Schlagwort: Rache

Mary W. Shelley, Frankenstein oder Der moderne Prometheus (1818/30)

Flaches, unlogisches Herzschmerz-Stück, das das Thema konsequent verschenkt

Wie Mary Shelley in einem Vorwort selbst erzählt, schrieb sie diesen Roman bei einem Aufenthalt mit Freunden am Genfer See, als man durch das „Jahr ohne Sommer“ durchweg schlechtes Wetter hatte und deshalb ans Haus gefesselt war. Der Roman handelt von dem jungen Viktor Frankenstein aus Genf, der nach Ingolstadt auf die Universität geschickt wird, wo er das Geheimnis des Lebens ergründet und sein Monster erschafft.

Diese Universität war die älteste Universität in Bayern. Später zog sie nach München um, wo sie heute Ludwig-Maximilians-Universität heißt. Hier wurde von Professor Adam Weishaupt 1776 der aufklärerische Illuminaten-Orden gegründet, was die Ursache dafür gewesen sein dürfte, die Handlung des Romans hier anzusiedeln. Gesagt wird dazu im Roman aber nichts.

Das Monster selbst wird offenbar aus Leichenteilen hergestellt und gleicht einem Menschen, nur dass es zu groß geraten und potthässlich ist, außerdem unempfindlich gegenüber Kälte. Vor allem ist das Monster zunächst gar kein Monster. Es ist vielmehr einsichtig und zartfühlend und lernt durch Beobachtung und sucht den Kontakt zu Menschen, konkret zu einer Familie von französischen Exilanten bei Ingolstadt. Doch aufgrund seiner Hässlichkeit wird das Monster immer wieder schroff zurückgewiesen. Daraufhin verbittert es.

Ein erster Rachemord an der Familie von Viktor Frankenstein, dem Schöpfer des Monsters, geschieht bei Genf. Bei einer Begegnung mit Frankenstein am Montblanc-Gletscher fordert das Monster die Herstellung einer weiblichen Gefährtin. Dieses Werk beginnt Frankenstein auf den Orkney-Inseln, doch er bricht das Werk vor der Vollendung ab. Daraufhin setzt das Monster seine Mordtaten an der Familie Frankensteins fort. Schließlich stirbt Frankenstein auf der Jagd nach dem Monster, und das Monster sucht den Freitod.

Thema verschenkt

Eigentlich bearbeitet dieser Roman ein großartiges Thema: Einem Wissenschaftler gelingt es, einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Was hätte man daraus nicht alles machen können? Alles, was wir heute zum Thema Künstliche Intelligenz diskutieren, hätte hier seinen Platz gehabt. Aber selbst die wenigen Passagen zum Homunculus in Goethes Faust II sind gedankenreicher als dieser Roman.

Der Leser bemerkt die Flachheit der Darstellung vielleicht zum ersten Mal, als die Autorin sich um jede Erklärung herumdrückt, wie Frankenstein denn das wissenschaftliche Wunder bewerkstelligt hat, einen Menschen künstlich zu erschaffen. Normalerweise leben Science-Fiction-Romane zu einem guten Teil davon, dass sie versuchen, zukünftige Forschung und Technik intelligent vorwegzunehmen und einigermaßen zu erklären. Es ist ganz erstaunlich, wie hellsichtig mancher Autor von Science Fiction war. Doch nichts davon in diesem Buch.

Viele logische Brüche

Der nächste logische Bruch kommt, als Frankenstein genau in dem Moment, als sein Monster zum Leben erwacht, irgendwie nichts mehr davon wissen will und schließlich aus der Wohnung flieht und sich mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Als er zurück kommt, ist er froh, dass das Monster weg ist. Es wird kein Gedanke daran verschwendet, wie denn das neue Wesen in die Welt zu integrieren ist, wie man es erziehen muss, oder dass es unbeaufsichtigt Schaden anrichten könnte. Das ist sehr unwirklich.

Das Buch ist voll von weiteren logischen Brüchen:

  • Frankenstein treibt mit einem Ruderboot von den Orkney-Inseln ab und landet … in Irland. Das erscheint doch sehr weit hergeholt.
  • Obwohl Frankenstein vom Wind zufällig an irgendeine Küste in Irland getrieben wird, hat es das Monster geschafft, die Leiche des ermordeten Freundes Henry Clerval genau an der Küste abzulegen, an die Frankenstein zufällig angetrieben wird.
  • Generell stellt sich im Verlauf des Romans öfter die Frage, wie es das Monster nur angestellt haben soll, Frankenstein immer akkurat auf den Fersen zu bleiben.
  • Obwohl Frankensteins Vater als alt und gebrechlich beschrieben wird, reist er von Genf nach Irland.
  • Immer wieder erklärt Frankenstein gegenüber seinem Vater, dass er schuld sei am Tod der Verwandten, doch er erklärt nie, warum.
  • Erst ganz zum Schluss, als so gut wie alle Verwandten und Bekannten Frankensteins tot sind, entschließt sich Frankenstein das zu tun, was er längst hätte tun sollen, nämlich auf die Jagd nach dem Monster zu gehen.

Besonders unlogisch scheint auch die irre Verzweiflung des Monsters über sein Unvermögen zu sein, Anschluss an Menschen zu finden. Denn dieses Schicksal ist gar nicht so ungewöhnlich. Viele Menschen leiden an ähnlichen Problemen und müssen damit auf irgendeine Weise fertig werden. Nicht jeder findet einen geeigneten Lebenspartner, geschweige denn einen idealen Partner. Nicht jeder findet Freunde und Seelenverwandte in seinem Leben. Hässlichkeit, Behinderung und andere Gründe, warum Menschen keinen Anschluss finden, gibt es auch heute zuhauf.

Es gibt viele Strategien, damit umzugehen. Insbesondere gehört dazu eine gewisse Ergebenheit in das Schicksal und eine konstruktive Bewältigung. Bei Priestern, Mönchen oder Nonnen ist die Ehelosigkeit sogar selbstgewählt, und dennoch leben diese Menschen kein sinnloses Leben. Aber das Monster von Frankenstein glaubt, es müsse morden, wenn es keine Partnerin bekommt. Das ist schon sehr eng geführt.

Und dann wäre da noch eine weitere Möglichkeit gewesen, Anschluss zu finden: Das Monster ist nämlich übermenschlich stark und sammelt über Nacht Holz für die französischen Exilanten, die es heimlich beobachtet, ohne sich als Urheber des Holzsegens zu offenbaren. Wenn das Monster sich den Menschen als nützlicher Dienstleister angeboten hätte, etwa zum Holz sammeln, wäre es gewiss nicht wegen seiner Hässlichkeit zurückgewiesen worden. Aber auf solche Ideen kommt der Roman gar nicht erst.

Viel unnötiger Herzschmerz

Das Buch wurde mit dem Anspruch geschrieben, beim Leser Grauen zu erregen. Doch davon keine Spur. Vielmehr ist dieses Buch randvoll mit Herzschmerz der unnötigen Art. Ständig werden die Gefühle des Monsters und der Menschen reflektiert. Seien es die seelischen Nöte der Einsamkeit des Monsters oder die Gewissensnöte von Viktor Frankenstein. Einmal fragt sogar die Braut Frankensteins, ob er denn eine andere liebe, da er doch immer so unglücklich sei: Hier kippt die Gefühligkeit ins Lächerliche.

Ebenso unnötig ist das nervtötende Rätselraten der Frankensteins um die Unschuld der vermeintlichen Mörderin Justine, die zu Unrecht als Täterin des ersten Mordes des Monsters vermutet wird. Es ist ein wahres Drama und am Ende unterschreibt Justine sogar ein Geständnis, obwohl sie doch unschuldig ist, und alle Gefühligkeit läuft ins Leere, denn der Leser weiß, wer der wahre Täter ist.

Generell ist die Hauptperson Viktor Frankenstein immer wieder verwirrt und irrt ziellos umher, kann sich nicht entschließen und bleibt rat- und tatlos. Diese Hemmung und Verklemmung, die von ständigen Gedanken und Gefühligkeiten begleitet wird, macht auf den Leser einen höchst unnötigen Eindruck.

Einziger Lichtblick: Selbsterziehung des Monsters

Die Selbsterziehungsgeschichte des Monsters ist der einzige Lichtblick des Romans. Hier wurde tatsächlich etwas Intelligenz investiert. Wie das Monster erst in der Natur Erfahrungen macht und dann durch die Beobachtung der französischen Exilanten Sprache und Verhalten lernt, wird vom Leser mit Interesse aufgenommen.

Hier sind insbesondere die Bücher zu nennen, aus denen das Monster lernt: Es ist „Les Ruines, ou Méditations sur les révolutions des empires“ von Constantin François Volnay 1791, „Paradise Lost“ von John Milton, Plutarchs Lebensbeschreibungen, und schließlich Goethes „Die Leiden des jungen Werther“.

Auch die unbeholfene Annäherung an die Menschen, die falschen Hoffnungen, die falschen Vorstellungen, sowie die Enttäuschung des Monsters können anrühren. Vergleichbare Erlebnisse kennt mancher sicher aus der eigenen Jugend. Was nicht mehr anrührt ist allerdings die anschließende Verbitterung des Monsters und sein mörderischer Fanatismus.

Nebenthemen

Ein wichtiges Thema ist die Wissenschaft und das Verständnis von Wissenschaft. Einerseits die mittelalterlichen Wissenschaftler und Alchemisten Paracelus und Albertus Magnus, andererseits die „moderne“, nüchtern-rationale Wissenschaft. Es ist der Gegensatz von rationaler Wissenschaft versus ganzheitlicher Methode, ähnlich, wie wir es bei Goethe finden. Die beiden Professoren, bei denen Frankenstein lernt, sind ebenfalls paradigmatisch: Ein Pedant und ein offener Geist. Solche Lehrertypen kennt wohl jeder aus seiner Jugend. Generell ist immer von „Naturphilosophie“ die Rede, nie von „Naturwissenschaft“. Das gefällt. Frankenstein verleidet seine Wissenschaft nach Erschaffung des Monsters, wodurch er zu einem allzu Wissenschaftsskeptischen Menschen wird, der vor jeglicher Wissenschaftsbegeisterung warnt. Der Roman zeigt zum Thema Wissenschaft interessante Ansätze, doch bleiben sie leider unausgeführt.

Die Natur spielt immer wieder eine Rolle: Der Genfer See, Waldszenen, der Hausberg Salève bei Genf, an dessen Steilwand das Monster hinaufklettert, der Gletscher am Montblanc (Mer de Glace, Montenvers), die Orkney-Inseln, das Meer. Doch die Natur bleibt bloße Kulisse.

Freundschaft wird wiederholt thematisiert: Da ist die Freundschaft zum Jugendfreund Henry Clerval, dann die Freundschaft zu seiner zukünftigen Ehefrau, die in der Familie wie eine Tochter mit aufgezogen wurde, und schließlich in der Rahmenhandlung auf dem Forschungsschiff im Nordpolarmeer die Freundschaft des Expeditionsleiters Robert Walton zum sterbenden Frankenstein. Auch Robert Walton ist ein Mann der Wissenschaft und leidet daran, keinen seelenverwandten Freund zu kennen.

In die Geschichte der französischen Exilanten ist schließlich noch der Topos „Entführung aus dem Serail“ eingeflochten worden. Der Franzose verliebt sich in Paris in die Tochter eines türkischen Kaufmanns, doch dieser versucht die Verbindung zu verhindern und die Tochter in der Türkei unter den Schleier zu bringen und in einen Harem zu verheiraten. Am Ende kann die Tochter fliehen und zu ihrem Geliebten gelangen.

Fazit

Ein weltberühmter Roman, der ein großartiges Thema aufgreift ….. und gnadenlos verschenkt. Die tiefere Ursache dafür mag das Alter der Autorin sein; sie war gerade erst 18 Jahre alt, als sie den Roman schrieb. Bei ihrem Genfer Aufenthalt sollen Shelley und ihre Freunde auch Goethes Faust gelesen haben, was eine Inspiration gewesen sein könnte. Doch an das Niveau der Gedanken zum Homunculus aus Goethes Faust II – so knapp sie auch sind – reicht dieser Roman nicht heran.

Übersetzung / Hörbuch

In der angeblich ungekürzten Hörbuchfassung des Audio-Verlages bzw. des WDR fehlten u.a. jene Passagen, wo sich das Monster am Anfang des 15. Kapitels mithilfe der Werke „Paradise Lost“ von John Milton, Plutarchs Lebensbeschreibungen, und schließlich Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ selbst erzieht. Das ist sehr schade und unerklärlich.

Die Übersetzung verfälscht offenbar auch folgenden Sachverhalt: Im Original möchte Frankenstein seiner Braut „the day after our marriage“ sein Geheimnis lüften, in der Übersetzung wird als Zeitpunkt jedoch der Morgen vor der Hochzeit genannt.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese (2015)

Literarisch Gelungenes inmitten einer billigen Computerspiel-Atmosphäre

Der Roman „Der begrabene Riese“ von Kazuo Ishiguro spielt im England des Frühmittelalters, als die Britannier und Sachsen die Insel gemeinsam bewohnten. Es beginnt mit einem alten Ehepaar, das offenbar an Demenz leidet und deshalb vieles vergessen hat. Mit Mühe klauben sie ihre letzten Erinnerungen zusammen und machen sich auf die Reise zu ihrem Sohn, der sich um sie kümmern soll. Die Begebenheiten rund um das alte Ehepaar sind literarisch anspruchsvoll und teilweise hochsymbolisch. Der Umgang mit der verlorenen Erinnerung bzw. mit wieder auftauchenden, schmerzlichen oder gefährlichen Erinnerungen ist literarisch gut gestaltet. Auch die Symbolik des Fährmanns am Ende der Reise vermag zu überzeugen.

Doch im Vordergrund des Romans steht ein Abenteuer, das literarisch vollkommen anspruchslos erzählt wird. Die Handlung geht voran von Ort zu Ort und von Szene zu Szene wie in einem Dungeons & Dragons Computerspiel. Im Fokus steht immer der Fortgang des Abenteuers. Mal bekommt man neue Hinweise, die zur nächsten Station führen. Mal trifft man neue Gefährten. Mal erhält man nützliche Artefakte. Das alles wird sehr kontextfrei erzählt. Von einem Roman über das englische Frühmittelalter hätte man sich einige Hintergrundinformationen erwartet. Doch ohne jede Erklärung wird unvermittelt von Pikten oder Britanniern erzählt, von verfallenen Römerstraßen oder neu ankommenden Sachsen. Und mit Gawain ist noch ein alter Ritter von König Artus‘ Tafelrunde in die Handlung eingebaut worden. Dessen Aufgabe wird wiederholt als „Queste“ bezeichnet, ein Wort, das es im Deutschen so nur in der Sprache der Computerspiele gibt, wo es achtlos aus dem Englischen übernommen wurde.

Genau diese Atmosphäre des Romans herrscht auch in einem Computerspiel vor, in dem man ein Abenteuer von Szene zu Szene durchspielen muss. Auch dort ist der Fokus vollkommen auf dem Abenteuer. Kontextinformation wird so gut wie keine gegeben, denn ein Computerspiel ist kein Buch. Bekannte literarische Charaktere wie z.B. Gawain werden häufig unpassend, weil ahistorisch und ohne weitere Erklärung, in die Handlung eingebunden. Gawain erinnert streckenweise an Don Quijote, den Ritter von der traurigen Gestalt. Und schließlich kippt die Handlung ins Esoterische. Kobolde, Mischwesen und eine eigene Spezies von Menschenfressern kommen vor. Und am Ende ein Drache. Die Kobolde mögen symbolisch sein, die Menschenfresser, das Mischwesen und der Drache sind es nicht.

– – – Spoilerwarnung – – –

Der Kern des Plots ist dieser: Einst hatte der britannische König Artus den Sachsen versprochen, ihre Frauen und Kinder in jedem Fall zu schonen. Doch irgendwann brach er dieses Versprechen und richtete ein Gemetzel unter der sächsischen Zivilbevölkerung an. Damit verriet er auch jene, die dieses Versprechen in seinem Namen verbreitet hatten. Um Britannier und Sachsen zu befrieden, brachte der Zauberer Merlin mithilfe des Atems eines Drachens ein großes Vergessen über das Land. Nicht nur die beiden Alten, sondern alle Menschen in diesem Roman haben mit einer gewissen Vergesslichkeit zu kämpfen. Das Ende des Drachens ist auch das Ende des Vergessens: Die Erinnerung, der lang begrabene Riese, wird wieder erwachen, und mit ihm Rache, Mord und Totschlag.

Fazit

Die literarische Gestaltung eines alten Ehepaares, das an Demenz leidet, wie sie um ihre Erinnerung kämpfen und mit schmerzlichen und gefährlichen Erinnerungen umgehen, ist gut gelungen. Aber das alles ist in ein Abenteuer eingebunden, das nur und ausschließlich als Abenteuer funktioniert, und nicht mehr ist als ein lediglich spannendes Jugendbuch. Karl May hat mehr zu bieten. Das verwundert, da der Autor Kazuo Ishiguro doch 2017 den Literaturnobelpreis bekommen hat.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.