Schlagwort: Einsamkeit

Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels (2006)

Ein Plädoyer für eigenwillige Intellektualität und das unvergänglich Schöne im Leben

Im Zentrum des Romans „Die Eleganz des Igels“ steht eine 54jährige verwitwete Concierge eines Pariser Nobelwohnblocks. Nach außen hin verbirgt sie, dass sie sich im Laufe der Zeit eine hohe Bildung angelesen hat und sich in Literatur, Philosophie, Musik und Kunst bestens auskennt, indem sie die Rolle der mürrischen Concierge spielt und darin bis zur Perfektion gelangt ist. Paloma, die aufgeweckte Dreizehnjährige die ihren Selbstmord plant, und Monsieur Ozu, ein neu zugezogener japanischer Millionär von hoher Bildung, sind die einzigen Bewohner des Blocks, denen die Intellektualität der Concierge nicht entgeht; sie decken ihr Geheimnis auf, befreien sie aus ihrer intellektuellen Einsamkeit und schließen Freundschaft. Doch so glatt geht die Sache am Ende nicht auf, denn das Schicksal ist launenhaft und ungerecht.

Mehr noch als die Handlung stehen philosophische Überlegungen, die sich an Alltagssituationen anknüpfen, im Mittelpunkt des Romans: Aus Banalitäten werden hochintelligente Betrachtungen über das Leben abgeleitet, und hohe Philosophie und Kunst wird direkt mit dem Alltag konfrontiert und auf praktische Tauglichkeit hin überprüft. In diesem Feuerwerk der Assoziationen von Bildung und Alltag liegt ein wesentlicher Teil des Reizes an diesem Buch.

Dieser Roman setzt nicht nur der Pariser Concierge und nicht nur dem ewigen Kleinkrieg zwischen Spießertum und Intellektualität ein literarisches Denkmal, sondern vor allem auch dem Typus des Autodidakten, der durch eigene Lektüre zu einer hohen Bildung gelangt ist. Ohne auf seinem Bildungsweg durch Rücksicht auf Schulen, Moden und Konventionen geformt worden zu sein, kann er seine Bildung und Vernunft frei in eigenwilliger Originalität entfalten und auf alles anwenden, wie es ihm beliebt. Andererseits kann diese Freiheit den Preis der Einsamkeit kosten, der zu Melancholie bis hin zur Verzweiflung an der Sinnhaftigkeit des menschlichen Daseins führen kann.

Am Ende des Buches behält diese Grundstimmung die Oberhand: Das Schicksal erlaubt es nicht, das die Concierge nach 54 Jahren der Einsamkeit zu einer optimistischen Weltsicht vordringt und mit spät entdeckten Gleichgesinnten zu leben beginnt. Gewiss, dieses Ende ist keineswegs unrealistisch, aber musste das sein? Vielleicht war der Autorin ein einfaches Happy End schlicht zu simpel. Dem Leser zum Trost sei festhalten: Auch ein Happy End wäre selbstverständlich möglich gewesen, das traurige Ende des Romans ergibt sich keinesfalls zwingend; es handelt sich hier also nicht um ein Plädoyer gegen das Streben und für die Ergebenheit in einen schicksalhaften Fatalismus, dem niemand entrinnen könne – ganz im Gegenteil! Paloma sagt es im Schlusskapitel: Es gibt die Möglichkeit, Momente unvergänglicher Schönheit zu erleben und das Schicksal durch Entscheidungen zu beeinflussen – und sie entschließt sich, zu leben!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. August 2012)

Hans Erich Nossack: Das Testament des Lucius Eurinus (1964)

Problemanalyse einer aufkommenden Religion – ohne angemessene Lösung

Das Testament des Lucius Eurinus von Hans Erich Nossack ist eine genaue Selbstanalyse der eigenen, persönlichen Situation des spätrömischen Politikers Lucius Eurinus. Zentrales Problem seiner Zeit ist das Aufkommen des Christentums. Dieses wird unter allen Gesichtspunkten beleuchtet: Die tieferen und durchaus verschiedenen Motivationen von gebildeten und ungebildeten Menschen, von Männern und Frauen, sich dem neuen Glauben anzuschließen; die Schwäche der eigenen Kultur; die Einfalt der meisten Christen; die Unmöglichkeit, mit Christen rational zu diskutieren; die Hilflosigkeit ihrer Borniertheit gegenüber; deren Heroisierung des Leidens und Opferseins, der Hang zum Beleidigtsein, und deren Habitus des Unterdrückten; deren Kollektivismus („wir“). Schließlich die Möglichkeiten, politisch darauf zu reagieren.

In einem Gespräch mit einem gebildeten Christen wird die Widersprüchlichkeit der neuen Bewegung deutlich: Wie der gebildete Christ selbst immer wieder die Irrtümer und Dummheiten der meisten seiner Glaubensbrüder verurteilen und tadeln muss. Wie er also einem Ideal von Christentum anhängt, das in der Realität schlicht nicht stattfindet. Es wird die Perspektive eröffnet, was es für das Christentum bedeuten wird, wenn es sich gesellschaftlich durchsetzt: Die Anpassung an die Notwendigkeiten, die Gestaltung des Glaubens nach dem Politischen. Am Ende wird das Christentum vielleicht dieselbe Funktion erfüllen wie seine Vorgängerkulte. Der gebildete Christ hat nicht mehr zu bieten als ein Erschrecken über dieser Perspektive.

Die Reflexion des Lucius Eurinus geht aber noch tiefer ins Persönliche hinein: Seine eigene Frau ist – fast beiläufig – Christin geworden, und für den römischen Beamten bricht damit eine Welt zusammen. Wie sich diese scheinbar kleine Veränderung gewaltig auf dessen Konzeption von Leben auswirkt, bis ins Privateste hinein, ist ebenfalls Thema. Die Ehe und das Verhältnis von Ehemann und Ehefrau werden unter einer seltenen Perspektive in den Blick genommen, was wertvoll ist. Am Ende seiner Überlegungen zieht Lucius Eurinus den Schluss aus seinen Überlegungen: In Stille aus einem Leben zu verschwinden, das nicht mehr das Seine ist.

Als Nossack diesen Text 1963 schrieb, dachte er wohl kaum an das Aufkommen des Islam in Deutschland, doch genau diese Perspektive gibt dem Büchlein heute (2012) eine Aktualität, die aufhorchen lässt. Schritt für Schritt begegnen dem heutigen Leser Gedanken und Probleme, die er aus seiner Gegenwart kennt.

Sehr problematisch ist die vorschnelle Resignation und Lebensverneinung, die in Nossacks Werk zum Ausdruck kommt. Auch wenn eine Lage schwierig ist, zum Davonlaufen ist sie deshalb nicht unbedingt. Man hätte gerne erfahren, welcher Philosophie und Weltanschauung Lucius Eurinus selbst anhängt, aus der er seine eigene Kraft schöpft; eine solche muss es doch offensichtlich geben, denn auf welcher Grundlage würde Lucius Eurinus die neue Religion sonst kritisieren? – Wenn Lucius Eurinus wirklich von seiner eigenen Weltanschauung überzeugt ist, dann würde er der neuen Religion gegenüber geistig standgehalten haben, und daran geglaubt haben, dass sich das Wahre und Gute langfristig durchsetzen wird – oder aber: dass sich das Wahre noch nie durchgesetzt hat und niemals durchsetzen wird, sondern immer eine Sache von Wenigen war. Also in jedem Fall kein Grund für Weltuntergangsstimmung. Lucius Eurinus denkt teilweise wie ein heutiger ungebildeter Islamkritiker, der vor lauter Jammern über den Untergang seiner Kultur und das Aufkommen einer „unbehauenen“ Kultur nicht zu einer konstruktiven Bewältigung der Situation kommt.

Wir finden hier also eine gute Aufbereitung eines Problems, aber keine befriedigende Antwort darauf. Das ist für gute Literatur zu wenig. – Richtig störend ist, dass Lucius Eurinus die Christen ständig als „religionslos“ und „Atheisten“ anredet, weil sie seine römische Religion ablehnen. Für den modernen Leser ist das kaum verständlich, dass hätte Nossack anders machen müssen.

Fazit: Sehr interessant und lesenswert, aber nicht gut genug.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 22. November 2012)

Friedrich Hölderlin: Hyperion oder der Eremit in Griechenland (1797 / 99)

Hölderlins lesenswertes Genie-Drama mit fragwürdigem Ausgang

Hölderlins Briefroman „Hyperion“ will das Ganze des erhellten Menschen und seines Sinnes in der Welt fassen. Das Leben des Hyperion wird dazu in seinen verschiedenen Phasen nachgezeichnet, und die großen Themen des Werkes angeschlagen: Unerfahrene Jugend, die von einem Lebenslehrer (Adamas) zum Erwachsenenleben hinaufgezogen wird. Wahre Freundschaft, Zerstreitung, Wiederfindung und Versöhnung (Alabanda). Liebe zu einer Seele, die einen versteht (Diotima). Die Notwendigkeit der Hoffnung für das Leben. Der Wert der Begeisterung, der Harmonie mit dem Ganzen. Klage über das Fehlen eines solchen Geistes bei den Philistern von Smyrna oder den Deutschen. Skepsis gegen romantisches Schwärmen, harte Selbstkritik, Abwehr falscher Hoffnungen und allzu einfachen Glaubens. Abschied, Tod, Sinnlosigkeit. Das klassische Athen als Quelle der Erkenntnis für alle Weisheiten und Einsichten.

Hölderlin hat mit „Hyperion“ ein Werk voller Einsichten geschaffen, das den genialen Menschen in der Welt umfassend durchleuchtet und nicht zufällig in Griechenland angesiedelt ist. In einer schönen, klaren, oft schwärmerisch erscheinenden Sprache führt sich in Briefen ein keinesfalls willkürlich schwärmendes Leben vor Augen. Mehr als alles andere aber steht der begeisterungsfähige und intelligente Mensch, der natürlich-geniale Geist, in seiner Unverstandenheit bei seinen allzu praktischen oder allzu gläubigen Mitmenschen im Mittelpunkt. Nur wenige sind so, und nur wenige werden deshalb Hölderlins Hyperion begreifen können.

Gegen Ende des Romans entgleist Hölderlin die Situation und er scheitert daran, ein wirklich großes Werk geschrieben zu haben:

Was für Hyperion von Wert war in dieser Welt, zerrinnt ihm unter den Händen (Diotima, Alabanda), und er flüchtet sich aus Griechenland ins Land der geistlosen Deutschen in einen nun leider doch schwärmerisch zu nennenden Naturglauben: In der Natur sieht er alles aufgehoben, der Tod ist nichts vor der Natur. Mit diesem Naturglauben kehrt er dann als Eremit nach Griechenland zurück. Diese schärmerische Wendung, diese Flucht ins Wünschenswerte, für dessen Realität er aber keinen Beleg und kein Argument bringt, außer der geahnten Geisterstimme von Diotima im Säuseln der Natur, nimmt dem Werk etwas von dem guten Eindruck, den es die meiste Zeit macht, denn die gesunde Skepsis wurde über Bord geworfen und Hoffnung ist hier nur für den Schwärmer zu sehen. Für intelligente Menschen, denen ihr Leben zerbricht, hat Hölderlin nur bedingt eine Antwort.

Goethes Faust II endet ebenfalls mit einer Aufgehobenheit nach dem Tode und einer Begrüßung durch das „Weibliche“, aber es ist eindeutig philosophischer und symbolischer, während Hölderlin zu konkret und zu oberflächlich bleibt. Zwischen philosophischer Metaphysik einerseits und schwärmerischer Esoterik andererseits ist eine feine aber wichtige Grenzlinie gezogen, die Hölderlin leider nicht beachtet. Es fragt sich, ob Hölderlin eher auf Athen oder eher auf die „Natur“ gesetzt hätte, hätte er wählen müssen, und wie weit Hölderlins Schwärmerei für die Natur die guten Einsichten, die er dem wirklichen Athen verdankt, überlagert haben.

Man fragt sich auch, was aus Hyperions Plan geworden ist, ein Erzieher des Volkes der Griechen zu werden, den er in Athen gemeinsam mit Diotima fasste. Und der Tod der Diotima aus „Verwelken“ ist ebenfalls ziemlich fragwürdig, wie immer man ihn auch deuten mag; sie hätte mit Hyperion ins Ausland gehen können und dort seine Rolle als Volkserzieher unterstützen – statt dessen stirbt sie mutwillig dahin, weil sie sich „verwelkt“ fühlt; diese Selbstbezogenheit und Pflichtvergessenheit gegenüber der Welt ist nicht nachvollziehbar. Alles in allem ein großes Werk, doch der ganz große Wurf ist gescheitert.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 22. Dezember 2012)

Ewald Arenz: Alte Sorten (2019)

Zwei beschädigte Seelen treffen aufeinander und finden aneinander Heilung

Die Jugendliche Sally tut sich schwer damit, sich in die „vernünftige“ Welt einzuordnen, ist wahnsinnig misstrauisch gegen alles und jeden, reagiert hysterisch, ritzt sich, wird deshalb von ihren aalglatten und verständnislosen Eltern von Klinik zu Klinik geschickt, und reißt eines Tages aus – da trifft sie auf Liss, die alleinstehend und schon über 40 einen Bauernhof mit allem drum und dran umtreibt. Liss nimmt Sally bei sich auf, sagt nicht viel, lässt sie gleichmütig gewähren und an den Arbeiten des Bauernhofes teilhaben. Sally erfährt zum ersten Mal die Freiheit, die sie benötigt, und beginnt Interesse an dem ihr völlig unbekannten Landleben zu zeigen. Aber Liss ist keineswegs die heile Seele, als die sie zunächst erscheint. Nach und nach zeigen sich ihre Beschädigungen, und nun ist es an Sally, Liss vor dem Abgrund zu retten.

Eine wunderschöne Geschichte von zwei Menschen, die aneinander ihr Glück finden und beste Freunde werden. Es sind genau die richtigen zwei aufeinander gestoßen. So ist es auch im richtigen Leben. Wir wollen und sollen alle freundlich und hilfsbereit zueinander sein, aber das alles muss dennoch an der Oberfläche bleiben. Nur in seltenen Fällen geschieht es, dass sich zwei Seelen treffen, die sich mehr zu sagen haben als das. Und manchmal trifft man eben keine. Dann bleibt man allein. So wie Liss, die immer an die Falschen geriet, und sich daraufhin in ihrem Leben durchaus sinnvoll eingerichtet hatte, soweit es ihr möglich war, mit ihrer Arbeit, mit ihren Büchern, und mit ihrem stoischen Gleichmut.

Der Roman wird ruhig erzählt und entfaltet mit einfachen Worten eine eindrucksvolle Geschichte. Neben dem eigentlichen Thema ist der Leser mindestens genauso fasziniert wie Sally von den Einzelheiten des Landlebens. Ein wahres Lesevergnügen, das zum Nachdenken über das Leben anregt.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Verfasst Februar 2022.