Schlagwort: Macht

Martin Walser: Über Deutschland reden (1988)

Notwendige und unbequeme Gedanken zur deutschen Nation inmitten des anti-deutschen Selbsthasses

Das vorliegende Suhrkamp-Büchlein versammelt verschiedene Aufsätze und Reden von Martin Walser aus den Jahren 1979 bis 1988, die alle von Deutschland und der deutsche Kultur handeln. Damals, 1988, hatte eine linksdominierte Öffentlichkeit den Gedanken an Deutschland und die deutsche Nation in der BRD praktisch geächtet. Erst die Wiedervereinigung brachte dann – für viele höchst unerwünscht – den Gedanken an Deutschland wieder auf die Tagesordnung und führte zu einer teilweisen Normalisierung. Spätestens in den Merkel-Jahren wurde diese Normalisierung wieder zurückgefahren, so dass der Gedanke an Deutschland, die deutsche Nation und die deutsche Kultur heute (2026) ähnlich geächtet ist wie damals.

Die Sprache und die Gedankengänge Walsers sind teilweise „dicht“ im literarisch-philosophischen Sinn, d.h., der Text ist sind nicht immer ganz leicht zu verstehen und auf einen Nenner zu bringen. Wir wollen im folgenden die Kerngedanken und zentralen Zitate herausziehen, um dieses vergessene Büchlein für eine breitere Leserschaft fruchtbar werden zu lassen. Statt die einzelnen Aufsätze und Reden chronologisch durchzugehen, werden die einzelnen Aussagen nach Themen sortiert besprochen, also unabhängig davon, in welchem der Aufsätze und Reden zwischen 1979 und 1988 die Aussagen gemacht wurden.

Umgang mit dem Holocaust

Die zentrale Frage zur deutschen Nation ist natürlich der Umgang mit dem Holocaust. Sieht man den Holocaust als den Gipfelpunkt der deutschen Kultur und des deutschen (Un-)Wesens an, dann ist mit dem deutschen Wesen natürlich kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Doch ist das wirklich so? Kann und darf man Deutschland und die Deutschen auf den Holocaust reduzieren?

Dazu hat Martin Walser im Jahr 1979 zwei Texte verfasst, die seltsam widersprüchlich sind. Zuerst den Aufsatz „Händedruck mit Gespenstern“, in dem er den linken Intellektuellen vorwirft, sie würden sich selbst von aller Schuld freisprechen und statt dessen die ganze Schuld beim Volk, dem deutschen Volk, abladen:

„Aber in der Rückschau auf das Jahr 1933 hat man sich nahezu festgelegt auf eine Meinung, in der das deutsche Volk als eine Masse erscheint, die zum Reaktionären, Kleinbürgerlichen, Dumpfen, Aufklärungsfeindlichen, Faschismusverdächtigen neigt. Die zurechnungsfähigen Intellektuellen waren an 1933 offenbar nicht beteiligt oder sie waren Opfer. Schuld war wieder dieses deutsche Volk, das dem Verbrechen zugeschaut hatte, mitgemacht hatte, gejubelt hatte. Wieder waren die zurechnungsfähigen Intellektuellen nicht dabei. Mit diesen fanatisierten Kleinbürgern hatten sie nichts zu tun. Und die Kapitalisten sind sowieso jedesmal auf der Seite der Kriegs- und Geschichtsgewinner. Der Dumme ist immer das Volk.“ (S. 19)

Hier nimmt Martin Walser die Deutschen also in Schutz vor einem kollektiven Schuldvorwurf, den ausgerechnet die linken Intellektuellen beim einfachen Volk abladen, während sie sich selbst eine weiße Weste attestieren. Hier sind wir beim Vorwurf des „Shitbürgertums“ von Ulf Poschardt aus dem Jahr 2025, demzufolge viele dieser linken Intellektuellen ganz und gar keine weiße Weste hatten, sondern selbst Sympathisanten der Nazis waren. Ihr pauschaler Vorwurf an „die Deutschen“ ist in diesem Sinne eine Strategie, der eigenen, persönlichen Schuld zu entkommen.

In seiner Rede „Auschwitz und kein Ende“ aus demselben Jahr 1979 spricht Walser jedoch ganz anders. Mit der Formulierung „wir, die wir zur Volksgemeinschaft der Täter gehören“ (S. 24) ist Walser ganz nahe an dem bösen Wort vom „Tätervolk“. Walser weiter: „Wir auf jeden Fall helfen uns eben dadurch, dass wir die Schuld … … … auf eine Handvoll Schergen schieben.“ (S. 24) – „Und doch ist diese Tötungsfabrik durch uns entstanden.“ – „In Auschwitz arbeitete unsere ganze Gesellschaft mit.“ (S. 25)

„Ein Franzose oder ein Amerikaner … muss nicht denken: Wir Menschen! Er kann denken: Diese Deutschen! Können wir denken: Diese Nazis!? Ich kann es nicht.“ (S. 25) Weiter: „Diese Schuld ist unter den Bedingungen unserer Geschichte entstanden. … Wir sind die Fortsetzung. Auch der Bedingungen, die zu Auschwitz führten.“ (S. 25 f.) „Kein Deutscher kann … sagen, seine Landsleute, die hier gewirkt haben, seien Psychopathen oder Spezialisten gewesen, mit denen habe er nichts zu tun.“ (S. 26 f.)

Walser diagnostiziert: „Uns fehlt etwas, was über den einzelnen hinausgeht. Etwas, dem er verpflichtet ist. Etwas, das ihn unfähig gemacht hätte, an der Auschwitz-Tötungs-Fabrik in irgendeiner Weise mitzuarbeiten. Etwas, was Gott und Humanismus noch nicht schafften.“ Walser weiter: „… kann nicht gedient sein, wenn ein Verbrechen solchen Ausmaßes nachträglich herunterdividiert wird auf ein paar Bösewichter. Was ist das für eine Einteilung: Ich gehöre dazu, sobald es sich um Goethes Faust handelt, aber mit dem Dr. Faust in Auschwitz habe ich nichts gemein. Wir haben mit ihm alles gemein, was wir mit Goethe gemein haben.“ (S. 29) Und: „Ich glaube: man ist Verbrecher, wenn die Gesellschaft, zu der man gehört, Verbrechen begeht.“ (S. 30)

Mit diesen Worten ist Martin Walser wieder ganz und gar bei der Kollektivschuldthese angelangt: Alle Deutschen sind schuldig, allein, weil sie Deutsche sind. Den Deutschen fehle etwas, was andere Völker angeblich hätten. Begründet wird dies mit schrägen Thesen: Denn Goethes Faust, den Walser anführt, ist ein höchst öffentliches Werk, das die deutsche Nation wahrlich geprägt hat, während Walsers „Dr. Faust in Auschwitz“ bekanntlich höchst unöffentlich zu Werke ging, und das aus gutem Grund: Weil die Deutschen dieses Verbrechen nämlich keinesfalls gutgeheißen hätten, hätte man es öffentlich gemacht.

Natürlich ist der erste Ansatz von Martin Walser wesentlich zielführender als der zweite: Es gibt keine Kollektivschuld, natürlich nicht, denn der Gedanke einer Kollektivschuld widerspricht jedem humanistischen Geist. Gewiss, die Zahl der Schuldigen ist hoch. Es sind nicht nur ein paar wenige Anführer schuldig geworden, das ist schon richtig. Aber es ist eben auch nicht so, dass das ganze deutsche Volk wie ein Mann diesem Verbrechen zugestimmt hat. Ganz und gar nicht. Es ist etwas zwischen diesen beiden Extremen, auf jeden Fall eine höchst ungleiche Verteilung von Schuld, und es ist bis heute nicht hinreichend erforscht worden, wie diese Schuld eigentlich tatsächlich verteilt ist. Ein Grund dafür ist, dass mit dieser Frage Politik gemacht wird. Bis heute. Das ist ja das Problem.

Wie kommt es, dass Martin Walser in zwei Texten desselben Jahres 1979 einmal so und einmal so sprach? Man kann nur Vermutungen anstellen. Vielleicht ist der Grund, dass der zweite Text eine Rede zu einer Ausstellung ist, wo Walser auch vor Opfern des Holocaust sprach. Vielleicht empfand Walser es in dieser Situation passender, nicht zu differenzieren? Ehrlich wäre er dann nicht gewesen. Seine ehrliche Meinung finden wir ganz offensichtlich im ersten Text. Und in seinen weiteren Texten, in denen er die deutsche Kultur vor jedem Pauschalvorwurf in Schutz nimmt, wie wir im folgenden sehen werden.

Die Anti-Deutschen als Folge des Holocaust und 1918

Martin Walser sieht genau, wie der anti-deutsche Reflex der BRD aus einem Versagen des Umgangs mit Auschwitz erwächst: „Aber ich muss zugeben, eine rein weltliche, eine liberale, eine vom Religiösen, eine überhaupt von allem Ich-Überschreitenden fliehende Gesellschaft kann Auschwitz nur verdrängen. Wo das Ich das Höchste ist, kann man Schuld nur verdrängen.“ (S. 20)

Auch die Auflösung von nationaler Identität im Individualismus ist eine Flucht vor der Verantwortung: „Deutsches Volk? Nie gehört.“ (S. 28) „Ich weiß ja, wie wenig ernst der BRD-Erfolgsmensch seinen Pass nimmt. Er ist mindestens Europäer.“ (S. 93) „Wo Miteinander, Solidarität und Nation aufscheinen, da sieht das bundesrepublikanisch-liberale Weltkind Kirche oder Kommunismus oder Faschismus.“ (S. 20) Auch die Wirtschaft zieht sich aus der Affäre: „Ja, Firmen waren auch dabei in Auschwitz. Aber was ist eine Firma? Hat eine Firma Gedächtnis? Gewissen?“ (S. 28) „Internationalismus ist in Ost- und Westdeutschland ein gleichermaßen forcierter Wert.“ (S. 22)

Nur im Ausland sei man zwangsläufig Deutscher: „Es soll in den letzten dreißig Jahren öfter vorgekommen sein, dass Deutsche im Ausland durch entgegenkommend gemeintes, betont undeutsches Auftreten besonders unangenehm deutsch gewirkt haben.“ (S. 94)

Heutige Historiker sagen mit ihren Analysen des Nationalsozialismus mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit (S. 78). Ein Gespräch über Deutschland ende immer ungut, auch unter Freunden (S. 79). Alles sei von Phrasen überdeckt: „Deutschland habe es sowieso nie gegeben.“ – „Also nie mehr Deutschland.“ (S. 80) – Dabei war Deutschland und seine Einheit im 19. Jahrhundert demokratisch gedacht worden, selbst Karl Marx sprach von Deutschland (S. 81).

Heute heiße es: „Die Deutschen sind alle Nazis“ (S. 85) Walser wundert sich: „wie viele bedeutende Leute Jahrzehnte nach der Erledigung des Faschismus ihren Zorn und ihr gutes Gewissen lebenslänglich durch antifaschistische Regungen belebten.“ (S. 86) Dem Historikerstreit, der von Habermas losgetreten wurde, ist Walser dankbar: Denn er hat zu einer Vielfalt von Ansichten von Links und Rechts geführt, die Walser problemlos in seiner Person integrieren kann, so behauptet er (S. 86 f.).

Willy Brandt nenne die deutsche Frage jetzt „Schizophrenie“, Egon Bahr empfiehlt „Verfassungspatriotismus“, und Otto Schily will die Verpflichtung zur Wiedervereinigung aus der Präambel des Grundgesetzes streichen lassen. (S. 90) „Politik, Schule und Medien, die Wortführer also, haben, mit krass verschiedenen Motiven, viel getan, um die Teilung vernünftig zu machen.“ (S. 92) Wer davon sprechen möchte, dass es noch Deutsche gibt, muss es beweisen, als ob es eine außergewöhnlich kühne Behauptung wäre: „Das muss man beweisen, weil einem im Deutschland-Gespräch auch Karthago und die Azteken vorgehalten werden.“ (S. 93)

Martin Walser setzt den Beginn der Probleme mit der Nation sogar schon 1918 an: „Ich vermute, dass unsere nationale und gesellschaftliche Ratlosigkeit eine Folge unserer Entfernung von unsere Geschichte ist. Mir kommt es so vor, als hätten sich unsere Intellektuellen nach 1918 vom Volk getrennt … … … Schon das Wort ruft vielfältiges Schaudern hervor. Volk – ist das überhaupt ein Begriff? Ist das nicht ein total obsoletes Wort?“ (S. 17 f.)

Das Volk hatte die Folgen des Ersten Weltkrieges zu erleiden, die „bürgerlich-feudalen Cliquen“ nicht. Schon in den 1920er Jahren waren Philosophie und Literatur internationalistisch geprägt. „Die Intellektuellen hatten Roaring Twenties. Arbeiter und Kleinbürger hatten einen aussichtslosen Kampf gegen immer neue Einfälle eines nun doch wirklich international auftretenden Kapitalismus.“ (S. 18)

Am Ende sei immer das Volk der Dumme. „Das [Volk] lernt eine Lektion nach der anderen und kommt kaum nach mit Lernen und Umlernen. Und das deutsche Volk ist ein Musterschüler. In Ost und West. Lieber verliert es sich selbst, als dass es seinem Ost- oder Westlehrer auch nur den geringsten Kummer bereiten würde. Wir haben immer alles besser gekonnt, als wir selbst zu sein.“ (S. 19)

Die BRD ist geschichtslos geworden. „Geschichtsabweisend ist der aktuelle Intellektuelle.“ (S. 20) „Adorno hat diese Geschichtsverneinung mit polemischen Bemerkungen gegen Brecht blanko abgesegnet.“ (S. 20 f.) Der deutsche Kulturbetrieb kennt keinen Sinn mehr im Leben, Sinn wird produziert wie Weizen und Milch (S. 21). Es gilt: „Praxis adieu. Volk adieu. Ich gestatte mir, dazuzusetzen: Gott adieu. Weil Gott für mich kein obsoletes, sondern ein historisches Wort ist für das Bedürfnis nach Ichüberschreitung. Ich halte auch die Zielrichtung nicht für obsolet. Dass uns etwas fehlt, sieht jeder.“ (S. 22)

Deutschland vor den Anti-Deutschen retten

Martin Walser will sich mit diesem Zustand nicht abfinden. „Wer sind wir? Sobald man im Ausland ist, ist man ein Deutscher. Aber wer bin ich hier?“ (S. 19) – „Ich habe ein Bedürfnis nach geschichtlicher Überwindung des Zustands Bundesrepublik. Von Grund auf sollten wir weiter. Aber die herrschende öffentliche Meinung, das herrschende Denken, der vorherrschende Sprachgebrauch nennen dieses Bedürfnis obsolet, obsolet heißt veraltet; ich glaube nur, es sei alt.“ (S. 23)

Eine ewige Strafe für den Holocaust will Walser nicht anerkennen: „Dass ich Jalta, Teheran und die Folgen Strafaktion nenne, ruft Stirnrunzeln hervor. Ich beeile mich zu sagen, dass wir die verdient hatten. Aber doch nicht für immer. Strafe dient nicht der Sühne, sondern doch wohl der Resozialisierung.“ (S. 83) Es sei ungerecht, Schlesierschmerz in einem Atemzug mit Neonazitum nennen (S. 83). „Wir nicken zu allem vor lauter Angst, sonst für Nazis gehalten zu werden.“ (S. 84)

Eine Quelle der Regeneration Deutschlands sieht Walser in der Geschichte: „Seit die konvulsivische Nation nun zerstört ist in einem Ausmaß, das eine Nation allein überhaupt nicht verschulden kann, ist sie mehr als andere auf Geschichte verwiesen. Nur wenn wir eine Nation waren, werden wir wieder eine sein. Und das regelt keiner außer uns selbst.“ (S. 32) – „Von Gewissheit umstellt, widersprechen wir. Es gibt keine mit der Schwäche vergleichbare Kraftquelle.“ Und: „Aus diesem Aber bauen wir den unterirdischen Himmel, den der Geschichte.“ Schließlich: „Der Unterirdische Himmel ist, wenn er sich treu bleibt, subversiv.“ (S. 38)

Walser verweist auch auf jene wenigen Intellektuellen, die mit ihm seine Bedenken teilen und ihrerseits an Deutschland nicht irre geworden sind: Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson (S. 91 f.).

Schließlich meint Martin Walser, das die Deutschen in der DDR oft authentischer Deutsche geblieben seien als die Westdeutschen. Der Brief einer Dresdnerin, wie froh sie ist, von ihm nicht vergessen worden zu sein, ist dafür ein Beleg. Oder die Gedichte von Wulf Kirsten aus Weimar. Diese leben aus einem Sinn für Geschichte und belegen: Es gibt noch „unblamiertes Deutsches“ (S. 98). „Wirkt, verglichen mit einem Kirsten, viel Westliteratur nicht wie Ideologie?“ (S. 96)

„Die Nation ist im Menschenmaß das mächtigste geschichtliche Vorkommen, bis jetzt. Mächtig im geologischen, nicht im politischen Sinn. Die Nation wird sich sicher auflösen irgendwann. Aber doch nicht durch eine Teilung. Doch nicht durch Jalta-Churchill-Roosevelt-Stalin.“ (S. 99) – Im Jahr 1988, nur ein Jahr vor 1989, schrieb Walser: „Es gibt demnach nicht die geringste konkrete Aussicht auf einen Anfang der Überwindung der Teilung. Deutschland bleibt demnach ein Wort, brauchbar für den Wetterbericht. Ich wundere mich selber darüber, dass diese konkrete Aussichtslosigkeit bei mir nicht umschlägt in Hoffnungslosigkeit. Vielleicht wirkt da dieses Geschichtsgefühl.“ (S. 100)

Demokratie und Medien

Martin Walser stellt der Demokratie der BRD und ihrem Mediensystem kein gutes Zeugnis aus. Er sieht eine wachsende Diskrepanz zwischen dem, was geschrieben und dem was verschwiegen wird. Die Differenz ist der „innere Samisdat“. (S. 10 f.) „Pluralismus als Fleckerlaufbahrung, das ist unser Ideal. Möglichst viele Farben, möglichst folgenlos, möglichst öffentlich: so unser Presse-Credo. Demokratische Entwicklung gediehe, glaube ich, nur dann, wenn wirkliche Widersprüche wirklich öffentlich werden könnten.“ (S. 11) Statt dessen: „eine aus lauter monochromen Partien bestehende öffentliche Meinung täuscht Vielfalt vor, wie die östliche veröffentlichte Meinung Öffentlichkeit vortäuscht.“ (S. 11)

„Unser Pluralismus hat so viel Wirklichkeit wie ein in einem Disney-Atelier gezeichneter Dschungel Natur: in solchen Ateliers gibt es ja auch Spezialisten für Tigertatzen, Samtpfoten, Wolken und Veilchen; aber alles ist eben just animated.“ (S. 12) Walser wendet sich gegen den Kleingeist der „Fachleute“, denn in Wahrheit komme es auf den politischen Willen der Akteure an: „Es ist immer mehr möglich, als Fachleute auszurechnen imstande sind“ (S. 90).

Der Grundgedanke der Demokratie wird nicht verwirklicht: „Und die Leute werden nicht gefragt. Das Volk! Populist wird man geschimpft, wenn man meint, die Deuschland-Frage könne nur vom Volk beantwortet werden.“ – „Wir leben noch in einer Zeit, in der nur von oben nach unten gesprochen wird. Von unten nach oben gibt es die Volksstimme nur demoskopisch verfremdet.“ – „Also liegt alles an den Regierungen. Und damit im argen. Es sei denn, die beiden Bevölkerungen ließen sich diesen Pragmatismus nicht ewig gefallen.“ (S. 100)

Walser weist auf die Bedeutung von Öffentlichkeit für die Demokratie hin: „Zweifellos war die öffentliche Meinung das bürgerliche Befreiungsinstrument schlechthin.“ – „Die öffentliche Meinung ist also so ehrwürdig wie die Verfassung.“ (S. 55) – Doch mit dem Mainzer Revolutionär Georg Forster fürchtet Walser deutsche Zustände: „In Deutschland … wird also nicht das Bürgerrecht aus der öffentlichen Meinung stammen, sondern man wird irgendwie ein Bürgerrecht heraufzaubern, und dann öffentliche Meinung damit machen, von oben nach unten also.“ (S. 56) Walser weiter: „Wenn die öffentliche Meinung in den Händen derer ist, die durch sie kontrolliert werden sollen, dann ist – um im Bilde zu bleiben – das Nervensystem unter Vollnarkose.“ (S. 57)

Walser wendet sich gegen Medienmogule wie Berlusconi (S. 53) oder gegen beherrschende Medienkonzerne wie z.B. Bertelsmann, ohne sie beim Namen zu nennen: „Finstere Verlagsschranzen und Medienmonster mit ihrer die Seelen ganzer Kontinente beugenden Macht machen die ältesten Drachensagen zum aktuellen Bilderbuch.“ (S. 39) Das damals neue Privatfernsehen (Bertelsmann, Leo Kirch) ist für Walser keine kommerzielle Veranstaltung, sondern Ausübung von Macht (S. 63).

Das öffentlich-rechtliche Mediensystem hält er für konkurrenzfähig, man müsse nicht darauf bestehen, dass es keine Privaten geben solle. Auf jeden Fall sei wichtig, „dass wir nicht an der Etablierung von Macht, sondern an der Schaffung einer Gegenmacht interessiert sind“ (S. 61).

Denn Macht sei per se ein Problem. „In dreißig Jahren Ausdrucksgewerbe habe ich keine Erfahrung gemacht, die deformierender, verheerender, krankmachender gewesen wäre, als die Erfahrung der Ohnmacht.“ (S. 62) – „Dass Macht nur missbrauchbar ist, wurde im Laufe der Jahre meine wichtigste Erfahrung. Ich habe noch keinen einzigen Menschen getroffen, der durch Machtbesitz nicht entstellt worden wäre.“ (S. 62 f.) – „Macht ist in dem Maße schlimm, wie sie unkontrollierbar ist, egal wer sie ausübt.“ (S. 63)

Sprache und Literatur

Martin Walser kritisiert die Kritik der Frankfurter Schule am sogenannten „Jargon der Eigentlichkeit“: „Schlimmer als der geschmähte Jargon der Eigentlichkeit kommt mir der Jargon vor, in dem da geschmäht wurde.“ (S. 17) – Denn: „Die Sprache sagt nur etwas, wenn sie von Unschuldigen benutzt wird.“ (S. 17) – „Das richtige Verhalten ist wahrscheinlich nur mit dem historischen Vermögen der Sprache zu erörtern.“ (S. 17)

Walser wendet sich gegen die traditionelle Definition von Klassikern in der Literatur. Bei traditionellen Klassikern ginge es oft um die Legitimierung von Macht. Denn was ein Klassiker sei, definiere sich durch dessen Brauchbarkeit. Was ein Klassiker ist, entstehe so durch das Volk und dessen Benutzung von Literatur. (S. 42 f.)

Wer Selbstbewusstsein nötig hat, wird bei Goethe fündig. Wer die Bürgerliche Freiheit und das Schöne entdecken will, greift zu Schiller. Wer verzweifelt, weil es in Deutschland nicht besser werden will, sucht bei Jean Paul Trost. Fichte und Kant sind ihrerseits widerständig gegen die Verhältnisse. Und eiNne Jugend, die reine Helden braucht, findet sie bei Karl May. (S. 43 f.)

„Der Klassiker ist zuerst ein Klassiker seiner Nation.“ (S. 44) – „Unser Klassiker bringt unsere Geschichte zum Ausdruck. Also können wir ihn brauchen.“ (S. 46) – „Sprache sammelt und vermehrt in jedem Klassiker ihr Vermögen.“ (S. 48) – Ohne Hölderlin, Goethe oder Schiller sei die deutsche Sprache gar nicht mehr denkbar.

Mit Goethe sagt Walser: „Übrigens ist mir alles verhasst, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.“ (S. 52) So sollte ein echter Klassiker sein.

Walsers Selbstverständnis als Linker

Aus der Sicht des Jahres 2026 wirkt manches von dem, was Martin Walser damals schrieb, wie „rechts“. Aber natürlich verstand sich Walser als ein Linker, und das kommt auch wiederholt zum Ausdruck.

Ein Demokrat mit Anspruch auf die Verwirklichung der Demokratie wird von Walser kurzerhand als „Sozialist“ angesprochen. Und so verstand er sich selbst, wenn er auch anfügt: „Wie schonend, das nicht in der ersten Person sagen zu müssen.“ (S. 9)

Von der DDR hoffte Walser, dass sie sich zu einem echten Sozialismus entwickeln könnte: „es gibt aber auch die Hoffnung, dass aus dem real existierenden Sozialismus ein wirklicher werden könnte. … … … Die Schwierigkeit entsteht aber dadurch, dass wir dem Osten eine Entwicklungsmöglichkeit zugestehen müssen; auch um unseretwillen. Wenn wir ihn aber nur als etwas behandeln, was abgeschafft werden muss, dann haben wir diese deutsche Aufgabe verfehlt.“ (S. 58 f.) – Walser war auch der Auffassung, dass die Zustände in der DDR im Westen schwarzgemalt würden: „Das Kerkerbild, das hier von der DDR gemalt wird, soll unsere Leute dazu überreden, sich trotz ihrer Ohnmacht und Gezwungenheit frei zu fühlen.“ (S. 15) Statt das westliche System eindeutig als das bessere System zu bezeichnen, hält sich Walser auf Äquidistanz. Das ist sträflich.

Ein Satz stößt angesichts der kommenden Kriege im ehemaligen Jugoslawien und um die Ukraine als böser Irrtum auf: „Und Kriege finden in Europa sowieso nicht mehr statt.“ (S. 81)

Bezüglich der deutschen Geschichte ist Martin Walser ebenfalls auf linke Weise wählerisch. „Was 1871 gegründet wurde, war ja nicht das, was 1848 gewollt worden war.“ (S. 81) – „Nur wenn die Gefahr bestünde, dass wir ins Hohenzollern- oder Hitler-Deutsche zurückfielen, wäre die Teilung gerechtfertigt, ja geradezu notwendig.“ (S. 85) – Schließlich spricht Walser vom „konservativen Missbrauch“ und dem „Adenauerschen Wiedervereinigungsgedöns.“ (S. 90)

Es ist völlig geschichtsvergessen, das Kaiserreich und Nazi-Deutschland in einem Atemzug zu nennen. Wer das Kaiserreich so scharf ablehnt, wie es hier geschieht, der muss sich ernsthaft fragen lassen, wo er noch den Unterschied zu Hitler-Deutschland sieht, und wo er überhaupt ein gutes Deutschland sieht: Vielleicht in der Metternich-Ära? Oder im Dreißigjährigen Krieg?! Wer das Kaiserreich nicht als gelebte Normalität (mit Fehlern) begreifen kann, der sucht wohl nach Utopia. Das Kaiserreich von 1871 so wie Hitlerdeutschland verteufeln und ausgrenzen zu wollen, ist maßlos und falsch. Ebenso die Unterstellung, Konservative würden „Missbrauch“ betreiben, wenn sie von Wiedervereinigung sprechen. Wie demokratisch ist jemand, der Konservative wie Adenauer auf diese Weise aus dem demokratischen Spektrum ausgrenzt?

Nebenthemen

Ein Aufsatz von 1987 widmet sich dem Gegensatz von charaktervollen und charakterlosen Menschen. Der charakterlose Mensch vermeidet klare Urteile. Frauen tun das auch. Dem charakterlosen Menschen entspricht eine gegenstandslose Sprache, in der ein Urteil gar nicht mehr möglich ist.

An dem FAZ-Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki arbeitet sich Martin Walser an zwei Stellen ab. Einmal geht es um Literaturkritiker im Allgemeinen: Sie seien ihr eigener Maßstab. Manche hätten „Medienomnipräsenz“. Und dann fällt der Satz: „Am Kritiker erlebt man, wie Macht den Charakter düngt.“ (S. 69) Marcel Reich-Ranicki bleibt ungenannt, ist aber offensichtlich gemeint.

An einer anderen Stelle wird Marcel Reich-Ranicki explizit genannt und kritisiert, weil er Respekt für die Meinung von Franz Xaver Kroetz äußerte, es sei weise, dass es zwei Deutschlands gebe. Damit würde sich Kroetz der „hierzulande jetzt üblichen nationalen, mitunter ins Nationalistische übergehenden Heuchelei“ widersetzen, so Reich-Ranicki. (S. 87) – Walser wendet sich gegen den an ihn gerichteten Vorwurf von Marcel Reich-Ranicki, er sei Bonner Losungen verfallen und opportunistisch (S. 88). – Walser trocken: „Auch ein prominenter FAZ-Redakteur kann nicht alles, ja er darf nicht alles wissen. Je weniger einer weiß, umso infallibler ist er. Und am infallibelsten ist der Papst.“ (S. 89)

Auch Thomas Mann wird von Martin Walser wiederholt kritisiert. Zuerst habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um seine antidemokratische Haltung in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ zu legitimieren. Doch auch noch 1932 habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um sich nunmehr zwar nicht mehr als antidemokratisch, doch immer noch als unpolitisch zu stilisieren. Goethe und Schiller werden bei Thomas Mann zu Chiffren für Thomas und Heinrich Mann. (S. 49 f.; S. 67)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Robert Bolt, Fred Zinnemann: Ein Mann zu jeder Jahreszeit (Film, 1966)

Passiver Widerstand aus Gewissensgründen glaubwürdig dargestellt

Der Film schildert eindrucksvoll, wie Thomas Morus versucht, den Anforderungen der Obrigkeit einfach aus dem Weg zu gehen und sie nicht zu reizen. Thomas Morus ist kein Held vom billigen Format, der die Gefahr sucht. Aber die Obrigkeit wird gerade durch dieses Verhalten dazu gereizt, ihn herauszufordern, von ihm Bestätigung zu verlangen, ihn Schritt um Schritt in die Enge zu drängen, um ihn zu unterwerfen. Ähnliches hörte man schon von DDR-Dissidenten: Wenn der Staat sie einfach in Ruhe gelassen hätte, wären sie gar keine Dissidenten geworden.

Es ist auch treffend dargestellt, wie Morus sich bewusst von seinen Freunden distanziert, um sie nicht ins Schlamassel mit hineinzuziehen. Es ist gut zu sehen, wie die Menschen um Morus von ihm Abstand nehmen, ihn sogar verraten oder persönliche Rache nehmen. Man sieht, wie schwer es ist, einen Standpunkt gegen die herrschende Meinung einzunehmen, welche sozialen Mechanismen plötzlich greifen und zu wirken beginnen, um den Dissidenten zu isolieren und zu zerstören.

Und es ist gut zu sehen, wie die Macht unter dem Deckmantel der Galanterie plump und brutal ist, im Gegensatz zur Tochter von Morus, die gebildet und feinsinnig ist.

Das alles ist kein Historienfilm, der eine historische Begebenheit dröge ableiert. Das ist ein Menschheitsdrama.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 11. Juli 2008)

Andreas Eschbach: Die Haarteppichknüpfer (1995)

Religion, Tradition, Macht, Lüge und Sinn im Leben der Menschen

Der Roman „Die Haarteppichknüpfer“ ist eine zunächst lose erscheinende Aneinanderreihung von Einzelepisoden aus der Welt der Haarteppichknüpfer. Diese leben in einer vergessenen Region des Universums und führen ein mittelalterliches Leben mit einem strengen Patriarchat. Dazu gehört auch ein religiöser Kaiserkult, der jeden Ketzer tötet, und vor allem ein lebenslanges Knüpfen von Teppichen aus Menschenhaaren, die über fahrende Händler in Raumhafenstädte gelangen, von wo sie an einen unbekannten Ort im Universum verschifft werden.

Jeweils am Ende der ersten Episoden kommen die Protagonisten überraschend und rücksichtslos zu Tode (ähnlich wie in Game of Thrones), so dass zunächst keine durchgängige Geschichte erzählt zu werden scheint, doch allmählich fügt sich doch eine zusammenhängende Erzählung über die rauhe Welt der Haarteppichknüpfer zusammen. Schließlich wird die Geschichte auch im Wechsel mit Episoden aus der Sicht der Rebellen erzählt, die mittlerweile den Kaiser gestürzt haben und das Geheimnis der Haarteppiche zu ergründen versuchen.

Der Roman schlägt mehrere große Themen an: Zunächst der Missbrauch von Religion und Tradition zur Unterjochung von Menschen in einem ganz klassischen Sinne. – Dann aber auch in der Person des Kaisers das Thema der Sinnlosigkeit eines materiell vollendeten Daseins Der Kaiser hat buchstäblich alles erreicht: Er ist unermesslich reich, unermesslich mächtig, und durch medizinischen Fortschritt auch unsterblich. Er kann alles und hat alles. Alles dreht sich um ihn, und das Universum in seiner Unendlichkeit ist seine Spielwiese, um seine Macht auszuprobieren. Doch der Kaiser muss erkennen, dass all das nur ganz eitel und ohne Sinn ist, und so zettelt er selbst eine Rebellion an, um sich stürzen zu lassen und dabei den Tod zu finden, gewissermaßen als die letzte noch nicht von ihm ausprobierte Spielart seiner Machtausübung sowie als klassischer Suizid aus Verzweiflung über die Sinnlosigkeit der Welt.

Nebenthemen sind Liebe, Musik, Bürokratie, Eltern und Kinder, brain in the tank, Gehorsam und Emanzipation, die Versuchung der Macht für die Rebellen, sowie die Unendlichkeit der möglichen Geschichten im Universum. Diese wird angedeutet in den unendlichen Weiten des Universums und des kaiserlichen Reiches, in dem vieltausendjährigen Alter des Kaisers, der zahllose Dinge erlebt haben muss, und schließlich vor allem in der Unermesslichkeit des Archivs im kaiserlichen Palast. Es erinnert an die „Bibliothek von Babel“ von Jorge Luis Borges.

Kritik

Literarisch geht der Roman nicht völlig auf. Es gibt ein paar Handlungsfäden, die am Ende nicht wieder aufgegriffen und deshalb zu keinem Abschluss gebracht werden, z.B. der geflohene Schüler des Dreiflötenmeisters.

Das schwerste Versäumnis des Romans liegt in der Unterlassung der Problematisierung des Endes des Kaiserkultes und der Tradition der Haarteppichknüpfer. Natürlich handelte es sich dabei um Betrug durch die Macht. Doch es war mehr als das: Es gab der Gesellschaft Ordnung und Sinn. Wenn man die Tradition ersatzlos fortnimmt, gehen Ordnung und Sinn verloren. Diese Sinnlosigkeit führt der Roman selbst anhand der Person des Kaisers eindrücklich vor Augen. Doch der Roman überträgt das Drama des Kaisers nicht auf die Menschen und übergeht diese Problematik völlig. Es werden Rebellen gezeigt, die die Menschen von ihren Irrtümern befreien, und verbohrte Haarteppichknüpfer, die irgendwann einsehen müssen, dass es keinen Sinn mehr hat, Haarteppiche zu knüpfen. Das war’s.

Die Überwindung falscher Traditionen und die Entmachtung der Traditionalisten ist aber bestenfalls die halbe Miete. Die Notwendigkeit der Gewinnung von Ordnung und Sinn durch andere, tunlichst wahre Anschauungen, bleibt völlig undiskutiert. Es bleibt deshalb der Eindruck, dass der Autor selbst an keinen Sinn glaubt. Der Leser bleibt deshalb etwas ratlos wie ein desillusionierter Haarteppichknüpfer zurück: Wie geht es denn nun weiter in diesem Universum? Doch dazu sagt der Roman nichts.

Fazit

Andreas Eschbach hat mit den „Haarteppichknüpfern“ ein faszinierendes Universum voller verblüffender Einfälle erschaffen, das geeignet ist, einige wesentliche Themen des menschlichen Daseins zu reflektieren. Leider ist er dabei zu sehr an der Oberfläche geblieben.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Alejandro Amenábar: Agora (Film 2009)

Wie sich eine kollektive Weltanschauung Schritt für Schritt durchsetzt

Der Film „Agora“ ist gut, sehr gut sogar – verstörend gut. Er zeigt, wie eine kollektive Weltanschauung X – in diesem Fall das Christentum – sich in einer Gesellschaft Zug um Zug durchsetzt, und andere kollektive Weltanschauungen Y oder Z – in diesem Fall Serapis-Kult und Judentum – dabei schrittweise an Boden verlieren. Nebenbei kommen Freidenker, die mit den bisherigen kollektiven Weltanschauungen ein Arrangement gefunden hatten, unter die Räder, weil sie ein solches Arrangement mit der neuen kollektiven Weltanschauung eben noch nicht gefunden haben.

Der Film zeigt sehr gut, dass guter Wille allein nicht genügt, um widerstreitende kollektive Weltanschauungen zu befrieden. Denn die Dinge schaukeln sich hoch und haben eine Dynamik, die nicht beherschbar ist. Es nützt nichts, auf die Vereinfacher und Hetzer zu schimpfen – sie sind nun einmal immer da, man muss sie mitdenken, sonst hat man kein volles Bild der Wirklichkeit. Man sieht, wie auch vernünftige Menschen auf allen Seiten – auch wenn sie Macht haben – gegen die Neigung zur Dummheit, die in jeder kollektiven Weltanschauung angelegt ist, nichts ausrichten können.

Das Dumme an der Dummheit ist, dass man sie vollkommen gleichberechtigt mit der Realität behandeln muss, wenn sie nur gesellschaftliche Macht hat. Man muss mit ihr verhandeln. „Seit wann gibt es in Alexandria so viele Christen?“ lautet einer der Schlüsselsätze im Film. Dass in den Verfassungstexten einer Gesellschaft irgend etwas kodifiziert ist, spielt dann keine Rolle mehr – das wird alles gnadenlos Bestandteil der Verhandlungsmasse, wenn die Gewichte in der Gesellschaft sich verschieben.

Und dann gibt es noch die Möglichkeit, mit den Wölfen zu heulen, nur lauter. Im Film scheitert dieser Weg, weil der Protagonist nicht laut genug „mit den Wölfen heulte“ (der Moment, wo Orestes sich nicht niederkniet).

Natürlich denkt man bei all dem an das derzeitige Erstarken von Formen des Islams, die fern von der Vernunft sind (womit gesagt sein soll, dass der Islam auch vernünftig sein kann). Man kann die Sache aber auch tiefer hängen. Welcher Politiker z.B. könnte es sich leisten, Kohlendioxid als Verursacher des Klimawandels anzuzweifeln? Wer könnte es wagen, gegen das gedankenlose Multikulti und den Softsozialismus in der Gesellschaft anzugehen? Usw. usf.

Auch dies: Noch nie jedenfalls habe ich das Christentum so hinterfragt gesehen. Die meisten von uns sind ja mit einem „lieben“ Bild von Christentum aufgewachsen, und auch wenn wir alle es längst hinterfragt haben: So krass wie in diesem Film hat man es noch nie gesehen, und der Eindruck ist gerade auch deshalb so stark, weil der Film nicht übertreibt, sondern glaubwürdig bleibt: Auch wenn die wahre Story um Hypatia nicht exakt genau so gewesen ist, so kann man sich dennoch nur zu gut vorstellen, dass das Christentum diese üble Rolle auf diese Weise spielen kann und auch oft genug gespielt hat. „Halleluja“ statt „Allahu akbar“ – das kann man sich nur zu gut vorstellen.

Der Film war fast zu perfekt. Sogar die Aussprache von „Agora“ war richtig. Die meisten sagen ja „Agoora“, aber es heißt natürlich „Agoraa“ 🙂

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 27. März 2010; die Rezension ist dort inzwischen verschwunden.)