Kategorie: Roman (Seite 1 von 15)

Johannes Leismüller: Der Zyklop (1999)

Ein Münchner baut auf einer griechischen Insel ein Haus – doch kein Zyklop, nirgends

Der Roman „Der Zyklop“ von Johannes Leismüller erzählt, wie ein Münchner, der regelmäßig auf einer bestimmten griechischen Insel Urlaub macht, dort eines Tages die Ruine eines Bauernhauses im Hinterland kauft und das Haus neu aufbauen lässt. Wir erleben den Kontakt zu den Einheimischen, dem Wirt Apostolis, den Verkäufern des Hauses, den verschiedenen Handwerkern, dem Popen, aber auch mit anderen Nichtgriechen, die sich auf der Insel niedergelassen haben. Wir sehen, wie das Haus Stück für Stück neu aufgebaut wird, mit allen physischen und bürokratischen Hindernissen auf diesem Weg. Esel transportieren das Baumaterial. Die Mauern müssen der Tradition gemäß aufgeführt werden. Nachbarn klagen die Hälfte einer Mauer ein. Strom, Wasser und Abwasser müssen organisiert werden. Ein kleiner Arbeitsunfall muss versorgt werden, das Unfallopfer wird von der Insel nach Athen geflogen. Der zunehmende Tourismus wird eher störend wahrgenommen.

Immer wieder fliegt der Protagonist zwischendurch zurück nach München. Dort spaziert er durch die Stadt und stellt Vergleiche zu Griechenland an. In den Hofgartenarkaden betrachtet er die Bilder des Griechenlandzyklus von Richard Seewald. Auch Föhnwetter und Bierkultur sind ein Thema. Einmal geht es auch nach Berlin, das damals eine einzige Baustelle war, und einmal nach Paris, wo er auf eine Reisegruppe nach Disneyworld Paris trifft.

Aber auch ganz banale Beobachtungen werden angestellt: Über die Konsumkultur, abgepacktes Fertigessen, über das wahre Leben, oder über typische Momente und Erlebnisse einer Flugreise. Der Protagonist ist verheiratet, managt den Wiederaufbau aber fast völlig ohne seine Frau, so dass diese kaum in Erscheinung tritt und der Protagonist eher wie ein Einsiedler wirkt, der sich fortwährend seine ganz eigenen Gedanken macht.

Der Autor hat ganz offensichtlich einen politisch linksliberalen Drall, ganz dem naiven Zeitgeist der damaligen Schickeria gemäß. Allerdings bleiben alle Überlegungen in diese Richtung sehr an der Oberfläche. Der Autor assoziiert diese Dinge mehr, als dass er darüber nachdenkt. Themen sind hier z.B. die bayerische Politik, die katholische Kirche, die Jugoslawienkriege, Palästinenser und Israelis, griechisch-türkische Rivalitäten, sowie Religion und sexuelle Freizügigkeit. Als Schutzheiligen seines neuen Hauses wünscht sich der Protagonist Sokrates. Umweltschutz ist kaum ein Thema. Klimaschutz gar keines. Das Thema kommt nicht vor. Ebensowenig Flugscham: Es wird viel geflogen in diesem Buch!

Das Buch stammt aus dem Jahr 1999. Es wird noch in Mark bezahlt. Keiner hat ein Handy. Einer der Handwerker gibt das Telefon des örtlichen Cafés als Telefonnummer an. An einer Stelle wird „jemand mit Handy“ als etwas besonderes, als Wichtigtuer und Macher dargestellt. Die linksliberale Haltung des Romans wirkt wie selbstverständlich. „Rechte“ kommen nicht vor, noch nicht einmal als Negativfolie.

Grundsätzlich könnte das Buch ein authentischer Bericht eines Müncheners sein, der tatsächlich ein Haus auf einer griechischen Insel wiederaufbauen ließ, es muss nicht als Roman gelesen werden. Tatsächlich verbrachte der Autor Johannes Leismüller seit den 1950er Jahren einen großen Teil seiner Zeit in Griechenland. Reale Personen, die im Roman auftauchen, verstärken den Realitätseffekt, so z.B. Argyris Marneros, ein Dichter und Fremdenführer auf der Insel Kos, oder Manolis Glezos, der die Hakenkreuzfahne von der Akropolis holte und auf der Insel Naxos geboren wurde. Leismüller verstand sich auch als „europäischer Bürger“, der linksliberale Drall ist auch also ebenfalls authentisch und nicht nur die Fiktion eines Romans.

Ein Zyklop kommt im ganzen Buch nicht vor. An einigen wenigen Stellen werden Vergleiche zu Zyklopen gezogen. Diese sind aber nebensächlich und unzusammenhängend. So wird z.B. eine Insel mit dem Schädel eines Zyklopen verglichen. Die gekaufte Hausruine sieht aus, als ob ein Zyklop auf das Haus getreten sei. Dem wiederaufgebauten Haus wird außerdem ein würfelförmiger Aufbau verpasst, der ebenfalls mit dem Aussehen eines Zyklopen verglichen wird. Aber es wird nichts weiter dazu gesagt oder daraus geschlossen. Der Titel „Der Zyklop“ erscheint eher wie ein Verlegenheitstitel der Marketingabteilung des Verlages. Die überlieferte Mythologie der Zyklopen wird nicht wirklich zum Thema gemacht.

Fazit

Wer erfahren will, wie es ist, in Griechenland nicht nur Urlaub zu machen, sondern dort zu leben und ein Haus zu bauen und in einen nicht-touristischen Kontakt mit den Einheimischen zu kommen, für den kann dieses Buch sehr wertvoll sein. Auch die Vergleiche und Überlegungen sind teilweise wertvoll, hier macht sich jemand Gedanken über alles mögliche, wie wir das alle fortwährend tun, und auch das kann sehr lehrreich sein. Schließlich ist das Buch ein Dokument für eine Zeit, die vergangen ist: Eine Zeit ohne Handys und ohne Euro, als Linksliberale noch ganz unhinterfragt ihre Naivität ausleben konnten. Eine literarische, philosophische oder politische Offenbarung ist das Buch jedoch nicht.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Homer: Ilias (um 700 v.Chr.)

Einmal sollte man die Ilias als ganzes gehört haben

Es lohnt sich unbedingt, die Ilias als ganzes zu lesen, besser aber zu hören! Jeder kennt die Ilias und weiß so ungefähr, worum es da geht. Aber die Ilias ist eben nicht die Geschichte von dem Trojanischen Krieg mit dem hölzernen Pferd am Ende, die außerhalb der Ilias überliefert ist.

Sondern die Ilias ist eine großartige und gewaltige Dichtung vor dem Hintergrund dieses Krieges, die am Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht, und voller tiefgründiger Gehalte ist:

  • Das Walten der Götter und des Schicksals,
  • der Mensch in seinem Streben und Scheitern,
  • Krieg und Kampf,
  • Volk und Herrschaft,
  • Liebe und Zorn,
  • Feindschaft und Vergebung,
  • usw. usf.

Es ist eine Dichtung, die eine in sich geschlossene und schlüssige Handlung hat, fast wie ein Theaterstück. Man muss das als ganzes kennen:

  • Wie die Götter die Handlung bestimmen,
  • wie die Menschen in diesem Rahmen agieren,
  • wie Achilleus sich versagt,
  • wie die Troer die Achäer immer ärger bedrängen,
  • dann die Wende durch Zeus,
  • schließlich das gegenseitige Erkennen der Feinde (Achilleus/Priamos) als Menschen,
  • usw.

Man sollte es am besten hören: Der beste Ausdruck für die Wirkung der Ilias ist vielleicht „Kopfkino“. Beim Hören ist man der Situation, wie die Ilias einst vorgetragen wurde, am nächsten: Ein Sänger trägt sie vor Publikum vor.

Die Dichtung ist so reichhaltig, dass sie bis heute fortwirkt, und in vielem drinsteckt, von dem man es nicht vermutete. Jeder sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen, jeder wird es wieder anders und neu entdecken!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. Juli 2012)

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss (1963)

Gefrieren und Auftauen am Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein

In seinem Roman „Eis-Schloss“ thematisiert Tarje Vesaas den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein anhand einer sehr einfachen Geschichte: Das Mädchen Unn, die soeben Weise geworden ist, zieht zu ihrer Tante neu ins Dorf. Sie sondert sich von den anderen Kindern ab. Nach einer Weile der Zurückhaltung freundet Siss sich mit ihr an. Unn will ihr ein Geheimnis verraten, macht dann jedoch vorläufig einen Rückzieher. Um Siss nicht zu schnell zu nahe zu kommen, schwänzt Unn die Schule und verläuft sich im „Eis-Schloss“, einer bizarren, riesigen Eisstruktur, die sich Jahr für Jahr aufs neue um einen Wasserfall herum bildet. Darin erfriert Unn in trauernder Schönheit, und bleibt verschwunden. Siss verschließt sich daraufhin vor der Welt in kindlich-kindischer Treue zu Unn. Doch irgendwann taut das Eis.

Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenensein ist gekennzeichnet durch ein Sich-Öffnen gegenüber anderen und ein Sich-Lösen von engen, verklemmten Horizonten. Die Phase ist gekennzeichnet von Unsicherheit, Vortasten und Zurückziehen, von Dazugehören und sich Absondern, auch von sturem, kindischem Festklammern an der Kindlichkeit. Das alles wird durch die große Metapher des Eis-Schlosses bezeichnet, durch das Bild vom Gefrieren und Auftauen.

Unn muss sterben, weil sie den Übergang zum Erwachsensein nicht schafft. Sie bleibt in ihrer Trauer über ihre Mutter gefangen, und erstarrt zum Tod im Eis. Für Siss wiederum repräsentiert der Tod Unns den Ernst des Lebens, den sie akzeptieren lernt, und damit den Abschied von der Kindheit schafft.

Der Roman schildert diese Vorgänge äußerst behutsam. Die Dorfgesellschaft ist von homogener Friedlichkeit und sehr rücksichtsvoll. Damit spiegelt der Roman nur bedingt die moderne Gegenwart, die gekennzeichnet ist durch eine politisch und weltanschaulich zerklüftete Gesellschaft und durch Rücksichtslosigkeit. Die zarte Zurückhaltung aller Handelnden bietet keine Identifikation für moderne Phänomene wie individuelle Enthemmtheit auf Kosten der Gemeinschaft, oder bedrohlich beherrschende kollektive Meinungen bzw. den Widerstand des Einzelnen dagegen. Diese Probleme gibt es bei Vesaas nicht. Seine heile Welt ist viel zu idyllisch, und damit aus unserer Zeit gefallen.

Auch die Sprache in diesem Buch ist gefroren und kristallklar wie das Eis-Schloss: In kurzen, knappen Sätzen schildert Vesaas jede Szene, und deutet durch den knappen, hochsymbolischen Stil dabei viel mehr an, als er explizit sagt. In der kalten Klarheit der Sätze liegt paradoxerweise aber auch ein Zartgefühl, das seinesgleichen sucht. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel hat das gut zum Ausdruck gebracht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. Dezember 2019)

Simon Strauss: Sieben Nächte (2017)

Ausbruchsversuch aus allzu glatten Leben? Nur eine Simulation davon!

Die Novelle „Sieben Nächte“ von Simon Strauß zeigt zunächst das Dilemma des modernen, verwöhnten, politisch korrekt denkenden jungen Menschen: Er hat sich gemeinsam mit seiner Generation ganz im Rahmen des Mainstreams entwickelt und dabei problemlos alles erreicht, was zu einem erfolgreichen aber unauffälligen jugendlichen Durchschnittsleben dazugehört, kurz: Er hatte weder ein Problem mit Mathematik noch ein Problem mit dem Zeitgeist, noch Probleme, Freunde und auch Frauen zu haben. Und jetzt steht er vor dem Beginn des Erwachsenenlebens, das ebenso 08/15 weiterzugehen droht wie seine Jugend: Heiraten, Kinder bekommen, ein Haus bauen, festangestellt sein. Doch dieses Leben ist zu glatt, zu brav, zu gewöhnlich. Es ist weder etwas besonderes noch vermittelt es Sinn. Es gab auch keine Widerstände, an denen man hätte wachsen und reifen können. Alles ist irgendwie kindisch und läppisch. Man war nicht einmal bei der Bundeswehr.

In dieser Situation beschließt der Protagonist, angeregt durch einen Bekannten, der auch das Schlusswort schreiben wird, in sieben Nächten jeweils eine der sieben Todsünden auszuleben und dies in den folgenden sieben Kapiteln schriftlich festzuhalten. Er will damit erreichen, etwas besonderes zu tun, persönlich zu reifen, und der Wildheit der Jugend ein Denkmal zu setzen, bevor er sich der Langweiligkeit des Erwachsenenlebens hingeben wird.

Die sieben Kapitel zu den sieben Nächten mit den sieben Todsünden sind moderne literarische Variationen der bekannten sieben Todsünden, die interessant, anregend, und teils packend zu lesen sind. Der Autor schafft es zweifelsohne, viele Fragen, Probleme und Situationen zu thematisieren, die dem Leser nur allzu bekannt sind. Das Schlusswort zieht dann ein etwas lendenlahmes Fazit: So richtig erfolgreich war der Ausbruchsversuch eigentlich nicht, aber er würde dennoch in Erinnerung bleiben und deshalb irgendwie wertvoll sein. Ein dem Buch vorangestelltes Gedicht beklagt das Schicksal des Dandys, schließt dann aber überraschend mit der Zeile: „Dandy, you’re all right.“

Kritik

Zunächst ist zu fragen, warum der Übergang in ein langweiliges Erwachsenleben einen dramatischen Verlust an Lebendigkeit, Freiheit etc. bedeuten sein soll, wenn bereits die Jugend langweilig war? Hier bäumt sich niemand auf, um die Wildheit der Jugend zu bewahren, denn bereits die Jugend war nach eigener Auskunft allzu glatt und allzu langweilig. Dies ist ein echter Selbstwiderspruch in diesem Buch, wenn auch verzeihlich, denn dann wäre es eben kein „letzter“ sondern der erste und einzige Ausbruchsversuch aus einem langweiligen Leben.

Dann ist zu fragen, warum das Verhalten in den sieben Nächten, also das Begehen der sieben Todsünden, ein Ausbruch aus der beklagten Langweiligkeit sein soll? Denn was in diesen sieben Nächten geschieht, entspricht doch ganz der Langweiligkeit der allzu glatt verlebten Jugend! Er ist hochmütig, wie es verwöhnte Jugendliche nun einmal sind, er schläft wollüstig mit einer Frau, was er nach eigener Auskunft ebenfalls schon mehrfach getan hatte, usw. Dieser Widerspruch führt beim Leser zu ersten Zweifeln: Hat der Autor übersehen, dass dieser „Ausbruch“ gar keiner ist?!

Es ist vor allem zu fragen, warum man „sündigen“ muss, um zu reifen? Auch durch „Sünden“ kann sich eine gewisse Reife ergeben (wenn man seine Schuld einsieht), aber echte Reife erlangt man doch vor allem gerade dadurch, dass man gegen Widerstände das Richtige tut. Also z.B., dass man schwierige Probleme mit Geduld löst, etwa an einem schwierigen Studium dranbleibt. Oder eine Freundschaft bzw. eine Ehe über Höhen und Tiefen hinweg erhält. Oder das Erschaffen eines literarischen oder wissenschaftlicher Werkes über viele Jahre hinweg. Das Aalglatte hingegen tut selten gut. So mancher tut sich allzu leicht, mit Frauen im Bett zu landen, scheitert aber an der Liebe. So mancher hat viel Spaß mit Freunden, ist aber völlig ignorant gegenüber dem Leiden anderer. So mancher plappert die öffentlichen Meinungen beifallheischend nach, und seien es nur die ewig doofen Witze über republikanische US-Präsidenten, hat aber keine eigene Meinung, die er sich unter Mühen und Irrtümern errungen hätte, und für die er bereit wäre, sich lächerlich zu machen.

Auch die Perspektive auf ein angeblich langweiliges Erwachsenenleben ist völlig falsch: Warum sollte es langweilig sein, zu heiraten, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen und einen Beruf zu ergreifen? So kann nur jemand denken, der sich dem Mainstream so sehr hingegeben hat, dass er sich gar nichts anderes mehr vorstellen kann als den Mainstream. Denn heiratet man eine Frau nicht auch deshalb, um in ihr eine seelenverwandte, erhellte Verbündete gegen die Anfeindungen der dumpfen Mitwelt zu haben? Wird man nicht versuchen, seine Kinder so zu erziehen, dass sie zu großartigen, selbständigen, besonderen Menschen werden? Wird man nicht vielleicht auch im Beruf oder im Hobby versuchen, die Welt irgendwie zu verbessern? Als Lehrer seine Schüler auf das Leben vorbereiten? Als Krankenschwester die Leiden von Kranken lindern? Das Besondere kann manchmal sehr einfach sein. Wer ein Überzeugter ist, wird immer und überall auf irgendeine Weise wirken.

Völlig ausgeblendet wird die große Frage nach Religion und Weltanschauung. Eine richtige Religion oder Weltanschauung mit der entsprechenden Moral zu finden bzw. zu erarbeiten und mit großem Ernst und großer Konsequenz danach zu leben, sollte eigentlich eine der wichtigsten Aufgaben eines erhellten jungen Menschen sein, und würde auch dem Zeitgeist (vermutlich aller Zeiten) völlig zuwiderlaufen. Davon ist in diesem Buch aber an keiner Stelle die Rede.

„Faschistisch“?

Dem Buch wurde vorgeworfen, „faschistisch“ zu sein. Das ist Unfug. Weder wird die Demokratie noch die Gleichberechtigung von Mann und Frau noch sonst etwas derartiges ernsthaft in Frage gestellt. Es wird lediglich der Wunsch formuliert, besonders und sinnvoll zu leben, und nicht langweilig und grau. Das ist zwar elitär und gegen den (derzeit linksliberalen) Zeitgeist, aber nur deshalb, weil es schon immer so war, dass sich nur wenige Menschen solche Gedanken machen. In diesem Sinne ist auch jeder Linksintellektuelle elitär. – Vermutlich stammt der Vorwurf daher, dass Simon Strauß der Sohn von Botho Strauß ist, und sich sprachliche und thematische Parallelen zwischen den Werken beider entdecken lassen. Aber auch Botho Strauß war kein „Faschist“, sondern wurde nur als solcher verschrieen.

Konservativ?

Die Idee, durch „Sünden“ zu reifen, ist so ziemlich das Anti-Konservativste, was man sich ausdenken kann. Nein, dieses Buch ist nicht konservativ. Man könnte lediglich die Fragestellung, von der das Buch ausgeht, und die Respektlosigkeit vor dem linksliberalen Zeitgeist, die sich in einigen Passagen zeigt, als konservativ bezeichnen. Diese Punkte sind auch das einzig Gute an diesem Buch.

Visionsloser Trotz und stilles Einverständnis mit der Langweiligkeit des Mainstream

In Wahrheit bleibt der Autor dieses Buches selbst noch in seinem Widerstand gegen den Zeitgeist in demselben gefangen. Es ist nämlich sehr linksliberal gedacht, dass man durch „sündigen“ reift, denn „sündigen“ ist der Inbegriff der Überschreitung von Verboten, die eine konservative Autorität angeblich deshalb aufgestellt hat, um die Menschen wie Kinder zu halten. Es ist sehr linksliberal gedacht, Ehe, Familie, und Beruf grau in grau zu sehen: Die Familie als die „Agentur der kapitalistischen Konsumgesellschaft“, der Beruf als willenlose Knechtschaft im Dienste des Kapitalismus. Es ist sehr linksliberal gedacht, Sex wie einen Schluck Wasser zu konsumieren, und Liebe als konservatives Konzept beiseite zu schieben. Diese Stereotypen stecken offenbar tief im Inneren des Autors, und er konnte sich nicht von ihnen lösen, sie nicht überwinden, und nun lehnt er sich wie ein trotziges Kind aufgrund eines unausgegorenen Unbehagens dagegen auf, ohne zu wissen, was er statt dessen eigentlich wollen sollte. Tugendhaftigkeit, Ehe, Familie, Beruf und Liebe will er offenbar nicht, weil er das Abenteuer in ihnen nicht erkennen kann. Und das Thema Religion und Weltanschauung fehlt völlig. Damit würde aber jede echte Kritik am Zeitgeist beginnen müssen.

Am Ende scheint der aufbegehrende Protagonist (bzw. der Autor selbst, wer sonst?) mit dem Schicksal des Dandy sogar ganz zufrieden zu sein. Das wird sehr deutlich in dem einleitende Gedicht, das mit „Dandy, you’re all right“ endet, und im Schlusswort, das sich mit einem gescheiterten Ausbruchsversuch völlig zufrieden gibt. Allzu schnell kehrt man in den grauen Mainstream zurück. Ein echter Ausbruchsversuch war vom Autor offenbar nie geplant. Alles war im Grunde eine Simulation von Ausbruch, die sich als Teil des Mainstream entpuppt. Die Simulation von Widerstand als Initiationsritus in den grauen Erwachsenen-Mainstream. Damit kann man’s dann ganz vergessen. Das ist im Grunde genau das Problem, vor dem der Vater des Autors 1993 im „Anschwellenden Bocksgesang“ gewarnt hatte:

„Heute benutzen Majorität und Minderheit, gleich welcher Sparte, durchweg dasselbe konforme Vokabular der Empörungen und Bedürfnisse. Dem gegenüber werden sich strengere Formen der Abweichung und der Unterbrechung als nötig erweisen; … … … Der Widerstand ist heute schwerer zu haben, der Konformismus ist intelligent, facettenreich, heimtückischer und gefräßiger als vordem, das Gutgemeinte gemeiner als der offene Blödsinn, gegen den man früher Opposition oder Abkehr zeigte.“ – „Dabei: so viele wunderbare Dichter, die noch zu lesen sind – so viel Stoff und Vorbildlichkeit für einen jungen Menschen, um ein Einzelgänger zu werden. Man muß nur wählen können; das einzige, was man braucht, ist der Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream. Ich bin davon überzeugt, daß die magischen Orte der Absonderung, daß ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen für den Erhalt des allgemeinen Verständigungssystems unerläßlich ist. Nicht zuletzt deshalb steht man jetzt vor einer gigantischen Masse an Indifferenz unter den Jugendlichen, weil die politisierte Gesellschaft sich ausschließlich mit korporierten Minderheiten beschäftigt hat und keinerlei Prägemuster für den Einzelgänger zur Verfügung stellte.“

Fazit

Die Langweiligkeit einer aalglatt und zeitgeistig verlebten Jugend zu thematisieren und danach zu fragen, wie man reift und ein besonderes und sinnvolles Leben lebt, ist ein großartiger Ansatz und eine wichtige Fragestellung. Die Ausführung dieses Ansatzes muss jedoch als völlig gescheitert angesehen werden. Insbesondere ist es dem Autor nicht gelungen, wesentliche Irrtümer des Zeitgeistes zu überwinden. Schlimmer noch: Der Autor scheint eine Überwindung des aalglatten Lebens in Wahrheit gar nicht anzustreben, sondern sich mit einer vorübergehenden Simulation von Widerstand zufrieden zu geben, die in Wahrheit auch nur Teil des Mainstreams ist, den er im Grunde bejaht.

Es bleiben der Ansatz des Buches und einige lesenwerte literarische Miniaturen und zum eigenen Denken anregende Textstücke. Für den Rest gilt: Dandy, you’re NOT all right.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 08. Juni 2019)

Johanna Alba & Jan Chorin: Halleluja! und: Gloria! (2010/2012)

Band 1: Halleluja! – Ein Papst-Krimi (2010)

Krimi-Sommerkomödie mit viel Ironie, Katastrophen-Katholizismus und italienischem Flair

Diese Krimi-Sommerkomödie fällt durch ihren Plot aus dem Rahmen des Üblichen: Chefermittler ist hier Papst Petrus II. persönlich. Der Papst, das ist in diesem Fall ein freundlicher und lebensnaher Gemeindepfarrer aus dem Viertel Trastevere, wo Rom am römischsten ist, den das Schicksal irgendwie auf den Papstthron bugsiert hat, ohne dass er seinen Charakter als freundlicher Gemeindepfarrer und Genußmensch verloren hätte. Im ewigen Zweikampf mit seiner stockkatholischen Haushälterin schafft er es irgendwie, die Gazetta dello Sport und Cornetti in seine Dienstwohnung zu schmuggeln, wenn er nicht incognito mit der Vespa in Rom unterwegs ist. Unterstützt wird er dabei von seiner vollbusigen Pressesprecherin Giulia und seinem tapferen Sekretär Francesco.

Merkwürdige Dinge geschehen in Rom: Madonnen weinen, Engel stürzen herab, Anschläge auf Kardinäle werden verübt, Madonnenbilder verschwinden, Intrigen werden gesponnen und Geschäfte gemacht. Orte der Handlung sind u.a. diverse römische Bars, Kirchen und Eisdielen, ein Krankenhaus, die Piazza Navona, das Forum Romanum, das Pantheon, die Tiberinsel, ein Heim für Priesterkinder, die Katakomben, ein Geißler-Orden, ein Verein schwuler Katholiken, Palazzi und Edel-Hotels. Es treten auf: Der Kunsthistoriker des Vatikans, ein Ölscheich, der Chef der Vatikanbank, Gott, diverse Baristi, Tifosi, die Squadra Azurra u.v.a.

Die katholische Kirche und ihre spezifischen Probleme werden in diesem Krimi wunderbar ironisch und treffsicher aber niemals gehässig auf die Schippe genommen, am Rande übrigens auch der Islam. Die Story nimmt überraschende Wendungen und Pointe reiht sich an Pointe. Es macht einfach Spaß sich von den Einfällen der Autoren überraschen zu lassen. Da der Papst ein echter Römer ist, bekommt der Leser auch tiefe Einblicke in die Seele römischer Lebensart, von der Fußballbegeisterung über die Bar- und Eisdielen-Kultur bis hin zu typisch römischen Leckerbissen.

Einziger Malus, den man angesichts der Spritzigkeit der Story gerne verzeiht, ist die unkritische Verherrlichung des (nennen wir es mal so) freundlichen Gemeindepfarrer-Katholizismus mit leichtem Hang zum menschenfreundlichen Selbstbetrug, sympathischen Aberglauben und nostalgischen Traditionalismus. Aber vielleicht ist auch das einfach nur typisch italienisch … – Eine echte Empfehlung als leichte Lektüre für den nicht notwendigerweise katholischen Italien- und Rom-Liebhaber!

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. August 2012)

Band 2: Gloria! – Ein Papst-Krimi (2012)

Play it again, Frank: Der nette Dorfpriester-Papst als Kriminalist

Der zweite Band der Reihe mit dem gemütlichen Papst Petrus II., seiner hübschen Pressesprecherin Giulia und seinem jugendlichen Privatsekretär-Mönch Franceso, die gemeinsam den Vatikan wie eine Dorfpfarrei leiten (genauso derb und leichtfüßig, genauso kitschig und naiv), erweckt noch einmal alle lustigen Klischees des ersten Bandes zum Leben. Der Plot ist ebenfalls ordentlich gelungen. Ganz witzig die Verballhornung von Berlusconi. Die Haushälterin Immaculata läuft diesesmal zur Hochform auf. Und die Verwicklungen des Bösen sind verzwickt.

Trotzdem reicht es nicht an den ersten Band heran. Der Coup mit der Schwulenszene im Vatikan aus dem ersten Band dürfte nicht mehr zu toppen sein. Einmal wegen des gelungenen Überraschungseffekts, dann aber auch, weil der jetzige Papst Franziskus ebenfalls von einer realen Schwulenszene im Vatikan spricht – und auch er ist ein dorfpriesterlicher Typ. Insofern hatte der erste Band fast etwas Prophetisches. Die Story zwischen Giulia und Francesco kam leider nicht wirklich voran.

Alles in allem ist es dann aber auch mal genug mit dem allzu unwirklichen und naiven Setting dieser Reihe. Es gibt skurrile Plots, die funktionieren wegen des Überraschungseffekts einmal, aber nicht zweimal.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 13. September 2013)

David Garnett: Dame zu Fuchs (1922)

Skurril aber sehr schön – Liebe überwindet alle eigenen und fremden Vorurteile

Eines Tages verwandelt sich Mrs Tebrick in eine Füchsin. So skurril, so real. Und sie beginnt, mehr und mehr ihren tierischen Instinkten zu folgen. Mehr noch als die Füchsin steht aber Mr Tebrick im Mittelpunkt dieses literarischen Kleinods: Wie wird er sich zu seiner geliebten Frau verhalten? Wie weit wird er in seinem Verständnis für ihre immer tierischer werdende Natur gehen? Wird er sich den Erwartungen seiner Mitmenschen beugen? Wird er sie am Ende verlassen?

Es ist rührend, die inneren Kämpfe von Mr Tebrick mitzuverfolgen. Am Ende von vielen durchgefochtenen inneren Schlachten steht ein moralischer Sieg, ein Triumph der Menschlichkeit – aber auch ein tragischer Schluss.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 15. Mai 2019)

Uwe Tellkamp: Die Carus-Sachen (2017)

Mini-Tellkamp für Dresden-Liebhaber

In diesem kleinen Bändchen entführt uns Tellkamp in die Welt und die Geschichte des früheren und gegenwärtigen Bildungsbürgertums in Dresden. Aber auch zu einer schweren Geburt auf dem Land.

Fabian erinnert sich, wie sein Vater von Carl Gustav Carus begeistert war, einem Dresdner Universalgelehrten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Vater zeigt dem Sohn verschiedene Orte in Dresden, an denen Carus oder seine Bekannten, darunter auch Ludwig Tieck, lebten und arbeiteten. Aber auch in der Gegenwart gibt es einen Kreis von teils eigenwilligen Carus-Liebhabern, zu denen der Vater gehört, und von denen manche Anekdote zu erzählen ist. Das Bildungsbürgertum der Vergangenheit pflanzt sich buchstäblich in den Ablegern einer Sisalagave, die einst Carus gehört haben soll, in die Gegenwart fort, die nun bei den Carus-Liebhabern der Gegenwart zu finden sind.

Carl Gustav Carus soll ein Romantiker gewesen sein, und damit meint Tellkamp einen Forscher, der noch den Blick für das Ganze und nicht nur seine Teile hatte. Auch Goethe habe in diesem Sinne zur Romantik gehört. Der Begriff „Romantik“ ist hier etwas problematisch, die Sache aber ganz gut getroffen. Auch die Natur der Skizze wird thematisiert. Deshalb sind dem Büchlein zahlreiche Skizzen Dresdens beigefügt. Diese sind nur mäßig schön, werden aber den Liebhaber begeistern.

Das Büchlein soll eine kleine Fortsetzung eines vorangegangenen Werkes sein. Für sich allein stehend ist es eine nette Kuriosität, das das Spektrum des Tellkamp-Universums in nuce aufspannt.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 11. März 2019)

Gustav Meyrink: Der Golem (1913/14)

Kein Golem, statt dessen ein schwüles romantisch-phantastisches Kabbala-Psychodrama

Dieser Roman ist kein Klassiker, der für alle Zeit zu lesen lohnen würde. Vielmehr ist es ein Zeitdokument für die Verwirrung der romantischen Phantastik und der psychoanalytisch induzierten Schwülheit im Fühlen und Denken der damaligen Zeit, soweit man überhaupt von „Denken“ sprechen sollte. Der Autor Gustav Meyrink befasste sich zu seiner Zeit mit Freimaurerei, Kabbala und Theosophie, und daraus produzierte er einen so konfusen Cocktail, dass er am Ende Hilfe dabei benötigt haben soll, sich in seinem eigenen Roman zu orientieren und einen halbwegs runden Abschluss zu schreiben. Das sagt alles.

Erzählstil und grobe Handlung

Das Buch ist eine einzige Traumreise, man weiß nie, was Wirklichkeit ist und was Wahn. Aber nicht nur die Handlung, auch die handelnden Figuren stehen auf schwankendem Grund, denn womöglich sind sie nur psychodramatische Alter Egos ein und derselben Person. Das ganze Buch hindurch herrscht eine gehetzte und beklemmte Stimmung, gepaart mit Hoffnungen, Ohnmacht und Enttäuschungen, Visionen, Offenbarungen, irren Seelenzuständen, und Obsessionen, bis hin zum fanatischen Hass. Rückblenden und Vorausblenden erhöhen die Konfusion. Hinzu kommen schwüle und schlüpfrige Szenen am laufenden Band. Und immer wieder ist der Protagonist unfähig zu reden, wenn er reden sollte.

Im Zentrum dieses Romans steht der Gemmenschneider Athanasius Pernath, der in der Hahnpassgasse im alten Judenviertel in Prag wohnt. Pernath hatte in jungen Jahren den Verstand vor Liebe verloren und war vorübergehend im Irrenhaus, wo man ihm jede Erinnerung an die Vergangenheit durch Hypnose nahm. Jetzt sucht er nach der Erinnerung an sein Vorleben.

Im Haus gegenüber befindet sich der Laden des reichen jüdischen Trödlers Wassertrum, dessen Sohn Augenarzt geworden war. Doch der Augenarzt betrog seine Patienten, indem er sie zu unnötigen Operationen drängte. Deshalb trieb ihn der Student Charousek in den Tod. Charousek wiederum ist ein unehelicher Sohn von Wassertrum, der seinen Vater abgrundtief hasst, weil er dessen Mutter erst schwängerte und dann ins Freudenhaus verkaufte.

Die Adlige Angelina ist auf der Flucht vor Wassertrum, weil Wassertrum ihren heimlichen Geliebten Dr. Savioli verdächtigt, schuld an dem Tod seines Sohnes zu sein. Angelina sucht Hilfe bei Pernath, den sie von Jugend an kennt. Wichtig für Fortgang und Deutung der Handlung sind außerdem der Kabbala-Gelehrte Schemajah Hillel und dessen Tochter Mirjam, die im selben Haus wie Pernath wohnen. Athanasius Pernath ist den ganzen Roman über hin- und hergerissen zwischen Angelina und Mirjam.

Wassertrum wird schließlich von dem hässlichen Loisa ermordet, wie zuvor auch der „Freimaurer“ Zottmann, der sich an minderjährigen Mädchen vergriffen hatte. Der Mord an Zottmann wird wiederum Athanasius Pernath angelastet, der dafür in Untersuchungshaft kommt. Dort trifft er sein Alter Ego, den Lustmörder Laponder, der ihm seine Erscheinungen deutet.

Als Athanasius Pernath wieder aus dem Gefängnis entlassen wird, sind alle seine Bekannten verschwunden und die alte Judengasse befindet sich mitten im Abbruch begriffen. Pernath nimmt eine neue Wohnung – ausgerechnet in dem Haus des Golems, dazu gleich mehr – und als es bei einer neuerlichen Erscheinung des Golem zum Brand kommt, endet seine Geschichte, und die Rahmenhandlung setzt wieder ein.

Golem?

Obwohl der Titel des Romans „Der Golem“ lautet, kommt im ganzen Roman kein Golem vor. Vielmehr wurde die Überlieferung des Golem durch die überdrehte Phantastik der Romantik bis zur Unkenntlichkeit entstellt, so dass es am Ende um etwas ganz anderes geht. Der Höhepunkt dieser Entwicklung scheint dieser Roman zu sein.

Der Golem wird in diesem Roman als eine kabbalistische Geisterfigur aufgefasst, die alle 33 Jahre im Prager Judenviertel erscheint. Die Erscheinung geht immer von demselben Haus im Judenviertel aus, in dem es einen Raum mit einem Fenster aber ohne Türen gibt. Und ebenso plötzlich verschwindet der Golem wieder. Es handelt sich aber nicht um eine zum Leben erwachte Lehmfigur, sondern um einen Menschen mit asiatischen Gesichtszügen und einer mittelalterlichen Jacke. Die Ankunft des Golem kündigt sich dabei durch kleine Zeichen an: Eisblumen an den Fenstern fließen zu seinen Gesichtszügen zusammen, ein Gelegenheitsschnitzwerk zeigt seine Züge, usw.

Zu Beginn bringt der Golem dem Athanasius Pernath das Buch Ibbur zur Ausbesserung. Ibbur bedeutet „Schwängerung“. Im Sinne der Kabbala bedeutet Ibbur, dass eine Seele für eine Weile im Körper einer anderen Seele Wohnstatt nimmt. Eine Rolle spielt auch das Tarot-Spiel, das Athanasius Pernath in dem Raum ohne Türen findet. Die Figuren des Tarot sollen der Kabbala entnommen sein.

Zugleich wird der Golem aber auch psychoanalytisch gedeutet: Denn der Golem ist praktisch der Doppelgänger von Athanasius Pernath. In ihm erkennt er sich selbst wieder. In ihm steht er sich selbst gegenüber. Zwischendurch kommt es zu einer Begegnung mit einem nebulösen Geschöpf ohne Kopf, das Athanasius Pernath eine Hand mit Körnern entgegenstreckt, die Pernath dem Wesen aus der Hand schlägt, statt sie anzunehmen oder abzulehnen. Und der Schlüssel zu allem sei das Symbol des Hermaphroditen, die Vereinigung von Mann und Frau, so erfährt man später. Wie genau ….. das erfährt man nicht.

Tatsächlich deutet die Rahmenhandlung des Romans an, dass die Eigenschaft des Golem alle 33 Jahre auf eine andere Person übergeht, und zwar durch die Verwechselung des Hutes beim Besuch des Dom auf dem Hradschin. Wer dort aus Versehen den Hut eines anderen mitnimmt und darin den Namenszug „Athanasius Pernath“ findet, der ist der nächste „Golem“. Und alle diese Golems sehen sich zum Verwechseln ähnlich, stehen einander gegenüber, erkennen sich ineinander selbst.

Prag, Judenviertel, Milieu

Einen zeitdokumentarischen Wert haben die Schilderungen von Prag, dem alten Judenviertel und des Milieus, in dem sich Athanasius Pernath bewegt. Die engen Gassen, schiefstehenden Häuser, die Falltüren und Gänge: All das lässt das Judenviertel lebendig werden. Dazu gehört natürlich auch die Person des jüdischen Trödlers Wassertrum und des Kabbala-Gelehrten Schemajah Hillel und seiner Tochter Mirjam. Die Schilderung dieser beiden herzensguten, weisen und heiligen Menschen, deren Leben voller Optimismus, Heilung und Wunder ist, gehört zu den liebenswertesten Passagen im ganzen Roman.

Aber auch die Freunde von Athanasius Pernath sind wahre Originale, darunter ein Puppenspieler und ein armer Student. Zusammen gehen sie in die Kneipen, vor allem in den Loisitschek, wo es hoch hergeht. Unter anderem tanzt hier Rosina, ein lüsternes jüdisches Mädchen, das bald in die Prostitution abrutscht, so wie ihre Mutter und ihre Großmutter vor ihr auch schon. Als die Polizei kommt und Razzia machen will, stellt sich ein adliger Gast mit seiner Autorität der Polizei entgegen, so dass sie unverrichteter Dinge wieder abziehen muss. Im Loisitschek verkehrt auch das „Bataillon“, eine Gruppe von Gaunern, die von einem berühmten Rechtsprofessor gebildet und beschützt wurde, nachdem dieser von seiner Frau betrogen worden war und dem Suff verfiel.

Wir sehen ein bunt gemischtes Völkchen aus Deutschen, Tschechen und Juden und wie sie zusammenleben und in verschiedenen Sprachen, Jargons und Dialekten sprechen. Gewisse antisemitische Züge kommen vor allem in der Zeichnung der Figur des Wassertrum zum Tragen. Allerdings sollte man das nicht überbewerten, denn zugleich wird mit Schemajah Hillel und dessen Tochter Mirjam ein äußerst positives Bild von jüdischem Leben gezeichnet. Der Roman ist also nicht antisemitisch.

Unklares Ende

Die Handlung ist so wirr, mehrfach geschachtelt, teilweise unlogisch und überhaupt traumhaft, so dass der Leser am Ende nicht recht weiß, was eigentlich in Wirklichkeit passiert ist und was er davon halten soll. Immerhin fügen sich am Ende des Romans doch eine ganze Reihe von Fäden zu einem Gesamtbild zusammen, womit man gar nicht mehr gerechnet hätte.

Am Ende findet der Protagonist der Rahmenhandlung Athanasius Pernath und Mirjam wohlvereint in dem Geisterhaus am Ende des Goldenen Gässchens auf dem Hradschin, das immer nur bei Nacht und Nebel sichtbar wird, wo tagsüber ein steiler und gefährlicher Abgrund zum Hirschgraben klafft. Ende gut alles gut? Oder soll die Person des Lustmörders Laponder, ein Alter Ego des Athanasius Pernath, bedeuten, dass Athanasius Pernath Mirjam in einem Lustmord „geheiratet“ hat? Und das Happy End findet nur im geistigen Reich der Romantik statt? Wir werden es niemals erfahren.

Es handelt sich bei dem „Golem“ von Gustav Meyrink um ein schwüles, romantisch-phantastisches Kabbala-Psychodrama, das ein Dokument für seine Zeit ist, aber nicht als Klassiker mit einem überzeitlichen literarischen Anspruch gelten kann.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Dan Brown: The Secret of Secrets (2025)

Prag, Hirnforschung und Deep State: Ein gelungener Dan Brown

Die Romane von Dan Brown sind immer wieder nach demselben Schema gestrickt, und mal geht das Konzept wunderbar auf, mal gerät es langweilig und langatmig. Dieses Mal ist das Konzept wieder voll aufgegangen. Der Roman ist rasant, wendungsreich, bildungsschwanger und thematisch interessant: So muss ein Dan Brown sein.

Der Leser bekommt eine herrlich rasante Jagd durch die Handlung des Romans präsentiert. Es gibt zwei große Themen: Einerseits Hirnforschung, Nahtoderfahrung, nicht-lokales Bewusstsein, Noetik und Chip-Implantate im Gehirn, und was man damit machen kann. Der Roman beginnt fast esoterisch, doch es klärt sich alles realistisch auf: Dan Brown übertreibt das Thema nicht ins Phantastische, sondern bleibt im Rahmen des zumindest Möglichen und Denkbaren und Diskutierbaren.

Andererseits geht es um den Deep State der USA, hier speziell um die CIA und ihre Firma In-Q-Tel. In-Q-Tel investiert in alle möglichen Technologien, damit die CIA immer einen Fuß in der Tür hat. Außerdem erwirtschaftet die CIA auf diese Weise Erträge, mit der sie Operationen finanzieren kann, von der die politische Führung nichts weiß: Der klassische Fall des Deep State. Dabei geht es auch um das Dilemma, wie weit ein Geheimdienst sich „schmutzige“ Hände machen darf, um das Gute in der Welt zu fördern und das Böse abzuwehren.

Dabei findet alles in Prag statt, der goldenen Stadt, deren Sehenswürdigkeiten konsequent abgeklappert werden. Interessant zu wissen, dass das Wort „Prag“ eine „Schwelle“ bezeichnet, auf Englisch: „Threshold“. Das Buch enthält einen gut gemachten Stadtplan, der dem Leser hilft, den Überblick zu behalten. Ja, der Leser weiß am Ende, was er in Prag sehen will, definitiv! Und trinken: Tschechischen Absinth.

Ein Nebenthema ist der Umgang der USA mit den Staaten, die sich unter ihre Hegemonie begeben haben: Werden sie wie Vasallenstaaten und Kolonien behandelt, in denen sich die USA alles herausnehmen können, oder zeigen die USA Respekt vor der Souveränität des jeweiligen Landes?

Dabei ist Dan Brown ein großes Lob auszusprechen: Andere Autoren hätten die obigen Ingredienzien dazu genutzt, ein antiamerikanisches Pamphlet zu schreiben. Nicht so hier! Es wird deutlich, dass der Deep State eben nicht identisch mit einem „bösen Amerika“ ist, sondern etwas, was auch aus Sicht der USA aus dem Ruder gelaufen ist. Wir sehen mehrere Beamte der USA auf verschiedenen Ebenen, wie sie glaubwürdig mit ihrem Gewissen ringen und die Dilemmata aufzulösen versuchen, in die sie durch den Deep State gebracht wurden. Am Ende gelingt es ihnen, die Verhältnisse zu einem guten Ende zu wenden, ohne dass es naiv pseudomoralisch oder antiamerikanisch wurde, sondern im Gegenteil: Es kommt das beste von Amerika zum Vorschein, mit viel pragmatischer Moral und Realismus.

Anders als in den vorigen Romanen ist Robert Langdon in diesem Roman zusammen mit einer Partnerin unterwegs. Das Techtelmechtel zwischen den beiden wird nicht übertrieben, und so ist auch dieser Aspekt des Romans gelungen.

Kritik

Es geht in diesem Roman um Prag, die Stadt des Golem und der großen astronomischen Uhr, die auch das Cover ziert. Man hätte erwartet, dass Dan Brown einige historische Rätsel mit diesen Dingen verbindet, die Robert Langdon im Laufe des Romans lösen muss. Doch das ist nicht der Fall. Die astronomische Uhr wird nur im Vorübergehen erwähnt und der Golem wird nur als Anspielung und Chiffre verwendet. Über die historischen Hintergründe der Uhr und des Golem erfährt man praktisch nichts.

Dass sich eine der Romanfiguren als Golem verkleidet und mit diesem eine Seelenverwandtschaft sieht, ist übrigens eine Übertreibung. Die Scharade will nicht so recht einleuchten, erst recht nicht mehr, wenn man gegen Ende des Romans das Geheimnis dieser Figur erfährt.

Nicht gelungen ist die Idee von Dan Brown, dass die Menschheit durch die Noetik an der Schwelle zu einem neuen Verständnis des Todes stünde, der uns allen die Angst vor dem Tod nehmen und damit zu einer friedlicheren Gesellschaft führen würde. Das ist für Dan Brown „the secret of secrets“, daher der Buchtitel. Zum Glück kommt diese misslungene Idee – obwohl der Titel des Buches auf sie hinweist – nur am Ende und am Rande des Romans vor. Hier ist philosophisch zu wenig investiert worden. Der Tod wird immer eine Schwelle bleiben, und alles jenseits davon ist uns unbekannt. Wissenschaft allein wird die Angst vor dem Tod niemals mindern können. Eine solche Besserung ist – in Maßen – höchstens von Religion und Philosophie zu erwarten. Dan Brown verweist mit Recht auf die Religiosität der Menschen des Mittelalters.

Der deutsche Verlag Lübbe blamiert sich übrigens, wo er kann: Das Buch ist zwar mit Karte, Lesebändchen und rot gefärbtem Buchschnitt gut ausgestattet, aber ein Preis von 32,- Euro ist dennoch unzweifelhaft ein monetäres Abgreifen der interessierten Leserschaft. Ein Preis von 25,- Euro wäre angemessen gewesen. Die Übersetzung ist weitgehend gelungen, dennoch fallen wieder einige Stellen auf, die man noch hätte glattbügeln können. An ganz wenigen Stellen zu Anfang fiel eine Beidnennung („Teilnehmerinnen und Teilnehmer“) als penetrant auf. Offenbar wollte da jemand mit penetranten Beidnennungen gendern, hat dann aber bald aufgegeben. Der Titel des Buches ist ebenfalls misslungen, er hätte analog zu den bisherigen Titeln aus einem Wort bestehen müssen, und das wäre in diesem Fall „Threshold“ gewesen.

Noch immer surft Lübbe auf der woken Welle: Auf der Internetseite des Verlages ist alles gegendert und in unerträglichem Regenbogen-Pastell gehalten. Doch in seinen Romanen gendert der Verlag nicht. Wenn diese Leute wirklich an die Genderei glauben würden, müssten sie dann nicht konsequent auch ihre Romane gendern? Und wenn sie ihre Romane nicht gendern, aus Rücksicht auf die Leser, heißt das dann, dass die Genderei auf der Internetseite eine einzige Rücksichtslosigkeit gegenüber den Lesern ist?

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Jonathan Swift: Gullivers Reisen (1726)

Bissige und unterhaltsame Gesellschaftssatire

Der Roman „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift ist keine schöne Kindergeschichte, als die sie weithin bekannt ist, sondern eine bissige Gesellschaftssatire für erwachsene Leser. Obwohl sie schon 1726 erschienen ist, hält sie auch für den modernen Leser noch manche Überraschung bereit. Im ganzen gelangt der Protagonist auf seinen Reisen zu vier verschiedenen Ländern:

Weithin bekannt sind noch die ersten beiden Länder: Liliput, ein Land von winzig kleinen Menschen, und das entsprechende Gegenteil, Brobdingnag, ein Land von riesenhaften Menschen. Interessant ist, dass immer auch die Vegetation entsprechend kleiner oder größer sein soll. Außerdem sind alle bereisten Länder ziemlich genau auf dem Globus verortet, in Regionen, die damals noch unerforscht waren. In Liliput und Brobdingnag werden vor allem politische Vorgänge aufs Korn genommen, durch Intrigen und Machtspiele, in die der Protagonist gerät.

Für den modernen Leser eher amüsant ist dann die Insel Laputa, eine Insel von Gelehrten, die im Grunde Fachidioten sind, und von Dienern begleitet werden, um sie notfalls aus ihrer inneren Versunkenheit zu wecken. Hier sind wiederum die „Projektmacher“ am besten getroffen: Leute, die bewährte Vorgehensweisen z.B. in der Landwirtschaft oder beim Hausbau zugunsten irrwitziger Ideen abschaffen, die für modern gelten. Man kennt das auch heute.

Im Land der Houyhnhnms schließlich begegnet der Protagonist einem Volk von sprechenden, menschenähnlich lebenden Pferden, die wahrhaft edelmütig gesinnt sind und praktisch den Idealstaat Platons realisiert haben. Alles wird durch Vernunft geregelt, nichts durch Emotion. Zugleich findet er dort aber auch verwilderte Menschen vor, die sogenannten Yahoos, die zu wilden, trügerischen Tieren geworden sind. An ihnen werden grundlegende Eigenschaften der Menschen kritisiert, und der Protagonist tut sich schwer, nach dieser Reise wieder mit normalen Menschen zu verkehren, ohne sich zu ekeln. Und man kann es nachvollziehen.

Interessant am Rande: In Laputa wird eine Maschine vorgestellt, die durch die Kombinatorik von Worten in verschiedenen flektierten Formen beliebige Werke hervorbringen soll. Das erinnert an die Ars Magna des Raimundus Lullus, und an die Bibliothek von Babel von Jorge Luis Borges.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 28. April 2021)

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