Schlagwort: Politisches Buch (Seite 1 von 8)

Herbert Rosendorfer: Deutsche Suite (1972)

Destruktive, zynische, ekelhafte Satire auf Nachkriegs-Bayern

Das Buch beginnt damit, dass eine junge Adelige auf einer Party von Tiermedizinstudenten zunächst reihum mit jedem Studenten kopuliert, zuletzt aber auch noch mit einem Schimpansen aus der tiermedizinischen Abteilung. Nachdem sie schwanger ist, fürchtet Ihre Familie, zu der auch das bayerische Königshaus gehört, allen Ernstes, dass ein Halbaffe geboren würde, der dann den Adelstitel tragen würde. Deshalb wird eine Scheinhochzeit arrangiert. En passant erfährt man, dass die Monarchie in Bayern 1918 gar nicht abgeschafft worden wäre, sondern angeblich bis heute fortbestünde. Ab Seite 34 liest man dann nicht mehr weiter, sondern überfliegt nur noch kurz die Seiten, die da noch kommen, um allüberall seine Vorurteile über dieses Buch bestätigt zu bekommen, die man auf den ersten 34 Seiten gebildet hatte. Sogar die Sprache des Buches ist schlecht, oft gestelzt und umständlich.

Es geht in dieser Satire nur um grenzdebile Monarchisten, um Nazis, und schließlich um NPDler. Daraus setzt sich dieser Satire zufolge die „deutsche“ Gesellschaft zusammen. Die Satire ist zynisch, destruktiv, ekelhaft und lächerlich überzogen. Wenn die Gesellschaft wirklich so wäre, könnte man auch gleich ganz an ihr verzweifeln. Doch es soll ja immer noch eine Satire sein, also zum Lachen, aber man weiß eigentlich nicht so recht, worüber man da lachen soll. Es wird auch nirgendwo klar, was denn der Autor selbst für sich und sein Land will. Diesem Werk nach zu urteilen, hasst der Autor sein Land so sehr, dass er es einfach nur komplett in die Tonne kloppen will. Es stellt sich auch sehr die Frage, warum dieses Machwerk den Titel „Deutsche Suite“ trägt. Denn es geht im Wesentlichen um Bayern.

Dieses Machwerk ist nur erklärbar, wenn man dem Autor einen dicken Knoten im Hirn unterstellt. Da hat irgendein unaufgeklärter linker Depp seinen ganzen vorurteilsbeladenen Rotz und Kotz über „Deutschland“ ausgekübelt, und dabei gar nicht bemerkt, dass er damit mehr über sich selbst als über „Deutschland“ verrät. Man hat Hitler, wohl mit Recht, einen nekrophilen Charakter zugeschrieben, der – ohne sich darüber im Klaren zu sein – zielsicher auf Untergang, Tod und Verderben zusteuerte. Der Autor dieses Buches ist auf demselben Weg.

Der einzige Grund, sich mit diesem Buch zu befassen, wäre ein zeithistorisches Interesse an der Stimmungslage der BRD im Jahre 1972. Wie es möglich war, dass ein solches Buch geschrieben und gelesen wurde. Es muss sehr viele dumme, destruktive und nekrophile Menschen gegeben haben, damals, zur Hochzeit des Wahns von anno 68.

Aus Rezensionen und Artikeln über den Autor und sein Buch erfährt man, dass mit dem allzu behaarten Affennachkömmling der Adelsfamilie der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel gemeint sein soll. Sehr befremdlich. – Außerdem lebte der Autor gerne selbstwidersprüchlich: Während er als Richter Skifahrer abkanzelte, fuhr er selbst gerne Ski, und während er meinte, man könne nur in München leben, ist er selbst von München aufs Land gezogen. Verstehen muss man das nicht. Verstehen muss man nur, dass es hier nichts zu verstehen gibt.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. September 2020)

Jürgen Roth: Der Deutschland-Clan – Das skrupellose Netzwerk aus Politikern, Top-Managern und Justiz (2007)

Interessant, aber dennoch völlig unbefriedigend

Irgendwie befriedigt dieses Buch nicht. Nicht, dass es nicht ordentlich recherchiert wäre. Manches ist auch interessant. Aber … zum einen schildert Roth viele einzelne Fälle, die jedoch keinen Zusammenhang haben; deshalb schon von einem „Clan“ zu sprechen halte ich für gewagt. Vieles hat man auch schon als aufmerksamer Zeitungsleser mitbekommen, Roth liefert da nur noch ein paar Zusatzdetails.

Aufgefallen ist mir, dass Roth Gewerkschaften, Verbände, NGOs, Kirchen, islamische Organisationen u.v.a. nicht zum „Clan“ zu rechnen scheint, sie kommen nicht vor. Etwas nervig ist, dass Roth offenbar politisch spürbar links steht: Notwendige Maßnahmen zum Umbau des Sozialstaates sieht er deshalb als Teil des „Clans“. Ebenso geht es mit notwendigen marktwirtschaftlichen Bereinigungsprozessen, die für die Betroffenen natürlich schmerzlich, für die Gesellschaft aber unumgänglich sind.

Völlig unbefriedigend ist, dass Roth immer nur Probleme darstellt, aber kaum eine Zeile darauf verwendet, was sich denn ändern müsste, damit die beschriebenen Probleme reduziert werden. Klagen ist immer einfacher als Vorschläge machen. Mich würde z.B. interessieren, welche Maßnahmen in Italien sich als wirksam gegen die Mafia herausgestellt haben.

Alles in allem entnehme ich dem Buch die wenig originelle These, dass die Moral der Gesellschaft insgesamt abgenommen hat. Dieses Phänomen, seine Ursachen, und was man dagegen tun könnte, hätte Roth viel intensiver beleuchten sollen.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 05. April 2009; dort inzwischen nicht mehr aufzufinden)

Dave Eggers: Your Fathers, Where Are They? And the Prophets, Do They Live Forever? (2014)

Great plot lost to an unexpected theme

The plot of this book is a great idea: A young man kidnaps several persons who played a role in his upbringing, his mother, a teacher, a congressman, a policeman, an astronaut, and forces them to answer those questions he always wanted to be answered.

Don’t we all want to have answers from certain persons from our past? Why did they act like they acted? What did they really think? Our parents, teachers, etc.?

This book could have been a great story, if it concentrated on the big questions in the heart of everybody.

The problem is: The book is not about these big questions, and the young kidnapper is not everybody. The book is about fatherless young men. Partly non-white. And their problems. And troubles with the police which makes use of guns far to quickly. And drug-addicted mothers. This is interesting, too, but it disappoints the expectation.

Therefore the title: „Your fathers where are they?“ And the young man killed by the police far too quickly considered himself to be a prophet, therefore the title „and the prophets, do they live forever?“ First you think, these are some of the questions the young kidnapper will ask his victims, yet these questions never appear in all the book.

The dialogue as literary form is well-applied in this book, this made it worth reading, too.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 15. August 2015)

Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst – Erinnerungen (2009)

Das Selbstverständliche sagen, auch wenn es ungelegen kommt

Joachim Gaucks Autobiographie ist solide, enthält aber auch keine Überraschungen. Vor allem im Schlussteil äußert Gauck einige Selbstverständlichkeiten, deren Besonderheit allein darin liegt, dass es heute leider nicht mehr selbstverständlich ist, dass diese Ansichten geäußert werden. Beispiele: Bei aller Kritik am „kapitalistischen“ System, vor allem von linker Seite – ohne Freiheit wird alles nur noch schlimmer, ohne Freiheit ist alles nichts. Und: Die Linken behindern die Aufarbeitung des DDR-Unrechts und messen mit zweierlei Maß, weil sie nicht in der Lage sind, sich mit ihrer eigenen Schuld zu befassen. Es tut gut, diese Selbstverständlichkeiten ausgesprochen zu sehen, und dass Gauck dies tut, ist zu würdigen.

Grenzwertig ist Gaucks Würdigung des Widerstandes von Kommunisten. Er macht nämlich nicht deutlich, ob er hier den Widerstand von Einzelnen würdigen möchte, die aus Naivität die Unmenschlichkeit ihrer eigenen kommunistischen Ideologie nicht verstanden haben – das wäre in Ordnung. Oder ob er hier die kommunistische Ideologie ganz oder teilweise mit würdigt – das wäre nicht in Ordnung.

Interessant ist Gaucks Verhältnis zum christlichen Glauben. Denn Gauck wurde nicht deshalb Pastor, weil er besonders gläubig gewesen wäre, sondern weil ihn die Suche nach einer Ausweichmöglichkeit vor dem Regime dorthin trieb. Völlig akzeptabel ist es, wenn er schreibt, dass der Glaube „neben“ dem kritischen Denken steht. Völlig unverständlich jedoch ist es, wenn er tiefgläubige osteuropäische Bauern als Vorbilder im Glauben nennt – denn deren Gläubigkeit und Ungeplagtheit von Zweifeln ist ja keiner besonderen Leistung geschuldet, sondern vielmehr einem Mangel: Einem Mangel an Fähigkeit zur Selbstreflexion. Überhaupt kann die christliche Ausformung von Gläubigkeit bei Gauck nur vor dem Hintergrund seines Lebens verstanden werden: Die Umstände legten es ihm eben nahe, in die allzu große Ungewissheit des christlichen Glaubens zu „springen“, und Gauck „sprang“. Vernünftig ist dieser „Sprung“ jedoch nicht. Gaucks Erklärungen zu diesem Punkt sind sehr verständlich und müssen hingenommen werden, sie sind aber nicht überzeugend.

Die von Gauck gewählten Schwerpunkte des Buches verwundern ein wenig. Werden hier nicht zu viele Fluchtgeschichten erzählt? Gab es denn nichts anderes im Alltag der DDR? Andererseits muss man davon ausgehen, dass Gauck diesen Schwerpunkt nicht ohne Bedacht gewählt hatte. Vielleicht war es ja tatsächlich so, dass den Menschen in der DDR die Fluchten und Ausreisen als Hauptereignisse im Vordergrund ihrer Wahrnehmung standen, und nicht ihr Alltagsleben.

Etwas problematisch ist die Chronologie: Die Kapitel sind teilweise chronologisch, teilweise aber auch unchronologisch thematisch gehalten, so dass Gauck z.B. zunächst plötzlich verheiratet ist, die Darlegung seiner Eheschließung jedoch erst weiter hinten im Buch erfolgt.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Geschrieben Anfang März 2012)

Akif Pirinçci: Deutschland von Sinnen – Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer (2014)

Ehrliche und untermauerte „Rede an die deutsche Nation“

Akif Pirincci (wie immer sich dieser Name ausspricht) hat eine flammende Rede und einen aufrichtigen Appell an die Deutschen geschrieben, der sich durch Klarheit ebenso wie Einfachheit auszeichnet, mit der er die Wahrheit auf eine zutiefst menschliche Weise ausspricht: Pirincci pflegt einen bodenständigen Realismus, der sich ein X nicht für ein U vormachen lässt, der sich einen Blick für das bewahrt hat, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben. Dabei wünscht Pirincci den Grünen Gutmenschen nicht einmal Strafe an den Hals, sie mögen einfach nur die Klappe halten und gehen. Und seine holzschnittartigen Thesen lassen explizit Raum für Andersartigkeit, nur dass Pirincci diese nicht für den Normalfall hält und das auch klar sagt.

Seine Sprache ist weniger eine Gossensprache, sondern vielmehr die Sprache, in der ein Mensch denkt, aber nicht spricht. Eine Sprache der deutlichen Worte, die aber nicht verletzend gemeint sind, sondern nur wahr.

Sehr gut hat Pirincci das Thema der Öffentlichen-Rechtlichen Medien aufgegriffen, das im Tugendterror-Buch von Sarrazin seltsamerweise unter den Tisch fiel. Beim Thema Islam schwächelt Pirincci ein wenig, denn die Möglichkeit eines aufgeklärten Islam analog zum heutigen Christentum blendet er komplett aus – kein großes Problem, da der aufgeklärte Islam noch im Embryo-Status ist. Seine Erlebnisse vor einem deutschen Gericht sind lesenswert. Seine Analyse der prekären Lage der deutschen Mittelschicht (das sind Du und Ich) rüttelt auf. Seine Einsichten in Wirkzusammenhänge der Wirklichkeit sind teilweise beeindruckend.

Dies ist kein dummes Buch. Was ich bei Sarrazin ebenfalls noch nicht gelesen hatte, ist der Umstand, dass die Zuwanderer überwiegend männlich sind, und deshalb das Geschlechterverhältnis in Deutschland auf der Kippe steht. Pirincci kritisiert meisterhaft die deutschen Journalisten und Intellektuellen: Sollten sie nicht hinter den Vorhang der Verhältnisse schauen, anstatt dabei zu helfen, den Vorhang über die Verhältnisse auszubreiten?

Pirinccis Vision ist kein negativer Reflex, sondern ein konstruktiver Appell: Deutsche Männer! Deutsche Frauen! Ihr seid etwas, seid Euch dessen bewusst! Es ist eine Rede an die deutsche Nation, wie in Zeiten des Vormärz. Es ist weniger ein Versuch, ausgefeilte Lösungen für alles anzubieten, als vielmehr ein Aufruf zum Perspektivwechsel! Unter diesem Gesichtspunkt sind dann auch alle Grobheiten und Einfachheiten verständlich und verlieren ihre Schärfe.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 10. August 2014; inzwischen dort verschwunden)

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor – Ein Jahrebuch (2020)

Teils Ossi-Wessi-Geschichte, teils Zeugnis der Zunahme der Verlogenheit

Birk Meinhardt ist ein waschechter Ossi und erklärt sich dankenswerterweise ausführlich und ehrlich dazu, was das im Guten wie im Schlechten bedeutet. Hier ist das Buch sehr stark. Als er nach dem Mauerfall in den Westen zur Süddeutschen Zeitung kommt, fühlt er sich im Paradies: Er kann alles schreiben was er will! Doch dann bemerkt er immer mehr Einschränkungen, und am Ende passen seine neu erwachte Freiheitsliebe und die Linie der Zeitung nicht mehr zusammen.

Teilweise ist das einfach eine Ossi-Wessi-Geschichte. Der Ossi denkt, im Westen ist das Paradies, und dann ist es doch nicht so. Die Süddeutsche Zeitung hat, wie viele Zeitungen, eine recht klare Linie. Es war schon immer klar, dass man dort nicht alles schreiben kann. Nur hat Birk Meinhardt dies eben erst spät bemerkt. Und es ist im Grundsatz auch nichts verkehrt daran, dass verschiedene Zeitungen verschiedene „Linien“ haben. Das Verlogene liegt eher darin, dass diese Blätter nicht offen dazu stehen und ihre Linie nicht im Untertitel ihrer Zeitung klar zum Ausdruck bringen.

Doch auf dieses Niveau bringt Birk Meinhardt seine Kritik nicht. Teilweise offenbart der Autor, dass er selbst eine recht einseitig Sicht auf die Welt hat. Er ist gegen die USA und ihre Kriege, gegen die NATO, für Russland, usw. usf. Das darf er sein, und es sollte auch eine Zeitung dafür in Deutschland geben, und sowas sollte auch im Öffentlich-Rechtlichen fair behandelt werden. Aber dass er damit bei der Süddeutschen nicht ankommt, ist klar.

Interessanter ist, dass dieses Buch teilweise auch ein Zeugnis dafür ist, dass die Verlogenheit und Einseitigkeit in Deutschland in den letzten Jahrzehnten tatsächlich zugenommen hat. Leider wird das aber nicht sauber von der Ossi-Fehlwahrnehmung getrennt. Der Leser muss sich selbst denken, was auf das eine Phänomen und was auf das andere Phänomen zurückgeht.

Das Buch ist dort stark, wo es ehrlich die eigene Geschichte und die Vorgänge in der Süddeutschen Zeitung beschreibt. Man sieht, was läuft, und wie es läuft. Das ist immer gut und der Anfang und die Basis jeder Kritik. Das Buch schafft es aber nicht, die Analyse auf ein höheres Niveau zu heben, das geeignet wäre, echte Lösung zu formulieren. Es bleibt sozusagen auf Wutbürger-Niveau hängen. Klar, die Zustände machen wütend. Aber die Lösung kann eben nicht sein, dass die Süddeutsche Sachen veröffentlicht, die ihrer Linie zuwiderlaufen. Deshalb nicht volle Punktzahl.

Die richtige Kritik wäre gewesen: Die Süddeutsche muss offen zu ihrer politischen Linie stehen. Und es muss andere Zeitungen und öffentlich-rechtliche Journalisten geben, die auch die anderen Meinungen zum Zuge kommen lassen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. Februar 2021)

Martin Walser: Über Deutschland reden (1988)

Notwendige und unbequeme Gedanken zur deutschen Nation inmitten des anti-deutschen Selbsthasses

Das vorliegende Suhrkamp-Büchlein versammelt verschiedene Aufsätze und Reden von Martin Walser aus den Jahren 1979 bis 1988, die alle von Deutschland und der deutsche Kultur handeln. Damals, 1988, hatte eine linksdominierte Öffentlichkeit den Gedanken an Deutschland und die deutsche Nation in der BRD praktisch geächtet. Erst die Wiedervereinigung brachte dann – für viele höchst unerwünscht – den Gedanken an Deutschland wieder auf die Tagesordnung und führte zu einer teilweisen Normalisierung. Spätestens in den Merkel-Jahren wurde diese Normalisierung wieder zurückgefahren, so dass der Gedanke an Deutschland, die deutsche Nation und die deutsche Kultur heute (2026) ähnlich geächtet ist wie damals.

Die Sprache und die Gedankengänge Walsers sind teilweise „dicht“ im literarisch-philosophischen Sinn, d.h., der Text ist sind nicht immer ganz leicht zu verstehen und auf einen Nenner zu bringen. Wir wollen im folgenden die Kerngedanken und zentralen Zitate herausziehen, um dieses vergessene Büchlein für eine breitere Leserschaft fruchtbar werden zu lassen. Statt die einzelnen Aufsätze und Reden chronologisch durchzugehen, werden die einzelnen Aussagen nach Themen sortiert besprochen, also unabhängig davon, in welchem der Aufsätze und Reden zwischen 1979 und 1988 die Aussagen gemacht wurden.

Umgang mit dem Holocaust

Die zentrale Frage zur deutschen Nation ist natürlich der Umgang mit dem Holocaust. Sieht man den Holocaust als den Gipfelpunkt der deutschen Kultur und des deutschen (Un-)Wesens an, dann ist mit dem deutschen Wesen natürlich kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Doch ist das wirklich so? Kann und darf man Deutschland und die Deutschen auf den Holocaust reduzieren?

Dazu hat Martin Walser im Jahr 1979 zwei Texte verfasst, die seltsam widersprüchlich sind. Zuerst den Aufsatz „Händedruck mit Gespenstern“, in dem er den linken Intellektuellen vorwirft, sie würden sich selbst von aller Schuld freisprechen und statt dessen die ganze Schuld beim Volk, dem deutschen Volk, abladen:

„Aber in der Rückschau auf das Jahr 1933 hat man sich nahezu festgelegt auf eine Meinung, in der das deutsche Volk als eine Masse erscheint, die zum Reaktionären, Kleinbürgerlichen, Dumpfen, Aufklärungsfeindlichen, Faschismusverdächtigen neigt. Die zurechnungsfähigen Intellektuellen waren an 1933 offenbar nicht beteiligt oder sie waren Opfer. Schuld war wieder dieses deutsche Volk, das dem Verbrechen zugeschaut hatte, mitgemacht hatte, gejubelt hatte. Wieder waren die zurechnungsfähigen Intellektuellen nicht dabei. Mit diesen fanatisierten Kleinbürgern hatten sie nichts zu tun. Und die Kapitalisten sind sowieso jedesmal auf der Seite der Kriegs- und Geschichtsgewinner. Der Dumme ist immer das Volk.“ (S. 19)

Hier nimmt Martin Walser die Deutschen also in Schutz vor einem kollektiven Schuldvorwurf, den ausgerechnet die linken Intellektuellen beim einfachen Volk abladen, während sie sich selbst eine weiße Weste attestieren. Hier sind wir beim Vorwurf des „Shitbürgertums“ von Ulf Poschardt aus dem Jahr 2025, demzufolge viele dieser linken Intellektuellen ganz und gar keine weiße Weste hatten, sondern selbst Sympathisanten der Nazis waren. Ihr pauschaler Vorwurf an „die Deutschen“ ist in diesem Sinne eine Strategie, der eigenen, persönlichen Schuld zu entkommen.

In seiner Rede „Auschwitz und kein Ende“ aus demselben Jahr 1979 spricht Walser jedoch ganz anders. Mit der Formulierung „wir, die wir zur Volksgemeinschaft der Täter gehören“ (S. 24) ist Walser ganz nahe an dem bösen Wort vom „Tätervolk“. Walser weiter: „Wir auf jeden Fall helfen uns eben dadurch, dass wir die Schuld … … … auf eine Handvoll Schergen schieben.“ (S. 24) – „Und doch ist diese Tötungsfabrik durch uns entstanden.“ – „In Auschwitz arbeitete unsere ganze Gesellschaft mit.“ (S. 25)

„Ein Franzose oder ein Amerikaner … muss nicht denken: Wir Menschen! Er kann denken: Diese Deutschen! Können wir denken: Diese Nazis!? Ich kann es nicht.“ (S. 25) Weiter: „Diese Schuld ist unter den Bedingungen unserer Geschichte entstanden. … Wir sind die Fortsetzung. Auch der Bedingungen, die zu Auschwitz führten.“ (S. 25 f.) „Kein Deutscher kann … sagen, seine Landsleute, die hier gewirkt haben, seien Psychopathen oder Spezialisten gewesen, mit denen habe er nichts zu tun.“ (S. 26 f.)

Walser diagnostiziert: „Uns fehlt etwas, was über den einzelnen hinausgeht. Etwas, dem er verpflichtet ist. Etwas, das ihn unfähig gemacht hätte, an der Auschwitz-Tötungs-Fabrik in irgendeiner Weise mitzuarbeiten. Etwas, was Gott und Humanismus noch nicht schafften.“ Walser weiter: „… kann nicht gedient sein, wenn ein Verbrechen solchen Ausmaßes nachträglich herunterdividiert wird auf ein paar Bösewichter. Was ist das für eine Einteilung: Ich gehöre dazu, sobald es sich um Goethes Faust handelt, aber mit dem Dr. Faust in Auschwitz habe ich nichts gemein. Wir haben mit ihm alles gemein, was wir mit Goethe gemein haben.“ (S. 29) Und: „Ich glaube: man ist Verbrecher, wenn die Gesellschaft, zu der man gehört, Verbrechen begeht.“ (S. 30)

Mit diesen Worten ist Martin Walser wieder ganz und gar bei der Kollektivschuldthese angelangt: Alle Deutschen sind schuldig, allein, weil sie Deutsche sind. Den Deutschen fehle etwas, was andere Völker angeblich hätten. Begründet wird dies mit schrägen Thesen: Denn Goethes Faust, den Walser anführt, ist ein höchst öffentliches Werk, das die deutsche Nation wahrlich geprägt hat, während Walsers „Dr. Faust in Auschwitz“ bekanntlich höchst unöffentlich zu Werke ging, und das aus gutem Grund: Weil die Deutschen dieses Verbrechen nämlich keinesfalls gutgeheißen hätten, hätte man es öffentlich gemacht.

Natürlich ist der erste Ansatz von Martin Walser wesentlich zielführender als der zweite: Es gibt keine Kollektivschuld, natürlich nicht, denn der Gedanke einer Kollektivschuld widerspricht jedem humanistischen Geist. Gewiss, die Zahl der Schuldigen ist hoch. Es sind nicht nur ein paar wenige Anführer schuldig geworden, das ist schon richtig. Aber es ist eben auch nicht so, dass das ganze deutsche Volk wie ein Mann diesem Verbrechen zugestimmt hat. Ganz und gar nicht. Es ist etwas zwischen diesen beiden Extremen, auf jeden Fall eine höchst ungleiche Verteilung von Schuld, und es ist bis heute nicht hinreichend erforscht worden, wie diese Schuld eigentlich tatsächlich verteilt ist. Ein Grund dafür ist, dass mit dieser Frage Politik gemacht wird. Bis heute. Das ist ja das Problem.

Wie kommt es, dass Martin Walser in zwei Texten desselben Jahres 1979 einmal so und einmal so sprach? Man kann nur Vermutungen anstellen. Vielleicht ist der Grund, dass der zweite Text eine Rede zu einer Ausstellung ist, wo Walser auch vor Opfern des Holocaust sprach. Vielleicht empfand Walser es in dieser Situation passender, nicht zu differenzieren? Ehrlich wäre er dann nicht gewesen. Seine ehrliche Meinung finden wir ganz offensichtlich im ersten Text. Und in seinen weiteren Texten, in denen er die deutsche Kultur vor jedem Pauschalvorwurf in Schutz nimmt, wie wir im folgenden sehen werden.

Die Anti-Deutschen als Folge des Holocaust und 1918

Martin Walser sieht genau, wie der anti-deutsche Reflex der BRD aus einem Versagen des Umgangs mit Auschwitz erwächst: „Aber ich muss zugeben, eine rein weltliche, eine liberale, eine vom Religiösen, eine überhaupt von allem Ich-Überschreitenden fliehende Gesellschaft kann Auschwitz nur verdrängen. Wo das Ich das Höchste ist, kann man Schuld nur verdrängen.“ (S. 20)

Auch die Auflösung von nationaler Identität im Individualismus ist eine Flucht vor der Verantwortung: „Deutsches Volk? Nie gehört.“ (S. 28) „Ich weiß ja, wie wenig ernst der BRD-Erfolgsmensch seinen Pass nimmt. Er ist mindestens Europäer.“ (S. 93) „Wo Miteinander, Solidarität und Nation aufscheinen, da sieht das bundesrepublikanisch-liberale Weltkind Kirche oder Kommunismus oder Faschismus.“ (S. 20) Auch die Wirtschaft zieht sich aus der Affäre: „Ja, Firmen waren auch dabei in Auschwitz. Aber was ist eine Firma? Hat eine Firma Gedächtnis? Gewissen?“ (S. 28) „Internationalismus ist in Ost- und Westdeutschland ein gleichermaßen forcierter Wert.“ (S. 22)

Nur im Ausland sei man zwangsläufig Deutscher: „Es soll in den letzten dreißig Jahren öfter vorgekommen sein, dass Deutsche im Ausland durch entgegenkommend gemeintes, betont undeutsches Auftreten besonders unangenehm deutsch gewirkt haben.“ (S. 94)

Heutige Historiker sagen mit ihren Analysen des Nationalsozialismus mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit (S. 78). Ein Gespräch über Deutschland ende immer ungut, auch unter Freunden (S. 79). Alles sei von Phrasen überdeckt: „Deutschland habe es sowieso nie gegeben.“ – „Also nie mehr Deutschland.“ (S. 80) – Dabei war Deutschland und seine Einheit im 19. Jahrhundert demokratisch gedacht worden, selbst Karl Marx sprach von Deutschland (S. 81).

Heute heiße es: „Die Deutschen sind alle Nazis“ (S. 85) Walser wundert sich: „wie viele bedeutende Leute Jahrzehnte nach der Erledigung des Faschismus ihren Zorn und ihr gutes Gewissen lebenslänglich durch antifaschistische Regungen belebten.“ (S. 86) Dem Historikerstreit, der von Habermas losgetreten wurde, ist Walser dankbar: Denn er hat zu einer Vielfalt von Ansichten von Links und Rechts geführt, die Walser problemlos in seiner Person integrieren kann, so behauptet er (S. 86 f.).

Willy Brandt nenne die deutsche Frage jetzt „Schizophrenie“, Egon Bahr empfiehlt „Verfassungspatriotismus“, und Otto Schily will die Verpflichtung zur Wiedervereinigung aus der Präambel des Grundgesetzes streichen lassen. (S. 90) „Politik, Schule und Medien, die Wortführer also, haben, mit krass verschiedenen Motiven, viel getan, um die Teilung vernünftig zu machen.“ (S. 92) Wer davon sprechen möchte, dass es noch Deutsche gibt, muss es beweisen, als ob es eine außergewöhnlich kühne Behauptung wäre: „Das muss man beweisen, weil einem im Deutschland-Gespräch auch Karthago und die Azteken vorgehalten werden.“ (S. 93)

Martin Walser setzt den Beginn der Probleme mit der Nation sogar schon 1918 an: „Ich vermute, dass unsere nationale und gesellschaftliche Ratlosigkeit eine Folge unserer Entfernung von unsere Geschichte ist. Mir kommt es so vor, als hätten sich unsere Intellektuellen nach 1918 vom Volk getrennt … … … Schon das Wort ruft vielfältiges Schaudern hervor. Volk – ist das überhaupt ein Begriff? Ist das nicht ein total obsoletes Wort?“ (S. 17 f.)

Das Volk hatte die Folgen des Ersten Weltkrieges zu erleiden, die „bürgerlich-feudalen Cliquen“ nicht. Schon in den 1920er Jahren waren Philosophie und Literatur internationalistisch geprägt. „Die Intellektuellen hatten Roaring Twenties. Arbeiter und Kleinbürger hatten einen aussichtslosen Kampf gegen immer neue Einfälle eines nun doch wirklich international auftretenden Kapitalismus.“ (S. 18)

Am Ende sei immer das Volk der Dumme. „Das [Volk] lernt eine Lektion nach der anderen und kommt kaum nach mit Lernen und Umlernen. Und das deutsche Volk ist ein Musterschüler. In Ost und West. Lieber verliert es sich selbst, als dass es seinem Ost- oder Westlehrer auch nur den geringsten Kummer bereiten würde. Wir haben immer alles besser gekonnt, als wir selbst zu sein.“ (S. 19)

Die BRD ist geschichtslos geworden. „Geschichtsabweisend ist der aktuelle Intellektuelle.“ (S. 20) „Adorno hat diese Geschichtsverneinung mit polemischen Bemerkungen gegen Brecht blanko abgesegnet.“ (S. 20 f.) Der deutsche Kulturbetrieb kennt keinen Sinn mehr im Leben, Sinn wird produziert wie Weizen und Milch (S. 21). Es gilt: „Praxis adieu. Volk adieu. Ich gestatte mir, dazuzusetzen: Gott adieu. Weil Gott für mich kein obsoletes, sondern ein historisches Wort ist für das Bedürfnis nach Ichüberschreitung. Ich halte auch die Zielrichtung nicht für obsolet. Dass uns etwas fehlt, sieht jeder.“ (S. 22)

Deutschland vor den Anti-Deutschen retten

Martin Walser will sich mit diesem Zustand nicht abfinden. „Wer sind wir? Sobald man im Ausland ist, ist man ein Deutscher. Aber wer bin ich hier?“ (S. 19) – „Ich habe ein Bedürfnis nach geschichtlicher Überwindung des Zustands Bundesrepublik. Von Grund auf sollten wir weiter. Aber die herrschende öffentliche Meinung, das herrschende Denken, der vorherrschende Sprachgebrauch nennen dieses Bedürfnis obsolet, obsolet heißt veraltet; ich glaube nur, es sei alt.“ (S. 23)

Eine ewige Strafe für den Holocaust will Walser nicht anerkennen: „Dass ich Jalta, Teheran und die Folgen Strafaktion nenne, ruft Stirnrunzeln hervor. Ich beeile mich zu sagen, dass wir die verdient hatten. Aber doch nicht für immer. Strafe dient nicht der Sühne, sondern doch wohl der Resozialisierung.“ (S. 83) Es sei ungerecht, Schlesierschmerz in einem Atemzug mit Neonazitum nennen (S. 83). „Wir nicken zu allem vor lauter Angst, sonst für Nazis gehalten zu werden.“ (S. 84)

Eine Quelle der Regeneration Deutschlands sieht Walser in der Geschichte: „Seit die konvulsivische Nation nun zerstört ist in einem Ausmaß, das eine Nation allein überhaupt nicht verschulden kann, ist sie mehr als andere auf Geschichte verwiesen. Nur wenn wir eine Nation waren, werden wir wieder eine sein. Und das regelt keiner außer uns selbst.“ (S. 32) – „Von Gewissheit umstellt, widersprechen wir. Es gibt keine mit der Schwäche vergleichbare Kraftquelle.“ Und: „Aus diesem Aber bauen wir den unterirdischen Himmel, den der Geschichte.“ Schließlich: „Der Unterirdische Himmel ist, wenn er sich treu bleibt, subversiv.“ (S. 38)

Walser verweist auch auf jene wenigen Intellektuellen, die mit ihm seine Bedenken teilen und ihrerseits an Deutschland nicht irre geworden sind: Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson (S. 91 f.).

Schließlich meint Martin Walser, das die Deutschen in der DDR oft authentischer Deutsche geblieben seien als die Westdeutschen. Der Brief einer Dresdnerin, wie froh sie ist, von ihm nicht vergessen worden zu sein, ist dafür ein Beleg. Oder die Gedichte von Wulf Kirsten aus Weimar. Diese leben aus einem Sinn für Geschichte und belegen: Es gibt noch „unblamiertes Deutsches“ (S. 98). „Wirkt, verglichen mit einem Kirsten, viel Westliteratur nicht wie Ideologie?“ (S. 96)

„Die Nation ist im Menschenmaß das mächtigste geschichtliche Vorkommen, bis jetzt. Mächtig im geologischen, nicht im politischen Sinn. Die Nation wird sich sicher auflösen irgendwann. Aber doch nicht durch eine Teilung. Doch nicht durch Jalta-Churchill-Roosevelt-Stalin.“ (S. 99) – Im Jahr 1988, nur ein Jahr vor 1989, schrieb Walser: „Es gibt demnach nicht die geringste konkrete Aussicht auf einen Anfang der Überwindung der Teilung. Deutschland bleibt demnach ein Wort, brauchbar für den Wetterbericht. Ich wundere mich selber darüber, dass diese konkrete Aussichtslosigkeit bei mir nicht umschlägt in Hoffnungslosigkeit. Vielleicht wirkt da dieses Geschichtsgefühl.“ (S. 100)

Demokratie und Medien

Martin Walser stellt der Demokratie der BRD und ihrem Mediensystem kein gutes Zeugnis aus. Er sieht eine wachsende Diskrepanz zwischen dem, was geschrieben und dem was verschwiegen wird. Die Differenz ist der „innere Samisdat“. (S. 10 f.) „Pluralismus als Fleckerlaufbahrung, das ist unser Ideal. Möglichst viele Farben, möglichst folgenlos, möglichst öffentlich: so unser Presse-Credo. Demokratische Entwicklung gediehe, glaube ich, nur dann, wenn wirkliche Widersprüche wirklich öffentlich werden könnten.“ (S. 11) Statt dessen: „eine aus lauter monochromen Partien bestehende öffentliche Meinung täuscht Vielfalt vor, wie die östliche veröffentlichte Meinung Öffentlichkeit vortäuscht.“ (S. 11)

„Unser Pluralismus hat so viel Wirklichkeit wie ein in einem Disney-Atelier gezeichneter Dschungel Natur: in solchen Ateliers gibt es ja auch Spezialisten für Tigertatzen, Samtpfoten, Wolken und Veilchen; aber alles ist eben just animated.“ (S. 12) Walser wendet sich gegen den Kleingeist der „Fachleute“, denn in Wahrheit komme es auf den politischen Willen der Akteure an: „Es ist immer mehr möglich, als Fachleute auszurechnen imstande sind“ (S. 90).

Der Grundgedanke der Demokratie wird nicht verwirklicht: „Und die Leute werden nicht gefragt. Das Volk! Populist wird man geschimpft, wenn man meint, die Deuschland-Frage könne nur vom Volk beantwortet werden.“ – „Wir leben noch in einer Zeit, in der nur von oben nach unten gesprochen wird. Von unten nach oben gibt es die Volksstimme nur demoskopisch verfremdet.“ – „Also liegt alles an den Regierungen. Und damit im argen. Es sei denn, die beiden Bevölkerungen ließen sich diesen Pragmatismus nicht ewig gefallen.“ (S. 100)

Walser weist auf die Bedeutung von Öffentlichkeit für die Demokratie hin: „Zweifellos war die öffentliche Meinung das bürgerliche Befreiungsinstrument schlechthin.“ – „Die öffentliche Meinung ist also so ehrwürdig wie die Verfassung.“ (S. 55) – Doch mit dem Mainzer Revolutionär Georg Forster fürchtet Walser deutsche Zustände: „In Deutschland … wird also nicht das Bürgerrecht aus der öffentlichen Meinung stammen, sondern man wird irgendwie ein Bürgerrecht heraufzaubern, und dann öffentliche Meinung damit machen, von oben nach unten also.“ (S. 56) Walser weiter: „Wenn die öffentliche Meinung in den Händen derer ist, die durch sie kontrolliert werden sollen, dann ist – um im Bilde zu bleiben – das Nervensystem unter Vollnarkose.“ (S. 57)

Walser wendet sich gegen Medienmogule wie Berlusconi (S. 53) oder gegen beherrschende Medienkonzerne wie z.B. Bertelsmann, ohne sie beim Namen zu nennen: „Finstere Verlagsschranzen und Medienmonster mit ihrer die Seelen ganzer Kontinente beugenden Macht machen die ältesten Drachensagen zum aktuellen Bilderbuch.“ (S. 39) Das damals neue Privatfernsehen (Bertelsmann, Leo Kirch) ist für Walser keine kommerzielle Veranstaltung, sondern Ausübung von Macht (S. 63).

Das öffentlich-rechtliche Mediensystem hält er für konkurrenzfähig, man müsse nicht darauf bestehen, dass es keine Privaten geben solle. Auf jeden Fall sei wichtig, „dass wir nicht an der Etablierung von Macht, sondern an der Schaffung einer Gegenmacht interessiert sind“ (S. 61).

Denn Macht sei per se ein Problem. „In dreißig Jahren Ausdrucksgewerbe habe ich keine Erfahrung gemacht, die deformierender, verheerender, krankmachender gewesen wäre, als die Erfahrung der Ohnmacht.“ (S. 62) – „Dass Macht nur missbrauchbar ist, wurde im Laufe der Jahre meine wichtigste Erfahrung. Ich habe noch keinen einzigen Menschen getroffen, der durch Machtbesitz nicht entstellt worden wäre.“ (S. 62 f.) – „Macht ist in dem Maße schlimm, wie sie unkontrollierbar ist, egal wer sie ausübt.“ (S. 63)

Sprache und Literatur

Martin Walser kritisiert die Kritik der Frankfurter Schule am sogenannten „Jargon der Eigentlichkeit“: „Schlimmer als der geschmähte Jargon der Eigentlichkeit kommt mir der Jargon vor, in dem da geschmäht wurde.“ (S. 17) – Denn: „Die Sprache sagt nur etwas, wenn sie von Unschuldigen benutzt wird.“ (S. 17) – „Das richtige Verhalten ist wahrscheinlich nur mit dem historischen Vermögen der Sprache zu erörtern.“ (S. 17)

Walser wendet sich gegen die traditionelle Definition von Klassikern in der Literatur. Bei traditionellen Klassikern ginge es oft um die Legitimierung von Macht. Denn was ein Klassiker sei, definiere sich durch dessen Brauchbarkeit. Was ein Klassiker ist, entstehe so durch das Volk und dessen Benutzung von Literatur. (S. 42 f.)

Wer Selbstbewusstsein nötig hat, wird bei Goethe fündig. Wer die Bürgerliche Freiheit und das Schöne entdecken will, greift zu Schiller. Wer verzweifelt, weil es in Deutschland nicht besser werden will, sucht bei Jean Paul Trost. Fichte und Kant sind ihrerseits widerständig gegen die Verhältnisse. Und eiNne Jugend, die reine Helden braucht, findet sie bei Karl May. (S. 43 f.)

„Der Klassiker ist zuerst ein Klassiker seiner Nation.“ (S. 44) – „Unser Klassiker bringt unsere Geschichte zum Ausdruck. Also können wir ihn brauchen.“ (S. 46) – „Sprache sammelt und vermehrt in jedem Klassiker ihr Vermögen.“ (S. 48) – Ohne Hölderlin, Goethe oder Schiller sei die deutsche Sprache gar nicht mehr denkbar.

Mit Goethe sagt Walser: „Übrigens ist mir alles verhasst, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.“ (S. 52) So sollte ein echter Klassiker sein.

Walsers Selbstverständnis als Linker

Aus der Sicht des Jahres 2026 wirkt manches von dem, was Martin Walser damals schrieb, wie „rechts“. Aber natürlich verstand sich Walser als ein Linker, und das kommt auch wiederholt zum Ausdruck.

Ein Demokrat mit Anspruch auf die Verwirklichung der Demokratie wird von Walser kurzerhand als „Sozialist“ angesprochen. Und so verstand er sich selbst, wenn er auch anfügt: „Wie schonend, das nicht in der ersten Person sagen zu müssen.“ (S. 9)

Von der DDR hoffte Walser, dass sie sich zu einem echten Sozialismus entwickeln könnte: „es gibt aber auch die Hoffnung, dass aus dem real existierenden Sozialismus ein wirklicher werden könnte. … … … Die Schwierigkeit entsteht aber dadurch, dass wir dem Osten eine Entwicklungsmöglichkeit zugestehen müssen; auch um unseretwillen. Wenn wir ihn aber nur als etwas behandeln, was abgeschafft werden muss, dann haben wir diese deutsche Aufgabe verfehlt.“ (S. 58 f.) – Walser war auch der Auffassung, dass die Zustände in der DDR im Westen schwarzgemalt würden: „Das Kerkerbild, das hier von der DDR gemalt wird, soll unsere Leute dazu überreden, sich trotz ihrer Ohnmacht und Gezwungenheit frei zu fühlen.“ (S. 15) Statt das westliche System eindeutig als das bessere System zu bezeichnen, hält sich Walser auf Äquidistanz. Das ist sträflich.

Ein Satz stößt angesichts der kommenden Kriege im ehemaligen Jugoslawien und um die Ukraine als böser Irrtum auf: „Und Kriege finden in Europa sowieso nicht mehr statt.“ (S. 81)

Bezüglich der deutschen Geschichte ist Martin Walser ebenfalls auf linke Weise wählerisch. „Was 1871 gegründet wurde, war ja nicht das, was 1848 gewollt worden war.“ (S. 81) – „Nur wenn die Gefahr bestünde, dass wir ins Hohenzollern- oder Hitler-Deutsche zurückfielen, wäre die Teilung gerechtfertigt, ja geradezu notwendig.“ (S. 85) – Schließlich spricht Walser vom „konservativen Missbrauch“ und dem „Adenauerschen Wiedervereinigungsgedöns.“ (S. 90)

Es ist völlig geschichtsvergessen, das Kaiserreich und Nazi-Deutschland in einem Atemzug zu nennen. Wer das Kaiserreich so scharf ablehnt, wie es hier geschieht, der muss sich ernsthaft fragen lassen, wo er noch den Unterschied zu Hitler-Deutschland sieht, und wo er überhaupt ein gutes Deutschland sieht: Vielleicht in der Metternich-Ära? Oder im Dreißigjährigen Krieg?! Wer das Kaiserreich nicht als gelebte Normalität (mit Fehlern) begreifen kann, der sucht wohl nach Utopia. Das Kaiserreich von 1871 so wie Hitlerdeutschland verteufeln und ausgrenzen zu wollen, ist maßlos und falsch. Ebenso die Unterstellung, Konservative würden „Missbrauch“ betreiben, wenn sie von Wiedervereinigung sprechen. Wie demokratisch ist jemand, der Konservative wie Adenauer auf diese Weise aus dem demokratischen Spektrum ausgrenzt?

Nebenthemen

Ein Aufsatz von 1987 widmet sich dem Gegensatz von charaktervollen und charakterlosen Menschen. Der charakterlose Mensch vermeidet klare Urteile. Frauen tun das auch. Dem charakterlosen Menschen entspricht eine gegenstandslose Sprache, in der ein Urteil gar nicht mehr möglich ist.

An dem FAZ-Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki arbeitet sich Martin Walser an zwei Stellen ab. Einmal geht es um Literaturkritiker im Allgemeinen: Sie seien ihr eigener Maßstab. Manche hätten „Medienomnipräsenz“. Und dann fällt der Satz: „Am Kritiker erlebt man, wie Macht den Charakter düngt.“ (S. 69) Marcel Reich-Ranicki bleibt ungenannt, ist aber offensichtlich gemeint.

An einer anderen Stelle wird Marcel Reich-Ranicki explizit genannt und kritisiert, weil er Respekt für die Meinung von Franz Xaver Kroetz äußerte, es sei weise, dass es zwei Deutschlands gebe. Damit würde sich Kroetz der „hierzulande jetzt üblichen nationalen, mitunter ins Nationalistische übergehenden Heuchelei“ widersetzen, so Reich-Ranicki. (S. 87) – Walser wendet sich gegen den an ihn gerichteten Vorwurf von Marcel Reich-Ranicki, er sei Bonner Losungen verfallen und opportunistisch (S. 88). – Walser trocken: „Auch ein prominenter FAZ-Redakteur kann nicht alles, ja er darf nicht alles wissen. Je weniger einer weiß, umso infallibler ist er. Und am infallibelsten ist der Papst.“ (S. 89)

Auch Thomas Mann wird von Martin Walser wiederholt kritisiert. Zuerst habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um seine antidemokratische Haltung in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ zu legitimieren. Doch auch noch 1932 habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um sich nunmehr zwar nicht mehr als antidemokratisch, doch immer noch als unpolitisch zu stilisieren. Goethe und Schiller werden bei Thomas Mann zu Chiffren für Thomas und Heinrich Mann. (S. 49 f.; S. 67)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Joana Cotar: Inside Bundestag – Wie ich in 8 Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor (2026)

Dichte Darstellung der Probleme in Anekdoten; mit konstruktiven Lösungsvorschlägen

Es muss Spaß gemacht haben, dieses Buch zu schreiben: Schon der Blick ins Inhaltsverzeichis zeigt, wie hier in dichter Folge alle Probleme unserer Demokratie Punkt für Punkt abgehandelt werden: Die Versuchung des Geldes, der Mangel an Qualifikation, die Macht der Parteien, das Elend der Listenwahl und der damit verbundene Parteienklüngel, das Märchen von der Arbeit in den Ausschüssen, Geschäftsordnungstricks, Willkür und Doppelmoral, die Explosion der Bürokratie, der NGO-Komplex.

Das alles hat sich die Autorin sichtlich von der Seele geschrieben. Denn alles wird durch persönliche Erlebnisse und Anekdoten untermauert. Man mag es manchmal kaum glauben, wieviel Niedertracht und Chuzpe das real existierende Politiksystem hervorbringt. Die Darstellung ist sehr dicht, die Autorin liefert kein Blabla, sondern kommt konsequent zur Sache, weshalb das Buch auch nur 220 Seiten hat: Die haben es aber in sich.

Das letzte Kapitel widmet sich einigen Lösungsvorschlägen: Es ist falsch, nach der Partei des kleineren Übels Ausschau zu halten. Denn die Parteien selbst sind in der aktuellen Form das Problem. Nicht die Verfassung, wohl aber die Verfassungswirklichkeit, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, ist zum Problem geworden. Das System selbst muss gründlich reformiert werden, damit die ursprünglichen Absichten des Grundgesetzes wieder zum Tragen kommen.

Vorgeschlagen wird u.a.: Volksentscheide, Panaschieren und Kumulieren, Trennung von Abgeordneten- und Ministeramt, mehr Lobbyismustransparenz, Mindestqualifikationen für Politiker, Amtszeitbegrenzungen, Politikerhaftung, Rechenschaftsberichte in Bürgerversammlungen, keine Staatsfinanzierten NGOs, Kompetenzen nach unten verlagern, unabhängige Medien. Vor allem aber eine radikale Reduzierung des Geldes im System. Weniger Staat bedeutet, dass die Bürger mehr Freiheit haben, ihr Leben nach eigener Facon zu gestalten.

Kritik

Leider wird wenig dazu gesagt, wie man die genannten Lösungsvorschläge gegen eine Parteienoligarchie durchsetzen könnte, die sich die Butter nicht so leicht vom Brot nehmen lassen wird. Über ihr Engagement im „Team Freiheit“ und dessen revolutionäres Konzept einer Partei neuen Typs sagt die Autorin nichts.

Die Rolle der Medien wird zu wenig beleuchtet. Mehr noch als das politische System ist das Mediensystem in Deutschland Dreh- und Angelpunkt aller Probleme. Auch zu sozialen Netzwerken finden sich kaum Aussagen.

Ob Kumulieren und Panaschieren tatsächlich die Macht der Liste brechen kann, ist fraglich, wie Erfahrungen im kommunalen Bereich zeigen. Zudem führt dieses Verfahren zur Unkontrollierbarkeit der Auszählung der Wahl, und das ist brandgefährlich.

Sowohl die Weisungsgebundenheit der Staatsanwaltschaft als auch der Verfassungsschutz und seine Probleme werden in den Vorschlägen nicht zum Thema gemacht.

Schließlich erfährt man auch kaum etwas zum Engagement der Autorin für Krypowährungen, das unter dem Titel „Bitcoin im Bundestag“ zum bekannten Schlagwort wurde.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger (2002)

Politisches Vermächtnis für kommende Generationen

Wer politisch interessiert ist, wird auf Youtube oder ähnlichen Plattformen öfter einmal über Videos stolpern, in denen Helmut Schmidt von Sandra Maischberger interviewt wird. Dieses Buch enthält die ersten dieser Interviews von Sandra Maischberger mit Helmut Schmidt, die im Jahr 2001 geführt wurden. Später hat Sandra Maischberger offenbar noch weitere Interviews dieser Art geführt.

Helmut Schmidt äußert sich hier als erfahrener elder statesman zu allen möglichen Themen. Das Wertvolle daran ist die erfahrungsgesättigte Nüchternheit und Rationalität, die Helmut Schmidt dabei an den Tag legt. Wo Politiker heute heiße Luft produzieren und Utopien nachjagen, finden wir bei Helmut Schmidt belastbare Substanz und gesunde Skepsis von überzeitlicher Qualität.

Damit bilden diese Interviews einen bleibenden Baustein des politischen Denkens in Deutschland. Daran wird man sich immer wieder erinnern. Daran muss sich alles Spätere messen lassen. Ganz ähnlich wie Thilo Sarrazin seinen Erfahrungsschatz in seinen Büchern zusammenfasst, vor allem in dem Buch Wunschdenken (2016), das als Handbuch für kommende Politiker gelesen werden kann.

Helmut Schmidt ist aus heutiger Sicht ein erzkonservativer Politiker, doch an einigen Stellen blitzt durch, dass er ein Linker war und entsprechenden politischen Illusionen unterlag. So z.B. bei seiner Befürchtung, dass die Law&Order-Politik von Ronald B. Schill dazu führen könnte, dass Unschuldige unter dem Durchgreifen der Polizei zu leiden hätten. Davon war man damals in Deutschland weit entfernt. Oder bei seiner vehementen Befürwortung der europäischen Währungsunion. Bedenken gegen den Euro nahm Helmut Schmidt offenbar nicht ernst. Oder bei seiner etwas blauäugigen Sicht auf den Islam und dessen Anerkennung in der deutschen Gesellschaft. Schmidt glaubte, dass wir von Aristoteles ohne die Araber nichts wüssten, und dass es genüge, dass ein islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache stattfinde. Man sollte allerdings auch bedenken, dass die Muslime zu seiner Zeit tatsächlich nur eine Minderheit in Deutschland waren.

Zum Nationalsozialismus ist Helmut Schmidt sehr klar. Weder wusste er damals etwas vom Judenmord, noch seien nationale Gefühle per se etwas schlechtes. Schmidt ordnet die anti-nationale Gesinnung sogar einer ganz bestimmten Generation zu und meint, dass jüngere Deutsche nicht mehr so denken würden.

Es kommt bei alledem nicht auf die einzelne Meinung an, sondern auf die Methode: Nüchtern, realistisch und rational. Jeder ist eingeladen, seine ganz eigenen Entdeckungen bei Helmut Schmidt zu machen. Im folgenden einige wenige Zitate aus den Interviews.

Zitate zur Demokratie in Deutschland

„Es ist übrigens viel leichter, in Deutschland eine Psychose für oder gegen etwas zu erzeugen, als etwa in der Schweiz.“
(S. 105 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Die PDS vertritt beinahe die Hälfte aller Leute im Osten [Berlins], und von daher ist es im Prinzip wünschenswert, diese Vertreter einer Hälfte der Ostberliner Wählerinnen und Wähler in die Verantwortung zu ziehen. Wahrscheinlich ist es vier Jahre zu früh“.
(S. 136 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„… aber ohne die Kraft des vernünftigen Arguments und des Gegenarguments und ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. Das letzte will ich noch mal dick unterstreichen. Ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. Das wird in Deutschland oft nicht verstanden.“
(S. 187 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Alle Fernseh-Gesellschaften sind anfällig für Psychosen, aber die Deutschen besonders.“
(S. 189 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Wehner und Schmidt und einige andere – in der CDU Leute wie Barzel, Paul Lücke und andere – waren schon in den sechziger Jahren der Meinung, dass wir ein Wahlrecht bräuchten nach englischem oder amerikanischem Vorbild, das verhindert, dass lauter kleine Parteien aufgemacht werden, und dass infolgedessen die Bildung von Koalitionen überflüssig macht. Es gäbe dann in aller Regel eine Partei, die regiert, und eine, die opponiert. Die Wahlrechtsänderung war eines der Motive für die Bildung der Großen Koalition, aber wir sind in beiden Fraktionen damit gescheitert.“
(S. 244 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Aber ich habe etwas dagegen, dass nicht erwachsene Leute ihren Schnabel weit aufreißen und Entscheidungsmacht über andere beanspruchen.“
(S. 259 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zum Nationalsozialismus

„Das bezog sich auf das quasi sozialistische Moment, das es beim Nationalsozialismus ja auch gegeben hat. Da gab es ja auch Otto Strasser und solche Leute, die am Anfang durchaus mindestens eine sozialpolitische Komponente ernsthaft verfolgt haben.“
(S. 161 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„In diesem übertriebenen Pflichtbewusstsein steckt eine ganze Menge preußisches Erbe.“
(S. 163 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Frage nach der Judenvernichtung.
„Wenn ich es denn gewusst hätte. Ich habe nichts davon gewusst. Von Leuten, die dreißig Jahre jünger sind, wird das nicht verstanden, geschweige denn für glaubwürdig gehalten. Die heutige Generation kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, wenn man unter einer Informationsdiktatur lebt. Außerdem war Krieg, und im Krieg wird alles mögliche – in jedem Land der Welt, auch in Demokratien – verheimlicht und geheimgehalten.“
(S. 164 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Angst vor der Entdeckung der eigenen jüdischen Abstammung.
„Dabei hatte ich nicht einmal eine konkrete Vorstellung davon, was uns tatsächlich passieren könnte. Mein Vater stellte sich vor, er würde von der Schuldbehörde rausgeschmissen. Das war seine ganze Angst, aber sie reichte aus, um den Mann seelisch zu zerstören. Von KZs hatte er keine Ahnung – ich auch nicht – und von Genozid und Massenmord an den Juden erst recht nicht.“
(S. 164 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Antisemiten? Sie meinen, in Deutschland? Bewusst ist mir keiner begegnet, nein.“
(S. 176 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Die deutsche Gesellschaft der fünfziger und sechziger Jahre war weder verspießt noch war sie reaktionär, das ist Legende. Es war eine Gesellschaft, die ein moralisch und physisch am Boden liegendes Volk wieder einigermaßen auf die Beine gebracht hat, eine Glanzleistung sondersgleichen. Dass da viele unerfreuliche Dinge auch eingeschlossen waren … dass wir in der Regierung Adenauer auch richtige Nazis hatten und auch Nazis im Parlament: unerfreulich, ja sicherlich, aber wie hätte es denn anders sein sollen? Insgesamt war die Leistung, die die Deutschen in den fünfziger und sechziger Jahren vollbracht haben, unglaublich. Das nun nachträglich abzuqualifizieren, ist ungerechtfertigt, es ist eine Legende, zur Selbstrechtfertigung zurechtgemacht.“
(S. 194 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Nationale Emotion zu zeigen ist ja noch kein Nationalismus.“
(S. 254 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Aber mit Hitler ist der Begriff Nation, das nationale Bewusstsein in Deutschland so stark in Misskredit geraten, gerade auch bei der jüngeren Generation.
„Nicht bei der heutigen jüngeren Generation, sondern bei den 68ern, also den intellektuellen Wortführern der jungen Linken“
(S. 254 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu 1968 und zur politischen Linken

„Wenn die Grünen auseinanderbrechen sollten, wird ein Teil von ihnen zu den Sozialdemokraten gehen, ein Teil wird in der inneren Emigration verschwinden, andere werden sich dem Naturschutz hingeben, wiederum andere werden zu den Kommunisten überlaufen. Ist in Wirklichkeit nicht wichtig. Die Grünen müssen noch lernen, dass man nicht gegen den Staat sein kann, wenn man ihn gleichzeitig regieren will.“
(S. 139 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. … Na, die Grünen insgesamt verstehen das ganz schwer, das kostet sie bis heute große Anstrengung. … Aber es gibt heute in der Politik Typen, deren Pubertät reicht bis zum fünfzigsten Geburtstag.“
(S. 187 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Die 68er-Bewegung „war mehr eine Psychose als sonstwas. Es ist den meisten deutschen 68ern ja nicht klar gewesen, dass diese sogenannten Bewegung in Wirklichkeit an den amerikanischen Universitäten als Protest gegen die Kriegführung in Vietnam entstanden ist. … Das war eine Psychose, gefördert durch einige Hochschullehrer.“
(S. 188 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Dass wir zum Beispiel an den deutschen Hochschulen nach ’68 eine noch viel negativere Entwicklung bekommen haben als vorher, daran kann nicht gezweifelt werden. Gucken Sie sich die Leistungsfähigkeit der heutigen deutschen Universitäten an, die ist weit unter dem Niveau, das wir in Amerika oder in England oder in Frankreich finden. Das ist die Folge dieses endlosen Gremiensalates und des Hineinsabbelns von Leuten in alle möglichen Probleme, von denen sie, weil selbst noch nicht ausgereift, nicht genug verstehen. Das ist eine schlimme Sache. Selbst nach dem Ersten Krieg war die deutsche Durchschnittsuniversität noch hervorragend, und die deutschen Spitzenuniversitäten Berlin, Tübingen, Heidelberg oder Göttingen hatten Weltniveau.“
(S. 194 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ich bin immer noch ein Sozialdemokrat, und ich wäre auch heute nicht froh darüber, wenn allzu viele theoretisierende junge Intellektuelle, die links von sich selber stehen, sich in meiner Partei breitmachen.“
(S. 244 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Meine Meinung war, Leute, die in Wirklichkeit lieber der Sowjetunion untertan sein wollen als in das Risiko eines Krieges zu laufen, die gehören nicht in meine Partei.“
(S. 246 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Wenn Sie sagen, Sie hätten sich immer für links gehalten, klingt das so, als ob Sie dies nun revidieren müssten.
„Nein, ich bin nach wie vor ein Sozialdemokrat, und so, wie die Sozialdemokraten nun einmal eingeschätzt werden, zum Beispiel von Ihnen, sind das Linke. Allerdings war ich ein konservativer Sozialdemokrat, und das bleibe ich auch.“
(S. 248 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu Migration und Kriminalität

„Wir haben unter idealistischen Vorstellungen, geboren aus der Erfahrung des Dritten Reiches, viel zu viele Ausländer hereingeholt. Wer politisch verfolgt ist, genießt Asyl … … … Darauf haben sich allzu viele berufen, wir haben sie alle hereingeholt – das hätten wir eigentlich nicht gemusst. Wir haben heute sieben Millionen Ausländer, bei einer Gesamtbevölkerung von 81, 82 Millionen, die nicht integriert sind, von denen die wenigsten sich integrieren wollen, denen auch nicht geholfen wird, sich zu integrieren. … … … Und jetzt sitzen wir da mit einer sehr heterogenen, de facto multikulturellen Gesellschaft, de facto, und werden damit nicht fertig. Wir Deutschen sind unfähig, die sieben Millionen alle zu assimilieren. Die Deutschen wollen das auch gar nicht, sie sind innerlich fremdenfeindlich.“
(S. 101 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ich glaube an das, was Juristen Generalprävention nennen, Strafe als Mittel der Generalprävention – Abschreckung auf deutsch. Das Verständnis für jugendliche Straftäter geht bei uns viel zu weit. … Es ist abwegig, das in erster Linie als Pädagoge zu beurteilen. In erster Linie hat man das Wohl der Gesamtgesellschaft zu sehen, das ist meine Meinung. … Ich würde härter durchgreifen wollen.“
(S. 178 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu Antike und Kultur

„Ich hatte heute morgen die athenische Demokratie im Zeitalter des Perikles erwähnt. Es wird der heutigen Jugend verschwiegen, dass das eine Sklaverei-Gesellschaft war. Das war eine Demokratie, aufgebaut auf der Sklaverei, die Sklaven mussten die Arbeit machen. Was die Geschichtslehrer da an idealistischer Verballhornung zustande gebracht haben, ist erstaunlich“.
(S. 184 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Marcus Aurelius war für mich in doppelter Weise ein Vorbild. Er war ein römischer Kaiser, der sein ganzes Leben lang Krieg hat führen müssen und das eigentlich nicht gern gewollt hat, aber es war seine Pflicht. Zwei Dinge haben mich an ihm angezogen, einmal dieses Pflichtbewusstsein und zum anderen die Selbsterziehung zur inneren Gelassenheit. … Der Zufall hat mir, als ich 14, 15 war, seine sogenannten Selbstbetrachtungen in die Hand gegeben. Ich habe sie immer bei mir getragen, sie auch im Krieg immer bei mir gehabt. Marcus Aurelius hat mir durchaus geholfen, ja, und er ist auch heute in meinen Augen ein Staatsmann, den man als Vorbild empfinden kann.“
(S. 184 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Sie sind der erste und der letzte gewesen, der versucht hat, einen fernsehfreien Tag einzuführen.
„Nicht, ihn einzuführen. Ich wollte das nicht von Staats wegen verordnen, sondern das war ein Appell. Ich habe empfohlen – das war wohl 1978 –, jede Familie solle einmal in der Woche den Stecker rausziehen und statt dessen miteinander ‚Mensch, ärgere dich nicht‘ spielen, Musik machen oder sich gegenseitig etwas vorlesen. Aber ich habe schon geahnt, wohin das führt. Meinen Aufruf haben die Journalisten im Fernsehen dann furchtbar lächerlich gemacht. Die fanden das abwegig.“
(S. 180 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Fritz Vahrenholt / Sebastian Lüning: Unerwünschte Wahrheiten – Was Sie über den Klimawandel wissen sollten (2020)

Warum Klimaskepsis völlig berechtigt ist – ein richtig gutes Buch

Der erste Eindruck beim Auspacken des Buches ist überraschend: Das ist nicht nur sachlich-fachlich ein gutes Buch, sondern allein schon optisch beeindruckend: Das Format ist etwas größer als gewohnt, man hat sozusagen „richtig viel Buch“ in der Hand, und damit ist auch die Gestaltung von Schrift, Kapiteln und den vielen Abbildungen sehr großzügig, schön und angenehm geraten. Ein Buch mit Stil, das man gerne liest, obwohl so viele Zahlen und Tabellen darin sind. Gratulation an Verlag und Autoren allein schon dazu!

Inhaltlich begegnen einem all die Themen und Fragestellungen wieder, die man selbst aus eigener Beobachtung der Debatte bestens kennt. Alles, was man über viele Jahre im eigenen kleinen Archiv abgelegt hat, findet sich hier bestens aufbereitet wieder, und noch so viel mehr. Und es wird nicht nur die Treibhausthese beleuchtet, sondern auch Alternativthesen, die politische Struktur der Wissenschaft, sofern es dann noch Wissenschaft ist, aber auch die Frage nach alternativen Energiequellen und ihren Problemen, und welchen Sinn eine nationale Radikal-Strategie überhaupt haben soll, wenn der Rest der Welt nicht mitzieht. Denn die vorherrschende Klima-Ideologie scheitert nicht nur an der wissenschaftlichen Kernfrage, sondern auch an einer ganzen Reihe weiterer Fragen. Die öffentliche Debatte hat sich längst nach Utopia verabschiedet, und mancher Spruch von „Fridays for Future“ klingt inzwischen regelrecht gefährlich.

Besonders wohltuend ist die Sachlichkeit der Darlegung. Hier werden die Akzente richtig gesetzt, hier werden die Abwägungen richtig getroffen. Es kommt kein falscher Zungenschlag hinein, es wird kein Radikalismus mit Radikalismus beantwortet. Vahrenholt und Lüning sind mit ihrem Blog „Kalte Sonne“ die lebenden Beweise dafür, dass man weder „rechts“ noch gekauft sein muss, um der vorherrschenden Klima-Ideologie zu widersprechen. Menschlichkeit und Vernunft genügen völlig. – Das böse Gegenbeispiel ist natürlich der Verein EIKE, der personell immer noch mit dem bräunlichen Sumpf der siechen Gauland-AfD verbandelt ist. EIKE liefert den Vertretern der vorherrschenden Klima-Ideologie eine Steilvorlage dafür, Kritik mühelos abzubügeln. EIKE kann man nur den antitotalitären Grundkonsens aller Demokraten empfehlen, also einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit AfD und Linke.

Was Vahrenholt und Lüning hier vorlegen, verdient allemal, in den Medien sachlich verhandelt zu werden. Das sind keine Verschwörungstheorien und es ist keine gekaufte Wissenschaft. An der Frage, inwieweit die vorgelegten Debattenbeiträge von Politik und Medien aufgegriffen werden, entscheidet sich tatsächlich die Frage, ob diese Beiträge „unerwünscht“ sind, wie der Titel schon sagt, bzw. inwieweit Staat und Gesellschaft bei uns noch zu einer demokratischen Debatte fähig sind. In Inhalt, Augenmaß und Stil ein starkes Buch, ein gutes Buch, ein wichtiges Buch!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 30. September 2020)

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