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Nadia Wassef: Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um – Mein abenteuerliches Leben als Buchhändlerin in Kairo (2021)

Wertvolles Buch mit vielen Aspekten: Ägypten, Unternehmertum, Literatur, Entwicklung, Islam u.v.a.m.

Nadia Wassef erzählt in diesem Buch, wie sie mit ihrer Schwester und einer guten Freundin die erste moderne Buchhandelskette in Ägypten gründete, wo der Buchhandel bis dahin in den Händen von verschlafenen Krämern lag oder per Versand abgewickelt wurde. Während der Erzählung erfährt der Leser eine Menge Einzelheiten über viele verschiedene Themen.

Man kann dieses Buch zunächst als Ratgeber für Unternehmer und Gründer lesen. Denn wir erfahren sehr viel über die praktischen Schwierigkeiten und Entscheidungen, die immer wieder überwunden und getroffen werden müssen. Vom Umgang mit der Bürokratie bis hin zur Lösung zwischenmenschlicher Probleme ist alles dabei. Es ist wirklich sehr lehrreich.

Der Zustand des ägyptischen Staates ist dabei ein ständiges Thema. Die Autorin ist eine entschiedene Gegnerin des Nasser-Sozialismus und zeigt an vielen Beispielen auf, wie sich sozialistische Politik negativ auf Ägypten ausgewirkt hat. Sei es die Korruption, seien es die faulen weil unkündbaren Beamten, sei es die Bürokratie. Auch die Zensur des Nasser-Sozialismus wird immer wieder angeprangert. Teilweise muss sie in der berüchtigten Mogamma, einem großen Bürokratie-Komplex in Kairo, vorsprechen, um bestimmte (harmlose) Bücher verkaufen zu dürfen. Manche durchtriebenen Händler haben parallel zu offiziellen Vertriebswegen ein erstaunlich gut funktionierendes Beschaffungsnetzwerk aufgebaut, mithilfe dessen auch illegale Artikel besorgt werden können. Die Autorin hat einen klaren Blick für die Verhältnisse:

„Früher dachte ich, dass die Undurchsichtigkeit der Gesetze und die Willkür, mit der sie gedeutet wurden, unbeabsichtigt wären. Doch nach fast zwei Jahrzehnten als Unternehmerin in Ägypten weiß ich: Es ist so gewollt. Die alles durchdringende Ungewissheit und die endlosen Verzögerungen waren Mittel zur Kontrolle. Du siehst aus der Ferne zu, immer in dem Wissen, dass du selbst eines Tages an die Reihe kommst. Und bis dahin unterziehst du dich einer panoptischen Selbstzensur und wägst jedes deiner Worte sorgfältig ab, als ob du unter Dauerbeobachtung stündest.“ (S. 99)

Sehr interessant sind die Einblicke in das Leben der ägyptischen Oberschicht, zu der die Autorin dazu gehört. Die Oberschicht schickt ihre Kinder auf englische Schulen, wo sie ausschließlich die englische Kultur kennenlernen. Die arabische Sprache, also die Sprache ihres eigenen Volkes, beherrschen diese Menschen nur schlecht. Wir erfahren, dass Angehörige der ägyptischen Oberschicht z.B. Urlaub in der Bretagne machen. Eine befreundete Künstlerin pendelt ständig zwischen London und Kairo. Die Finanzierung der Buchhandlung ist trotz Verlusten offenbar ebenfalls kein Problem. Die Autorin entscheidet sich nach dem Arabischen Frühling, nach London auszuwandern, wo sie nun ihre Heimat sieht. Letztlich ist sie aber überall ein wenig fremd.

Die Unterschicht kommt eher am Rande vor. Die Angestellten der modernen Buchhandlung sind arm und deshalb korruptionsanfällig. Die Überwachung der Angestellten der Buchhandlung hat ein orwellsches Ausmaß. Auch Fahrer und Haushälterinnen und deren Verhaltensweisen und Probleme werden besprochen. Die Buchhandlung kann der ägyptischen Vetternwirtschaft nicht entkommen, jeder Angestellte ist bestrebt, seine Verwandten im Unternehmen unterzubringen, und so geschieht es dann auch. Es scheint in Ägypten eine große Zahl an schlecht bezahlten Jobs zu geben wie Fahrer, Haushälterin, Kindermädchen, Concierge, usw. Insbesondere das Lieferwesen und die Verrichtung von Botengängen sind groß ausgebaut. Die kleinen Leute sympathisieren mit den Muslimbrüdern, aber nicht aus religiösen Gründen, sondern weil diese sich sozial betätigen, während die Staatsbürokratie die kleinen Leute im Stich lässt.

Die Buchhandlung richtet sich leider vor allem an diese Oberschicht. Denn nur die Oberschicht verfügt über das Geld, Bücher zu kaufen, und über die Zeit, sie zu lesen. Geführt werden englische, französische, deutsche und arabische Titel. Dass auch die deutsche Sprache für würdig befunden wurde, obwohl die Autorin selbst kein Deutsch kann, ist interessant zu lesen. Zur Sprache kommen Kunstbücher aus dem deutschen Taschen-Verlag (S. 241), aber es wird auch der deutsche Qualitätsklebstoff gelobt, mit dem die Werbeeinkaufstaschen der Buchhandlung verleimt werden (S. 47).

Auch die besonderen Probleme von Frauen in der ägyptischen Gesellschaft werden thematisiert. Allerdings befindet sich die Autorin in einer privilegierten Position, so dass ihre Darstellung dieser Probleme sich harmloser anhört als es vermutlich ist. Die Autorin spricht wie eine westliche Feministin über den Sexismus in westlichen Gesellschaften, aber dieser ist natürlich ganz anders und harmloser als der Sexismus in der ägyptischen Gesellschaft. Die Autorin hat nach eigenen Angaben westliche feministische Autoren gelesen („Gender Studies“). In diesem Punkt ist das Buch sehr schwach, denn für die ägyptische Durchschnittsfrau ist der Sexismus nicht mit energischen Worten spontan überwindbar, so wie es der Autorin gelingt.

Man erfährt auch ein wenig über die arabisch-ägyptische Kultur, für die die Autorin ein entwickeltes Nationalbewusstsein hat. Das steht auch hinter dem ganzen Projekt: „Aber was ist mit Ägypten? Was geschieht, wenn Länder ihre Kulturprojekte vernachlässigen und stattdessen immer nur Dämme und Autobahnen bauen? … Doch wir durften unseren Glauben an den Laden und an die Bücher nicht verlieren. Wenn wir Ägypter vergaßen, wer wir einmal waren, würden wir nie herausfinden, wer wir eines Tages sein konnten.“ (S. 29 f.)

Der Leser erfährt, dass das Buch „Tausendundeine Nacht“ in Ägypten Gegenstand eines ständigen Kulturkampfes ist, weil sich die Religiösen an den erotischen Szenen darin stoßen. Umm Kulthum wird am Rand erwähnt. Das Problem des Gegensatzes von klassischer Hochsprache (Fus’ha) und Volkssprache (Amiyya) wird thematisiert. Es sind vor allem die Religiösen, die verhindern, dass die Schriftkultur auf die Volkssprache umgestellt wird. Auf diese Weise wird das ägyptischen Volk von seiner eigenen Literatur entfremdet. Wir hören von dem arabischen Epos Al-Sira al-Hilaliya, von dem anderwärts sonst nie etwas zu hören ist.

Anhänger der Oberschicht, die auch Kunden in der Buchhandlung sind, hängen der Idee des „Pharaonismus“ an, d.h., sie wollen eine Rückbesinnung auf die vorislamische Zeit, was in der breiten Bevölkerung auf keinerlei Gegenliebe stößt. Ägyptische Geldscheine haben eine „islamische“ Seite mit Abbildungen von Moscheen und eine „pharaonische“ Seite mit Abbildungen von altägyptischen Monumenten. Wir erfahren von Taha Hussein und von Abu Zaid. Viele moderne arabische Autoren werden durch die neue Buchhandlung erstmals für einen breiteren Leserkreis verfügbar.

Leider geht der ägyptische Nationalismus ein wenig mir der Autorin durch, denn sie spielt die Errungenschaften der griechischen Kultur gegenüber der altägyptischen Kultur herunter (S. 62, 64, 72). Auch ist ihr Urteil über den Kolonialismus etwas zu einseitig: Denn sie wirft den Kolonialmächten vor, die Ägypter beim Umgang mit ihrem großen altägyptischen Erbe zu bevormunden (S. 61) – in Wahrheit lernten die Ägypter selbst dieses Erbe nur durch die Übernahme westlicher Kultur schätzen.

Die Entwicklung der Stadt Kairo wird in einer Weise beklagt, wie wir das auch aus Europa kennen: Die großen Einkaufszentren verdrängen die kleinen Geschäfte. Traditionelles Bauen wird durch gesichtsloses Architektur verdrängt. Traditionelles Kunsthandwerk stirbt aus. Die Autorin kann wunderbar von dem früheren Kairo erzählen, von den kleinen Geschäften und ihren schrulligen Inhabern,

Ein kleinerer Teil des Textes wird auch von Erziehungsfragen, Familienproblemen, Ehescheidungen und dergleichen eingenommen. Insofern es sich um Probleme handelt, die eine Unternehmerin neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit lösen muss, gehört das unbedingt zum Thema dazu. Die Lehren ihrer Eltern geben einen weiteren Einblick in das Denken der ägyptischen Gesellschaft. Immerhin gibt die Autorin offen zu, dass sie daran gescheitert ist, den Spagat zwischen Mutterrolle und Unternehmensführung zu meistern. Niemand könne das schaffen, meint sie. (S. 173)

Die Autorin berichtet auch ausführlich über ihr Verhältnis als Buchhändlerin zu bestimmten Büchern. Insbesondere Ratgeber-Bücher werden von ihr besonders skeptisch beäugt. Wohlfühl-Bücher wie „Der Alchemist“ von Paolo Coelho werden klar kritisiert, wobei sich die Kritik eher an den Autor richtet, den sie persönlich kennenlernen durfte. Generell fällt auf, dass die Autorin unglaublich belesen ist. Sie kennt einfach alles: Antike Autoren, das Rad der Fortuna, Voltaire, Hermann Hesse, englische und französische Klassiker, sie kann überall Zitate und Lehren aus diesen Werken einflechten. Einige Kunden kaufen Bücher auch nicht zum Zweck des Lesens, sondern als ästhetische Gegenstände. Oder als Projektion von Träumen.

Am Ende fühlt sich die Autorin von der unternehmerischen Aufgabe überfordert und flieht anlässlich der Wahl eines Muslimbruder-Präsidenten aus Ägypten nach London. Es bleibt die Erinnerung an unglaublich viele Menschen, deren Schicksal durch die Buchhandelskette „Diwan“ bestimmt worden ist. Und die Buchhandelskette existiert heute noch, unter anderer Führung.

Dieses Buch ist sehr reichhaltig und lehrreich. Doch wie sich anhand der klaren Trennung von Oberschicht und Unterschicht schon andeutete, versagt die Autorin am Thema Islam. Diesen möchte sie im Grunde eher verdrängen. Überwinden. Irgendwie loswerden und „weghaben“. Islam-theologische Werke will sie in ihrer Buchhandlung eher nicht führen, statt dessen Bücher über islamische Kunst und dergleichen. Und vieles über die Kopten, nicht über den Islam. Damit verfällt die Autorin genau demselben Fehler, dem die Oberschichten in arabischen Ländern seit fast einem Jahrhundert immer wieder verfallen: Man kann den Islam nicht einfach abhalftern. Die Masse der Bürger besteht aus gläubigen Muslimen.

Es gibt (für Ägypten) nur eine einzige Lösung für das Islam-Problem: Die Entwicklung einer islamischen Reformtheologie, so mühsam das auch ist, so aussichtslos es erscheint. Sie erwähnt immerhin zwei berühmte ägyptische Reformdenker: Muhammad Abdou und Nasr Hamid Abu Zaid. Doch sie macht nichts daraus. Sie beklagt sich nur kurz, dass diese nicht anerkannt wurden, ohne den Gedanken zu entwickeln, dass es dazu einer breiten religiösen und sozialen Bewegung bedarf, die die ganze Bevölkerung mitnimmt.

Am Ende hat die Autorin keine Lösungen für die Entwicklung der ägyptischen Gesellschaft anzubieten. Die Spaltung von Oberschicht und Unterschicht bleibt hart bestehen. Die Autorin ist geflohen. Dafür einen Punkt Abzug. Dennoch ein sehr lesenswertes Buch.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Heinz Berggruen: Angekreidet (1947)

Blick eines Entnazifizierers auf die Deutschen

Der berühmte Kunstsammler Heinz Berggruen (1914-2007) emigrierte 1936 aus Deutschland in die USA und kam nach dem Krieg als Sergeant der US-Armee nach Deutschland zurück, wo er 1946/47 Mitherausgeber der Kunstzeitschrift „Heute“ in München wurde, bei der auch Erich Kästner mitarbeitete. Berggruen verfasste eine kleine Serie von satirischen Glossen, die die Entnazifierung vorantreiben sollten. Diese Glossen erschienen 1947 auch als Buch unter dem Titel „Angekreidet“, 1998 dann noch einmal in größerer Auflage unter dem Titel „Abendstunden in Demokratie“, in einer Zusammenstellung mit Bildern von Paul Klee und skurrilen Zeitungsnotizen aus der damaligen Zeit (was ein wenig an „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen erinnert).

Die Glossen

Die Glossen nehmen die Deutschen und ihren Umgang mit dem Nationalsozialismus auf die Schippe. Man sieht, wie Schuld klein- und weggeredet wird. Wie Wendehälse heute ganz anders reden als früher. Wie bereitwillig bei der Demokratisierung mitgemacht wird, aber nicht aus Überzeugung, sondern weil das jetzt angesagt ist. Wie der alte Ungeist unterschwellig weiterlebt. Wie die Bürokratie der Entnazifizierung über die Menschen hereinbricht und die Menschen mit Galgenhumor reagieren, statt mit Einsicht. Wie Widerstand im Nationalsozialismus auch nach 1945 als Verrat gewertet wird. usw. usf.

Die Glossen richten sich an die Leser einer Kunstzeitschrift, also an durchaus gebildetere Leute. Die jeweilige Botschaft der Glossen kommt nur zwischen den Zeilen zum Ausdruck. Heinz Berggruen beobachtet einfach, wie die Leute reden, und indem er sie reden lässt, verraten sie sich selbst. Oder er lobt ein Verhalten in so übertriebener Weise, dass klar wird: Das Gegenteil ist gemeint. Das Verfahren hat aber auch einen Nachteil: Nicht immer ist völlig klar, worauf der Autor hinauswill. Dem modernen Leser fehlt teilweise das nötige Kontextwissen, um alle Anspielungen zu verstehen.

Für eine gewisse Kollektivschuld

Speziell die Glosse „Im Hintergrund der Alte Fritz“ ist für heutige Leser nur schwer deutbar. Auf den ersten Blick sieht es nämlich so aus, als ob der Autor sich die These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens zu eigen mache. Doch in Wahrheit nimmt er dieses Denken gründlich auf die Schippe. Die Botschaft ist klar: Die Leute sollten die Schuld gefälligst bei sich selbst suchen, nicht bei Martin Luther, Friedrich dem Großen oder Bismarck, was nur absurd ist.

Allerdings gibt es für diese Schwierigkeit mit der Deutung noch einen zweiten Grund: Im unserer Zeit hat sich die falsche These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens erneut Bahn gebrochen, und einige der Ansichten, die Berggruen hier auf die Schippe nimmt, sind höchst gegenwärtige Ansichten, die uns heute „normal“ erscheinen, obwohl sie völlig unsinnig sind.

Es kommt aber noch eine dritte Schwierigkeit hinzu: Offenbar macht der Autor einen Unterschied zwischen der These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens einerseits und der These von der Kollektivschuld andererseits. Denn in einer anderen Glosse wird die Ablehnung der Kollektivschuld einem Unbelehrbaren in den Mund gelegt. Auch im Vorwort von 1998 wird die Zurückweisung einer Kollektivschuld als Zeichen der Verdrängung dargestellt. Im Umkehrschluss heißt das, der Autor ist eher für die These von der Kollektivschuld aller Deutschen.

Bei nochmalig näherem Betrachten der Glosse „Im Hintergrund der Alte Fritz“ wird dann klar: Auch hier lehnt der Autor nur die These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens ab, die Kollektivschuldthese aber nicht. Um das zu sehen, muss man aber schon sehr genau lesen.

Die Annahme einer gewissen Art von Kollektivschuld bei gleichzeitiger Ablehnung der These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens ist sehr eigen. Im Grunde trägt der Autor hier einen inneren Widerspruch mit sich herum. Denn wie sollten die Deutschen kollektiv schuldig geworden sein, ohne dass diese kollektive Schuld sich historisch vorbereitet hätte?

Einige der Glossen nehmen die kleinen Leute und ihre unpolitische Art auf die Schippe. Hier fragt sich der Leser, ob diese Satire überhaupt valide ist? Denn die kleinen Leute sind nun einmal unpolitisch und werden es immer sein. Der in diesen Glossen enthaltene stille Vorwurf, die kleinen Leute hätten den Natonalsozialismus stramm ablehnen sollen, ist womöglich eine überzogene und unrealistische moralische Forderung. Auch hier zeigt sich, dass der Autor einer falschen Idee von Kollektivschuld anhing.

Gegen eine Kollektivschuld

Ist Heinz Berggruen also Anhänger der Kollektivschuldthese? Zwei Einwände sind hier zu machen:

Zuerst, dass Heinz Berggruen sich in späteren Jahren ganz eindeutig gegen eine Kollektivschuld ausgesprochen hat. Das hat Heinz Berggruen sehr deutlich gemacht. Das könnte bedeuten, dass wir es hier mit einer Meinungsänderung zu tun haben. Damals war er offenbar noch eher für eine Kollektivschuld, später dann mit Klarheit dagegen. Dass der Autor umgedacht hat, deutet sich auch im Vorwort von 1998 an, in dem das Wort „Kollektivschuld“ zweimal vorkommt, und die Glossen als „Nahaufnahme ohne Retusche“ gedeutet – also fast entschuldigt – werden, Zitat:

„Parteigenossen stuften sich zu harmlosen Mitläufern herab. Die Arierparagraphen wollte keiner mehr kennen, und das Wort Kollektivschuld wurde eher vermieden. Man lebte (schlecht) mit einer Vergangenheit, die keiner wahrhaben wollte. Niemand sei ‚dabei‘ gewesen, war der tägliche Refrain. Jeder hatte plötzlich jüdische Freunde.
          Es gibt keine Spruchkammern mehr und keine Entnazifizierung. Von ‚innerer Emigration‘ wird nicht mehr gesprochen, so wenig wie von Arierparagraphen und von Kollektivschuld. Was ich damals schrieb oder vielmehr ankreidete, war als Nahaufnahme gedacht, ohne Retusche.“

Als zweites ist zu bedenken, dass die These von der Kollektivschuld den damaligen Bemühungen der Alliierten zur Entnazifizierung zumindest implizit zugrundelag. Und Berggruen arbeitete damals im Auftrag der Alliierten. Vielleicht kann das ein Teil einer Erklärung sein, warum Berggruen damals eher für eine Kollektivschuld schrieb.

Fazit

Alles in allem geben die Glossen einen Blick in die damalige Zeit, aber nur unter der Perspektive des Autors, und diese Perspektive ist zu hinterfragen. Nicht nur die Deutschen, die der Autor auf die Schippe nimmt, auch der Autor und seine Perspektive ist ein Objekt des zeithistorisch interessierten, kritischen Beobachters.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Marco Gallina: Giovannino Guareschi – Don Camillos rebellischer Vater (2026)

Ein konservativer Rebell; Einblicke in ein anderes Italien

Jeder kennt die Filme mit Don Camillo und Peppone, aber kaum einer hat sie ernst genommen. Es scheint sich um Klamauk und Comedy zu handeln, und wenn Don Camillo mit Jesus spricht, wird es kitschig. Doch der geistige Vater von Don Camillo ist ein Gigant der italienischen Geistesgeschichte, scheinbar vergessen und unterschätzt.

Ein konservativer Rebell

Giovannino Guareschi (1908-1968) war ein durch und durch katholischer Mensch, geprägt von der Volksfrömmigkeit der „Bassa“, d.h. der Po-Ebene in Norditalien, einer katholischen Provinz wie aus dem Bilderbuch. Mit seinem Glauben stürzte er sich in die Politik, aber nicht als Politiker, sondern als Satiriker und bissiger Kommentator. Seine Zeitschrift „Candido“ übte in den 1950ern großen Einfluss in ganz Italien aus und hatte einen maßgeblichen Anteil daran, dass die Christdemokraten sich gegen Kommunisten und Sozialisten durchsetzen konnten. Von seinem Glauben her kritisierte Guareschi alle, die Kommunisten und Sozialisten ebenso wie die Christdemokraten. Er saß praktisch zwischen allen Stühlen und ging für seine Überzeugungen auch ins Gefängnis. Zuletzt kritisierte er auch die beginnende Modernisierung der katholischen Kirche.

Guareschi ist der Prototyp eines Menschen, der unberührt von den Kräften der Zeit in einem ganz eigenen, geistigen Universum lebt. Das gab ihm eine besondere Lebenskraft, die ihn nicht nur die Kriegsgefangenschaft als italienischer Soldat bei den Deutschen überleben ließ, sondern auch dazu führte, dass er sich mit keinem Zeitgeist je anfreunden konnte. Immer sah er sofort, wo Irrtum und Heuchelei lauerten, und wo die Mächtigen über die kleinen Leute hinwegschritten. Mit seiner Satire von Don Camillo und Peppone spießte Guareschi den (Un-)Geist seiner Zeit auf und zeigte den Menschen, dass nur eine non-konformistische, individuelle Gewissensentscheidung zum Guten führt.

Einblicke in ein anderes Italien

Italien ist uns intellektuell vor allem durch Umberto Eco bekannt, der ein Linksliberaler der alten Schule war. Guareschi eröffnet aber einen Blick auf das konservative, damals vielleicht sogar monarchistische Italien, das es auch gab und gibt. Sich selbst nannte Guareschi ein „Kind zweier Italien“: Sein Vater war Sozialist, seine Mutter gläubige Katholikin.

Das Buch gibt Einblicke in unbekannte Tiefenschichten der jüngeren italienischen Geschichte. Es ist auch interessant zu vergleichen: Wie kam es z.B. in Italien zum Ende der Monarchie, wie in Deutschland? In beiden Ländern war dies keine völlig klare Entscheidung. Das alles wird von Marco Gallina mit einem knappen Stil, der sich auf das Wesentliche beschränkt, in einem wunderbar lesbaren Buch beschrieben.

Kritik

Vielleicht könnte man Guareschi manchmal Derbheit und Kitsch vorwerfen. Aber das wäre wohl meist ein unpassender und zeitbedingter Vorwurf. Die Filme über Don Camillo und Peppone wurden von Guareschi teils selbst kritisiert, weil sie zu sehr von seinen Intentionen abwichen.

Der skeptische Leser fragt sich auch dies: Guareschi kritisierte alle möglichen Mächte, die Kommunisten, die Christdemokraten, die Gewerkschaften, die USA usw., aber er selbst war mit seinem Glauben natürlich ebenfalls bei einer solchen Macht angebunden, nämlich bei der katholischen Kirche. Zugegeben: Die katholische Kirche ist vergleichsweise verlässlich. Aber natürlich führt auch diese Institution ihre Mitglieder am Nasenring durch die Manege, wenn es darauf ankommt. Guareschi kam durch die Veränderungen im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils in einen gewissen Konflikt mit seiner Kirche, aber eine echte Nagelprobe ist ihm erspart geblieben. Oder Guareschi hat eine Zuspitzung dieses Konfliks bewusst vermieden, weil er innerlich ahnte, was das Ergebnis gewesen wäre.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Herbert Rosendorfer: Deutsche Suite (1972)

Destruktive, zynische, ekelhafte Satire auf Nachkriegs-Bayern

Das Buch beginnt damit, dass eine junge Adelige auf einer Party von Tiermedizinstudenten zunächst reihum mit jedem Studenten kopuliert, zuletzt aber auch noch mit einem Schimpansen aus der tiermedizinischen Abteilung. Nachdem sie schwanger ist, fürchtet Ihre Familie, zu der auch das bayerische Königshaus gehört, allen Ernstes, dass ein Halbaffe geboren würde, der dann den Adelstitel tragen würde. Deshalb wird eine Scheinhochzeit arrangiert. En passant erfährt man, dass die Monarchie in Bayern 1918 gar nicht abgeschafft worden wäre, sondern angeblich bis heute fortbestünde. Ab Seite 34 liest man dann nicht mehr weiter, sondern überfliegt nur noch kurz die Seiten, die da noch kommen, um allüberall seine Vorurteile über dieses Buch bestätigt zu bekommen, die man auf den ersten 34 Seiten gebildet hatte. Sogar die Sprache des Buches ist schlecht, oft gestelzt und umständlich.

Es geht in dieser Satire nur um grenzdebile Monarchisten, um Nazis, und schließlich um NPDler. Daraus setzt sich dieser Satire zufolge die „deutsche“ Gesellschaft zusammen. Die Satire ist zynisch, destruktiv, ekelhaft und lächerlich überzogen. Wenn die Gesellschaft wirklich so wäre, könnte man auch gleich ganz an ihr verzweifeln. Doch es soll ja immer noch eine Satire sein, also zum Lachen, aber man weiß eigentlich nicht so recht, worüber man da lachen soll. Es wird auch nirgendwo klar, was denn der Autor selbst für sich und sein Land will. Diesem Werk nach zu urteilen, hasst der Autor sein Land so sehr, dass er es einfach nur komplett in die Tonne kloppen will. Es stellt sich auch sehr die Frage, warum dieses Machwerk den Titel „Deutsche Suite“ trägt. Denn es geht im Wesentlichen um Bayern.

Dieses Machwerk ist nur erklärbar, wenn man dem Autor einen dicken Knoten im Hirn unterstellt. Da hat irgendein unaufgeklärter linker Depp seinen ganzen vorurteilsbeladenen Rotz und Kotz über „Deutschland“ ausgekübelt, und dabei gar nicht bemerkt, dass er damit mehr über sich selbst als über „Deutschland“ verrät. Man hat Hitler, wohl mit Recht, einen nekrophilen Charakter zugeschrieben, der – ohne sich darüber im Klaren zu sein – zielsicher auf Untergang, Tod und Verderben zusteuerte. Der Autor dieses Buches ist auf demselben Weg.

Der einzige Grund, sich mit diesem Buch zu befassen, wäre ein zeithistorisches Interesse an der Stimmungslage der BRD im Jahre 1972. Wie es möglich war, dass ein solches Buch geschrieben und gelesen wurde. Es muss sehr viele dumme, destruktive und nekrophile Menschen gegeben haben, damals, zur Hochzeit des Wahns von anno 68.

Aus Rezensionen und Artikeln über den Autor und sein Buch erfährt man, dass mit dem allzu behaarten Affennachkömmling der Adelsfamilie der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel gemeint sein soll. Sehr befremdlich. – Außerdem lebte der Autor gerne selbstwidersprüchlich: Während er als Richter Skifahrer abkanzelte, fuhr er selbst gerne Ski, und während er meinte, man könne nur in München leben, ist er selbst von München aufs Land gezogen. Verstehen muss man das nicht. Verstehen muss man nur, dass es hier nichts zu verstehen gibt.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. September 2020)

Jürgen Roth: Der Deutschland-Clan – Das skrupellose Netzwerk aus Politikern, Top-Managern und Justiz (2007)

Interessant, aber dennoch völlig unbefriedigend

Irgendwie befriedigt dieses Buch nicht. Nicht, dass es nicht ordentlich recherchiert wäre. Manches ist auch interessant. Aber … zum einen schildert Roth viele einzelne Fälle, die jedoch keinen Zusammenhang haben; deshalb schon von einem „Clan“ zu sprechen halte ich für gewagt. Vieles hat man auch schon als aufmerksamer Zeitungsleser mitbekommen, Roth liefert da nur noch ein paar Zusatzdetails.

Aufgefallen ist mir, dass Roth Gewerkschaften, Verbände, NGOs, Kirchen, islamische Organisationen u.v.a. nicht zum „Clan“ zu rechnen scheint, sie kommen nicht vor. Etwas nervig ist, dass Roth offenbar politisch spürbar links steht: Notwendige Maßnahmen zum Umbau des Sozialstaates sieht er deshalb als Teil des „Clans“. Ebenso geht es mit notwendigen marktwirtschaftlichen Bereinigungsprozessen, die für die Betroffenen natürlich schmerzlich, für die Gesellschaft aber unumgänglich sind.

Völlig unbefriedigend ist, dass Roth immer nur Probleme darstellt, aber kaum eine Zeile darauf verwendet, was sich denn ändern müsste, damit die beschriebenen Probleme reduziert werden. Klagen ist immer einfacher als Vorschläge machen. Mich würde z.B. interessieren, welche Maßnahmen in Italien sich als wirksam gegen die Mafia herausgestellt haben.

Alles in allem entnehme ich dem Buch die wenig originelle These, dass die Moral der Gesellschaft insgesamt abgenommen hat. Dieses Phänomen, seine Ursachen, und was man dagegen tun könnte, hätte Roth viel intensiver beleuchten sollen.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 05. April 2009; dort inzwischen nicht mehr aufzufinden)

Dave Eggers: Your Fathers, Where Are They? And the Prophets, Do They Live Forever? (2014)

Great plot lost to an unexpected theme

The plot of this book is a great idea: A young man kidnaps several persons who played a role in his upbringing, his mother, a teacher, a congressman, a policeman, an astronaut, and forces them to answer those questions he always wanted to be answered.

Don’t we all want to have answers from certain persons from our past? Why did they act like they acted? What did they really think? Our parents, teachers, etc.?

This book could have been a great story, if it concentrated on the big questions in the heart of everybody.

The problem is: The book is not about these big questions, and the young kidnapper is not everybody. The book is about fatherless young men. Partly non-white. And their problems. And troubles with the police which makes use of guns far to quickly. And drug-addicted mothers. This is interesting, too, but it disappoints the expectation.

Therefore the title: „Your fathers where are they?“ And the young man killed by the police far too quickly considered himself to be a prophet, therefore the title „and the prophets, do they live forever?“ First you think, these are some of the questions the young kidnapper will ask his victims, yet these questions never appear in all the book.

The dialogue as literary form is well-applied in this book, this made it worth reading, too.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 15. August 2015)

Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst – Erinnerungen (2009)

Das Selbstverständliche sagen, auch wenn es ungelegen kommt

Joachim Gaucks Autobiographie ist solide, enthält aber auch keine Überraschungen. Vor allem im Schlussteil äußert Gauck einige Selbstverständlichkeiten, deren Besonderheit allein darin liegt, dass es heute leider nicht mehr selbstverständlich ist, dass diese Ansichten geäußert werden. Beispiele: Bei aller Kritik am „kapitalistischen“ System, vor allem von linker Seite – ohne Freiheit wird alles nur noch schlimmer, ohne Freiheit ist alles nichts. Und: Die Linken behindern die Aufarbeitung des DDR-Unrechts und messen mit zweierlei Maß, weil sie nicht in der Lage sind, sich mit ihrer eigenen Schuld zu befassen. Es tut gut, diese Selbstverständlichkeiten ausgesprochen zu sehen, und dass Gauck dies tut, ist zu würdigen.

Grenzwertig ist Gaucks Würdigung des Widerstandes von Kommunisten. Er macht nämlich nicht deutlich, ob er hier den Widerstand von Einzelnen würdigen möchte, die aus Naivität die Unmenschlichkeit ihrer eigenen kommunistischen Ideologie nicht verstanden haben – das wäre in Ordnung. Oder ob er hier die kommunistische Ideologie ganz oder teilweise mit würdigt – das wäre nicht in Ordnung.

Interessant ist Gaucks Verhältnis zum christlichen Glauben. Denn Gauck wurde nicht deshalb Pastor, weil er besonders gläubig gewesen wäre, sondern weil ihn die Suche nach einer Ausweichmöglichkeit vor dem Regime dorthin trieb. Völlig akzeptabel ist es, wenn er schreibt, dass der Glaube „neben“ dem kritischen Denken steht. Völlig unverständlich jedoch ist es, wenn er tiefgläubige osteuropäische Bauern als Vorbilder im Glauben nennt – denn deren Gläubigkeit und Ungeplagtheit von Zweifeln ist ja keiner besonderen Leistung geschuldet, sondern vielmehr einem Mangel: Einem Mangel an Fähigkeit zur Selbstreflexion. Überhaupt kann die christliche Ausformung von Gläubigkeit bei Gauck nur vor dem Hintergrund seines Lebens verstanden werden: Die Umstände legten es ihm eben nahe, in die allzu große Ungewissheit des christlichen Glaubens zu „springen“, und Gauck „sprang“. Vernünftig ist dieser „Sprung“ jedoch nicht. Gaucks Erklärungen zu diesem Punkt sind sehr verständlich und müssen hingenommen werden, sie sind aber nicht überzeugend.

Die von Gauck gewählten Schwerpunkte des Buches verwundern ein wenig. Werden hier nicht zu viele Fluchtgeschichten erzählt? Gab es denn nichts anderes im Alltag der DDR? Andererseits muss man davon ausgehen, dass Gauck diesen Schwerpunkt nicht ohne Bedacht gewählt hatte. Vielleicht war es ja tatsächlich so, dass den Menschen in der DDR die Fluchten und Ausreisen als Hauptereignisse im Vordergrund ihrer Wahrnehmung standen, und nicht ihr Alltagsleben.

Etwas problematisch ist die Chronologie: Die Kapitel sind teilweise chronologisch, teilweise aber auch unchronologisch thematisch gehalten, so dass Gauck z.B. zunächst plötzlich verheiratet ist, die Darlegung seiner Eheschließung jedoch erst weiter hinten im Buch erfolgt.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Geschrieben Anfang März 2012)

Akif Pirinçci: Deutschland von Sinnen – Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer (2014)

Ehrliche und untermauerte „Rede an die deutsche Nation“

Akif Pirincci (wie immer sich dieser Name ausspricht) hat eine flammende Rede und einen aufrichtigen Appell an die Deutschen geschrieben, der sich durch Klarheit ebenso wie Einfachheit auszeichnet, mit der er die Wahrheit auf eine zutiefst menschliche Weise ausspricht: Pirincci pflegt einen bodenständigen Realismus, der sich ein X nicht für ein U vormachen lässt, der sich einen Blick für das bewahrt hat, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben. Dabei wünscht Pirincci den Grünen Gutmenschen nicht einmal Strafe an den Hals, sie mögen einfach nur die Klappe halten und gehen. Und seine holzschnittartigen Thesen lassen explizit Raum für Andersartigkeit, nur dass Pirincci diese nicht für den Normalfall hält und das auch klar sagt.

Seine Sprache ist weniger eine Gossensprache, sondern vielmehr die Sprache, in der ein Mensch denkt, aber nicht spricht. Eine Sprache der deutlichen Worte, die aber nicht verletzend gemeint sind, sondern nur wahr.

Sehr gut hat Pirincci das Thema der Öffentlichen-Rechtlichen Medien aufgegriffen, das im Tugendterror-Buch von Sarrazin seltsamerweise unter den Tisch fiel. Beim Thema Islam schwächelt Pirincci ein wenig, denn die Möglichkeit eines aufgeklärten Islam analog zum heutigen Christentum blendet er komplett aus – kein großes Problem, da der aufgeklärte Islam noch im Embryo-Status ist. Seine Erlebnisse vor einem deutschen Gericht sind lesenswert. Seine Analyse der prekären Lage der deutschen Mittelschicht (das sind Du und Ich) rüttelt auf. Seine Einsichten in Wirkzusammenhänge der Wirklichkeit sind teilweise beeindruckend.

Dies ist kein dummes Buch. Was ich bei Sarrazin ebenfalls noch nicht gelesen hatte, ist der Umstand, dass die Zuwanderer überwiegend männlich sind, und deshalb das Geschlechterverhältnis in Deutschland auf der Kippe steht. Pirincci kritisiert meisterhaft die deutschen Journalisten und Intellektuellen: Sollten sie nicht hinter den Vorhang der Verhältnisse schauen, anstatt dabei zu helfen, den Vorhang über die Verhältnisse auszubreiten?

Pirinccis Vision ist kein negativer Reflex, sondern ein konstruktiver Appell: Deutsche Männer! Deutsche Frauen! Ihr seid etwas, seid Euch dessen bewusst! Es ist eine Rede an die deutsche Nation, wie in Zeiten des Vormärz. Es ist weniger ein Versuch, ausgefeilte Lösungen für alles anzubieten, als vielmehr ein Aufruf zum Perspektivwechsel! Unter diesem Gesichtspunkt sind dann auch alle Grobheiten und Einfachheiten verständlich und verlieren ihre Schärfe.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 10. August 2014; inzwischen dort verschwunden)

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor – Ein Jahrebuch (2020)

Teils Ossi-Wessi-Geschichte, teils Zeugnis der Zunahme der Verlogenheit

Birk Meinhardt ist ein waschechter Ossi und erklärt sich dankenswerterweise ausführlich und ehrlich dazu, was das im Guten wie im Schlechten bedeutet. Hier ist das Buch sehr stark. Als er nach dem Mauerfall in den Westen zur Süddeutschen Zeitung kommt, fühlt er sich im Paradies: Er kann alles schreiben was er will! Doch dann bemerkt er immer mehr Einschränkungen, und am Ende passen seine neu erwachte Freiheitsliebe und die Linie der Zeitung nicht mehr zusammen.

Teilweise ist das einfach eine Ossi-Wessi-Geschichte. Der Ossi denkt, im Westen ist das Paradies, und dann ist es doch nicht so. Die Süddeutsche Zeitung hat, wie viele Zeitungen, eine recht klare Linie. Es war schon immer klar, dass man dort nicht alles schreiben kann. Nur hat Birk Meinhardt dies eben erst spät bemerkt. Und es ist im Grundsatz auch nichts verkehrt daran, dass verschiedene Zeitungen verschiedene „Linien“ haben. Das Verlogene liegt eher darin, dass diese Blätter nicht offen dazu stehen und ihre Linie nicht im Untertitel ihrer Zeitung klar zum Ausdruck bringen.

Doch auf dieses Niveau bringt Birk Meinhardt seine Kritik nicht. Teilweise offenbart der Autor, dass er selbst eine recht einseitig Sicht auf die Welt hat. Er ist gegen die USA und ihre Kriege, gegen die NATO, für Russland, usw. usf. Das darf er sein, und es sollte auch eine Zeitung dafür in Deutschland geben, und sowas sollte auch im Öffentlich-Rechtlichen fair behandelt werden. Aber dass er damit bei der Süddeutschen nicht ankommt, ist klar.

Interessanter ist, dass dieses Buch teilweise auch ein Zeugnis dafür ist, dass die Verlogenheit und Einseitigkeit in Deutschland in den letzten Jahrzehnten tatsächlich zugenommen hat. Leider wird das aber nicht sauber von der Ossi-Fehlwahrnehmung getrennt. Der Leser muss sich selbst denken, was auf das eine Phänomen und was auf das andere Phänomen zurückgeht.

Das Buch ist dort stark, wo es ehrlich die eigene Geschichte und die Vorgänge in der Süddeutschen Zeitung beschreibt. Man sieht, was läuft, und wie es läuft. Das ist immer gut und der Anfang und die Basis jeder Kritik. Das Buch schafft es aber nicht, die Analyse auf ein höheres Niveau zu heben, das geeignet wäre, echte Lösung zu formulieren. Es bleibt sozusagen auf Wutbürger-Niveau hängen. Klar, die Zustände machen wütend. Aber die Lösung kann eben nicht sein, dass die Süddeutsche Sachen veröffentlicht, die ihrer Linie zuwiderlaufen. Deshalb nicht volle Punktzahl.

Die richtige Kritik wäre gewesen: Die Süddeutsche muss offen zu ihrer politischen Linie stehen. Und es muss andere Zeitungen und öffentlich-rechtliche Journalisten geben, die auch die anderen Meinungen zum Zuge kommen lassen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. Februar 2021)

Martin Walser: Über Deutschland reden (1988)

Notwendige und unbequeme Gedanken zur deutschen Nation inmitten des anti-deutschen Selbsthasses

Das vorliegende Suhrkamp-Büchlein versammelt verschiedene Aufsätze und Reden von Martin Walser aus den Jahren 1979 bis 1988, die alle von Deutschland und der deutsche Kultur handeln. Damals, 1988, hatte eine linksdominierte Öffentlichkeit den Gedanken an Deutschland und die deutsche Nation in der BRD praktisch geächtet. Erst die Wiedervereinigung brachte dann – für viele höchst unerwünscht – den Gedanken an Deutschland wieder auf die Tagesordnung und führte zu einer teilweisen Normalisierung. Spätestens in den Merkel-Jahren wurde diese Normalisierung wieder zurückgefahren, so dass der Gedanke an Deutschland, die deutsche Nation und die deutsche Kultur heute (2026) ähnlich geächtet ist wie damals.

Die Sprache und die Gedankengänge Walsers sind teilweise „dicht“ im literarisch-philosophischen Sinn, d.h., der Text ist sind nicht immer ganz leicht zu verstehen und auf einen Nenner zu bringen. Wir wollen im folgenden die Kerngedanken und zentralen Zitate herausziehen, um dieses vergessene Büchlein für eine breitere Leserschaft fruchtbar werden zu lassen. Statt die einzelnen Aufsätze und Reden chronologisch durchzugehen, werden die einzelnen Aussagen nach Themen sortiert besprochen, also unabhängig davon, in welchem der Aufsätze und Reden zwischen 1979 und 1988 die Aussagen gemacht wurden.

Umgang mit dem Holocaust

Die zentrale Frage zur deutschen Nation ist natürlich der Umgang mit dem Holocaust. Sieht man den Holocaust als den Gipfelpunkt der deutschen Kultur und des deutschen (Un-)Wesens an, dann ist mit dem deutschen Wesen natürlich kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Doch ist das wirklich so? Kann und darf man Deutschland und die Deutschen auf den Holocaust reduzieren?

Dazu hat Martin Walser im Jahr 1979 zwei Texte verfasst, die seltsam widersprüchlich sind. Zuerst den Aufsatz „Händedruck mit Gespenstern“, in dem er den linken Intellektuellen vorwirft, sie würden sich selbst von aller Schuld freisprechen und statt dessen die ganze Schuld beim Volk, dem deutschen Volk, abladen:

„Aber in der Rückschau auf das Jahr 1933 hat man sich nahezu festgelegt auf eine Meinung, in der das deutsche Volk als eine Masse erscheint, die zum Reaktionären, Kleinbürgerlichen, Dumpfen, Aufklärungsfeindlichen, Faschismusverdächtigen neigt. Die zurechnungsfähigen Intellektuellen waren an 1933 offenbar nicht beteiligt oder sie waren Opfer. Schuld war wieder dieses deutsche Volk, das dem Verbrechen zugeschaut hatte, mitgemacht hatte, gejubelt hatte. Wieder waren die zurechnungsfähigen Intellektuellen nicht dabei. Mit diesen fanatisierten Kleinbürgern hatten sie nichts zu tun. Und die Kapitalisten sind sowieso jedesmal auf der Seite der Kriegs- und Geschichtsgewinner. Der Dumme ist immer das Volk.“ (S. 19)

Hier nimmt Martin Walser die Deutschen also in Schutz vor einem kollektiven Schuldvorwurf, den ausgerechnet die linken Intellektuellen beim einfachen Volk abladen, während sie sich selbst eine weiße Weste attestieren. Hier sind wir beim Vorwurf des „Shitbürgertums“ von Ulf Poschardt aus dem Jahr 2025, demzufolge viele dieser linken Intellektuellen ganz und gar keine weiße Weste hatten, sondern selbst Sympathisanten der Nazis waren. Ihr pauschaler Vorwurf an „die Deutschen“ ist in diesem Sinne eine Strategie, der eigenen, persönlichen Schuld zu entkommen.

In seiner Rede „Auschwitz und kein Ende“ aus demselben Jahr 1979 spricht Walser jedoch ganz anders. Mit der Formulierung „wir, die wir zur Volksgemeinschaft der Täter gehören“ (S. 24) ist Walser ganz nahe an dem bösen Wort vom „Tätervolk“. Walser weiter: „Wir auf jeden Fall helfen uns eben dadurch, dass wir die Schuld … … … auf eine Handvoll Schergen schieben.“ (S. 24) – „Und doch ist diese Tötungsfabrik durch uns entstanden.“ – „In Auschwitz arbeitete unsere ganze Gesellschaft mit.“ (S. 25)

„Ein Franzose oder ein Amerikaner … muss nicht denken: Wir Menschen! Er kann denken: Diese Deutschen! Können wir denken: Diese Nazis!? Ich kann es nicht.“ (S. 25) Weiter: „Diese Schuld ist unter den Bedingungen unserer Geschichte entstanden. … Wir sind die Fortsetzung. Auch der Bedingungen, die zu Auschwitz führten.“ (S. 25 f.) „Kein Deutscher kann … sagen, seine Landsleute, die hier gewirkt haben, seien Psychopathen oder Spezialisten gewesen, mit denen habe er nichts zu tun.“ (S. 26 f.)

Walser diagnostiziert: „Uns fehlt etwas, was über den einzelnen hinausgeht. Etwas, dem er verpflichtet ist. Etwas, das ihn unfähig gemacht hätte, an der Auschwitz-Tötungs-Fabrik in irgendeiner Weise mitzuarbeiten. Etwas, was Gott und Humanismus noch nicht schafften.“ Walser weiter: „… kann nicht gedient sein, wenn ein Verbrechen solchen Ausmaßes nachträglich herunterdividiert wird auf ein paar Bösewichter. Was ist das für eine Einteilung: Ich gehöre dazu, sobald es sich um Goethes Faust handelt, aber mit dem Dr. Faust in Auschwitz habe ich nichts gemein. Wir haben mit ihm alles gemein, was wir mit Goethe gemein haben.“ (S. 29) Und: „Ich glaube: man ist Verbrecher, wenn die Gesellschaft, zu der man gehört, Verbrechen begeht.“ (S. 30)

Mit diesen Worten ist Martin Walser wieder ganz und gar bei der Kollektivschuldthese angelangt: Alle Deutschen sind schuldig, allein, weil sie Deutsche sind. Den Deutschen fehle etwas, was andere Völker angeblich hätten. Begründet wird dies mit schrägen Thesen: Denn Goethes Faust, den Walser anführt, ist ein höchst öffentliches Werk, das die deutsche Nation wahrlich geprägt hat, während Walsers „Dr. Faust in Auschwitz“ bekanntlich höchst unöffentlich zu Werke ging, und das aus gutem Grund: Weil die Deutschen dieses Verbrechen nämlich keinesfalls gutgeheißen hätten, hätte man es öffentlich gemacht.

Natürlich ist der erste Ansatz von Martin Walser wesentlich zielführender als der zweite: Es gibt keine Kollektivschuld, natürlich nicht, denn der Gedanke einer Kollektivschuld widerspricht jedem humanistischen Geist. Gewiss, die Zahl der Schuldigen ist hoch. Es sind nicht nur ein paar wenige Anführer schuldig geworden, das ist schon richtig. Aber es ist eben auch nicht so, dass das ganze deutsche Volk wie ein Mann diesem Verbrechen zugestimmt hat. Ganz und gar nicht. Es ist etwas zwischen diesen beiden Extremen, auf jeden Fall eine höchst ungleiche Verteilung von Schuld, und es ist bis heute nicht hinreichend erforscht worden, wie diese Schuld eigentlich tatsächlich verteilt ist. Ein Grund dafür ist, dass mit dieser Frage Politik gemacht wird. Bis heute. Das ist ja das Problem.

Wie kommt es, dass Martin Walser in zwei Texten desselben Jahres 1979 einmal so und einmal so sprach? Man kann nur Vermutungen anstellen. Vielleicht ist der Grund, dass der zweite Text eine Rede zu einer Ausstellung ist, wo Walser auch vor Opfern des Holocaust sprach. Vielleicht empfand Walser es in dieser Situation passender, nicht zu differenzieren? Ehrlich wäre er dann nicht gewesen. Seine ehrliche Meinung finden wir ganz offensichtlich im ersten Text. Und in seinen weiteren Texten, in denen er die deutsche Kultur vor jedem Pauschalvorwurf in Schutz nimmt, wie wir im folgenden sehen werden.

Die Anti-Deutschen als Folge des Holocaust und 1918

Martin Walser sieht genau, wie der anti-deutsche Reflex der BRD aus einem Versagen des Umgangs mit Auschwitz erwächst: „Aber ich muss zugeben, eine rein weltliche, eine liberale, eine vom Religiösen, eine überhaupt von allem Ich-Überschreitenden fliehende Gesellschaft kann Auschwitz nur verdrängen. Wo das Ich das Höchste ist, kann man Schuld nur verdrängen.“ (S. 20)

Auch die Auflösung von nationaler Identität im Individualismus ist eine Flucht vor der Verantwortung: „Deutsches Volk? Nie gehört.“ (S. 28) „Ich weiß ja, wie wenig ernst der BRD-Erfolgsmensch seinen Pass nimmt. Er ist mindestens Europäer.“ (S. 93) „Wo Miteinander, Solidarität und Nation aufscheinen, da sieht das bundesrepublikanisch-liberale Weltkind Kirche oder Kommunismus oder Faschismus.“ (S. 20) Auch die Wirtschaft zieht sich aus der Affäre: „Ja, Firmen waren auch dabei in Auschwitz. Aber was ist eine Firma? Hat eine Firma Gedächtnis? Gewissen?“ (S. 28) „Internationalismus ist in Ost- und Westdeutschland ein gleichermaßen forcierter Wert.“ (S. 22)

Nur im Ausland sei man zwangsläufig Deutscher: „Es soll in den letzten dreißig Jahren öfter vorgekommen sein, dass Deutsche im Ausland durch entgegenkommend gemeintes, betont undeutsches Auftreten besonders unangenehm deutsch gewirkt haben.“ (S. 94)

Heutige Historiker sagen mit ihren Analysen des Nationalsozialismus mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit (S. 78). Ein Gespräch über Deutschland ende immer ungut, auch unter Freunden (S. 79). Alles sei von Phrasen überdeckt: „Deutschland habe es sowieso nie gegeben.“ – „Also nie mehr Deutschland.“ (S. 80) – Dabei war Deutschland und seine Einheit im 19. Jahrhundert demokratisch gedacht worden, selbst Karl Marx sprach von Deutschland (S. 81).

Heute heiße es: „Die Deutschen sind alle Nazis“ (S. 85) Walser wundert sich: „wie viele bedeutende Leute Jahrzehnte nach der Erledigung des Faschismus ihren Zorn und ihr gutes Gewissen lebenslänglich durch antifaschistische Regungen belebten.“ (S. 86) Dem Historikerstreit, der von Habermas losgetreten wurde, ist Walser dankbar: Denn er hat zu einer Vielfalt von Ansichten von Links und Rechts geführt, die Walser problemlos in seiner Person integrieren kann, so behauptet er (S. 86 f.).

Willy Brandt nenne die deutsche Frage jetzt „Schizophrenie“, Egon Bahr empfiehlt „Verfassungspatriotismus“, und Otto Schily will die Verpflichtung zur Wiedervereinigung aus der Präambel des Grundgesetzes streichen lassen. (S. 90) „Politik, Schule und Medien, die Wortführer also, haben, mit krass verschiedenen Motiven, viel getan, um die Teilung vernünftig zu machen.“ (S. 92) Wer davon sprechen möchte, dass es noch Deutsche gibt, muss es beweisen, als ob es eine außergewöhnlich kühne Behauptung wäre: „Das muss man beweisen, weil einem im Deutschland-Gespräch auch Karthago und die Azteken vorgehalten werden.“ (S. 93)

Martin Walser setzt den Beginn der Probleme mit der Nation sogar schon 1918 an: „Ich vermute, dass unsere nationale und gesellschaftliche Ratlosigkeit eine Folge unserer Entfernung von unsere Geschichte ist. Mir kommt es so vor, als hätten sich unsere Intellektuellen nach 1918 vom Volk getrennt … … … Schon das Wort ruft vielfältiges Schaudern hervor. Volk – ist das überhaupt ein Begriff? Ist das nicht ein total obsoletes Wort?“ (S. 17 f.)

Das Volk hatte die Folgen des Ersten Weltkrieges zu erleiden, die „bürgerlich-feudalen Cliquen“ nicht. Schon in den 1920er Jahren waren Philosophie und Literatur internationalistisch geprägt. „Die Intellektuellen hatten Roaring Twenties. Arbeiter und Kleinbürger hatten einen aussichtslosen Kampf gegen immer neue Einfälle eines nun doch wirklich international auftretenden Kapitalismus.“ (S. 18)

Am Ende sei immer das Volk der Dumme. „Das [Volk] lernt eine Lektion nach der anderen und kommt kaum nach mit Lernen und Umlernen. Und das deutsche Volk ist ein Musterschüler. In Ost und West. Lieber verliert es sich selbst, als dass es seinem Ost- oder Westlehrer auch nur den geringsten Kummer bereiten würde. Wir haben immer alles besser gekonnt, als wir selbst zu sein.“ (S. 19)

Die BRD ist geschichtslos geworden. „Geschichtsabweisend ist der aktuelle Intellektuelle.“ (S. 20) „Adorno hat diese Geschichtsverneinung mit polemischen Bemerkungen gegen Brecht blanko abgesegnet.“ (S. 20 f.) Der deutsche Kulturbetrieb kennt keinen Sinn mehr im Leben, Sinn wird produziert wie Weizen und Milch (S. 21). Es gilt: „Praxis adieu. Volk adieu. Ich gestatte mir, dazuzusetzen: Gott adieu. Weil Gott für mich kein obsoletes, sondern ein historisches Wort ist für das Bedürfnis nach Ichüberschreitung. Ich halte auch die Zielrichtung nicht für obsolet. Dass uns etwas fehlt, sieht jeder.“ (S. 22)

Deutschland vor den Anti-Deutschen retten

Martin Walser will sich mit diesem Zustand nicht abfinden. „Wer sind wir? Sobald man im Ausland ist, ist man ein Deutscher. Aber wer bin ich hier?“ (S. 19) – „Ich habe ein Bedürfnis nach geschichtlicher Überwindung des Zustands Bundesrepublik. Von Grund auf sollten wir weiter. Aber die herrschende öffentliche Meinung, das herrschende Denken, der vorherrschende Sprachgebrauch nennen dieses Bedürfnis obsolet, obsolet heißt veraltet; ich glaube nur, es sei alt.“ (S. 23)

Eine ewige Strafe für den Holocaust will Walser nicht anerkennen: „Dass ich Jalta, Teheran und die Folgen Strafaktion nenne, ruft Stirnrunzeln hervor. Ich beeile mich zu sagen, dass wir die verdient hatten. Aber doch nicht für immer. Strafe dient nicht der Sühne, sondern doch wohl der Resozialisierung.“ (S. 83) Es sei ungerecht, Schlesierschmerz in einem Atemzug mit Neonazitum nennen (S. 83). „Wir nicken zu allem vor lauter Angst, sonst für Nazis gehalten zu werden.“ (S. 84)

Eine Quelle der Regeneration Deutschlands sieht Walser in der Geschichte: „Seit die konvulsivische Nation nun zerstört ist in einem Ausmaß, das eine Nation allein überhaupt nicht verschulden kann, ist sie mehr als andere auf Geschichte verwiesen. Nur wenn wir eine Nation waren, werden wir wieder eine sein. Und das regelt keiner außer uns selbst.“ (S. 32) – „Von Gewissheit umstellt, widersprechen wir. Es gibt keine mit der Schwäche vergleichbare Kraftquelle.“ Und: „Aus diesem Aber bauen wir den unterirdischen Himmel, den der Geschichte.“ Schließlich: „Der Unterirdische Himmel ist, wenn er sich treu bleibt, subversiv.“ (S. 38)

Walser verweist auch auf jene wenigen Intellektuellen, die mit ihm seine Bedenken teilen und ihrerseits an Deutschland nicht irre geworden sind: Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson (S. 91 f.).

Schließlich meint Martin Walser, das die Deutschen in der DDR oft authentischer Deutsche geblieben seien als die Westdeutschen. Der Brief einer Dresdnerin, wie froh sie ist, von ihm nicht vergessen worden zu sein, ist dafür ein Beleg. Oder die Gedichte von Wulf Kirsten aus Weimar. Diese leben aus einem Sinn für Geschichte und belegen: Es gibt noch „unblamiertes Deutsches“ (S. 98). „Wirkt, verglichen mit einem Kirsten, viel Westliteratur nicht wie Ideologie?“ (S. 96)

„Die Nation ist im Menschenmaß das mächtigste geschichtliche Vorkommen, bis jetzt. Mächtig im geologischen, nicht im politischen Sinn. Die Nation wird sich sicher auflösen irgendwann. Aber doch nicht durch eine Teilung. Doch nicht durch Jalta-Churchill-Roosevelt-Stalin.“ (S. 99) – Im Jahr 1988, nur ein Jahr vor 1989, schrieb Walser: „Es gibt demnach nicht die geringste konkrete Aussicht auf einen Anfang der Überwindung der Teilung. Deutschland bleibt demnach ein Wort, brauchbar für den Wetterbericht. Ich wundere mich selber darüber, dass diese konkrete Aussichtslosigkeit bei mir nicht umschlägt in Hoffnungslosigkeit. Vielleicht wirkt da dieses Geschichtsgefühl.“ (S. 100)

Demokratie und Medien

Martin Walser stellt der Demokratie der BRD und ihrem Mediensystem kein gutes Zeugnis aus. Er sieht eine wachsende Diskrepanz zwischen dem, was geschrieben und dem was verschwiegen wird. Die Differenz ist der „innere Samisdat“. (S. 10 f.) „Pluralismus als Fleckerlaufbahrung, das ist unser Ideal. Möglichst viele Farben, möglichst folgenlos, möglichst öffentlich: so unser Presse-Credo. Demokratische Entwicklung gediehe, glaube ich, nur dann, wenn wirkliche Widersprüche wirklich öffentlich werden könnten.“ (S. 11) Statt dessen: „eine aus lauter monochromen Partien bestehende öffentliche Meinung täuscht Vielfalt vor, wie die östliche veröffentlichte Meinung Öffentlichkeit vortäuscht.“ (S. 11)

„Unser Pluralismus hat so viel Wirklichkeit wie ein in einem Disney-Atelier gezeichneter Dschungel Natur: in solchen Ateliers gibt es ja auch Spezialisten für Tigertatzen, Samtpfoten, Wolken und Veilchen; aber alles ist eben just animated.“ (S. 12) Walser wendet sich gegen den Kleingeist der „Fachleute“, denn in Wahrheit komme es auf den politischen Willen der Akteure an: „Es ist immer mehr möglich, als Fachleute auszurechnen imstande sind“ (S. 90).

Der Grundgedanke der Demokratie wird nicht verwirklicht: „Und die Leute werden nicht gefragt. Das Volk! Populist wird man geschimpft, wenn man meint, die Deuschland-Frage könne nur vom Volk beantwortet werden.“ – „Wir leben noch in einer Zeit, in der nur von oben nach unten gesprochen wird. Von unten nach oben gibt es die Volksstimme nur demoskopisch verfremdet.“ – „Also liegt alles an den Regierungen. Und damit im argen. Es sei denn, die beiden Bevölkerungen ließen sich diesen Pragmatismus nicht ewig gefallen.“ (S. 100)

Walser weist auf die Bedeutung von Öffentlichkeit für die Demokratie hin: „Zweifellos war die öffentliche Meinung das bürgerliche Befreiungsinstrument schlechthin.“ – „Die öffentliche Meinung ist also so ehrwürdig wie die Verfassung.“ (S. 55) – Doch mit dem Mainzer Revolutionär Georg Forster fürchtet Walser deutsche Zustände: „In Deutschland … wird also nicht das Bürgerrecht aus der öffentlichen Meinung stammen, sondern man wird irgendwie ein Bürgerrecht heraufzaubern, und dann öffentliche Meinung damit machen, von oben nach unten also.“ (S. 56) Walser weiter: „Wenn die öffentliche Meinung in den Händen derer ist, die durch sie kontrolliert werden sollen, dann ist – um im Bilde zu bleiben – das Nervensystem unter Vollnarkose.“ (S. 57)

Walser wendet sich gegen Medienmogule wie Berlusconi (S. 53) oder gegen beherrschende Medienkonzerne wie z.B. Bertelsmann, ohne sie beim Namen zu nennen: „Finstere Verlagsschranzen und Medienmonster mit ihrer die Seelen ganzer Kontinente beugenden Macht machen die ältesten Drachensagen zum aktuellen Bilderbuch.“ (S. 39) Das damals neue Privatfernsehen (Bertelsmann, Leo Kirch) ist für Walser keine kommerzielle Veranstaltung, sondern Ausübung von Macht (S. 63).

Das öffentlich-rechtliche Mediensystem hält er für konkurrenzfähig, man müsse nicht darauf bestehen, dass es keine Privaten geben solle. Auf jeden Fall sei wichtig, „dass wir nicht an der Etablierung von Macht, sondern an der Schaffung einer Gegenmacht interessiert sind“ (S. 61).

Denn Macht sei per se ein Problem. „In dreißig Jahren Ausdrucksgewerbe habe ich keine Erfahrung gemacht, die deformierender, verheerender, krankmachender gewesen wäre, als die Erfahrung der Ohnmacht.“ (S. 62) – „Dass Macht nur missbrauchbar ist, wurde im Laufe der Jahre meine wichtigste Erfahrung. Ich habe noch keinen einzigen Menschen getroffen, der durch Machtbesitz nicht entstellt worden wäre.“ (S. 62 f.) – „Macht ist in dem Maße schlimm, wie sie unkontrollierbar ist, egal wer sie ausübt.“ (S. 63)

Sprache und Literatur

Martin Walser kritisiert die Kritik der Frankfurter Schule am sogenannten „Jargon der Eigentlichkeit“: „Schlimmer als der geschmähte Jargon der Eigentlichkeit kommt mir der Jargon vor, in dem da geschmäht wurde.“ (S. 17) – Denn: „Die Sprache sagt nur etwas, wenn sie von Unschuldigen benutzt wird.“ (S. 17) – „Das richtige Verhalten ist wahrscheinlich nur mit dem historischen Vermögen der Sprache zu erörtern.“ (S. 17)

Walser wendet sich gegen die traditionelle Definition von Klassikern in der Literatur. Bei traditionellen Klassikern ginge es oft um die Legitimierung von Macht. Denn was ein Klassiker sei, definiere sich durch dessen Brauchbarkeit. Was ein Klassiker ist, entstehe so durch das Volk und dessen Benutzung von Literatur. (S. 42 f.)

Wer Selbstbewusstsein nötig hat, wird bei Goethe fündig. Wer die Bürgerliche Freiheit und das Schöne entdecken will, greift zu Schiller. Wer verzweifelt, weil es in Deutschland nicht besser werden will, sucht bei Jean Paul Trost. Fichte und Kant sind ihrerseits widerständig gegen die Verhältnisse. Und eiNne Jugend, die reine Helden braucht, findet sie bei Karl May. (S. 43 f.)

„Der Klassiker ist zuerst ein Klassiker seiner Nation.“ (S. 44) – „Unser Klassiker bringt unsere Geschichte zum Ausdruck. Also können wir ihn brauchen.“ (S. 46) – „Sprache sammelt und vermehrt in jedem Klassiker ihr Vermögen.“ (S. 48) – Ohne Hölderlin, Goethe oder Schiller sei die deutsche Sprache gar nicht mehr denkbar.

Mit Goethe sagt Walser: „Übrigens ist mir alles verhasst, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.“ (S. 52) So sollte ein echter Klassiker sein.

Walsers Selbstverständnis als Linker

Aus der Sicht des Jahres 2026 wirkt manches von dem, was Martin Walser damals schrieb, wie „rechts“. Aber natürlich verstand sich Walser als ein Linker, und das kommt auch wiederholt zum Ausdruck.

Ein Demokrat mit Anspruch auf die Verwirklichung der Demokratie wird von Walser kurzerhand als „Sozialist“ angesprochen. Und so verstand er sich selbst, wenn er auch anfügt: „Wie schonend, das nicht in der ersten Person sagen zu müssen.“ (S. 9)

Von der DDR hoffte Walser, dass sie sich zu einem echten Sozialismus entwickeln könnte: „es gibt aber auch die Hoffnung, dass aus dem real existierenden Sozialismus ein wirklicher werden könnte. … … … Die Schwierigkeit entsteht aber dadurch, dass wir dem Osten eine Entwicklungsmöglichkeit zugestehen müssen; auch um unseretwillen. Wenn wir ihn aber nur als etwas behandeln, was abgeschafft werden muss, dann haben wir diese deutsche Aufgabe verfehlt.“ (S. 58 f.) – Walser war auch der Auffassung, dass die Zustände in der DDR im Westen schwarzgemalt würden: „Das Kerkerbild, das hier von der DDR gemalt wird, soll unsere Leute dazu überreden, sich trotz ihrer Ohnmacht und Gezwungenheit frei zu fühlen.“ (S. 15) Statt das westliche System eindeutig als das bessere System zu bezeichnen, hält sich Walser auf Äquidistanz. Das ist sträflich.

Ein Satz stößt angesichts der kommenden Kriege im ehemaligen Jugoslawien und um die Ukraine als böser Irrtum auf: „Und Kriege finden in Europa sowieso nicht mehr statt.“ (S. 81)

Bezüglich der deutschen Geschichte ist Martin Walser ebenfalls auf linke Weise wählerisch. „Was 1871 gegründet wurde, war ja nicht das, was 1848 gewollt worden war.“ (S. 81) – „Nur wenn die Gefahr bestünde, dass wir ins Hohenzollern- oder Hitler-Deutsche zurückfielen, wäre die Teilung gerechtfertigt, ja geradezu notwendig.“ (S. 85) – Schließlich spricht Walser vom „konservativen Missbrauch“ und dem „Adenauerschen Wiedervereinigungsgedöns.“ (S. 90)

Es ist völlig geschichtsvergessen, das Kaiserreich und Nazi-Deutschland in einem Atemzug zu nennen. Wer das Kaiserreich so scharf ablehnt, wie es hier geschieht, der muss sich ernsthaft fragen lassen, wo er noch den Unterschied zu Hitler-Deutschland sieht, und wo er überhaupt ein gutes Deutschland sieht: Vielleicht in der Metternich-Ära? Oder im Dreißigjährigen Krieg?! Wer das Kaiserreich nicht als gelebte Normalität (mit Fehlern) begreifen kann, der sucht wohl nach Utopia. Das Kaiserreich von 1871 so wie Hitlerdeutschland verteufeln und ausgrenzen zu wollen, ist maßlos und falsch. Ebenso die Unterstellung, Konservative würden „Missbrauch“ betreiben, wenn sie von Wiedervereinigung sprechen. Wie demokratisch ist jemand, der Konservative wie Adenauer auf diese Weise aus dem demokratischen Spektrum ausgrenzt?

Nebenthemen

Ein Aufsatz von 1987 widmet sich dem Gegensatz von charaktervollen und charakterlosen Menschen. Der charakterlose Mensch vermeidet klare Urteile. Frauen tun das auch. Dem charakterlosen Menschen entspricht eine gegenstandslose Sprache, in der ein Urteil gar nicht mehr möglich ist.

An dem FAZ-Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki arbeitet sich Martin Walser an zwei Stellen ab. Einmal geht es um Literaturkritiker im Allgemeinen: Sie seien ihr eigener Maßstab. Manche hätten „Medienomnipräsenz“. Und dann fällt der Satz: „Am Kritiker erlebt man, wie Macht den Charakter düngt.“ (S. 69) Marcel Reich-Ranicki bleibt ungenannt, ist aber offensichtlich gemeint.

An einer anderen Stelle wird Marcel Reich-Ranicki explizit genannt und kritisiert, weil er Respekt für die Meinung von Franz Xaver Kroetz äußerte, es sei weise, dass es zwei Deutschlands gebe. Damit würde sich Kroetz der „hierzulande jetzt üblichen nationalen, mitunter ins Nationalistische übergehenden Heuchelei“ widersetzen, so Reich-Ranicki. (S. 87) – Walser wendet sich gegen den an ihn gerichteten Vorwurf von Marcel Reich-Ranicki, er sei Bonner Losungen verfallen und opportunistisch (S. 88). – Walser trocken: „Auch ein prominenter FAZ-Redakteur kann nicht alles, ja er darf nicht alles wissen. Je weniger einer weiß, umso infallibler ist er. Und am infallibelsten ist der Papst.“ (S. 89)

Auch Thomas Mann wird von Martin Walser wiederholt kritisiert. Zuerst habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um seine antidemokratische Haltung in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ zu legitimieren. Doch auch noch 1932 habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um sich nunmehr zwar nicht mehr als antidemokratisch, doch immer noch als unpolitisch zu stilisieren. Goethe und Schiller werden bei Thomas Mann zu Chiffren für Thomas und Heinrich Mann. (S. 49 f.; S. 67)

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