Schlagwort: Schuld

Thilo Sarrazin: Europa braucht den Euro nicht – Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat (2012)

Sachlich brilliant – linker Zeitgeist als tiefere Ursache

Wie immer schildert Sarrazin ganz sachlich die Zusammenhänge, wie man sie selten so geduldig und ausführlich erklärt bekommt. Man erfährt auch manches, was man selbst als aufmerksamer Zeitungsleser noch nicht wusste: Dass z.B. hohe Staatsschulden kein Problem sind, wenn der Staat bei seinen eigenen Bürgern verschuldet ist, aber dafür niedrige Steuern hat, wie z.B. Japan; aber das ist ein Randthema. Sehr gut auch die Erkenntnis von Sarrazin, dass ein Goldstandard in der Währung nichts nützt, wenn auch hier die Regeln nicht eingehalten werden (Bretton Woods). Das entscheidende sind gute Regeln und wirksame Mechanismen, die deren Einhaltung tatsächlich garantieren bzw. Übertretungen konsequent abstrafen. Dabei ist es egal, ob Goldstandard oder „Papierwährung“. Die DM war auch eine „Papierwährung“ und hatte wunderbar funktioniert.

Auf dieser sicheren Sachgrundlage führt Sarrazin dann eine klar nachvollziehbare Argumentation, warum man einen Schuldner nicht aus seiner Schuldenkultur herausholen kann, indem man ihm immer mehr Geld zusteckt; hier ist „moral hazard“ das Schlüsselwort, mit vielen Beispielen aus der Vergangenheit, wo dies ebenfalls scheiterte. Politik handelt nun einmal unter dem Druck verschiedener Interessen, und wenn man den Druck zu Reformen lockert, finden sie eben nicht statt. Sarrazin erklärt weiter, warum vertragliche Zusagen das Papier der Verträge nicht wert sind, auf dem sie gedruckt stehen, wenn kein wirksamer Mechanismus zur Durchsetzung dahinter steht; warum die Geldempfänger ihre Geldgeber keineswegs lieben, sondern im Gegenteil zu hassen und zu verachten beginnen; warum also der ganze Euro-„Rettungs“- Wahnsinn ein Wahnsinn ist, der ins Unglück führt, statt ins Paradies eines vereinten Europa.

Der einzig richtige Weg ist der argentinische Weg: Griechenland muss Bankrott erklären, aus dem Euro raus, abwerten, und dann wird es nach einer kurzen Phase der Turbulenzen wieder auf Kurs sein. Statt diesen ehrlichen, realistischen, gerechten und marktwirtschaftlichen Weg zu gehen, der keinesfalls die ganz große Katastrophe sondern vielmehr die handhabbare „kleine“ Katastrophe wäre, geht Europa derzeit aus ideologischen Gründen (Europagläubigkeit, Sozialgläubigkeit) den Weg der Planwirtschaft und Entdemokratisierung, den Weg der Ausbeutung der Fleissigen und Erfolgreichen (Deutschland …) und der demütigenden Gängelung und Bevormundung der Verschuldeten, der immer tiefer in die Misere führt, statt aus ihr heraus.

Sehr richtig analysiert Sarrazin, dass Deutschland vom Euro kaum profitiert haben dürfte, und dass der Export-Anteil in die Euro-Länder sogar rückläufig war. In Ländern wie Griechenland wurde durch den Euro hingegen die an sich schon schwach entwickelte Industrie vollends ruiniert, weil der Euro für sie zu stark ist, eine Abwertung der nationalen Währung nun aber nicht mehr möglich war. Auch können diese Länder nun nicht mehr einfach ihr eigenes Geld drucken, um sich über eine Inflation aus der Affäre zu ziehen. Auch hat Sarrazin richtig beobachtet, dass das gegenseitige Kennenlernen in Europa ebenfalls rückläufig ist, und sich alles mehr und mehr an einer angelsächsischen Weltkultur orientiert, was ein interessanter Punkt jenseits aller Ökonomie ist.

Wer schon längst den Überblick über die Bankenkrise und die später folgende Eurokrise verloren hat: Bei Sarrazin wird das alles noch einmal chronologisch aufgedröselt und analysiert. Auch die Zeitpunkte, an denen die entscheidenden Fehler gemacht und Vertrags- bzw. Verfassungsbrüche begangen wurden, werden genannt. Teilweise war Sarrazin als Beamter selbst dabei und berichtet aus dem Nähkästchen, wie es wirklich war. So wurde die Einführung des Euro von Helmut Kohl gegen die Meinung seiner Beamten beschlossen, vermutlich, um Frankreich für die deutsche Einheit zu gewinnen. Gegen alle linke Propaganda kommt Sarrazin immer wieder zu demselben Schluss: Schuld an allem sind nicht die Banken oder „Spekulanten“ oder Konzernbosse oder diese oder jene Lobby oder wer auch immer, sondern im Kern muss die Ursache für alle diese Probleme im Politikversagen gesucht werden. Die Politiker sind schuld. Die politische Klasse und ihre Ideen.

Sarrazin geht in seiner Analyse aber noch tiefer: Er arbeitet auch die tieferen Gründe für das erschreckende Versagen der deutschen politischen Klasse heraus. Im Kern ist es eine fundamentale Kritik am linken Zeitgeist, der sich ab 1968 in Deutschland immer mehr durchsetzen konnte: Ein falsches Verständnis von Verantwortung in bezug auf die deutsche Vergangenheit, die Meinung, gerade als Deutscher müsste man immer eher geben und nachgeben statt andere zu kritisieren und klare, für alle heilsame Grenzen zu setzen. Sarrazin beobachtet eine erschreckende Ahnungslosigkeit und Naivität bezüglich ökonomischer Fragestellungen gepaart mit einer irrationalen Abneigung gegen den „Kapitalismus“, d.h. unsere erfolgreiche Marktwirtschaft, sowie eine sozialistische Verteilungsmentalität, die vergisst, dass Wohlstand erwirtschaftet werden muss, und wie das eigentlich funktioniert. Auch die verschiedenen Nationalcharaktere in Europa werden angesprochen, die von Multikulti-verliebten Politikern häufig ignoriert werden. Sie stehen einem zu engen Zusammengehen in Europa entgegen, weil man damit zusammen zwingen würde, was nicht zusammen gehört, auch und gerade ökonomisch nicht. In den Ländern des Südens ist Papier sehr viel geduldiger als im Norden. In der EZB ist die stabilitätsorientierte Tradition der deutschen Bundesbank vollkommen unter die Räder gekommen, dort herrscht jetzt der „Club Med“ mit Mehrheit. Namentlich wird als Vordenker der ideologischen Verblendung auch Jürgen Habermas kritisiert, womit Sarrazin ins Herz der herrschenden Zeitgeist-Klasse trifft. Es sind also die Politiker und ihre Vordenker schuld.

Gegen all das formuliert Sarrazin den Gegenentwurf eines Europas, der für Europa-Euphoriker sicher unerträglich „spießig“ klingt, in Wahrheit aber einfach nur realistisch und vernünftig ist. Die europäischen Staaten müssen dort kooperieren, wo es Sinn macht, aber ihre eigenen Wege gehen, wo es keinen Sinn macht. Insbesondere muss jeder Staat für sich allein wirtschaften, und darf nicht von anderen Staaten „gerettet“ werden, so wie es vertraglich einst vorgesehen war. Ein Euro-Austritt überschuldeter Länder darf kein Tabu sein. Nur in einem einzigen Punkt ist Sarrazin bereit, sich Europa auch „ideologisch“ etwas kosten zu lassen: Sarrazin warnt davor, dass Frankreich durch Deutschland gedemütigt wird, weil das deutsch-französische Verhältnis die unabdingbare Basis für ein kooperatives Europa ist, in dem Frieden herrscht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Erstveröffentlichung auf Amazon am 1. Juli 2012.

Karl Jaspers: Wohin treibt die Bundesrepublik? (1966)

Schon 1966 klare Warnung vor Parteienoligarchie – gültig bis heute!

Das Buch „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ des bekannten Philosophen Karl Jaspers erschien 1966 und wurde zu einem politischen Bestseller wie vielleicht in unseren Tagen das Buch von Thilo Sarrazin. Im Zentrum der Analyse steht die Erkenntnis, dass die BRD schwerwiegende demokratische Defizite aufweist.

Das Grundgesetz und das Wahlgesetz beruhen auf einem ausgesprochenen Misstrauen dem Volk gegenüber, und installieren eine Parteienoligarchie. Der Begriff „Parteienoligarchie“ wurde durch Jaspers Buch geprägt. Der Wähler hat in diesem System so gut wie keinen Einfluss. Die Parteien halten im Zweifelsfall gegen den Wähler zusammen. Wichtige Entscheidungen werden nicht nur nicht durch das Volk entschieden, sie werden häufig noch nicht einmal öffentlich diskutiert und zu Bewusstsein gebracht.

Neue Parteien haben praktisch keine Chance. Das Wahlsystem, die Parteienfinanzierung u.a. Mechanismen sichern die Macht der Altparteien. Es gibt eine Tendenz zu einer indirekten Zensur, und Intellektuelle werden kritisiert, sobald sie unabhängige Gedanken in den Massenmedien äußern. Jaspers äußert Verständis für Menschen, die keine Hoffnung mehr sehen und auswandern.

Die BRD ist eine Gründung „von oben“, durch die Westalliierten, die ihre wahre demokratische Gründung durch die Bewusstwerdung des Volkes als Souverän erst noch zu leisten hat. Das will Karl Jaspers aber nicht gegen das Grundgesetz, sondern mit dem Grundgesetz erreichen, das er als gute Ausgangsbasis ansieht, und dessen Grundrechtekatalog er hoch schätzt. Jaspers will u.a. die 5%-Klausel abschaffen und einen Ombudsmann für Meinungsfreiheit einsetzen. Politische Bewegungen aus dem Volk heraus will Jaspers fördern, doch die Forderung nach Volksbegehren und Volksentscheid fehlt seltsamerweise: Sie wird noch nicht einmal diskutiert! Wie das, fragt sich der Leser?

Das Buch äußert sich auch zu konkreten Einzelthemen der damaligen Politik. In seiner Opposition gegen Fehlentwicklungen schießt Jaspers aber häufig über das Ziel hinaus und formuliert eine radikale Gegenposition, die genauso falsch ist, bzw. er scheitert daran, eine differenzierte Sicht richtig zum Ausdruck zu bringen, oder er verwickelt sich in Widersprüche. Außerdem ist der Schreibfluss teilweise ungeordnet und es kommt zu störenden Wiederholungen. Wo es nicht um Freiheit und Demokratie, sondern um einzelne Themen geht, ist Jaspers vielfach schwach. Dennoch ist manche Anregung dabei, die auch heute noch wert ist, beachtet zu werden:

Notstandsgesetze:
Für Jaspers drohen die damals diskutierten Notstandsgesetze zur Überleitung von der Parteienoligarchie zur Diktatur zu werden.

Schuldfrage:
Zwar ist Jaspers gegen eine Kollektivschuld der Deutschen am Nationalsozialismus, aber seine Schuldzuweisungen sind dennoch maßlos und zelebrieren fast eine Art „Schuldseligkeit“. Allein dass man überlebt hat, gilt praktisch schon als Schuld. Jeder, der nicht sein Leben daran gesetzt habe, den Nationalsozialismus zu bekämpfen, sei schuldig. Von allen Deutschen seien vielleicht 500.000 ohne Schuld, meint Jaspers. Gleichzeitig nimmt Jaspers aber z.B. den einfachen Soldaten in Schutz, weil er nur Befehlsempfänger war. – Jaspers bedauert, dass sich der Bundestag nur zu einer rechnerischen Verlängerung der Verjährungsfrist für NS-Verbrechen um wenige Jahre durchringen konnte, nicht aber zu einer dauerhaften Aufhebung der Verjährung als politisch gewollter, rechtssetzender Tat.

Bündnis mit den USA:
Die Tatsache, dass die beiden Großmächte USA und Russland militärisch uneinholbar sind, zwingt die anderen Staaten in Schutzbündnisse mit einer der beiden Großmächte. Neutralität ist nicht mehr möglich, weil Neutralität heute nicht mehr verteidigt werden kann. Dabei übertreibt es Jaspers allerdings mit der Unterwürfigkeit gegenüber den USA, er merkt aber auch richtig an, dass die Hegemonie nur in der Politik gegenüber dem äußeren Feind gilt, nicht jedoch in der Politik der freien Staaten untereinander. Jaspers sieht das Bündnis zu den USA als bedeutend wichtiger an als das Bündnis zu Frankreich. Charles de Gaulle ist für Jaspers ein weltfremder Romantiker.

Souveränität:
Jaspers will, dass die Deutschen aus Vernunft auf ihre Souveränität verzichten. Jaspers versäumt es jedoch, den Gedanken zu formulieren, dass man in einem Bündnis souverän bleibt, wenn man die Gestaltung und Mitgliedschaft des Bündnisses jederzeit neu verhandeln kann. Allerdings stellte sich die Frage nach der Souveränität der BRD vor 1990 ganz anders als heute.

Europäische Einigung:
Jaspers verwendet auf dieses Thema nicht mehr als einen Absatz. Er ist grundsätzlich dafür, glaubt aber nicht daran, dass Europa jemals eine große Macht wie USA oder Russland sein könnte.

Atomkrieg, Friedenspolitik:
Jaspers opfert praktisch die Freiheit auf dem Altar des Friedens. Weil ein Atomkrieg das Ende sei, müsse man alles (!) tun, um den Frieden zu erhalten. Wenn man das konsequent zu Ende denkt, hieße das Unterwerfung unter den Kommunismus, doch so weit denkt Jaspers nicht. Jaspers hat nicht verstanden, dass der Satz „Si vis pacem para bellum“ auch und gerade im Atomzeitalter Geltung hat. Damals war die Angst vor dem Atomkrieg allerdings sehr viel realer als heute – obwohl die Gefahr nach wie vor besteht.

China:
Jaspers verwendet mehrere Seiten darauf, vor dem aufstrebenden China zu warnen, und plädiert dafür, die Atomanlagen Chinas zu zerstören. China ist für Jaspers kein berechenbarer Gegner wie die Sowjetunion.

DDR-Politik:
Jaspers wünscht, dass die BRD die DDR ökonomisch unterstützt, auch wenn man damit das Ulbricht-Regime stabilisiert. Jaspers hofft, dass eine Vertrauensbildung irgendwann dazu führen wird, dass die Sowjets abziehen, weil die DDR dann auch freiwillig ein kommunistischer Staat bleiben würde. Man sieht, dass Jaspers hier die Realität krass verkennt. Gerade auch angesichts der bewunderswerten Verve, mit der Jaspers für die BRD freiheitlichen Geist fordert, ist es erstaunlich, dass die DDR-Bürger sich mit kleinen persönlichen Freiheiten und Konsum abfinden sollen, anstatt für die Freiheit zu kämpfen. Für den Frieden opfert Jaspers einfach alles, und das ist falsch.

Deutsche Teilung und Vertreibung aus Ostgebieten:
Jaspers formuliert mit Recht, dass der status quo anerkannt werden muss, um den Frieden zu wahren. Jaspers versäumt es aber zu formulieren, dass die Freiheit für die DDR-Bürger automatisch die Wiedervereinigung bedeuten würde, und dass die Vertreibung Unrecht war, auch wenn sie nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Bei Jaspers spürt man große Kälte und Unverständnis gegenüber den Vertriebenen, und wiederum eine unmenschliche Schuldseligkeit, die Jaspers dazu führt, Vertreibung und Teilung als legitime Folgen der deutschen Aggression anzusehen: Hier rechnet er ein Verbrechen gegen das andere auf, und das darf man nicht.

Bundeswehr:
Jaspers wendet sich gegen eine Traditionsbildung der Bundeswehr, die an NS-Generäle anknüpft, und würde lieber eine Bundeswehrtradition sehen, die auf preußische Vorbilder wie Gneisenau, Scharnhorst, Clausewitz oder Moltke aufbaut. Den 20. Juli hält Jaspers nicht für würdig und betrachtet ihn als eine fadenscheinige Legitimierung der Bundeswehr durch die Adenauerregierung. An anderer Stelle jedoch lobt Jaspers einen General, der die Opfer des 20. Juli gewürdigt wissen will, und kritisiert, dass die Bundeswehr von Offizieren aufgebaut wurde, die gegen den 20. Juli waren. Eine typisch Jaspersche Unausgegorenheit.

Bildung:
Für die Bildung möchte Jaspers auf die Antike zurückgreifen: „Der Abendländer soll in griechischer und römischer Welt und in der Bibel zu Hause sein. Das ist möglich auch ohne Kenntnis der alten Sprachen, zumal bei der heute gegenüber früheren Zeiten unvergleichlichen Zugänglichkeit guter Übersetzungen in billigen Ausgaben. Es ist als ob wir durch die Tiefe und Einfachheit des Großen in der Antike wie in eine neue Dimension unseres Lebens gelangen, den Adel des Menschen erfahren und Maßstäbe gewinnen. Wer nicht von der Antike weiß, ist noch nicht erwacht und bleibt barbarisch.“ (S. 202 f.) Die Geschichte „lässt uns heimisch werden in der eigenen Herkunft, in dem Leben der Völker und der Menschheit.“ (S. 203)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 28. Juni 2015)

Einige Zitate:

„Das Volk ist dem Namen nach der Souverän. Aber es hat keinerlei Einwirkung auf die Entscheidungen außer durch Wahlen, in denen nichts entschieden, sondern nur die Existenz der Parteienoligarchie anerkannt wird. Die großen Schicksalsfragen gehen nicht an das Volk. Ihre Beantwortung muss das Volk über sich ergehen lassen und merkt oft gar nicht, dass etwas und wie es entschieden wird.“ (Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1966, S. 134)

„Wenn die Opposition nicht anerkannt wird als produktive Macht und als für den Staat unentbehrlich, dann ist sie nur negativ beurteilter, staatsfeindlicher, daher eigentlich verwerflicher Gegner. Wenn die Opposition keine eigenen, durchdachten und das Denken der Bevölkerung ergreifenden Zielsetzungen und Wege hat, dann erscheint sie der herrschenden Partei ähnlich. … Mit der Aufhebung des Spiels der Opposition als unentbehrlichen Faktors der politischen Willensbildung des Staates hört die demokratische Freiheit auf. Denn der politische Kampf im Denken der Bevölkerung hört auf.“ (Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1966, S. 138)

„Demokratie heißt Selbsterziehung und Information des Volkes. Es lernt nachdenken. Es weiß, was geschieht. Es urteilt. Die Demokratie befördert ständig den Prozess der Aufklärung. Parteienoligarchie dagegen heißt: Verachtung des Volkes. Sie neigt dazu, dem Volke Informationen vorzuenthalten. Man will es lieber dumm sein lassen. Das Volk braucht auch die Ziele, die die Oligarchie jeweils sich setzt, wenn sie überhaupt welche hat, nicht zu kennen. Man kann ihm statt dessen erregende Phrasen, allgemeine Redensarten, pompöse Moralforderungen und dergleichen vorsetzen. Es befindet sich ständig in der Passivität seiner Gewohnheiten, seiner Emotionen, seiner ungeprüften Zufallsmeinungen.“ (Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1966, S. 140)

„Die Tendenz, eine Zensur auszuüben im Interesse der autoritären politischen Herrschaft, nimmt zu. Sie zeigt sich heute durch indirekte Maßnahmen.“ (Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1966, S. 153)

„Die Freiheit aber muss durch Erziehung, Überlieferung, Übung und Wagnis stets neu erworben werden.“ (Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1966, S. 169)

„Es gibt für uns [Deutsche] noch immer keinen politischen Ursprung und kein Ideal, kein Herkunftsbewusstsein und kein Zielbewusstsein, kaum eine andere Gegenwärtigkeit als den Willen zum Privaten, zum Wohlleben und zur Sicherheit.“ (Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1966, S. 178 f.)

„Die Wirtschaft kann sich selbst ruinieren, wenn sie nicht unter ethischen Impulsen steht, die zuerst bei den Unternehmern, die durch ihr Vorbild den Geist ihres Betriebes erzeugen, dann bei den Arbeitern das ganze Leben tragen.“ (Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1966, S. 192)

„Einige Vorschläge: … Abschaffung 5%-Klausel, des konstruktiven Misstrauens-Votums, der Finanzierung der Parteien aus der Staatskasse. Der Sinn ist: Durchbrechung der Parteienoligarchie. Eine Gefahr, dass bei Anarchie der Parteien eine Hitlerdiktatur sich wiederhole, besteht nicht. Wohl aber besteht die Gefahr, dass aus der Parteienoligarchie ein autoritärer Staat und aus ihm die Diktatur erwächst. Diese Gefahr wird erhöht, wenn man die Angst vor der nicht bestehenden andern Gefahr festhält.“ (Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1966, S. 194)

„Heute brauchen wir vor allem eine Geschichte der Freiheit in den deutschen Gebieten im Rahmen der abendländischen Geschichte, deren Glied wir sind.“ (Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1966, S. 204)

„Dies muss mit Deutlichkeit betont werden. Die Verbindung mit den freien Staaten unter der Hegemonie der USA ist zwar notwendig zur Selbstbehauptung der Freiheit. Aber dieses Bündnis gilt nur außenpolitisch gegenüber der nicht freien Welt. Innenpolitisch hat jeder Staat, jedes Volk seine Freiheit. Dazu kommt eine gemeinsame ‚Innenpolitik‘ der freien Staaten unter sich, vor allem in Wirtschaftsfragen. Hier gilt keine Hegemonie.“ (Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1966, S. 250)

„Wer als Deutscher alt geworden ist, hat es zweimal erlebt (1914 und 1933) und fürchtet, dass es sich zum dritten Mal wiederholen könnte. Es ist in allem Wandel der Erscheinung etwas unheimlich Bleibendes. Nur die Deutschen, die sich dessen bewusst werden, können es überwinden.“ (Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1966, S. 281)

Patrick Tschan: Schmelzwasser (2022)

Ein fürchterlich verunglücktes Buch

Dieser Roman will anhand der Geschichte der Überlinger Buchhändlerin Eleonore Weber (1900-1992), die 1947 ihre überregional bekannte Buchhandlung eröffnete, einen Einblick geben, wie die deutsche Gesellschaft nach 1945 den nationalsozialistischen Ungeist zurückdrängte und in die Zeit von 1968 aufbrach. Doch leider ist dieses Vorhaben gründlich missglückt.

Es beginnt damit, dass der Roman völlig ahistorisch ist. Mit der Anlehnung an die Person von Eleonore Weber wird Historizität angedeutet, doch in Wahrheit ist der Roman fast vollständig frei erfunden. Die historische Person Eleonore Weber wird völlig verfehlt. Warum dann nicht gleich völlig frei erfinden? Nicht einmal als Lokalroman für die Stadt Überlingen taugt das Buch, denn auch die Stadt Überlingen bleibt mit einigen spärlichen Anspielungen seltsam blass. Es geht eher um irgendeine imaginierte deutsche Kleinstadt als um Überlingen. Hinzu kommt die Verfremdung durch Pseudonyme: Eleonore Weber heißt in diesem Roman „Emilie Reber“. Der Name der Stadt bleibt ungenannt. Warum dieses Versteckspiel? Und aus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wird die „Sozialistische Partei Deutschlands“ (S. 283): Das ist fast schon eine Schändung der Tradition der SPD.

Auch die Handlung ist leider sehr unrealistisch. Man hat das Gefühl, es mit Stehaufmännchen zu tun zu haben. Den Protagonisten gelingt im Grunde immer alles, es sind Tausendsassas ohne Charakter. Und wenn sich die Buchhändlerin Emilie Reber in der Überlinger Stadtgesellschaft unbeliebt gemacht hat, dann ändert sie einfach die Strategie und schon ist sie wieder obenauf – in der Realität würde das nicht so funktionieren. Im Hintergrund steht dabei immer die französische Besatzungsmacht, die Emilie Reber eine besondere Macht über ihre schuldigen Mitmenschen verleiht. Das ist eine sehr unwirkliche Situation (und auch moralisch etwas fragwürdig.) Man könnte versuchen, diese unwirkliche Handlung symbolisch zu lesen. Aber dafür ist das Buch wieder nicht symbolisch genug.

Die Unglaubwürdigkeit setzt sich damit fort, dass die Realität der Nachkriegszeit völlig verfehlt wird. In diesem Buch gibt es auf der einen Seite eine durch und durch schuldig gewordene und eisern schweigende deutsche Gesellschaft, angeführt von einer Reihe alter Nazis, die so alt und so dumpfbackig sind, wie es nur eben geht. Dem gegenüber stehen junge, weibliche, dynamische „Aufklärer“, die die Gesellschaft aufmischen. Eine klare Polarität. So war es aber nicht. Die Schuld am Nationalsozialismus war in der deutschen Gesellschaft sehr ungleich verteilt, dazu gleich mehr. Und so mancher Nazi war jung, clever, elegant und unangenehm anpassungsfähig. Im Roman fehlt z.B. auch die katholische Kirche in Form eines Stadtpfarrers oder der katholischen Jugend völlig. Die Kirche spielte in Baden sowohl im als auch nach dem Nationalsozialismus eine wichtige Rolle. Auch das Handeln der Franzosen als Besatzungsmacht wird an keiner Stelle kritisch hinterfragt. Die Rollen von Gut und Böse sind in diesem Roman so klar verteilt, dass es weh tut. Wer sich für die Nachkriegszeit interessiert, sollte besser „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen lesen. Koeppen hat diese Zeit selbst miterlebt und beschreibt sie sehr realistisch. Auch was die Stimmung anbelangt: Dort findet man viele kleine und große Sorgen der Menschen, serviert mit erstaunlich viel Humor, und von Schuldgefühlen eher keine Spur. „Aufklärer“ sind in der Nachkriegsgesellschaft eines Wolfgang Koeppen völlig überflüssig.

Neben die unrealistische Zeitdiagnose wird eine unrealistische Therapie gesetzt: Dieser Roman glaubt allen Ernstes, den Nationalsozialismus mit „Literatur, Musik, Mode, Frisuren, Aufklärung, Sex“ überwinden zu können, so heißt es wortwörtlich (S. 210). „Aufklärung“ meint dabei Sexualaufklärung, nicht philosophisch-politische Aufklärung. Hannah Arendt oder Thomas Mann werden zwar genannt, aber die Inhalte ihrer Werke bleiben in diesem Roman stumm: Dabei wäre hier viel Gutes zu finden gewesen. Statt dessen treten die „Aufklärer“ des Romans den Rechtsstaat, den sie angeblich aufbauen möchten, mit Füßen, indem sie das Briefgeheimnis wiederholt und systematisch brechen, um Nazis zu bekämpfen. Am Ende wird sogar ein Mord am Obernazi des Romans als finale Erlösungstat angedeutet, denn er wird in seinem Rollstuhl bei Nacht und Nebel hinaus aufs Eis des Bodensees geschoben (und ward danach wohl nie mehr gesehen; das bleibt aber ungesagt).

Es kommt hinzu, dass die „Aufklärung“ der kleinstädtischen Gesellschaft erstaunlich kommerziell verläuft. Die Protagonisten des Romans verkaufen ständig irgendetwas: Sie verkaufen Taschenbücher, Frisuren, Jeans, Beate-Uhse-Kataloge, Musik und Eintrittskarten in die Disko, wo dann wieder Getränke verkauft werden. Auch das große Konzert am Ende des Romans hat einen genau bezeichneten Eintrittspreis, nämlich 5 DM, und die örtlichen Vereine verkaufen Bratwurst und Getränke, wie sorglich vermerkt wird. Und die Protagonisten loben sich gegenseitig mehrfach für ihren Geschäftssinn. Natürlich, nicht selten gehen Fortschritt und Kommerz Hand in Hand. Aber diese Einseitigkeit hat doch ein Gschmäckle.

Was die Schuld der Deutschen anbelangt, wiederholt dieser Roman doch tatsächlich das ewig falsche Mantra, dass jeder von dem kommenden Unheil durch die Nationalsozialisten hätte wissen können und deshalb jeder voll schuldig sei: Jeder Deutsche also ein vollschuldiger Massenmörder (S. 301). Man denke aber nur, wie kurzsichtig und oberflächlich die große Masse der Wähler auch heutzutage politische Fragen beurteilt: Es ist unrealistisch, allzu hohe Forderungen an die Masse der Menschen zu stellen. Zwar gibt es eine gewisse Schuld auch bei den „kleinen“ Leuten, doch sie ist meist klein oder auch gar nicht vorhanden. Die Hauptschuld ist natürlich vor allem bei den „Vorbetern“ der Gesellschaft zu suchen. Abgesehen davon, dass die NSDAP in den letzten Wahlen vor der Machtergreifung nicht 100% sondern 33% erzielte, und selbst nach der Machtergreifung bei ungebremster Propaganda und Einflussnahme auf die öffentliche Meinung nur auf 43,9% kam. Die badischen Wahlergebnisse bewegten sich dabei ziemlich genau im Durchschnitt Gesamtdeutschlands. Der Überlinger Lokalhistoriker Oswald Burger, den Patrick Tschan als eine seiner Quellen anführt, urteilt: „Ein Nazinest war Überlingen vor 1933 allerdings eindeutig nicht.“

Zumal sich die Frage stellt, was es denn genau ist, was man vorher über die Verbrechen der Nationalsozialisten hätte im voraus wissen können, vorausgesetzt, man wäre intellektuell wach gewesen. Es sei an Hannah Arendt erinnert, die als verfolgte Jüdin und Intellektuelle am ehesten in der Lage hätte sein sollen, Dinge vorauszusehen. Doch als 1945 die Nachrichten aus den KZs in die Zeitungen kamen, brauchte sie eine gewisse Zeit, um zu begreifen, dass der Holocaust keine alliierte Propaganda sondern Realität war. Wenn Hannah Arendt Schwierigkeiten hatte, die Monstrosität des Nationalsozialismus im nachhinein zu begreifen, wie soll es dann der Otto-Normal-Deutsche im vorhinein hätte sehen können? Die Schuldfrage wird in diesem Roman ganz platt und falsch behandelt, wie wenn alle Deutschen bei einer freien und geheimen Volksabstimmung mit einem willentlichen und wissentlichen „Ja“ explizit für die massenhafte Ermordung von Menschen gestimmt hätten. Das ist grotesk. Die komplexe Realität der Schuldfrage wird von diesem Roman vollkommen verfehlt.

Weiter tischt dieser Roman die uralte Lüge auf, dass der Nationalsozialismus ganz dem jahrhundertealten deutschen Wesen entsprochen habe, das im Nationalsozialismus lediglich zu seiner reinsten Form kulminiert sei. Zitat: „Seit Generationen werden in diesem Land Menschen gedemütigt, gefügig gemacht, abgerichtet. Wie Sie. Weitergegeben von Vätern an Söhne, von Müttern an Töchter. Wie bei Ihnen. Das ist das Wesen dieses Landes, das Europa zweimal in den Abgrund geführt hat. Millionen und Abermillionen Tote wegen dieser Zucht: demütigen, gehorchen, die nächsten demütigen, zum Kadavergehorsam, zu Maschinen wie Sie erziehen, in den Krieg schicken und so weiter und so weiter.“ (S. 301 f.) „Und dass alle diese Eichmanns in diesem Land das Resultat einer Erziehung zum Kadavergehorsam durch Demütigung und Strafen sind, die seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben worden ist. Er sei genauso eine Ausgeburt deutscher Zucht, die stets gedankenlos den noch Schwächeren tritt.“ (S. 304)

Die Idee, dass das Wesen des Deutschen „seit Jahrhunderten“ in „deutscher Zucht“ zum „Kadavergehorsam“ bestünde, die „stets“ gedankenlos den noch Schwächeren tritt, ist einfach nur Quatsch. Man versuche mal Goethe und Schiller mit dieser Idee im Hinterkopf zu lesen. Oder Immanuel Kant und Friedrich den Großen. Kadavergehorsam gab es in der SS, in der Tat. Aber schon in der Wehrmacht sah es anders aus, und das mitten im Nationalsozialismus. Selbst Wikipedia weiß es besser: „In Wirklichkeit setzt gerade die vom preußischen und deutschen Militär (unter anderem in beiden Weltkriegen) sehr erfolgreich umgesetzte Auftragstaktik das Gegenteil von Kadavergehorsam voraus.“ Der Nationalsozialismus war nur eine Karikatur des wahren deutschen Wesens, wenn überhaupt. Den Nationalsozialismus als höchste Manifestation des deutschen Wesens zu beschreiben, ist ein sehr, sehr radikaler Standpunkt, dessen logische Konsequenz die Auslöschung von allem ist, was deutsch ist. Nur weniger gebildete Menschen vertreten solche Thesen. Gebildete Menschen hingegen hätten nicht nur Goethe und Schiller gelesen, sondern wüssten z.B. auch, dass die Frage nach der Kriegsschuld beim Ersten Weltkrieg, der von Patrick Tschan hier in einem Atemzug mit dem Zweiten Weltkrieg genannt wird, sehr differenziert betrachtet wird. Wer glaubt denn heute noch daran, dass der „verrückte Kaiser Wilhelm“ und die „kadavergehorsamen Deutschen“ die volle und alleinige Schuld am Ersten Weltkrieg tragen?

Aber damit nicht genug. Dieser Roman schöpft den Brunnen der Peinlichkeit voll aus. Nicht nur das deutsche Wesen, auch Preußen wird klischeehaft in die Pfanne gehauen. Angeblich hätte Preußen nach der Niederschlagung der badischen Revolution von 1849 überall in Baden „Statthalter“ eingesetzt. So z.B. auch den Vorfahren des Roman-Obernazis, der ein Überlinger Landgut erhalten hätte, das zuvor einem Revolutionär gehört hätte. Diese Obernazi-Familie hätte von 1849 durchgehend bis in den Nationalsozialismus hinein Überlingen mit Kadavergehorsam beherrscht (S. 296). Und der alte Obernazi hätte noch in den 1920er Jahren seinen Sohn „nach alter preußischer Schule“ (S. 291) Spießruten laufen lassen. Die „Kaiserzeit“ wird wiederholt negativ genannt.

Auch das ist alles ganz falsch und unhistorisch. Preußen hat gewiss keine „Statthalter“ in Baden eingesetzt, sondern Preußen hatte Baden für ein gutes Jahr komplett militärisch besetzt. Später wurde Baden durch eine dynastische Beziehung des badischen Prinzregenten Friedrich mit der preußischen Prinzessin Luise (ab 1855) an Preußen gebunden. Es gab auch nie ein Spießrutenlaufen „nach alter preußischer Schule“. Das Spießrutenlaufen war im Zeitalter des Absolutismus überall in Europa verbreitet und kein preußisches Spezifikum. Im Gegenteil. Preußen schaffte das Spießrutenlaufen als eines der ersten Länder im Jahr 1806 ab. In süddeutschen Ländern geschah dies erst viel später, z.B. in Württemberg erst 1818, in Österreich sogar erst 1855. Und der reale Überlinger Obernazi, Kreisleiter Gustav Robert Oexle (1889-1945), war kein preußischer Gutsbesitzer, sondern stammte aus einer Tagelöhnerfamilie. Romanautor Patrick Tschan muss das gewusst haben, denn den Motorradunfall von Zänglers Sohn im Roman und dessen Bestrafung nach 1945 hat er sichtlich dem realen Motoradunfall von Oexles Nachfolger Ernst Bäckert nachempfunden. Zuguterletzt sei an die Autobiographie „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki erinnert: Darin kommt Reich-Ranicki immer wieder mit lobenden Worten auf das preußische humanistische Gymnasium zu sprechen. Wer aber nur Patrick Tschans Roman gelesen hat, wird gar nicht verstehen, wie man „Preußen“ und „Humanismus“ in einem Atemzug nennen kann.

Fazit

Für ein Buch des Jahres 2022 hätte man sich wahrlich mehr Gedankenreichtum über die Aufarbeitung des Nationalsozialismus gewünscht. Wir wissen inzwischen, dass die Aufarbeitung im Zuge von 1968 so ihre Probleme hatte. Johannes Gross prägte das Wort: „Je länger das Dritte Reich tot ist, umso stärker wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen.“ Es ist viel Ungerechtigkeit der damaligen Generation gegenüber geschehen, und es wurde oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Es musste immer gleich alles, was deutsch oder preußisch ist, dran glauben. Ein Unding! Abgesehen davon, dass es sachlich falsch ist, stellt sich zudem die Frage, wie man mit einer solchen Einstellung jemals wieder ein Land namens Deutschland aufbauen soll? Eine konstruktive Vision für Deutschland und die deutsche Kultur außer Sex und Jeans und Rock’n’Roll findet sich in diesem Roman nicht. Das hätte man von einem Roman aus dem Jahr 2022 aber erwarten können. Das Rad der Geschichte hat sich inzwischen doch deutlich weitergedreht.

Dieser Roman verrät mehr über den Zeitgeist des Jahres 2022 in einem bestimmten linken „juste milieu“ als über die wahren Vorgänge der Nachkriegszeit. Denn dieser Roman tut nichts anderes, als die infantilen Phantasien linker Spätgeborener, die geistig irgendwo in den 1980er Jahren stehen geblieben sind, in die Vergangenheit zu projizieren. Dieser Roman ist schrecklich falsch: Literarisch falsch. Historisch falsch. Politisch falsch. Es ist kein Wunder, dass dieser Roman sich nicht an der historischen Realität orientieren konnte sondern fast alles frei erfinden musste: Denn dieser Roman ist die Ausgeburt einer fehlgeleiteten Phantasie, die mit der Realität nichts zu tun hat. Historizität wird nur vorgetäuscht. Der Roman hätte statt „Schmelzwasser“ auch den Titel „Li-La-Lustiges Nazi-Bashing mit Claudia Roth und Greta Thunberg“ tragen können. In die Tonne damit!

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 07. Oktober 2022)

Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow (1879/80)

Dostojewskis größtes Werk: Der Seelenzustand Russlands vor Gericht

Der Roman „Die Brüder Karamasow“ ist der letzte und zugleich der großartigste Roman von Fjodor Dostojewski, in dem alle Themen seiner früheren Romane wiederkehren und zu neuen Höhen geführt werden.

Ort der Handlung ist eine russische Kleinstadt mit ihren Bewohnern, in denen sich Russland wiederspiegelt. Russland spiegelt sich auch in der Familie Karamasow wieder, die aus dem Vater Fjodor Pawlowitsch, den drei Söhnen Dimitri, Iwan und Alexei, sowie dem unehelichen Sohn Smerdiakov besteht. Die Mütter sind bereits alle verstorben. Im Vater zeigt sich der Verfall der russischen Familie, die ihre Kinder vernachlässigt. Dimitri (Mitja) ist die unverfälschte russische Seele in all ihrer Widersprüchlichkeit, ein Schuft und ein Ehrenmann zugleich. Iwan ist der Intellektuelle, der von der westlichen Aufklärung zu Materialismus, Sozialismus und Zynismus verführt wurde und über den daraus folgenden Konsequenzen in seiner Seele zerrissen ist und nervlich zu Tode erkrankt. Smerdiakov ist ungeliebt, herabgesetzt, halbgebildet und selbstverliebt, und begeht den Mord an seinem Vater, nachdem er sich von Iwan auf psychologisch subtile Weise dessen unbewusstes Einverständnis besorgt hat. Alexei (Aljoscha) ist schließlich eine sanfte und offenherzige Seele, ein Gottesnarr, der immer nur das Gute will und immer nur die Wahrheit sagt. Von ihm heißt es, er habe sich in einer Fluchtbewegung vor den Schrecken der Aufklärung dem Glauben der russischen Orthodoxie zugewandt. Seine Gefahr sei es deshalb, dem Mystizismus und Chauvinismus (Nationalismus) zu verfallen, was vielleicht noch schlimmer sei als die Irrtümer der westlichen Aufklärung, wie es im Roman heißt.

Dennoch ist Aljoscha die heilste Seele von allen. Von seinem geliebten Staretz, der zu Beginn der Handlung verstirbt, wird Aljoscha angewiesen, nicht Mönch zu werden, sondern in der Welt zu leben. Den ganzen Roman über eilt Aljoscha von Ort zu Ort, um sich mit diesem oder jenem zu treffen und etwas zu besprechen. Immer hat er noch etwas zu erledigen und muss schnell weiter. Es ist offensichtlich, dass Aljoscha die Rolle eines Vermittlers und Heilers einnimmt, an dessen Wesen Russland genesen soll. Deshalb umgibt sich Aljoscha auch mit Kindern, die eine große Rolle in diesem Roman spielen. Die Kinder sind die Zukunft, und die Erinnerung an schöne Erlebnisse in der Kindheit sind ein Mittel zur Rettung vor dem Bösen, das ist ganz klar die Botschaft. Nicht umsonst wird Aljoscha schon im Vorwort als der eigentliche Held des Romans angekündigt, gerade weil er in seiner Naivität etwas sonderlich ist, und obwohl der heilende Effekt seines Wirkens unbestimmt erscheint.

Nach einer sehr langen Vorbereitung kommt es in diesem sehr langen Roman schließlich zu einem Mord und zu einem Gerichtsprozess gegen den Angeklagten Dimitri: Es ist klar, dass hier Russland vor Gericht steht. Die Plädoyers von Ankläger und Verteidiger sind präzise Analysen der russischen Seele der damaligen Zeit anhand der Brüder Karamasow. Der Angeklagte steht unschuldig vor Gericht, und wird zu Unrecht verurteilt, doch das Urteil des Autors fällt milde aus: Trotz mancher Schuld und einigen Ungestüms hat kein Mord stattgefunden.

Im Rahmen dieser weit gespannten Handlung finden sich zahllose größere und kleinere Szenen, die diesen Roman zu einem Füllhorn an Gedanken machen, an denen man sich ein Leben lang abarbeiten kann, so z.B.:

  • Der Staretz, das Klosterleben, das einfache russische Volk. Die russische Orthodoxie als solche: Die Kirche muss zum Staat werden, nicht der Staat zur Kirche. Die Idee, dass die Rettung des Christentums aus dem Osten kommt. Der Katholizismus, in dem der römische Staat weiterlebt und die Kirche in sich abgetötet hat, sei hingegen schuld an der westlichen Aufklärung, die von Dostojewski kurzerhand mit Materialismus und Sozialismus in eins gesetzt wird.
  • Die Rede des Staretz über seinen kranken Bruder, und dass alle Menschen Schuld aneinander haben. Dazu die Geschichten von dem seltsamen Duell und von dem Fremden, der seine Schuld offenbaren muss, um davon frei zu werden. Dass alle Menschen Schuld aneinander haben, erkennt später auch Dimitri voller Reue. Ein Grundthema bei Dostojewski.
  • In Smerdiakov kehrt die Figur des Raskolnikov wieder: Er mordet aus zynischem Kalkül, kann aber mit seiner Tat nicht leben. Reue verspürt er dabei keineswegs und begeht Suizid, ohne seine Schuld zu bekennen.
  • Im Stabskapitän und dessen sterbenden Sohn Iljuscha wird das völlige Scheitern, die völlige soziale Erniedrigung und die völlige Hoffnungslosigkeit gezeigt. Sehr berührend. Und doch lässt Dostojewski aus dem vergeblichen Aufstand des kleinen Iljuscha am Ende die Gemeinschaft von Aljoscha mit den Kindern erwachsen.
  • Kolja Krassotkin ist der Prototyp des „verdorbenen“ Jugendlichen, d.h. eines altklugen, ideologisch früh verblendeten, hochnäsigen, gnadenlosen Menschen, der alle rücksichtslos quält und nur an sich denkt. Mathematik und Naturwissenschaften findet er sinnvoll, das Studium der Weltgeschichte und der klassischen Sprachen hält er hingegen für überflüssig (ist aber gut in Latein!): Sehr bezeichnend. Er ist Sozialist und wäre sicherlich ein gnadenloser Funktionär geworden, wenn er nicht durch Aljoscha pädagogisch gerettet worden wäre.
  • Miussoff ist ein selbstgefälliger, egoistischer Liberaler, Rakitin ein weiterer zynischer Sozialist.
  • Erkenntnis: „Heutzutage fürchten sich fast alle begabten Menschen am meisten vor der Lächerlichkeit“. Und: „…nur soll man nicht so sein, wie alle sind, das ist es!“
  • Lise, Gruschenka: Liebenswerte Frauen, die plötzlich aus einer Laune heraus auf böse „umschalten“.
  • Der „russische Candide“: Iwan rechnet in seiner „Empörung“ mit den sinnlosen Verbrechen ab, die in der russischen Gesellschaft an unschuldigen Kindern geschehen, die darüber vergeblich im Glauben Schutz suchen.
  • Iwans Poem „Der Großinquisitor“. Eine Polemik gegen die katholische Art des Christentums, aus dem Dostojewski die westliche Aufklärung mit Materialismus und Sozialismus entspringen sah. Aber nicht nur das.
  • Der Alptraum Iwans: Die Aufdeckung seiner Seele durch den Teufel, den seine seelische Krankheit als Abspaltung seiner selbst ins Zimmer projiziert.
  • Viele offenherzige Reden, in denen Menschen ihr Herz ausschütten, wie Marmeladow in „Schuld und Sühne“. Unübertroffen Frau Chochlakowa, die ständig neben sich steht und so manche Wahrheit über das Verhältnis von Männern und Frauen zu verkünden hat.
  • Es gibt auch einiges zu lachen in diesem Roman.
  • Wiederholt wird Schiller zitiert, ganze Passagen aus: Die Räuber. Das Eleusische Fest. Ode an die Freude.
  • Einige Seitenhiebe gegen die Deutschen und ihre Kultur: Die Deutschen seien autoritätshörig, aber gut in Wissenschaften. Deutsche Kleidung habe ein schmutziges Aussehen. Der deutsche Witz ist kartoffelig und fröhlich-selbstzufrieden.
  • Thomas Mann hat sich für seine Romane, speziell für den „Zauberberg“ offensichtlich bei Dostojewski bedient: Parallelen sind u.a. ein Duellant, der nicht schießen will, oder Träume, die Erkenntnis bringen, oder eine Romanfigur als Repräsentant eines Landes und seiner Seele.

Fazit

In seinem geistigen Kampf gegen den Materialismus ist Dostojewski in diesem Roman noch einmal zur Hochform aufgelaufen und hat zugleich ein wenig Optimismus für die Zukunft gewagt. Die Analysen und Warnungen Dostojewskis sind natürlich richtig und haben sich in der Zeit der kommunistischen Diktatur vielfach bewahrheitet. Auch heute ist die Gefahr keineswegs gebannt, weshalb der Roman auch für unsere Zeit gültige Wahrheiten und Warnungen zu bieten hat.

Allerdings hat Dostojewski für unsere Zeit – und wohl auch schon für seine Zeit – zu wenige konstruktive Vorschläge zu machen. Ein Zurück zur christlichen Religion und speziell zur russischen Orthodoxie ist weder intellektuell redlich vertretbar noch sind die Probleme des organisierten Christentums übersehbar, und das nicht nur bei der von Dostojewski so schwer kritisierten katholischen Kirche. – Der Gedanke, dass alle voreinander schuldig sind, ist zwar richtig, aber für sich allein genommen nicht zielführend sondern nur erdrückend. Hier ist Albert Schweitzer mit seiner Maxime „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ vielleicht zielführender. – Schließlich ist die Sicht auf die Aufklärung zu einseitig. Ja, die Aufklärung hat auch Materialismus und Sozialismus hervorgebracht. Sie hat aber noch viel mehr hervorgebracht. Die geistige Bewegung der Aufklärung kann nicht über einen Kamm geschoren werden.

Immerhin finden sich folgende konkrete Punkte: Zum einen die klassische Bildung, konkret werden Schiller, das Studium der Geschichte und der klassischen Sprachen genannt, aber immer wieder auch russische Klassiker. Zum anderen die Familie als Ort der gegenseitigen sittlichen Bildung von Mann, Frau und Kindern in Liebe. Und vielleicht könnte man Dostojewski mit der Aufklärung versöhnen, wenn man sie als nahtlose Fortsetzung des klassischen Humanismus deuten würde? Auf dieser Grundlage ließe sich dann leichter unterscheiden, welche Aspekte der Aufklärung humanistisch sind, und welche nicht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 18. November 2021)

Paolo Cognetti: Acht Berge (2016)

Gelebtes Leben, aber ohne Sinn und Ziel

Im Roman „Acht Berge“ von Paolo Cognetti geht es um Pietro, der als Kind von seinen Eltern immer wieder mit in die Berge genommen wird, wo sie ganze Sommer lang in einem halb verfallenen Bergbauerndorf in den italienischen Alpen leben und hohe Berge besteigen. Pietro freundet sich dabei mit dem Bergbauernsohn Bruno an. Die erste Hälfte des Romans dreht sich um diese Kindheitserinnerungen und die Eltern, um das Erwachsenwerden und den Tod des Vaters. Auf einem Grundstück hoch oben im Tal, das der Vater Pietro hinterlässt, bauen Bruno und Pietro eine einfache Berghütte. Bis hierhin ist es ein typischer Familienroman, der dem Leser vielerlei Möglichkeiten zur Identifikation bietet. Auch die Beschreibung des Lebens in den Alpen ist gut gelungen.

Doch dann entwickeln sich die Dinge zum Schlechten. Pietro studiert nicht, wie es sein Vater gewollt hatte, sondern lebt ein armes Leben als Filmemacher. Sinn- und ziellos irrt er durch die Welt und kommt dabei auch nach Nepal, wo er wiederum Berge besteigt. Frauen lässt er nur kurzzeitig in sein Leben. Eine davon wird später zur Gefährtin von Bruno. Bruno baut hoffnungsfroh eine Käserei auf und handelt damit erfrischend konstruktiv. Zusammen mit der ehemaligen Freundin von Pietro hat er ein Kind. Doch die Käserei geht pleite, ein konstruktiver Umgang mit dem Versagen unterbleibt, und die Partnerschaft zerbricht. Pietro spielt Seelentröster, ändern tut das aber nichts. Später wird Bruno in den Bergen vermisst. Vermutlich Suizid.

Alles in allem ein Roman, der eine überraschend deprimierende Wendung nimmt, und das ohne jeden Sinn und Zweck. Was will dieser Roman sagen? Wir bekommen Charaktere vor Augen geführt, die aus eigener Schuld versagen. Und irgendwie hat man das Gefühl, dass der Romanautor möchte, dass man darin doch noch einen Sinn erblickt – dass wir diese Versager und ihr gelebtes Leben irgendwie doch noch anerkennen. Dem muss sich der aufgeklärte Leser jedoch konsequent verweigern. Überzeugend ist einzig die Nebenfigur der Freundin, die einen der beiden nach dem anderen – aus guten Gründen – verlässt, und mit Kind ihr eigenes Leben vernunftgeleitet lebt.

Auch dramaturgisch ist das Buch misslungen. Die Verknüpfung der nepalesischen Legende von den Acht Bergen mit der Handlung bleibt höchst unklar. Die Legende stellt die Frage, ob die Besteigung des Heimatberges oder die Besteigung von acht fernen Bergen die größere Tat ist. Doch hier hat keiner der beiden „seinen“ Berg wirklich bestiegen. Nach dem Tod von Bruno wird eine dünne Verbindungslinie zu Pietros Vater gezogen, der ebenfalls nicht zu den Bergen seiner Jugend zurückkehren wollte, wegen dunkler Erinnerungen. Mehr als ein einziger Satz wird dazu aber nicht gesagt. Ganz am Ende ist dann noch von einem Geheimnis die Rede, dass es zwischen Bruno und Pietro gegeben hätte. Der Leser ist ratlos.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 06. März 2022)

Fjodor Dostojewski: Schuld und Sühne (1866)

Dostojewski nimmt das Großexperiment des Kommunismus literarisch vorweg!

In „Schuld und Sühne“ legt Dostojewski eine literarische Verarbeitung der „neuen Ideen“ vor, die offenbar zu seiner Zeit in Russland unter den jungen Menschen in Umlauf waren. Alle diese Ideen laufen mehr oder weniger darauf hinaus, dass die traditionelle christliche Moral abgelehnt und durch irgendeine Form von nützlichem Egoismus ersetzt wird. Das Buch ist eine einzige Warnung vor Rationalität ohne Liebe, mithin vor ideologischer Verblendung.

Unter den „neuen Ideen“ ist z.B. die „britische Nationalökonomie“, derzufolge der Egoismus des Einzelnen die Gesellschaft wie durch eine unsichtbare Hand als ganzes voranbringt. Dann wird der Sozialismus genannt, der die Gesellschaft grundlegend verändern will. Der Sozialismus glaube, dass die gesellschaftlichen Umstände an allen Verbrechen schuld seien. Ebenfalls prominent und etwas spöttisch erwähnt wird der Frühsozialist Fourier, der eine Welt anstrebte, in der Arbeit nicht mehr als Mühe sondern als Lust angesehen wird, und die Idee von Kommunen, in denen die „freie Liebe“ gelebt wird. Auch Charles Darwin und einige heute kaum noch bekannte Namen werden kurz angesprochen. Der wiederholt genannte Gipfelpunkt dieser Beispiele ist aber die Person von Napoleon, der auf der einen Seite große Verbrechen beging, um seine Karriere voranzubringen und seine Reformen durchzusetzen, der aber dennoch als großer Mann verehrt wird.

Dostojewski führt dem Leser nun einen jungen, im Grunde guten und klugen Menschen vor, nämlich den Studenten Raskolnikov, dessen Geist sich von der Liebe entfernt und sich in rein theoretischem Denken in diesen „neuen Ideen“ verfangen hat. Raskolnikov treibt die „neuen Ideen“ auf ihre Spitze, indem er glaubt, es gäbe Menschen, die dazu berechtigt seien, „Hindernisse“ aus dem Weg zu räumen, um Karriere zu machen und dadurch die Welt zum Besseren zu verändern. Alle anderen Menschen, die sich an die traditionelle Moral hielten, seien dagegen wie „Läuse“ und schwach, und dürften bei Bedarf aus dem Weg geräumt werden.

Deshalb ermordet Raskolnikov eine alte Pfandleiherin und deren Schwester.

Bei alledem ist das ganze Buch über weite Strecken schier unerträglich zu lesen. Schon bis zur Ausführung der Tat ist es ein ständiges ideologisches Hadern und ein Hin und Her. Man möchte als Leser dem jungen Mann zurufen: „Get real!“, „Komm mal wieder runter auf den Teppich!“ Oder: „Lass die Kirche gefälligst im Dorf!“ – Die Tat selbst ist natürlich ebenfalls nur schwer erträglich. – Danach entspinnt sich erst recht eine geradezu hysterisch hin- und herspringende Handlung: Raskolnikovs Nerven versagen unter der psychischen Last der Tat (nicht zu verwechseln mit Schuld!) und vor der Furcht vor Entdeckung. Sein Verhalten entwickelt sich sprunghaft, widersprüchlich, fast wahnsinnig. Er hadert auch mit der eigenen Deutung seiner Tat, und schließlich beginnt ein psychologisches Katz- und Mausspiel mit dem Kriminalisten Porfirij, der erstaunlich gut in die Seele Raskolnikovs zu blicken weiß, und ihn schließlich zum Geständnis treibt.

Dostojewski hat dabei einige falsche Fährten ausgelegt, warum Raskolnikov das Verbrechen begangen haben könnte. Da ist z.B. das – wiederum bis zur Unerträglichkeit ausgewalzte – soziale Elend der Familie des alkoholsüchtigen Beamten Marmeladov, insbesondere von dessen Tochter Sonja, die sich prostituiert, um die Familie durchzubringen. Und da ist die soziale Not von Raskolnikov selbst – die aber gar keine echte soziale Not ist, wie sich zeigt. Das Buch erklärt die genauen Hintergründe der Tat auch nicht von vornherein, weswegen der Leser erst nach und nach erfährt, wie sich alles genau verhält.

In einer Aussprache mit Sonja enthüllt Raskolnikov – wohl auch vor sich selbst – warum er die Tat wirklich begangen hat. Es sind zunächst tatsächlich diese „neuen Ideen“, vor allem auch das Vorbild des Napoleon, die ihn davon überzeugt haben, dass er richtig handelte und ohne Schuld ist. Aber dann ist da noch eine weitere, tiefer liegende Motivation: Es ging noch nicht einmal so sehr darum, seine Karriere zu befördern und später Wohltaten zu tun. Im Tiefsten wollte Raskolnikov sich selbst beweisen, dass er zu jenen „besseren“ Menschen gehört, die das Recht haben so zu handeln, und nicht zu den schwachen „Läusen“, indem er sich einer solchen Tat fähig zeigte! Hinter der Maske des Wohltäters steht also der Hochmut und die Meinung, er sei etwas besseres. Dies wird nur ein einziges Mal im Roman enthüllt.

Es ist deshalb auch kein Schuldbewusstsein, dass Raskolnikov am Ende zum Geständnis bringt, sondern ganz andere Dinge:

  • Es ist seine Enttäuschung darüber, dass seine Nerven die Tat nicht kalt aushielten, und er deshalb wohl doch nicht zu den „besseren“ Menschen gehört, sondern zu den schwachen „Läusen“.
  • Es ist seine Erfahrung, dass seine Tat und seine Anschauungen ihn radikal von allen Menschen entfremden, weil sie seine gefühllose Argumentation nicht akzeptieren können. Das gilt für seine Schwester und Mutter ebenso wie für seine späteren Mithäftlinge. Deshalb wohl auch der Name „Raskolnikov“, das ungefähr „Abspalter“ bedeutet.
  • Es ist sein Mitleid mit Schwester und Mutter, denen er durch seine Tat große Schmerzen zugefügt hat.
  • Schließlich seine Entlarvung durch den Kriminalisten Porfirij, der ihm Strafmilderung in Aussicht stellt, wenn er freiwillig gesteht. Die Strafe selbst erscheint Raskolnikov aber albern und unnütz.

Erst in den allerletzten Zeilen dieses gewaltigen Werkes bekommt dessen Titel seine Rechtfertigung: Denn bis kurz vor Schluss ist von Schuld und Sühne bei Raskolnikov nichts zu sehen. Erst ganz am Ende bricht sich die Liebe von Sonja ihre Bahn zu Raskolnikov, der sich aus dem lieblosen Theoretisieren zu befreien beginnt und Gefühle entwickelt. Es war die Liebe, die ihm fehlte. Und erst die Liebe und das Fühlen machen das Mitgefühl mit dem Opfer möglich, das damit keine schwache „Laus“ mehr ist, das die Voraussetzung von Schuldbewusstsein ist, das wiederum die Voraussetzung von Sühne ist. Das wird zwar nirgends explizit so gesagt, aber dieser Zusammenhang liegt auf der Hand, und nur so kann es zu jener inneren Verwandlung kommen, die am Ende angekündigt wird.

Anderes

Das Buch ist wie gesagt auf weite Strecken hin schier unerträglich, was natürlich an einer literarisch meisterhaften Verarbeitung eines in der Tat unerträglichen Themas liegt. Das allein ist lesenswert. Es finden sich aber auch große Reden, Dialoge und Szenen, in denen sich die verschiedenen Charaktere produzieren, und auch noch ganz andere Themen, die meisterhaft gestaltet werden.

Nebenthemen des Buches sind:

  • Armut und soziales Elend im damaligen St. Petersburg.
  • Damaliges Sexual- und Eheleben. Die Abhängigkeit der Frauen. Luschin. Svidrigailov.
  • Familie und Freundschaft.
  • Liebende und vernünftige Menschen: Rasumichin, Dunja, Porfirij.
  • Wie üblich in russischer Literatur ein wenig christliche Eschatologie.
  • Am Rande: St. Petersburg. Russland. Die kürzliche Aufhebung der Leibeigenschaft.

Kommunismus

Das erstaunlichste an diesem Roman ist aber, dass Dostojewski damit im Grunde die historische Entwicklung Russlands vorweggenommen hat. Denn die „neuen Ideen“ des Raskolnikov mündeten nur wenige Jahrzehnte nach Erscheinen des Romans (1866) im Großexperiment des Kommunismus. Der Kommunismus ist nichts anderes als die Realisierung der Theorie von Raskolnikov: Um die Menschheit voranzubringen, ist es der Avantgarde der Arbeiterklasse, also den „besseren“ Menschen, erlaubt, „Hindernisse“ aus dem Weg zu räumen. Und so ermordete Lenin zigtausendfach und hunderttausendfach Adlige, Priester und andere Widersacher, und Stalin steigerte das Morden in die Millionenzahl, und das alles zum Wohle der Menschheit.

Psychologisch äußerst feinsinnig hat Dostojewski erkannt, dass im Tiefsten dieser selbsternannten Wohltäter der Menschheit die Lieblosigkeit und der Hochmut sitzen: Sie wollen gar nicht zuerst das Wohl der Menschheit, sondern zuerst wollen sie sich selbst beweisen, dass sie etwas „besseres“ sind, und dass die anderen schwach und „Läuse“ sind.

Dostojewski gehörte einst selbst einem frühsozialistischen Zirkel an, der sich an Fourier orientierte. Er wurde 1849 verhaftet und nach einer Scheinhinrichtung zu Zwangsarbeit verurteilt. Dostojewski erzählt also von einer Geisteshaltung, die er selbst durchlitten und später ganz offensichtlich überwunden hat.

Unter dem Gesichtspunkt der Geistesgeschichte ist es von großem Interesse, dass die Untaten Napoleons bei Dostojewski eine große Rolle spielen. Könnte es sein, dass es einen historischen Konnex gibt zwischen den Verbrechen Napoleons und den Verbrechen der Kommunisten in Russland?

Seltsame Missverständnisse

Es muss auch gefragt werden, ob dieses Werk von Dostojewski bei manchen Lesern möglicherweise einen gegenteiligen Effekt erzielte: Dass manche Leser dieses Buch nicht als Warnung vor einer Rationalität ohne Liebe, mithin vor ideologischer Verblendung lasen, sondern im Gegenteil in Raskolnikovs Tat eine Heldentat sahen? Dass manche Leser durch dieses Buch überhaupt erst auf dumme Gedanken gebracht wurden, und insbesondere die dramatische Wende, die sich erst in den allerletzten Zeilen des Buches ereignet, schlicht übersahen? Ein Charakter des Buches heißt „Luschin“, der „Zinnerne“. Es erinnert an „Lenin“ oder „Stalin“, der „Stählerne“. Auch weitere Bezüge lassen sich finden. Es wäre interessant zu untersuchen, ob nicht nur Marx und Engels, sondern auch Dostojewski unfreiwillig einer der Taufpaten der mörderischen Ideologie des Kommunismus in Russland war.

Interessanterweise verfehlen die meisten Inhaltsangaben und Rezensionen den Inhalt von „Schuld und Sühne“. Sie glauben, die nervliche Überlastung von Raskolnikov rühre von Schuldgefühlen her, und dass die den ganzen Roman hindurch ausgebreitete nervliche Überlastung zugleich auch die Sühnestrafe sei. Immerhin lautet so ja der Titel des Buches: Schuld und Sühne. Aber von Schuld und Sühne ist bis auf die allerletzten Zeilen nichts in diesem Buch zu sehen. – Offenbar haben nicht wenige Leser Schwierigkeiten, die Radikalität des Plots wirklich zu begreifen. Oder sie lesen das Buch unter der Perspektive irgendeiner vorgefassten Weltanschauung oder Ideologie, in die sie dann den Plot des Buches zu pressen versuchen, bis hin zur Verkehrung der Absicht Dostojewskis in ihr Gegenteil. Dostojewski hat offenbar ein Buch geschrieben, das für viele nur schwer zu verstehen ist. Für die Menschheit lässt das nichts gutes hoffen.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 08. August 2018)