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Martin Walser: Über Deutschland reden (1988)

Notwendige und unbequeme Gedanken zur deutschen Nation inmitten des anti-deutschen Selbsthasses

Das vorliegende Suhrkamp-Büchlein versammelt verschiedene Aufsätze und Reden von Martin Walser aus den Jahren 1979 bis 1988, die alle von Deutschland und der deutsche Kultur handeln. Damals, 1988, hatte eine linksdominierte Öffentlichkeit den Gedanken an Deutschland und die deutsche Nation in der BRD praktisch geächtet. Erst die Wiedervereinigung brachte dann – für viele höchst unerwünscht – den Gedanken an Deutschland wieder auf die Tagesordnung und führte zu einer teilweisen Normalisierung. Spätestens in den Merkel-Jahren wurde diese Normalisierung wieder zurückgefahren, so dass der Gedanke an Deutschland, die deutsche Nation und die deutsche Kultur heute (2026) ähnlich geächtet ist wie damals.

Die Sprache und die Gedankengänge Walsers sind teilweise „dicht“ im literarisch-philosophischen Sinn, d.h., der Text ist sind nicht immer ganz leicht zu verstehen und auf einen Nenner zu bringen. Wir wollen im folgenden die Kerngedanken und zentralen Zitate herausziehen, um dieses vergessene Büchlein für eine breitere Leserschaft fruchtbar werden zu lassen. Statt die einzelnen Aufsätze und Reden chronologisch durchzugehen, werden die einzelnen Aussagen nach Themen sortiert besprochen, also unabhängig davon, in welchem der Aufsätze und Reden zwischen 1979 und 1988 die Aussagen gemacht wurden.

Umgang mit dem Holocaust

Die zentrale Frage zur deutschen Nation ist natürlich der Umgang mit dem Holocaust. Sieht man den Holocaust als den Gipfelpunkt der deutschen Kultur und des deutschen (Un-)Wesens an, dann ist mit dem deutschen Wesen natürlich kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Doch ist das wirklich so? Kann und darf man Deutschland und die Deutschen auf den Holocaust reduzieren?

Dazu hat Martin Walser im Jahr 1979 zwei Texte verfasst, die seltsam widersprüchlich sind. Zuerst den Aufsatz „Händedruck mit Gespenstern“, in dem er den linken Intellektuellen vorwirft, sie würden sich selbst von aller Schuld freisprechen und statt dessen die ganze Schuld beim Volk, dem deutschen Volk, abladen:

„Aber in der Rückschau auf das Jahr 1933 hat man sich nahezu festgelegt auf eine Meinung, in der das deutsche Volk als eine Masse erscheint, die zum Reaktionären, Kleinbürgerlichen, Dumpfen, Aufklärungsfeindlichen, Faschismusverdächtigen neigt. Die zurechnungsfähigen Intellektuellen waren an 1933 offenbar nicht beteiligt oder sie waren Opfer. Schuld war wieder dieses deutsche Volk, das dem Verbrechen zugeschaut hatte, mitgemacht hatte, gejubelt hatte. Wieder waren die zurechnungsfähigen Intellektuellen nicht dabei. Mit diesen fanatisierten Kleinbürgern hatten sie nichts zu tun. Und die Kapitalisten sind sowieso jedesmal auf der Seite der Kriegs- und Geschichtsgewinner. Der Dumme ist immer das Volk.“ (S. 19)

Hier nimmt Martin Walser die Deutschen also in Schutz vor einem kollektiven Schuldvorwurf, den ausgerechnet die linken Intellektuellen beim einfachen Volk abladen, während sie sich selbst eine weiße Weste attestieren. Hier sind wir beim Vorwurf des „Shitbürgertums“ von Ulf Poschardt aus dem Jahr 2025, demzufolge viele dieser linken Intellektuellen ganz und gar keine weiße Weste hatten, sondern selbst Sympathisanten der Nazis waren. Ihr pauschaler Vorwurf an „die Deutschen“ ist in diesem Sinne eine Strategie, der eigenen, persönlichen Schuld zu entkommen.

In seiner Rede „Auschwitz und kein Ende“ aus demselben Jahr 1979 spricht Walser jedoch ganz anders. Mit der Formulierung „wir, die wir zur Volksgemeinschaft der Täter gehören“ (S. 24) ist Walser ganz nahe an dem bösen Wort vom „Tätervolk“. Walser weiter: „Wir auf jeden Fall helfen uns eben dadurch, dass wir die Schuld … … … auf eine Handvoll Schergen schieben.“ (S. 24) – „Und doch ist diese Tötungsfabrik durch uns entstanden.“ – „In Auschwitz arbeitete unsere ganze Gesellschaft mit.“ (S. 25)

„Ein Franzose oder ein Amerikaner … muss nicht denken: Wir Menschen! Er kann denken: Diese Deutschen! Können wir denken: Diese Nazis!? Ich kann es nicht.“ (S. 25) Weiter: „Diese Schuld ist unter den Bedingungen unserer Geschichte entstanden. … Wir sind die Fortsetzung. Auch der Bedingungen, die zu Auschwitz führten.“ (S. 25 f.) „Kein Deutscher kann … sagen, seine Landsleute, die hier gewirkt haben, seien Psychopathen oder Spezialisten gewesen, mit denen habe er nichts zu tun.“ (S. 26 f.)

Walser diagnostiziert: „Uns fehlt etwas, was über den einzelnen hinausgeht. Etwas, dem er verpflichtet ist. Etwas, das ihn unfähig gemacht hätte, an der Auschwitz-Tötungs-Fabrik in irgendeiner Weise mitzuarbeiten. Etwas, was Gott und Humanismus noch nicht schafften.“ Walser weiter: „… kann nicht gedient sein, wenn ein Verbrechen solchen Ausmaßes nachträglich herunterdividiert wird auf ein paar Bösewichter. Was ist das für eine Einteilung: Ich gehöre dazu, sobald es sich um Goethes Faust handelt, aber mit dem Dr. Faust in Auschwitz habe ich nichts gemein. Wir haben mit ihm alles gemein, was wir mit Goethe gemein haben.“ (S. 29) Und: „Ich glaube: man ist Verbrecher, wenn die Gesellschaft, zu der man gehört, Verbrechen begeht.“ (S. 30)

Mit diesen Worten ist Martin Walser wieder ganz und gar bei der Kollektivschuldthese angelangt: Alle Deutschen sind schuldig, allein, weil sie Deutsche sind. Den Deutschen fehle etwas, was andere Völker angeblich hätten. Begründet wird dies mit schrägen Thesen: Denn Goethes Faust, den Walser anführt, ist ein höchst öffentliches Werk, das die deutsche Nation wahrlich geprägt hat, während Walsers „Dr. Faust in Auschwitz“ bekanntlich höchst unöffentlich zu Werke ging, und das aus gutem Grund: Weil die Deutschen dieses Verbrechen nämlich keinesfalls gutgeheißen hätten, hätte man es öffentlich gemacht.

Natürlich ist der erste Ansatz von Martin Walser wesentlich zielführender als der zweite: Es gibt keine Kollektivschuld, natürlich nicht, denn der Gedanke einer Kollektivschuld widerspricht jedem humanistischen Geist. Gewiss, die Zahl der Schuldigen ist hoch. Es sind nicht nur ein paar wenige Anführer schuldig geworden, das ist schon richtig. Aber es ist eben auch nicht so, dass das ganze deutsche Volk wie ein Mann diesem Verbrechen zugestimmt hat. Ganz und gar nicht. Es ist etwas zwischen diesen beiden Extremen, auf jeden Fall eine höchst ungleiche Verteilung von Schuld, und es ist bis heute nicht hinreichend erforscht worden, wie diese Schuld eigentlich tatsächlich verteilt ist. Ein Grund dafür ist, dass mit dieser Frage Politik gemacht wird. Bis heute. Das ist ja das Problem.

Wie kommt es, dass Martin Walser in zwei Texten desselben Jahres 1979 einmal so und einmal so sprach? Man kann nur Vermutungen anstellen. Vielleicht ist der Grund, dass der zweite Text eine Rede zu einer Ausstellung ist, wo Walser auch vor Opfern des Holocaust sprach. Vielleicht empfand Walser es in dieser Situation passender, nicht zu differenzieren? Ehrlich wäre er dann nicht gewesen. Seine ehrliche Meinung finden wir ganz offensichtlich im ersten Text. Und in seinen weiteren Texten, in denen er die deutsche Kultur vor jedem Pauschalvorwurf in Schutz nimmt, wie wir im folgenden sehen werden.

Die Anti-Deutschen als Folge des Holocaust und 1918

Martin Walser sieht genau, wie der anti-deutsche Reflex der BRD aus einem Versagen des Umgangs mit Auschwitz erwächst: „Aber ich muss zugeben, eine rein weltliche, eine liberale, eine vom Religiösen, eine überhaupt von allem Ich-Überschreitenden fliehende Gesellschaft kann Auschwitz nur verdrängen. Wo das Ich das Höchste ist, kann man Schuld nur verdrängen.“ (S. 20)

Auch die Auflösung von nationaler Identität im Individualismus ist eine Flucht vor der Verantwortung: „Deutsches Volk? Nie gehört.“ (S. 28) „Ich weiß ja, wie wenig ernst der BRD-Erfolgsmensch seinen Pass nimmt. Er ist mindestens Europäer.“ (S. 93) „Wo Miteinander, Solidarität und Nation aufscheinen, da sieht das bundesrepublikanisch-liberale Weltkind Kirche oder Kommunismus oder Faschismus.“ (S. 20) Auch die Wirtschaft zieht sich aus der Affäre: „Ja, Firmen waren auch dabei in Auschwitz. Aber was ist eine Firma? Hat eine Firma Gedächtnis? Gewissen?“ (S. 28) „Internationalismus ist in Ost- und Westdeutschland ein gleichermaßen forcierter Wert.“ (S. 22)

Nur im Ausland sei man zwangsläufig Deutscher: „Es soll in den letzten dreißig Jahren öfter vorgekommen sein, dass Deutsche im Ausland durch entgegenkommend gemeintes, betont undeutsches Auftreten besonders unangenehm deutsch gewirkt haben.“ (S. 94)

Heutige Historiker sagen mit ihren Analysen des Nationalsozialismus mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit (S. 78). Ein Gespräch über Deutschland ende immer ungut, auch unter Freunden (S. 79). Alles sei von Phrasen überdeckt: „Deutschland habe es sowieso nie gegeben.“ – „Also nie mehr Deutschland.“ (S. 80) – Dabei war Deutschland und seine Einheit im 19. Jahrhundert demokratisch gedacht worden, selbst Karl Marx sprach von Deutschland (S. 81).

Heute heiße es: „Die Deutschen sind alle Nazis“ (S. 85) Walser wundert sich: „wie viele bedeutende Leute Jahrzehnte nach der Erledigung des Faschismus ihren Zorn und ihr gutes Gewissen lebenslänglich durch antifaschistische Regungen belebten.“ (S. 86) Dem Historikerstreit, der von Habermas losgetreten wurde, ist Walser dankbar: Denn er hat zu einer Vielfalt von Ansichten von Links und Rechts geführt, die Walser problemlos in seiner Person integrieren kann, so behauptet er (S. 86 f.).

Willy Brandt nenne die deutsche Frage jetzt „Schizophrenie“, Egon Bahr empfiehlt „Verfassungspatriotismus“, und Otto Schily will die Verpflichtung zur Wiedervereinigung aus der Präambel des Grundgesetzes streichen lassen. (S. 90) „Politik, Schule und Medien, die Wortführer also, haben, mit krass verschiedenen Motiven, viel getan, um die Teilung vernünftig zu machen.“ (S. 92) Wer davon sprechen möchte, dass es noch Deutsche gibt, muss es beweisen, als ob es eine außergewöhnlich kühne Behauptung wäre: „Das muss man beweisen, weil einem im Deutschland-Gespräch auch Karthago und die Azteken vorgehalten werden.“ (S. 93)

Martin Walser setzt den Beginn der Probleme mit der Nation sogar schon 1918 an: „Ich vermute, dass unsere nationale und gesellschaftliche Ratlosigkeit eine Folge unserer Entfernung von unsere Geschichte ist. Mir kommt es so vor, als hätten sich unsere Intellektuellen nach 1918 vom Volk getrennt … … … Schon das Wort ruft vielfältiges Schaudern hervor. Volk – ist das überhaupt ein Begriff? Ist das nicht ein total obsoletes Wort?“ (S. 17 f.)

Das Volk hatte die Folgen des Ersten Weltkrieges zu erleiden, die „bürgerlich-feudalen Cliquen“ nicht. Schon in den 1920er Jahren waren Philosophie und Literatur internationalistisch geprägt. „Die Intellektuellen hatten Roaring Twenties. Arbeiter und Kleinbürger hatten einen aussichtslosen Kampf gegen immer neue Einfälle eines nun doch wirklich international auftretenden Kapitalismus.“ (S. 18)

Am Ende sei immer das Volk der Dumme. „Das [Volk] lernt eine Lektion nach der anderen und kommt kaum nach mit Lernen und Umlernen. Und das deutsche Volk ist ein Musterschüler. In Ost und West. Lieber verliert es sich selbst, als dass es seinem Ost- oder Westlehrer auch nur den geringsten Kummer bereiten würde. Wir haben immer alles besser gekonnt, als wir selbst zu sein.“ (S. 19)

Die BRD ist geschichtslos geworden. „Geschichtsabweisend ist der aktuelle Intellektuelle.“ (S. 20) „Adorno hat diese Geschichtsverneinung mit polemischen Bemerkungen gegen Brecht blanko abgesegnet.“ (S. 20 f.) Der deutsche Kulturbetrieb kennt keinen Sinn mehr im Leben, Sinn wird produziert wie Weizen und Milch (S. 21). Es gilt: „Praxis adieu. Volk adieu. Ich gestatte mir, dazuzusetzen: Gott adieu. Weil Gott für mich kein obsoletes, sondern ein historisches Wort ist für das Bedürfnis nach Ichüberschreitung. Ich halte auch die Zielrichtung nicht für obsolet. Dass uns etwas fehlt, sieht jeder.“ (S. 22)

Deutschland vor den Anti-Deutschen retten

Martin Walser will sich mit diesem Zustand nicht abfinden. „Wer sind wir? Sobald man im Ausland ist, ist man ein Deutscher. Aber wer bin ich hier?“ (S. 19) – „Ich habe ein Bedürfnis nach geschichtlicher Überwindung des Zustands Bundesrepublik. Von Grund auf sollten wir weiter. Aber die herrschende öffentliche Meinung, das herrschende Denken, der vorherrschende Sprachgebrauch nennen dieses Bedürfnis obsolet, obsolet heißt veraltet; ich glaube nur, es sei alt.“ (S. 23)

Eine ewige Strafe für den Holocaust will Walser nicht anerkennen: „Dass ich Jalta, Teheran und die Folgen Strafaktion nenne, ruft Stirnrunzeln hervor. Ich beeile mich zu sagen, dass wir die verdient hatten. Aber doch nicht für immer. Strafe dient nicht der Sühne, sondern doch wohl der Resozialisierung.“ (S. 83) Es sei ungerecht, Schlesierschmerz in einem Atemzug mit Neonazitum nennen (S. 83). „Wir nicken zu allem vor lauter Angst, sonst für Nazis gehalten zu werden.“ (S. 84)

Eine Quelle der Regeneration Deutschlands sieht Walser in der Geschichte: „Seit die konvulsivische Nation nun zerstört ist in einem Ausmaß, das eine Nation allein überhaupt nicht verschulden kann, ist sie mehr als andere auf Geschichte verwiesen. Nur wenn wir eine Nation waren, werden wir wieder eine sein. Und das regelt keiner außer uns selbst.“ (S. 32) – „Von Gewissheit umstellt, widersprechen wir. Es gibt keine mit der Schwäche vergleichbare Kraftquelle.“ Und: „Aus diesem Aber bauen wir den unterirdischen Himmel, den der Geschichte.“ Schließlich: „Der Unterirdische Himmel ist, wenn er sich treu bleibt, subversiv.“ (S. 38)

Walser verweist auch auf jene wenigen Intellektuellen, die mit ihm seine Bedenken teilen und ihrerseits an Deutschland nicht irre geworden sind: Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson (S. 91 f.).

Schließlich meint Martin Walser, das die Deutschen in der DDR oft authentischer Deutsche geblieben seien als die Westdeutschen. Der Brief einer Dresdnerin, wie froh sie ist, von ihm nicht vergessen worden zu sein, ist dafür ein Beleg. Oder die Gedichte von Wulf Kirsten aus Weimar. Diese leben aus einem Sinn für Geschichte und belegen: Es gibt noch „unblamiertes Deutsches“ (S. 98). „Wirkt, verglichen mit einem Kirsten, viel Westliteratur nicht wie Ideologie?“ (S. 96)

„Die Nation ist im Menschenmaß das mächtigste geschichtliche Vorkommen, bis jetzt. Mächtig im geologischen, nicht im politischen Sinn. Die Nation wird sich sicher auflösen irgendwann. Aber doch nicht durch eine Teilung. Doch nicht durch Jalta-Churchill-Roosevelt-Stalin.“ (S. 99) – Im Jahr 1988, nur ein Jahr vor 1989, schrieb Walser: „Es gibt demnach nicht die geringste konkrete Aussicht auf einen Anfang der Überwindung der Teilung. Deutschland bleibt demnach ein Wort, brauchbar für den Wetterbericht. Ich wundere mich selber darüber, dass diese konkrete Aussichtslosigkeit bei mir nicht umschlägt in Hoffnungslosigkeit. Vielleicht wirkt da dieses Geschichtsgefühl.“ (S. 100)

Demokratie und Medien

Martin Walser stellt der Demokratie der BRD und ihrem Mediensystem kein gutes Zeugnis aus. Er sieht eine wachsende Diskrepanz zwischen dem, was geschrieben und dem was verschwiegen wird. Die Differenz ist der „innere Samisdat“. (S. 10 f.) „Pluralismus als Fleckerlaufbahrung, das ist unser Ideal. Möglichst viele Farben, möglichst folgenlos, möglichst öffentlich: so unser Presse-Credo. Demokratische Entwicklung gediehe, glaube ich, nur dann, wenn wirkliche Widersprüche wirklich öffentlich werden könnten.“ (S. 11) Statt dessen: „eine aus lauter monochromen Partien bestehende öffentliche Meinung täuscht Vielfalt vor, wie die östliche veröffentlichte Meinung Öffentlichkeit vortäuscht.“ (S. 11)

„Unser Pluralismus hat so viel Wirklichkeit wie ein in einem Disney-Atelier gezeichneter Dschungel Natur: in solchen Ateliers gibt es ja auch Spezialisten für Tigertatzen, Samtpfoten, Wolken und Veilchen; aber alles ist eben just animated.“ (S. 12) Walser wendet sich gegen den Kleingeist der „Fachleute“, denn in Wahrheit komme es auf den politischen Willen der Akteure an: „Es ist immer mehr möglich, als Fachleute auszurechnen imstande sind“ (S. 90).

Der Grundgedanke der Demokratie wird nicht verwirklicht: „Und die Leute werden nicht gefragt. Das Volk! Populist wird man geschimpft, wenn man meint, die Deuschland-Frage könne nur vom Volk beantwortet werden.“ – „Wir leben noch in einer Zeit, in der nur von oben nach unten gesprochen wird. Von unten nach oben gibt es die Volksstimme nur demoskopisch verfremdet.“ – „Also liegt alles an den Regierungen. Und damit im argen. Es sei denn, die beiden Bevölkerungen ließen sich diesen Pragmatismus nicht ewig gefallen.“ (S. 100)

Walser weist auf die Bedeutung von Öffentlichkeit für die Demokratie hin: „Zweifellos war die öffentliche Meinung das bürgerliche Befreiungsinstrument schlechthin.“ – „Die öffentliche Meinung ist also so ehrwürdig wie die Verfassung.“ (S. 55) – Doch mit dem Mainzer Revolutionär Georg Forster fürchtet Walser deutsche Zustände: „In Deutschland … wird also nicht das Bürgerrecht aus der öffentlichen Meinung stammen, sondern man wird irgendwie ein Bürgerrecht heraufzaubern, und dann öffentliche Meinung damit machen, von oben nach unten also.“ (S. 56) Walser weiter: „Wenn die öffentliche Meinung in den Händen derer ist, die durch sie kontrolliert werden sollen, dann ist – um im Bilde zu bleiben – das Nervensystem unter Vollnarkose.“ (S. 57)

Walser wendet sich gegen Medienmogule wie Berlusconi (S. 53) oder gegen beherrschende Medienkonzerne wie z.B. Bertelsmann, ohne sie beim Namen zu nennen: „Finstere Verlagsschranzen und Medienmonster mit ihrer die Seelen ganzer Kontinente beugenden Macht machen die ältesten Drachensagen zum aktuellen Bilderbuch.“ (S. 39) Das damals neue Privatfernsehen (Bertelsmann, Leo Kirch) ist für Walser keine kommerzielle Veranstaltung, sondern Ausübung von Macht (S. 63).

Das öffentlich-rechtliche Mediensystem hält er für konkurrenzfähig, man müsse nicht darauf bestehen, dass es keine Privaten geben solle. Auf jeden Fall sei wichtig, „dass wir nicht an der Etablierung von Macht, sondern an der Schaffung einer Gegenmacht interessiert sind“ (S. 61).

Denn Macht sei per se ein Problem. „In dreißig Jahren Ausdrucksgewerbe habe ich keine Erfahrung gemacht, die deformierender, verheerender, krankmachender gewesen wäre, als die Erfahrung der Ohnmacht.“ (S. 62) – „Dass Macht nur missbrauchbar ist, wurde im Laufe der Jahre meine wichtigste Erfahrung. Ich habe noch keinen einzigen Menschen getroffen, der durch Machtbesitz nicht entstellt worden wäre.“ (S. 62 f.) – „Macht ist in dem Maße schlimm, wie sie unkontrollierbar ist, egal wer sie ausübt.“ (S. 63)

Sprache und Literatur

Martin Walser kritisiert die Kritik der Frankfurter Schule am sogenannten „Jargon der Eigentlichkeit“: „Schlimmer als der geschmähte Jargon der Eigentlichkeit kommt mir der Jargon vor, in dem da geschmäht wurde.“ (S. 17) – Denn: „Die Sprache sagt nur etwas, wenn sie von Unschuldigen benutzt wird.“ (S. 17) – „Das richtige Verhalten ist wahrscheinlich nur mit dem historischen Vermögen der Sprache zu erörtern.“ (S. 17)

Walser wendet sich gegen die traditionelle Definition von Klassikern in der Literatur. Bei traditionellen Klassikern ginge es oft um die Legitimierung von Macht. Denn was ein Klassiker sei, definiere sich durch dessen Brauchbarkeit. Was ein Klassiker ist, entstehe so durch das Volk und dessen Benutzung von Literatur. (S. 42 f.)

Wer Selbstbewusstsein nötig hat, wird bei Goethe fündig. Wer die Bürgerliche Freiheit und das Schöne entdecken will, greift zu Schiller. Wer verzweifelt, weil es in Deutschland nicht besser werden will, sucht bei Jean Paul Trost. Fichte und Kant sind ihrerseits widerständig gegen die Verhältnisse. Und eiNne Jugend, die reine Helden braucht, findet sie bei Karl May. (S. 43 f.)

„Der Klassiker ist zuerst ein Klassiker seiner Nation.“ (S. 44) – „Unser Klassiker bringt unsere Geschichte zum Ausdruck. Also können wir ihn brauchen.“ (S. 46) – „Sprache sammelt und vermehrt in jedem Klassiker ihr Vermögen.“ (S. 48) – Ohne Hölderlin, Goethe oder Schiller sei die deutsche Sprache gar nicht mehr denkbar.

Mit Goethe sagt Walser: „Übrigens ist mir alles verhasst, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.“ (S. 52) So sollte ein echter Klassiker sein.

Walsers Selbstverständnis als Linker

Aus der Sicht des Jahres 2026 wirkt manches von dem, was Martin Walser damals schrieb, wie „rechts“. Aber natürlich verstand sich Walser als ein Linker, und das kommt auch wiederholt zum Ausdruck.

Ein Demokrat mit Anspruch auf die Verwirklichung der Demokratie wird von Walser kurzerhand als „Sozialist“ angesprochen. Und so verstand er sich selbst, wenn er auch anfügt: „Wie schonend, das nicht in der ersten Person sagen zu müssen.“ (S. 9)

Von der DDR hoffte Walser, dass sie sich zu einem echten Sozialismus entwickeln könnte: „es gibt aber auch die Hoffnung, dass aus dem real existierenden Sozialismus ein wirklicher werden könnte. … … … Die Schwierigkeit entsteht aber dadurch, dass wir dem Osten eine Entwicklungsmöglichkeit zugestehen müssen; auch um unseretwillen. Wenn wir ihn aber nur als etwas behandeln, was abgeschafft werden muss, dann haben wir diese deutsche Aufgabe verfehlt.“ (S. 58 f.) – Walser war auch der Auffassung, dass die Zustände in der DDR im Westen schwarzgemalt würden: „Das Kerkerbild, das hier von der DDR gemalt wird, soll unsere Leute dazu überreden, sich trotz ihrer Ohnmacht und Gezwungenheit frei zu fühlen.“ (S. 15) Statt das westliche System eindeutig als das bessere System zu bezeichnen, hält sich Walser auf Äquidistanz. Das ist sträflich.

Ein Satz stößt angesichts der kommenden Kriege im ehemaligen Jugoslawien und um die Ukraine als böser Irrtum auf: „Und Kriege finden in Europa sowieso nicht mehr statt.“ (S. 81)

Bezüglich der deutschen Geschichte ist Martin Walser ebenfalls auf linke Weise wählerisch. „Was 1871 gegründet wurde, war ja nicht das, was 1848 gewollt worden war.“ (S. 81) – „Nur wenn die Gefahr bestünde, dass wir ins Hohenzollern- oder Hitler-Deutsche zurückfielen, wäre die Teilung gerechtfertigt, ja geradezu notwendig.“ (S. 85) – Schließlich spricht Walser vom „konservativen Missbrauch“ und dem „Adenauerschen Wiedervereinigungsgedöns.“ (S. 90)

Es ist völlig geschichtsvergessen, das Kaiserreich und Nazi-Deutschland in einem Atemzug zu nennen. Wer das Kaiserreich so scharf ablehnt, wie es hier geschieht, der muss sich ernsthaft fragen lassen, wo er noch den Unterschied zu Hitler-Deutschland sieht, und wo er überhaupt ein gutes Deutschland sieht: Vielleicht in der Metternich-Ära? Oder im Dreißigjährigen Krieg?! Wer das Kaiserreich nicht als gelebte Normalität (mit Fehlern) begreifen kann, der sucht wohl nach Utopia. Das Kaiserreich von 1871 so wie Hitlerdeutschland verteufeln und ausgrenzen zu wollen, ist maßlos und falsch. Ebenso die Unterstellung, Konservative würden „Missbrauch“ betreiben, wenn sie von Wiedervereinigung sprechen. Wie demokratisch ist jemand, der Konservative wie Adenauer auf diese Weise aus dem demokratischen Spektrum ausgrenzt?

Nebenthemen

Ein Aufsatz von 1987 widmet sich dem Gegensatz von charaktervollen und charakterlosen Menschen. Der charakterlose Mensch vermeidet klare Urteile. Frauen tun das auch. Dem charakterlosen Menschen entspricht eine gegenstandslose Sprache, in der ein Urteil gar nicht mehr möglich ist.

An dem FAZ-Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki arbeitet sich Martin Walser an zwei Stellen ab. Einmal geht es um Literaturkritiker im Allgemeinen: Sie seien ihr eigener Maßstab. Manche hätten „Medienomnipräsenz“. Und dann fällt der Satz: „Am Kritiker erlebt man, wie Macht den Charakter düngt.“ (S. 69) Marcel Reich-Ranicki bleibt ungenannt, ist aber offensichtlich gemeint.

An einer anderen Stelle wird Marcel Reich-Ranicki explizit genannt und kritisiert, weil er Respekt für die Meinung von Franz Xaver Kroetz äußerte, es sei weise, dass es zwei Deutschlands gebe. Damit würde sich Kroetz der „hierzulande jetzt üblichen nationalen, mitunter ins Nationalistische übergehenden Heuchelei“ widersetzen, so Reich-Ranicki. (S. 87) – Walser wendet sich gegen den an ihn gerichteten Vorwurf von Marcel Reich-Ranicki, er sei Bonner Losungen verfallen und opportunistisch (S. 88). – Walser trocken: „Auch ein prominenter FAZ-Redakteur kann nicht alles, ja er darf nicht alles wissen. Je weniger einer weiß, umso infallibler ist er. Und am infallibelsten ist der Papst.“ (S. 89)

Auch Thomas Mann wird von Martin Walser wiederholt kritisiert. Zuerst habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um seine antidemokratische Haltung in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ zu legitimieren. Doch auch noch 1932 habe Thomas Mann Goethe dazu missbraucht, um sich nunmehr zwar nicht mehr als antidemokratisch, doch immer noch als unpolitisch zu stilisieren. Goethe und Schiller werden bei Thomas Mann zu Chiffren für Thomas und Heinrich Mann. (S. 49 f.; S. 67)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Eva Demski: Frankfurt ist anders – Mein Stadtplan (2014)

Frankfurter Geplapper 1984-2012

Dieses Buch versammelt eine Reihe von Artikel und Reden rund um die Stadt Frankfurt am Main, die Eva Demski von 1984 bis 2012 verfasst bzw. gehalten hat. Zur Sprache kommt dabei alles: Frankfurter Stadtgeschichte, Frankfurter Stadtviertel, Clubs, Events und Lokalitäten, bekannte Frankfurter Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart, und etliche Judaika.

Eva Demskis Stil ist leicht und oberflächlich, und die Autorin ist sich dessen auch bewusst und macht daraus eine Methode: Sie plappert und plaudert über die Dinge, macht sich ihre spontanen Gedanken, und schreibt sie auch genauso auf, wie sie in den Sinn gekommen sind. Dadurch entsteht ein leicht zu lesendes Buch, das man mit viel Sympathie lesen kann. An einigen Stellen jedoch wird die Oberflächlichkeit dem Thema nicht gerecht. Andererseits unterwirft sich die Autorin keiner Konvention und plappert manchmal munter gegen die Erwartungshaltung ihres Publikums. Das wiederum gefällt.

Die Autorin ist politisch sichtlich linksliberal eingestellt, mit der Betonung auf liberal, wie es scheint. Einige Kontroversen der vergangenen Zeit werden thematisiert. So z.B. das rastlose Wirken des Ignatz Bubis und dessen Enttäuschung am Lebensende. Oder wie die Stadt die Überbauung der historischen Judengasse gegen den Bürgerwillen vorantrieb.

Wer in Frankfurt als Neubürger ankommen will, findet hier eine Menge Material, um sich in Frankfurt und die Frankfurter Gesellschaft hineinzudenken. Aber auch alteingesessene Frankfurter werden hier vieles finden, was sie ganz genauso erlebt und empfunden haben wie Eva Demski. Um Einseitigkeiten und Oberflächlichkeiten zu vermeiden, sollte man sich aber auch nach anderer Lektüre zu Frankfurt umschauen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Joana Cotar: Inside Bundestag – Wie ich in 8 Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor (2026)

Dichte Darstellung der Probleme in Anekdoten; mit konstruktiven Lösungsvorschlägen

Es muss Spaß gemacht haben, dieses Buch zu schreiben: Schon der Blick ins Inhaltsverzeichis zeigt, wie hier in dichter Folge alle Probleme unserer Demokratie Punkt für Punkt abgehandelt werden: Die Versuchung des Geldes, der Mangel an Qualifikation, die Macht der Parteien, das Elend der Listenwahl und der damit verbundene Parteienklüngel, das Märchen von der Arbeit in den Ausschüssen, Geschäftsordnungstricks, Willkür und Doppelmoral, die Explosion der Bürokratie, der NGO-Komplex.

Das alles hat sich die Autorin sichtlich von der Seele geschrieben. Denn alles wird durch persönliche Erlebnisse und Anekdoten untermauert. Man mag es manchmal kaum glauben, wieviel Niedertracht und Chuzpe das real existierende Politiksystem hervorbringt. Die Darstellung ist sehr dicht, die Autorin liefert kein Blabla, sondern kommt konsequent zur Sache, weshalb das Buch auch nur 220 Seiten hat: Die haben es aber in sich.

Das letzte Kapitel widmet sich einigen Lösungsvorschlägen: Es ist falsch, nach der Partei des kleineren Übels Ausschau zu halten. Denn die Parteien selbst sind in der aktuellen Form das Problem. Nicht die Verfassung, wohl aber die Verfassungswirklichkeit, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, ist zum Problem geworden. Das System selbst muss gründlich reformiert werden, damit die ursprünglichen Absichten des Grundgesetzes wieder zum Tragen kommen.

Vorgeschlagen wird u.a.: Volksentscheide, Panaschieren und Kumulieren, Trennung von Abgeordneten- und Ministeramt, mehr Lobbyismustransparenz, Mindestqualifikationen für Politiker, Amtszeitbegrenzungen, Politikerhaftung, Rechenschaftsberichte in Bürgerversammlungen, keine Staatsfinanzierten NGOs, Kompetenzen nach unten verlagern, unabhängige Medien. Vor allem aber eine radikale Reduzierung des Geldes im System. Weniger Staat bedeutet, dass die Bürger mehr Freiheit haben, ihr Leben nach eigener Facon zu gestalten.

Kritik

Leider wird wenig dazu gesagt, wie man die genannten Lösungsvorschläge gegen eine Parteienoligarchie durchsetzen könnte, die sich die Butter nicht so leicht vom Brot nehmen lassen wird. Über ihr Engagement im „Team Freiheit“ und dessen revolutionäres Konzept einer Partei neuen Typs sagt die Autorin nichts.

Die Rolle der Medien wird zu wenig beleuchtet. Mehr noch als das politische System ist das Mediensystem in Deutschland Dreh- und Angelpunkt aller Probleme. Auch zu sozialen Netzwerken finden sich kaum Aussagen.

Ob Kumulieren und Panaschieren tatsächlich die Macht der Liste brechen kann, ist fraglich, wie Erfahrungen im kommunalen Bereich zeigen. Zudem führt dieses Verfahren zur Unkontrollierbarkeit der Auszählung der Wahl, und das ist brandgefährlich.

Sowohl die Weisungsgebundenheit der Staatsanwaltschaft als auch der Verfassungsschutz und seine Probleme werden in den Vorschlägen nicht zum Thema gemacht.

Schließlich erfährt man auch kaum etwas zum Engagement der Autorin für Krypowährungen, das unter dem Titel „Bitcoin im Bundestag“ zum bekannten Schlagwort wurde.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger (2002)

Politisches Vermächtnis für kommende Generationen

Wer politisch interessiert ist, wird auf Youtube oder ähnlichen Plattformen öfter einmal über Videos stolpern, in denen Helmut Schmidt von Sandra Maischberger interviewt wird. Dieses Buch enthält die ersten dieser Interviews von Sandra Maischberger mit Helmut Schmidt, die im Jahr 2001 geführt wurden. Später hat Sandra Maischberger offenbar noch weitere Interviews dieser Art geführt.

Helmut Schmidt äußert sich hier als erfahrener elder statesman zu allen möglichen Themen. Das Wertvolle daran ist die erfahrungsgesättigte Nüchternheit und Rationalität, die Helmut Schmidt dabei an den Tag legt. Wo Politiker heute heiße Luft produzieren und Utopien nachjagen, finden wir bei Helmut Schmidt belastbare Substanz und gesunde Skepsis von überzeitlicher Qualität.

Damit bilden diese Interviews einen bleibenden Baustein des politischen Denkens in Deutschland. Daran wird man sich immer wieder erinnern. Daran muss sich alles Spätere messen lassen. Ganz ähnlich wie Thilo Sarrazin seinen Erfahrungsschatz in seinen Büchern zusammenfasst, vor allem in dem Buch Wunschdenken (2016), das als Handbuch für kommende Politiker gelesen werden kann.

Helmut Schmidt ist aus heutiger Sicht ein erzkonservativer Politiker, doch an einigen Stellen blitzt durch, dass er ein Linker war und entsprechenden politischen Illusionen unterlag. So z.B. bei seiner Befürchtung, dass die Law&Order-Politik von Ronald B. Schill dazu führen könnte, dass Unschuldige unter dem Durchgreifen der Polizei zu leiden hätten. Davon war man damals in Deutschland weit entfernt. Oder bei seiner vehementen Befürwortung der europäischen Währungsunion. Bedenken gegen den Euro nahm Helmut Schmidt offenbar nicht ernst. Oder bei seiner etwas blauäugigen Sicht auf den Islam und dessen Anerkennung in der deutschen Gesellschaft. Schmidt glaubte, dass wir von Aristoteles ohne die Araber nichts wüssten, und dass es genüge, dass ein islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache stattfinde. Man sollte allerdings auch bedenken, dass die Muslime zu seiner Zeit tatsächlich nur eine Minderheit in Deutschland waren.

Zum Nationalsozialismus ist Helmut Schmidt sehr klar. Weder wusste er damals etwas vom Judenmord, noch seien nationale Gefühle per se etwas schlechtes. Schmidt ordnet die anti-nationale Gesinnung sogar einer ganz bestimmten Generation zu und meint, dass jüngere Deutsche nicht mehr so denken würden.

Es kommt bei alledem nicht auf die einzelne Meinung an, sondern auf die Methode: Nüchtern, realistisch und rational. Jeder ist eingeladen, seine ganz eigenen Entdeckungen bei Helmut Schmidt zu machen. Im folgenden einige wenige Zitate aus den Interviews.

Zitate zur Demokratie in Deutschland

„Es ist übrigens viel leichter, in Deutschland eine Psychose für oder gegen etwas zu erzeugen, als etwa in der Schweiz.“
(S. 105 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Die PDS vertritt beinahe die Hälfte aller Leute im Osten [Berlins], und von daher ist es im Prinzip wünschenswert, diese Vertreter einer Hälfte der Ostberliner Wählerinnen und Wähler in die Verantwortung zu ziehen. Wahrscheinlich ist es vier Jahre zu früh“.
(S. 136 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„… aber ohne die Kraft des vernünftigen Arguments und des Gegenarguments und ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. Das letzte will ich noch mal dick unterstreichen. Ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. Das wird in Deutschland oft nicht verstanden.“
(S. 187 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Alle Fernseh-Gesellschaften sind anfällig für Psychosen, aber die Deutschen besonders.“
(S. 189 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Wehner und Schmidt und einige andere – in der CDU Leute wie Barzel, Paul Lücke und andere – waren schon in den sechziger Jahren der Meinung, dass wir ein Wahlrecht bräuchten nach englischem oder amerikanischem Vorbild, das verhindert, dass lauter kleine Parteien aufgemacht werden, und dass infolgedessen die Bildung von Koalitionen überflüssig macht. Es gäbe dann in aller Regel eine Partei, die regiert, und eine, die opponiert. Die Wahlrechtsänderung war eines der Motive für die Bildung der Großen Koalition, aber wir sind in beiden Fraktionen damit gescheitert.“
(S. 244 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Aber ich habe etwas dagegen, dass nicht erwachsene Leute ihren Schnabel weit aufreißen und Entscheidungsmacht über andere beanspruchen.“
(S. 259 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zum Nationalsozialismus

„Das bezog sich auf das quasi sozialistische Moment, das es beim Nationalsozialismus ja auch gegeben hat. Da gab es ja auch Otto Strasser und solche Leute, die am Anfang durchaus mindestens eine sozialpolitische Komponente ernsthaft verfolgt haben.“
(S. 161 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„In diesem übertriebenen Pflichtbewusstsein steckt eine ganze Menge preußisches Erbe.“
(S. 163 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Frage nach der Judenvernichtung.
„Wenn ich es denn gewusst hätte. Ich habe nichts davon gewusst. Von Leuten, die dreißig Jahre jünger sind, wird das nicht verstanden, geschweige denn für glaubwürdig gehalten. Die heutige Generation kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, wenn man unter einer Informationsdiktatur lebt. Außerdem war Krieg, und im Krieg wird alles mögliche – in jedem Land der Welt, auch in Demokratien – verheimlicht und geheimgehalten.“
(S. 164 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Angst vor der Entdeckung der eigenen jüdischen Abstammung.
„Dabei hatte ich nicht einmal eine konkrete Vorstellung davon, was uns tatsächlich passieren könnte. Mein Vater stellte sich vor, er würde von der Schuldbehörde rausgeschmissen. Das war seine ganze Angst, aber sie reichte aus, um den Mann seelisch zu zerstören. Von KZs hatte er keine Ahnung – ich auch nicht – und von Genozid und Massenmord an den Juden erst recht nicht.“
(S. 164 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Antisemiten? Sie meinen, in Deutschland? Bewusst ist mir keiner begegnet, nein.“
(S. 176 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Die deutsche Gesellschaft der fünfziger und sechziger Jahre war weder verspießt noch war sie reaktionär, das ist Legende. Es war eine Gesellschaft, die ein moralisch und physisch am Boden liegendes Volk wieder einigermaßen auf die Beine gebracht hat, eine Glanzleistung sondersgleichen. Dass da viele unerfreuliche Dinge auch eingeschlossen waren … dass wir in der Regierung Adenauer auch richtige Nazis hatten und auch Nazis im Parlament: unerfreulich, ja sicherlich, aber wie hätte es denn anders sein sollen? Insgesamt war die Leistung, die die Deutschen in den fünfziger und sechziger Jahren vollbracht haben, unglaublich. Das nun nachträglich abzuqualifizieren, ist ungerechtfertigt, es ist eine Legende, zur Selbstrechtfertigung zurechtgemacht.“
(S. 194 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Nationale Emotion zu zeigen ist ja noch kein Nationalismus.“
(S. 254 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Aber mit Hitler ist der Begriff Nation, das nationale Bewusstsein in Deutschland so stark in Misskredit geraten, gerade auch bei der jüngeren Generation.
„Nicht bei der heutigen jüngeren Generation, sondern bei den 68ern, also den intellektuellen Wortführern der jungen Linken“
(S. 254 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu 1968 und zur politischen Linken

„Wenn die Grünen auseinanderbrechen sollten, wird ein Teil von ihnen zu den Sozialdemokraten gehen, ein Teil wird in der inneren Emigration verschwinden, andere werden sich dem Naturschutz hingeben, wiederum andere werden zu den Kommunisten überlaufen. Ist in Wirklichkeit nicht wichtig. Die Grünen müssen noch lernen, dass man nicht gegen den Staat sein kann, wenn man ihn gleichzeitig regieren will.“
(S. 139 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. … Na, die Grünen insgesamt verstehen das ganz schwer, das kostet sie bis heute große Anstrengung. … Aber es gibt heute in der Politik Typen, deren Pubertät reicht bis zum fünfzigsten Geburtstag.“
(S. 187 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Die 68er-Bewegung „war mehr eine Psychose als sonstwas. Es ist den meisten deutschen 68ern ja nicht klar gewesen, dass diese sogenannten Bewegung in Wirklichkeit an den amerikanischen Universitäten als Protest gegen die Kriegführung in Vietnam entstanden ist. … Das war eine Psychose, gefördert durch einige Hochschullehrer.“
(S. 188 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Dass wir zum Beispiel an den deutschen Hochschulen nach ’68 eine noch viel negativere Entwicklung bekommen haben als vorher, daran kann nicht gezweifelt werden. Gucken Sie sich die Leistungsfähigkeit der heutigen deutschen Universitäten an, die ist weit unter dem Niveau, das wir in Amerika oder in England oder in Frankreich finden. Das ist die Folge dieses endlosen Gremiensalates und des Hineinsabbelns von Leuten in alle möglichen Probleme, von denen sie, weil selbst noch nicht ausgereift, nicht genug verstehen. Das ist eine schlimme Sache. Selbst nach dem Ersten Krieg war die deutsche Durchschnittsuniversität noch hervorragend, und die deutschen Spitzenuniversitäten Berlin, Tübingen, Heidelberg oder Göttingen hatten Weltniveau.“
(S. 194 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ich bin immer noch ein Sozialdemokrat, und ich wäre auch heute nicht froh darüber, wenn allzu viele theoretisierende junge Intellektuelle, die links von sich selber stehen, sich in meiner Partei breitmachen.“
(S. 244 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Meine Meinung war, Leute, die in Wirklichkeit lieber der Sowjetunion untertan sein wollen als in das Risiko eines Krieges zu laufen, die gehören nicht in meine Partei.“
(S. 246 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Wenn Sie sagen, Sie hätten sich immer für links gehalten, klingt das so, als ob Sie dies nun revidieren müssten.
„Nein, ich bin nach wie vor ein Sozialdemokrat, und so, wie die Sozialdemokraten nun einmal eingeschätzt werden, zum Beispiel von Ihnen, sind das Linke. Allerdings war ich ein konservativer Sozialdemokrat, und das bleibe ich auch.“
(S. 248 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu Migration und Kriminalität

„Wir haben unter idealistischen Vorstellungen, geboren aus der Erfahrung des Dritten Reiches, viel zu viele Ausländer hereingeholt. Wer politisch verfolgt ist, genießt Asyl … … … Darauf haben sich allzu viele berufen, wir haben sie alle hereingeholt – das hätten wir eigentlich nicht gemusst. Wir haben heute sieben Millionen Ausländer, bei einer Gesamtbevölkerung von 81, 82 Millionen, die nicht integriert sind, von denen die wenigsten sich integrieren wollen, denen auch nicht geholfen wird, sich zu integrieren. … … … Und jetzt sitzen wir da mit einer sehr heterogenen, de facto multikulturellen Gesellschaft, de facto, und werden damit nicht fertig. Wir Deutschen sind unfähig, die sieben Millionen alle zu assimilieren. Die Deutschen wollen das auch gar nicht, sie sind innerlich fremdenfeindlich.“
(S. 101 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ich glaube an das, was Juristen Generalprävention nennen, Strafe als Mittel der Generalprävention – Abschreckung auf deutsch. Das Verständnis für jugendliche Straftäter geht bei uns viel zu weit. … Es ist abwegig, das in erster Linie als Pädagoge zu beurteilen. In erster Linie hat man das Wohl der Gesamtgesellschaft zu sehen, das ist meine Meinung. … Ich würde härter durchgreifen wollen.“
(S. 178 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu Antike und Kultur

„Ich hatte heute morgen die athenische Demokratie im Zeitalter des Perikles erwähnt. Es wird der heutigen Jugend verschwiegen, dass das eine Sklaverei-Gesellschaft war. Das war eine Demokratie, aufgebaut auf der Sklaverei, die Sklaven mussten die Arbeit machen. Was die Geschichtslehrer da an idealistischer Verballhornung zustande gebracht haben, ist erstaunlich“.
(S. 184 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Marcus Aurelius war für mich in doppelter Weise ein Vorbild. Er war ein römischer Kaiser, der sein ganzes Leben lang Krieg hat führen müssen und das eigentlich nicht gern gewollt hat, aber es war seine Pflicht. Zwei Dinge haben mich an ihm angezogen, einmal dieses Pflichtbewusstsein und zum anderen die Selbsterziehung zur inneren Gelassenheit. … Der Zufall hat mir, als ich 14, 15 war, seine sogenannten Selbstbetrachtungen in die Hand gegeben. Ich habe sie immer bei mir getragen, sie auch im Krieg immer bei mir gehabt. Marcus Aurelius hat mir durchaus geholfen, ja, und er ist auch heute in meinen Augen ein Staatsmann, den man als Vorbild empfinden kann.“
(S. 184 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Sie sind der erste und der letzte gewesen, der versucht hat, einen fernsehfreien Tag einzuführen.
„Nicht, ihn einzuführen. Ich wollte das nicht von Staats wegen verordnen, sondern das war ein Appell. Ich habe empfohlen – das war wohl 1978 –, jede Familie solle einmal in der Woche den Stecker rausziehen und statt dessen miteinander ‚Mensch, ärgere dich nicht‘ spielen, Musik machen oder sich gegenseitig etwas vorlesen. Aber ich habe schon geahnt, wohin das führt. Meinen Aufruf haben die Journalisten im Fernsehen dann furchtbar lächerlich gemacht. Die fanden das abwegig.“
(S. 180 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Matthew Battles: Die Welt der Bücher – Eine Geschichte der Bibliothek (2003)

Interessante Streifzüge durch die Welt des Bibliothekswesens

Wenn ich den Titel des Buches ernst nehmen würde, gäbe es nur 2-3 Sterne, denn eine universale Geschichte der Bibliothek wird hier nur sehr unvollständig erzählt. Wenn ich aber als Titel „Streifzüge durch die Geschichte der Bibliothek“ annehme, gebe ich 4 Sterne, denn das ist es, was hier geboten wird: Interessante Einblicke in gewisse Abschnitte der Geschichte des Bibliothekswesens, teilweise mit einer USA-lastigen Perspektive. Aber weil auch das interessant ist und ich es nicht als Universalgeschichte der Bibliothek gelesen habe, war es völlig in Ordnung.

Gestört hat streckenweise der Versuch, politisch korrekte Stereotypen abzuspulen: Dass an der Zerstörung der Bibliothek von Alexandria keinesfalls die muslimischen Eroberer schuld gewesen seien. Oder die Breitwalzung der Bücherverbrennungen durch die Nazis. Allerdings versöhnt der Autor einen auch immer gleich wieder, in dem er die eigenen Stereotypen und Relativierungen wieder relativiert und kein pro und contra verschweigt. Zurück bleibt beim Leser dann höchstens Ratlosigkeit, welche Meinung der Autor denn schlussendlich nun vertritt? Egal, denn was der Leser aus diesem interessanten Buch für sich mitnimmt, entscheidet er selbst.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 2009 (?))

Günther Patzig: Ethik ohne Metaphysik (1971/83)

Plädoyer für den Utilitarismus in einer von Kants Kategorischem Imperativ beherrschten Umwelt

Der Philosoph Günther Patzig hat unter dem Titel „Ethik ohne Metaphysik“ 1971 bzw. in zweiter, überarbeiteter Auflage 1983 eine Reihe von Aufsätzen zusammengestellt, deren zentrale These sich ungefähr folgendermaßen zusammenfassen lässt: Der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant sei eine große Entdeckung und bleibe gültig, aber er bedürfe notwendig der Ergänzung durch den Utilitarismus.

Patzig arbeitet allerdings mit einem Kuschel-Utilitarismus: Er geht nicht konsequent vom völlig egoistischen Standpunkt des Menschen aus, wie z.B. Cicero, sondern stellt statt dessen das Allgemeinwohl als Ansatzpunkt des Utilitarismus dar. Er wendet sich dagegen, Altruismus letztlich egoistisch begründen zu wollen. Lustgewinn und Schmerzvermeidung sind für Patzig keine ausreichende Begründung, da er von einem platten Begriff von „Lust“ ausgeht.

Das alles ist natürlich Unfug. Patzig selbst lässt einigemale den wahren Ansatzpunkt des Utilitarismus durchschimmern (z.B. S. 46: Das Egoistische ist nicht automatisch das Schlechte; S. 165). Wer den Utilitarismus aus dem Allgemeinwohl begründet, handelt naiv und unphilosophisch. Das Allgemeinwohl ist vielleicht eine gute Faustregel, die aus dem Utilitarismus folgt, nicht aber dessen wahrer Wurzelgrund. Natürlich muss der Utilitarismus, um praktisch zu werden, Faustregeln entwickeln, und kann nicht in jedem Einzelfall die absolute utilitaristische Rechnung aufmachen. Diese Faustregeln müssen unweigerlich auch das Allgemeinwohl in den Blick nehmen. Aber unter der Ebene dieser Regeln liegt ein tieferer Grund, der rein egoistisch ist, wobei der Altruismus im Egoismus einbeschlossen ist.

Außerdem redet sich Patzig den Kategorischen Imperativ (KI) Kants schön bzw. er biegt ihn in Richtung eines utilitaristischen Ansatzes um und schiebt so dem KI gewissermaßen wie mit einem Taschenspielertrick ein utilitaristisches Verständnis unter, das er im Original nicht hat. Bei Patzig ist der Kategorische Imperativ mehr eine Heuristik und Faustregel zur Findung moralisch nützlicher Regeln. Kant habe keineswegs Moral aus einer rein logisch-vernünftigen Überlegung ziehen wollen, meint Patzig irrigerweise: Doch genau das ist Kants KI. Der KI von Patzig ist nicht mehr der KI von Kant. Das Rigorose an Kants KI wird weggeredet und statt dessen kurzerhand zum utilitaristischen Abwägen von Werten übergegangen. Am Ende wird Kants KI von Patzig ad absurdum geführt, als er die Abwägung jeder einzelnen Situation in den KI aufnehmen zu können glaubt. Ein solcher auf den Einzelfall mit Güterabwägung ausziselierter KI wäre aber kein kategorisches Gesetz mehr, sondern eine Güterabwägung im Einzelfall. Also gerade nicht das, was Kant mit dem KI wollte.

Indem Patzig auch John Rawls Gedankenexperiment mit dem „veil of ignorance“ als Anwendung des KI deutet, verkennt Patzig, dass das Gedankenexperiment von Rawls auf einem wohlverstandenen Egoismus aufbaut, und nicht auf einem Gesetz, das im Sinne Kants von jedem Eigennutz absieht. Das falsche Verständnis des KI erklärt auch die seltsame Auffassung von Patzig, dass die antiken Ethiken ein Defizit hätten, das durch eine Kombination von Utilitarismus und Kategorischem Imperativ behoben werden müsste. Bei Cicero gibt es kein solches Defizit.

Die gute Absicht von Patzig

Warum beging Patzig diese Fehler? Der Grund dafür ist offenbar, dass er in einer Umwelt lebte, nämlich der deutschen Philosophie, die völlig vom Kategorischen Imperativ Kants beherrscht ist. In dieser Umwelt glaubte Patzig wohl, den Kategorischen Imperativ nicht frontal angreifen zu können, und den Utilitarismus nur in abgeschwächter Form präsentieren zu können. Auf diese Weise glaubte er offenbar, Anschlussfähigkeit zu wahren und mögliche Interessenten nicht zu verschrecken. Es handelt sich also um Fehler, die begangen wurden, um der Sache zum Durchbruch zu verhelfen. Genützt hat es offenbar nicht, und es ist auch sehr die Frage, ob eine Verbiegung dessen, was man möchte, bei der Durchsetzung desselben hilfreich ist, gerade auch wenn es um Philosophie geht.

Es ist natürlich dennoch ein großes Verdienst von Patzig, den Utilitarismus in Deutschland ins Gespräch gebracht zu haben, und Defizite des Kategorischen Imperativs von Kant zumindest angedeutet zu haben! Es hat aber die Konsequenz gefehlt. Patzig scheint jedenfalls sehr daran gelitten zu haben, dass sich die angelsächsische Welt dem Utilitarismus zuwandte, während die deutsche Welt in Kants KI steckenblieb, weil er die Nachteile und die Irrtümer des einen und die Vorteile und die Wahrheit des anderen klar erkannt hatte.

Weitere Themen

Verhältnis Ethik zum Recht. Grundlegende Überlegungen, an denen vieles richtig ist. Es fehlt ein wenig der Gedanke, dass Strafe sich ausschließlich auf einen in der Zukunft zu erreichenden Zweck richten sollte, was Abschreckung und Befriedung nicht ausschließt.

Gegen Relativismus und Subjektivismus, für die Geltung von objektiven moralischen Normen.

Detailkritik an Kants Sprache, die begriffliche Unschärfen, Fehler und Widersprüche bei Kant aufzeigt.

Einzelnes

Für Patzig ist der erste Entwickler des Utilitarismus Joseph Butler (1692-1752). Doch dieser erbte den Grundgedanken des Utilitarismus bereits von Shaftesbury (1671-1713).

Der Titel „Ethik ohne Metaphysik“ ist ein wenig fragwürdig. Denn weder der Kategorische Imperativ noch der Utilitarismus geben konkrete Werte und letzte Ziele vor. Beide sind im Grundsatz in der Metaphysik verankert und hängen nicht an diesseitigen, konkreten Gütern; und beide sind offen für metaphysische Ziele. Unter „Metaphysik“ versteht Patzig offensichtlich die Behauptung göttlicher Offenbarungen wie sie in den großen Religionen postuliert werden. Wer solche göttlichen Offenbarungen ablehnt, ist die Metaphysik und letztlich auch Gott aber noch lange nicht los.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 26. Januar 2020)

Jason Colavito: The Mound Builder Myth – Fake History and the Hunt for a „Lost White Race“ (2020)

Comprehensive work about the Mound Builder myth – Persons, hypotheses, historical context

The Mound Builder myth is the wrong idea that the Indian mounds in Northern America had been built by some other people than the local Indians resp. their ancestors. There often was a racist motivation behind this belief: If a „lost white race“ had built the mounds which later had been expelled or eradicated by the allegedly newly arrived Indians, then the European colonization and expansion could be perceived as a re-conquest, and the Indians could be perceived as non-native foreigners to their own land. Candidates for the identity of the „lost white race“ were e.g. the Lost Tribes of Israel, Scyths, Celts, Scots, Norsemen, and finally even Atlantis. But also non-white candidates were often driven by racist intentions to delegitimize the Indians. Some thought of Indians from India, and many thought of the Aztecs or Toltecs who allegedly settled in North America first before they allegedly were expelled to Southern America by the newly arrived Indians.

Jason Colavito’s „The Mound Builder Myth“ describes the creation, development, demise, and afterlife of the Mound Builder myth in all detail. The number of authors, hypotheses, and forgeries gathered in this book is amazing. All information is well-documented by 434 notes and eleven pages of bibliography in the appendix. There are thirteen pictures of mounds, authors, or forged stones.

Each development of the Mound Builder myth is paralleled with the respective developments in society and politics. It is well demonstrated that the Mound Builder myth always reflected the current zeitgeist: From the war with Britain, via the war with Mexico, expelling the Indians to the West, the Reconstruction era after the civil war, the mass immigration of Italians, the popularity of eugenics, until postmodernism in the 2nd half of the 20th century. It is amazing to see how the decline of the Mound Builder myth coincided with the decline of the Indian question, and how the myth is revived in later days under completely different perspectives.

Even the foundation myth of the Mormons is based on the Mound Builder myth, and the giants of the Bible were also allegedly found in the mounds.

The core message of Jason Colavito’s book is conveyed with overwhelming evidence: It is obvious that the motivation behind the Mound Builder myth often had been racist and driven by the zeitgeist. This book is a valuable lesson about the direct or indirect interference of politics and public opinion with science or what the public considers science, and how important and effective the resistance of individual dissenters sometimes is, in the long run.

Formal criticism

Right at the beginning of the book a short but comprehensive introduction into the real history of the mounds would have been helpful, especially in order to understand why the connection of the mounds to the contemporary Indians of the 19th century got lost (or to which extent some kind of connection still existed).

The various authors and their hypotheses are presented in a novel-like style. By this approach, order and overview get often lost. The storyline repeatedly goes back and forth in time, and the same authors repeatedly appear in varying roles. The book is divided in only few chapters, and often the content belonging to one chapter, according to its headline, occurs in an other chapter (e.g. important content concerning the giants myth is in the chapter following the giants chapter).

It would have been preferable to have more order and overview in such a complex theme. More speaking headlines, and also subheadlines would have been helpful. At least a table in the appendix listing all authors and their hypotheses, and by whom they where influenced, and whom they influenced in turn. Also a list of the forged stones (what, who, where and when) would provide overview. Also interesting would have been an overview of all persons who continuously held the correct belief that the Mounds were built by the Indians. These were not few, including Martin van Buren, US president 1837-1841.

Last but not least, a map is missing, where all the sites of mounds are marked. Also a map of Ohio or the state of New York could be useful, where the locations of the authors of hypotheses are marked who, as it seems, often lived close to each other and thus easily influenced each other.

The present-day situation is discussed only in the Conclusion, but it really had deserved a chapter on its own.

In the bibliography the book „Hidden Cities“ by Robert G. Kennedy is missing.

It would have been interesting to include some paragraphs about the current official opinion of the various Mormon churches on the origin of the Mormon belief. As I have read, there are not only fundamentalist believers but also more liberal views. How do they live with the truth?

Criticism of contents

While the core message of Jason Colavito’s book is simply true and deserves ardent support, especially when considering the strange revival of the Mound Builder myth in modern TV shows and weird religious fundamentalist or racist circles, there are several problems which may have their origin in a too narrow perspective of the author.

The book does not take seriously enough the legitimacy of 19th century doubts about who built the mounds. As the book itself says, the Mound Builder era ended some 500 years before the Europeans arrived, and the Indian civilization declined (pp. 48 f.). Or the reason for the decline were infectuous deseases contracted by the very first contacts with Europeans, so that except the very first Europeans the Europeans did get to know the Indian civilization only in a declined state (pp. 7, 180). (The book is not clear about which of the two reasons was more important.)

In effect, Indians did not build mounds any more and did not use the mounds as they once had been used. Therefore, it is absolutely understandable that doubts arose when comparing the remainders of the mound building civilization and the state of the civilization of contemporary local Indians. The book repeatedly reports of such doubts (e.g. on pp. 44, 180, 261 f.), but does not take them seriously, although even the famous Frederic Ward Putnam of Harvard thought of the Celts as the Mound Builders (p. 304). Therefore, these doubts should have been examined more carefully. It is not legitimate to talk about the Mound Builder myth as if every proponent of an incorrect explanation had been driven by racism, though often this was the case.

There are several passages in this book where the interpretation of the sources is going beyond what is really contained in the sources in order to make the wanted case.

One example is president Andrew Jackson’s speech of 1830 (p. 116). Andrew Jackson equals the alleged replacement of the Mound Builders by the Indians with the replacement of the Indians by the Europeans. But other than Jason Colavito thinks, the Mound Builder myth does not serve as a racist justification for the replacement of the Indians. Because under a racist perspective, the replacement of the „higher“ race of the Mound Builders by the „lower“ race of the Indians is not justified. The justification expressed by Andrew Jackson is another one. It is simply Social Darwinism: The stronger replaces the weaker. And the case of the Mound Builders serves only as an example, not as a special justification.

Another example is the opinion of the famous German natural researcher Alexander von Humboldt, as expressed in the „Report of the Librarian“ in the Proceedings of the American Antiquarian Society No. 53 of 1869 on p. 42. According to Jason Colavito, Humboldt was „arguing that some Native Americans most closely related to the Mound Builders had been ‚born white‘ before the sun burned them a ruddy copper color.“ (p. 251) – But this is not the case. First, according to the source it is a certain Monsieur de Volney who claims this, and Humboldt is against this claim. Humboldt adds that Mexicans and Peruvians (who were considered related to the Mound Builders by many) are brown by birth. Only the Eskimos and a tribe at the northwest coast are allegedly born white. And then Humboldt calls for verifying the claim of de Volney by just going out and looking at real Indians! This is the spirit of the true scientist and not at all a racist attitude. Especially not in case of Alexander von Humboldt who was an ardent proponent of the idea of human rights.

Another example is Jason Colavito’s reliance (p. 328) on the book „The American West and the Nazi East“ by Carroll P. Kakel, 2011. The book compares the genocidal conquest of eastern Europe by the Nazis with the spread of European settlers in the American West and connected genocidal events – which is grotesque! The Nazis planned their genocidal acts intentionally right from the beginning and conquered Eastern Europe by military force in short time, whereas in the American West, settlers spread slowly over many decades, were confronted with a completely incompatible civilization, and genocidal events unfolded mostly unplanned and unintentionally. Even well-minded intentions towards the Indians played out badly, as Jason Colavito rightly says (e.g. pp. 263-267). – Citations drawn from the book turn out to be taken out of context and their meaning turned upside down. Where Hitler said that America had gunned down the millions of redskins to a few hundred thousands, the context is the following: According to Hitler, the land belonged to the Indians, and the white men have stolen it from them, and the gunning down is depicted by Hitler as a crime. – It is also not true that Hitler was a „massive fan of Westerns“. Hitler watched Westerns, too, but he was not a „massive fan“ of them. Hitler was a massive fan of Disney’s animated cartoon films, especially „Snow White“, as we know today. This book by Kakel is really problematic! You find there many modern myths about the Nazis but not the real history. E.g. Kakel describes the ideologies of Hitler, Himmler and Rosenberg as being on the same line – nothing could be more wrong. Himmler and Rosenberg had severe differences, and Hitler kept clear distance of those two and their ideas. Furthermore, Rosenberg is depicted as „party ideologue“ – which he wished to be but wasn’t. There was only one person defining the Nazi creed and this one person was Hitler, and Hitler, Goebbels and Goering are known to have mocked Himmler and Rosenberg for their fancy ideas.

Criticism concerning the Indian question

The drama of the Indian question is also misrepresented in Jason Colavito’s book. Obviously, Jason Colavito follows a rather romantic perspective of Indians and Europeans living peacefully together on the same land, each of them according to their unchanged traditional culture. This unrealistic multiculturalist idealism becomes clear e.g. by his criticism of Ralph Waldo Emerson’s opinion that the Indians have to modernize (p. 190), or the criticism of the basic intentions of Helen Hunt Jackson and Henry L. Daws (pp. 263 ff.), who wanted to civilize the Indians rather than to expell or kill them. Even Thomas Jefferson wanted to modernize the Indians (pp. 64 f.).

Jason Colavito’s criticism reveals an unrealistic, romantic dream. The European civilization was much more developed than the Indian civilization, so that it was clear right from the very beginning of their contact that the Indian civilization could not survive unchanged. Therefore, the only morally acceptable idea was indeed to develop the Indians to modernity. And here we are right in the middle of the drama: Because, how to repeat the development of European civilization in time lapse? How to modernize the Indians without (!) taking away their Indian identity? And how to civilize a people who partially or totally resisted to be civilized?

It is absolutely understandable that many believed such a civilizing process not possible, and that patience with the Indians ran out, though physically or culturally genocidal acts are also not acceptable, of course. It is really a drama, a problem with no easy solution, a real tragedy, and who knows the outcome if more patient politicians than Andrew Jackson had governed the US in this time. It is not a forgone conclusion that things had played out better, then.

Jason Colavito’s biased orientation in these questions becomes even more clear when he depicts the achievements of human rights as bad for the Indians. He e.g. connects the removal of „all incompatibilities with indiviudalism, and personal liberty“ with the word „destroy“, or he depicts the „redefining of gender roles“ in Indian families as „devastating“. (pp. 265, 267) But human rights are there for all human beings, and finally good for all human beings. The continuation of the patriarchy of the Indian culture, i.e. the systematic suppression of women (and all other family members!) by „old red men“, under the rule of the United States is inconceivable, and is only one aspect of Indian culture which had no chance to survive, and this although the Europeans themselves had still some obvious remainders of patriarchy in their civilization in the 19th century.

Criticism concerning Atlantis

Concerning Atlantis, the book creates the impression that the Atlantis story had „long considered to be fictional“, until the 19th century, and then had been revived by fraudulent Europeans such as Fortia d’Urban (pp. 273 f.). But this is wrong. Atlantis had been long considered real, and what started in the 19th century was not a revival of the idea of a real Atlantis, but quite the opposite: It was the start of the idea that Atlantis had been fictional becoming the prevailing idea.

It is also wrong that „the Spanish“ considered Mexico Atlantis (pp. 273). Only „some“ Spanish thought of Mexico as Atlantis, not „the“ Spanish. The official Spanish position was to reject this idea (e.g. Antonio de Herrera y Tordesillas 1601).

Missing is Francis Bacon’s „New Atlantis“. Here, the Indian civilizations of Southern America are Atlantis, and Plato’s cyclically repeating catastrophes are the reason why the Indians fell down from a higher level of civilization. This would have been an example of Atlantis belief fitting better to reality than usually expected, and it would be interesting to see whether and how Francis Bacon’s view influenced the views of the 18th/19th century.

Ignatius Donnelly is misrepresented as a racist (chapter 11). Of course, Donnelly’s views are partially racist under a modern perspective, but under the perspective of his time, the opposite holds true. Donnelly was a progressive politician, fighting for the abolition of slavery. He even wrote a novel about a white man living like a black and suffering discrimination („Doctor Huguet“, 1891). Furthermore, Donnelly’s Atlanteans were not only white, but also yellow and red, and even excluded some white peoples. According to Donnelly, Europeans were not purely white but a mixture of white and yellow. And in American prehistory, all races of all kinds had met and lived together, as he wrote. Donnelly’s core motivation was clearly not racist although he expressed various racist stereotypes prevailing in his time. The abuse of Donnelly’s work, e.g. by omitting that Donnelly’s Atlanteans are not only white, is much more harmful than the original work itself.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 24. Mai 2020)

Hanns Cibulka: Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (1989)

Authentisches Kriegserleben eines Gebildeten auf Sizilien

Hanns Cibulka war 1943 als Nachrichtensoldat des Flakregiment 7 unter dem Kommando von Major von Treptow auf Sizilien und berichtet authentisch von dem Kriegserleben eines einfachen Soldaten. Dieses stellt sich unspektakulärer dar, als heutige Kriegsfilme vermuten lassen. Als Nachrichtensoldat hatte Cibulka Telefonleitungen zwischen Befehls- und Gefechtsständen aufzubauen, wobei hinzu kommt, dass er in einem Flak-Regiment Dienst tat, das eher im Hinterland stationiert wurde um Angreifer aus der Luft zu bekämpfen.

Einquartiert auf einem verlassenen Gehöft einige Kilometer von Catenanuova entfernt, kommt Cibulka mit Land und Leuten in Kontakt. Sizilianer sind politisch weder so noch so gepolt, sondern halten sich aus der Politik heraus und kümmern sich lieber um ihre eigenen, unmittelbaren Belange. Cibulka hat auch einen guten Blick für die Flora der Insel, die er mit großem Kenntnisreichtum immer wieder beschreibt. Tiere erscheinen grundsätzlich als feindselig: Skorpione, Schlangen, Mücken und Moskitos. Harmlose und freundliche Tiere wie Schafe oder Ziegen kommen praktisch nicht vor.

Hanns Cibulka war offenbar schon in jungen Jahren ein gebildeter Mensch: Er weiß um die Mythen und die Geschichte der Insel Sizilien und verknüpft sein eigenes Erleben damit. Als Lektüre hat er u.a. Goethes Italienische Reise und Gregorovius‘ Wanderjahre in Italien dabei. Seine Überlegungen sind nicht immer historisch korrekt, aber immer bedenkenswert, auf jeden Fall literarisch wertvoll.

Sehr interessant ist die ständige Angst davor, von feindlichen Jagdbombern entdeckt und aufs Visier genommen zu werden, sobald man das Haus verlässt. Diese ständige Präsenz feindlicher Jagdbomber weit hinter der Front erinnern an den heutigen Krieg zwischen Russland und der Ukraine, in dem die Soldaten ebenfalls ständig durch gegnerische Drohnen bedroht werden. Die immer wieder eingestreuten Wehrmachtsberichte vom Tage zeigen auch, dass es viele Luftangriffe der Alliierten auf italienische Städte gab. Außerdem scheint klar zu werden, dass Jäger effektiver in der Bekämpfung feindlicher Flugzeuge waren als die damalige Flak.

Am Ende erzählt Cibulka vom Rückzug auf die Ätna-Linie und von einer Abwehrschlacht gegen die heranrückenden Amerikaner. Dann fällt er wegen einer Erkrankung an Malaria aus und kommt ins Lazarett. Hier endet das Tagebuch. Nicht mehr im Tagebuch berichtet wird, dass Cibulka schließlich in Gefangenschaft geriet. Von seiner Gefangenschaft schreibt Cibulka in seinem viel früher erschienenen „Sizilianischen Tagebuch“.

Besondere Themen

In einigen Rückblenden berichtet Cibulka auch von seinen Erlebnissen an der Ostfront, bevor er nach Italien kam. Darunter seine Erlebnisse als Militärmusiker in einem Wehrmachtsbordell. Wie ihm in Russland in einer Flamme die Muttergottes von Tschenstochau erschien. Oder seine Beobachtungen zur Physiognomie eines gefangenen ukrainischen Generals.

Dass Deutschland eine Diktatur ist, ist Cibulka vollkommen bewusst. Mehrfach wird ausführlich auf Ernst Jüngers „Marmorklippen“ rekurriert. Cibulka stammt aus dem schlesischen Jägerndorf, wo sein Vater Sozialdemokrat war und sich dagegen wandte, dass Jägerndorf von der Tschechoslowakei zurück zu Deutschland kam. Auch von Engländern und Franzosen fühlte Cibulka sich als Tscheche verraten. Es sei deshalb nicht sein Krieg, der hier geführt wird, meint er. Cibulka hat also keine Präferenz für einen Sieg der Alliierten.

Mit Empedokles denkt Cibulka über die Sinnlosigkeit des ewigen Hasses unter den Menschen nach, wodurch einmal mehr deutlich wird, dass er keine Seite in diesem Krieg präferiert. Dass Empedokles als Arzt und politischer Mensch eine besondere Rolle spielte, ist Hanns Cibulka bewusst. Auch das Fragmentarische an der Überlieferung zu Empedokles reizt ihn aus literarischen Gründen: Denn ein Fragment ist nicht abgeschlossen. Das ganze literarische Werk von Hanns Cibulka ist deshalb als Fragment angelegt, meistens Tagebücher.

Für Cibulka ist die Diktatur Hitlers eine ganz normale Diktatur wie viele andere auch. Auch der Krieg ist ein Krieg wie viele andere auch. Immer wieder werden Gleichsetzungen mit der Antike vorgenommen. Dass die Diktatur des Nationalsozialismus etwas besonders Schlimmes sein könnte, kommt bei Cibulka als Gedanke nicht vor. Auch die Judenverfolgung und der Holocaust kommen an keiner einzigen Stelle vor. Von mehr als „Arbeitslagern“, wie es sie in jeder Tyrannis gibt, weiß Cibulka nichts. Obwohl Cibulka zuvor an der Ostfront war und als Nachrichtensoldat in einer privilegierten Stellung, was Informationen anbelangt, wusste er offenbar nichts davon. Denn sonst bekam er über die Telefonleitungen alles mit: Welche Ereignisse vor sich gingen, welche Diskussionen geführt wurden, welche Befehle erteilt wurden und sogar, wie die Offiziere das militärische Telefonnetz dazu missbrauchten, mit ihren Geliebten zuhause zu telefonieren.

Der DDR-Autor Cibulka veröffentlichte dieses Buch erst 1989, so dass man es auch als stille Abrechnung mit der DDR-Diktatur lesen kann. Die Verdrehung der öffentlichen Worte und das Wirken der Propaganda werden von Cibulka in einer Weise beschrieben, die auch an die DDR denken lässt.

Kritik

Formal ist zu bemängeln, dass nicht deutlich genug wird, welche Passagen wirklich das originale Tagebuch sind und welche Passagen der Autor bei späterer Bearbeitung hinzugefügt hat, und wann diese spätere Bearbeitung stattfand; womöglich waren es mehrere. Das schmälert den literarischen Wert nicht, kratzt aber etwas an der Authentizität des Tagebuchs.

Eine ganze Reihe von Parallelen zur antiken Geschichte sind schwärmerisch übertrieben, schief, oder – wenn man es genau nimmt – sachlich falsch. Auch das schmälert den literarischen Wert nicht und die Überlegungen bleiben in einem höheren und allgemeineren Sinne durchaus richtig. Man muss hier auch bedenken, dass der Autor erst Anfang 20 war, als er in Sizilien war.

Wirklich ärgerlich ist etwas anderes. Der Autor frönt einer deutschen Unsitte, die im Gefolge des Nationalsozialismus aufkam: Alles Wahre, Schöne und Gute an deutscher Kultur und Geschichte wird den Schrecken des Nationalsozialismus gegenübergestellt und daraus dann der Schluss gezogen, es sei falsch, wertlos oder sei nicht das wirkliche Leben. So wird Goethe mehr oder weniger deutlich vorgeworfen, man habe vor lauter Bomben und Granaten nichts Schönes in Sizilien gefunden. Das Sizilien Goethes sei also höchstens ein Schönwetter-Sizilien, eine wirklichkeitsfremde Idylle. Dem preußischen Major von Treptow wird sein Preußentum zum Vorwurf gemacht: Es ende in elendem Soldatentod, und er ginge hinterher wieder in sein Herrenhaus. Der preußische Staat habe wenig Kultur hervorgebracht.

Solches Denken ist falsch und ungerecht. Der Humanist weiß, dass das Wahre, Schöne und Gute gerade auch angesichts des Schreckens seinen Wert behält, gerade dann. Auch Goethe war schon im Krieg und hat auch verschiedene Heerzüge hin und her durch Weimar ziehen sehen. Seine Ideale gelten nicht trotz dieser Erlebnisse, sondern gerade auch mit und wegen dieser Erlebnisse. Und dass Preußen kaum Kultur hervorgebracht hat, ist grober Unfug. Hat nicht Friedrich der Große die Aufklärung befördert? Immanuel Kant? Wilhelm und Alexander von Humboldt? Bode- und Pergamonmuseum in Berlin? Und ist nicht die Zivilisierung eines Volkes ebenfalls eine große Kulturleistung? Einschließlich der Militärkultur? Und sind die britischen und amerikanischen Soldaten nicht auch einen elenden Soldatentod gestorben? Und sind die britischen Offiziere und amerikanischen Generäle nach dem Krieg nicht auch in ihre Herrenhäuser zurückgekehrt? Natürlich sind sie das. Die Urteile von Hanns Cibulka über Deutschland und Preußen sind falsch und ungerecht.

Hanns Cibulka nennt selbst zwei Dinge, die es ihn hätten besser wissen lassen können: Da ist zum einen der Umstand, dass Cibulka das Immergleiche aller Kriege beklagt. Daran ist etwas Wahres, auch wenn Cibulka den besonderen Charakter des Nationalsozialismus verfehlt. Insofern es für den Krieg, wie er ihn erlebt hat, zutrifft: Warum dann ausgerechnet Preußen herauspicken und darauf herumhacken? Warum nicht z.B. das britische Empire und den typischen Charakter des britischen Offiziers? – Zum anderen sagt Cibulka selbst, dass sich das Wesen des preußischen Offiziers überlebt habe. Damit erkennt er wenigstens implizit an, dass der Krieg, in dem er kämpft, nichts mehr mit Preußen zu tun hat. Warum aber dann auf dem Wesen des preußischen Offiziers herumhacken? Gerade preußische Offiziere haben unter Hitler manchen Befehl verweigert und schließlich auch das Attentat auf Hitler gewagt. Etwas mehr Differenzierung und Gerechtigkeit hätte man sich da schon wünschen können.

Schließlich träumt Cibulka davon, dass die Soldaten einfach ihre Uniformen ausziehen und sich verbrüdern. Das ist hochgradig naiv. So ist die Welt nicht. Cibulka wirft Goethe vor, ein zu idyllisches Weltbild zu haben, selbst aber träumt er hemmungslos vom Wolkenkuckucksheim. Der Versuch, alles Wahre, Schöne und Gute an deutscher Kultur und Geschichte mit dem Nationalsozialismus nach unten zu ziehen, ist auch deshalb gründlich fehlgeschlagen, weil der Autor dieses Versuchs selbst als Träumer entlarvt ist.

Einige Zitate

„Wenn ich das Wort Sizilien ausspreche, bin ich bestürzt über die phonetische Wirkung, da gibt es dreimal das flammenzüngige I, das ist das scharf zischende S, das z. In diesem Wort lebt nichts Verträumtes, Romantisches, da ist alles hart, hell und klar, ganz andere Gestalten treten aus dem dunklen Laub hervor, wo die Goldorangen glühn.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 47)

„Auf dieser Insel war es schon immer eine Frau, die man verehrte, da waren Astarte und Ischtar, Aphrodite und Venus, und erst spät, sehr spät die Jungfrau Maria, keine strenge Herrin, eine Mutter, die den Menschen entgegengeht.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 61)

„Die Insel ist in ihrem Kern Gebirgsmasse. Im Norden dominiert das Urgestein: Gneis, Glimmerschiefer, Granit. Der Ätna ist ein selbständiges Gebirgsmassiv aus Vulkangestein, im Süden liegen die Kalkberge. Nicht nur der Geologe, auch der Laie erkennt die Unterschiede zwischen dem Nordosten und dem Süden der Insel. Der Wechsel der geologischen Struktur verändert das Landschaftsbild, die Berge sind anders gegliedert, sie haben nicht nur eine andere Form, an ihren Hängen wächst auch eine andere Flora.
Im Inneren der Insel Bergketten, es sind heiße trockene Hänge mit grauem Steingeröll, kahl, verkarstet. In diesen Regionen stürzen am Abend keine Wasser in die Kanäle, um sich den den Wurzeln der Bäume wieder zu sammeln. Unerbittlich brennt das Himmelsgestirn herab, saugt aus dem Boden das letzte Wasser. In dieser Landschaft gibt es auch keine Felder, keine Dörfer. Neben dem Maultierpfad Steine, nichts als Steine, eine stachlige Strauchvegetation, eine Wüstenflora. Es ist ein Gebirge, das den Menschen abweist, eine halbafrikanische Wildnis, medusenhaft, außerhalb der Zeit, fern von Maß und Ordnung.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 29 f.)

„In den letzten Tagen habe ich mich wiederholt gefragt, wie würde ein Militär, Major von Treptow, die sizilianische Landschaft beschreiben, vielleicht so:
Sizilien hat eine dreihundertzwanzig Kilometer lange Nordküste, eine zweihundertfünfzehn Kilometer lange Ostküste, die Südküste beträgt zweihundertfünfundachtzig Kilometer. Für militärische Operationen sind im Norden die Golfe von Palermo und Castellamare von Bedeutung, im Osten die Buchten von Messina, Catania, Augusta und Syrakus, die Südküste hat keinen eingeschnittenen Meerbusen.
Die Insel ist sehr gebirgig, große Tiefebenen, die sich für ein Aufmarschgebiet eignen, sind nicht vorhanden. Südlich von Catania, zwischen den Flüssen Simeto und Gornalinga [sic!], liegt eine Ebene, die militärisch von Belang sein könnte, aber auch die Küstenebene im Süden, im Raum von Gela, ist nicht zu unterschätzen.
Abgesehen vom Ätna, der ein selbständiges Gebirgssystem bildet, gibt es Gebirgskomplexe, die von militärischer Relevanz sind: die Gebirgskette an der Nordküste der Insel, das Peloritanische Gebirge, es steigt bis eintausenddreihundert Meter an, das Nebrodische Gebirge, das westlich von Taormina ins Innere des Landes vorstößt und südlich von Cefalù zweitausend Meter erreicht.
In der Südabdachung der Insel liegen die Schwefellager. In diesem Gebirgskomplex herrscht große Wasserarmut, die Berge sind kahl, die Flüsse ausgetrocknet, nur im Winter und im Frühling verwandeln sie sich in wilde Bergströme, die über die Ufer treten und die Verkehrswege unter Wasser setzen.
Das Innere Siziliens ist eine in sich geschlossene Gebirgsmasse, ein ungegliedertes Gebirgsganzes, kein Hochgebirge, aber auch keine Hügellandschaft.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 63 f.)

„Ich erinnere mich auch heute noch an dieses unbeschreibliche Licht: es stürmt vom griechischen Festland herüber, überfällt dich, dringt in dich ein, es ist wie ein tätiger Sturm, der über das Land hinweggeht, der alles aufbricht, Fenster, Türen und Schlösser, dieser Glanz hat die Maske Apollons angenommen.
Man muss die Zypressen, die Pinien selbst einmal gesehen haben, wie sie in mikroskopischer Schärfe an einem Felsabhang stehen. Nicht nur der Stamm, auch die Nadeln werden von den Strahlen der Sonne umrandet, es ist, als dringen sie durch die Äste bis hinab in die dunkelsten Bereiche der Wurzeln. Dieses Licht nimmt der Landschaft die Schwere, gibt den Dingen eine überragende Leichtigkeit, Sicherheit, nach der man in unseren Breiten vergebens sucht, selbst in der Mittagsglut scheint der Schatten der Häuser über dem Erdboden zu schweben.
Am späten Nachmittag, wenn die Landschaft wieder fassbar wird, werden die Dinge körperlich, gewinnen an Substanz, die Perspektive nimmt zu, das Licht hat sich verändert, es ist ruhiger geworden, in den Abendstunden wird es durchlässig für die Nacht.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 66 f.)

„Die mediterrane Atmosphäre auf Sizilien hat etwas Verlässliches, eine Beständigkeit, die den Klimaten der deutschen Mittelgebirge fremd ist. Keine Wetterstürze, kein Kälteeinbruch“.(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 81)

„Der Scirocco ist kein heimatlicher Wind, der von den Bergkuppen herab in die Täler fällt, sich dreht, in sich zusammenbricht, aussetzt, es ist ein Glutwind, der aus der Sahara kommt. Er ist von einem betäubenden Gleichmaß, eine Provokation für Seele und Leib. Ein solcher Wind kann den Menschen in den Wahnsinn treiben. Ständig trommelt er mit seinen Sandkörnern ans Fenster, auf das Dach, auf die Blätter der Kastanie; den ganzen Tag knirscht zwischen den Zähnen der Sand.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 113)

„In einem Land, wo Politik zur Religion wird, trägt der Staat den Purpurmantel der Inquisition.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 105 f.)

„Der Tod war für Empedokles nichts anderes als eine neue Bewusstseinsebene. Wer das Geistige im Kosmos verneint, verneint sich selbst.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 124)

„Ich erinnere mich noch heute an den ukrainischen General. Eine halbe Stunde lang konnte ich ihn vom Klappenschrank aus beobachten. Sein Körper war wuchtig, das Gesicht breitflächig, die Backenknochen hoch angesetzt. Mein erster Gedanke: Hier kommt ein Stück wandelnder Erde auf dich zu. Das Gesicht und das weite ukrainische Land, irgendwie gehörten sie seit Generationen zusammen.
Dieses Offiziersgesicht hob sich noch nicht aus den Gesichtern der anderen russischen Soldaten heraus. Es war ein Gesicht, das nichts öffnete, nichts zurücknahm, das alles in sich verschloss, das auf der Lauer lag, ein verschlüsseltes Gesicht, das sich keine Blöße gab. Nicht nur das Schweigen um den Mund, alles war wie ein Siegel, das eine kommende Zeit erst aufbrechen muss.
Das Wesentliche an seinem Gesicht war das Frontale, nicht das Profil. Es hatte etwas Flächenhaftes, von der Stirnfläche hinab bis zu den Wangen. Ich stand auf, ging um den General herum. Von der Seite her gesehen, fing dieses Gesicht wirklich erst an, Profil zu werden, mir schien, als wartete es auf den inneren Befehl, auf das Signal, welche Form es endgültig annehmen sollte. Solche Gesichter werden nicht in einem einzigen Leben verbraucht, sie sind auf Jahrhunderte angelegt.
An diesem Gesicht gab es nichts zu deuteln, es war ganz einfach da. Europa würde mit ihm rechnen müssen. Und doch hat mich an diesem Gesicht etwas erschreckt: vergebens suchte ich in ihm nach einem Stück Himmel.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 125 f.)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Johanna Alba & Jan Chorin: Halleluja! und: Gloria! (2010/2012)

Band 1: Halleluja! – Ein Papst-Krimi (2010)

Krimi-Sommerkomödie mit viel Ironie, Katastrophen-Katholizismus und italienischem Flair

Diese Krimi-Sommerkomödie fällt durch ihren Plot aus dem Rahmen des Üblichen: Chefermittler ist hier Papst Petrus II. persönlich. Der Papst, das ist in diesem Fall ein freundlicher und lebensnaher Gemeindepfarrer aus dem Viertel Trastevere, wo Rom am römischsten ist, den das Schicksal irgendwie auf den Papstthron bugsiert hat, ohne dass er seinen Charakter als freundlicher Gemeindepfarrer und Genußmensch verloren hätte. Im ewigen Zweikampf mit seiner stockkatholischen Haushälterin schafft er es irgendwie, die Gazetta dello Sport und Cornetti in seine Dienstwohnung zu schmuggeln, wenn er nicht incognito mit der Vespa in Rom unterwegs ist. Unterstützt wird er dabei von seiner vollbusigen Pressesprecherin Giulia und seinem tapferen Sekretär Francesco.

Merkwürdige Dinge geschehen in Rom: Madonnen weinen, Engel stürzen herab, Anschläge auf Kardinäle werden verübt, Madonnenbilder verschwinden, Intrigen werden gesponnen und Geschäfte gemacht. Orte der Handlung sind u.a. diverse römische Bars, Kirchen und Eisdielen, ein Krankenhaus, die Piazza Navona, das Forum Romanum, das Pantheon, die Tiberinsel, ein Heim für Priesterkinder, die Katakomben, ein Geißler-Orden, ein Verein schwuler Katholiken, Palazzi und Edel-Hotels. Es treten auf: Der Kunsthistoriker des Vatikans, ein Ölscheich, der Chef der Vatikanbank, Gott, diverse Baristi, Tifosi, die Squadra Azurra u.v.a.

Die katholische Kirche und ihre spezifischen Probleme werden in diesem Krimi wunderbar ironisch und treffsicher aber niemals gehässig auf die Schippe genommen, am Rande übrigens auch der Islam. Die Story nimmt überraschende Wendungen und Pointe reiht sich an Pointe. Es macht einfach Spaß sich von den Einfällen der Autoren überraschen zu lassen. Da der Papst ein echter Römer ist, bekommt der Leser auch tiefe Einblicke in die Seele römischer Lebensart, von der Fußballbegeisterung über die Bar- und Eisdielen-Kultur bis hin zu typisch römischen Leckerbissen.

Einziger Malus, den man angesichts der Spritzigkeit der Story gerne verzeiht, ist die unkritische Verherrlichung des (nennen wir es mal so) freundlichen Gemeindepfarrer-Katholizismus mit leichtem Hang zum menschenfreundlichen Selbstbetrug, sympathischen Aberglauben und nostalgischen Traditionalismus. Aber vielleicht ist auch das einfach nur typisch italienisch … – Eine echte Empfehlung als leichte Lektüre für den nicht notwendigerweise katholischen Italien- und Rom-Liebhaber!

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. August 2012)

Band 2: Gloria! – Ein Papst-Krimi (2012)

Play it again, Frank: Der nette Dorfpriester-Papst als Kriminalist

Der zweite Band der Reihe mit dem gemütlichen Papst Petrus II., seiner hübschen Pressesprecherin Giulia und seinem jugendlichen Privatsekretär-Mönch Franceso, die gemeinsam den Vatikan wie eine Dorfpfarrei leiten (genauso derb und leichtfüßig, genauso kitschig und naiv), erweckt noch einmal alle lustigen Klischees des ersten Bandes zum Leben. Der Plot ist ebenfalls ordentlich gelungen. Ganz witzig die Verballhornung von Berlusconi. Die Haushälterin Immaculata läuft diesesmal zur Hochform auf. Und die Verwicklungen des Bösen sind verzwickt.

Trotzdem reicht es nicht an den ersten Band heran. Der Coup mit der Schwulenszene im Vatikan aus dem ersten Band dürfte nicht mehr zu toppen sein. Einmal wegen des gelungenen Überraschungseffekts, dann aber auch, weil der jetzige Papst Franziskus ebenfalls von einer realen Schwulenszene im Vatikan spricht – und auch er ist ein dorfpriesterlicher Typ. Insofern hatte der erste Band fast etwas Prophetisches. Die Story zwischen Giulia und Francesco kam leider nicht wirklich voran.

Alles in allem ist es dann aber auch mal genug mit dem allzu unwirklichen und naiven Setting dieser Reihe. Es gibt skurrile Plots, die funktionieren wegen des Überraschungseffekts einmal, aber nicht zweimal.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 13. September 2013)

Mario Rausch: 500 Jahre Hellas – Von Homer bis Sokrates (2025)

Sehr ordentliche Einführung in das klassische Griechenland

Mit „500 Jahre Hellas“ hat Mario Rausch eine niveauvolle aber kurzweilige Einführung in die Welt des klassischen Griechenlands geschrieben. Es werden die üblichen Themen abgehandelt wie z.B. die Perserkriege, das Orakel von Delphi, die Olympischen Spiele, die Demokratie, die Religion, die Philosophie, Athen und Sparta, der Peloponnesische Krieg, oder der Prozess des Sokrates. Die Kapitel sind angenehm kurz aber doch sehr informativ.

Zu jedem Thema werden wissenschaftliche Quellen aus Archäologie und Klassischer Philologie genannt, und alle Aussagen werden unter dem Gesichtspunkt des Standes der Wissenschaft differenziert vorgetragen. Deshalb könnte dieses Buch auch als Einführung für angehende Studenten der Altertumswissenschaften dienen. Teilweise werden auch seltene oder originelle Gedanken eingeflochten, so z.B. das Schweigen des Sokrates in seinem Prozess über sein Verhältnis zur Tyrannenherrschaft, oder der Umstand, dass auch Sparta viele Künstler hervorbrachte.

Die Darstellung ist dabei wohltuend frei von allzu offensichtlichen politischen Präferenzen des Autors, die heute so manche historische Darstellung unglaubwürdig machen, weil eine sekundäre Absicht erkennbar ist. Auf diese Weise kann sich der Zauber der griechischen Welt und des griechischen Geistes aus der Sache selbst heraus entfalten und seine Wirkung auf den Leser ausüben. Werke mit einem ähnlichen Ansatz sind „The Greek Way“ von Edith Hamilton oder „Die alten Griechen“ von Konrad Adam, wobei „The Greek Way“ in seiner Qualität – bei aller Kritik – unerreicht ist.

Es fehlt ein Kapitel, das die Wirkungsgeschichte bis in unsere Tage aufzeigt. Ein Fehler fiel auf, der in einem Werk mit beinahe wissenschaftlichem Anspruch nicht hätte auftreten dürfen: Es wird berichtet, wie die alten Texte ihren Weg über die Araber nach Europa zurückfanden. Doch das ist nicht einmal eine halbe Wahrheit. Die meisten antiken Texte kamen über Byzanz nach Europa, ohne Vermittlung der Araber. Das hätte gesagt werden müssen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

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