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Sascha Berst: Mord im Garten des Sokrates (2008)

Gelungene Verlebendigung der Athener Gesellschaft

Sascha Berst ist ein ein überraschend guter Roman gelungen! Normalerweise erwartet man von einem No-Name, der sein persönliches Interesse am Thema zu einem ersten Roman verarbeitet, eine eher holprige Erzählung ohne größeren Wert. Nicht so hier: Sascha Berst kann schreiben, spätestens nach der Obduktionsszene mit Hippokrates muss dies jedem Leser klar geworden sein. Und es gelingt ihm auch, die bekannten Figuren des klassischen Athens glaubwürdig zum Leben zu erwecken. Selten hat man sich so realistisch in die damalige Zeit versetzt gesehen. Auch der Ansatz, Demokratie und Diktatur einander gegenüber zu stellen, ist lohnend. Es handelt sich ohne Zweifel um einen der lesenswerteren historischen Romane über diese Zeit.

Es gibt aber auch Defizite. Manchmal springt Berst etwas zu schnell von Szene zu Szene. Politisch scheint mir das Merkmal der Ausländerfeindlichkeit nicht wirklich charakteristisch für eine Diktatur zu sein; sie ist eher generell menschenfeindlich. Man hätte sich auch mehr Momente und Szenen, die den Wert der Demokratie und die Bedingungen ihres Gelingens zeigen, gewünscht. Von der Vision des Perikles, und dass eine Demokratie auch Führung braucht, war gar nichts zu sehen. Auch der Sittenverfall während des Peloponnesischen Krieges schien mir ungenügend abgebildet. Philosophisch hätte man auch mehr daraus machen können. Platon und seine Motivationen hätten mehr ins Zentrum gehört.

Etwas enttäuschend dann auch, dass der Mord sich am Ende als ungeplante Tat eines Wichtigtuers entpuppt. Und der Mord fand auch nicht im Garten des Sokrates statt, wie der Titel verspricht, es sei denn, man sieht seine Anhänger als den „Garten“ an; ein Vergleich, der im Buch aber so nicht gezogen wird. Fraglich auch, ob Sokrates seine Anhänger als Schüler bezeichnet hätte. Die längere Liste von Abweichungen zur realen Geschichte, die Berst am Ende aufzählt, enthält auch manches, was unnötig abgeändert wurde. Aber egal. Trotzdem lesenwert.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 02. August 2010)

Nadia Wassef: Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um – Mein abenteuerliches Leben als Buchhändlerin in Kairo (2021)

Wertvolles Buch mit vielen Aspekten: Ägypten, Unternehmertum, Literatur, Entwicklung, Islam u.v.a.m.

Nadia Wassef erzählt in diesem Buch, wie sie mit ihrer Schwester und einer guten Freundin die erste moderne Buchhandelskette in Ägypten gründete, wo der Buchhandel bis dahin in den Händen von verschlafenen Krämern lag oder per Versand abgewickelt wurde. Während der Erzählung erfährt der Leser eine Menge Einzelheiten über viele verschiedene Themen.

Man kann dieses Buch zunächst als Ratgeber für Unternehmer und Gründer lesen. Denn wir erfahren sehr viel über die praktischen Schwierigkeiten und Entscheidungen, die immer wieder überwunden und getroffen werden müssen. Vom Umgang mit der Bürokratie bis hin zur Lösung zwischenmenschlicher Probleme ist alles dabei. Es ist wirklich sehr lehrreich.

Der Zustand des ägyptischen Staates ist dabei ein ständiges Thema. Die Autorin ist eine entschiedene Gegnerin des Nasser-Sozialismus und zeigt an vielen Beispielen auf, wie sich sozialistische Politik negativ auf Ägypten ausgewirkt hat. Sei es die Korruption, seien es die faulen weil unkündbaren Beamten, sei es die Bürokratie. Auch die Zensur des Nasser-Sozialismus wird immer wieder angeprangert. Teilweise muss sie in der berüchtigten Mogamma, einem großen Bürokratie-Komplex in Kairo, vorsprechen, um bestimmte (harmlose) Bücher verkaufen zu dürfen. Manche durchtriebenen Händler haben parallel zu offiziellen Vertriebswegen ein erstaunlich gut funktionierendes Beschaffungsnetzwerk aufgebaut, mithilfe dessen auch illegale Artikel besorgt werden können. Die Autorin hat einen klaren Blick für die Verhältnisse:

„Früher dachte ich, dass die Undurchsichtigkeit der Gesetze und die Willkür, mit der sie gedeutet wurden, unbeabsichtigt wären. Doch nach fast zwei Jahrzehnten als Unternehmerin in Ägypten weiß ich: Es ist so gewollt. Die alles durchdringende Ungewissheit und die endlosen Verzögerungen waren Mittel zur Kontrolle. Du siehst aus der Ferne zu, immer in dem Wissen, dass du selbst eines Tages an die Reihe kommst. Und bis dahin unterziehst du dich einer panoptischen Selbstzensur und wägst jedes deiner Worte sorgfältig ab, als ob du unter Dauerbeobachtung stündest.“ (S. 99)

Sehr interessant sind die Einblicke in das Leben der ägyptischen Oberschicht, zu der die Autorin dazu gehört. Die Oberschicht schickt ihre Kinder auf englische Schulen, wo sie ausschließlich die englische Kultur kennenlernen. Die arabische Sprache, also die Sprache ihres eigenen Volkes, beherrschen diese Menschen nur schlecht. Wir erfahren, dass Angehörige der ägyptischen Oberschicht z.B. Urlaub in der Bretagne machen. Eine befreundete Künstlerin pendelt ständig zwischen London und Kairo. Die Finanzierung der Buchhandlung ist trotz Verlusten offenbar ebenfalls kein Problem. Die Autorin entscheidet sich nach dem Arabischen Frühling, nach London auszuwandern, wo sie nun ihre Heimat sieht. Letztlich ist sie aber überall ein wenig fremd.

Die Unterschicht kommt eher am Rande vor. Die Angestellten der modernen Buchhandlung sind arm und deshalb korruptionsanfällig. Die Überwachung der Angestellten der Buchhandlung hat ein orwellsches Ausmaß. Auch Fahrer und Haushälterinnen und deren Verhaltensweisen und Probleme werden besprochen. Die Buchhandlung kann der ägyptischen Vetternwirtschaft nicht entkommen, jeder Angestellte ist bestrebt, seine Verwandten im Unternehmen unterzubringen, und so geschieht es dann auch. Es scheint in Ägypten eine große Zahl an schlecht bezahlten Jobs zu geben wie Fahrer, Haushälterin, Kindermädchen, Concierge, usw. Insbesondere das Lieferwesen und die Verrichtung von Botengängen sind groß ausgebaut. Die kleinen Leute sympathisieren mit den Muslimbrüdern, aber nicht aus religiösen Gründen, sondern weil diese sich sozial betätigen, während die Staatsbürokratie die kleinen Leute im Stich lässt.

Die Buchhandlung richtet sich leider vor allem an diese Oberschicht. Denn nur die Oberschicht verfügt über das Geld, Bücher zu kaufen, und über die Zeit, sie zu lesen. Geführt werden englische, französische, deutsche und arabische Titel. Dass auch die deutsche Sprache für würdig befunden wurde, obwohl die Autorin selbst kein Deutsch kann, ist interessant zu lesen. Zur Sprache kommen Kunstbücher aus dem deutschen Taschen-Verlag (S. 241), aber es wird auch der deutsche Qualitätsklebstoff gelobt, mit dem die Werbeeinkaufstaschen der Buchhandlung verleimt werden (S. 47).

Auch die besonderen Probleme von Frauen in der ägyptischen Gesellschaft werden thematisiert. Allerdings befindet sich die Autorin in einer privilegierten Position, so dass ihre Darstellung dieser Probleme sich harmloser anhört als es vermutlich ist. Die Autorin spricht wie eine westliche Feministin über den Sexismus in westlichen Gesellschaften, aber dieser ist natürlich ganz anders und harmloser als der Sexismus in der ägyptischen Gesellschaft. Die Autorin hat nach eigenen Angaben westliche feministische Autoren gelesen („Gender Studies“). In diesem Punkt ist das Buch sehr schwach, denn für die ägyptische Durchschnittsfrau ist der Sexismus nicht mit energischen Worten spontan überwindbar, so wie es der Autorin gelingt.

Man erfährt auch ein wenig über die arabisch-ägyptische Kultur, für die die Autorin ein entwickeltes Nationalbewusstsein hat. Das steht auch hinter dem ganzen Projekt: „Aber was ist mit Ägypten? Was geschieht, wenn Länder ihre Kulturprojekte vernachlässigen und stattdessen immer nur Dämme und Autobahnen bauen? … Doch wir durften unseren Glauben an den Laden und an die Bücher nicht verlieren. Wenn wir Ägypter vergaßen, wer wir einmal waren, würden wir nie herausfinden, wer wir eines Tages sein konnten.“ (S. 29 f.)

Der Leser erfährt, dass das Buch „Tausendundeine Nacht“ in Ägypten Gegenstand eines ständigen Kulturkampfes ist, weil sich die Religiösen an den erotischen Szenen darin stoßen. Umm Kulthum wird am Rand erwähnt. Das Problem des Gegensatzes von klassischer Hochsprache (Fus’ha) und Volkssprache (Amiyya) wird thematisiert. Es sind vor allem die Religiösen, die verhindern, dass die Schriftkultur auf die Volkssprache umgestellt wird. Auf diese Weise wird das ägyptischen Volk von seiner eigenen Literatur entfremdet. Wir hören von dem arabischen Epos Al-Sira al-Hilaliya, von dem anderwärts sonst nie etwas zu hören ist.

Anhänger der Oberschicht, die auch Kunden in der Buchhandlung sind, hängen der Idee des „Pharaonismus“ an, d.h., sie wollen eine Rückbesinnung auf die vorislamische Zeit, was in der breiten Bevölkerung auf keinerlei Gegenliebe stößt. Ägyptische Geldscheine haben eine „islamische“ Seite mit Abbildungen von Moscheen und eine „pharaonische“ Seite mit Abbildungen von altägyptischen Monumenten. Wir erfahren von Taha Hussein und von Abu Zaid. Viele moderne arabische Autoren werden durch die neue Buchhandlung erstmals für einen breiteren Leserkreis verfügbar.

Leider geht der ägyptische Nationalismus ein wenig mir der Autorin durch, denn sie spielt die Errungenschaften der griechischen Kultur gegenüber der altägyptischen Kultur herunter (S. 62, 64, 72). Auch ist ihr Urteil über den Kolonialismus etwas zu einseitig: Denn sie wirft den Kolonialmächten vor, die Ägypter beim Umgang mit ihrem großen altägyptischen Erbe zu bevormunden (S. 61) – in Wahrheit lernten die Ägypter selbst dieses Erbe nur durch die Übernahme westlicher Kultur schätzen.

Die Entwicklung der Stadt Kairo wird in einer Weise beklagt, wie wir das auch aus Europa kennen: Die großen Einkaufszentren verdrängen die kleinen Geschäfte. Traditionelles Bauen wird durch gesichtsloses Architektur verdrängt. Traditionelles Kunsthandwerk stirbt aus. Die Autorin kann wunderbar von dem früheren Kairo erzählen, von den kleinen Geschäften und ihren schrulligen Inhabern,

Ein kleinerer Teil des Textes wird auch von Erziehungsfragen, Familienproblemen, Ehescheidungen und dergleichen eingenommen. Insofern es sich um Probleme handelt, die eine Unternehmerin neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit lösen muss, gehört das unbedingt zum Thema dazu. Die Lehren ihrer Eltern geben einen weiteren Einblick in das Denken der ägyptischen Gesellschaft. Immerhin gibt die Autorin offen zu, dass sie daran gescheitert ist, den Spagat zwischen Mutterrolle und Unternehmensführung zu meistern. Niemand könne das schaffen, meint sie. (S. 173)

Die Autorin berichtet auch ausführlich über ihr Verhältnis als Buchhändlerin zu bestimmten Büchern. Insbesondere Ratgeber-Bücher werden von ihr besonders skeptisch beäugt. Wohlfühl-Bücher wie „Der Alchemist“ von Paolo Coelho werden klar kritisiert, wobei sich die Kritik eher an den Autor richtet, den sie persönlich kennenlernen durfte. Generell fällt auf, dass die Autorin unglaublich belesen ist. Sie kennt einfach alles: Antike Autoren, das Rad der Fortuna, Voltaire, Hermann Hesse, englische und französische Klassiker, sie kann überall Zitate und Lehren aus diesen Werken einflechten. Einige Kunden kaufen Bücher auch nicht zum Zweck des Lesens, sondern als ästhetische Gegenstände. Oder als Projektion von Träumen.

Am Ende fühlt sich die Autorin von der unternehmerischen Aufgabe überfordert und flieht anlässlich der Wahl eines Muslimbruder-Präsidenten aus Ägypten nach London. Es bleibt die Erinnerung an unglaublich viele Menschen, deren Schicksal durch die Buchhandelskette „Diwan“ bestimmt worden ist. Und die Buchhandelskette existiert heute noch, unter anderer Führung.

Dieses Buch ist sehr reichhaltig und lehrreich. Doch wie sich anhand der klaren Trennung von Oberschicht und Unterschicht schon andeutete, versagt die Autorin am Thema Islam. Diesen möchte sie im Grunde eher verdrängen. Überwinden. Irgendwie loswerden und „weghaben“. Islam-theologische Werke will sie in ihrer Buchhandlung eher nicht führen, statt dessen Bücher über islamische Kunst und dergleichen. Und vieles über die Kopten, nicht über den Islam. Damit verfällt die Autorin genau demselben Fehler, dem die Oberschichten in arabischen Ländern seit fast einem Jahrhundert immer wieder verfallen: Man kann den Islam nicht einfach abhalftern. Die Masse der Bürger besteht aus gläubigen Muslimen.

Es gibt (für Ägypten) nur eine einzige Lösung für das Islam-Problem: Die Entwicklung einer islamischen Reformtheologie, so mühsam das auch ist, so aussichtslos es erscheint. Sie erwähnt immerhin zwei berühmte ägyptische Reformdenker: Muhammad Abdou und Nasr Hamid Abu Zaid. Doch sie macht nichts daraus. Sie beklagt sich nur kurz, dass diese nicht anerkannt wurden, ohne den Gedanken zu entwickeln, dass es dazu einer breiten religiösen und sozialen Bewegung bedarf, die die ganze Bevölkerung mitnimmt.

Am Ende hat die Autorin keine Lösungen für die Entwicklung der ägyptischen Gesellschaft anzubieten. Die Spaltung von Oberschicht und Unterschicht bleibt hart bestehen. Die Autorin ist geflohen. Dafür einen Punkt Abzug. Dennoch ein sehr lesenswertes Buch.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Heinz Berggruen: Angekreidet (1947)

Blick eines Entnazifizierers auf die Deutschen

Der berühmte Kunstsammler Heinz Berggruen (1914-2007) emigrierte 1936 aus Deutschland in die USA und kam nach dem Krieg als Sergeant der US-Armee nach Deutschland zurück, wo er 1946/47 Mitherausgeber der Kunstzeitschrift „Heute“ in München wurde, bei der auch Erich Kästner mitarbeitete. Berggruen verfasste eine kleine Serie von satirischen Glossen, die die Entnazifierung vorantreiben sollten. Diese Glossen erschienen 1947 auch als Buch unter dem Titel „Angekreidet“, 1998 dann noch einmal in größerer Auflage unter dem Titel „Abendstunden in Demokratie“, in einer Zusammenstellung mit Bildern von Paul Klee und skurrilen Zeitungsnotizen aus der damaligen Zeit (was ein wenig an „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen erinnert).

Die Glossen

Die Glossen nehmen die Deutschen und ihren Umgang mit dem Nationalsozialismus auf die Schippe. Man sieht, wie Schuld klein- und weggeredet wird. Wie Wendehälse heute ganz anders reden als früher. Wie bereitwillig bei der Demokratisierung mitgemacht wird, aber nicht aus Überzeugung, sondern weil das jetzt angesagt ist. Wie der alte Ungeist unterschwellig weiterlebt. Wie die Bürokratie der Entnazifizierung über die Menschen hereinbricht und die Menschen mit Galgenhumor reagieren, statt mit Einsicht. Wie Widerstand im Nationalsozialismus auch nach 1945 als Verrat gewertet wird. usw. usf.

Die Glossen richten sich an die Leser einer Kunstzeitschrift, also an durchaus gebildetere Leute. Die jeweilige Botschaft der Glossen kommt nur zwischen den Zeilen zum Ausdruck. Heinz Berggruen beobachtet einfach, wie die Leute reden, und indem er sie reden lässt, verraten sie sich selbst. Oder er lobt ein Verhalten in so übertriebener Weise, dass klar wird: Das Gegenteil ist gemeint. Das Verfahren hat aber auch einen Nachteil: Nicht immer ist völlig klar, worauf der Autor hinauswill. Dem modernen Leser fehlt teilweise das nötige Kontextwissen, um alle Anspielungen zu verstehen.

Für eine gewisse Kollektivschuld

Speziell die Glosse „Im Hintergrund der Alte Fritz“ ist für heutige Leser nur schwer deutbar. Auf den ersten Blick sieht es nämlich so aus, als ob der Autor sich die These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens zu eigen mache. Doch in Wahrheit nimmt er dieses Denken gründlich auf die Schippe. Die Botschaft ist klar: Die Leute sollten die Schuld gefälligst bei sich selbst suchen, nicht bei Martin Luther, Friedrich dem Großen oder Bismarck, was nur absurd ist.

Allerdings gibt es für diese Schwierigkeit mit der Deutung noch einen zweiten Grund: Im unserer Zeit hat sich die falsche These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens erneut Bahn gebrochen, und einige der Ansichten, die Berggruen hier auf die Schippe nimmt, sind höchst gegenwärtige Ansichten, die uns heute „normal“ erscheinen, obwohl sie völlig unsinnig sind.

Es kommt aber noch eine dritte Schwierigkeit hinzu: Offenbar macht der Autor einen Unterschied zwischen der These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens einerseits und der These von der Kollektivschuld andererseits. Denn in einer anderen Glosse wird die Ablehnung der Kollektivschuld einem Unbelehrbaren in den Mund gelegt. Auch im Vorwort von 1998 wird die Zurückweisung einer Kollektivschuld als Zeichen der Verdrängung dargestellt. Im Umkehrschluss heißt das, der Autor ist eher für die These von der Kollektivschuld aller Deutschen.

Bei nochmalig näherem Betrachten der Glosse „Im Hintergrund der Alte Fritz“ wird dann klar: Auch hier lehnt der Autor nur die These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens ab, die Kollektivschuldthese aber nicht. Um das zu sehen, muss man aber schon sehr genau lesen.

Die Annahme einer gewissen Art von Kollektivschuld bei gleichzeitiger Ablehnung der These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens ist sehr eigen. Im Grunde trägt der Autor hier einen inneren Widerspruch mit sich herum. Denn wie sollten die Deutschen kollektiv schuldig geworden sein, ohne dass diese kollektive Schuld sich historisch vorbereitet hätte?

Einige der Glossen nehmen die kleinen Leute und ihre unpolitische Art auf die Schippe. Hier fragt sich der Leser, ob diese Satire überhaupt valide ist? Denn die kleinen Leute sind nun einmal unpolitisch und werden es immer sein. Der in diesen Glossen enthaltene stille Vorwurf, die kleinen Leute hätten den Natonalsozialismus stramm ablehnen sollen, ist womöglich eine überzogene und unrealistische moralische Forderung. Auch hier zeigt sich, dass der Autor einer falschen Idee von Kollektivschuld anhing.

Gegen eine Kollektivschuld

Ist Heinz Berggruen also Anhänger der Kollektivschuldthese? Zwei Einwände sind hier zu machen:

Zuerst, dass Heinz Berggruen sich in späteren Jahren ganz eindeutig gegen eine Kollektivschuld ausgesprochen hat. Das hat Heinz Berggruen sehr deutlich gemacht. Das könnte bedeuten, dass wir es hier mit einer Meinungsänderung zu tun haben. Damals war er offenbar noch eher für eine Kollektivschuld, später dann mit Klarheit dagegen. Dass der Autor umgedacht hat, deutet sich auch im Vorwort von 1998 an, in dem das Wort „Kollektivschuld“ zweimal vorkommt, und die Glossen als „Nahaufnahme ohne Retusche“ gedeutet – also fast entschuldigt – werden, Zitat:

„Parteigenossen stuften sich zu harmlosen Mitläufern herab. Die Arierparagraphen wollte keiner mehr kennen, und das Wort Kollektivschuld wurde eher vermieden. Man lebte (schlecht) mit einer Vergangenheit, die keiner wahrhaben wollte. Niemand sei ‚dabei‘ gewesen, war der tägliche Refrain. Jeder hatte plötzlich jüdische Freunde.
          Es gibt keine Spruchkammern mehr und keine Entnazifizierung. Von ‚innerer Emigration‘ wird nicht mehr gesprochen, so wenig wie von Arierparagraphen und von Kollektivschuld. Was ich damals schrieb oder vielmehr ankreidete, war als Nahaufnahme gedacht, ohne Retusche.“

Als zweites ist zu bedenken, dass die These von der Kollektivschuld den damaligen Bemühungen der Alliierten zur Entnazifizierung zumindest implizit zugrundelag. Und Berggruen arbeitete damals im Auftrag der Alliierten. Vielleicht kann das ein Teil einer Erklärung sein, warum Berggruen damals eher für eine Kollektivschuld schrieb.

Fazit

Alles in allem geben die Glossen einen Blick in die damalige Zeit, aber nur unter der Perspektive des Autors, und diese Perspektive ist zu hinterfragen. Nicht nur die Deutschen, die der Autor auf die Schippe nimmt, auch der Autor und seine Perspektive ist ein Objekt des zeithistorisch interessierten, kritischen Beobachters.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Andrea Camilleri: Die Revolution des Mondes (2013)

Historisierende Komödie um eine Frau als Vizekönigin Siziliens

Es gibt nur wenige historische Überlieferungen über Donna Eleonora di Mora, die als Frau des verstorbenen spanischen Vizekönigs Siziliens die Insel 27 Tage regieren durfte. Aus dieser Vergessenheit befreit Andrea Camilleri die historische Anekdote in diesem Buch. Wenn die Angaben in seinem Nachwort stimmen, hat er sich mehr an die historische Realität gehalten, als der Leser zunächst vermutet. Es ist natürlich trotzdem recht frei, und Camilleri hält in diesem Buch dem Machismo und der katholischen Kirche unserer Tage den Spiegel vor.

Die Geschichte ist relativ flach, die Charaktere einseitig: Hier die schöne und kluge Donna Eleonora, dort die gaunerhaften Männer bzw. die schwachen und dummen Männer. Nur an zwei Stellen erlaubt sich Camilleri, Donna Eleonora menschliche Züge abseits eines Klischees zu verleihen: In dem Moment, wo sie Rache als ihr Motiv nennt, und durch ihren Leibarzt korrigiert wird: Nein, ihre Güte sei es. Und durch ihre Neugier als Frau (interessant, dass die Abweichung vom Klischee der perfekten Frau durch ein anderes Klischee geschieht).

Die Geschichte ist ebenfalls sehr geradlinig und thematisch einseitig. Es geht um Zwangsprostitution und Kinderschänder, und dass die Gauner geschickt zur Strecke gebracht werden.

Aber es ist eine gelungene Komödie, die den Leser immer wieder zielsicher zum Schmunzeln bringt. Und als Komödie, als Theaterstück, und weniger als Roman, hätte dieses Stück sicher Erfolg. Als Roman jedoch ist es etwas flach geblieben. Deshalb keine volle Punktzahl.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 05. November 2018)

Robert A. Segal: Mythos – Eine kleine Einführung (2007)

Parforce-Ritt durch die Mythenforschung

„Mythos“ von Robert A. Segal ist eine kleine Einführung in die Mythenforschung, d.h. in die Frage, wie die Wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert den Mythos definiert und analysiert hat. Dabei unternimmt Segal einen wahren Parforce-Ritt durch die verschiedenen Ansätze, die Mythen unter den Gesichtspunkten Wissenschaft, Philosophie, Religion, Ritual, Literatur, Psychologie, Struktur und Gesellschaft zu deuten versuchen. Dabei orientiert er sich an den Hauptautoren für diese Gebiete. Jeder Ansatz wird immer wieder am gleichen Mythos, dem Adonis-Mythos, ausprobiert, um die Unterschiede in den Ansätzen zu zeigen.

Die Anordnung der Deutungsansätze ist leidlich chronologisch, dennoch tauchen die Namen mancher Forscher wiederholt auf, weil sie zum Mythos unter verschiedenen Gesichtspunkten etwas zu sagen hatten. Einige Tabellen am Ende des Buches, die die Zusammenhänge noch einmal übersichtlich (nach Zeit, nach Autor, nach Ansatz) zusammengefasst hätten, wären hilfreich gewesen. Alles in allem ein nützliches Büchlein, um schnell ins Thema einzusteigen und einen Überblick zu bekommen. Aber es schwirrt einem hinterher auch der Kopf, und man sehnt sich nach einem Buch, das mehr Ordnung hinein bringt.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 22. Juli 2011)

Nicholas Joll: Philosophy and The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy (2012)

Mostly exciting discussions of philosophical ideas in the Hitchhiker’s Guide

This book fulfills the expectation that all the philosophical topics which made you stop, smile and think for a moment, while reading Douglas Adams‘ Hitchhiker’s Guide to the Galaxy (and it’s follow-ups), are picked up and discussed. The topics are presented with a certain fun factor, since the authors partly tried to emulate Douglas Adam’s style of writing, and since serious philosophical problems are discussed on the background of the rather funny Hitchhiker’s world. Last but not least, the presented philosophical topics are for themselves mostly exciting, though you may have heard already of some of them.

Warning: For me, the book seemed to start rather dry and boring in its first chapters. But it gained momentum in the middle of the book and turned out to be an exciting and funny read in the end. Maybe it’s due to my own philosophical views and preferences? Anyway, if it happens that you find the book boring, keep on reading, it will change!

Some interesting topics / discussions (it is even more):

  • Is it allowed to eat animals if they give consent?
  • Is it allowed to enjoy violence if it’s only virtual reality?
  • The meaning of Life under the perspective of an infinite life / a finite life.
  • The absurdity of life and how to handle it.
  • The mere existence of God and being part of his plans is not sufficient to give meaning to our life.
  • Artificial Intelligence: Self-feeling and the relation of feeling and reason as a problem.
  • Reason does only work if we have feelings, too. (p. 137)
  • Some philosophers consider it even likely, that we exist in a computer simulation, and in fact only somewhere in the middle of a computer-simulation-within-a-computer-simulation hierarchy of nested computer simulations.
  • Some philosophers consider it possible that our world had been constructed only for the purpose of performing a certain simulation / calculation, just like the Earth in The Hitchhiker’s Guide.
  • Kurzweil’s idea of transhumanism is clearly put into question.
  • Parallel universes and multi-universes.
  • There’s also an exercise in logic.
  • The ruler of the universe as a Pyrrhonian skeptic.
  • The „Judo principle“: Instead of solving a problem directly, use the problem to solve itself! There are many well-known applications of the Judo principle in various areas of philosophy, and it is interesting to see how these well-known arguments work all along the same principle, and where the limits of the principle are.
  • Kant’s critique of pure reason as an application of the Judo principle, in answer to another application of the Judo principle by David Hume.
  • The „logic of jokes“ is closely related to the logic of philosophising, i.e. surprise, wonder, brainstorming, bringing together what seems not to belong together, etc.
  • Inspiration of The Hitchhiker’s Guide by Swift’s Gulliver’s Travels, and especially by Voltaire’s Candide.

Some of the chapters slightly overlap in their topics, since they are written by various authors, but this is not a problem since it makes you rather think twice about a problem from a slightly different perspective. All chapters provide useful and not too many hints to literature. There is a glossary of philosophical terms, too, and various indices on topics within and without The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy.

Missing or insufficiently discussed are e.g.:

  • Political philosophy in The Hitchhiker’s Guide.
  • Relation of religion to politics, or to other-believers, or to non-believers, and vice versa.
  • Development of human society step by step.
  • The event of changing mind; religious reforms.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 10. März 2019)

Dave Eggers: Your Fathers, Where Are They? And the Prophets, Do They Live Forever? (2014)

Great plot lost to an unexpected theme

The plot of this book is a great idea: A young man kidnaps several persons who played a role in his upbringing, his mother, a teacher, a congressman, a policeman, an astronaut, and forces them to answer those questions he always wanted to be answered.

Don’t we all want to have answers from certain persons from our past? Why did they act like they acted? What did they really think? Our parents, teachers, etc.?

This book could have been a great story, if it concentrated on the big questions in the heart of everybody.

The problem is: The book is not about these big questions, and the young kidnapper is not everybody. The book is about fatherless young men. Partly non-white. And their problems. And troubles with the police which makes use of guns far to quickly. And drug-addicted mothers. This is interesting, too, but it disappoints the expectation.

Therefore the title: „Your fathers where are they?“ And the young man killed by the police far too quickly considered himself to be a prophet, therefore the title „and the prophets, do they live forever?“ First you think, these are some of the questions the young kidnapper will ask his victims, yet these questions never appear in all the book.

The dialogue as literary form is well-applied in this book, this made it worth reading, too.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 15. August 2015)

Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst – Erinnerungen (2009)

Das Selbstverständliche sagen, auch wenn es ungelegen kommt

Joachim Gaucks Autobiographie ist solide, enthält aber auch keine Überraschungen. Vor allem im Schlussteil äußert Gauck einige Selbstverständlichkeiten, deren Besonderheit allein darin liegt, dass es heute leider nicht mehr selbstverständlich ist, dass diese Ansichten geäußert werden. Beispiele: Bei aller Kritik am „kapitalistischen“ System, vor allem von linker Seite – ohne Freiheit wird alles nur noch schlimmer, ohne Freiheit ist alles nichts. Und: Die Linken behindern die Aufarbeitung des DDR-Unrechts und messen mit zweierlei Maß, weil sie nicht in der Lage sind, sich mit ihrer eigenen Schuld zu befassen. Es tut gut, diese Selbstverständlichkeiten ausgesprochen zu sehen, und dass Gauck dies tut, ist zu würdigen.

Grenzwertig ist Gaucks Würdigung des Widerstandes von Kommunisten. Er macht nämlich nicht deutlich, ob er hier den Widerstand von Einzelnen würdigen möchte, die aus Naivität die Unmenschlichkeit ihrer eigenen kommunistischen Ideologie nicht verstanden haben – das wäre in Ordnung. Oder ob er hier die kommunistische Ideologie ganz oder teilweise mit würdigt – das wäre nicht in Ordnung.

Interessant ist Gaucks Verhältnis zum christlichen Glauben. Denn Gauck wurde nicht deshalb Pastor, weil er besonders gläubig gewesen wäre, sondern weil ihn die Suche nach einer Ausweichmöglichkeit vor dem Regime dorthin trieb. Völlig akzeptabel ist es, wenn er schreibt, dass der Glaube „neben“ dem kritischen Denken steht. Völlig unverständlich jedoch ist es, wenn er tiefgläubige osteuropäische Bauern als Vorbilder im Glauben nennt – denn deren Gläubigkeit und Ungeplagtheit von Zweifeln ist ja keiner besonderen Leistung geschuldet, sondern vielmehr einem Mangel: Einem Mangel an Fähigkeit zur Selbstreflexion. Überhaupt kann die christliche Ausformung von Gläubigkeit bei Gauck nur vor dem Hintergrund seines Lebens verstanden werden: Die Umstände legten es ihm eben nahe, in die allzu große Ungewissheit des christlichen Glaubens zu „springen“, und Gauck „sprang“. Vernünftig ist dieser „Sprung“ jedoch nicht. Gaucks Erklärungen zu diesem Punkt sind sehr verständlich und müssen hingenommen werden, sie sind aber nicht überzeugend.

Die von Gauck gewählten Schwerpunkte des Buches verwundern ein wenig. Werden hier nicht zu viele Fluchtgeschichten erzählt? Gab es denn nichts anderes im Alltag der DDR? Andererseits muss man davon ausgehen, dass Gauck diesen Schwerpunkt nicht ohne Bedacht gewählt hatte. Vielleicht war es ja tatsächlich so, dass den Menschen in der DDR die Fluchten und Ausreisen als Hauptereignisse im Vordergrund ihrer Wahrnehmung standen, und nicht ihr Alltagsleben.

Etwas problematisch ist die Chronologie: Die Kapitel sind teilweise chronologisch, teilweise aber auch unchronologisch thematisch gehalten, so dass Gauck z.B. zunächst plötzlich verheiratet ist, die Darlegung seiner Eheschließung jedoch erst weiter hinten im Buch erfolgt.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Geschrieben Anfang März 2012)

Tibor Rode: Das Los (2014)

Richtig gute Story technisch nicht optimal umgesetzt

Tibor Rode kann gute historische Stoffe finden und sie auch gut für einen Roman aufbereiten. Das hat er hier wieder gezeigt. Das Thema Glück und Spiel wird literarisch gelungen aufbereitet, anhand der preußischen Lotterie von Friedrich dem Großen und dem modernen Pokerspiel.

Aber bei der technischen Umsetzung zeigen sich weiterhin Mängel: Die verschiedenen Handlungsstränge fangen erst nach 2-3 Stunden Hörzeit (Hörbuch) an, sich zu verknüpfen. Das ist zu lange. Und da fängt die Zusammenführung ja erst langsam an! Das endgültige Zusammenführen der verschiedenen Handlungsstränge geschieht erst kurz vor Schluss!

Allerdings hat das Buch einen völlig überraschenden und schönen Schluss, der einen wieder versöhnt. Lesen lohnt, der Leser sollte aber wirklich bis zum Schluss die Hoffnung aufrecht erhalten, dass sich das Buch wider Erwarten doch noch rundet.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 24. Januar 2016)

Akif Pirinçci: Deutschland von Sinnen – Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer (2014)

Ehrliche und untermauerte „Rede an die deutsche Nation“

Akif Pirincci (wie immer sich dieser Name ausspricht) hat eine flammende Rede und einen aufrichtigen Appell an die Deutschen geschrieben, der sich durch Klarheit ebenso wie Einfachheit auszeichnet, mit der er die Wahrheit auf eine zutiefst menschliche Weise ausspricht: Pirincci pflegt einen bodenständigen Realismus, der sich ein X nicht für ein U vormachen lässt, der sich einen Blick für das bewahrt hat, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben. Dabei wünscht Pirincci den Grünen Gutmenschen nicht einmal Strafe an den Hals, sie mögen einfach nur die Klappe halten und gehen. Und seine holzschnittartigen Thesen lassen explizit Raum für Andersartigkeit, nur dass Pirincci diese nicht für den Normalfall hält und das auch klar sagt.

Seine Sprache ist weniger eine Gossensprache, sondern vielmehr die Sprache, in der ein Mensch denkt, aber nicht spricht. Eine Sprache der deutlichen Worte, die aber nicht verletzend gemeint sind, sondern nur wahr.

Sehr gut hat Pirincci das Thema der Öffentlichen-Rechtlichen Medien aufgegriffen, das im Tugendterror-Buch von Sarrazin seltsamerweise unter den Tisch fiel. Beim Thema Islam schwächelt Pirincci ein wenig, denn die Möglichkeit eines aufgeklärten Islam analog zum heutigen Christentum blendet er komplett aus – kein großes Problem, da der aufgeklärte Islam noch im Embryo-Status ist. Seine Erlebnisse vor einem deutschen Gericht sind lesenswert. Seine Analyse der prekären Lage der deutschen Mittelschicht (das sind Du und Ich) rüttelt auf. Seine Einsichten in Wirkzusammenhänge der Wirklichkeit sind teilweise beeindruckend.

Dies ist kein dummes Buch. Was ich bei Sarrazin ebenfalls noch nicht gelesen hatte, ist der Umstand, dass die Zuwanderer überwiegend männlich sind, und deshalb das Geschlechterverhältnis in Deutschland auf der Kippe steht. Pirincci kritisiert meisterhaft die deutschen Journalisten und Intellektuellen: Sollten sie nicht hinter den Vorhang der Verhältnisse schauen, anstatt dabei zu helfen, den Vorhang über die Verhältnisse auszubreiten?

Pirinccis Vision ist kein negativer Reflex, sondern ein konstruktiver Appell: Deutsche Männer! Deutsche Frauen! Ihr seid etwas, seid Euch dessen bewusst! Es ist eine Rede an die deutsche Nation, wie in Zeiten des Vormärz. Es ist weniger ein Versuch, ausgefeilte Lösungen für alles anzubieten, als vielmehr ein Aufruf zum Perspektivwechsel! Unter diesem Gesichtspunkt sind dann auch alle Grobheiten und Einfachheiten verständlich und verlieren ihre Schärfe.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 10. August 2014; inzwischen dort verschwunden)

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