als es vermutlich ist. Die Autorin spricht wie eine westliche Feministin über den Sexismus in westlichen Gesellschaften, aber dieser ist natürlich ganz anders und harmloser als der Sexismus in der ägyptischen Gesellschaft. Die Autorin hat nach eigenen Angaben westliche feministische Autoren gelesen („Gender Studies“). In diesem Punkt ist das Buch sehr schwach, denn für die ägyptische Durchschnittsfrau ist der Sexismus nicht mit energischen Worten spontan überwindbar, so wie es der Autorin gelingt.

Man erfährt auch ein wenig über die arabisch-ägyptische Kultur, für die die Autorin ein entwickeltes Nationalbewusstsein hat. Das steht auch hinter dem ganzen Projekt: „Aber was ist mit Ägypten? Was geschieht, wenn Länder ihre Kulturprojekte vernachlässigen und stattdessen immer nur Dämme und Autobahnen bauen? … Doch wir durften unseren Glauben an den Laden und an die Bücher nicht verlieren. Wenn wir Ägypter vergaßen, wer wir einmal waren, würden wir nie herausfinden, wer wir eines Tages sein konnten.“ (S. 29 f.)

Der Leser erfährt, dass das Buch „Tausendundeine Nacht“ in Ägypten Gegenstand eines ständigen Kulturkampfes ist, weil sich die Religiösen an den erotischen Szenen darin stoßen. Umm Kulthum wird am Rand erwähnt. Das Problem des Gegensatzes von klassischer Hochsprache (Fus’ha) und Volkssprache (Amiyya) wird thematisiert. Es sind vor allem die Religiösen, die verhindern, dass die Schriftkultur auf die Volkssprache umgestellt wird. Auf diese Weise wird das ägyptischen Volk von seiner eigenen Literatur entfremdet. Wir hören von dem arabischen Epos Al-Sira al-Hilaliya, von dem anderwärts sonst nie etwas zu hören ist.

Anhänger der Oberschicht, die auch Kunden in der Buchhandlung sind, hängen der Idee des „Pharaonismus“ an, d.h., sie wollen eine Rückbesinnung auf die vorislamische Zeit, was in der breiten Bevölkerung auf keinerlei Gegenliebe stößt. Ägyptische Geldscheine haben eine „islamische“ Seite mit Abbildungen von Moscheen und eine „pharaonische“ Seite mit Abbildungen von altägyptischen Monumenten. Wir erfahren von Taha Hussein und von Abu Zaid. Viele moderne arabische Autoren werden durch die neue Buchhandlung erstmals für einen breiteren Leserkreis verfügbar.

Leider geht der ägyptische Nationalismus ein wenig mir der Autorin durch, denn sie spielt die Errungenschaften der griechischen Kultur gegenüber der altägyptischen Kultur herunter (S. 62, 64, 72). Auch ist ihr Urteil über den Kolonialismus etwas zu einseitig: Denn sie wirft den Kolonialmächten vor, die Ägypter beim Umgang mit ihrem großen altägyptischen Erbe zu bevormunden (S. 61) – in Wahrheit lernten die Ägypter selbst dieses Erbe nur durch die Übernahme westlicher Kultur schätzen.

Die Entwicklung der Stadt Kairo wird in einer Weise beklagt, wie wir das auch aus Europa kennen: Die großen Einkaufszentren verdrängen die kleinen Geschäfte. Traditionelles Bauen wird durch gesichtsloses Architektur verdrängt. Traditionelles Kunsthandwerk stirbt aus. Die Autorin kann wunderbar von dem früheren Kairo erzählen, von den kleinen Geschäften und ihren schrulligen Inhabern,

Ein kleinerer Teil des Textes wird auch von Erziehungsfragen, Familienproblemen, Ehescheidungen und dergleichen eingenommen. Insofern es sich um Probleme handelt, die eine Unternehmerin neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit lösen muss, gehört das unbedingt zum Thema dazu. Die Lehren ihrer Eltern geben einen weiteren Einblick in das Denken der ägyptischen Gesellschaft. Immerhin gibt die Autorin offen zu, dass sie daran gescheitert ist, den Spagat zwischen Mutterrolle und Unternehmensführung zu meistern. Niemand könne das schaffen, meint sie. (S. 173)

Die Autorin berichtet auch ausführlich über ihr Verhältnis als Buchhändlerin zu bestimmten Büchern. Insbesondere Ratgeber-Bücher werden von ihr besonders skeptisch beäugt. Wohlfühl-Bücher wie „Der Alchemist“ von Paolo Coelho werden klar kritisiert, wobei sich die Kritik eher an den Autor richtet, den sie persönlich kennenlernen durfte. Generell fällt auf, dass die Autorin unglaublich belesen ist. Sie kennt einfach alles: Antike Autoren, das Rad der Fortuna, Voltaire, Hermann Hesse, englische und französische Klassiker, sie kann überall Zitate und Lehren aus diesen Werken einflechten. Einige Kunden kaufen Bücher auch nicht zum Zweck des Lesens, sondern als ästhetische Gegenstände. Oder als Projektion von Träumen.

Am Ende fühlt sich die Autorin von der unternehmerischen Aufgabe überfordert und flieht anlässlich der Wahl eines Muslimbruder-Präsidenten aus Ägypten nach London. Es bleibt die Erinnerung an unglaublich viele Menschen, deren Schicksal durch die Buchhandelskette „Diwan“ bestimmt worden ist. Und die Buchhandelskette existiert heute noch, unter anderer Führung.

Dieses Buch ist sehr reichhaltig und lehrreich. Doch wie sich anhand der klaren Trennung von Oberschicht und Unterschicht schon andeutete, versagt die Autorin am Thema Islam. Diesen möchte sie im Grunde eher verdrängen. Überwinden. Irgendwie loswerden und „weghaben“. Islam-theologische Werke will sie in ihrer Buchhandlung eher nicht führen, statt dessen Bücher über islamische Kunst und dergleichen. Und vieles über die Kopten, nicht über den Islam. Damit verfällt die Autorin genau demselben Fehler, dem die Oberschichten in arabischen Ländern seit fast einem Jahrhundert immer wieder verfallen: Man kann den Islam nicht einfach abhalftern. Die Masse der Bürger besteht aus gläubigen Muslimen.

Es gibt (für Ägypten) nur eine einzige Lösung für das Islam-Problem: Die Entwicklung einer islamischen Reformtheologie, so mühsam das auch ist, so aussichtslos es erscheint. Sie erwähnt immerhin zwei berühmte ägyptische Reformdenker: Muhammad Abdou und Nasr Hamid Abu Zaid. Doch sie macht nichts daraus. Sie beklagt sich nur kurz, dass diese nicht anerkannt wurden, ohne den Gedanken zu entwickeln, dass es dazu einer breiten religiösen und sozialen Bewegung bedarf, die die ganze Bevölkerung mitnimmt.

Am Ende hat die Autorin keine Lösungen für die Entwicklung der ägyptischen Gesellschaft anzubieten. Die Spaltung von Oberschicht und Unterschicht bleibt hart bestehen. Die Autorin ist geflohen. Dafür einen Punkt Abzug. Dennoch ein sehr lesenswertes Buch.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Fritz Lang: Metropolis (Film 1927)

Der gefährliche Mythos vom Dritten Weg: Metropolis oder Zauberberg?

Der Film Metropolis von Fritz Lang stammt aus dem Jahr 1927 und verfilmt den gleichnamigen Roman von Thea von Harbou von 1925. Er erzählt die Geschichte, wie zwischen „Hand“ und „Verstand“ (Arbeiter und Kapitalist) das „Herz“ treten muss, hier in der Gestalt des Sohnes des Großkapitalisten. Das alles vor dem Hintergrund einer utopischen Stadt Metropolis, die überirdisch aus Megahochhäusern, Autobahnen und Schienenwegen auf kreuz und quer durch die Luft führenden Brücken besteht, unterirdisch aber aus einem Reich der Maschinen, an denen die Arbeiter sich in Schichten abrackern müssen.

Damit schlägt der Film dasselbe Thema an, das Thomas Mann 1924 in seinem Roman „Der Zauberberg“ in der Person von Mynheer Peeperkorn anschneidet, allerdings mit gegenteiliger Konnotation: Während Metropolis das „Herz“, d.h. das Gefühl als Rettung anpreist, wird es bei Thomas Mann zum Dämon, der die Freiheit des Geistes und den notwendigen Streit der Meinungen zerstört. Später hat Hitler, der von Thomas Mann in der Gestalt von Mynheer Peeperkorn vorweggenommen wurde, genau diese Ideologie verkörpert, die Metropolis anpreist: Der „dritte Weg“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus, die „Versöhnung“ beider, die Überwindung der geistigen Kultur im Zeichen des arischen Gefühls – ein schrecklicher Irrweg. So sah es Thomas Mann.

Unfreiwillig bietet der Film Metropolis eine Menge Motive, die auf den Holocaust vorausweisen: Kolonnen von Menschen in einer Art Sträflingskleidung, die gebeugten Kopfes in Reih und Glied in eine Maschine hineinmarschieren, in der ein Höllenfeuer brodelt. Es ist tragisch, dass die irrige Ideologie von Metropolis am Ende genau das hervorgebracht hat, wovor der Film warnt. – Auch sonst bietet der Film in mancher Hinsicht eine Ästhetik, die man aus heutiger Sicht spontan mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen würde; es ist aber wohl nur die Ästhetik der Zeit.

Das Bildmaterial, die Idee des Maschinenmenschen, die utopische Stadt, die soziale Frage: All das hat wohl dazu geführt, diesen Film zu einem Mythos zu machen. Zu einem Mythos allerdings, der mit Vorsicht zu genießen ist. Man lese den „Zauberberg“ von Thomas Mann.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 09. Juli 2013)

Paul Torday: Bordeaux – Ein Roman in vier Jahrgängen (2008)

Haltloser Mensch wird von nekrophilem Freund in den Untergang manipuliert

Das Buch „Bordeaux“ von Paul Torday handelt von Wilberforce, der bei Pflegeeltern unglücklich aufwuchs und bis Mitte Dreißig außer der Softwareentwicklung keinerlei Identität entwickelt hat. Er hat keine Religion oder Weltanschauung, hat nie über den Sinn des Lebens nachgedacht, liest keine Bücher, hat keine Freunde und keine Hobbies, keine Vorlieben bezüglich Essen oder Filmen, und auch keine politische Meinung.

Wilberforce gerät nun durch Zufall in einen Kreis von „Freunden“, die einer höheren gesellschaftlichen Schicht angehören: Der Adlige Ed und seine Verlobte, der pensionierte Offizier Eck, und der Weinkenner Francis Black, der letzte Erbe einer traditionsreichen Familie. Auch diese Menschen sind innerlich leer, folgen entleerten Traditionen, und frönen dem süßen Nichtstun bzw. der Jagd u.a. „gehobenen“ Vergnügungen ohne tieferen Sinn. Da Wilberforce nichts anderes kennt, lässt er sich willig mit diesen „Freunden“ ein.

Insbesondere Francis Black nimmt Wilberforce unter seine Fittiche, und führt ihn in die Geheimnisse der Weinkennerei ein. Leider ist Francis Black das, was man einen destruktiven oder nekrophilen Charakter nennt: Ein Charakter, der dem Untergang, der Selbstzerstörung und dem Tode zustrebt, und auch alles um sich herum in diesen Untergang mitnehmen möchte. Schon sein eigenes Leben hat Francis Black ruiniert, durch Spielschulden und seine Wein-Obsession, für die er das Vermögen seiner Familie durchgebracht hat. Er hat keine Frau und keinen Erben. Eine tiefere Ursache für den dunklen Charakter von Francis Black findet man in dessen Jugend: Seine Eltern verboten ihm die Ehe mit einer Frau von „niederem“ Stand, ein gemeinsames Kind wurde zur Adoption freigegeben. Vermutlich sieht Francis Black in dem Adoptivkind Wilberforce, der ebenfalls Francis heißt, sein eigenes Kind, doch es bleibt offen, ob Francis Wilberforce tatsächlich der Sohn von Francis Black ist.

Von Francis Black wird Wilberforce regelrecht dazu „programmiert“, seinerseits zum obsessiven Weinliebhaber zu werden und den Weinkeller – die „Gruft“ – von Francis Black nach dessen Tod zu übernehmen. Zu diesem Zweck verkauft Wilberforce seine erfolgreiche Softwarefirma unter Wert und stößt dabei auch seinen Geschäftspartner Andy vor den Kopf, der sein Freund hätte sein können. Kurz vor seinem Tod manipuliert Francis Black Wilberforce dazu, seinen Gefühlen für eine Frau nachzugeben: Catherine, die Verlobte von Ed. In diesem Fall nicht die schlechteste Manipulation, muss man sagen.

Im Laufe kurzer Zeit entwickelt sich Wilberforce aufgrund seiner obsessiven Weinliebhaberei zum Alkoholiker. Seine Ehefrau Catherine ruft ihn vergeblich zur Ordnung, und stirbt in einem Autounfall, den Wilberforce im Suff – mit Absicht? – provoziert hat. In seinen Halluzinationen erscheint immer wieder der von Verwesungsgeruch begleitete Francis Black, der ihn zu sich in den Tod ruft. Am Ende ist Wilberforce pleite und erliegt endgültig dem Suff. Die beinahe magische Beziehung von Francis Black zu Wilberforce bis über den Tod hinaus wird im Laufe des Buches immer wieder durch christliche Symbolik angezeigt, was dem Buch fast eine mystische Note gibt.

Was soll dieses Buch?

Im Grunde ist es banal: Ein innerlich haltloser Mensch gerät an falsche Freunde, denen er aufgrund seiner Haltlosigkeit erliegt. Das ist nicht gerade originell, aber vor allem ist es nicht wirklich interessant. Wahre und interessante Freundschaft entsteht z.B., wenn Menschen, die bereits eine Identität haben, bemerken, dass sie auf ähnlicher Wellenlänge ticken. We cannot meet face to face, until we have faces. Aber davon leider kein Gedanke in diesem Buch.

Das ganze Buch strahlt eine mehr oder weniger depressive Stimmung aus, die von der durchaus vorhandenen feinen Ironie des Stils nicht wettgemacht werden kann. Auch die Schilderung von Obsessionen und des fortschreitenden Verfalls eines Alkoholikers ist nichts neues.

Kurz: Kein Buch, was man gelesen haben muss. Man könnte höchstens sagen: Einmal im Leben sollte man vielleicht auch so etwas gelesen haben. Schaden tut’s nicht.

Einzelnes

Das Buch erzählt die Geschichte rückwärts statt vorwärts. Das führt immer wieder zu gewissen Aha-Effekten beim Leser. Allerdings führt es hin und wieder auch zu Verwirrung. Man erkennt auch nicht alle Bezüge, und müsste das Buch im Grunde zweimal lesen. Zudem hätte man dieselben Aha-Effekte auch beim Vorwärtserzählen erzielen können, wie man nach einigem Nachdenken herausfindet. Die Rückwärtserzählung ist also keineswegs so genial, wie sie zunächt erscheinen mag.

Das Buch endet aufgrund der Rückwärtserzählung genau an dem Punkt, an dem Wilberforce glaubt, durch seine neuen „Freunde“ die Freiheit und das wahre Leben entdeckt zu haben. Der Leser weiß an dieser Stelle natürlich bereits um die ganze tragische Entwicklung, die sich anschließen wird. Aber auch diesen Effekt hätte man durch durch Vorwärtserzählen erzielen können, z.B. durch eine zunächst rätselhafte, kurze Vorausblende am Anfang des Buches, und eine entsprechende Rückblende im Moment des Todes am Ende des Buches.

Catherine, die Verlobte des Adligen Ed und spätere Ehefrau von Wilberforce, will ebenso wie Wilberforce ausbrechen: Ausbrechen aus dem sinnlosen Leben der „gehobenen“ Gesellschaft, die ihr den Weg einer unglücklichen Ehe mit Ed klar vorgezeichnet hat. Doch auch sie kommt an den Falschen, nämlich an Wilberforce. Tragisch. Traurig. Depressiv. Sinnlos.

Die absolute Null-Identität von Wilberforce ist etwas unglaubwürdig. Aber nun gut. Menschen, die sich über Religion und Weltanschauung und den Sinn des Lebens noch nie Gedanken gemacht haben, gibt es in der Tat viele, und Haltlosigkeit und Manipulierbarkeit ist keine Seltenheit. Insofern lassen wir die Übertreibung der Null-Identität von Wilberforce als literarische Übertreibung gelten.

Ein Satz des Buches hat echte Freude gemacht, und dieser Satz wird in Erinnerung bleiben: „Drei Nager in dunklem Manchester-Hemd fressen delikat das Wensleydale-Fragment.“ Es ist ein sinnloser Merksatz aus dem Alkohol-Delirium von Wilberforce, aber die spontane Vorstellung von drei kuscheligen, putzigen Nagetieren, die – im Hemd! – pausbäckig und spitzbübisch grinsend ein wertvolles Papyrus-Fragment auffressen, ist einfach nur köstlich!

(Statt eines wertvollen Papyrus-Fragments ist hier aber wohl nur ein Bruchstück von Wensleydale-Käse gemeint. Im englischen Original ist der Satz übrigens nicht halb so gut: Dank an den Übersetzer!)

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 31. Mai 2018)

Katholischer Erwachsenenkatechismus (1985/1995) – Katechismus der Katholischen Kirche (1992)

Grundlegende Lektüre zum Verständnis unserer Welt: Ein katholischer Katechismus

Die meisten Menschen winken beim Wort „Katechismus“ ab: Sie denken an eine Sammlung von kurzen Fragen und Antworten, wie sie die Schüler in früheren Zeiten auswendig lernen mussten. Die reine Schikane. Und doktrinärer Kirchen-Unsinn ist es obendrein. Wer glaubt denn sowas? Wer tut sich das an? Also weg damit.

Aber so einfach ist es nicht. Es gibt eine ganze Reihe von sehr guten Gründen, warum man einen Katechismus gründlich gelesen haben sollte:

  • Was ist Christentum überhaupt? Das ist genau die Frage, die ein Katechismus beantwortet. Ein Katechismus ist die Zusammenfassung der christlichen Glaubens- und Sittenlehre: Was man als Christ inhaltlich glauben sollte, und wie man als Christ leben und handeln sollte in der Welt. Das Wort „Katechismus“ könnte man mit „Lehrbuch“ übersetzen. – Viele Menschen glauben zwar zu wissen, was Christentum ist, doch in Wahrheit ist das vorhandene Wissen oft nur sehr oberflächlich. Da das Christentum aber nun einmal tatsächlich ein wesentlicher Grundpfeiler unserer gesamten westlichen Kultur ist, sollte man sich durchaus die Mühe machen, der Sache etwas näher auf den Grund zu gehen. Und zwar völlig unabhängig von der Frage, ob man das nun glauben will oder nicht. Darum geht es gar nicht. Es geht um ein unverzichtbares Stück Bildung, ohne das wir die Welt, in der wir leben, nicht richtig verstehen können.
  • Die Bibel deuten: Die meisten Menschen glauben, was Christentum sei, das stünde in der Bibel. Man müsse nur die Bibel lesen, und schon wüsste man, was Christentum ist. Aber das ist falsch. Ganz falsch. – Natürlich ist die Bibel das heilige Buch der Christen und damit die Grundlage des Christentums. Aber reicht ein Blick in die Bibel wirklich? Wenn ein x-beliebiger Christ an unserer Haustüre steht und uns eine Bibel überreicht, wissen wir dann schon, was der glaubt? Es gibt so viele Variationen: Papst oder nicht Papst? Bußsakrament oder nicht? Abendmahl als echte Wandlung oder nur als Symbol? Ehescheidung erlaubt oder nicht erlaubt? Jesus der wahre Sohn Gottes oder nur ein Auserwählter? Maria als Mutter der Kirche, oder nur ein unbedeutendes Waschweib? – Mit der Bibel allein weiß man praktisch nichts! Denn was eine Kirche aus der Bibel herausliest, das steht nur im Katechismus der jeweiligen Kirche. Und nur dort! Die Bibel hingegen ist sehr interpretationsfähig. Die Deutungen gehen weit auseinander. – Katholiken glauben zudem, dass das Leben der Kirche eine Überlieferung außerhalb der Bibel transportiert, die ebenfalls von Bedeutung ist. Auch deshalb reicht die Bibel allein nicht. Aufmerksame Leser werden schnell bemerken, dass sich Christentum und Kirche gar nicht voneinander trennen lässt. Wir wissen von Christus nur durch die Kirche. Auch die Bibel ist eine Hervorbringung der Kirche.
  • Christentum durchschauen: Gerade dann, wenn man dem Christentum gegenüber kritisch eingestellt ist, sollte man es kennen. Denn nur wer das Christentum kennt, weiß überhaupt, was alles auf das Christentum zurückgeht. Und nur dann kann man es auch kritisieren. Und sich Alternativen überlegen. Viele Kritiker des Christentums wissen gar nicht, wie viele Bestandteile unserer Kultur auf das Christentum zurückgehen. Sie nehmen viele christliche Dinge für selbstverständlich, die es gar nicht sind, und täuschen sich über die Welt, in der sie leben. Sie sollten einen Katechismus lesen.
  • Andere Religionen durchschauen: Natürlich ist es das Durchschauen und Verstehen anderer Religionen viel einfacher, wenn man erst einmal eine Religion etwas gründlicher durchschaut hat. Und das sollte natürlich zuerst die traditionelle Religion des eigenen Kulturkreises sein. Viele Menschen haben ein oberflächliches Verständnis von Christentum, das sie kurzerhand auf andere Religionen übertragen. Auf diese Weise geraten sie in beliebige Irrtümer über andere Religionen. Mit teils tragischen Konsequenzen. – Von den Islamverharmlosern ist das bekannt. Kaum jemand hat von Kultur und Religion so wenig Ahnung wie die Anhänger eines zügellosen Multikulti. Aber auch jene sind auf dem Holzweg, die sagen, sie hätten den Koran gelesen und wüssten jetzt ganz genau, was „der Islam“ lehrt. Der Koran ist jedoch ein extrem interpretationsbedürftiger Text. Im Koran stehen Aufforderungen zur Gastfreundschaft direkt neben Tötungsbefehlen. Und von Mohammed steht so gut wie nichts im Koran. Nichts wissen sie also! Sie haben schlicht das falsche Buch gelesen, wenn sie es überhaupt gelesen haben. Nicht der Koran, sondern die Deutung (!) des Korans durch die jeweilige Gruppierung ist entscheidend. Das arabische Wort für Katechismus ist übrigens Ilmihal. Islamhasser haben genauso wenig Ahnung von Religion und Kultur wie Islamverharmloser.
  • Einzelthemen: Die Zahl der Themen, zu denen heute Irrtümer kursieren, ist groß. Viele wissen z.B. nicht, dass die Bibel als ganzes als vom Heiligen Geist inspiriert gilt. Manche Christen meinen, sie bräuchten gewisse Texte der Bibel einfach nicht ernst nehmen, weil diese im Alten Testament stehen, oder in den Paulusbriefen. Das ist aber falsch. Auch diese gelten als Gottes Wort. – Ebenso falsch ist es, zu behaupten, die Bibel wäre von Menschen geschrieben, der Koran hingegen sei Gottes Wort. Denn natürlich gilt auch die Bibel als Gottes Wort. Inspiriert durch den Heiligen Geist, aufgeschrieben durch menschliche Schreiber nach deren begrenztem, menschlichen Verständnis. Kein Wort der Bibel kann gestrichen werden. Kein einziges! Religiöse Reformen kommen nicht dadurch zustande, dass man an Bibel oder Koran Streichungen vornimmt, sondern vor allem dadurch, dass man eine irrige Interpretation durch eine bessere Interpretation ersetzt. Mehr dazu unten. – Typisch katholische Themen wie die Heilige Wandlung (Transsubstantiation), die Heiligenverehrung, die Unmöglichkeit der Weihe von Frauen zu Priestern oder der Zölibat der Priester werden ebenfalls erklärt. Man würde sich wünschen, dass alle Journalisten, die über diese Themen schreiben, wenigstens einmal in ihrem Leben einen Katechismus gelesen hätten. Das würde uns 50% des Unsinns, der zur Katholischen Kirche geschrieben wird, ersparen. – Interessant auch, was die christliche Sittenlehre zur Rolle des Staates und der Autorität über andere Menschen zu sagen hat. Oder zum Wirtschaftsleben und zur Soziallehre. Ebenso die Lehre, wann Gewalt, Aufstand und Krieg legitim sind. Schließlich auch das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Kirche und Wissenschaft. Die Menge der Themen ist unerschöpflich.
  • Wie sieht eigentlich eine Gesamtweltanschauung aus? Ein Katechismus spannt – ganz unabhängig von den konkreten Glaubensinhalten – einen Rahmen auf, was alles für Fragen beantwortet werden müssen, um zu einer umfassenden Weltanschauung zu kommen. Auf diese Weise richtet ein Katechismus auch einen Maßstab für alle Kritiker des Christentums auf: Denn alle diese Fragen müssen eine alternative Antwort bekommen, wenn man die christliche Antwort ablehnt! Es ist wirklich eine Menge geistiger Arbeit, die geleistet werden muss, wenn man kein Christ mehr sein will. – In dieser Fülle von Fragen, die ein Katechismus behandelt, ist auch das hohe kulturelle Niveau beschlossen, das die westliche Welt erreicht hat. Man kann nicht einfach hinhüpfen und sagen: Ich glaube das alles jetzt nicht mehr, weg damit! Dieser „Wegwerf-Atheismus“ ist ja heute sehr beliebt. Aber er ist zugleich ein dramatischer Absturz des kulturellen Niveaus. Denn der Wegwerf-Atheismus schafft keine tragfähige Alternative. Er haust vielmehr in den Trümmern des untergehenden Christentums und zehrt unwissentlich von einer Substanz, die immer mehr schwindet. Der Wegwerf-Atheismus kann seiner Natur nach nur eine Übergangserscheinung sein. Entweder die Kultur verfällt tatsächlich, oder es kommt zu einem neuen Aufschwung, sei es mit dem alten Christentum, sei es mit einer anderen Weltanschauung, die ähnliches leistet (oder mit beidem zugleich auf einer gemeinsamen Grundlage?).

Leseempfehlung

Warum sollte es ein katholischer Katechismus sein? Ganz einfach deshalb, weil man hier auch heute noch wesentlich näher dran ist an dem, was Christentum war, ist und sein sollte, als irgendwo sonst. Die evangelische Kirche ist bekanntlich schon länger vom Zeitgeist zerfressen. Hier müsste man wohl bis in die 1950er Jahre zurückgehen, um einen brauchbaren Katechismus zu finden. Der ist dann aber nicht mehr für heutige Menschen geschrieben. – Und die Werke von Theologen? Diese können sehr hilfreich sein, aber sie leisten eines nicht: Sie sind nicht das autoritative Wort der Kirche, die sich vom Heiligen Geist geleitet sieht. Das findet man nur im Katechismus der Kirche. Nur der Katechismus „gilt“ sozusagen, nur der Katechismus bietet besiegelte Glaubenslehre.

Drei Werke seien empfohlen:

  • Zuerst der erste Band des „Katholischen Erwachsenenkatechismus“ der deutschen Katholischen Kirche, mit dem Untertitel „Das Glaubensbekenntnis der Kirche“. Der deutsche Katechismus zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr viel erklärt und eine Brücke zwischen der alten Überlieferung und der modernen Lebenswelt der Lesers zu schlagen versucht. Das wurde damals (1985) unter der Federführung von Walter Kasper auch noch sehr gut gemacht, ohne sich dem Zeitgeist anzupassen. Wenigstens dieses Buch sollte man gelesen haben. Es lohnt sich!
  • Als Schocktherapie könnte man dann den 1995 erschienenen zweiten Band des deutschen Katechismus lesen: „Leben aus dem Glauben“. Hier wird die Sittenlehre der Kirche dargelegt, doch leider ist dieser zweite Band bereits deutlich vom Zeitgeist angekränkelt. Der Leser wird den Unterschied zum ersten Band schnell bemerken und sich mit Grausen abwenden. Hier wimmelt es von ethischem Relativismus, und der Fokus liegt auf Umweltschutz und „sozialer Gerechtigkeit“. Gedanken wie Ordnung, Vernunft, Disziplin und Konsequenz sucht man in diesem Buch vergebens. Marktwirtschaft und Liberalität kommen kaum vor. Tapferkeit wird in diesem Buch ohne Umschweife mit „Zivilcourage“ im Sinne des linken Zeitgeistes übersetzt. Dass man auch tapfer gegen (!) den linken Zeitgeist sein könnte, oder z.B. auch tapfer als Polizist oder Soldat, kommt nicht vor. Zwischen 1985 und 1995 muss es in der deutschen Katholischen Kirche zu einem Sieg der Linken gekommen sein.
  • Sehr empfehlenswert ist die Lektüre des sogenannten „Weltkatechismus“ der katholischen Kirche, der unter der Federführung von Kardinal Ratzinger erarbeitet wurde und 1992 erschienen ist. Der offizielle Titel lautet „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK). Dieser deckt beide Teile ab, Glaubens- und Sittenlehre. Die Glaubenslehre wird hier etwas steifer und mit weniger Erklärungen abgehandelt. Es schadet aber nicht, dasselbe noch einmal in anderen Worten zu lesen. Vor allem aber findet man hier endlich auch die christliche Sittenlehre, die der zweite Band des deutschen Katechismus völlig versaubeutelt hat, in angenehm glaubwürdiger und authentischer Weise dargelegt.

Was fehlt: Entwicklung von Religion

Wer mitreden möchte in Sachen Kultur und Philosophie, in Sachen Literatur und Geschichte, in Sachen Geschichte und Politik, in Sachen Wissenschaft und Medizin, ja, überhaupt in allen (!) Dingen, die unsere westliche Kultur ausmachen, der hat mit der obigen Lektüre eine wichtige Grundlage gelegt.

Allerdings hat man damit noch nicht das ganze Bild. Mindestens eine Sache fehlt. Nämlich die Entwicklung des Christentums. Religionen sind keine statischen Gebilde, auch wenn deren heilige Bücher weitgehend unverändert bleiben. Religionen verändern und entwickeln sich. Teilweise in glaubwürdiger und legitimer Weise. Teilweise nicht. Dazu erfährt man in einem Katechismus recht wenig, weil der Katechismus immer nur die jeweils aktuelle Glaubens- und Sittenlehre enthält, die zum Zeitpunkt seiner Abfassung galt.

Tatsächlich leben Religionen zu einem guten Teil auch von der Suggestion, dass ihre Lehre schon immer so war und sich nicht verändert habe. Jedenfalls ist eine Veränderung der Lehre immer ein schmerzhafter Prozess. Denn eine Veränderung der Lehre bedeutet logischerweise, dass die zuvor geltende Lehre falsch war und man im Irrtum lebte. Dennoch muss ein gläubiger Mensch an solchen Veränderungen interessiert sein, wenn es sich um Korrekturen handelt. Glaubwürdige religiöse Reformen können nur in diesem Sinne stattfinden: Als Korrekturen weg von Irrtümern, hin zur Wahrheit, zur Realität. Niemals als beliebige Anpassungen an den Zeitgeist. Deshalb ist auch die historisch-kritische Erforschung der Urtexte und der Ursprünge von Religionen so wichtig: Weil diese Betrachtungsweise viele Möglichkeiten für glaubwürdige Korrekturen in der Interpretation eröffnet.

Das solche Reformen möglich sind, hat das Christentum in den letzten Jahrhunderten wiederholt bewiesen. Von der Reformation bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. – Ein Beispiel: Das christliche Sittengesetz wurde früher tatsächlich als ein Gesetz verstanden, an das man sich zu halten hatte. Das staatliche Gesetz christlicher Staaten versuchte, das christliche Sittengesetz in Paragraphen zu fassen. Heute hingegen wird die christliche Morallehre nur noch als Empfehlung begriffen, die sich der einzelne Gläubige nach eigener Gewissensentscheidung zu eigen machen sollte. Kein Polizist oder Richter, nicht einmal mehr ein Priester schnüffelt den Menschen hinterher, ob sie sich daran halten. Das staatliche Gesetz und die christliche Morallehre werden völlig getrennt voneinander gesehen. Auch wenn die christliche Morallehre sich im Kern nicht verändert hat, so hat sich doch die Perspektive auf sie völlig verändert.

Aber auch der Islam hat im Laufe seiner Geschichte wiederholt starke Wandlungen durchgemacht. Schon sehr früh wurde eine rationalistische Deutung des Koran entwickelt. – Man kann den Islam natürlich nicht dadurch reformieren, dass man irgendwelche Passagen in Koran und Hadith streicht. Man kann ja auch die antisemitischen Passagen im Neuen Testament oder die Gebote zur Tötung von Hexen im Alten Testament nicht einfach streichen. Man kann den Islam auch nicht dadurch reformieren, dass sich der Islam von Mohammed und seinen Taten distanziert. Aber man könnte den Islam dadurch reformieren, dass man historisch-kritisch glaubwürdig herausarbeitet, dass Mohammed gewisse Dinge, die ihm später fälschlicherweise zugeschrieben wurden (und deshalb auch nicht im Koran stehen), gar nicht getan hat. Zum Beispiel die Vertreibung und Abschlachtung von drei jüdischen Stämmen aus Medina. Es handelt sich um spätere Hinzuerfindungen, um die Juden aus der Umma herauszudrängen, ganz ähnlich wie die antisemitischen Passagen im Neuen Testament dazu dienten, die christlichen Gemeinden von den Juden abzugrenzen.

Nicht der Text also, wohl aber die Interpretation kann sich ändern. Und zwar nicht aus Beliebigkeit und Hokuspokus, sondern weil es tatsächlich gute Gründe dafür gibt. In diesem Sinne muss (!) sich die Interpretation sogar ändern. Denn der gläubige Mensch will ja in der Wahrheit, in der Realität leben. Alles andere wäre Traditionalismus, also ein Festhalten an traditionellen Vorstellungen, obwohl sie widerlegt sind. Das gibt es natürlich auch. In allen Religionen. Traditionalismus ist nicht mit einem sinnvollen Traditionsbewusstsein zu verwechseln, das valide Traditionen hochhalten möchte.

Alternative

Wer wissen möchte, wie es möglich sein sollte, eine Alternative zum Christentum zu entwickeln, wird in einem Katechismus ebenfalls vielfach fündig werden. Denn viele der christlichen Lehren gehen ganz oder in Teilen auf die vorchristliche Antike zurück. Hier stoßen wir auf den anderen, den zweiten Grundpfeiler der westlichen Kultur: Die antike Philosophie und Geistesgeschichte.

Vieles von dem, was das Christentum ausmacht, ist in diesem Sinne gar nicht wirklich christlich. Es ist uns nur in christlicher Gestalt überliefert worden. Schon die Texte des Neuen Testaments sind mit Anspielungen und Wendungen aus der griechischen Philosophie durchdrungen. Augustinus und seine Zeit haben viel Platonismus ins Christentum hineingetragen. Thomas von Aquin hat Aristoteles für das Christentum ausgewertet. Was einst ins Christentum eingepackt wurde, kann heute wieder ausgepackt und ohne die Verpackung gesehen und gelesen werden. Vielleicht sogar besser ohne als mit der Verpackung.

Wer also nach Alternativen sucht, der muss auf Griechenland und Rom zurückgreifen. Empfohlen sei vor allem die Lektüre von Platon, Aristoteles und Cicero.

Die deutsche Ausgabe des katholischen Weltkatechismus enthält einen in diesem Sinne bezeichnenden Fehler: In den umfangreichen Indizes am Ende des Werkes, die es so nur in der deutschen Ausgabe gibt, wird Cicero bei den „kirchlichen Schriftstellern“ aufgeführt. Ein amüsantes und vielsagendes Detail.

PS 01. Mai 2026: Cicero wird nicht nur in der deutschen Ausgabe, sondern in allen Ausgaben weltweit als „kirchlicher Schriftsteller“ geführt. Auch auf Latein unter den „Scriptores ecclesiastici“.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Pascal Mercier: Lea (2007)

Ein schwieriges aber auch gutes Buch

Dieses Buch wird es schwer haben, weil es ein schwieriges Thema behandelt: Die Fremdheit und Entfremdung von Menschen, speziell zwischen Vater und Tochter. Das Abgleiten eines Menschen in einen Wahn, der Verlust der Bodenhaftung. Das Aufstauen von Ungesagtem und Missverständnissen, bis zur Explosion. Nun ja.

Es hat ein wenig gedauert, bis ich mich mit dem Buch anfreunden konnte. Am Anfang war es einfach nur depressiv. Dann gefiel mir Sprache und Stil, es ist eben ein Buch von Pascal Mercier, ein gut geschriebenes Buch. Und irgendwann hat mich dann auch die Story gefesselt. Am Ende bleibt man nachdenklich, und kommt in Gedanken öfter noch auf Aspekte dieser Erzählung zurück.

Ich denke, es kommt bei diesem Buch sehr darauf an, dass man in der richtigen Stimmung ist. Entweder man hat ähnliches erlebt und ist deshalb interessiert. Oder man hat sonst nichts um die Ohren und kann sich deshalb auf die Sache einlassen. Hingegen sollte man das Buch meiden, wenn man Aufmunterung und Entspannung sucht oder gar braucht.

Kein wichtiges Buch, aber – so will ich es mal nennen – ein „richtiges“ Buch, nämlich richtig, um diese Thematik zu bearbeiten.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Marc-Antoine Mathieu: 3 Sekunden (2011)

Faszinierend! Nicht das Bild bewegt sich, sondern der Betrachter!

Das Buch kommt einem am Anfang seltsam dünn vor, und man denkt: O wie mühsam. Aber dann saugt es einen hinein und man kann es nicht mehr weglegen, und es kommt noch eine Szene, und noch eine Szene, ….. wirklich eine faszinierende Idee: Eine starre Szene, durch die sich der Betrachter auf einem Lichtstrahl hindurchbewegt. Und es entfaltet sich ein regelrechter Krimi.

Gut, dass man die Sequenz dann auch noch einmal auf der Internetseite des Buches am Bildschirm durchgehen kann. Wirklich eine faszinierende Idee. Es hat Spaß gemacht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung 11. Juli 2018)

Homer: Ilias (um 700 v.Chr.)

Einmal sollte man die Ilias als ganzes gehört haben

Es lohnt sich unbedingt, die Ilias als ganzes zu lesen, besser aber zu hören! Jeder kennt die Ilias und weiß so ungefähr, worum es da geht. Aber die Ilias ist eben nicht die Geschichte von dem Trojanischen Krieg mit dem hölzernen Pferd am Ende, die außerhalb der Ilias überliefert ist.

Sondern die Ilias ist eine großartige und gewaltige Dichtung vor dem Hintergrund dieses Krieges, die am Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht, und voller tiefgründiger Gehalte ist:

  • Das Walten der Götter und des Schicksals,
  • der Mensch in seinem Streben und Scheitern,
  • Krieg und Kampf,
  • Volk und Herrschaft,
  • Liebe und Zorn,
  • Feindschaft und Vergebung,
  • usw. usf.

Es ist eine Dichtung, die eine in sich geschlossene und schlüssige Handlung hat, fast wie ein Theaterstück. Man muss das als ganzes kennen:

  • Wie die Götter die Handlung bestimmen,
  • wie die Menschen in diesem Rahmen agieren,
  • wie Achilleus sich versagt,
  • wie die Troer die Achäer immer ärger bedrängen,
  • dann die Wende durch Zeus,
  • schließlich das gegenseitige Erkennen der Feinde (Achilleus/Priamos) als Menschen,
  • usw.

Man sollte es am besten hören: Der beste Ausdruck für die Wirkung der Ilias ist vielleicht „Kopfkino“. Beim Hören ist man der Situation, wie die Ilias einst vorgetragen wurde, am nächsten: Ein Sänger trägt sie vor Publikum vor.

Die Dichtung ist so reichhaltig, dass sie bis heute fortwirkt, und in vielem drinsteckt, von dem man es nicht vermutete. Jeder sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen, jeder wird es wieder anders und neu entdecken!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. Juli 2012)

Simon Strauss: Sieben Nächte (2017)

Ausbruchsversuch aus allzu glatten Leben? Nur eine Simulation davon!

Die Novelle „Sieben Nächte“ von Simon Strauß zeigt zunächst das Dilemma des modernen, verwöhnten, politisch korrekt denkenden jungen Menschen: Er hat sich gemeinsam mit seiner Generation ganz im Rahmen des Mainstreams entwickelt und dabei problemlos alles erreicht, was zu einem erfolgreichen aber unauffälligen jugendlichen Durchschnittsleben dazugehört, kurz: Er hatte weder ein Problem mit Mathematik noch ein Problem mit dem Zeitgeist, noch Probleme, Freunde und auch Frauen zu haben. Und jetzt steht er vor dem Beginn des Erwachsenenlebens, das ebenso 08/15 weiterzugehen droht wie seine Jugend: Heiraten, Kinder bekommen, ein Haus bauen, festangestellt sein. Doch dieses Leben ist zu glatt, zu brav, zu gewöhnlich. Es ist weder etwas besonderes noch vermittelt es Sinn. Es gab auch keine Widerstände, an denen man hätte wachsen und reifen können. Alles ist irgendwie kindisch und läppisch. Man war nicht einmal bei der Bundeswehr.

In dieser Situation beschließt der Protagonist, angeregt durch einen Bekannten, der auch das Schlusswort schreiben wird, in sieben Nächten jeweils eine der sieben Todsünden auszuleben und dies in den folgenden sieben Kapiteln schriftlich festzuhalten. Er will damit erreichen, etwas besonderes zu tun, persönlich zu reifen, und der Wildheit der Jugend ein Denkmal zu setzen, bevor er sich der Langweiligkeit des Erwachsenenlebens hingeben wird.

Die sieben Kapitel zu den sieben Nächten mit den sieben Todsünden sind moderne literarische Variationen der bekannten sieben Todsünden, die interessant, anregend, und teils packend zu lesen sind. Der Autor schafft es zweifelsohne, viele Fragen, Probleme und Situationen zu thematisieren, die dem Leser nur allzu bekannt sind. Das Schlusswort zieht dann ein etwas lendenlahmes Fazit: So richtig erfolgreich war der Ausbruchsversuch eigentlich nicht, aber er würde dennoch in Erinnerung bleiben und deshalb irgendwie wertvoll sein. Ein dem Buch vorangestelltes Gedicht beklagt das Schicksal des Dandys, schließt dann aber überraschend mit der Zeile: „Dandy, you’re all right.“

Kritik

Zunächst ist zu fragen, warum der Übergang in ein langweiliges Erwachsenleben einen dramatischen Verlust an Lebendigkeit, Freiheit etc. bedeuten sein soll, wenn bereits die Jugend langweilig war? Hier bäumt sich niemand auf, um die Wildheit der Jugend zu bewahren, denn bereits die Jugend war nach eigener Auskunft allzu glatt und allzu langweilig. Dies ist ein echter Selbstwiderspruch in diesem Buch, wenn auch verzeihlich, denn dann wäre es eben kein „letzter“ sondern der erste und einzige Ausbruchsversuch aus einem langweiligen Leben.

Dann ist zu fragen, warum das Verhalten in den sieben Nächten, also das Begehen der sieben Todsünden, ein Ausbruch aus der beklagten Langweiligkeit sein soll? Denn was in diesen sieben Nächten geschieht, entspricht doch ganz der Langweiligkeit der allzu glatt verlebten Jugend! Er ist hochmütig, wie es verwöhnte Jugendliche nun einmal sind, er schläft wollüstig mit einer Frau, was er nach eigener Auskunft ebenfalls schon mehrfach getan hatte, usw. Dieser Widerspruch führt beim Leser zu ersten Zweifeln: Hat der Autor übersehen, dass dieser „Ausbruch“ gar keiner ist?!

Es ist vor allem zu fragen, warum man „sündigen“ muss, um zu reifen? Auch durch „Sünden“ kann sich eine gewisse Reife ergeben (wenn man seine Schuld einsieht), aber echte Reife erlangt man doch vor allem gerade dadurch, dass man gegen Widerstände das Richtige tut. Also z.B., dass man schwierige Probleme mit Geduld löst, etwa an einem schwierigen Studium dranbleibt. Oder eine Freundschaft bzw. eine Ehe über Höhen und Tiefen hinweg erhält. Oder das Erschaffen eines literarischen oder wissenschaftlicher Werkes über viele Jahre hinweg. Das Aalglatte hingegen tut selten gut. So mancher tut sich allzu leicht, mit Frauen im Bett zu landen, scheitert aber an der Liebe. So mancher hat viel Spaß mit Freunden, ist aber völlig ignorant gegenüber dem Leiden anderer. So mancher plappert die öffentlichen Meinungen beifallheischend nach, und seien es nur die ewig doofen Witze über republikanische US-Präsidenten, hat aber keine eigene Meinung, die er sich unter Mühen und Irrtümern errungen hätte, und für die er bereit wäre, sich lächerlich zu machen.

Auch die Perspektive auf ein angeblich langweiliges Erwachsenenleben ist völlig falsch: Warum sollte es langweilig sein, zu heiraten, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen und einen Beruf zu ergreifen? So kann nur jemand denken, der sich dem Mainstream so sehr hingegeben hat, dass er sich gar nichts anderes mehr vorstellen kann als den Mainstream. Denn heiratet man eine Frau nicht auch deshalb, um in ihr eine seelenverwandte, erhellte Verbündete gegen die Anfeindungen der dumpfen Mitwelt zu haben? Wird man nicht versuchen, seine Kinder so zu erziehen, dass sie zu großartigen, selbständigen, besonderen Menschen werden? Wird man nicht vielleicht auch im Beruf oder im Hobby versuchen, die Welt irgendwie zu verbessern? Als Lehrer seine Schüler auf das Leben vorbereiten? Als Krankenschwester die Leiden von Kranken lindern? Das Besondere kann manchmal sehr einfach sein. Wer ein Überzeugter ist, wird immer und überall auf irgendeine Weise wirken.

Völlig ausgeblendet wird die große Frage nach Religion und Weltanschauung. Eine richtige Religion oder Weltanschauung mit der entsprechenden Moral zu finden bzw. zu erarbeiten und mit großem Ernst und großer Konsequenz danach zu leben, sollte eigentlich eine der wichtigsten Aufgaben eines erhellten jungen Menschen sein, und würde auch dem Zeitgeist (vermutlich aller Zeiten) völlig zuwiderlaufen. Davon ist in diesem Buch aber an keiner Stelle die Rede.

„Faschistisch“?

Dem Buch wurde vorgeworfen, „faschistisch“ zu sein. Das ist Unfug. Weder wird die Demokratie noch die Gleichberechtigung von Mann und Frau noch sonst etwas derartiges ernsthaft in Frage gestellt. Es wird lediglich der Wunsch formuliert, besonders und sinnvoll zu leben, und nicht langweilig und grau. Das ist zwar elitär und gegen den (derzeit linksliberalen) Zeitgeist, aber nur deshalb, weil es schon immer so war, dass sich nur wenige Menschen solche Gedanken machen. In diesem Sinne ist auch jeder Linksintellektuelle elitär. – Vermutlich stammt der Vorwurf daher, dass Simon Strauß der Sohn von Botho Strauß ist, und sich sprachliche und thematische Parallelen zwischen den Werken beider entdecken lassen. Aber auch Botho Strauß war kein „Faschist“, sondern wurde nur als solcher verschrieen.

Konservativ?

Die Idee, durch „Sünden“ zu reifen, ist so ziemlich das Anti-Konservativste, was man sich ausdenken kann. Nein, dieses Buch ist nicht konservativ. Man könnte lediglich die Fragestellung, von der das Buch ausgeht, und die Respektlosigkeit vor dem linksliberalen Zeitgeist, die sich in einigen Passagen zeigt, als konservativ bezeichnen. Diese Punkte sind auch das einzig Gute an diesem Buch.

Visionsloser Trotz und stilles Einverständnis mit der Langweiligkeit des Mainstream

In Wahrheit bleibt der Autor dieses Buches selbst noch in seinem Widerstand gegen den Zeitgeist in demselben gefangen. Es ist nämlich sehr linksliberal gedacht, dass man durch „sündigen“ reift, denn „sündigen“ ist der Inbegriff der Überschreitung von Verboten, die eine konservative Autorität angeblich deshalb aufgestellt hat, um die Menschen wie Kinder zu halten. Es ist sehr linksliberal gedacht, Ehe, Familie, und Beruf grau in grau zu sehen: Die Familie als die „Agentur der kapitalistischen Konsumgesellschaft“, der Beruf als willenlose Knechtschaft im Dienste des Kapitalismus. Es ist sehr linksliberal gedacht, Sex wie einen Schluck Wasser zu konsumieren, und Liebe als konservatives Konzept beiseite zu schieben. Diese Stereotypen stecken offenbar tief im Inneren des Autors, und er konnte sich nicht von ihnen lösen, sie nicht überwinden, und nun lehnt er sich wie ein trotziges Kind aufgrund eines unausgegorenen Unbehagens dagegen auf, ohne zu wissen, was er statt dessen eigentlich wollen sollte. Tugendhaftigkeit, Ehe, Familie, Beruf und Liebe will er offenbar nicht, weil er das Abenteuer in ihnen nicht erkennen kann. Und das Thema Religion und Weltanschauung fehlt völlig. Damit würde aber jede echte Kritik am Zeitgeist beginnen müssen.

Am Ende scheint der aufbegehrende Protagonist (bzw. der Autor selbst, wer sonst?) mit dem Schicksal des Dandy sogar ganz zufrieden zu sein. Das wird sehr deutlich in dem einleitende Gedicht, das mit „Dandy, you’re all right“ endet, und im Schlusswort, das sich mit einem gescheiterten Ausbruchsversuch völlig zufrieden gibt. Allzu schnell kehrt man in den grauen Mainstream zurück. Ein echter Ausbruchsversuch war vom Autor offenbar nie geplant. Alles war im Grunde eine Simulation von Ausbruch, die sich als Teil des Mainstream entpuppt. Die Simulation von Widerstand als Initiationsritus in den grauen Erwachsenen-Mainstream. Damit kann man’s dann ganz vergessen. Das ist im Grunde genau das Problem, vor dem der Vater des Autors 1993 im „Anschwellenden Bocksgesang“ gewarnt hatte:

„Heute benutzen Majorität und Minderheit, gleich welcher Sparte, durchweg dasselbe konforme Vokabular der Empörungen und Bedürfnisse. Dem gegenüber werden sich strengere Formen der Abweichung und der Unterbrechung als nötig erweisen; … … … Der Widerstand ist heute schwerer zu haben, der Konformismus ist intelligent, facettenreich, heimtückischer und gefräßiger als vordem, das Gutgemeinte gemeiner als der offene Blödsinn, gegen den man früher Opposition oder Abkehr zeigte.“ – „Dabei: so viele wunderbare Dichter, die noch zu lesen sind – so viel Stoff und Vorbildlichkeit für einen jungen Menschen, um ein Einzelgänger zu werden. Man muß nur wählen können; das einzige, was man braucht, ist der Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream. Ich bin davon überzeugt, daß die magischen Orte der Absonderung, daß ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen für den Erhalt des allgemeinen Verständigungssystems unerläßlich ist. Nicht zuletzt deshalb steht man jetzt vor einer gigantischen Masse an Indifferenz unter den Jugendlichen, weil die politisierte Gesellschaft sich ausschließlich mit korporierten Minderheiten beschäftigt hat und keinerlei Prägemuster für den Einzelgänger zur Verfügung stellte.“

Fazit

Die Langweiligkeit einer aalglatt und zeitgeistig verlebten Jugend zu thematisieren und danach zu fragen, wie man reift und ein besonderes und sinnvolles Leben lebt, ist ein großartiger Ansatz und eine wichtige Fragestellung. Die Ausführung dieses Ansatzes muss jedoch als völlig gescheitert angesehen werden. Insbesondere ist es dem Autor nicht gelungen, wesentliche Irrtümer des Zeitgeistes zu überwinden. Schlimmer noch: Der Autor scheint eine Überwindung des aalglatten Lebens in Wahrheit gar nicht anzustreben, sondern sich mit einer vorübergehenden Simulation von Widerstand zufrieden zu geben, die in Wahrheit auch nur Teil des Mainstreams ist, den er im Grunde bejaht.

Es bleiben der Ansatz des Buches und einige lesenwerte literarische Miniaturen und zum eigenen Denken anregende Textstücke. Für den Rest gilt: Dandy, you’re NOT all right.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 08. Juni 2019)

David Garnett: Dame zu Fuchs (1922)

Skurril aber sehr schön – Liebe überwindet alle eigenen und fremden Vorurteile

Eines Tages verwandelt sich Mrs Tebrick in eine Füchsin. So skurril, so real. Und sie beginnt, mehr und mehr ihren tierischen Instinkten zu folgen. Mehr noch als die Füchsin steht aber Mr Tebrick im Mittelpunkt dieses literarischen Kleinods: Wie wird er sich zu seiner geliebten Frau verhalten? Wie weit wird er in seinem Verständnis für ihre immer tierischer werdende Natur gehen? Wird er sich den Erwartungen seiner Mitmenschen beugen? Wird er sie am Ende verlassen?

Es ist rührend, die inneren Kämpfe von Mr Tebrick mitzuverfolgen. Am Ende von vielen durchgefochtenen inneren Schlachten steht ein moralischer Sieg, ein Triumph der Menschlichkeit – aber auch ein tragischer Schluss.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 15. Mai 2019)

Dan Brown: The Secret of Secrets (2025)

Prag, Hirnforschung und Deep State: Ein gelungener Dan Brown

Die Romane von Dan Brown sind immer wieder nach demselben Schema gestrickt, und mal geht das Konzept wunderbar auf, mal gerät es langweilig und langatmig. Dieses Mal ist das Konzept wieder voll aufgegangen. Der Roman ist rasant, wendungsreich, bildungsschwanger und thematisch interessant: So muss ein Dan Brown sein.

Der Leser bekommt eine herrlich rasante Jagd durch die Handlung des Romans präsentiert. Es gibt zwei große Themen: Einerseits Hirnforschung, Nahtoderfahrung, nicht-lokales Bewusstsein, Noetik und Chip-Implantate im Gehirn, und was man damit machen kann. Der Roman beginnt fast esoterisch, doch es klärt sich alles realistisch auf: Dan Brown übertreibt das Thema nicht ins Phantastische, sondern bleibt im Rahmen des zumindest Möglichen und Denkbaren und Diskutierbaren.

Andererseits geht es um den Deep State der USA, hier speziell um die CIA und ihre Firma In-Q-Tel. In-Q-Tel investiert in alle möglichen Technologien, damit die CIA immer einen Fuß in der Tür hat. Außerdem erwirtschaftet die CIA auf diese Weise Erträge, mit der sie Operationen finanzieren kann, von der die politische Führung nichts weiß: Der klassische Fall des Deep State. Dabei geht es auch um das Dilemma, wie weit ein Geheimdienst sich „schmutzige“ Hände machen darf, um das Gute in der Welt zu fördern und das Böse abzuwehren.

Dabei findet alles in Prag statt, der goldenen Stadt, deren Sehenswürdigkeiten konsequent abgeklappert werden. Interessant zu wissen, dass das Wort „Prag“ eine „Schwelle“ bezeichnet, auf Englisch: „Threshold“. Das Buch enthält einen gut gemachten Stadtplan, der dem Leser hilft, den Überblick zu behalten. Ja, der Leser weiß am Ende, was er in Prag sehen will, definitiv! Und trinken: Tschechischen Absinth.

Ein Nebenthema ist der Umgang der USA mit den Staaten, die sich unter ihre Hegemonie begeben haben: Werden sie wie Vasallenstaaten und Kolonien behandelt, in denen sich die USA alles herausnehmen können, oder zeigen die USA Respekt vor der Souveränität des jeweiligen Landes?

Dabei ist Dan Brown ein großes Lob auszusprechen: Andere Autoren hätten die obigen Ingredienzien dazu genutzt, ein antiamerikanisches Pamphlet zu schreiben. Nicht so hier! Es wird deutlich, dass der Deep State eben nicht identisch mit einem „bösen Amerika“ ist, sondern etwas, was auch aus Sicht der USA aus dem Ruder gelaufen ist. Wir sehen mehrere Beamte der USA auf verschiedenen Ebenen, wie sie glaubwürdig mit ihrem Gewissen ringen und die Dilemmata aufzulösen versuchen, in die sie durch den Deep State gebracht wurden. Am Ende gelingt es ihnen, die Verhältnisse zu einem guten Ende zu wenden, ohne dass es naiv pseudomoralisch oder antiamerikanisch wurde, sondern im Gegenteil: Es kommt das beste von Amerika zum Vorschein, mit viel pragmatischer Moral und Realismus.

Anders als in den vorigen Romanen ist Robert Langdon in diesem Roman zusammen mit einer Partnerin unterwegs. Das Techtelmechtel zwischen den beiden wird nicht übertrieben, und so ist auch dieser Aspekt des Romans gelungen.

Kritik

Es geht in diesem Roman um Prag, die Stadt des Golem und der großen astronomischen Uhr, die auch das Cover ziert. Man hätte erwartet, dass Dan Brown einige historische Rätsel mit diesen Dingen verbindet, die Robert Langdon im Laufe des Romans lösen muss. Doch das ist nicht der Fall. Die astronomische Uhr wird nur im Vorübergehen erwähnt und der Golem wird nur als Anspielung und Chiffre verwendet. Über die historischen Hintergründe der Uhr und des Golem erfährt man praktisch nichts.

Dass sich eine der Romanfiguren als Golem verkleidet und mit diesem eine Seelenverwandtschaft sieht, ist übrigens eine Übertreibung. Die Scharade will nicht so recht einleuchten, erst recht nicht mehr, wenn man gegen Ende des Romans das Geheimnis dieser Figur erfährt.

Nicht gelungen ist die Idee von Dan Brown, dass die Menschheit durch die Noetik an der Schwelle zu einem neuen Verständnis des Todes stünde, der uns allen die Angst vor dem Tod nehmen und damit zu einer friedlicheren Gesellschaft führen würde. Das ist für Dan Brown „the secret of secrets“, daher der Buchtitel. Zum Glück kommt diese misslungene Idee – obwohl der Titel des Buches auf sie hinweist – nur am Ende und am Rande des Romans vor. Hier ist philosophisch zu wenig investiert worden. Der Tod wird immer eine Schwelle bleiben, und alles jenseits davon ist uns unbekannt. Wissenschaft allein wird die Angst vor dem Tod niemals mindern können. Eine solche Besserung ist – in Maßen – höchstens von Religion und Philosophie zu erwarten. Dan Brown verweist mit Recht auf die Religiosität der Menschen des Mittelalters.

Der deutsche Verlag Lübbe blamiert sich übrigens, wo er kann: Das Buch ist zwar mit Karte, Lesebändchen und rot gefärbtem Buchschnitt gut ausgestattet, aber ein Preis von 32,- Euro ist dennoch unzweifelhaft ein monetäres Abgreifen der interessierten Leserschaft. Ein Preis von 25,- Euro wäre angemessen gewesen. Die Übersetzung ist weitgehend gelungen, dennoch fallen wieder einige Stellen auf, die man noch hätte glattbügeln können. An ganz wenigen Stellen zu Anfang fiel eine Beidnennung („Teilnehmerinnen und Teilnehmer“) als penetrant auf. Offenbar wollte da jemand mit penetranten Beidnennungen gendern, hat dann aber bald aufgegeben. Der Titel des Buches ist ebenfalls misslungen, er hätte analog zu den bisherigen Titeln aus einem Wort bestehen müssen, und das wäre in diesem Fall „Threshold“ gewesen.

Noch immer surft Lübbe auf der woken Welle: Auf der Internetseite des Verlages ist alles gegendert und in unerträglichem Regenbogen-Pastell gehalten. Doch in seinen Romanen gendert der Verlag nicht. Wenn diese Leute wirklich an die Genderei glauben würden, müssten sie dann nicht konsequent auch ihre Romane gendern? Und wenn sie ihre Romane nicht gendern, aus Rücksicht auf die Leser, heißt das dann, dass die Genderei auf der Internetseite eine einzige Rücksichtslosigkeit gegenüber den Lesern ist?

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

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