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Martin Walser: Über Deutschland reden (1988)

Notwendige und unbequeme Gedanken zur deutschen Nation inmitten des anti-deutschen Selbsthasses

Das vorliegende Suhrkamp-Büchlein versammelt verschiedene Aufsätze und Reden von Martin Walser aus den Jahren 1979 bis 1988, die alle von Deutschland und der deutsche Kultur handeln. Damals, 1988, hatte eine linksdominierte Öffentlichkeit den Gedanken an Deutschland und die deutsche Nation in der BRD praktisch geächtet. Erst die Wiedervereinigung brachte dann – für viele höchst unerwünscht – den Gedanken an Deutschland wieder auf die Tagesordnung und führte zu einer teilweisen Normalisierung. Spätestens in den Merkel-Jahren wurde diese Normalisierung wieder zurückgefahren, so dass der Gedanke an Deutschland, die deutsche Nation und die deutsche Kultur heute (2026) ähnlich geächtet ist wie damals.

Die Sprache und die Gedankengänge Walsers sind teilweise „dicht“ im literarisch-philosophischen Sinn, d.h., der Text ist sind nicht immer ganz leicht zu verstehen und auf einen Nenner zu bringen. Wir wollen im folgenden die Kerngedanken und zentralen Zitate herausziehen, um dieses vergessene Büchlein für eine breitere Leserschaft fruchtbar werden zu lassen. Statt die einzelnen Aufsätze und Reden chronologisch durchzugehen, werden die einzelnen Aussagen nach Themen sortiert besprochen, also unabhängig davon, in welchem der Aufsätze und Reden zwischen 1979 und 1988 die Aussagen gemacht wurden.

Umgang mit dem Holocaust

Die zentrale Frage zur deutschen Nation ist natürlich der Umgang mit dem Holocaust. Sieht man den Holocaust als den Gipfelpunkt der deutschen Kultur und des deutschen (Un-)Wesens an, dann ist mit dem deutschen Wesen natürlich kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Doch ist das wirklich so? Kann und darf man Deutschland und die Deutschen auf den Holocaust reduzieren?

Dazu hat Martin Walser im Jahr 1979 zwei Texte verfasst, die seltsam widersprüchlich sind. Zuerst den Aufsatz „Händedruck mit Gespenstern“, in dem er den linken Intellektuellen vorwirft, sie würden sich selbst von aller Schuld freisprechen und statt dessen die ganze Schuld beim Volk, dem deutschen Volk, abladen:

„Aber in der Rückschau auf das Jahr 1933 hat man sich nahezu festgelegt auf eine Meinung, in der das deutsche Volk als eine Masse erscheint, die zum Reaktionären, Kleinbürgerlichen, Dumpfen, Aufklärungsfeindlichen, Faschismusverdächtigen neigt. Die zurechnungsfähigen Intellektuellen waren an 1933 offenbar nicht beteiligt oder sie waren Opfer. Schuld war wieder dieses deutsche Volk, das dem Verbrechen zugeschaut hatte, mitgemacht hatte, gejubelt hatte. Wieder waren die zurechnungsfähigen Intellektuellen nicht dabei. Mit diesen fanatisierten Kleinbürgern hatten sie nichts zu tun. Und die Kapitalisten sind sowieso jedesmal auf der Seite der Kriegs- und Geschichtsgewinner. Der Dumme ist immer das Volk.“ (S. 19)

Hier nimmt Martin Walser die Deutschen also in Schutz vor einem kollektiven Schuldvorwurf, den ausgerechnet die linken Intellektuellen beim einfachen Volk abladen, während sie sich selbst eine weiße Weste attestieren. Hier sind wir beim Vorwurf des „Shitbürgertums“ von Ulf Poschardt aus dem Jahr 2025, demzufolge viele dieser linken Intellektuellen ganz und gar keine weiße Weste hatten, sondern selbst Sympathisanten der Nazis waren. Ihr pauschaler Vorwurf an „die Deutschen“ ist in diesem Sinne eine Strategie, der eigenen, persönlichen Schuld zu entkommen.

In seiner Rede „Auschwitz und kein Ende“ aus demselben Jahr 1979 spricht Walser jedoch ganz anders. Mit der Formulierung „wir, die wir zur Volksgemeinschaft der Täter gehören“ (S. 24) ist Walser ganz nahe an dem bösen Wort vom „Tätervolk“. Walser weiter: „Wir auf jeden Fall helfen uns eben dadurch, dass wir die Schuld … … … auf eine Handvoll Schergen schieben.“ (S. 24) – „Und doch ist diese Tötungsfabrik durch uns entstanden.“ – „In Auschwitz arbeitete unsere ganze Gesellschaft mit.“ (S. 25)

„Ein Franzose oder ein Amerikaner … muss nicht denken: Wir Menschen! Er kann denken: Diese Deutschen! Können wir denken: Diese Nazis!? Ich kann es nicht.“ (S. 25) Weiter: „Diese Schuld ist unter den Bedingungen unserer Geschichte entstanden. … Wir sind die Fortsetzung. Auch der Bedingungen, die zu Auschwitz führten.“ (S. 25 f.) „Kein Deutscher kann … sagen, seine Landsleute, die hier gewirkt haben, seien Psychopathen oder Spezialisten gewesen, mit denen habe er nichts zu tun.“ (S. 26 f.)

Walser diagnostiziert: „Uns fehlt etwas, was über den einzelnen hinausgeht. Etwas, dem er verpflichtet ist. Etwas, das ihn unfähig gemacht hätte, an der Auschwitz-Tötungs-Fabrik in irgendeiner Weise mitzuarbeiten. Etwas, was Gott und Humanismus noch nicht schafften.“ Walser weiter: „… kann nicht gedient sein, wenn ein Verbrechen solchen Ausmaßes nachträglich herunterdividiert wird auf ein paar Bösewichter. Was ist das für eine Einteilung: Ich gehöre dazu, sobald es sich um Goethes Faust handelt, aber mit dem Dr. Faust in Auschwitz habe ich nichts gemein. Wir haben mit ihm alles gemein, was wir mit Goethe gemein haben.“ (S. 29) Und: „Ich glaube: man ist Verbrecher, wenn die Gesellschaft, zu der man gehört, Verbrechen begeht.“ (S. 30)

Mit diesen Worten ist Martin Walser wieder ganz und gar bei der Kollektivschuldthese angelangt: Alle Deutschen sind schuldig, allein, weil sie Deutsche sind. Den Deutschen fehle etwas, was andere Völker angeblich hätten. Begründet wird dies mit schrägen Thesen: Denn Goethes Faust, den Walser anführt, ist ein höchst öffentliches Werk, das die deutsche Nation wahrlich geprägt hat, während Walsers „Dr. Faust in Auschwitz“ bekanntlich höchst unöffentlich zu Werke ging, und das aus gutem Grund: Weil die Deutschen dieses Verbrechen nämlich keinesfalls gutgeheißen hätten, hätte man es öffentlich gemacht.

Natürlich ist der erste Ansatz von Martin Walser wesentlich zielführender als der zweite: Es gibt keine Kollektivschuld, natürlich nicht, denn der Gedanke einer Kollektivschuld widerspricht jedem humanistischen Geist. Gewiss, die Zahl der Schuldigen ist hoch. Es sind nicht nur ein paar wenige Anführer schuldig geworden, das ist schon richtig. Aber es ist eben auch nicht so, dass das ganze deutsche Volk wie ein Mann diesem Verbrechen zugestimmt hat. Ganz und gar nicht. Es ist etwas zwischen diesen beiden Extremen, auf jeden Fall eine höchst ungleiche Verteilung von Schuld, und es ist bis heute nicht hinreichend erforscht worden, wie diese Schuld eigentlich tatsächlich verteilt ist. Ein Grund dafür ist, dass mit dieser Frage Politik gemacht wird. Bis heute. Das ist ja das Problem.

Wie kommt es, dass Martin Walser in zwei Texten desselben Jahres 1979 einmal so und einmal so sprach? Man kann nur Vermutungen anstellen. Vielleicht ist der Grund, dass der zweite Text eine Rede zu einer Ausstellung ist, wo Walser auch vor Opfern des Holocaust sprach. Vielleicht empfand Walser es in dieser Situation passender, nicht zu differenzieren? Ehrlich wäre er dann nicht gewesen. Seine ehrliche Meinung finden wir ganz offensichtlich im ersten Text. Und in seinen weiteren Texten, in denen er die deutsche Kultur vor jedem Pauschalvorwurf in Schutz nimmt, wie wir im folgenden sehen werden.

Die Anti-Deutschen als Folge des Holocaust und 1918

Martin Walser sieht genau, wie der anti-deutsche Reflex der BRD aus einem Versagen des Umgangs mit Auschwitz erwächst: „Aber ich muss zugeben, eine rein weltliche, eine liberale, eine vom Religiösen, eine überhaupt von allem Ich-Überschreitenden fliehende Gesellschaft kann Auschwitz nur verdrängen. Wo das Ich das Höchste ist, kann man Schuld nur verdrängen.“ (S. 20)

Auch die Auflösung von nationaler Identität im Individualismus ist eine Flucht vor der Verantwortung: „Deutsches Volk? Nie gehört.“ (S. 28) „Ich weiß ja, wie wenig ernst der BRD-Erfolgsmensch seinen Pass nimmt. Er ist mindestens Europäer.“ (S. 93) „Wo Miteinander, Solidarität und Nation aufscheinen, da sieht das bundesrepublikanisch-liberale Weltkind Kirche oder Kommunismus oder Faschismus.“ (S. 20) Auch die Wirtschaft zieht sich aus der Affäre: „Ja, Firmen waren auch dabei in Auschwitz. Aber was ist eine Firma? Hat eine Firma Gedächtnis? Gewissen?“ (S. 28) „Internationalismus ist in Ost- und Westdeutschland ein gleichermaßen forcierter Wert.“ (S. 22)

Nur im Ausland sei man zwangsläufig Deutscher: „Es soll in den letzten dreißig Jahren öfter vorgekommen sein, dass Deutsche im Ausland durch entgegenkommend gemeintes, betont undeutsches Auftreten besonders unangenehm deutsch gewirkt haben.“ (S. 94)

Heutige Historiker sagen mit ihren Analysen des Nationalsozialismus mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit (S. 78). Ein Gespräch über Deutschland ende immer ungut, auch unter Freunden (S. 79). Alles sei von Phrasen überdeckt: „Deutschland habe es sowieso nie gegeben.“ – „Also nie mehr Deutschland.“ (S. 80) – Dabei war Deutschland und seine Einheit im 19. Jahrhundert demokratisch gedacht worden, selbst Karl Marx sprach von Deutschland (S. 81).

Heute heiße es: „Die Deutschen sind alle Nazis“ (S. 85) Walser wundert sich: „wie viele bedeutende Leute Jahrzehnte nach der Erledigung des Faschismus ihren Zorn und ihr gutes Gewissen lebenslänglich durch antifaschistische Regungen belebten.“ (S. 86) Dem Historikerstreit, der von Habermas losgetreten wurde, ist Walser dankbar: Denn er hat zu einer Vielfalt von Ansichten von Links und Rechts geführt, die Walser problemlos in seiner Person integrieren kann, so behauptet er (S. 86 f.).

Willy Brandt nenne die deutsche Frage jetzt „Schizophrenie“, Egon Bahr empfiehlt „Verfassungspatriotismus“, und Otto Schily will die Verpflichtung zur Wiedervereinigung aus der Präambel des Grundgesetzes streichen lassen. (S. 90) „Politik, Schule und Medien, die Wortführer also, haben, mit krass verschiedenen Motiven, viel getan, um die Teilung vernünftig zu machen.“ (S. 92) Wer davon sprechen möchte, dass es noch Deutsche gibt, muss es beweisen, als ob es eine außergewöhnlich kühne Behauptung wäre: „Das muss man beweisen, weil einem im Deutschland-Gespräch auch Karthago und die Azteken vorgehalten werden.“ (S. 93)

Martin Walser setzt den Beginn der Probleme mit der Nation sogar schon 1918 an: „Ich vermute, dass unsere nationale und gesellschaftliche Ratlosigkeit eine Folge unserer Entfernung von unsere Geschichte ist. Mir kommt es so vor, als hätten sich unsere Intellektuellen nach 1918 vom Volk getrennt … … … Schon das Wort ruft vielfältiges Schaudern hervor. Volk – ist das überhaupt ein Begriff? Ist das nicht ein total obsoletes Wort?“ (S. 17 f.)

Das Volk hatte die Folgen des Ersten Weltkrieges zu erleiden, die „bürgerlich-feudalen Cliquen“ nicht. Schon in den 1920er Jahren waren Philosophie und Literatur internationalistisch geprägt. „Die Intellektuellen hatten Roaring Twenties. Arbeiter und Kleinbürger hatten einen aussichtslosen Kampf gegen immer neue Einfälle eines nun doch wirklich international auftretenden Kapitalismus.“ (S. 18)

Am Ende sei immer das Volk der Dumme. „Das [Volk] lernt eine Lektion nach der anderen und kommt kaum nach mit Lernen und Umlernen. Und das deutsche Volk ist ein Musterschüler. In Ost und West. Lieber verliert es sich selbst, als dass es seinem Ost- oder Westlehrer auch nur den geringsten Kummer bereiten würde. Wir haben immer alles besser gekonnt, als wir selbst zu sein.“ (S. 19)

Die BRD ist geschichtslos geworden. „Geschichtsabweisend ist der aktuelle Intellektuelle.“ (S. 20) „Adorno hat diese Geschichtsverneinung mit polemischen Bemerkungen gegen Brecht blanko abgesegnet.“ (S. 20 f.) Der deutsche Kulturbetrieb kennt keinen Sinn mehr im Leben, Sinn wird produziert wie Weizen und Milch (S. 21). Es gilt: „Praxis adieu. Volk adieu. Ich gestatte mir, dazuzusetzen: Gott adieu. Weil Gott für mich kein obsoletes, sondern ein historisches Wort ist für das Bedürfnis nach Ichüberschreitung. Ich halte auch die Zielrichtung nicht für obsolet. Dass uns etwas fehlt, sieht jeder.“ (S. 22)

Deutschland vor den Anti-Deutschen retten

Martin Walser will sich mit diesem Zustand nicht abfinden. „Wer sind wir? Sobald man im Ausland ist, ist man ein Deutscher. Aber wer bin ich hier?“ (S. 19) – „Ich habe ein Bedürfnis nach geschichtlicher Überwindung des Zustands Bundesrepublik. Von Grund auf sollten wir weiter. Aber die herrschende öffentliche Meinung, das herrschende Denken, der vorherrschende Sprachgebrauch nennen dieses Bedürfnis obsolet, obsolet heißt veraltet; ich glaube nur, es sei alt.“ (S. 23)

Eine ewige Strafe für den Holocaust will Walser nicht anerkennen: „Dass ich Jalta, Teheran und die Folgen Strafaktion nenne, ruft Stirnrunzeln hervor. Ich beeile mich zu sagen, dass wir die verdient hatten. Aber doch nicht für immer. Strafe dient nicht der Sühne, sondern doch wohl der Resozialisierung.“ (S. 83) Es sei ungerecht, Schlesierschmerz in einem Atemzug mit Neonazitum nennen (S. 83). „Wir nicken zu allem vor lauter Angst, sonst für Nazis gehalten zu werden.“ (S. 84)

Eine Quelle der Regeneration Deutschlands sieht Walser in der Geschichte: „Seit die konvulsivische Nation nun zerstört ist in einem Ausmaß, das eine Nation allein überhaupt nicht verschulden kann, ist sie mehr als andere auf Geschichte verwiesen. Nur wenn wir eine Nation waren, werden wir wieder eine sein. Und das regelt keiner außer uns selbst.“ (S. 32) – „Von Gewissheit umstellt, widersprechen wir. Es gibt keine mit der Schwäche vergleichbare Kraftquelle.“ Und: „Aus diesem Aber bauen wir den unterirdischen Himmel, den der Geschichte.“ Schließlich: „Der Unterirdische Himmel ist, wenn er sich treu bleibt, subversiv.“ (S. 38)

Walser verweist auch auf jene wenigen Intellektuellen, die mit ihm seine Bedenken teilen und ihrerseits an Deutschland nicht irre geworden sind: Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson (S. 91 f.).

Schließlich meint Martin Walser, das die Deutschen in der DDR oft authentischer Deutsche geblieben seien als die Westdeutschen. Der Brief einer Dresdnerin, wie froh sie ist, von ihm nicht vergessen worden zu sein, ist dafür ein Beleg. Oder die Gedichte von Wulf Kirsten aus Weimar. Diese leben aus einem Sinn für Geschichte und belegen: Es gibt noch „unblamiertes Deutsches“ (S. 98). „Wirkt, verglichen mit einem Kirsten, viel Westliteratur nicht wie Ideologie?“ (S. 96)

„Die Nation ist im Menschenmaß das mächtigste geschichtliche Vorkommen, bis jetzt. Mächtig im geologischen, nicht im politischen Sinn. Die Nation wird sich sicher auflösen irgendwann. Aber doch nicht durch eine Teilung. Doch nicht durch Jalta-Churchill-Roosevelt-Stalin.“ (S. 99) – Im Jahr 1988, nur ein Jahr vor 1989, schrieb Walser: „Es gibt demnach nicht die geringste konkrete Aussicht auf einen Anfang der Überwindung der Teilung. Deutschland bleibt demnach ein Wort, brauchbar für den Wetterbericht. Ich wundere mich selber darüber, dass diese konkrete Aussichtslosigkeit bei mir nicht umschlägt in Hoffnungslosigkeit. Vielleicht wirkt da dieses Geschichtsgefühl.“ (S. 100)

Demokratie und Medien

Martin Walser stellt der Demokratie der BRD und ihrem Mediensystem kein gutes Zeugnis aus. Er sieht eine wachsende Diskrepanz zwischen dem, was geschrieben und dem was verschwiegen wird. Die Differenz ist der „innere Samisdat“. (S. 10 f.) „Pluralismus als Fleckerlaufbahrung, das ist unser Ideal. Möglichst viele Farben, möglichst folgenlos, möglichst öffentlich: so unser Presse-Credo. Demokratische Entwicklung gediehe, glaube ich, nur dann, wenn wirkliche Widersprüche wirklich öffentlich werden könnten.“ (S. 11) Statt dessen: „eine aus lauter monochromen Partien bestehende öffentliche Meinung täuscht Vielfalt vor, wie die östliche veröffentlichte Meinung Öffentlichkeit vortäuscht.“ (S. 11)

„Unser Pluralismus hat so viel Wirklichkeit wie ein in einem Disney-Atelier gezeichneter Dschungel Natur: in solchen Ateliers gibt es ja auch Spezialisten für Tigertatzen, Samtpfoten, Wolken und Veilchen; aber alles ist eben just animated.“ (S. 12) Walser wendet sich gegen den Kleingeist der „Fachleute“, denn in Wahrheit komme es auf den politischen Willen der Akteure an: „Es ist immer mehr möglich, als Fachleute auszurechnen imstande sind“ (S. 90).

Der Grundgedanke der Demokratie wird nicht verwirklicht: „Und die Leute werden nicht gefragt. Das Volk! Populist wird man geschimpft, wenn man meint, die Deuschland-Frage könne nur vom Volk beantwortet werden.“ – „Wir leben noch in einer Zeit, in der nur von oben nach unten gesprochen wird. Von unten nach oben gibt es die Volksstimme nur demoskopisch verfremdet.“ – „Also liegt alles an den Regierungen. Und damit im argen. Es sei denn, die beiden Bevölkerungen ließen sich diesen Pragmatismus nicht ewig gefallen.“ (S. 100)

Walser weist auf die Bedeutung von Öffentlichkeit für die Demokratie hin: „Zweifellos war die öffentliche Meinung das bürgerliche Befreiungsinstrument schlechthin.“ – „Die öffentliche Meinung ist also so ehrwürdig wie die Verfassung.“ (S. 55) – Doch mit dem Mainzer Revolutionär Georg Forster fürchtet Walser deutsche Zustände: „In Deutschland … wird also nicht das Bürgerrecht aus der öffentlichen Meinung stammen, sondern man wird irgendwie ein Bürgerrecht heraufzaubern, und dann öffentliche Meinung damit machen, von oben nach unten also.“ (S. 56) Walser weiter: „Wenn die öffentliche Meinung in den Händen derer ist, die durch sie kontrolliert werden sollen, dann ist – um im Bilde zu bleiben – das Nervensystem unter Vollnarkose.“ (S. 57)

Walser wendet sich gegen Medienmogule wie Berlusconi (S. 53) oder gegen beherrschende Medienkonzerne wie z.B. Bertelsmann, ohne sie beim Namen zu nennen: „Finstere Verlagsschranzen und Medienmonster mit ihrer die Seelen ganzer Kontinente beugenden Macht machen die ältesten Drachensagen zum aktuellen Bilderbuch.“ (S. 39) Das damals neue Privatfernsehen (Bertelsmann, Leo Kirch) ist für Walser keine kommerzielle Veranstaltung, sondern Ausübung von Macht (S. 63).

Das öffentlich-rechtliche Mediensystem hält er für konkurrenzfähig, man müsse nicht darauf bestehen, dass es keine Privaten geben solle. Auf jeden Fall sei wichtig, „dass wir nicht an der Etablierung von Macht, sondern an der Schaffung einer Gegenmacht interessiert sind“ (S. 61).

Denn Macht sei per se ein Problem. „In dreißig Jahren Ausdrucksgewerbe habe ich keine Erfahrung gemacht, die deformierender, verheerender, krankmachender gewesen wäre, als die Erfahrung der Ohnmacht.“ (S. 62) – „Dass Macht nur missbrauchbar ist, wurde im Laufe der Jahre meine wichtigste Erfahrung. Ich habe noch keinen einzigen Menschen getroffen, der durch Machtbesitz nicht entstellt worden wäre.“ (S. 62 f.) – „Macht ist in dem Maße schlimm, wie sie unkontrollierbar ist, egal wer sie ausübt.“ (S. 63)

Sprache und Literatur

Martin Walser kritisiert die Kritik der Frankfurter Schule am sogenannten „Jargon der Eigentlichkeit“: „Schlimmer als der geschmähte Jargon der Eigentlichkeit kommt mir der Jargon vor, in dem da geschmäht wurde.“ (S. 17) – Denn: „Die Sprache sagt nur etwas, wenn sie von Unschuldigen benutzt wird.“ (S. 17) – „Das richtige Verhalten ist wahrscheinlich nur mit dem historischen Vermögen der Sprache zu erörtern.“ (S. 17)

Walser wendet sich gegen die traditionelle Definition von Klassikern in der Literatur. Bei traditionellen Klassikern ginge es oft um die Legitimierung von Macht. Denn was ein Klassiker sei, definiere sich durch dessen Brauchbarkeit. Was ein Klassiker ist, entstehe so durch das Volk und dessen Benutzung von Literatur. (S. 42 f.)

Wer Selbstbewusstsein nötig hat, wird bei Goethe fündig. Wer die Bürgerliche Freiheit und das Schöne entdecken will, greift zu Schiller. Wer verzweifelt, weil es in Deutschland nicht besser werden will, sucht bei Jean Paul Trost. Fichte und Kant sind ihrerseits widerständig gegen die Verhältnisse. Und eiNne Jugend, die reine Helden braucht, findet sie bei Karl May. (S. 43 f.)

„Der Klassiker ist zuerst ein Klassiker seiner Nation.“ (S. 44) – „Unser Klassiker bringt unsere Geschichte zum Ausdruck. Also können wir ihn brauchen.“ (S. 46) – „Sprache sammelt und vermehrt in jedem Klassiker ihr Vermögen.“ (S. 48) – Ohne Hölderlin, Goethe oder Schiller sei die deutsche Sprache gar nicht mehr denkbar.

Mit Goethe sagt Walser: „Übrigens ist mir alles verhasst, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.“ (S. 52) So sollte ein echter Klassiker sein.

Walsers Selbstverständnis als Linker

Aus der Sicht des Jahres 2026 wirkt manches von dem, was Martin Walser damals schrieb, wie „rechts“. Aber natürlich verstand sich Walser als ein Linker, und das kommt auch wiederholt zum Ausdruck.

Ein Demokrat mit Anspruch auf die Verwirklichung der Demokratie wird von Walser kurzerhand als „Sozialist“ angesprochen. Und so verstand er sich selbst, wenn er auch anfügt: „Wie schonend, das nicht in der ersten Person sagen zu müssen.“ (S. 9)

Von der DDR hoffte Walser, dass sie sich zu einem echten Sozialismus entwickeln könnte: „es gibt aber auch die Hoffnung, dass aus dem real existierenden Sozialismus ein wirklicher werden könnte. … … … Die Schwierigkeit entsteht aber dadurch, dass wir dem Osten eine Entwicklungsmöglichkeit zugestehen müssen; auch um unseretwillen. Wenn wir ihn aber nur als etwas behandeln, was abgeschafft werden muss, dann haben wir diese deutsche Aufgabe verfehlt.“ (S. 58 f.) – Walser war auch der Auffassung, dass die Zustände in der DDR im Westen schwarzgemalt würden: „Das Kerkerbild, das hier von der DDR gemalt wird, soll unsere Leute dazu überreden, sich trotz ihrer Ohnmacht und Gezwungenheit frei zu fühlen.“ (S. 15) Statt das westliche System eindeutig als das bessere System zu bezeichnen, hält sich Walser auf Äquidistanz. Das ist sträflich.

Ein Satz stößt angesichts der kommenden Kriege im ehemaligen Jugoslawien und um die Ukraine als böser Irrtum auf: „Und Kriege finden in Europa sowieso nicht mehr statt.“ (S. 81)

Bezüglich der deutschen Geschichte ist Martin Walser ebenfalls auf linke Weise wählerisch. „Was 1871 gegründet wurde, war ja nicht das, was 1848 gewollt worden war.“ (S. 81) – „Nur wenn die Gefahr bestünde, dass wir ins Hohenzollern- oder Hitler-Deutsche zurückfielen, wäre die Teilung gerechtfertigt, ja geradezu notwendig.“ (S. 85) – Schließlich spricht Walser vom „konservativen Missbrauch“ und dem „Adenauerschen Wiedervereinigungsgedöns.“ (S. 90)

Es ist völlig geschichtsvergessen, das Kaiserreich und Nazi-Deutschland in einem Atemzug zu nennen. Wer das Kaiserreich so scharf ablehnt, wie es hier geschieht, der muss sich ernsthaft fragen lassen, wo er noch den Unterschied zu Hitler-Deutschland sieht, und wo er überhaupt ein gutes Deutschland sieht: Vielleicht in der Metternich-Ära? Oder im Dreißigjährigen Krieg?! Wer das Kaiserreich nicht als gelebte Normalität (mit Fehlern) begreifen kann, der sucht wohl nach Utopia. Das Kaiserreich von 1871 so wie Hitlerdeutschland verteufeln und ausgrenzen zu wollen, ist maßlos und falsch. Ebenso die Unterstellung, Konservative würden „Missbrauch“ betreiben, wenn sie von Wiedervereinigung sprechen. Wie demokratisch ist jemand, der Konservative wie Adenauer auf diese Weise aus dem demokratischen Spektrum ausgrenzt?

Nebenthemen

Ein Aufsatz von 1987 widmet sich dem Gegensatz von charaktervollen und charakterlosen Menschen. Der charakterlose Mensch vermeidet klare Urteile. Frauen tun das auch. Dem charakterlosen Menschen entspricht eine gegenstandslose Sprache, in der ein Urteil gar nicht mehr möglich ist.

An dem FAZ-Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki arbeitet sich Martin Walser an zwei Stellen ab. Einmal geht es um Literaturkritiker im Allgemeinen: Sie seien ihr eigener Maßstab. Manche hätten „Medienomnipräsenz“. Und dann fällt der Satz: „Am Kritiker erlebt man, wie Macht den Charakter düngt.“ (S. 69) Marcel Reich-Ranicki bleibt ungenannt, ist aber offensichtlich gemeint.

An einer anderen Stelle wird Marcel Reich-Ranicki explizit genannt und kritisiert, weil er Respekt für die Meinung von Franz Xaver Kroetz äußerte, es sei weise, dass es zwei Deutschlands gebe. Damit würde sich Kroetz der „hierzulande jetzt üblichen nationalen, mitunter ins Nationalistische übergehenden Heuchelei“ widersetzen, so Reich-Ranicki. (S. 87) – Walser wendet sich gegen den an ihn gerichteten Vorwurf von Marcel Reich-Ranicki, er sei Bonner Losungen verfallen und opportunistisch (S. 88). – Walser trocken: „Auch ein prominenter FAZ-Redakteur kann nicht alles, ja er darf nicht alles wissen. Je weniger einer weiß, umso infallibler ist er. Und am infallibelsten ist der Papst.“ (S. 89)

Auch Thomas Mann wird von Martin Walser wiederholt kritisiert. Zuerst habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um seine antidemokratische Haltung in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ zu legitimieren. Doch auch noch 1932 habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um sich nunmehr zwar nicht mehr als antidemokratisch, doch immer noch als unpolitisch zu stilisieren. Goethe und Schiller werden bei Thomas Mann zu Chiffren für Thomas und Heinrich Mann. (S. 49 f.; S. 67)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Joana Cotar: Inside Bundestag – Wie ich in 8 Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor (2026)

Dichte Darstellung der Probleme in Anekdoten; mit konstruktiven Lösungsvorschlägen

Es muss Spaß gemacht haben, dieses Buch zu schreiben: Schon der Blick ins Inhaltsverzeichis zeigt, wie hier in dichter Folge alle Probleme unserer Demokratie Punkt für Punkt abgehandelt werden: Die Versuchung des Geldes, der Mangel an Qualifikation, die Macht der Parteien, das Elend der Listenwahl und der damit verbundene Parteienklüngel, das Märchen von der Arbeit in den Ausschüssen, Geschäftsordnungstricks, Willkür und Doppelmoral, die Explosion der Bürokratie, der NGO-Komplex.

Das alles hat sich die Autorin sichtlich von der Seele geschrieben. Denn alles wird durch persönliche Erlebnisse und Anekdoten untermauert. Man mag es manchmal kaum glauben, wieviel Niedertracht und Chuzpe das real existierende Politiksystem hervorbringt. Die Darstellung ist sehr dicht, die Autorin liefert kein Blabla, sondern kommt konsequent zur Sache, weshalb das Buch auch nur 220 Seiten hat: Die haben es aber in sich.

Das letzte Kapitel widmet sich einigen Lösungsvorschlägen: Es ist falsch, nach der Partei des kleineren Übels Ausschau zu halten. Denn die Parteien selbst sind in der aktuellen Form das Problem. Nicht die Verfassung, wohl aber die Verfassungswirklichkeit, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, ist zum Problem geworden. Das System selbst muss gründlich reformiert werden, damit die ursprünglichen Absichten des Grundgesetzes wieder zum Tragen kommen.

Vorgeschlagen wird u.a.: Volksentscheide, Panaschieren und Kumulieren, Trennung von Abgeordneten- und Ministeramt, mehr Lobbyismustransparenz, Mindestqualifikationen für Politiker, Amtszeitbegrenzungen, Politikerhaftung, Rechenschaftsberichte in Bürgerversammlungen, keine Staatsfinanzierten NGOs, Kompetenzen nach unten verlagern, unabhängige Medien. Vor allem aber eine radikale Reduzierung des Geldes im System. Weniger Staat bedeutet, dass die Bürger mehr Freiheit haben, ihr Leben nach eigener Facon zu gestalten.

Kritik

Leider wird wenig dazu gesagt, wie man die genannten Lösungsvorschläge gegen eine Parteienoligarchie durchsetzen könnte, die sich die Butter nicht so leicht vom Brot nehmen lassen wird. Über ihr Engagement im „Team Freiheit“ und dessen revolutionäres Konzept einer Partei neuen Typs sagt die Autorin nichts.

Die Rolle der Medien wird zu wenig beleuchtet. Mehr noch als das politische System ist das Mediensystem in Deutschland Dreh- und Angelpunkt aller Probleme. Auch zu sozialen Netzwerken finden sich kaum Aussagen.

Ob Kumulieren und Panaschieren tatsächlich die Macht der Liste brechen kann, ist fraglich, wie Erfahrungen im kommunalen Bereich zeigen. Zudem führt dieses Verfahren zur Unkontrollierbarkeit der Auszählung der Wahl, und das ist brandgefährlich.

Sowohl die Weisungsgebundenheit der Staatsanwaltschaft als auch der Verfassungsschutz und seine Probleme werden in den Vorschlägen nicht zum Thema gemacht.

Schließlich erfährt man auch kaum etwas zum Engagement der Autorin für Krypowährungen, das unter dem Titel „Bitcoin im Bundestag“ zum bekannten Schlagwort wurde.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger (2002)

Politisches Vermächtnis für kommende Generationen

Wer politisch interessiert ist, wird auf Youtube oder ähnlichen Plattformen öfter einmal über Videos stolpern, in denen Helmut Schmidt von Sandra Maischberger interviewt wird. Dieses Buch enthält die ersten dieser Interviews von Sandra Maischberger mit Helmut Schmidt, die im Jahr 2001 geführt wurden. Später hat Sandra Maischberger offenbar noch weitere Interviews dieser Art geführt.

Helmut Schmidt äußert sich hier als erfahrener elder statesman zu allen möglichen Themen. Das Wertvolle daran ist die erfahrungsgesättigte Nüchternheit und Rationalität, die Helmut Schmidt dabei an den Tag legt. Wo Politiker heute heiße Luft produzieren und Utopien nachjagen, finden wir bei Helmut Schmidt belastbare Substanz und gesunde Skepsis von überzeitlicher Qualität.

Damit bilden diese Interviews einen bleibenden Baustein des politischen Denkens in Deutschland. Daran wird man sich immer wieder erinnern. Daran muss sich alles Spätere messen lassen. Ganz ähnlich wie Thilo Sarrazin seinen Erfahrungsschatz in seinen Büchern zusammenfasst, vor allem in dem Buch Wunschdenken (2016), das als Handbuch für kommende Politiker gelesen werden kann.

Helmut Schmidt ist aus heutiger Sicht ein erzkonservativer Politiker, doch an einigen Stellen blitzt durch, dass er ein Linker war und entsprechenden politischen Illusionen unterlag. So z.B. bei seiner Befürchtung, dass die Law&Order-Politik von Ronald B. Schill dazu führen könnte, dass Unschuldige unter dem Durchgreifen der Polizei zu leiden hätten. Davon war man damals in Deutschland weit entfernt. Oder bei seiner vehementen Befürwortung der europäischen Währungsunion. Bedenken gegen den Euro nahm Helmut Schmidt offenbar nicht ernst. Oder bei seiner etwas blauäugigen Sicht auf den Islam und dessen Anerkennung in der deutschen Gesellschaft. Schmidt glaubte, dass wir von Aristoteles ohne die Araber nichts wüssten, und dass es genüge, dass ein islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache stattfinde. Man sollte allerdings auch bedenken, dass die Muslime zu seiner Zeit tatsächlich nur eine Minderheit in Deutschland waren.

Zum Nationalsozialismus ist Helmut Schmidt sehr klar. Weder wusste er damals etwas vom Judenmord, noch seien nationale Gefühle per se etwas schlechtes. Schmidt ordnet die anti-nationale Gesinnung sogar einer ganz bestimmten Generation zu und meint, dass jüngere Deutsche nicht mehr so denken würden.

Es kommt bei alledem nicht auf die einzelne Meinung an, sondern auf die Methode: Nüchtern, realistisch und rational. Jeder ist eingeladen, seine ganz eigenen Entdeckungen bei Helmut Schmidt zu machen. Im folgenden einige wenige Zitate aus den Interviews.

Zitate zur Demokratie in Deutschland

„Es ist übrigens viel leichter, in Deutschland eine Psychose für oder gegen etwas zu erzeugen, als etwa in der Schweiz.“
(S. 105 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Die PDS vertritt beinahe die Hälfte aller Leute im Osten [Berlins], und von daher ist es im Prinzip wünschenswert, diese Vertreter einer Hälfte der Ostberliner Wählerinnen und Wähler in die Verantwortung zu ziehen. Wahrscheinlich ist es vier Jahre zu früh“.
(S. 136 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„… aber ohne die Kraft des vernünftigen Arguments und des Gegenarguments und ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. Das letzte will ich noch mal dick unterstreichen. Ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. Das wird in Deutschland oft nicht verstanden.“
(S. 187 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Alle Fernseh-Gesellschaften sind anfällig für Psychosen, aber die Deutschen besonders.“
(S. 189 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Wehner und Schmidt und einige andere – in der CDU Leute wie Barzel, Paul Lücke und andere – waren schon in den sechziger Jahren der Meinung, dass wir ein Wahlrecht bräuchten nach englischem oder amerikanischem Vorbild, das verhindert, dass lauter kleine Parteien aufgemacht werden, und dass infolgedessen die Bildung von Koalitionen überflüssig macht. Es gäbe dann in aller Regel eine Partei, die regiert, und eine, die opponiert. Die Wahlrechtsänderung war eines der Motive für die Bildung der Großen Koalition, aber wir sind in beiden Fraktionen damit gescheitert.“
(S. 244 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Aber ich habe etwas dagegen, dass nicht erwachsene Leute ihren Schnabel weit aufreißen und Entscheidungsmacht über andere beanspruchen.“
(S. 259 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zum Nationalsozialismus

„Das bezog sich auf das quasi sozialistische Moment, das es beim Nationalsozialismus ja auch gegeben hat. Da gab es ja auch Otto Strasser und solche Leute, die am Anfang durchaus mindestens eine sozialpolitische Komponente ernsthaft verfolgt haben.“
(S. 161 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„In diesem übertriebenen Pflichtbewusstsein steckt eine ganze Menge preußisches Erbe.“
(S. 163 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Frage nach der Judenvernichtung.
„Wenn ich es denn gewusst hätte. Ich habe nichts davon gewusst. Von Leuten, die dreißig Jahre jünger sind, wird das nicht verstanden, geschweige denn für glaubwürdig gehalten. Die heutige Generation kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, wenn man unter einer Informationsdiktatur lebt. Außerdem war Krieg, und im Krieg wird alles mögliche – in jedem Land der Welt, auch in Demokratien – verheimlicht und geheimgehalten.“
(S. 164 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Angst vor der Entdeckung der eigenen jüdischen Abstammung.
„Dabei hatte ich nicht einmal eine konkrete Vorstellung davon, was uns tatsächlich passieren könnte. Mein Vater stellte sich vor, er würde von der Schuldbehörde rausgeschmissen. Das war seine ganze Angst, aber sie reichte aus, um den Mann seelisch zu zerstören. Von KZs hatte er keine Ahnung – ich auch nicht – und von Genozid und Massenmord an den Juden erst recht nicht.“
(S. 164 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Antisemiten? Sie meinen, in Deutschland? Bewusst ist mir keiner begegnet, nein.“
(S. 176 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Die deutsche Gesellschaft der fünfziger und sechziger Jahre war weder verspießt noch war sie reaktionär, das ist Legende. Es war eine Gesellschaft, die ein moralisch und physisch am Boden liegendes Volk wieder einigermaßen auf die Beine gebracht hat, eine Glanzleistung sondersgleichen. Dass da viele unerfreuliche Dinge auch eingeschlossen waren … dass wir in der Regierung Adenauer auch richtige Nazis hatten und auch Nazis im Parlament: unerfreulich, ja sicherlich, aber wie hätte es denn anders sein sollen? Insgesamt war die Leistung, die die Deutschen in den fünfziger und sechziger Jahren vollbracht haben, unglaublich. Das nun nachträglich abzuqualifizieren, ist ungerechtfertigt, es ist eine Legende, zur Selbstrechtfertigung zurechtgemacht.“
(S. 194 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Nationale Emotion zu zeigen ist ja noch kein Nationalismus.“
(S. 254 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Aber mit Hitler ist der Begriff Nation, das nationale Bewusstsein in Deutschland so stark in Misskredit geraten, gerade auch bei der jüngeren Generation.
„Nicht bei der heutigen jüngeren Generation, sondern bei den 68ern, also den intellektuellen Wortführern der jungen Linken“
(S. 254 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu 1968 und zur politischen Linken

„Wenn die Grünen auseinanderbrechen sollten, wird ein Teil von ihnen zu den Sozialdemokraten gehen, ein Teil wird in der inneren Emigration verschwinden, andere werden sich dem Naturschutz hingeben, wiederum andere werden zu den Kommunisten überlaufen. Ist in Wirklichkeit nicht wichtig. Die Grünen müssen noch lernen, dass man nicht gegen den Staat sein kann, wenn man ihn gleichzeitig regieren will.“
(S. 139 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. … Na, die Grünen insgesamt verstehen das ganz schwer, das kostet sie bis heute große Anstrengung. … Aber es gibt heute in der Politik Typen, deren Pubertät reicht bis zum fünfzigsten Geburtstag.“
(S. 187 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Die 68er-Bewegung „war mehr eine Psychose als sonstwas. Es ist den meisten deutschen 68ern ja nicht klar gewesen, dass diese sogenannten Bewegung in Wirklichkeit an den amerikanischen Universitäten als Protest gegen die Kriegführung in Vietnam entstanden ist. … Das war eine Psychose, gefördert durch einige Hochschullehrer.“
(S. 188 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Dass wir zum Beispiel an den deutschen Hochschulen nach ’68 eine noch viel negativere Entwicklung bekommen haben als vorher, daran kann nicht gezweifelt werden. Gucken Sie sich die Leistungsfähigkeit der heutigen deutschen Universitäten an, die ist weit unter dem Niveau, das wir in Amerika oder in England oder in Frankreich finden. Das ist die Folge dieses endlosen Gremiensalates und des Hineinsabbelns von Leuten in alle möglichen Probleme, von denen sie, weil selbst noch nicht ausgereift, nicht genug verstehen. Das ist eine schlimme Sache. Selbst nach dem Ersten Krieg war die deutsche Durchschnittsuniversität noch hervorragend, und die deutschen Spitzenuniversitäten Berlin, Tübingen, Heidelberg oder Göttingen hatten Weltniveau.“
(S. 194 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ich bin immer noch ein Sozialdemokrat, und ich wäre auch heute nicht froh darüber, wenn allzu viele theoretisierende junge Intellektuelle, die links von sich selber stehen, sich in meiner Partei breitmachen.“
(S. 244 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Meine Meinung war, Leute, die in Wirklichkeit lieber der Sowjetunion untertan sein wollen als in das Risiko eines Krieges zu laufen, die gehören nicht in meine Partei.“
(S. 246 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Wenn Sie sagen, Sie hätten sich immer für links gehalten, klingt das so, als ob Sie dies nun revidieren müssten.
„Nein, ich bin nach wie vor ein Sozialdemokrat, und so, wie die Sozialdemokraten nun einmal eingeschätzt werden, zum Beispiel von Ihnen, sind das Linke. Allerdings war ich ein konservativer Sozialdemokrat, und das bleibe ich auch.“
(S. 248 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu Migration und Kriminalität

„Wir haben unter idealistischen Vorstellungen, geboren aus der Erfahrung des Dritten Reiches, viel zu viele Ausländer hereingeholt. Wer politisch verfolgt ist, genießt Asyl … … … Darauf haben sich allzu viele berufen, wir haben sie alle hereingeholt – das hätten wir eigentlich nicht gemusst. Wir haben heute sieben Millionen Ausländer, bei einer Gesamtbevölkerung von 81, 82 Millionen, die nicht integriert sind, von denen die wenigsten sich integrieren wollen, denen auch nicht geholfen wird, sich zu integrieren. … … … Und jetzt sitzen wir da mit einer sehr heterogenen, de facto multikulturellen Gesellschaft, de facto, und werden damit nicht fertig. Wir Deutschen sind unfähig, die sieben Millionen alle zu assimilieren. Die Deutschen wollen das auch gar nicht, sie sind innerlich fremdenfeindlich.“
(S. 101 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ich glaube an das, was Juristen Generalprävention nennen, Strafe als Mittel der Generalprävention – Abschreckung auf deutsch. Das Verständnis für jugendliche Straftäter geht bei uns viel zu weit. … Es ist abwegig, das in erster Linie als Pädagoge zu beurteilen. In erster Linie hat man das Wohl der Gesamtgesellschaft zu sehen, das ist meine Meinung. … Ich würde härter durchgreifen wollen.“
(S. 178 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu Antike und Kultur

„Ich hatte heute morgen die athenische Demokratie im Zeitalter des Perikles erwähnt. Es wird der heutigen Jugend verschwiegen, dass das eine Sklaverei-Gesellschaft war. Das war eine Demokratie, aufgebaut auf der Sklaverei, die Sklaven mussten die Arbeit machen. Was die Geschichtslehrer da an idealistischer Verballhornung zustande gebracht haben, ist erstaunlich“.
(S. 184 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Marcus Aurelius war für mich in doppelter Weise ein Vorbild. Er war ein römischer Kaiser, der sein ganzes Leben lang Krieg hat führen müssen und das eigentlich nicht gern gewollt hat, aber es war seine Pflicht. Zwei Dinge haben mich an ihm angezogen, einmal dieses Pflichtbewusstsein und zum anderen die Selbsterziehung zur inneren Gelassenheit. … Der Zufall hat mir, als ich 14, 15 war, seine sogenannten Selbstbetrachtungen in die Hand gegeben. Ich habe sie immer bei mir getragen, sie auch im Krieg immer bei mir gehabt. Marcus Aurelius hat mir durchaus geholfen, ja, und er ist auch heute in meinen Augen ein Staatsmann, den man als Vorbild empfinden kann.“
(S. 184 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Sie sind der erste und der letzte gewesen, der versucht hat, einen fernsehfreien Tag einzuführen.
„Nicht, ihn einzuführen. Ich wollte das nicht von Staats wegen verordnen, sondern das war ein Appell. Ich habe empfohlen – das war wohl 1978 –, jede Familie solle einmal in der Woche den Stecker rausziehen und statt dessen miteinander ‚Mensch, ärgere dich nicht‘ spielen, Musik machen oder sich gegenseitig etwas vorlesen. Aber ich habe schon geahnt, wohin das führt. Meinen Aufruf haben die Journalisten im Fernsehen dann furchtbar lächerlich gemacht. Die fanden das abwegig.“
(S. 180 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Fritz Vahrenholt / Sebastian Lüning: Unerwünschte Wahrheiten – Was Sie über den Klimawandel wissen sollten (2020)

Warum Klimaskepsis völlig berechtigt ist – ein richtig gutes Buch

Der erste Eindruck beim Auspacken des Buches ist überraschend: Das ist nicht nur sachlich-fachlich ein gutes Buch, sondern allein schon optisch beeindruckend: Das Format ist etwas größer als gewohnt, man hat sozusagen „richtig viel Buch“ in der Hand, und damit ist auch die Gestaltung von Schrift, Kapiteln und den vielen Abbildungen sehr großzügig, schön und angenehm geraten. Ein Buch mit Stil, das man gerne liest, obwohl so viele Zahlen und Tabellen darin sind. Gratulation an Verlag und Autoren allein schon dazu!

Inhaltlich begegnen einem all die Themen und Fragestellungen wieder, die man selbst aus eigener Beobachtung der Debatte bestens kennt. Alles, was man über viele Jahre im eigenen kleinen Archiv abgelegt hat, findet sich hier bestens aufbereitet wieder, und noch so viel mehr. Und es wird nicht nur die Treibhausthese beleuchtet, sondern auch Alternativthesen, die politische Struktur der Wissenschaft, sofern es dann noch Wissenschaft ist, aber auch die Frage nach alternativen Energiequellen und ihren Problemen, und welchen Sinn eine nationale Radikal-Strategie überhaupt haben soll, wenn der Rest der Welt nicht mitzieht. Denn die vorherrschende Klima-Ideologie scheitert nicht nur an der wissenschaftlichen Kernfrage, sondern auch an einer ganzen Reihe weiterer Fragen. Die öffentliche Debatte hat sich längst nach Utopia verabschiedet, und mancher Spruch von „Fridays for Future“ klingt inzwischen regelrecht gefährlich.

Besonders wohltuend ist die Sachlichkeit der Darlegung. Hier werden die Akzente richtig gesetzt, hier werden die Abwägungen richtig getroffen. Es kommt kein falscher Zungenschlag hinein, es wird kein Radikalismus mit Radikalismus beantwortet. Vahrenholt und Lüning sind mit ihrem Blog „Kalte Sonne“ die lebenden Beweise dafür, dass man weder „rechts“ noch gekauft sein muss, um der vorherrschenden Klima-Ideologie zu widersprechen. Menschlichkeit und Vernunft genügen völlig. – Das böse Gegenbeispiel ist natürlich der Verein EIKE, der personell immer noch mit dem bräunlichen Sumpf der siechen Gauland-AfD verbandelt ist. EIKE liefert den Vertretern der vorherrschenden Klima-Ideologie eine Steilvorlage dafür, Kritik mühelos abzubügeln. EIKE kann man nur den antitotalitären Grundkonsens aller Demokraten empfehlen, also einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit AfD und Linke.

Was Vahrenholt und Lüning hier vorlegen, verdient allemal, in den Medien sachlich verhandelt zu werden. Das sind keine Verschwörungstheorien und es ist keine gekaufte Wissenschaft. An der Frage, inwieweit die vorgelegten Debattenbeiträge von Politik und Medien aufgegriffen werden, entscheidet sich tatsächlich die Frage, ob diese Beiträge „unerwünscht“ sind, wie der Titel schon sagt, bzw. inwieweit Staat und Gesellschaft bei uns noch zu einer demokratischen Debatte fähig sind. In Inhalt, Augenmaß und Stil ein starkes Buch, ein gutes Buch, ein wichtiges Buch!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 30. September 2020)

Uwe Tellkamp: Der Turm (2008)

Doppeltes Denkmal: Die DDR der 80er Jahre und das Milieu des Bildungsbürgertums

Mit seinem Roman „Der Turm“ hat Uwe Tellkamp ein doppeltes Denkmal gesetzt: Zum einen für die Verhältnisse und die Atmosphäre in der späten DDR der 1980er Jahre, zum anderen für das deutsche Bildungsbürgertum in der DDR, das in seinen Nischen zu überleben versuchte. Beide Themen sind in diesem Roman glänzend gestaltet worden und sind auf diese Weise für die Nachwelt bewahrt worden: Die Verhältnisse in der DDR als Dokumentation der Wahrheit gegen alle spätere Verfälschung und als Warnung. Und die Verhältnisse des deutschen Bildungsbürgertums als Vorbild und Mahnung für eine Zeit, die noch nicht einmal mehr weiß, was ein Bildungsbürger überhaupt ist und die glaubt, Schreiben, Lesen und die Aneignung von Wissen hätten sich im Zeitalter der KI erledigt.

Literarische Form

Der Roman besteht aus einzelnen Szenen, die – jede für sich – liebevoll gestaltet wurden. Die Szenen verbinden sich anfangs noch nicht zu einer durchgängigen Geschichte, wachsen dann aber langsam zu einem Geflecht und einer Geschichte zusammen. Dennoch enthalten die Szenen bis zum Schluss lauter Eigenheiten, die die Geschichte nicht vorantreiben, wohl aber für Atmosphäre sorgen. Die Atmosphäre von damals literarisch einzufangen, das ist eines der großen Hauptanliegen dieses Romans.

Dabei kommt eine Vielfalt von literarischen Formen zum Einsatz: Dialoge, Briefe, Tagebucheinträge, Protokolle, Rückblicke. Teilweise verschwimmen die Texte zu psychedelischen Assoziationen. Viele Dinge werden nicht mit ihrer wahren Bezeichnung in der DDR angesprochen, sondern mit Chiffren wie z.B. „Turm“ oder „Kohleninsel“.

Wiederkehrende Themen

Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie Hoffmann. Richard Hoffmann ist Arzt, sein Sohn Christian will später Medizin studieren. Deshalb kommen immer wieder medizinische Themen vor. Man erhält tiefe Einblicke, wie Mediziner reden und denken, wenn kein Patient im Raum ist. Wer selbst Mediziner ist, wird sich gut getroffen fühlen, und vielgeplagte Patienten werden manche wertvolle Einsicht über die „Götter in Weiß“ mitnehmen.

Da der Roman hauptsächlich in Dresden spielt, ist auch viel Dresdner Geschichte und Lokalkolorit in den Roman eingeflochten worden („Dresden … in den Musennestern wohnt die süße Krankheit Gestern“). Ein ebenfalls immer wiederkehrendes Thema sind Uhren und Zeit: Wanduhren, Standuhren, Seemannsuhren, Turmuhren, Uhren aller Art, die die Zeit anzeigen und die Stunde schlagen.

Das Thema des Archipels und vieler einzelner Inseln durchzieht den Roman wie ein roter Faden. Die Anlehnung an „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn ist offensichtlich. Bei Tellkamp bezeichnen die einzelnen Inseln die Schattenwelt, die die DDR zur DDR machte: Die Kohleninsel ist die Bürokratie, die die Bürger unerbittlich knebelte. Die Kupferinsel ist das Regierungsviertel in Berlin. Die Gelehrteninsel ist der Verlag, der Zensur ausübte. Die Askanische Insel, wo die Rechtsanwälte ihre Büros hatten. Die Karbidinsel das Karbidwerk, wo Sträflinge und Soldaten arbeiten mussten. Usw. usf.

Diese zweite Wirklichkeit unter der Oberfläche wird auch „Atlantis“ genannt. Das Thema Atlantis wird immer wieder angedeutet, teils ohne Atlantis explizit zu nennen. So z.B. durch die Erwähnung des „Goldenen Topfes“ von E.T.A. Hoffmann, in dem Atlantis eine Chiffre für die Phantasiewelt des Dichters ist. Oder es wird beiläufig erwähnt, dass auf dem Schreibtisch von Meno die beiden Dialoge „Timaios“ und „Kritias“ von Platon lagen: Es sind die beiden Atlantisdialoge Platons. Die Absicht des Autors scheint einigermaßen klar: Atlantis ist jene Insel, die eines Tages plötzlich unterging, weil ihre Bewohner nicht richtig gelebt hatten: Es ist eine Chiffre für die DDR. Etwa so, wie Viktor Ullmann in seiner Oper „Der Kaiser von Atlantis“ Atlantis als Chiffre für das untergehende Habsburgerreich verwendete.

Und natürlich ist Bildung ein wiederkehrendes Thema.

Bildungsbürgertum und Bildung

Dem Milieu des Dresdner Bildungsbürgertums hat Uwe Tellkamp mit diesem Roman ein wahres Denkmal gesetzt. Auch hier ist der Roman stark autobiographisch, denn Uwe Tellkamp wuchs selbst als Sohn eines Arztes im Dresdner Villenviertel „Weißer Hirsch“ auf. Dieses Thema setzt diesen Roman von allen anderen Werken der (Ex-)DDR-Literatur deutlich ab.

Im Roman wird das Villenviertel am Hang über Dresden mit der Chiffre „Der Turm“ angesprochen. Die weitere Familie sowie Verwandte und Bekannte wohnen in verschiedenen benachbarten Villen, die jede einen eigenen Namen, eine eigene Chiffre hat: Tausendaugenhaus, Karavelle, Haus Abendstern, usw. Dabei ist jede dieser Villen für sich mit ihrer Geschichte und ihrer Ausstattung ein Stück Bildung, sei es durch ihre Jugendstil-Ornamente oder durch die in das Glas der Türen geschliffenen Schiffe. Die Bewohner sind Mediziner, Literaten, Naturforscher, Künstler, Historiker und sonstige Gelehrte im weitesten Sinn.

Das ganze Buch hindurch werden immer wieder Bildungsinhalte reflektiert. Der junge Christian wird immer wieder angespornt: Was siehst Du hier? Beschreibe es genauer! Schau genau hin! Die „Türmer“ treffen sich, tauschen ihr Wissen aus, veranstalten Vorträge.

Bildung heißt konkret vor allem literarische Bildung. Goethe steht ganz oben, auch der Zauberlehrling wird erwähnt, und mit „Walpurgisnacht“ wurde Goethe ein ganzes Kapitel gewidmet. Den Anfang des Hildebrandsliedes kann man auswendig, sunufatarungo, Jakob Böhme und Empedokles sind nicht unbekannt, aber auch westdeutsche Autoren kommen vor: Hermann Hesse, Ludwig Uhland und sogar Walahfried Strabo, als Vertreter einer seltenen Traditionslinie, in der Dichtung und Wissen eine Einheit bilden: Das ist es, darum geht es. Christian liest als Schüler wie verrückt. Der Verlagsmitarbeiter Meno weiß viel von der Leipziger Buchmesse und den Begegnungen mit Westverlagen zu berichten. Von Ossip Mandelstam kann ein Gedicht über Homer auswendig gesagt werden. – Dann ist Bildung auch naturwissenschaftliche Bildung: Käfer, Zoologie, überhaupt Biologie. Haeckel als nützlicher Narr. Museen als Orte der Bildung. Und natürlich Medizin. Aber auch technisches und physikalisches Wissen. – Nicht zuletzt Musik. Schallplatten waren wahre Schätze in der DDR und wurden mit Ehrfurcht gehört. – Grundsätzlich ist ein „Türmer“ an allem (!) interessiert. Bildung ist universal und lässt sich keine Schranken auferlegen. Und seien es Ausgrabungen in Babylon.

Dieses Bildungsverständnis ist dem Rezensenten als Sohn eines Libellenforschers und einer Buchhändlerin nur allzu gut bekannt. Die Familie väterlicherseits kam einst aus dem Osten in den Westen: Ob sich mit diesem Bildungsverständnis auch hier unvermutet ein östliches Erbe entfaltet hat? Es scheint so. Hermann Hesse und Walahfried Strabo grüßen vom schönen Bodensee.

Elend und Niedergang

Doch die „Türmer“ bewohnen die Villen nicht allein. Die Villen sind von der Wohnbehörde säuberlich in Zimmer, Flure, Balkone und Kellerräume aufgeteilt worden, und jede Villa wird von mehreren Parteien bewohnt, die jede nach einem säuberlichen Schlüssel dieses oder jene Zimmer zugeschlagen bekommen hat. Manchmal wird auch ein Zimmer durch eine künstliche Wand geteilt, um den Schlüssel zu erfüllen. Die Bäder und Gärten werden gemeinsam benutzt. Durch diese erzwungene Hausgemeinschaft werden sonst fremde Menschen zum intimen Zusammenleben gezwungen.

Renovationen finden praktisch nicht statt. Die „Türmer“ müssen selbst reparieren oder mit kaputten Heizungen und Fenstern leben lernen. Generell finden den ganzen Roman hindurch immer wieder irre Tauschgeschäfte um seltene Waren statt, um Dachpappe, Bleistifte, Autoersatzteile, Weihnachtsbäume, Dresdner Christstollen, medizinische Produkte.

Telefone sind Mangelware, wer eines hat, lässt die anderen am eigenen Apparat telefonieren. In der Klinik kommt es zu einem dramatischen Stromausfall. Später dann zu einem Stromausfall in der ganzen südlichen DDR. Überall wird mit alten Geräten gearbeitet, die noch aus der Zeit vor dem Krieg stammen, bis sie nicht mehr repariert werden können. In der Produktion werden Sträflinge und Soldaten eingesetzt, um dem Personalmangel zu begegnen.

Über die sogenannte „Dunkelsteuerung“ der Karbid-Schmelzöfen heißt es: „In den Hauptlastzeiten, tagsüber, war oft wenig Energie vorhanden, die Öfen wurden zurückgefahren, dienten, ähnlich wie Pumpspeicherwerke, als Puffer für das öffentliche Netz – fuhren jedoch in den energiegünstigen Nacht- und Sonntagsstunden mit der vollen Last, um die Produktionsausfälle wieder aufzuholen.“ (S. 839)

Der Alltag

Der Roman ist reich an Alltagsszenen. Es wird geheiratet und Geburtstag gefeiert. Es werden beliebte Sendungen des DDR-Fernsehens genannt („Willi Schwabes Rumpelkammer“). Weihnachtsbräuche werden beschrieben. Weihnachtsbäume gestohlen. In einer der Villen ist im Keller eine Badeanstalt eingerichtet, wo den „Türmern“ Duschen und Badewannen mit heißem Wasser zur Verfügung stehen: Hier begegnet man sich, und es kommt zu Smalltalk und spontanen Tanzeinlagen.

In den Urlaub fährt man auf Hiddensee, in ein Wohnheim, dessen Plätze selten zugeteilt werden. Im Wohnheim geht es bräsig zu wie überall in der DDR, aber man ist am Meer. Als Arzt kann man einen Platz ergattern, indem man Arztdienste am Strand leistet.

Christian wird im Laufe des Romans erwachsen. Er ist vor allem an Bildung interessiert und versteht das dumme Getue der Mädels und anderer Jungs nicht. Sehr gut die Frage: Ist das jetzt Liebe? Weil ihm die Motivation fehlt, die Spielchen mitzuspielen, wird Christian zum Außenseiter. Die Mädels nennen ihn arrogant. Das wird sich wohl nie ändern.

Richard hat eine Affäre mit einer Krankenhausmitarbeiterin. Und mit einer Studentin. All das unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus. Schon Biermann klagte einst, dass er hinterher gar nicht mehr wisse, wie er das mit der Liebe in der Diktatur eigentlich geschafft hatte. Die Stasi nutzte solche menschlichen Schwächen natürlich aus.

Schließlich muss Christian zum Militär. Dort geht es recht derb zu. Die Vorgesetzten sind zynisch. Es kommt zu sexueller Gewalt. Bei einer Übung zur Flussdurchquerung ertrinkt der Panzerfahrer von Christians Panzer, weil das Gerät schlecht ist und Wasser eindrang.

Hier lohnt sich ein kleiner Vergleich zum Wehrdienst in der Bundeswehr 1991/92: Derb ging es auch dort zu, die Sprache war für den literarisch gebildeten Rekruten gewöhnungsbedürftig. Aber Gewalt gab es keine. Erst recht keine sexuelle Gewalt. Auch eine „Taufe“ gab es nicht. Und Vorgesetzte waren halbwegs vernünftig und von ihrem Tun überzeugt, ohne Zynismus. Es ging ziemlich fair zu, muss man sagen. Allerdings hörte man, dass es früher einmal auch in der Bundeswehr Gewalt gab. Vermutlich vor 1991/92, und nicht in diesen Einheiten. Ach ja, die ABC-Schutzmaske eines Kameraden hatte einen undichten Kohlefilter, so dass er Kohlestaub einatmete und auf die Intensivstation musste: Schlechtes Gerät auch hier, so scheint es. Zudem gab es einen verrückten Anti-Nazi-Fimmel. Wir durften z.B. nicht „Gasmaske“ sagen, „wegen der Geschichte“. Einmal gab es in der wöchentlichen Truppeninformation einen lächerlich lobhudelnden Film über die USA, der an Dämlichkeit nicht zu überbieten war. Es regte sich lebhafter antiamerikanischer Protest, der die Dummheit des Films spiegelte. Sowas hätte es in der DDR-Armee mit Bezug auf die „Freunde“, die Sowjetunion, natürlich nicht gegeben. In den kleinen Dingen gab es viele Ähnlichkeiten, bis hin zu den unvermeidlichen Hängolin-Gerüchten.

Für einen Wessi oder auch einen Spätgeborenen wird es nicht immer leicht sein, alle Andeutungen und Chiffren aus den Alltag der DDR richtig zu entschlüsseln oder auch nur zu erkennen. Hier haben Literaturhistoriker ein reiches Arbeitsfeld vor sich. Bekannt ist immerhin, dass die „unvermeidliche Tschaikowski-Melodie“ die Erkennungsmelodie der „Stimme der DDR“ war. Auch der Minol-Pirol und das Sandmännchen sind bekannt.

Die Repression

Auch die Repression in der Diktatur, die die DDR war, kommt in epischer Breite zur Sprache. Wichtig ist, dass es fast nie zur Konfrontation mit der Staatsmacht kommt. Denn alle wissen, dass sie dabei nur den Kürzeren ziehen würden. Deshalb versuchen alle, die Konfrontation von vornherein zu vermeiden. Sie haben eine Schere im Kopf. Auch die Staatsmacht schlägt keinesfalls sofort zu, sondern redet scheinbar fürsorglich mit ihren Bürgern: Sie wollen doch nicht, dass wir Ernst machen müssen? Alle lügen und verbiegen sich dann, aber es ist unendlich demütigend, und in dieser Demütigung liegt der Kern der Repression. Es ist der Gesslerhut auf der Stange. Und es gibt kein Entkommen. All das geschieht durch Vorgesetzte, Offiziere oder Schuldirektoren. Die Stasi bleibt unsichtbar.

Die Eltern von Christian sorgen sich darum, dass ihr Sohn etwas Falsches sagen könnte, und unterweisen ihn, was er nicht sagen darf. Meno befragt Christian über seine Lehrer, welche davon wohl politisch gefährlich sind, und wie man sich verhalten muss, um nicht anzuecken. Eine Schülerin tut einmal etwas Verbotenes: Sofort wird eine Konferenz von Lehrern und FDJ-Jugendleitern einberufen, und auch hier das Schema: Du meintest das doch gar nicht so, oder? Die Schülerin gibt klein bei.

Auch am Arbeitsplatz immer dasselbe Spiel: Andeutungen, dass man auch anders könne, und schon spurt man. Ebenso im Verlag: Ständig arbeitet man darauf hin, mit Texten gar nicht erst anzuecken, um die Texte auf diese Weise durch den Zensor bringen zu können. Die DDR-Presse empfängt ihre Weisungen ohnehin vom Politbüro und pfeift auf Werte wie Vernunft oder Wahrhaftigkeit. Statt dessen lautet die Maxime: „Wichtigstes Kriterium der Objektivität ist die Parteilichkeit, Genosse! Objektiv sein heißt Partei ergreifen für die historische Gesetzmäßigkeit, für die Revolution, für den Sozialismus!“ (S. 965) – Aber als Judith Schevola einmal ein Buch bei einem Westverlag herausbringt, wird sie aus dem Kulturverband ausgeschlossen und zum Arbeiten geschickt, wo sie als Säuferin versackt. Erstaunlich dabei, dass es auf der Sitzung des Kulturverbandes zu einer ziemlich offenen Aussprache kam und einige sich für ihren Verbleib aussprachen. Judith Schevola verzeiht ihren Richtern: Sie wisse, dass sie so abstimmen mussten, um ihre eigene Haut zu retten. Das Opfer hat Verständnis für die Täter.

Ausreisen werden willkürlich gewährt oder verweigert. Wer ausreisen darf, muss das Land blitzartig innerhalb von 24 Stunden verlassen. Verrückt. Als ein Kollege von Richard mit Fluchtplänen auffliegt, wird auch der liebevoll von Richard gepflegte Oldtimer, ein Hispano-Suiza, der in derselben Werkstatt stand, von der Staatsmacht zertrümmert. Daran ein Zettel: Mit sozialistischen Grüßen. Selbstmorde geschehen recht häufig und sind auf das willkürliche Handeln der Staatsmacht zurückzuführen. Ein Arzt nimmt sich das Leben, als man ihm mit Renteneintritt seine gute Wohnung wegnehmen will.

Christian erhebt eine Axt gegen seinen Vorgesetzten beim Militär, nachdem sein Panzerfahrer ertrunken war. Doch im Zentrum der Anklage steht, was er dabei sagte: So etwas könne es nur in diesem Scheißstaat geben! Die Verunglimpfung des Staates wurde nach Paragraph 220 schwer bestraft. Es ist gewissermaßen der Gesslerhut-Paragraph der DDR gewesen.

Einmal stehlen russische Soldaten ein Baby aus dem Kinderwagen. Eine Strafverfolgung scheitert, denn die Russen sind in der DDR tabu. Der Höhepunkt der Repression ist jedoch dies: Das ganze Buch hindurch sorgt sich Richard, dass seine Frau von seinen Affären erfährt bzw. er überlegt, wie er es ihr beichten kann. Doch am Ende hat die Ehefrau es selbst herausbekommen und nimmt es ganz gelassen ….. und prostituiert sich bei einem DDR-Anwalt, damit ihr Sohn seinen Studienplatz wieder bekommt. Es erinnert an Voltaires „L’ingénu“: Erst macht man die Leute zu Affen, dann lässt man sie tanzen.

Die Kommunisten

Die überzeugten Kommunisten und Funktionäre werden bei Uwe Tellkamp differenziert dargestellt. Vor allem wird ihre Motivation für ihre Überzeugung vom Sozialismus herausgearbeitet: Da ist der hochgebildete Jochen Londoner, dessen ganze Familie von den Nazis ermordet wurde, während er im Exil in London überlebte. Oder der „Alte vom Berge“, der sich ständig traumatisch an seine Erlebnisse an der Ostfront erinnert. Der Oberfunktionär Barsano zeigt sich am Ende überraschend offen gegenüber den Reformen von Gorbatschow.

Die Funktionäre und Privilegierten wohnen übrigens in einem eigenen Stadtviertel direkt neben dem „Turm“, das man nur über eine Brücke und Wachtposten erreichen kann. Die Chiffre des Romans für dieses Viertel lautet „Ostrom“. Man denkt als Leser sofort an Byzanz und byzantinische Verhältnisse.

Als die Wende naht, entlarven sich die Kommunisten als ratlos resignierende Zyniker: Der sonst hochgebildete Jochen Londoner meint allen Ernstes, die Flüchtlinge über Prag und Ungarn wären wie eine Abszessentlastung. Eschloraque und Barsano meinen, ihr Irrtum hätte darin bestanden, zu glauben, dass die Menschen von Natur aus gut seien. Damit ist implizit gemeint, dass sich in dem Freiheitswillen der Menschen ihre Schlechtigkeit zeige, denn „gut“ ist nur der, der willig am Sozialismus mit aufbaut, auch wenn es schwierig wird. Eschloraque meint zudem, dass die Zeit des Teufels sei, weil sie Veränderung bringe. Der völlige Stillstand der Gesellschaft ist also sein sozialistisches Ideal, also die Erstarrung. Von Erich Mielke wird der berühmte Satz zitiert, den er am Abend der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR über den Umgang mit Demonstranten gesagt haben soll, nachdem Gorbatschow die Feierlichkeiten verlassen hatte: „Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus!“ Damit wird einmal mehr klar, dass es den Funktionären nicht wirklich um Humanismus ging.

Schließlich meint einer, dass die Deutschen ein Volk von Faschisten sind. Das deutsche Volk also als intrinsisch schlecht, ein böser Lümmel, der ständig erzogen werden muss und niemals in die Freiheit entlassen werden darf. Hier schließt sich der Kreis zum Ungeist der westdeutschen Shitbürger, die nach der Analyse von Ulf Poschardt alle Deutschen als Nazis ansahen, obwohl – oder gerade weil – sie doch selbst beim Nationalsozialismus munter mitgemacht hatten.

Die Wende

Naturgemäß kann ein Roman, der sich hauptsächlich auf die Zeit vor der Wende bezieht, die Wende nur knapp bearbeiten. Man liest, wie die Vorgänge in Moskau von den „Türmern“ zur Kenntnis genommen werden, aber noch ohne Anteilnahme oder Begreifen, dass dies Konsequenzen haben wird. Die „Türmer“ verschließen sich sogar noch mehr als zuvor.

Doch dann schlagen die Uhren, und die „Türmer“ treten aus ihren Rollen heraus: Sie sagen offen ihre Meinung, weichen nicht mehr in vorauseilendem Gehorsam vor der Staatsmacht zurück. Man organisiert sich, verteilt Druckschriften, der Pfarrer macht einen Aushang, den er auch auf Druck hin nicht mehr abhängen will, und die Dinge nehmen ihren Lauf. – Von einigen heißt es jedoch, dass sie bei all dem hinter ihren Gardinen blieben.

Fazit

Der Roman „Der Turm“ von Uwe Tellkamp ist ein wichtiges Werk der neueren deutschen Literatur, das ein bleibendes Denkmal für die Zeit der späten DDR und für das Milieu der Bildungsbürger in der DDR und deren Bildungsverständnis geschaffen hat. Die Schilderung der Verhältnisse ist eine bleibende Warnung: Die Diktatur zeigt sich nicht erst in Verhaftungen, sondern viel früher, mit der Schere im Kopf. Zugleich wurde ein bleibendes Beispiel dafür gesetzt, was echte Bildung ist und wie sie den Geist des Widerstandes erweckt. Denn echte Bildung ist universal und zeitlos und lässt sich keine Schranken auferlegen. Sie ist auch nicht zynisch und verbohrt, sondern wird von der Liebe zu den Menschen getragen. Nur so ist echter Humanismus denkbar. In diesem Sinne kann dieser Roman als ein wahrer Klassiker Hoffnung auf eine neue Zeit machen, die sich diese Lehren zu Herzen nimmt.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Jared Diamond: Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen (2005)

Völlig am Thema vorbei!

Der Titel „Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ weckt Hoffnung auf Antworten zu Fragen wie z.B.: Warum ging das römische Reich unter und wurde von der dunklen Zeit des Mittelalters abgelöst? Warum ging die antike Religion zugrunde und warum wurden die Menschen plötzlich Christen? Warum scheiterte in der Antike die Demokratie so endgültig und wurde durch 2000 Jahre Monarchie abgelöst? Wird der Westen als Kultur überleben oder wird der Islam die Errungenschaften der Aufklärung wieder zurückdrehen? Wird Deutschland als transkulturell integrierte Nation überleben, oder gehen wir in einem desintegrierten Völkergemisch auf, das im Bürgerkrieg endet?

Aber nichts davon in diesem Buch!

Dieses Buch lenkt den Blick nur auf ökologische und ökonomische Aspekte. Umweltkatastrophen werden als Untergangsszenarien an die Wand gemalt. Dies ist ein Buch für Multikulti-Fanatiker, die die islamistische Unterdrückung der Frau als kulturelle Eigenart „tolerieren“ und nur einen Blick dafür haben, wie man die Energie noch teurer machen kann, denn man muss ja den Planeten retten. Wen kümmert da schon der Niedergang der Aufklärung in der deutschen Gesellschaft?

Ergo null Punkte.

Wer wissen will, was man gegen den Niedergang unserer Gesellschaft tun könnte, der sollte besser das Buch „Der Multikulti-Irrtum“ von Seyran Ates lesen.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 27. Juli 2008)

Hans-Olaf Henkel: Die Abwracker – Wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielen (2009)

Hinter der Finanzkrise steckt der Neosozialismus!

Hans-Olaf Henkel hat als gut vernetzter Industrieller den Beginn der Finanzkrise 2008 hautnah miterlebt. Hier berichtet er, wie sich die Dinge aus seiner Sicht entwickelten, und wie er die Lage einschätzt. Der Leser lernt hier ganz andere Einblicke und Sichtweisen kennen, als sie gemeinhin verbreitet werden. Da Henkel auch in den USA lebte, kann er auch von dort aus unmittelbar eigenem Erleben berichten.

Einsicht Nr. 1 ist, dass der Hauptschuldige an der Finanzkrise von 2008 nicht etwa der „Kapitalismus“ oder „Gier“ waren, sondern im Gegenteil der von Henkel so genannte „Neosozialismus“ der Politiker. Die Politiker hatten die Blasen, die 2008 platzten, selbst durch unrealistische Gesetze verursacht, mit denen sie sich beim Wahlvolk beliebt machen wollten. Hinzu kommt, dass ausgerechnet die deutschen Staatsbanken am tiefsten in den faulen US-Papieren investiert waren – auf Anraten von Finanzminister Steinbrück (SPD) unter Einsatz staatlich garantierter Kredite.

Auch wenn Henkel übersehen hat, dass die Fördergesetze in den USA nur einen Teil der Immobilienblase direkt verursachten, so ist doch richtig, dass sie der Trigger zum allgemeinen Kredit-Run waren, weil alle mitziehen mussten, um am Markt zu bleiben. Vom Schattenbankensystem sagt Henkel leider nichts. Generell liegt Henkel aber richtig damit, dass die Risikobewertungssysteme der Banken systematisch falsch waren, und damit maßgeblich zum Crash beitrugen, ob nun Schattenbank oder nicht. Der Fehler war, dass sie die Abhängigkeiten von Risiken außer Acht ließen. Die Risiken verschiedener Kreditobjekte wurden gegeneinander verrechnet, doch mit der Möglichkeit, dass ganze Märkte einbrechen, rechnete keiner.

Henkel prägt für das naiv-soziale Verhalten der Politiker den Wählern gegenüber einen neuen Begriff, nämlich „Neosozialismus“. Paradoxerweise jammern jedoch alle, dass wir in „schlimmen“ „neoliberalen“ bzw. „kapitalistischen“ Zeiten leben würden … das ist kaum der Fall. Dass z.B. das Ziel von 25% Rendite von Deutsche-Bank-Chef Ackermann auf das Eigenkapital und nicht auf die Gesamtbilanz bezogen war, hört man in allgemeinen Medien nicht.

Aber auch die Wirtschaft bleibt von Kritik nicht verschont. Henkel nennt u.a. Namen für eine Hall of Shame von Unternehmensvorständen, die sich als Abwracker betätigt hatten.

Am Ende des Buches unterbreitet Henkel einige konkrete Vorschläge, wie man der Probleme Herr werden könnte. Der wichtigste davon wird wohl der Wunsch nach einer besseren ökonomischen Bildung der Menschen sein. Denn nur auf dieser Grundlage kann man die Probleme und die notwendigen Lösungen überhaupt verstehen und entsprechende politische Mehrheiten finden. Daran mangelt es heute erheblich. Zur Behebung dieses Mangels trägt das Buch einiges bei.

Bewertung: 5 von 5 Sterne.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 11. Februar 2015)

Katrin Himmler: Die Brüder Himmler – Eine deutsche Familiengeschichte (2005)

Eine persönliche Aufarbeitung, die in die Irre führt

Dies ist leider kein gutes Buch geworden. Es ist grundsätzlich legitim und zu begrüßen, wenn Angehörige von NS-Verbrechern ihre Familiengeschichte aufarbeiten und daraufhin befragen, was in der Familie falsch gelaufen ist. Aber wenn sich eine solche persönliche Aufarbeitung ohne gute Belege in direkten Widerspruch zur Geschichtsforschung setzt, wird es sehr problematisch. Denn dann entsteht der falsche Eindruck, hier würde jemand als Familienangehöriger aus erster Hand und authentisch berichten – was aber nicht der Fall ist, denn die Autorin ist nur eine späte Verwandte, die genauso wie jeder Historiker auf Quellen angewiesen ist. Sie hat als Verwandte keinen Erkenntnisvorsprung und kein Erkenntnisprivileg.

Zentral ist die Frage nach dem Vater von Heinrich Himmler.

Spätestens seit dem Buch „Der Vater eines Mörders“ von Alfred Andersch steht die Frage im Raum, ob Heinrich Himmler wegen seines Vaters zum Mörder wurde. Bei Alfred Andersch wird die Schuld in dem autoritären Wesen und – hanebüchen – in der klassisch-humanistischen Bildung des Vaters gesehen. Erstaunlicherweise wird das Buch von Alfred Andersch und die sich daran anknüpfende Kontroverse nirgendwo erwähnt. Nur in einer Bildunterschrift im Bildteil (ohne Seitenzahl) kommt es dann doch vor. Das allein ist schon sehr seltsam.

Ohne auf Alfred Andersch einzugehen, wird die Frage zudem allzu kurz und auf seltsame Weise abgehandelt. Auf S. 105 wird in wenigen Zeilen ausgeführt, dass es zu der Zeit, als sich Heinrich Himmler in der NSDAP engagierte, zwischen Vater und Sohn Himmler „erregte Gespräche“ über Politik gab. Es wird die Vermutung (!) geäußert, dass es dabei um ein Thema ging, „das ihnen allen am Herzen lag: die ersehnte nationale Wiedergeburt und Größe Deutschlands.“ Diese Aussagen führen den Leser völlig in die Irre. Denn in Wahrheit werden es Streitgespräche gewesen sein!

In Wahrheit hat die Geschichtsforschung klar herausgearbeitet (und sogar Alfred Andersch schreibt davon), dass Vater Himmler keineswegs glücklich damit war, dass Sohn Heinrich sich der NSDAP angeschlossen hatte. Davon schreibt auch die Autorin – aber nur im kleingedruckten Anmerkungsteil auf S. 311! Dort spricht die Autorin dann aus, was sie im Buchtext unterschlägt (wo es aber hingehört hätte): Dass die Eltern ihren Sohn als „verlorenen Sohn“ ansahen, und dass Heinrich Himmler bei den Eltern als „Versager“ galt, weil er sich der NSDAP angeschlossen hatte. Solches kann man sogar bei Alfred Andersch nachlesen. Aber die Autorin setzt sich über die Forschung kurzerhand hinweg, indem sie meint, die bloße Tatsache, dass Heinrich Himmler immer noch die Familie besuchte, zeige das Gegenteil. Außerdem habe Heinrich Himmler „begeisterte Zusprüche und Ermunterungen“ für sein nationalsozialistisches Engagement von der Familie bekommen. – Von seinem Vater jedenfalls sicher nicht, und darauf kommt es an! Und warum diese zentrale Diskussion nur im Kleingedruckten?!

Dieses Buch versucht die schwarze Legende, die duch das Buch von Alfred Andersch in die Welt kam, dass Heinrich Himmler durch seinen Vater zum Mörder wurde, noch schwärzer zu malen als ohnehin schon. Dieses Buch konstruiert den Vater nicht nur als autoritär wie bei Alfred Andersch, sondern versucht vor allem eine direkte Linie vom nationalkonservativen und katholischen Standpunkt des Vaters zum nationalsozialistischen Geist des Sohnes zu konstruieren. Dabei waren es gerade diese Standpunkte, die den Vater in Gegensatz zum Sohn brachten! Die Autorin hat immer wieder sichtlich Schwierigkeiten, nationales, konservatives und religiöses Denken von nationalsozialistischem Denken zu unterscheiden. Bei ihr ist das alles irgendwie dasselbe. Und das ist nun einmal grottenfalsch.

Zudem wird die Frage nach der klassisch-humanistischen Bildung von Vater Himmler, die bei Alfred Andersch eine wichtige Rolle spielt, weitgehend unterschlagen. Wäre die Autorin offen für alle Fragen gewesen, ohne eine spezielle Absicht zu verfolgen, hätte auch dies prominent diskutiert werden müssen. Aber es geschieht nicht. Denn die Autorin hatte offenbar eine spezielle Absicht mit diesem Buch, zu der das nicht passte. Also ließ sie es weg. – Interessanterweise taucht das Motiv der klassisch-humanistischen Bildung in den zustimmenden Amazon-Rezensionen auf, obwohl es im Buch gar nicht in dieser Weise vorkommt. Die Rezensionen feiern das Buch als Entlarvung der gutbürgerlichen, klassisch-humanistisch gebildeten, national gesinnten, konservativen und katholischen Familie als der insgeheimen Brutstätte des nationalsozialistischen Denkens. So bekommt es der Leser in diesem Buch tatsächlich auch vorgeführt. Und unkritische Leser glauben es.

Wie Vorwort und Nachwort deutlich machen, war ein gewisser Michael Wildt vom „Hamburger Institut für Sozialforschung“ maßgeblich beratend an der Entstehung des Buches beteiligt. Dieses Privatinstitut ist bekannt dafür, einen gewissen politischen Linksdrall zu haben. Und so schreibt denn Michael Wildt prominent im Klappentext des Buches, dass – angeblich – „an dieser ’normalen‘ deutschen Familie Himmler“ das Netz der Verbrechen deutlich würde, „an dem so viele Deutsche auf ganz unterschiedliche Weise mitgeknüpft haben. Heinrich Himmler konnte sich des Einverständnisses dieser Familie sicher sein.“

Und das ist nun einmal völlig falsch und komplett ahistorisch.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 18. November 2018)

J.D. Vance: Hillbilly-Elegie – Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise (2016)

Soziale Selbstblockaden und sozialer Aufstieg – ein großes Lehrstück für jedermann und jede Zeit

Der Hintergrund der Hillbilly-Elegie von J.D. Vance ist die soziale Situation der sogenannten „Hillbillies“, d.h. der Nachfahren von iro-schottischen Einwanderern, die aus den Apalachen in die Industriestädte gezogen waren, um dort als Arbeiter ihr Geld zu verdienen – und welches Schicksal sie ereilte, als die Industrie abzusterben begann. Das zentrale Thema des Buches sind aber nicht die äußeren Umstände der Verarmung und sozialen Verelendung der Hillbillies, sondern die Denk- und Verhaltensweisen der Hillbillies, mit denen sie sich selbst in ihrer misslichen Lage gefangen halten.

Hillbillies sind bildungsferne Menschen. Sie erkennen den Wert einer guten Schulbildung nicht und können sich außer einem Industriearbeitsplatz nichts anderes vorstellen. Hillbillies sind außerdem sehr auf die Familienehre bedacht, und sie werden leicht gewalttätig. Damit verbauen sie sich aber oft genug selbst jede Chance auf Aufstieg. Ehen zerbrechen und Kinder wachsen in instabilen Verhältnissen auf. Hillbillies verlassen ihren Wohnort auch nicht, wenn es dort keine Arbeit mehr gibt, sondern bleiben. Soziale Wohltaten des Staates töten zudem jede Motivation, sich anzustrengen. Die Schuld für alle Probleme wird immer bei anderen gesucht. Religion spielt ebenfalls eine Rolle, aber eher im Sinne von Aberglauben. Ein konsequenter religiöser Glaube wirkt in diesem Milieu stabilisierend.

J.D. Vance hatte das Glück, zwei Großeltern gehabt zu haben, die ihm die nötige Stabilität und die nötigen Impulse geben konnten, um sich aus dem Milieu zu befreien. Wir können J.D. Vance dabei zusehen, wie er sich Schritt für Schritt aus dem Sumpf befreit, dabei immer wieder Hilfe von anderen – und durch Zufälle – erfährt, und auch immer wieder umdenken und sich selbst hinterfragen muss. So praktisch und realistisch hat man das noch nicht gelesen. Es ist sehr überzeugend.

Sehr interessant auch zu lesen, wie J.D. Vance bei den Marines die nötige Charakterstärke erlernte. Spätestens hier wird sich auch ein Mittelschicht-Leser fragen: Warum habe ich solche Dinge nicht gelernt? Warum werden solche nützlichen Dinge nicht in der Schule gelehrt? Interessant auch der Werdegang von J.D. Vance an der Universität: Kommunikation und Beziehungen zu Menschen sind das A und O beim Fortkommen, nicht nur an der Uni. Besonders stark sind die Passagen, in denen J.D. Vance auch später noch erkennen muss, dass er immer noch schädliche Charakterzüge der Hillbillies in sich trägt, die je nach Gelegenheit emotional aus ihm hervorbrechen, obwohl er glaubte, bereits alles durchschaut zu haben.

J.D. Vance hat die Probleme seines Milieus in der Wissenschaft analysiert gefunden: Allerdings nicht für die Hillbillies, sondern für gewisse Milieus von Schwarzen in den USA. Es ist verblüffend, wie sich die Probleme gleichen. Als deutscher Leser kann man hinzufügen, dass es vergleichbare Probleme auch mit gewissen Milieus von Zuwanderern in Deutschland gibt. Vielleicht auch mit gewissen Milieus in Ostdeutschland oder generell in ökonomisch abgehängten Regionen in Deutschland, von denen es ja immer mehr gibt.

Welche politischen Lehren und Ratschläge zieht J.D. Vance aus seinen Erfahrungen? Erstens, dass es keine Patentlösungen gibt. Am Ende muss der Wille von den Betroffenen selbst kommen. Was man machen kann, ist, den Betroffenen immer wieder „kleine“ Anstöße und Hilfen zu geben, sich langsam, Schritt für Schritt, aus dem Sumpf herauszuarbeiten. Es gibt aber keine Garantie dafür, dass die Betroffenen die Anstöße und Hilfen auch aufgreifen. Man muss dennoch immer weitermachen mit den Anstößen und Hilfen. – Allzu großzügige soziale Wohltaten des Staates sind natürlich schädlich für die nötige Motivation, sein Leben zu ändern. – Schließlich plädiert J.D. Vance für die soziale Durchmischung von Stadtvierteln: Die Abgehängten dieser Welt brauchen Vorbilder für ein gelingendes Leben, an denen sie sich orientieren können. Leider geht J.D. Vance nicht darauf ein, dass die Mittelschicht kein Interesse an einer sozialen Durchmischung mit der Unterschicht hat, weil sie dabei nur Nachteile erfährt.

Fazit

Mit Hillbilly-Elegie hat J.D. Vance ein großes Lehrstück über das wahre Wesen von sozialen Unterschichten geschrieben, das praktisch überall auf der Welt anwendbar sein dürfte. Dabei zertrümmert J.D. Vance die typischen Mythen von Sozialpolitikern, deren Lösungsvorschläge im wesentlichen darauf hinauslaufen, Geld in die Unterschichten zu pumpen. Es fehlt aber nicht zuerst an Geld, sondern vor allem am richtigen Bewusstsein. Soziale Durchmischung und gute Schulen helfen mehr als jede Sozialhilfe. Ebenso ein enger Zusammenhang von Fördern und Fordern, bei der das Fordern nicht zu klein geschrieben wird.

Speziell für die Probleme der Zuwanderung – über die J.D. Vance sich in diesem Buch nicht äußert – kann man aus den Ausführungen von J.D. Vance schließen, dass man nur so viele Zuwanderer gut integrieren kann, solange eine gute soziale Mischung gewährleistet werden kann. Es gibt also eine Obergrenze für Zuwanderung, und sie wird nicht durch Geld bestimmt, sondern durch das schiere Zahlenverhältnis von Einheimischen und Zuwanderern.

Man würde wünschen, dass jeder Sozialpolitiker und überhaupt jeder Linke dieses Buch liest. Vor allem aber möglichst viele junge Menschen aus der Unterschicht. Doch auch der Mittelschicht-Leser wird im Laufe der Lektüre dazu angeregt, über seinen eigenen Werdegang nachzudenken. Denn wir alle leiden unter falschen Denkmustern, die unser Herkunftsmilieu mit sich brachte, wenn auch nicht so stark wie im Hillbilly-Milieu.

Eine Frage, die J.D. Vance nicht aufwirft, ist die Problematik einer allzu großen Anpassung an ein Aufsteigermilieu. Es ist sicher richtig, dass man mit Kommuikation und Beziehungen nach oben kommt, aber allzu große Anpassung und Aalglattheit bergen natürlich die Gefahr, die eigene Seele zu verkaufen und zu einem Anzug ohne Inhalt zu werden. Über diese Balance hätte J.D. Vance mehr sagen sollen.

Die Hillbilly-Elegie von J.D. Vance ist alles andere als ein typisches Politiker-Buch voller Worthülsen und leerer Euphorie, sondern wahrhaft lesenswert und bereichernd. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass J.D. Vance dieses Buch schrieb, bevor er in die Politik einstieg.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Frank Kolb: Tatort „Troia“ – Geschichte, Mythen, Politik (2010)

Troja als Trojanisches Pferd der Türkei zum EU-Beitritt

Dieses Buch ist ein absolutes must-read für jeden historisch Interessierten. Frank Kolb entlarvt einen hochexplosiven Cocktail aus politischen und wirtschaftlichen Interessen, Verbiegungen und Fälschungen von Grabungsergebnissen und deren Deutung, bis hin zur Bedienung von Zeitgeist und Wunschdenkens des Publikums.

Grundlage

Wer verstehen will, was bei der Troja-Grabung schiefgelaufen ist, muss sich zunächst etwas mit der türkischen Staatsideologie vertraut machen: Atatürk schuf gewissermaßen eine Neugründung des osmanischen Vielvölkerstaates im Kleinformat, nämlich beschränkt auf die anatolische Halbinsel. Gemäß der neuen Ideologie des „Anatolismus“ gäbe es von Urzeiten an eine gemeinsame „anatolische“ Identität aller Völker auf türkischem Staatsgebiet. Auf diese Weise vereinnahmt die Türkei kulturell alles für sich, was auf ihrem Staatsgebiet jemals geschah: Die neolithische Agrarrevolution in der Jungsteinzeit, das Hethiterreich, aber auch die ionischen Naturphilosophen, Herodot von Halikarnassos oder Homer und eben Troja. Indem man Homer nicht zuerst als griechisch sondern als „anatolisch“ definiert, kommt man zu der (selbst dann noch ziemlich kurzschlüssigen) Behauptung, dass die griechische Kultur ihre Blüte allein der anatolischen Kultur verdanke. Kurz: Man beansprucht nichts weniger als die Wiege der Menschheitskultur, der Zivilisation schlechthin zu sein.

Gemäß der türkischen Staatsideologie steht die „Zivilisation“ über den einzelnen „Kulturen“, die gleichberechtigt nebeneinander leben würden. Diese scheinbare Selbstbescheidung der türkisch-islamischen Kultur als eine Kultur neben anderen im eigenen Land findet in der Realität natürlich nicht statt, wie das in allen Vielvölkerstaaten so üblich ist: So wie in der Sowjetunion unausgesprochen die russische Kultur die Leitkultur war und so wie in Jugoslawien Serbien den Ton angab, so ist in der Türkei natürlich eine massive türkisch-islamische Leitkultur am Werke. Der „Anatolismus“ ist nicht nur eine völlig ahistorische Konstruktion, sondern dient auch der Machtsicherung der türkisch-islamischen Leitkultur, die sich hinter einer offiziellen Ideologie von der Gleichberechtigung der Kulturen umso unhinterfragter ausleben kann, denn auf diese Weise muss man z.B. niemandem einen Minderheitenstatus einräumen. Der „Anatolismus“ existiert vor allem in den Köpfen von gebildeteren Türken, die breite Masse ist ohne ideologischen Umweg türkisch-nationalistisch orientiert.

Was hat das alles mit Troja zu tun?

Frank Kolb gibt uns die Antwort: Seit Manfred Korfmann 1988 in Troja zu graben begann, wurde die historische Interpretation von Troja und Homer Schritt für Schritt im Sinne des „Anatolismus“ umgebogen. Homer sei ein Anatolier, dem sich die europäische Kultur verdanke. Überhaupt müsse man die Entstehung der westlichen Kultur endlich „von Osten her“ verstehen lernen. Um den Mythos von Troja am Leben zu erhalten, wurde die Siedlung am Hissarlik zu einer bedeutenden „anatolischen“ Handelsmetropole hochgejubelt.

Der Sinn hinter all dem ist klar: Hier wollte sich die Türkei in ihrer Staatsideologie selbst bestätigt sehen und sich kulturell als ein Staat etablieren, der zur europäischen Kultur dazu gehört, ja mehr noch, der die Wiege der europäischen Kultur sei! Assistiert wurde Korfmann bei seinen Deutungen von dem Gräzisten Joachim Latacz, dessen Buch „Troia und Homer“ mit einer ganzen Reihe unhaltbarer Thesen zum Bestseller wurde.

Einflussnahme aus Politik und Wirtschaft

Laut Frank Kolb fanden die Ausgrabungen von Korfmann unter einem massiven politischen und ökonomischen Erwartungsdruck statt, und es sieht ganz so aus, als ob Korfmann das lieferte, was man von ihm erwartete. Dafür wurde Korfmann mit der türkischen Staatsbürgerschaft geehrt und bekam als zusätzlichen Vornamen den Namen „Osman“ verliehen. Deutsche Politiker mit Türkei-Ambitionen hofierten das SPD-Mitglied Manfred Osman Korfmann. Korfmann meinte, der Islam sei „nichts anderes als eine Reformation des Christentums.“ Auch „bezüglich der Blutcharakteristika“ (!) unterschieden sich die „heutigen Bewohner Anatoliens von den Europäern in Nichts“, meinte Korfmann, und lobte die „Bindungen an den Boden und seine Vergangenheit“ in der türkischen Kulturpolitik. Anstelle von Fachvorträgen habe Korfmann auch schon einmal längere Plädoyers für den EU-Beitritt der Türkei gehalten.

Hauptfinancier der Ausgrabungen Korfmanns sei die DaimlerChrysler AG gewesen, die einerseits in der Türkei ökonomisch sehr engagiert ist, andererseits mit Edzard Reuter einen Vorstandsvorsitzenden hatte, der über seine Familiengeschichte eng mit der Türkei verbunden war. Der Konzernsprecher sagte laut Kolb: „Wie er (Korfmann) es versteht, die Geschichte Troias immer wieder auch als ‚anatolische‘ Geschichte zu erzählen, fällt auch auf den Sponsor DaimlerChrysler … ein Gewinn an Glaubwürdigkeit, der angesichts des wirtschaftlichen Engagements des Konzerns in der Türkei, aber auch angesichts von drei Millionen in Deutschland lebenden Türken gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.“ Und: „Das homerische Troia ist für viele auch der erste Ort, der Ort nämlich, von dem aus man das Abendland, seine Literatur, seine Kultur, ja seinen Geist verstehen muss“. An Heinrich Schliemann habe der Konzernsprecher gelobt, dass dieser „möglicherweise angebrachte methodische oder wissenschaftliche Hinterfragungen hinter die Public-Relation-Notwendigkeit zurückstellte“, und: „Die Erfolgskontrolle des Sponsoring … ist die Medienresonanz.“

Die unerwünschte Kritik

Es ist klar, dass wissenschaftliche Kritiker, die das politisch erwünschte Traumbild angreifen, auf massiven Widerstand stoßen. Der Hügel von Hissarlik war nachweislich keine große Handelsmetropole und lag auch nicht an großen Handelsrouten. Es war vielmehr, so Kolb, eine erstaunlich unbedeutende „Burgsiedlung“. Das Projekt von Korfmann hat, so zeigt es Kolb, Grabungsergebnisse überinterpretiert und teilweise auch verfälscht.

Es ist überhaupt sehr zweifelhaft, ob der Trojanische Krieg um diesen Hügel geführt wurde, und nicht erst in mythischer Rückschau von einem Ort in Griechenland aus einer ferneren Vergangenheit an diesen erst später von Griechen besiedelten Ort transferiert wurde, wie es die historisch-kritische Textkritik glaubwürdig herausgearbeitet hat. Auch sind die östlichen Einflüsse bei Homer in der Wissenschaft schon längst bekannt, sie dürfen jedoch auch nicht übertrieben werden. Eine Einordnung von Troja und Homer als „anatolisch“ ist wissenschaftlicher Unsinn wie das ganze Konzept des „Anatolismus“. Frank Kolb kann das alles sehr überzeugend darlegen und belegen. Sein Buch ist auch fachlich äußerst lesenswert, es ist keineswegs nur eine wissenschaftspolitische Polemik. Zahlreiche Fußnoten lassen keine Wünsche nach Belegen und Literatur offen.

Politischer Gegenwind

Latacz schrieb zu dieser Kritik: „Ankara … ist, wie ich höre, über diesen unnützerweise vom Zaun gebrochenen Streit nicht erfreut. Es wäre nicht gut, wenn wir in politische Verwicklungen geraten würden mit der Türkei.“ Die türkische Altertumsbehörde bezeichnete die Kritik von Frank Kolb als Beleidigung des türkischen Staates. Ein Museumsdirektor, der Kritiker zu einer Podiumsdiskussion einlud, sei von Bundestagsabgeordneten damit bedroht worden, seinen Posten zu verlieren, sollte der die Einladung nicht rückgängig machen.

Bei der FAZ wurde die Kritik laut Frank Kolb zunächst abgewimmelt, u.a. von Patrick Bahners. Patrick Bahners schrieb damals an Kolb: „Ihre Vorwürfe … sind so abwegig, dass die Leser an unserem Vertrauen in die eigene Berichterstattung zweifeln müssen, würden wir solche Gegenreden publizieren.“ In dem Artikel „Warum Däniken?“ in der FAZ vom 11.10.2001 polemisierte Patrick Bahners dann gegen die Kritiker. Es handelt sich um denselben Patrick Bahners, der später Chef des FAZ-Feuilleton wurde und im Jahr 2011 mit dem unsäglichen Buch „Die Panikmacher“ an die Öffentlichkeit trat, in dem er berechtigte Islamkritik ganz im Sinne des türkischen Ministerpräsidenten Erdogans als intolerante Panikmache abqualifizierte.

Zangger und Atlantis

Eberhard Zangger vermutete bereits vor Korfmann, dass es am Hügel von Hissarlik eine große Unterstadt gäbe, und verknüpfte diese Idee mit der These, dass mit Platons Atlantis das bronzezeitliche Troja gemeint gewesen sei. Mit beiden Ideen lag Zangger falsch, doch griff Korfmann die irrige Idee von der Unterstadt später auf, ohne Zangger als Quelle anzugeben, so Kolb. Vielmehr war Zangger mit dem Vorwurf abgetan worden, er sei ein „Däniken“. Aber die Idee mit Atlantis und die daraus entstehende Kritik von Zangger an Korfmann war ein erster und öffentlichkeitswirksamer Querschläger gegen Korfmanns Deutungshoheit, mit dem Korfmann so wohl nicht gerechnet hatte.

Zanggers Atlantis-These ist zwar falsch, aber sie war fachlich eben doch viel zu gut und zu niveauvoll, so dass sie im Zusammenprall mit Korfmanns fragilen Thesen für ersten Zündstoff sorgte. Was Kolb so nicht darstellt, weil es nicht sein Thema ist: Die Zangger-Debatte hat auch eine enorme Bedeutung für die Atlantis-Forschung: Zangger hatte einen Maßstab für eine realistische Atlantisthese gesetzt, und damit einen wichtigen Beitrag geleistet, eine teils sehr pseudowissenschaftlich abgehandelte Fragestellung wieder ein gutes Stück näher an die Wissenschaft heranzuführen.

Fazit

Frank Kolb hat ein ganz großes Lehrstück geschrieben über die Verfälschung von Wissenschaft unter dem Einfluss von politischen und ökonomischen Erwartungshaltungen, und wie schwierig es ist, sich bei Medien und Publikum Gehör zu verschaffen und wissenschaftlichen Standards zur Geltung zu verhelfen. Es ist ebenso ein Lehrstück darüber, welche Fehler man bei der Interpretation alter Texte im Lichte von Ausgrabungsfunden nicht machen sollte; der historische Kern alter Texte kann manchmal gefalteter und geschachtelter sein, als man meint. Ohne eine fundierte historisch-kritische Textinterpretation hilft einem keine Ausgrabung weiter. Konkret konnte man wieder einmal einiges darüber lernen, wie tief sich türkische Interessenpolitik in Politik, Wirtschaft und Kultur Deutschlands hineingefressen hat.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 07. April 2011)

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