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Dan Brown: Das verlorene Symbol (2009)

Brüche der Freimaurerei sind Brüche dieses Buches

Zunächst zur Frage, ob es ein gutes, spannendes Buch ist: Eindeutig ja! Die Handlung braucht zwar das ganze erste Drittel des Buches, um so richtig in Gang zu kommen, was viele Leser offenbar gleich am ganzen Buch verzweifeln ließ, aber dann geht es rasant und fulminant voran, mit furiosen Wendungen, alle Achtung!

Diesmal führt die symbolologische Schnitzeljagd durch die Stadt Washington D.C. vor dem Hintergrund, dass die Gründerväter der USA vielfach Freimaurer waren. Dan Brown pflügt die bekannten und weniger bekannten Symbole Washingtons in bewährter Manier durch und verbindet sie wie immer auf beeindruckende Weise, so dass man nie so genau weiß, was noch Wahrheit, und was schon Erfindung des Romanautors ist. Wegen dieser engen Verschränkung von Wirklichkeit und Phantasie mag man die Romane von Dan Brown. (Allerdings hat das nur in Illuminati perfekt geklappt, wo die Illuminaten am Ende ja gar nicht existierten; in Sakrileg und hier ist etwas zuviel Phantasie dabei.)

Nebenthemen sind die Noetik, d.h. die Wissenschaft von der mutmaßlich metaphysischen Komponente des menschlichen Geistes, und der Glaube an dunkle Mächte, die es dann natürlich ebenfalls geben könnte, wenn es eine metaphysische Ebene gibt.

Nun zur Kritik:

Der Sinngehalt dieses Buches bricht an genau den Bruchlinien, die die freimaurerische Ideologie aufweist. Dan Brown hat diese Ideologie nicht wirklich durchschaut, und stolpert deshalb mit ihr in eine weltanschauliche Falle:

Die freimaurerische Ideologie will in ihren Reihen Menschen verschiedenster Religionen und Weltanschauungen in Frieden vereinigen. Dogmen werden abgelehnt. Über Religion und Politik darf in der Loge nicht gesprochen werden. Hinter allem steht letztlich die Idee, dass alle Religionen und Weltanschauungen am Ende auf dasselbe hinauslaufen. Die Freimaurerei will also eine Art Kernreligion sein, die den wahren Kern aller Religionen und Weltanschauungen repräsentiert und herausschält und die Menschen auf dieser Basis zusammenführt.

Doch das funktioniert so leider nicht ganz.

Die verschiedenen Religionen und Weltanschauungen laufen (leider) nicht alle auf dasselbe hinaus. Sie widersprechen sich gegenseitig ganz erheblich. Man kann eben nicht mit Buddha ins Nirwana kommen und gleichzeitig mit Jesus ins Himmelreich gelangen und gleichzeitig mit Sokrates der Wahrheit ein bescheidenes Schrittchen näher kommen (oder auch nicht), denn die Wege und Ziele von Buddha, Jesus, Sokrates usw. sind eben nicht gleich, sondern völlig verschieden, und widersprechen sich gegenseitig erheblich. Nur auf der oberflächlichen Ebene einer nichtintellektuellen „Volksfrömmigkeit“ laufen alle Religionen und Weltanschauungen auf dasselbe hinaus: Gutes tun, Geborgenheit empfinden, Riten und Traditionen pflegen. Aber das ist nicht immer und nicht zuerst das, was die Begründer der jeweiligen Anschauung meinten. – Weiter: Die Ablehnung von Dogmen durch die Freimaurerei würde fast alle bekannten Religionen und Weltanschauungen von der Mitgliedschaft ausschließen, denn ohne Lehrfundament kommt keine aus. Auch die Freimaurerei verfügt ihrerseits über einige Dogmen, z.B. die Überzeugung, dass es ein wie auch immer geartetes höheres Wesen geben muss. Und wenn man sich über Religion und Politik tatsächlich nicht austauschen dürfte, dann würde es durch die Freimaurer ja niemals eine Verständigung zwischen verschiedenen Anschauungen geben können, weshalb man diese Behauptung der Freimaurer, nie über Religion und Politik zu sprechen, für glatt gelogen halten muss.

Das soll nicht heißen, dass es falsch wäre, nach den Gemeinsamkeiten der Religionen und Weltanschauungen zu suchen und die Anhänger jener Religionen und Weltanschauungen, die zu Humanismus und Humanität fähig sind, gegen die Fanatiker und Traditionalisten zu vereinigen. Auf diesem Prinzip beruht immerhin unsere westliche Welt! Aber eine Weltanschauung sollte man daraus besser nicht machen. Die Freimaurerei funktioniert nur dann und nur deshalb, insofern ihre Mitglieder ihre jeweilige Religion bzw. Weltanschauung teilweise verleugnen und der freimaurerischen Ideologie unterordnen. Sie glauben sozusagen nicht mehr „richtig“ und tragen in ihrer persönlichen Weltanschauung einen Widerspruch mit sich herum, den sie tapfer ignorieren. Hinzu kommt, dass auch die Logen nur menschliche Organisationen sind, die dem vereinsmeierischen Elend einer Kirchengemeinde nicht wirklich etwas voraus haben. Aber wie die amerikanische Geschichte lehrt, hat es sich zum Segen der Gesellschaft ausgewirkt; ob der einzelne Freimaurer mit dieser Selbstverbiegung glücklich wurde, ist eine andere Frage.

Und genau in diese weltanschauliche Falle der freimaurerischen Ideologie ist das Buch von Dan Brown getappt. Denn genau diese Kritik wurde nicht geleistet, sondern Dan Brown schwärmt naiv im Sinne der freimaurerischen Ideologie. Und das verdirbt manches. Nur wenn man das „verlorene Wort“ vor dem Hintergrund dieser Ideologie betrachtet, ist es eine Offenbarung – ansonsten ist es schlicht Humbug, und viele Leser waren deshalb vermutlich enttäuscht. Sie haben nicht verstanden, dass es nicht so sehr der Romanautor Dan Brown ist, der hier floppt, sondern zuerst und vor allem die Ideologie der Freimaurer.

Dieser Grundproblematik sind alle anderen Irrtümer beigeordnet: Die Bibel, der Koran, die Veden usw. sind natürlich keine guten Symbole für „Alte Mysterien“, also z.B. für eine humane Ethik, wie es die Freimaurer verstehen, sondern enthalten allzu menschliche Rechtssetzungen, die mit der Autorität Gottes z.B. zum Töten von Hexen und Steinigen von Ehebrechern auffordern. Eine kabbalistische Deutung der Bibel ist ebenfalls Quark, in der Bibel stecken leider weniger Geheimnisse, als man sich wünschen möchte. Die kühle historisch-kritische Interpretation ist der gerade Weg, und nicht das Suchen nach Chiffren in Texten, die über Jahrhunderte von Menschenhand zusammenkollagiert wurden. Ein „kollektives Bewusstsein“ ist ebenfalls etwas radikal anderes als ein traditioneller Gott mit Himmelreich, und kann damit wohl kaum gemeint gewesen sein. Meditation mag lebensverlängernde Substanz im Gehirn erzeugen, aber sterben muss der Mensch dann doch irgendwann. Und Löffel verbiegen kann der menschliche Geist ebenfalls nicht. Mehr als die simple Weisheit, dass eine gute Stimmung zu guter Gesundheit und Erfolg im Leben führt, ist wohl leider nicht drin in dieser Welt.

Aber interessant ist es doch, all diese Dinge durchzudenken!

Nachträge: Einige Fehler von einer allzu flüchtigen Übersetzung sind noch enthalten („Queste“, „verschanduliert“ u.a.). Das Buch ist für stolze 26,- ziemlich bescheiden ausgestattet. An 2-3 Stellen hat Dan Brown undifferenzierte und schiefe Seitenhiebe gegen den Kampf gegen den Terror der US-Regierung eingebaut; politisch niveaulose Propaganda hat in einem guten Roman nichts zu suchen. Die Humanität der Rettungsfolter kann man nicht mit dem Zeigen sadistischer „Folter“ widerlegen, die Humanität von Verteidigungskriegen nicht mit historischen Eroberungskriegen verwechseln usw. usf.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Dan Brown: Diabolus (1998)

Der erste Pageturner von Dan Brown – Computerwissenschaften statt Mysterien

Der erste Pageturner von Dan Brown – Computerwissenschaften statt Mysterien

Mit „Diabolus“/“Digital Fortress“ hatte Dan Brown den ersten Roman vorgelegt, der seinen Welterfolg begründete. Bereits hier ist das Grundschema aller seiner folgenden Romane angelegt: Der Ruf an einen Experten, mit einem Flugzeug an einen Tatort zu kommen – eine Schnitzeljagd und ein Wettlauf mit einem Serienmörder – mehrere Parallelhandlungen – ein Guter, der sich als Böser entpuppt und umgekehrt – usw. usf.

Anders als bei den späteren Romanen um den Symbolologen Robert Langdon geht es hier aber um Computerwissenschaften und weniger um mysteriöse Dinge. Auch ist das bekannte Grundschema noch nicht zur Perfektion gebracht worden. Die Orte der Schnitzeljagd sind zudem kulturell und touristisch völlig nebensächlich.

Ein gut zu lesender Pageturner ist es jedoch allemal. Nicht mehr und nicht weniger.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 05. August 2012)

Dan Brown: The Secret of Secrets (2025)

Prag, Hirnforschung und Deep State: Ein gelungener Dan Brown

Die Romane von Dan Brown sind immer wieder nach demselben Schema gestrickt, und mal geht das Konzept wunderbar auf, mal gerät es langweilig und langatmig. Dieses Mal ist das Konzept wieder voll aufgegangen. Der Roman ist rasant, wendungsreich, bildungsschwanger und thematisch interessant: So muss ein Dan Brown sein.

Der Leser bekommt eine herrlich rasante Jagd durch die Handlung des Romans präsentiert. Es gibt zwei große Themen: Einerseits Hirnforschung, Nahtoderfahrung, nicht-lokales Bewusstsein, Noetik und Chip-Implantate im Gehirn, und was man damit machen kann. Der Roman beginnt fast esoterisch, doch es klärt sich alles realistisch auf: Dan Brown übertreibt das Thema nicht ins Phantastische, sondern bleibt im Rahmen des zumindest Möglichen und Denkbaren und Diskutierbaren.

Andererseits geht es um den Deep State der USA, hier speziell um die CIA und ihre Firma In-Q-Tel. In-Q-Tel investiert in alle möglichen Technologien, damit die CIA immer einen Fuß in der Tür hat. Außerdem erwirtschaftet die CIA auf diese Weise Erträge, mit der sie Operationen finanzieren kann, von der die politische Führung nichts weiß: Der klassische Fall des Deep State. Dabei geht es auch um das Dilemma, wie weit ein Geheimdienst sich „schmutzige“ Hände machen darf, um das Gute in der Welt zu fördern und das Böse abzuwehren.

Dabei findet alles in Prag statt, der goldenen Stadt, deren Sehenswürdigkeiten konsequent abgeklappert werden. Interessant zu wissen, dass das Wort „Prag“ eine „Schwelle“ bezeichnet, auf Englisch: „Threshold“. Das Buch enthält einen gut gemachten Stadtplan, der dem Leser hilft, den Überblick zu behalten. Ja, der Leser weiß am Ende, was er in Prag sehen will, definitiv! Und trinken: Tschechischen Absinth.

Ein Nebenthema ist der Umgang der USA mit den Staaten, die sich unter ihre Hegemonie begeben haben: Werden sie wie Vasallenstaaten und Kolonien behandelt, in denen sich die USA alles herausnehmen können, oder zeigen die USA Respekt vor der Souveränität des jeweiligen Landes?

Dabei ist Dan Brown ein großes Lob auszusprechen: Andere Autoren hätten die obigen Ingredienzien dazu genutzt, ein antiamerikanisches Pamphlet zu schreiben. Nicht so hier! Es wird deutlich, dass der Deep State eben nicht identisch mit einem „bösen Amerika“ ist, sondern etwas, was auch aus Sicht der USA aus dem Ruder gelaufen ist. Wir sehen mehrere Beamte der USA auf verschiedenen Ebenen, wie sie glaubwürdig mit ihrem Gewissen ringen und die Dilemmata aufzulösen versuchen, in die sie durch den Deep State gebracht wurden. Am Ende gelingt es ihnen, die Verhältnisse zu einem guten Ende zu wenden, ohne dass es naiv pseudomoralisch oder antiamerikanisch wurde, sondern im Gegenteil: Es kommt das beste von Amerika zum Vorschein, mit viel pragmatischer Moral und Realismus.

Anders als in den vorigen Romanen ist Robert Langdon in diesem Roman zusammen mit einer Partnerin unterwegs. Das Techtelmechtel zwischen den beiden wird nicht übertrieben, und so ist auch dieser Aspekt des Romans gelungen.

Kritik

Es geht in diesem Roman um Prag, die Stadt des Golem und der großen astronomischen Uhr, die auch das Cover ziert. Man hätte erwartet, dass Dan Brown einige historische Rätsel mit diesen Dingen verbindet, die Robert Langdon im Laufe des Romans lösen muss. Doch das ist nicht der Fall. Die astronomische Uhr wird nur im Vorübergehen erwähnt und der Golem wird nur als Anspielung und Chiffre verwendet. Über die historischen Hintergründe der Uhr und des Golem erfährt man praktisch nichts.

Dass sich eine der Romanfiguren als Golem verkleidet und mit diesem eine Seelenverwandtschaft sieht, ist übrigens eine Übertreibung. Die Scharade will nicht so recht einleuchten, erst recht nicht mehr, wenn man gegen Ende des Romans das Geheimnis dieser Figur erfährt.

Nicht gelungen ist die Idee von Dan Brown, dass die Menschheit durch die Noetik an der Schwelle zu einem neuen Verständnis des Todes stünde, der uns allen die Angst vor dem Tod nehmen und damit zu einer friedlicheren Gesellschaft führen würde. Das ist für Dan Brown „the secret of secrets“, daher der Buchtitel. Zum Glück kommt diese misslungene Idee – obwohl der Titel des Buches auf sie hinweist – nur am Ende und am Rande des Romans vor. Hier ist philosophisch zu wenig investiert worden. Der Tod wird immer eine Schwelle bleiben, und alles jenseits davon ist uns unbekannt. Wissenschaft allein wird die Angst vor dem Tod niemals mindern können. Eine solche Besserung ist – in Maßen – höchstens von Religion und Philosophie zu erwarten. Dan Brown verweist mit Recht auf die Religiosität der Menschen des Mittelalters.

Der deutsche Verlag Lübbe blamiert sich übrigens, wo er kann: Das Buch ist zwar mit Karte, Lesebändchen und rot gefärbtem Buchschnitt gut ausgestattet, aber ein Preis von 32,- Euro ist dennoch unzweifelhaft ein monetäres Abgreifen der interessierten Leserschaft. Ein Preis von 25,- Euro wäre angemessen gewesen. Die Übersetzung ist weitgehend gelungen, dennoch fallen wieder einige Stellen auf, die man noch hätte glattbügeln können. An ganz wenigen Stellen zu Anfang fiel eine Beidnennung („Teilnehmerinnen und Teilnehmer“) als penetrant auf. Offenbar wollte da jemand mit penetranten Beidnennungen gendern, hat dann aber bald aufgegeben. Der Titel des Buches ist ebenfalls misslungen, er hätte analog zu den bisherigen Titeln aus einem Wort bestehen müssen, und das wäre in diesem Fall „Threshold“ gewesen.

Noch immer surft Lübbe auf der woken Welle: Auf der Internetseite des Verlages ist alles gegendert und in unerträglichem Regenbogen-Pastell gehalten. Doch in seinen Romanen gendert der Verlag nicht. Wenn diese Leute wirklich an die Genderei glauben würden, müssten sie dann nicht konsequent auch ihre Romane gendern? Und wenn sie ihre Romane nicht gendern, aus Rücksicht auf die Leser, heißt das dann, dass die Genderei auf der Internetseite eine einzige Rücksichtslosigkeit gegenüber den Lesern ist?

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Andreas Wilhelm: Die Projekt-Trilogie (2006/2007/2009)

Projekt Babylon (2006): Spannend – Interessant – Geistreich

Ein wirklich gelungener Roman. Andreas Wilhelm ist viel mehr als der „deutsche Dan Brown“. Sein Forschertrio ist viel besser geeignet, eine gemeinsame Suche nach der Wahrheit im Dickicht der Mythen und Überlieferungen darzustellen, weil Skepsis, Pragmatik und Herz viel besser repräsentiert werden. Hier wird nicht einfach an Übersinnliches geglaubt – es wird aber auch nicht zu trocken – und die weibliche Komponente wird nicht so seltsam ignoriert, wie bei Dan Brown. Auch erfindet Andreas Wilhelm nicht ganz so wilde Zusammenhänge, wie Dan Brown. Das Spannungsniveau ist in etwa dasselbe, man bekommt wirklich etwas geboten. Dieser erste Band einer Trilogie, der eine in sich abgeschlossene Handlung hat, enthält auch bereits deutliche Hinweise, wo alles enden wird im dritten Band – für den, der sich auskennt : – )
Alles in allem: Große Leseempfehlung!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Projekt Sakkara (2007): Der Autor weiß wovon er schreibt und präsentiert es meisterlich

Dieser zweite Teil der Projekt-Trilogie ist erneut eine gelungene Überraschung: Denn anders als bei anderen Autoren flacht Andreas Wilhelm in seinem zweiten Band keineswegs ab. Im Gegenteil: Er dreht so richtig auf und liefert eine Komplettverarbeitung der ägyptischen Kultur und all ihrer Geheimnisse, sowie ihrer Entdeckungsgeschichte, die das Herz jeden Kenners höher schlagen lassen muss. Erneut beweist Andreas Wilhelm auch, dass er die Gratwanderung zwischen Wissenschaft, Pseudowissenschaft und Esoterik meisterlich beherrscht. Plumpe Geschmacklosigkeiten unterbleiben konsequent, statt dessen souveräne Raffinesse und Ironie ohne Ende – da kommt man auch als Skeptiker voll auf seine Kosten. Überhaupt bemerkt man, dass der Autor ein Themengebiet nicht nur „verarbeitet“, sondern sich selbst bestens darin auskennt.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Projekt Atlantis (2009): Phantastisches Ende einer spannenden Suche – pro und contra

Das Forscherduo Peter und Patrick, wie immer ergänzt um eine Frau, macht sich in diesem dritten und letzten Band der Projekt-Trilogie dazu auf, das letzte und größte Geheimnis zu ergründen: Atlantis.

Da das Thema Atlantis im Gegensatz zu Templern oder Ägyptern z.Z. noch wenig real vorzuzeigende Substanz aufzuweisen hat, weitet sich die Story dieses Mal zu einer phantastischen Geschichte aus, die eines Jules Verne würdig gewesen wäre (man denkt unwillkürlich an „20000 Meilen unter dem Meer“ oder die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“). Leider geht dabei ein wenig der Zauber verloren, der in den beiden ersten Bänden davon ausging, dass das Mystische sich sehr eng in das Bekannte und Erforschte einbettete. Die Gratwanderung zwischen Wissenschaft, Pseudo-Wissenschaft und Esoterik wurde in diesem dritten Band leider deutlich verfehlt.

Es ist aber dennoch eine grandiose Abenteuergeschichte. Gut gefallen hat auch die realistische Darstellung eines Meeresforschungsprojektes: Das Schiff, die Technik, die Mannschaft, die Organisation. Auch das Verhalten der Medien wurde gut getroffen. Ganz amüsant war die Darstellung typischer Phänomene, wie es sie in der real existierenden Atlantisforschung tatsächlich gibt: Die Skeptiker, die Spinner, die Hochstapler, die verkannten Seriösen, die Selbstzweifel, die Euphorie, und noch einmal: die Medien und ihr ganz spezieller Blinkwinkel.

In einem Punkt stiftet der Autor unnötig Verwirrung (Nachwort): Das Atlantis des Romans entspricht zwar durchaus einem Teil des Mythengeflechts, das sich im Laufe der Jahrhunderte um das Thema Atlantis gesponnen hat – aber es wäre erwähnenswert gewesen, dass dieses Atlantis natürlich nicht dem originalen, von Platon beschriebenen Atlantis entspricht. Im Roman wurde vielmehr auf Vorstellungen von Atlantis zurückgegriffen, wie sie Ignatius Donnelly, mehr noch, wie sie Esoteriker und Theosophen im Laufe der Zeit sich frei zusammengedichtet haben. Wer sich hingegen auf eine realistische Weise mit dem originalen Atlantis des Platon beschäftigen möchte, dem sei z.B. folgendes Buch empfohlen: Thorwald C. Franke: Mit Herodot auf den Spuren von Atlantis – Könnte Atlantis doch ein realer Ort gewesen sein?

Weitere Schwächen sind

Das Verhalten des Kommandanten des Marine-Stützpunktes ist unrealistisch: Es ist kaum anzunehmen, dass ein professioneller Soldat nicht misstrauisch wird, wenn ein Außenstehender plötzlich über militärische Interna Bescheid weiß – und als Familienvater praktisch seine ganze Karriere aufs Spiel setzt, vielleicht sogar Gefängnis riskiert. – Etwas unlogisch war, dass die dunkle Trennschicht diesmal für die Elektronik durchlässig war. Diese für den Fortgang der Handlung wichtige Frage hätte man anders umschiffen müssen. – Ebenfalls etwas schwach motiviert war die Auffindung nicht von einer, sondern gleich von zwei Textquellen zu Atlantis. Wie es aussieht, hätte die aus Alexandria vollkommen genügt. Wozu dann die andere? – In Projekt Atlantis führen plötzlich vier Brücken zum Zentrum von Atlantis, während in den ersten beiden Bänden der Grundriss der Anlage nur einen solchen Zugang zum Zentrum aufweist, wie es ja auch der Beschreibung Platons entspräche. – Etwas enttäuschend war, dass keine näheren Inhalte aus dem vollständigen Manuskript des Platon-Dialoges Kritias präsentiert wurden. Man kann nicht die Auffindung einer so heißen Textquelle postulieren, aber dann kaum daraus zitieren.

Schließlich kann man noch den philosophischen Gehalt der Trilogie beleuchten: Alles in allem gut gemeint, aber doch etwas seicht. Liebe, Mitmenschlichkeit und Verantwortung als Werte sind ja nicht ganz neu. Problematisch wird es mit dem Motto „Wage zu wissen“: Denn Wissen erschließt sich dem Menschen in der realen Welt nicht aus telepathischen Archiven, sondern aus langwierigen Lern- und Denkanstrengungen, die teils harte Desillusionierungen und Enttäuschungen erfordern. Von einer solchen realistischen Erkenntnisphilosophie war aber kaum etwas zu sehen. Am beeindruckendsten war vielleicht die Verwandlung von Patrick im zweiten Band, die im dritten Band dann leider etwas unterging.

Alles in allem

Die Projekt-Trilogie von Andreas Wilhelm ist ungeachtet gewisser Schwächen längst dabei, ein Kult zu werden wie die Bücher von Dan Brown. Es ist die Spannung der bildungsschwangeren Schnitzeljagd in mysteriösen Gefilden, die es wohl ausmacht. Formal ist da außerdem nicht nur die Prägung von wiederkehrenden Motiven in den drei Romanen, sondern es ist auch die Homepage mit Trailer und eigens komponierter Musik: Man kann es kaum erwarten, bis man im Kinosessel sitzt, die Werbung vorbei ist, der Saal noch ein wenig dunkler wird, der Vorhang noch ein Stück weiter zur Seite rückt, und dann in völliger Dunkelheit diese Musik zu erklingen beginnt … – was ein Feeling!

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 13. Februar und 25./26. März 2009)