Monat: Mai 2026

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor – Ein Jahrebuch (2020)

Teils Ossi-Wessi-Geschichte, teils Zeugnis der Zunahme der Verlogenheit

Birk Meinhardt ist ein waschechter Ossi und erklärt sich dankenswerterweise ausführlich und ehrlich dazu, was das im Guten wie im Schlechten bedeutet. Hier ist das Buch sehr stark. Als er nach dem Mauerfall in den Westen zur Süddeutschen Zeitung kommt, fühlt er sich im Paradies: Er kann alles schreiben was er will! Doch dann bemerkt er immer mehr Einschränkungen, und am Ende passen seine neu erwachte Freiheitsliebe und die Linie der Zeitung nicht mehr zusammen.

Teilweise ist das einfach eine Ossi-Wessi-Geschichte. Der Ossi denkt, im Westen ist das Paradies, und dann ist es doch nicht so. Die Süddeutsche Zeitung hat, wie viele Zeitungen, eine recht klare Linie. Es war schon immer klar, dass man dort nicht alles schreiben kann. Nur hat Birk Meinhardt dies eben erst spät bemerkt. Und es ist im Grundsatz auch nichts verkehrt daran, dass verschiedene Zeitungen verschiedene „Linien“ haben. Das Verlogene liegt eher darin, dass diese Blätter nicht offen dazu stehen und ihre Linie nicht im Untertitel ihrer Zeitung klar zum Ausdruck bringen.

Doch auf dieses Niveau bringt Birk Meinhardt seine Kritik nicht. Teilweise offenbart der Autor, dass er selbst eine recht einseitig Sicht auf die Welt hat. Er ist gegen die USA und ihre Kriege, gegen die NATO, für Russland, usw. usf. Das darf er sein, und es sollte auch eine Zeitung dafür in Deutschland geben, und sowas sollte auch im Öffentlich-Rechtlichen fair behandelt werden. Aber dass er damit bei der Süddeutschen nicht ankommt, ist klar.

Interessanter ist, dass dieses Buch teilweise auch ein Zeugnis dafür ist, dass die Verlogenheit und Einseitigkeit in Deutschland in den letzten Jahrzehnten tatsächlich zugenommen hat. Leider wird das aber nicht sauber von der Ossi-Fehlwahrnehmung getrennt. Der Leser muss sich selbst denken, was auf das eine Phänomen und was auf das andere Phänomen zurückgeht.

Das Buch ist dort stark, wo es ehrlich die eigene Geschichte und die Vorgänge in der Süddeutschen Zeitung beschreibt. Man sieht, was läuft, und wie es läuft. Das ist immer gut und der Anfang und die Basis jeder Kritik. Das Buch schafft es aber nicht, die Analyse auf ein höheres Niveau zu heben, das geeignet wäre, echte Lösung zu formulieren. Es bleibt sozusagen auf Wutbürger-Niveau hängen. Klar, die Zustände machen wütend. Aber die Lösung kann eben nicht sein, dass die Süddeutsche Sachen veröffentlicht, die ihrer Linie zuwiderlaufen. Deshalb nicht volle Punktzahl.

Die richtige Kritik wäre gewesen: Die Süddeutsche muss offen zu ihrer politischen Linie stehen. Und es muss andere Zeitungen und öffentlich-rechtliche Journalisten geben, die auch die anderen Meinungen zum Zuge kommen lassen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. Februar 2021)

Dan Brown: Das verlorene Symbol (2009)

Brüche der Freimaurerei sind Brüche dieses Buches

Zunächst zur Frage, ob es ein gutes, spannendes Buch ist: Eindeutig ja! Die Handlung braucht zwar das ganze erste Drittel des Buches, um so richtig in Gang zu kommen, was viele Leser offenbar gleich am ganzen Buch verzweifeln ließ, aber dann geht es rasant und fulminant voran, mit furiosen Wendungen, alle Achtung!

Diesmal führt die symbolologische Schnitzeljagd durch die Stadt Washington D.C. vor dem Hintergrund, dass die Gründerväter der USA vielfach Freimaurer waren. Dan Brown pflügt die bekannten und weniger bekannten Symbole Washingtons in bewährter Manier durch und verbindet sie wie immer auf beeindruckende Weise, so dass man nie so genau weiß, was noch Wahrheit, und was schon Erfindung des Romanautors ist. Wegen dieser engen Verschränkung von Wirklichkeit und Phantasie mag man die Romane von Dan Brown. (Allerdings hat das nur in Illuminati perfekt geklappt, wo die Illuminaten am Ende ja gar nicht existierten; in Sakrileg und hier ist etwas zuviel Phantasie dabei.)

Nebenthemen sind die Noetik, d.h. die Wissenschaft von der mutmaßlich metaphysischen Komponente des menschlichen Geistes, und der Glaube an dunkle Mächte, die es dann natürlich ebenfalls geben könnte, wenn es eine metaphysische Ebene gibt.

Nun zur Kritik:

Der Sinngehalt dieses Buches bricht an genau den Bruchlinien, die die freimaurerische Ideologie aufweist. Dan Brown hat diese Ideologie nicht wirklich durchschaut, und stolpert deshalb mit ihr in eine weltanschauliche Falle:

Die freimaurerische Ideologie will in ihren Reihen Menschen verschiedenster Religionen und Weltanschauungen in Frieden vereinigen. Dogmen werden abgelehnt. Über Religion und Politik darf in der Loge nicht gesprochen werden. Hinter allem steht letztlich die Idee, dass alle Religionen und Weltanschauungen am Ende auf dasselbe hinauslaufen. Die Freimaurerei will also eine Art Kernreligion sein, die den wahren Kern aller Religionen und Weltanschauungen repräsentiert und herausschält und die Menschen auf dieser Basis zusammenführt.

Doch das funktioniert so leider nicht ganz.

Die verschiedenen Religionen und Weltanschauungen laufen (leider) nicht alle auf dasselbe hinaus. Sie widersprechen sich gegenseitig ganz erheblich. Man kann eben nicht mit Buddha ins Nirwana kommen und gleichzeitig mit Jesus ins Himmelreich gelangen und gleichzeitig mit Sokrates der Wahrheit ein bescheidenes Schrittchen näher kommen (oder auch nicht), denn die Wege und Ziele von Buddha, Jesus, Sokrates usw. sind eben nicht gleich, sondern völlig verschieden, und widersprechen sich gegenseitig erheblich. Nur auf der oberflächlichen Ebene einer nichtintellektuellen „Volksfrömmigkeit“ laufen alle Religionen und Weltanschauungen auf dasselbe hinaus: Gutes tun, Geborgenheit empfinden, Riten und Traditionen pflegen. Aber das ist nicht immer und nicht zuerst das, was die Begründer der jeweiligen Anschauung meinten. – Weiter: Die Ablehnung von Dogmen durch die Freimaurerei würde fast alle bekannten Religionen und Weltanschauungen von der Mitgliedschaft ausschließen, denn ohne Lehrfundament kommt keine aus. Auch die Freimaurerei verfügt ihrerseits über einige Dogmen, z.B. die Überzeugung, dass es ein wie auch immer geartetes höheres Wesen geben muss. Und wenn man sich über Religion und Politik tatsächlich nicht austauschen dürfte, dann würde es durch die Freimaurer ja niemals eine Verständigung zwischen verschiedenen Anschauungen geben können, weshalb man diese Behauptung der Freimaurer, nie über Religion und Politik zu sprechen, für glatt gelogen halten muss.

Das soll nicht heißen, dass es falsch wäre, nach den Gemeinsamkeiten der Religionen und Weltanschauungen zu suchen und die Anhänger jener Religionen und Weltanschauungen, die zu Humanismus und Humanität fähig sind, gegen die Fanatiker und Traditionalisten zu vereinigen. Auf diesem Prinzip beruht immerhin unsere westliche Welt! Aber eine Weltanschauung sollte man daraus besser nicht machen. Die Freimaurerei funktioniert nur dann und nur deshalb, insofern ihre Mitglieder ihre jeweilige Religion bzw. Weltanschauung teilweise verleugnen und der freimaurerischen Ideologie unterordnen. Sie glauben sozusagen nicht mehr „richtig“ und tragen in ihrer persönlichen Weltanschauung einen Widerspruch mit sich herum, den sie tapfer ignorieren. Hinzu kommt, dass auch die Logen nur menschliche Organisationen sind, die dem vereinsmeierischen Elend einer Kirchengemeinde nicht wirklich etwas voraus haben. Aber wie die amerikanische Geschichte lehrt, hat es sich zum Segen der Gesellschaft ausgewirkt; ob der einzelne Freimaurer mit dieser Selbstverbiegung glücklich wurde, ist eine andere Frage.

Und genau in diese weltanschauliche Falle der freimaurerischen Ideologie ist das Buch von Dan Brown getappt. Denn genau diese Kritik wurde nicht geleistet, sondern Dan Brown schwärmt naiv im Sinne der freimaurerischen Ideologie. Und das verdirbt manches. Nur wenn man das „verlorene Wort“ vor dem Hintergrund dieser Ideologie betrachtet, ist es eine Offenbarung – ansonsten ist es schlicht Humbug, und viele Leser waren deshalb vermutlich enttäuscht. Sie haben nicht verstanden, dass es nicht so sehr der Romanautor Dan Brown ist, der hier floppt, sondern zuerst und vor allem die Ideologie der Freimaurer.

Dieser Grundproblematik sind alle anderen Irrtümer beigeordnet: Die Bibel, der Koran, die Veden usw. sind natürlich keine guten Symbole für „Alte Mysterien“, also z.B. für eine humane Ethik, wie es die Freimaurer verstehen, sondern enthalten allzu menschliche Rechtssetzungen, die mit der Autorität Gottes z.B. zum Töten von Hexen und Steinigen von Ehebrechern auffordern. Eine kabbalistische Deutung der Bibel ist ebenfalls Quark, in der Bibel stecken leider weniger Geheimnisse, als man sich wünschen möchte. Die kühle historisch-kritische Interpretation ist der gerade Weg, und nicht das Suchen nach Chiffren in Texten, die über Jahrhunderte von Menschenhand zusammenkollagiert wurden. Ein „kollektives Bewusstsein“ ist ebenfalls etwas radikal anderes als ein traditioneller Gott mit Himmelreich, und kann damit wohl kaum gemeint gewesen sein. Meditation mag lebensverlängernde Substanz im Gehirn erzeugen, aber sterben muss der Mensch dann doch irgendwann. Und Löffel verbiegen kann der menschliche Geist ebenfalls nicht. Mehr als die simple Weisheit, dass eine gute Stimmung zu guter Gesundheit und Erfolg im Leben führt, ist wohl leider nicht drin in dieser Welt.

Aber interessant ist es doch, all diese Dinge durchzudenken!

Nachträge: Einige Fehler von einer allzu flüchtigen Übersetzung sind noch enthalten („Queste“, „verschanduliert“ u.a.). Das Buch ist für stolze 26,- ziemlich bescheiden ausgestattet. An 2-3 Stellen hat Dan Brown undifferenzierte und schiefe Seitenhiebe gegen den Kampf gegen den Terror der US-Regierung eingebaut; politisch niveaulose Propaganda hat in einem guten Roman nichts zu suchen. Die Humanität der Rettungsfolter kann man nicht mit dem Zeigen sadistischer „Folter“ widerlegen, die Humanität von Verteidigungskriegen nicht mit historischen Eroberungskriegen verwechseln usw. usf.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Thomas A. Szlezák: Platon lesen (1993)

Allgemeinbildende Grundeinsichten zu Platons Dialogen

Die Dialoge Platons sind grundlegende Texte unserer Kultur der Aufklärung und können und sollten von jedem gelesen werden. Auf einer oberflächlichen Ebene sind sie auch leicht und unmittelbar zu verstehen.

Doch wer etwas tiefer in die Materie eindringen möchte und die Frage stellt, was Platon mit seinen Dialogen genau bezweckte und sagen wollte, der ist mit „Platon lesen“ von Szlezák zunächst ganz gut bedient. Was hier über Platon gesagt wird, gehört genauso zur grundlegenden Allgemeinbildung wie die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung über die Texte von Bibel, Koran u.a.

Natürlich ist nicht alles, was Szlezák sagt, unumstritten, so z. B. seine Auffassungen zur Verwendung des Begriffes „Mythos“ durch Platon. Dennoch: Leseempfehlung!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 11. März 2011)