Monat: Januar 2026

Homer: Ilias (um 700 v.Chr.)

Einmal sollte man die Ilias als ganzes gehört haben

Es lohnt sich unbedingt, die Ilias als ganzes zu lesen, besser aber zu hören! Jeder kennt die Ilias und weiß so ungefähr, worum es da geht. Aber die Ilias ist eben nicht die Geschichte von dem Trojanischen Krieg mit dem hölzernen Pferd am Ende, die außerhalb der Ilias überliefert ist.

Sondern die Ilias ist eine großartige und gewaltige Dichtung vor dem Hintergrund dieses Krieges, die am Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht, und voller tiefgründiger Gehalte ist:

  • Das Walten der Götter und des Schicksals,
  • der Mensch in seinem Streben und Scheitern,
  • Krieg und Kampf,
  • Volk und Herrschaft,
  • Liebe und Zorn,
  • Feindschaft und Vergebung,
  • usw. usf.

Es ist eine Dichtung, die eine in sich geschlossene und schlüssige Handlung hat, fast wie ein Theaterstück. Man muss das als ganzes kennen:

  • Wie die Götter die Handlung bestimmen,
  • wie die Menschen in diesem Rahmen agieren,
  • wie Achilleus sich versagt,
  • wie die Troer die Achäer immer ärger bedrängen,
  • dann die Wende durch Zeus,
  • schließlich das gegenseitige Erkennen der Feinde (Achilleus/Priamos) als Menschen,
  • usw.

Man sollte es am besten hören: Der beste Ausdruck für die Wirkung der Ilias ist vielleicht „Kopfkino“. Beim Hören ist man der Situation, wie die Ilias einst vorgetragen wurde, am nächsten: Ein Sänger trägt sie vor Publikum vor.

Die Dichtung ist so reichhaltig, dass sie bis heute fortwirkt, und in vielem drinsteckt, von dem man es nicht vermutete. Jeder sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen, jeder wird es wieder anders und neu entdecken!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. Juli 2012)

Duden: Mit Goethe durch das Jahr 2026 – Goethe und das Klima (2025)

Interessanter Beitrag zu Goethe und der Wetterforschung – schlechtes Kalendarium

Der enthaltene Aufsatz „Goethe und das Klima“ von Prof. Bodo Plachta ist sehr interessant. Allerdings ist der Titel falsch gewählt: „Goethe und das Wetter“ wäre korrekter gewesen. Denn es geht um die Erforschung von Wolken und Wetter, also um Meteorologie, und weniger um Klimaforschung. Die Wahl des Titels ist wohl dem Modethema Klimawandel geschuldet.

Jedenfalls sehen wir einen Goethe, der mit Barometer und Thermometer hantiert und als Minister eine der ersten Wetterwarten einrichtet, die regelmäßig ihre Messergebnisse publiziert. Von Howards Klassifizierung der Wolken ist Goethe begeistert, seine eigenen Theorien bleiben jedoch im Vagen stecken, Goethe hat sie zu Lebzeiten nie veröffentlicht. Dazu gibt es eine Reihe von Zeichnungen Goethes sowie Hintergrund- und Kontextinformationen. Sehr schön.

Aufhänger ist übrigens das „Jahr ohne Sommer“, dessen Ursache der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien war. Goethe hat den wahren Grund für das Jahr ohne Sommer allerdings nie erfahren. Schließlich lesen wir, dass Mary Shelley, die das schlechte Wetter an den Genfer See vertrieben hatte, dort mit ihrem Freundeskreis auch Goethes Faust las. Daraufhin schrieb sie den berühmten Roman „Frankenstein“. Im Roman liest wiederum Frankenstein Goethes Werther. Später wird Mary Shelley Goethes Grab in Weimar besuchen. Man kann nun spekulieren, ob sich „Frankenstein“ vielleicht dem Homunculus aus Goethes Faust II verdankt?

Das Kalendarium ist eine Katastrophe. Lieblos werden verschiedenste Goethe-Zitate aneinandergereiht. Man erfährt aber nicht, woher sie stammen. Praktisch unbrauchbar.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss (1963)

Gefrieren und Auftauen am Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein

In seinem Roman „Eis-Schloss“ thematisiert Tarje Vesaas den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein anhand einer sehr einfachen Geschichte: Das Mädchen Unn, die soeben Weise geworden ist, zieht zu ihrer Tante neu ins Dorf. Sie sondert sich von den anderen Kindern ab. Nach einer Weile der Zurückhaltung freundet Siss sich mit ihr an. Unn will ihr ein Geheimnis verraten, macht dann jedoch vorläufig einen Rückzieher. Um Siss nicht zu schnell zu nahe zu kommen, schwänzt Unn die Schule und verläuft sich im „Eis-Schloss“, einer bizarren, riesigen Eisstruktur, die sich Jahr für Jahr aufs neue um einen Wasserfall herum bildet. Darin erfriert Unn in trauernder Schönheit, und bleibt verschwunden. Siss verschließt sich daraufhin vor der Welt in kindlich-kindischer Treue zu Unn. Doch irgendwann taut das Eis.

Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenensein ist gekennzeichnet durch ein Sich-Öffnen gegenüber anderen und ein Sich-Lösen von engen, verklemmten Horizonten. Die Phase ist gekennzeichnet von Unsicherheit, Vortasten und Zurückziehen, von Dazugehören und sich Absondern, auch von sturem, kindischem Festklammern an der Kindlichkeit. Das alles wird durch die große Metapher des Eis-Schlosses bezeichnet, durch das Bild vom Gefrieren und Auftauen.

Unn muss sterben, weil sie den Übergang zum Erwachsensein nicht schafft. Sie bleibt in ihrer Trauer über ihre Mutter gefangen, und erstarrt zum Tod im Eis. Für Siss wiederum repräsentiert der Tod Unns den Ernst des Lebens, den sie akzeptieren lernt, und damit den Abschied von der Kindheit schafft.

Der Roman schildert diese Vorgänge äußerst behutsam. Die Dorfgesellschaft ist von homogener Friedlichkeit und sehr rücksichtsvoll. Damit spiegelt der Roman nur bedingt die moderne Gegenwart, die gekennzeichnet ist durch eine politisch und weltanschaulich zerklüftete Gesellschaft und durch Rücksichtslosigkeit. Die zarte Zurückhaltung aller Handelnden bietet keine Identifikation für moderne Phänomene wie individuelle Enthemmtheit auf Kosten der Gemeinschaft, oder bedrohlich beherrschende kollektive Meinungen bzw. den Widerstand des Einzelnen dagegen. Diese Probleme gibt es bei Vesaas nicht. Seine heile Welt ist viel zu idyllisch, und damit aus unserer Zeit gefallen.

Auch die Sprache in diesem Buch ist gefroren und kristallklar wie das Eis-Schloss: In kurzen, knappen Sätzen schildert Vesaas jede Szene, und deutet durch den knappen, hochsymbolischen Stil dabei viel mehr an, als er explizit sagt. In der kalten Klarheit der Sätze liegt paradoxerweise aber auch ein Zartgefühl, das seinesgleichen sucht. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel hat das gut zum Ausdruck gebracht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. Dezember 2019)

Jason Colavito: The Mound Builder Myth – Fake History and the Hunt for a „Lost White Race“ (2020)

Comprehensive work about the Mound Builder myth – Persons, hypotheses, historical context

The Mound Builder myth is the wrong idea that the Indian mounds in Northern America had been built by some other people than the local Indians resp. their ancestors. There often was a racist motivation behind this belief: If a „lost white race“ had built the mounds which later had been expelled or eradicated by the allegedly newly arrived Indians, then the European colonization and expansion could be perceived as a re-conquest, and the Indians could be perceived as non-native foreigners to their own land. Candidates for the identity of the „lost white race“ were e.g. the Lost Tribes of Israel, Scyths, Celts, Scots, Norsemen, and finally even Atlantis. But also non-white candidates were often driven by racist intentions to delegitimize the Indians. Some thought of Indians from India, and many thought of the Aztecs or Toltecs who allegedly settled in North America first before they allegedly were expelled to Southern America by the newly arrived Indians.

Jason Colavito’s „The Mound Builder Myth“ describes the creation, development, demise, and afterlife of the Mound Builder myth in all detail. The number of authors, hypotheses, and forgeries gathered in this book is amazing. All information is well-documented by 434 notes and eleven pages of bibliography in the appendix. There are thirteen pictures of mounds, authors, or forged stones.

Each development of the Mound Builder myth is paralleled with the respective developments in society and politics. It is well demonstrated that the Mound Builder myth always reflected the current zeitgeist: From the war with Britain, via the war with Mexico, expelling the Indians to the West, the Reconstruction era after the civil war, the mass immigration of Italians, the popularity of eugenics, until postmodernism in the 2nd half of the 20th century. It is amazing to see how the decline of the Mound Builder myth coincided with the decline of the Indian question, and how the myth is revived in later days under completely different perspectives.

Even the foundation myth of the Mormons is based on the Mound Builder myth, and the giants of the Bible were also allegedly found in the mounds.

The core message of Jason Colavito’s book is conveyed with overwhelming evidence: It is obvious that the motivation behind the Mound Builder myth often had been racist and driven by the zeitgeist. This book is a valuable lesson about the direct or indirect interference of politics and public opinion with science or what the public considers science, and how important and effective the resistance of individual dissenters sometimes is, in the long run.

Formal criticism

Right at the beginning of the book a short but comprehensive introduction into the real history of the mounds would have been helpful, especially in order to understand why the connection of the mounds to the contemporary Indians of the 19th century got lost (or to which extent some kind of connection still existed).

The various authors and their hypotheses are presented in a novel-like style. By this approach, order and overview get often lost. The storyline repeatedly goes back and forth in time, and the same authors repeatedly appear in varying roles. The book is divided in only few chapters, and often the content belonging to one chapter, according to its headline, occurs in an other chapter (e.g. important content concerning the giants myth is in the chapter following the giants chapter).

It would have been preferable to have more order and overview in such a complex theme. More speaking headlines, and also subheadlines would have been helpful. At least a table in the appendix listing all authors and their hypotheses, and by whom they where influenced, and whom they influenced in turn. Also a list of the forged stones (what, who, where and when) would provide overview. Also interesting would have been an overview of all persons who continuously held the correct belief that the Mounds were built by the Indians. These were not few, including Martin van Buren, US president 1837-1841.

Last but not least, a map is missing, where all the sites of mounds are marked. Also a map of Ohio or the state of New York could be useful, where the locations of the authors of hypotheses are marked who, as it seems, often lived close to each other and thus easily influenced each other.

The present-day situation is discussed only in the Conclusion, but it really had deserved a chapter on its own.

In the bibliography the book „Hidden Cities“ by Robert G. Kennedy is missing.

It would have been interesting to include some paragraphs about the current official opinion of the various Mormon churches on the origin of the Mormon belief. As I have read, there are not only fundamentalist believers but also more liberal views. How do they live with the truth?

Criticism of contents

While the core message of Jason Colavito’s book is simply true and deserves ardent support, especially when considering the strange revival of the Mound Builder myth in modern TV shows and weird religious fundamentalist or racist circles, there are several problems which may have their origin in a too narrow perspective of the author.

The book does not take seriously enough the legitimacy of 19th century doubts about who built the mounds. As the book itself says, the Mound Builder era ended some 500 years before the Europeans arrived, and the Indian civilization declined (pp. 48 f.). Or the reason for the decline were infectuous deseases contracted by the very first contacts with Europeans, so that except the very first Europeans the Europeans did get to know the Indian civilization only in a declined state (pp. 7, 180). (The book is not clear about which of the two reasons was more important.)

In effect, Indians did not build mounds any more and did not use the mounds as they once had been used. Therefore, it is absolutely understandable that doubts arose when comparing the remainders of the mound building civilization and the state of the civilization of contemporary local Indians. The book repeatedly reports of such doubts (e.g. on pp. 44, 180, 261 f.), but does not take them seriously, although even the famous Frederic Ward Putnam of Harvard thought of the Celts as the Mound Builders (p. 304). Therefore, these doubts should have been examined more carefully. It is not legitimate to talk about the Mound Builder myth as if every proponent of an incorrect explanation had been driven by racism, though often this was the case.

There are several passages in this book where the interpretation of the sources is going beyond what is really contained in the sources in order to make the wanted case.

One example is president Andrew Jackson’s speech of 1830 (p. 116). Andrew Jackson equals the alleged replacement of the Mound Builders by the Indians with the replacement of the Indians by the Europeans. But other than Jason Colavito thinks, the Mound Builder myth does not serve as a racist justification for the replacement of the Indians. Because under a racist perspective, the replacement of the „higher“ race of the Mound Builders by the „lower“ race of the Indians is not justified. The justification expressed by Andrew Jackson is another one. It is simply Social Darwinism: The stronger replaces the weaker. And the case of the Mound Builders serves only as an example, not as a special justification.

Another example is the opinion of the famous German natural researcher Alexander von Humboldt, as expressed in the „Report of the Librarian“ in the Proceedings of the American Antiquarian Society No. 53 of 1869 on p. 42. According to Jason Colavito, Humboldt was „arguing that some Native Americans most closely related to the Mound Builders had been ‚born white‘ before the sun burned them a ruddy copper color.“ (p. 251) – But this is not the case. First, according to the source it is a certain Monsieur de Volney who claims this, and Humboldt is against this claim. Humboldt adds that Mexicans and Peruvians (who were considered related to the Mound Builders by many) are brown by birth. Only the Eskimos and a tribe at the northwest coast are allegedly born white. And then Humboldt calls for verifying the claim of de Volney by just going out and looking at real Indians! This is the spirit of the true scientist and not at all a racist attitude. Especially not in case of Alexander von Humboldt who was an ardent proponent of the idea of human rights.

Another example is Jason Colavito’s reliance (p. 328) on the book „The American West and the Nazi East“ by Carroll P. Kakel, 2011. The book compares the genocidal conquest of eastern Europe by the Nazis with the spread of European settlers in the American West and connected genocidal events – which is grotesque! The Nazis planned their genocidal acts intentionally right from the beginning and conquered Eastern Europe by military force in short time, whereas in the American West, settlers spread slowly over many decades, were confronted with a completely incompatible civilization, and genocidal events unfolded mostly unplanned and unintentionally. Even well-minded intentions towards the Indians played out badly, as Jason Colavito rightly says (e.g. pp. 263-267). – Citations drawn from the book turn out to be taken out of context and their meaning turned upside down. Where Hitler said that America had gunned down the millions of redskins to a few hundred thousands, the context is the following: According to Hitler, the land belonged to the Indians, and the white men have stolen it from them, and the gunning down is depicted by Hitler as a crime. – It is also not true that Hitler was a „massive fan of Westerns“. Hitler watched Westerns, too, but he was not a „massive fan“ of them. Hitler was a massive fan of Disney’s animated cartoon films, especially „Snow White“, as we know today. This book by Kakel is really problematic! You find there many modern myths about the Nazis but not the real history. E.g. Kakel describes the ideologies of Hitler, Himmler and Rosenberg as being on the same line – nothing could be more wrong. Himmler and Rosenberg had severe differences, and Hitler kept clear distance of those two and their ideas. Furthermore, Rosenberg is depicted as „party ideologue“ – which he wished to be but wasn’t. There was only one person defining the Nazi creed and this one person was Hitler, and Hitler, Goebbels and Goering are known to have mocked Himmler and Rosenberg for their fancy ideas.

Criticism concerning the Indian question

The drama of the Indian question is also misrepresented in Jason Colavito’s book. Obviously, Jason Colavito follows a rather romantic perspective of Indians and Europeans living peacefully together on the same land, each of them according to their unchanged traditional culture. This unrealistic multiculturalist idealism becomes clear e.g. by his criticism of Ralph Waldo Emerson’s opinion that the Indians have to modernize (p. 190), or the criticism of the basic intentions of Helen Hunt Jackson and Henry L. Daws (pp. 263 ff.), who wanted to civilize the Indians rather than to expell or kill them. Even Thomas Jefferson wanted to modernize the Indians (pp. 64 f.).

Jason Colavito’s criticism reveals an unrealistic, romantic dream. The European civilization was much more developed than the Indian civilization, so that it was clear right from the very beginning of their contact that the Indian civilization could not survive unchanged. Therefore, the only morally acceptable idea was indeed to develop the Indians to modernity. And here we are right in the middle of the drama: Because, how to repeat the development of European civilization in time lapse? How to modernize the Indians without (!) taking away their Indian identity? And how to civilize a people who partially or totally resisted to be civilized?

It is absolutely understandable that many believed such a civilizing process not possible, and that patience with the Indians ran out, though physically or culturally genocidal acts are also not acceptable, of course. It is really a drama, a problem with no easy solution, a real tragedy, and who knows the outcome if more patient politicians than Andrew Jackson had governed the US in this time. It is not a forgone conclusion that things had played out better, then.

Jason Colavito’s biased orientation in these questions becomes even more clear when he depicts the achievements of human rights as bad for the Indians. He e.g. connects the removal of „all incompatibilities with indiviudalism, and personal liberty“ with the word „destroy“, or he depicts the „redefining of gender roles“ in Indian families as „devastating“. (pp. 265, 267) But human rights are there for all human beings, and finally good for all human beings. The continuation of the patriarchy of the Indian culture, i.e. the systematic suppression of women (and all other family members!) by „old red men“, under the rule of the United States is inconceivable, and is only one aspect of Indian culture which had no chance to survive, and this although the Europeans themselves had still some obvious remainders of patriarchy in their civilization in the 19th century.

Criticism concerning Atlantis

Concerning Atlantis, the book creates the impression that the Atlantis story had „long considered to be fictional“, until the 19th century, and then had been revived by fraudulent Europeans such as Fortia d’Urban (pp. 273 f.). But this is wrong. Atlantis had been long considered real, and what started in the 19th century was not a revival of the idea of a real Atlantis, but quite the opposite: It was the start of the idea that Atlantis had been fictional becoming the prevailing idea.

It is also wrong that „the Spanish“ considered Mexico Atlantis (pp. 273). Only „some“ Spanish thought of Mexico as Atlantis, not „the“ Spanish. The official Spanish position was to reject this idea (e.g. Antonio de Herrera y Tordesillas 1601).

Missing is Francis Bacon’s „New Atlantis“. Here, the Indian civilizations of Southern America are Atlantis, and Plato’s cyclically repeating catastrophes are the reason why the Indians fell down from a higher level of civilization. This would have been an example of Atlantis belief fitting better to reality than usually expected, and it would be interesting to see whether and how Francis Bacon’s view influenced the views of the 18th/19th century.

Ignatius Donnelly is misrepresented as a racist (chapter 11). Of course, Donnelly’s views are partially racist under a modern perspective, but under the perspective of his time, the opposite holds true. Donnelly was a progressive politician, fighting for the abolition of slavery. He even wrote a novel about a white man living like a black and suffering discrimination („Doctor Huguet“, 1891). Furthermore, Donnelly’s Atlanteans were not only white, but also yellow and red, and even excluded some white peoples. According to Donnelly, Europeans were not purely white but a mixture of white and yellow. And in American prehistory, all races of all kinds had met and lived together, as he wrote. Donnelly’s core motivation was clearly not racist although he expressed various racist stereotypes prevailing in his time. The abuse of Donnelly’s work, e.g. by omitting that Donnelly’s Atlanteans are not only white, is much more harmful than the original work itself.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 24. Mai 2020)

Simon Strauss: Sieben Nächte (2017)

Ausbruchsversuch aus allzu glatten Leben? Nur eine Simulation davon!

Die Novelle „Sieben Nächte“ von Simon Strauß zeigt zunächst das Dilemma des modernen, verwöhnten, politisch korrekt denkenden jungen Menschen: Er hat sich gemeinsam mit seiner Generation ganz im Rahmen des Mainstreams entwickelt und dabei problemlos alles erreicht, was zu einem erfolgreichen aber unauffälligen jugendlichen Durchschnittsleben dazugehört, kurz: Er hatte weder ein Problem mit Mathematik noch ein Problem mit dem Zeitgeist, noch Probleme, Freunde und auch Frauen zu haben. Und jetzt steht er vor dem Beginn des Erwachsenenlebens, das ebenso 08/15 weiterzugehen droht wie seine Jugend: Heiraten, Kinder bekommen, ein Haus bauen, festangestellt sein. Doch dieses Leben ist zu glatt, zu brav, zu gewöhnlich. Es ist weder etwas besonderes noch vermittelt es Sinn. Es gab auch keine Widerstände, an denen man hätte wachsen und reifen können. Alles ist irgendwie kindisch und läppisch. Man war nicht einmal bei der Bundeswehr.

In dieser Situation beschließt der Protagonist, angeregt durch einen Bekannten, der auch das Schlusswort schreiben wird, in sieben Nächten jeweils eine der sieben Todsünden auszuleben und dies in den folgenden sieben Kapiteln schriftlich festzuhalten. Er will damit erreichen, etwas besonderes zu tun, persönlich zu reifen, und der Wildheit der Jugend ein Denkmal zu setzen, bevor er sich der Langweiligkeit des Erwachsenenlebens hingeben wird.

Die sieben Kapitel zu den sieben Nächten mit den sieben Todsünden sind moderne literarische Variationen der bekannten sieben Todsünden, die interessant, anregend, und teils packend zu lesen sind. Der Autor schafft es zweifelsohne, viele Fragen, Probleme und Situationen zu thematisieren, die dem Leser nur allzu bekannt sind. Das Schlusswort zieht dann ein etwas lendenlahmes Fazit: So richtig erfolgreich war der Ausbruchsversuch eigentlich nicht, aber er würde dennoch in Erinnerung bleiben und deshalb irgendwie wertvoll sein. Ein dem Buch vorangestelltes Gedicht beklagt das Schicksal des Dandys, schließt dann aber überraschend mit der Zeile: „Dandy, you’re all right.“

Kritik

Zunächst ist zu fragen, warum der Übergang in ein langweiliges Erwachsenleben einen dramatischen Verlust an Lebendigkeit, Freiheit etc. bedeuten sein soll, wenn bereits die Jugend langweilig war? Hier bäumt sich niemand auf, um die Wildheit der Jugend zu bewahren, denn bereits die Jugend war nach eigener Auskunft allzu glatt und allzu langweilig. Dies ist ein echter Selbstwiderspruch in diesem Buch, wenn auch verzeihlich, denn dann wäre es eben kein „letzter“ sondern der erste und einzige Ausbruchsversuch aus einem langweiligen Leben.

Dann ist zu fragen, warum das Verhalten in den sieben Nächten, also das Begehen der sieben Todsünden, ein Ausbruch aus der beklagten Langweiligkeit sein soll? Denn was in diesen sieben Nächten geschieht, entspricht doch ganz der Langweiligkeit der allzu glatt verlebten Jugend! Er ist hochmütig, wie es verwöhnte Jugendliche nun einmal sind, er schläft wollüstig mit einer Frau, was er nach eigener Auskunft ebenfalls schon mehrfach getan hatte, usw. Dieser Widerspruch führt beim Leser zu ersten Zweifeln: Hat der Autor übersehen, dass dieser „Ausbruch“ gar keiner ist?!

Es ist vor allem zu fragen, warum man „sündigen“ muss, um zu reifen? Auch durch „Sünden“ kann sich eine gewisse Reife ergeben (wenn man seine Schuld einsieht), aber echte Reife erlangt man doch vor allem gerade dadurch, dass man gegen Widerstände das Richtige tut. Also z.B., dass man schwierige Probleme mit Geduld löst, etwa an einem schwierigen Studium dranbleibt. Oder eine Freundschaft bzw. eine Ehe über Höhen und Tiefen hinweg erhält. Oder das Erschaffen eines literarischen oder wissenschaftlicher Werkes über viele Jahre hinweg. Das Aalglatte hingegen tut selten gut. So mancher tut sich allzu leicht, mit Frauen im Bett zu landen, scheitert aber an der Liebe. So mancher hat viel Spaß mit Freunden, ist aber völlig ignorant gegenüber dem Leiden anderer. So mancher plappert die öffentlichen Meinungen beifallheischend nach, und seien es nur die ewig doofen Witze über republikanische US-Präsidenten, hat aber keine eigene Meinung, die er sich unter Mühen und Irrtümern errungen hätte, und für die er bereit wäre, sich lächerlich zu machen.

Auch die Perspektive auf ein angeblich langweiliges Erwachsenenleben ist völlig falsch: Warum sollte es langweilig sein, zu heiraten, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen und einen Beruf zu ergreifen? So kann nur jemand denken, der sich dem Mainstream so sehr hingegeben hat, dass er sich gar nichts anderes mehr vorstellen kann als den Mainstream. Denn heiratet man eine Frau nicht auch deshalb, um in ihr eine seelenverwandte, erhellte Verbündete gegen die Anfeindungen der dumpfen Mitwelt zu haben? Wird man nicht versuchen, seine Kinder so zu erziehen, dass sie zu großartigen, selbständigen, besonderen Menschen werden? Wird man nicht vielleicht auch im Beruf oder im Hobby versuchen, die Welt irgendwie zu verbessern? Als Lehrer seine Schüler auf das Leben vorbereiten? Als Krankenschwester die Leiden von Kranken lindern? Das Besondere kann manchmal sehr einfach sein. Wer ein Überzeugter ist, wird immer und überall auf irgendeine Weise wirken.

Völlig ausgeblendet wird die große Frage nach Religion und Weltanschauung. Eine richtige Religion oder Weltanschauung mit der entsprechenden Moral zu finden bzw. zu erarbeiten und mit großem Ernst und großer Konsequenz danach zu leben, sollte eigentlich eine der wichtigsten Aufgaben eines erhellten jungen Menschen sein, und würde auch dem Zeitgeist (vermutlich aller Zeiten) völlig zuwiderlaufen. Davon ist in diesem Buch aber an keiner Stelle die Rede.

„Faschistisch“?

Dem Buch wurde vorgeworfen, „faschistisch“ zu sein. Das ist Unfug. Weder wird die Demokratie noch die Gleichberechtigung von Mann und Frau noch sonst etwas derartiges ernsthaft in Frage gestellt. Es wird lediglich der Wunsch formuliert, besonders und sinnvoll zu leben, und nicht langweilig und grau. Das ist zwar elitär und gegen den (derzeit linksliberalen) Zeitgeist, aber nur deshalb, weil es schon immer so war, dass sich nur wenige Menschen solche Gedanken machen. In diesem Sinne ist auch jeder Linksintellektuelle elitär. – Vermutlich stammt der Vorwurf daher, dass Simon Strauß der Sohn von Botho Strauß ist, und sich sprachliche und thematische Parallelen zwischen den Werken beider entdecken lassen. Aber auch Botho Strauß war kein „Faschist“, sondern wurde nur als solcher verschrieen.

Konservativ?

Die Idee, durch „Sünden“ zu reifen, ist so ziemlich das Anti-Konservativste, was man sich ausdenken kann. Nein, dieses Buch ist nicht konservativ. Man könnte lediglich die Fragestellung, von der das Buch ausgeht, und die Respektlosigkeit vor dem linksliberalen Zeitgeist, die sich in einigen Passagen zeigt, als konservativ bezeichnen. Diese Punkte sind auch das einzig Gute an diesem Buch.

Visionsloser Trotz und stilles Einverständnis mit der Langweiligkeit des Mainstream

In Wahrheit bleibt der Autor dieses Buches selbst noch in seinem Widerstand gegen den Zeitgeist in demselben gefangen. Es ist nämlich sehr linksliberal gedacht, dass man durch „sündigen“ reift, denn „sündigen“ ist der Inbegriff der Überschreitung von Verboten, die eine konservative Autorität angeblich deshalb aufgestellt hat, um die Menschen wie Kinder zu halten. Es ist sehr linksliberal gedacht, Ehe, Familie, und Beruf grau in grau zu sehen: Die Familie als die „Agentur der kapitalistischen Konsumgesellschaft“, der Beruf als willenlose Knechtschaft im Dienste des Kapitalismus. Es ist sehr linksliberal gedacht, Sex wie einen Schluck Wasser zu konsumieren, und Liebe als konservatives Konzept beiseite zu schieben. Diese Stereotypen stecken offenbar tief im Inneren des Autors, und er konnte sich nicht von ihnen lösen, sie nicht überwinden, und nun lehnt er sich wie ein trotziges Kind aufgrund eines unausgegorenen Unbehagens dagegen auf, ohne zu wissen, was er statt dessen eigentlich wollen sollte. Tugendhaftigkeit, Ehe, Familie, Beruf und Liebe will er offenbar nicht, weil er das Abenteuer in ihnen nicht erkennen kann. Und das Thema Religion und Weltanschauung fehlt völlig. Damit würde aber jede echte Kritik am Zeitgeist beginnen müssen.

Am Ende scheint der aufbegehrende Protagonist (bzw. der Autor selbst, wer sonst?) mit dem Schicksal des Dandy sogar ganz zufrieden zu sein. Das wird sehr deutlich in dem einleitende Gedicht, das mit „Dandy, you’re all right“ endet, und im Schlusswort, das sich mit einem gescheiterten Ausbruchsversuch völlig zufrieden gibt. Allzu schnell kehrt man in den grauen Mainstream zurück. Ein echter Ausbruchsversuch war vom Autor offenbar nie geplant. Alles war im Grunde eine Simulation von Ausbruch, die sich als Teil des Mainstream entpuppt. Die Simulation von Widerstand als Initiationsritus in den grauen Erwachsenen-Mainstream. Damit kann man’s dann ganz vergessen. Das ist im Grunde genau das Problem, vor dem der Vater des Autors 1993 im „Anschwellenden Bocksgesang“ gewarnt hatte:

„Heute benutzen Majorität und Minderheit, gleich welcher Sparte, durchweg dasselbe konforme Vokabular der Empörungen und Bedürfnisse. Dem gegenüber werden sich strengere Formen der Abweichung und der Unterbrechung als nötig erweisen; … … … Der Widerstand ist heute schwerer zu haben, der Konformismus ist intelligent, facettenreich, heimtückischer und gefräßiger als vordem, das Gutgemeinte gemeiner als der offene Blödsinn, gegen den man früher Opposition oder Abkehr zeigte.“ – „Dabei: so viele wunderbare Dichter, die noch zu lesen sind – so viel Stoff und Vorbildlichkeit für einen jungen Menschen, um ein Einzelgänger zu werden. Man muß nur wählen können; das einzige, was man braucht, ist der Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream. Ich bin davon überzeugt, daß die magischen Orte der Absonderung, daß ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen für den Erhalt des allgemeinen Verständigungssystems unerläßlich ist. Nicht zuletzt deshalb steht man jetzt vor einer gigantischen Masse an Indifferenz unter den Jugendlichen, weil die politisierte Gesellschaft sich ausschließlich mit korporierten Minderheiten beschäftigt hat und keinerlei Prägemuster für den Einzelgänger zur Verfügung stellte.“

Fazit

Die Langweiligkeit einer aalglatt und zeitgeistig verlebten Jugend zu thematisieren und danach zu fragen, wie man reift und ein besonderes und sinnvolles Leben lebt, ist ein großartiger Ansatz und eine wichtige Fragestellung. Die Ausführung dieses Ansatzes muss jedoch als völlig gescheitert angesehen werden. Insbesondere ist es dem Autor nicht gelungen, wesentliche Irrtümer des Zeitgeistes zu überwinden. Schlimmer noch: Der Autor scheint eine Überwindung des aalglatten Lebens in Wahrheit gar nicht anzustreben, sondern sich mit einer vorübergehenden Simulation von Widerstand zufrieden zu geben, die in Wahrheit auch nur Teil des Mainstreams ist, den er im Grunde bejaht.

Es bleiben der Ansatz des Buches und einige lesenwerte literarische Miniaturen und zum eigenen Denken anregende Textstücke. Für den Rest gilt: Dandy, you’re NOT all right.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 08. Juni 2019)