Schlagwort: Scheitern (Seite 1 von 3)

Katja Kullmann: Echtleben – Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben (2011)

Enttäuschung: Ideologische Verblendung statt schuldlos in Not geraten

Mit viel Wohlwollen und einigen Erwartungen habe ich dieses Buch zu lesen begonnen. Meine Erwartung war, Einblick von innen zu bekommen in das Milieu von Menschen um die 40, die ähnliche Probleme wie die „Generation Praktikum“ haben: Gut ausgebildet, leistungsbereit, aber dennoch ohne Chance; nur, dass sie schon etwas älter sind. Ich wollte wissen, wie es Menschen geht, die es schuldlos nicht geschafft haben. Man interessiert sich schließlich und fühlt sich auch verantwortlich: Was läuft schief? Und wo wirkt der Sozialstaat wirklich sinnvoll?

Nach einigen Seiten korrigierte ich meinen Eindruck, aber immer noch wohlwollend: Hier ging es wohl eher um Menschen, die etwas naiv sind? Die die ganzen linken Lebenslügen geglaubt haben und jetzt langsam erwachen, und nur noch nicht so recht wissen, wer eigentlich schuld ist an ihrer Lage? (Zum Beispiel die, die ihnen einredeten, dass grundlegende Lebensregeln nach 1968 nicht mehr gelten würden.) Auch dafür, dass man sich mit der Entscheidung schwer tut, einen Wunschberuf an den Nagel zu hängen und umzuschulen, kann man noch ein gewisses Verständnis haben … ja, man kann sich lebhaft vorstellen, dass man selbst auch nicht perfekt „funktionieren“ würde in so einer Lage.

Doch der Eindruck verdüsterte sich dann zusehends.

Der erste richtige Hammer kam schon S. 37: An ihren Freunden fiel der Autorin auf, „dass kein Neokon darunter ist, jedenfalls kein überzeugter Liberaler oder Konservativer, kein wirklich scharfer Hund.“ – Ups! Seit wann sind denn Liberale oder Konservative per se schon „scharfe Hunde“? Wie weit links muss man stehen, um einen solchen Satz formulieren zu können? Und mehr noch: In dem dargelegten Freundeskreis der Autorin finden sich sehr wohl „scharfe Hunde“, nämlich linke „scharfe Hunde“ … aber das zählt für unsere Autorin wohl nicht?

Wiederum ziemlich naiv dann die Auffassung der Autorin, dass ihre Generation Entscheidungsstärke demonstriere, weil manche ihrer Freunde bestimmte Lebensmittelketten boykottieren oder aus CO2-Sparhysterie ständig überall Licht und Standby ausschalten. Das meint die Autorin doch nicht ernst? Entscheidungsstärke? Wohl eher der Verlust des Blicks für die Relationen und das Machbare …

Die Autorin sieht Entscheidungsfreude aber auch in folgendem: „… leer stehende Häuser werden besetzt oder von selbst verwalteten Genossenschaften übernommen, wenn die Überteuerung eines Wohnviertels droht, … All dies sind ganz praktische Antworten auf die von Politik und Wirtschaft forcierte, viel zitierte Privatisierung der Lebensrisiken. Es ist Arbeit an der und für die Gemeinschaft.“ (S. 61).

An dieser Stelle war endgültig klar: Meine Erwartungen an dieses Buch konnte ich in die Tonne treten. Dieses Buch schildert keine schuldlos in Not geratenen Menschen, sondern bringt wohl nur Einblicke in ein ganz bestimmtes linksliberales bis linksextremes Milieu, das an seiner eigenen ideologischen Verblendung scheitert, und nun andere für das eigene Versagen verantwortlich macht. Mit S. 61 habe ich dieses Buch abgebrochen, was ich wirklich nur sehr, sehr selten mit einem Buch tue.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

Michael Klonovsky: Land der Wunder (2009)

Ästhetisch unakzeptabel: Enttäuschung von diesem Autor

Nachdem ich den „Ramses-Code“ vom selben Autor gelesen hatte, griff ich zum „Land der Wunder“. Ein Fehlgriff. Das Buch ist im Gossenstil der „Idiot“-Bücher geschrieben, offenbar, um ein breites Lesepublikum zu erreichen. Man muss auch solche Bücher einmal gelesen haben, um über unkultiviertes Denken und Empfinden unterrichtet zu sein – aber einmal reicht völlig.

Diesmal habe ich – was ich sehr selten tue – die Lektüre abgebrochen, und zwar an der Stelle, wo der Held der Geschichte besoffen auf der Toilette seiner Freundin einschlief und vom Nebenbuhler den Hintern abgewischt bekam, welcher tags darauf mit Freundin vor dem Erwachenden steht, in Unterhosen, den Geruch von Sperma u.a. verbreitend. Das ist es, was von diesem Buch bleibt, und das muss man sich nicht geben.

Nach kurzem Überfliegen des Endes (die Freundin und überzeugte Sozialistin wurde zur Prostituierten und stirbt an Krebs) war ich mit dem Buch fertig.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 23. Mai 2015)

Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft (2018)

Unausgeführte literarische Versuche, die kein Ganzes ergeben, und wenig hell sind

Dieses Buch ist ein Torso. Es hat lauter unzusammenhängende Kleinigkeiten darin, die literarisch oder inhaltlich von Wert sind: Zunächst ein endloser psychedelischer Strom von Assoziationen und Rückblenden, teilweise im Suff. Dann die literarische Gestaltung des Redens im Suff (Marmeladow in Dostojewskis Schuld und Sühne bleibt aber unerreicht). Sehr interessant die Idee, dass die Sprache durch ihren Klang Trost und Sicherheit spendet, und weniger durch ihre Inhalte. In diesem Sinne könnte der psychedelische Strom von Assoziationen in diesem Buch als beruhigendes Dauermurmeln für den Leser interpretiert werden.

Inhaltlich werden zahllose aktuelle Themen angerissen, insbesondere in der Oberflächlickeit des Suffs, aber dann bekommen die Themen häufig doch noch einen Drive in größere Tiefe. Aber immer nur angedeutet. Und das ist zu wenig. Die Brüderbeziehung ist hingegen eher klassisch: Auf der einen Seite ein Schwärmer und Idealist, der vieles anfängt und nichts zu Ende bringt, eine verletzliche und empfindliche Natur, die hysterisch auf die Probleme der Welt reagiert, geistig meist an der Oberfläche verbleibt und Küchenphilosophie betreibt, sich schwer in soziale Zusammenhänge einordnet, Erfolg bei den Frauen hat, aber keine dauerhafte Beziehung zustande bringt, und schließlich dem Alkohol verfällt. Auf der anderen Seite der eher nüchterne, rationale Typ, zurückhaltend und deshalb auch robuster, der Dinge zu Ende führt und tiefer in die Gedanken eindringt (z.B. Panpsychismus). Zwei Welten treffen aufeinander. Neu ist das aber nicht.

Schließlich der Tod als Thema. Die Trauer. Die Erinnerung. Die Banalität des Todes. Trost durch den Erzählstrom der Worte, ohne dass es auf Inhalte ankäme. Wie das Gutenachtlied für Kinder. Nein, das ist alles nicht überzeugend. Ich hätte z.B. gerne gehört, ob der Panpsychismus in der Lage ist, Trost zu spenden. Oder ob der Bruder, der sich sein Leben selbst schwer gemacht hatte, sein Leben tapfer und tugendhaft gelebt hat, und ob das Trost spenden kann. Aber nichts davon.

Und all das wird nicht zu einem größeren Ganzen integriert.

An einer Stelle blieb eine Dummheit stehen, die sauer aufstößt. Es geht um die Deutschen unter dem Nationalsozialismus, Zitat: „… die Einwohner jenes Landes in der Mitte des Kontinents, deren Eltern das Zerstören und Töten, das später auch die eigenen Kinder traumatisierte, ja überhaupt erst in Gang gesetzt hatten, durch offene Zustimmung oder mangelnden Widerstand“ (S. 166).

Dass es unzulässig ist, ein ganzes Volk für eine Diktatur in Haft zu nehmen, wusste schon Thukydides, und dass die Athener von dieser Weisheit später abkamen, hatte Thukydides mit großer Klarheit als deutlichstes Zeichen des moralischen Verfalls erkannt. Hinzu kommt die unsägliche Leichtigkeit, mit der es heute üblich geworden ist zu sagen, man hätte bitteschön gefälligst Widerstand leisten sollen, ansonsten wäre man eben schuldig. Ich muss kein Buch gut finden, das mir solche Dummheiten vorsetzt. Die Menschen heute scheitern ja bereits daran, ihre Vereinnahmung durch den Zeitgeist überhaupt zu erkennen, geschweige denn, dass sie Widerstand leisten würden, obwohl man heute dazu weit weniger Mut benötigt, als damals. Bücher sollten ihre Leser aufklären und nicht zur Verwirrung beitragen.

Fazit

Dies ist ist ein Trümmerhaufen von einem Buch. Aus den verkohlten Resten der Ruine kann ein findiger Lumpensammler zwar Kleinigkeiten von Schrottwert herausziehen, mehr aber nicht. Der Titel ist Programm: „Die Überwindung der Schwerkraft“. Ein hehres Versprechen, von dem aber jeder weiß, dass das gar nicht geht. Damit ist dieses Buch völlig programmgemäß an seinem eigenen Anspruch gescheitert.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 17. Juli 2019)

Homer: Ilias (um 700 v.Chr.)

Einmal sollte man die Ilias als ganzes gehört haben

Es lohnt sich unbedingt, die Ilias als ganzes zu lesen, besser aber zu hören! Jeder kennt die Ilias und weiß so ungefähr, worum es da geht. Aber die Ilias ist eben nicht die Geschichte von dem Trojanischen Krieg mit dem hölzernen Pferd am Ende, die außerhalb der Ilias überliefert ist.

Sondern die Ilias ist eine großartige und gewaltige Dichtung vor dem Hintergrund dieses Krieges, die am Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht, und voller tiefgründiger Gehalte ist:

  • Das Walten der Götter und des Schicksals,
  • der Mensch in seinem Streben und Scheitern,
  • Krieg und Kampf,
  • Volk und Herrschaft,
  • Liebe und Zorn,
  • Feindschaft und Vergebung,
  • usw. usf.

Es ist eine Dichtung, die eine in sich geschlossene und schlüssige Handlung hat, fast wie ein Theaterstück. Man muss das als ganzes kennen:

  • Wie die Götter die Handlung bestimmen,
  • wie die Menschen in diesem Rahmen agieren,
  • wie Achilleus sich versagt,
  • wie die Troer die Achäer immer ärger bedrängen,
  • dann die Wende durch Zeus,
  • schließlich das gegenseitige Erkennen der Feinde (Achilleus/Priamos) als Menschen,
  • usw.

Man sollte es am besten hören: Der beste Ausdruck für die Wirkung der Ilias ist vielleicht „Kopfkino“. Beim Hören ist man der Situation, wie die Ilias einst vorgetragen wurde, am nächsten: Ein Sänger trägt sie vor Publikum vor.

Die Dichtung ist so reichhaltig, dass sie bis heute fortwirkt, und in vielem drinsteckt, von dem man es nicht vermutete. Jeder sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen, jeder wird es wieder anders und neu entdecken!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. Juli 2012)

Edith Wharton: The House of Mirth (1905)

Drama eines erwachenden Menschen in einer kalten, langweiligen Gesellschaft

Oberflächlich betrachtet ist dieser Roman ein feministisches Buch, in dem eine Frau daran zugrunde geht, dass Frauen in der Welt von 1900 nur durch Männer an Geld kommen. Doch diese Betrachtungsweise greift entschieden zu kurz. In diesem Roman sind auch Frauen Täter und Männer Opfer, wie explizit gesagt wird. Und die besondere Konstellation der Protagonistin ist ein zeitloses Problem: Ein Mensch wird durch seine Eltern auf ein bestimmtes Gleis gesetzt, doch nach und nach bemerkt dieser Mensch, dass der für ihn vorgesehene Weg falsch und für ihn nicht gangbar ist.

Der Roman spielt im New York um 1900, und es geht um die Gesellschaft des Geldadels von New York. Die High Society trifft sich mal auf diesem, mal auf jenem Landsitz, oder fährt mit der eigenen Jacht nach Monte Carlo. Wer eingeladen ist, ist dabei, und die schöne und intelligente Lily Bart ist ständig eingeladen. Ohne eigenes Vermögen wurde sie von ihrer Mutter auf das Lebensziel hin erzogen, einen Millionär zu heiraten. Doch Lily schreckt immer im letzten Moment zurück. Sie kann es nicht. Sie liebt diese Männer nicht. In Lawrence Selden hat sie einen Komplizen, der die Gesellschaft durchschaut hat. Sie hat Gefühle für ihn. Doch er ist kein Millionär. Und er respektiert ihre Ziele.

Weil sie dauerhaft keinen Mann findet, beginnt Lily Bart „Fehler“ zu machen und sich in dem Haifischbecken dieser „feinen“ Gesellschaft aus Intrigen, Ansprüchen, Neid, Begehrlichkeiten und übler Nachrede zu verlieren. Männer, die ihr finanziell aushelfen, erwarten Gegenleistungen, die sie nicht erbringen will, was sie in Schulden stürzt. Frauen, die sie zur Ablenkung ihrer Männer benutzen, machen sie hinterher zum Sündenbock, was zu ihrer Ausladung aus der Gesellschaft führt. Lily beginnt, die soziale Leiter herabzusteigen, bis zu Armut und Elend. Dabei erkennt sie immer mehr, welchen gedankenlosen Irrtümern sie als Mitglied der High Society unterlegen war.

Lily erhält zwar Hilfe von Freunden, doch es fällt ihr schwer zu erkennen, dass das für sie vorgesehene Lebensziel falsch war. Die Liebe zwischen Lily und Selden kommt bis zuletzt nicht zum Durchbruch, bis es zu spät ist.

Das Buch ist in einer sehr schönen Sprache geschrieben und enthält zahlreiche Dialoge und Situationen, die grundlegende Einsichten mit Esprit gestalten, und zum Merken und Wiederlesen einladen. Es gibt zwar einige Zufälle in diesem Buch, die allzu zufällig sind, aber um der Parabel willen, die das Buch ja sein soll, kann man sich das gefallen lassen. Teilweise werden die Ursachen dafür, dass jemand gesellschaftlich in Ungnade fällt, nur angedeutet, was das Verständnis manchmal etwas erschwert; es ist wirklich eine „hochfeine“ Gesellschaft. Aber allein um einen Einblick in diese Gesellschaft zu erhalten, ist der Roman absolut lesenswert, der sie in allen Details und allen ihren Funktionen und Fehlern beschreibt. Überhaupt handelt es sich um ein wohlkonstruiertes Stück Literatur, ein Drama von antiker Qualität, ein Meisterwerk eigener Art.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 18. September 2019)

Nero Campanella: Wie ich unsterblich wurde (2023)

Fingerübung eines Schriftstellers

Die halb literarische, halb autobiographische Figur Brinus vom Schrock, 50, entstammt der saarländischen Bohème, in der er auch versumpft ist, mit Alkohol, Kumpels, allerlei Substanzen, Masturbation, Huren, viel Schmutz und Rotz und einer Menge ungesunden „Abenteuern“ zwischen Tresen und Toilette. Eines Tages bekommt er durch einen Ex-Kumpel, der es vom verkrachten Marxisten zum SPD-Funktionär geschafft hat, ein Künstlerstipendium für einen Aufenthalt auf dem brandenburgischen Schlossgut Wiepersdorf.

Das Schlossgut gibt es wirklich, und es dient tatsächlich als Refugium für Schriftsteller und Künstler aller Art, gesponsert vom Steuerzahler. Es hat eine gut gemache Webseite, auf der man es sich in aller Ausführlichkeit ansehen kann: Sehr schön!

Der Roman reflektiert autofiktional das eigene Tun: Der Schriftsteller erzählt also, wie er nach Schloss Wiepersdorf kommt, wo er mit allerlei seltsamen Künstlern zusammenlebt. Es stellt sich schnell heraus, dass keiner dieser Künstler wirklich etwas vorzuweisen hat, ganz wie Brinus vom Schrock selbst. Alle sind gescheitert, spießig und insgeheim spinnert, und alle singen das politisch korrekte Lied des „linksliberalen“ Zeitgeistes. Nur ausgerechnet eine Lesbe nicht. Und Brinus vom Schrock auch nicht, der sich dadurch schnell unmöglich macht. Der Stil des Buches ist respektlos und zynisch: Brinus vom Schrock hat zwar manchen Durchblick durch die Kulissen der Welt, der immer wieder erfrischend ist, doch zu einer konstruktiven Bewältigung reicht es nicht.

„Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Künstler, psychologisch gesehen, Streber mit schlechten Noten waren, die sich nur auf kreativen Umwegen den Autoritäten andienten, um ein paar Krümel Wichtigkeit von der Tafel der Geschichte aufzuschnappen, dann wäre er mit diesem Betroffenheitsgekusche um mich herum soeben geliefert worden.“ (S. 107)

Der Roman hechelt verschiedene Situationen und Themen durch: Die Saarbrücker Bohème, die brandenburgische Provinz, politische Korrektheit, peinliches Ertapptwerden, schmarotzende Künstler, politischer Filz, Spießertum, Sex, Drogen aller Art und ihre Folgen, Hegel, ein Traumkapitel, das Sterben eines Freundes (das stärkste Stück im ganzen Buch), die Begegnung mit einem Literaturagenten, die Frage nach der Glaubwürdigkeit eines religiösen Glaubens, das Verschwinden des belesenen Bildungsbürgertums, u.v.a.m.

Fazit

Alles in allem bietet das Buch eine Reihe von gelungenen und teils witzigen Stücken, doch es ist kein ganzes, es bleibt Essay. Am Ende bleiben Verlust, Peinlichkeiten und Scheitern eines wenig erfolgreichen Lebenskünstlers. Das allerdings wird literarisch gut aufbereitet. Es ist die Fingerübung eines Schriftstellers, nur die Generalprobe, nicht das eigentliche Werk.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Ernst Bertram: Vineta (2023)

Dunkle Gedichte von einem dunklen Autor, etwas dunkel präsentiert

Der im Castrum-Verlag erschienene Band „Vineta“ versammelt Gedichte aus den letzten Lebensjahren des Kölner Germanisten Ernst Bertram (1884-1957). Ernst Bertram war – auch durch seine Homoerotik – stark vom George-Kreis beeinflusst und stand ganz im Banne Nietzsches. Damit war er einer dunklen Romantik zugeneigt, die die Helligkeit der Vernunft nicht kennt. Seine langjährige Freundschaft mit Thomas Mann, die zu einem umfangreichen Briefwechsel führte, änderte daran nichts.

Ernst Bertram begrüßte 1933 den Anbruch des Nationalsozialismus in einer Rede gegenüber seinen Studenten, und er beteiligte sich auch an der Verbrennung von Büchern. Dass er vom Nationalsozialismus bald enttäuscht wurde und auch die Bücherverbrennung unter Protest verließ, als er nicht verhindern konnte, dass auch die Bücher von Thomas Mann verbrannt wurden, ändert nichts an seiner antihumanistischen Einstellung, die klar zum Ausdruck kommt. Manche möchten Ernst Bertram seine Naivität zugute halten. Doch soviel Naivität ist bei einem Gelehrten nicht erlaubt. Ernst Bertram war nationalsozialistisch gesinnt, wenn auch auf naive Weise. Ein Mitglied der NSDAP war er nicht.

Die Gedichte haben die legendäre Stadt Vineta, die einst in der Ostsee versank, zum Thema. Vineta dient dabei als dichterische Chiffre für Untergang und Verlust, es geht nicht um das historische Vineta. Die dunkle Romantik Bertrams verklärt Untergang und Verlust und sucht darin eine Mahnung für die Gegenwart oder ein mystisches Versenken in ewiger Erinnerung. Die Gedichte sind oft pessimistisch: Der Untergang ist nicht aufzuhalten, sondern schicksalhaft und unvermeidlich. Die meisten bemerken den Beginn des Untergangs nicht und schlagen Warnungen in den Wind, und für Gegenwehr ist es immer zu spät, sobald man den Untergang bemerkt. Ergebenheit in das Schicksal ist ein Thema. Musik ist immer wieder Medium der Ewigkeit.

Das versunkene Vineta hatte für Ernst Bertram einen ähnlichen Stellenwert wie der Hades für die alten Griechen: Ein Ort der Schatten und der unendlichen Verlorenheit. Ein Verdacht von Nekrophilie liegt in der Luft, Zuversicht findet sich nirgends. Als humanistisch eingestellter Mensch kann man nur wenig aus diesen Gedichten mitnehmen.

Atlantis wird als eine weitere Chiffre für Untergang und Verlust verwendet: Vineta ist das „Atlantis des Nords“. An keiner Stelle wird der Gedanke an Atlantis als einen realen Ort auch nur angedeutet. Es ist alles Chiffre und dichterische Phantasie. Auch das Adjektiv „atlanten“ wird verwendet, als poetische Form von „atlantisch“.

Konrad Adam gibt in einem Nachwort seinen persönlichen Erinnerungen an Ernst Bertram Raum. Offenbar wurde Konrad Adam als Kind – er war 15 als Bertram starb – von Ernst Bertram ein wenig unter die Fittiche genommen: Bertram schenkte ihm Bücher mit Widmungen und sie gingen gemeinsam ins Museum. Wie dieses Verhältnis zustande kam und wie es genau aussah, wird jedoch nicht gesagt. Das ist ein Manko. Man kann vermuten, dass Konrad Adam, dessen Vater mit dem George-Kreis in Berührung war, durch diesen in Kontakt mit Bertram kam. Aus anderen Quellen erfährt man, dass Konrad Adams Vater Ernst Bertram bei dessen Entnazifizierungsprozess half. Man fragt sich, warum Konrad Adam das nicht klarstellt. Ebenso bringt Konrad Adam nicht deutlich genug zum Ausdruck, dass Ernst Bertram ernstlich mit dem Nationalsozialismus verstrickt war.

Fazit

Ein dunkles Buch, von einem dunklen Dichter, auf eine etwas dunkle Weise herausgegeben.

Fehler

Eines der Gedichte heißt „Ankona“. Der Name wird im Gedicht mehrfach wiederholt. Es handelt sich um einen Fehler, es müsste „Arkona“ heißen. Ancona ist eine Stadt in Italien. Arkona hingegen ist der nördlichste Punkt der Insel Rügen, wo auf Kreideklippen einst ein heidnischer Tempel für die Gottheit Swantewit stand, um den es in dem Gedicht offensichtlich geht.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

Ledio Albani: Haltungen (2021)

Wokismus von Rechtsaußen in 430 Aphorismen

Das Buch „Haltungen“ folgt dem üblichen Schema von aphoristischen Werken: In verschiedenen Kapiteln werden Aphorismen zu verschiedenen Themen präsentiert, darunter Tod, Niederlage, Scheitern, Skepsis, Literatur, Tradition, Krieg, Blut, Kunst, Ritual, Götter, Glaube, Wissenschaft, Musik, Gleichheit, Revolution, Untergang. Das Buch ist stilistisch anspruchsvoll gestaltet: Auf einem schwarzen Einband prangt eine einzelne griechische Säule in Weiß. Das Buch liegt gut in der Hand, das Papier ist schwer, die Drucktype gediegen, der Satz edel.

Die Aphorismen sind sprachlich gut gelungen. Doch leider nur das. Inhaltlich sind sie das Zeugnis einer wenig vernünftigen philosophischen und politischen Grundhaltung. Vernunft und Wahrheit werden mit Skepsis betrachtet und abgelehnt, das Irrationale wird gefeiert. Ebenso wird die Niederlage und das Besiegtsein als der eigentliche Sieg bezeichnet – aber warum für einen Sieg kämpfen, wenn doch angeblich die Niederlage der Sieg ist? Ordnung sei Chaos, und Chaos Ordnung. Es finden sich tausend Selbstwidersprüche. Obwohl ständig gegen Ratio und Logik gewettert wird, werden die Gesetze der Mathematik für unerschütterlich gehalten. Manche Aphorismen zu Suizid oder dem Blut als Quelle von kulturellen Leistungen gehen an die Schmerzgrenze des Erträglichen.

Vielleicht 5% der Aphorismen sind zustimmungsfähig, weitere 10% regen noch ein wertvolles Nachdenken an. Doch der große Rest der Aphorismen ist einfach nur sachlich falsch und moralisch schlecht. Die Falschheit des Geistes, die den Leser aus dieser Aphorismensammlung anweht, zeigt sich u.a. auch in der Meinung über die Antike:

Nr. 352: „Dass die Antiken uns noch etwas zu sagen hätten, behaupten nur die Ahnungslosen und die Untalentierten. Jene, um fremdes Unwissen zu verschleiern, diese, um eigenes Unvermögen aufzudecken.“

Wie kann ein halbwegs gebildeter und vernünftiger Mensch so einen Unsinn verzapfen?! Das ist ein Anschlag auf unsere Kultur, nichts anderes. Das ist nicht Humanismus und nicht Aufklärung, sondern die Verherrlichung der Barbarei. Man fragt sich, was die griechische Säule auf dem Umschlag soll, wenn uns die Antike angeblich nicht zu sagen hätte?! Der Autor führt den Leser konsequent an der Nase herum:

Nr. 127: „Sich in Widersprüchlichkeiten ergehen und nicht mehr zu dem halten, was man noch gestern für wesentlich erachtete, täglich seine Ansichten ändern, seine Vorliebe, seinen Geschmack, seinen Glauben … keinen Charakter haben, das ist es!“

Nr. 429: „Wenn sich meine Merksätze mit einem Mal in ihr Gegenteil verkehrten, so würde sich an ihnen und an dem vorliegenden Band nur Unwesentliches geändert haben.“

Was wir in diesem Buch vor Augen geführt bekommen, ist nichts anderes als Wokismus von Rechtsaußen. Aus derselben Quelle, aus der die linken Woken ihren antihumanistischen Postmodernismus geschöpft haben, aus Nietzsche und Heidegger, schöpft auch der Ungeist dieses Buches. Es ist dieselbe Ablehnung von Vernunft, Realismus und Kultur wie bei den linken Woken. Ein Hang zur Nekrophilie ist nicht übersehbar. Würde man dieses Büchlein, versehen mit einem Regenbogen-Einband, Claudia Roth in die Hand drücken, sie fände vieles darin entzückend.

Zuletzt stimmt auch die Form nicht: Es finden sich überraschend viele Kommafehler, die so manchen Aphorismus zur ungewollten Stilblüte werden lässt. Schwer wiegt auch, dass die Aphorismen leider nicht in Kapitel mit jenen Überschriften eingeteilt sind, die oben genannt wurden: Tod, Niederlage, Scheitern, Skepsis, usw. usf. – Nein, dieses Büchlein teilt die Aphorismen lediglich in fünf Kapitel mit höchst nichtssagenden Überschriften ein. Und schließlich hat dieses sich edel gebende Büchlein leider kein Lesebändchen. An sich eine Bagatelle, aber angesichts der Fallhöhe, die das Büchlein ausstrahlen will, ein echtes Versäumnis.

Fazit: Weg damit. Nur ansehen, um auch so etwas einmal gesehen zu haben. Und dann einfach nur weg damit. Möge der Autor, der diesen Text in jungen Jahren verfasst hat, mit zunehmendem Alter zu besseren Gedanken kommen.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

Johan Bargum: Nachsommer (1993)

Trost- und Lachbuch für vielgeplagte „stille“ Brüder

Das Buch erzählt von einem ungleichen Brüderpaar, das sich nach langer Zeit am Sterbebett der Mutter wiedertrifft. Einer der Brüder ist eher „still“ und zurückhaltend, der andere aggressiv und rücksichtslos. Der eine unbeholfen und scheinbar ein Versager, der andere ein „Macher“ und scheinbar ein Erfolgsmensch. Der eine lebt dauerhaft einsam, der andere hat Familie. In Retrospektive wird das Verhältnis der beiden nachgezeichnet, sowie das Verhältnis zur Mutter, zum Stiefvater („Onkel“), und zur Ehefrau und den Kindern des einen Bruders.

Johan Bargum schafft es, in knappen Worten kurze Episoden zu Papier zu bringen, die den Charakter der beiden Brüder subtil und präzise auf den Punkt bringen. Bargum muss so eine Situation selbst erlebt oder sehr genau beobachtet haben, denn er kann auch die untergründigen Beweggründe der Beteiligten bestens nachzeichnen. Angefangen von der unfasslichen Ignoranz des „Macher“-Bruders und seines Kotzbrocken-Sohnes in ihrer ganzen lächerlichen Tragikomik, über die erlernte Hilflosigkeit des systematisch entmutigten „stillen“ Bruders, bis hin zur Mutter, die über sich selbst keine Klarheit erlangen zu können scheint und unwahrhaftig bis zur Heuchelei ist: Während sie den „Macher“-Bruder offiziell hasst, zieht sie ihn in Wahrheit dem „stillen“ Bruder immer wieder vor, angefangen vom ewig einseitig geäußerten „Schieb die Schuld nicht auf Deinen Bruder!“ bis hin zu dem Umstand, dass er selbst noch beim Erbe benachteiligt wird.

Es ist fast schon eine Satire über allzumenschliche Verhältnisse. Eine Satire, die von der Realität bisweilen überholt wird. Wer selbst in einer ähnlichen Situation lebt, wird sie wiedererkennen, und darin Trost und Ermutigung finden. Wer einer solchen Situation entronnen ist, wird herzlich darüber lachen können. Zeile für Zeile, Wort für Wort wird ein Volltreffer nach dem anderen gelandet. Der faule Zauber der ignoranten „Macher“ und der unklaren Unwahrhaftigen, hier wird er entlarvt. Das Büchlein ist kurz, aber sehr dicht und sehr reich. Es ist ein Plädoyer für rationale Klarheit und unverfälschte Menschenfreundlichkeit ex negativo.

Kritik ist an der Darstellung der Begebenheiten rund um die Ehefrau des „Macher“-Bruders, Klara, angebracht. Es ist unglaubwürdig, dass sie aus Unsicherheit über ihre Beziehung zum „Macher“-Bruder spontan mit dem „stillen“ Bruder ins Bett geht. So sind die Ehefrauen von „Machern“ nicht. Und es ist ebenso unglaubwürdig, dass der „stille“ Bruder dies geschehen lässt, ohne dass sie sich von ihrer Beziehung zum „Macher“-Bruder losgesagt hätte. So sind „stille“ Brüder nicht. Treffender wäre es gewesen, wenn der „Macher“-Bruder dem „stillen“ Bruder die Freundin ausgespannt hätte.

Auch das Ende des Buches, wo sich Klara wieder dem „stillen“ Bruder zuneigt, ist unglaubwürdig. So läuft es in Wirklichkeit nicht. Solche „Macher“-Menschen haben einen inneren Abwehrmechanismus gegen alles, was sie zum Nachdenken und zum Zweifeln bringen könnte. Deshalb kann es auch kein Umdenken geben. Nachdenken und Zweifeln gilt ihnen schon als verdächtig, als seelische Krankheit, als Aussatz der Aussätzigen, dem man sich am besten gar nicht erst aussetzt. Wegschauen ist in diesen Kreisen Trumpf. Solche Menschen huldigen der Oberflächlichkeit und dem Aufgehen in einem Mainstream-Denken als dem wahren Glück. Sie verwechseln Vernunft mit „common sense“ und sind notorisch gut drauf. Probleme umgeht man, indem man sie einfach nicht hat (weil man vom Glück und den Umständen begünstigt wird, womöglich auf Kosten anderer, worüber man aber nicht nachdenkt), oder indem man ihre Wahrnehmung aktiv unterdrückt, bis es zu spät ist (und dann sind andere schuld, oder man spricht cool von „Pech“, obwohl man selbst schuld ist, was man aber niemals zugeben würde, nicht einmal vor sich selbst).

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 18. Oktober 2018)

Boualem Sansal: Allahs Narren – Wie der Islamismus die Welt erobert (2013)

Enttäuschende Ratlosigkeit eines linken Intellektuellen

Boualem Sansal lebt selbst in einem islamischen Land und hat die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebt. All das verarbeitet er in Romanen von internationalem Rang. Wenn jemand wie Boualem Sansal ein Buch über den Islamismus schreibt, dann erwartet man sich davon Antworten, die man anderswo nicht findet.

Doch Boualem Sansal enttäuscht diese Erwartung. Im Grunde beschreibt er nur das, was viele andere Sachbücher ebenfalls zu bieten haben: Dass bereits der traditionelle Islam ein Problem ist. Dass es [angeblich] nie eine Aufklärung in der islamischen Welt gab. Dass der Islamismus aus dem traditionellen Islam und aus Abwehr gegen den übermächtigen Westen und aus anderen Gründen erwächst. Dass der Großmufti von Jerusalem mit Hitler kooperierte, und dass dieser Großmufti den Gründer der Muslimbrüder inspirierte. Dass die Muslimbrüder die Spinne im Netz des Islamismus sind. Dass die Araber untereinander in viele kleine ethnische und sprachliche Gruppen zerfallen, die sich alle gegenseitig feindlich gesinnt sind. Wo Araber regieren, geht die Zivilisation zugrunde, schrieb schon Ibn Khaldun, und Boualem Sansal zitiert ihn praktisch unwidersprochen. Im Grunde bestätigt Boualem Sansal sogar manches Vorurteil, was man für gewöhnlich nur von Islamhassern hört.

Völlig enttäuschend ist, dass Boualem Sansal praktisch keine Lösungen anbietet. Boualem Sansal starrt nur wie das Kaninchen auf die Schlange. Und das war’s. Die Hauptbotschaft des Buches lautet: Mit dem „Arabischen Frühling“ hat der Islamismus in der arabischen Welt endgültig zu regieren begonnen. Der französische Titel des Buches lautet denn auch: „Gouverner au nom d’Allah“: Regieren im Namen Allahs.

Zwei Ratschläge kann man aber doch aus Sansals Buch herauslesen

  1. Die westliche Welt soll aufpassen, dass sie nicht selbst vom Islamismus unterwandert wird. Boualem Sansal beschreibt sehr eindrücklich, wie Algerien zunächst ein linkes Land war, von sozialistischen Idealen beherrscht. Als die ersten Prediger ankamen, nannte man sie nur „Allahs Narren“ und nahm sie gar nicht ernst. Bis dann eines Tages der äußerst blutige algerische Bürgerkrieg gegen die „Islamische Heilsfront“ FIS ausbrach. Dies ist eine klare Warnung an den Westen. Hierher gehört auch die klare Feststellung von Boualem Sansal, dass die politische Korrektheit die westliche Welt daran hindert, sich angemessen mit dem Problem auseinanderzusetzen.

Hier muss man Boualem Sansal allerdings wiederum kritisieren, dass er hier fast wie ein primitiver Islamhasser einfach gegen die politische Korrektheit anredet, ohne eine bessere Alternative anzubieten. Für die notwendige Gratwanderung, den Islam zu kritisieren, ohne islamfeindlich zu sein, bietet Boualem Sansal keine Ideen an.

  1. Ohne dass klar wird, wie das mit seinem negativen Bild von Islam zusammenpasst, schreibt Boualem Sansal, dass der Islam einstmals eine ehrwürdige Religion gewesen sei, unter der die Zivilisation blühte. Auch der Mythos von Al-Andalus wird von ihm beschworen.

Man sollte doch meinen, dass diese vergangenen Zeiten ein reaktivierbares Muster geprägt haben, nach dem man den Islam auch auf menschenfreundliche Weise interpretieren könnte? Man sollte doch meinen, dass diese vergangene Zeiten eine klare Auskunft darüber geben könnten, was dem Islam heute fehlt, was er einstmals angeblich durchaus hatte? Aber Boualem Sansal stellt diese Fragen gar nicht erst und liefert deshalb auch keine Antwort.

Kein dritter Weg

Völlig enttäuschend und erschreckend ist, dass Boualem Sansal Ansätze zu Reformen im Islam kaum erwähnt. Er nennt nur wenige Denker, wie Dschamal ad-Din al-Afghani (1838-97) und Muhammad Abduh (1849-1905) und Mohamed Arkoun (1928-2010). Heutige Reformbewegungen nennt Boualem Sansal nicht. Eine Bewegung wie die „Schule von Ankara“ nennt er genausowenig wie die Verbände für einen liberalen Islam in der westlichen Welt. Auch Ibn Ruschd (Averroes) oder die Mutaziliten kommen bei ihm nicht vor, und das wäre doch das Mindeste gewesen, um aufzuzeigen, dass Reformen wenigstens theoretisch möglich sind. Auch die historisch-kritische Erforschung der Ursprünge des Islam, aus der heraus der Funke zur Reform springen kann (und eines Tages auch springen wird, weil Wahrheit immer durchsickert), bleibt bei Boualem Sansal ungenannt (hier ist nicht von jenen die Rede, die Mohammed für nicht existent erklären, sondern von jenen, die den originalen Mohammed hinter den später verfassten und veränderten Texten herausarbeiten). Nun gut: Denker wie Abdelwahab Meddeb und Malek Chebel werden immerhin erwähnt.

Aber einen Gedanken wie den von Malek Chebel, dass der Westen den Muslimen zu Hilfe kommen muss, um den Islam zu reformieren, weil die Muslime es selbst nicht schaffen, findet man bei Boualem Sansal nicht.

Fazit

Die Analyse, die Boualem Sansal hier vorlegt, ist oberflächlich, eine Problemlösung kaum existent. Mehr als eine berechtigte Warnung ist es nicht. Man könnte auch sagen, Boualem Sansal schließt sich (leider) der etwas zu einfachen Analyse der Islamhasser an, ist dann aber als Linker nicht in der Lage, wie diese den Schluss zu einer robusten Gegenwehr zu ziehen, sondern starrt wie das Kaninchen auf die Schlange. Damit werden sich die Islamhasser einmal mehr bestätigt sehen.

Dass weder die Islamhasser noch die gelähmten Linken Recht haben, sondern dass es dritte Wege gibt, kommt bei Boualem Sansal nicht heraus. Für einen Schriftsteller, der Gehör findet, ist das fast schon sträflich.

PS: Boualem Sansal unterstellt George W. Bush, er habe nach der These vom „Clash of Civilizations“ von Huntington gehandelt. Das ist doppelt falsch. Erstens ist Huntington selbst nicht der Auffassung, dass man die Kulturen gegeneinander ausspielen sollte, sondern er meint, dass dies geschehen würde, auch ohne das man das will. Zweitens ist die Unterstellung an Bush, er habe gewissermaßen einen Kreuzzug des Christentums gegen den Islam geführt, einfach nur dumm und primitiv. George W. Bush hat vielmehr als erster Schluss mit dem Prinzip gemacht, dass der Westen im Nahen Osten immer nur auf Dikatoren setzt, um die Region in Ruhe zu halten. George W. Bush hat die These aufgestellt, dass auch islamisch geprägte Staaten zur Demokratie fähig sind. Man mag von Bush halten was man will, aber die primitive Kritik von Boualem Sansal ist Unfug. Bereits die naiven Ausführungen von Boualem Sansal in seiner Preisrede in der Frankfurter Paulskirche über den Palästina-Konflikt hatten angedeutet, dass Boualem Sansal kein politischer Kopf ist.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 25. September 2014)

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