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Joana Cotar: Inside Bundestag – Wie ich in 8 Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor (2026)

Dichte Darstellung der Probleme in Anekdoten; mit konstruktiven Lösungsvorschlägen

Es muss Spaß gemacht haben, dieses Buch zu schreiben: Schon der Blick ins Inhaltsverzeichis zeigt, wie hier in dichter Folge alle Probleme unserer Demokratie Punkt für Punkt abgehandelt werden: Die Versuchung des Geldes, der Mangel an Qualifikation, die Macht der Parteien, das Elend der Listenwahl und der damit verbundene Parteienklüngel, das Märchen von der Arbeit in den Ausschüssen, Geschäftsordnungstricks, Willkür und Doppelmoral, die Explosion der Bürokratie, der NGO-Komplex.

Das alles hat sich die Autorin sichtlich von der Seele geschrieben. Denn alles wird durch persönliche Erlebnisse und Anekdoten untermauert. Man mag es manchmal kaum glauben, wieviel Niedertracht und Chuzpe das real existierende Politiksystem hervorbringt. Die Darstellung ist sehr dicht, die Autorin liefert kein Blabla, sondern kommt konsequent zur Sache, weshalb das Buch auch nur 220 Seiten hat: Die haben es aber in sich.

Das letzte Kapitel widmet sich einigen Lösungsvorschlägen: Es ist falsch, nach der Partei des kleineren Übels Ausschau zu halten. Denn die Parteien selbst sind in der aktuellen Form das Problem. Nicht die Verfassung, wohl aber die Verfassungswirklichkeit, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, ist zum Problem geworden. Das System selbst muss gründlich reformiert werden, damit die ursprünglichen Absichten des Grundgesetzes wieder zum Tragen kommen.

Vorgeschlagen wird u.a.: Volksentscheide, Panaschieren und Kumulieren, Trennung von Abgeordneten- und Ministeramt, mehr Lobbyismustransparenz, Mindestqualifikationen für Politiker, Amtszeitbegrenzungen, Politikerhaftung, Rechenschaftsberichte in Bürgerversammlungen, keine Staatsfinanzierten NGOs, Kompetenzen nach unten verlagern, unabhängige Medien. Vor allem aber eine radikale Reduzierung des Geldes im System. Weniger Staat bedeutet, dass die Bürger mehr Freiheit haben, ihr Leben nach eigener Facon zu gestalten.

Kritik

Leider wird wenig dazu gesagt, wie man die genannten Lösungsvorschläge gegen eine Parteienoligarchie durchsetzen könnte, die sich die Butter nicht so leicht vom Brot nehmen lassen wird. Über ihr Engagement im „Team Freiheit“ und dessen revolutionäres Konzept einer Partei neuen Typs sagt die Autorin nichts.

Die Rolle der Medien wird zu wenig beleuchtet. Mehr noch als das politische System ist das Mediensystem in Deutschland Dreh- und Angelpunkt aller Probleme. Auch zu sozialen Netzwerken finden sich kaum Aussagen.

Ob Kumulieren und Panaschieren tatsächlich die Macht der Liste brechen kann, ist fraglich, wie Erfahrungen im kommunalen Bereich zeigen. Zudem führt dieses Verfahren zur Unkontrollierbarkeit der Auszählung der Wahl, und das ist brandgefährlich.

Sowohl die Weisungsgebundenheit der Staatsanwaltschaft als auch der Verfassungsschutz und seine Probleme werden in den Vorschlägen nicht zum Thema gemacht.

Schließlich erfährt man auch kaum etwas zum Engagement der Autorin für Krypowährungen, das unter dem Titel „Bitcoin im Bundestag“ zum bekannten Schlagwort wurde.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus (1953) – Teil 2 der Trilogie des Scheiterns

Blick eines Enttäuschten auf den Politikbetrieb der jungen BRD

Der Roman „Das Treibhaus“ von 1953 ist der zweite Teil der „Trilogie des Scheiterns“ von Wolfgang Koeppen. Während sich der erste Teil „Tauben im Gras“ dem Leben und Treiben der kleinen Leute widmete, deren kleines Leben und seine Probleme teils durchaus tragikomische Züge trug, begegnen wir hier nun dem Bundestagsabgeordneten Keetenheuve, der tatsächlich alle seine Träume tragisch scheitern sieht.

Wir verfolgen in konzentrierter Form den Ablauf zweier Tage Keetenheuves in der neuen Bundeshauptstadt Bonn, und bekommen dabei – buchstäblich en passant – ein detailreiches Gemälde der Zustände und der Atmosphäre im damaligen Bonn vor Augen geführt. Die Bundeshauptstadt gleicht einem Treibhaus, in dem sich alle wie im Hamsterrad abmühen, doch in der trägen Atmosphäre kommt kaum ein Erfolg aller Mühen zustande.

Der lose verfolgte rote Faden der politischen Handlung des Romans ist kurz erzählt: Keetenheuve stimmt Bauvorhaben für Arbeiterwohnungen zu, obwohl er sie für zu klein hält. Der Parlamentarier Korodin von der Gegenpartei hofft insgeheim, den Gewissensmenschen Keetenheuve auf seine (christliche) Seite herüberziehen zu können, doch Keetenheuve ahnt nicht und wird es auch nie erfahren, dass ihm vom politischen Gegner diese geradezu menschliche Anteilnahme entgegen gebracht wird. Keetenheuve erhält eine exklusive Information, mit der er die Regierung in einer Parlamentsrede unter Druck setzen kann. Doch kurz bevor er die Rede hält, erfährt er, dass die Meldung längst durchgesickert ist. Außerdem wird ihm, der als Gewissensmensch und unbequem gilt, der Posten des Botschafters in Guatemala angeboten, um ihn dorthin abzuschieben. Keetenheuve widersteht dieser Versuchung.

Keetenheuve übersetzt lieber Baudelaire als dass er seine Arbeit macht. Er träumt von Pazifismus und sozialer Gerechtigkeit, doch die Realität der Verhältnisse zerstört diese Träume gründlich. Die BRD steuert die Wiederbewaffnung an, und die sozialen Verhältnisse können nur in kleinen Schritten verbessert werden. Zudem befindet sich die BRD im „Käfig“ einer höheren Macht (USA), und man weiß nicht, wohin dieser „Käfigträger“ einen führen wird. Ständig tritt das Angsttrauma Keetenheuves zutage, dass auch die neuen Verhältnisse letztlich nur den Keim zu einem neuen Nationalsozialismus und zu einem neuen Krieg in sich tragen könnten. Kriege kämen zustande, weil die Denker der Nationen nicht gut genug gedacht haben. – Soeben ist auch die Ehefrau Keetenheuves gestorben, die er aber innerlich schon lange vorher verloren hatte, weil die politische Arbeit ihm die Zeit stahl, sich um sie zu kümmern. Teilweise fühlt sich Keetenheuve wie ein Ausländer im eigenen Land.

Am Ende vergreift sich Keetenheuve an einem Mädchen der Heilsarmee und begeht anschließend Suizid, indem er von einer Rheinbrücke springt.

Wir lernen in diesem Buch wieder viel über die Sinnlosigkeit menschlichen Strebens. Sogar mehr als genug: Offenbar war Koeppen maßlos von der neuen BRD enttäuscht, und weil er vom Nationalsozialismus und vom Krieg traumatisiert war, befürchtete er das Schlimmste – zu Unrecht. Es ist definitiv mehr Sinnlosigkeit und mehr Tragik in diesem Buch als in „Tauben im Gras“. Wir lernen zudem etwas über die 1950er Jahre, und wir lernen etwas über den Politikbetrieb, wie er im Grundsatz heute nicht viel anders sein wird als damals.

Eines fällt auf: In diesem Roman spielen Juden und der Holocaust keine besondere Rolle. Sie kommen praktisch so gut wie nicht vor. Überhaupt wird in diesem Roman der Tod vor allem als Tod im Krieg thematisiert. Vom Tod durch Verfolgung ist eher nicht die Rede. Es handelt sich offenbar um eine damals selbst bei kritischen Geistern verbreitete, verzerrte Wahrnehmung.

Auch dieses Werk ist dicht geschrieben, und voller skurriler Assoziationen und surrealen Szenen, aber stilistisch ist es nicht mehr so genial wie „Tauben im Gras“.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 13. Juni 2018)