
Ein konservativer Rebell; Einblicke in ein anderes Italien
Jeder kennt die Filme mit Don Camillo und Peppone, aber kaum einer hat sie ernst genommen. Es scheint sich um Klamauk und Comedy zu handeln, und wenn Con Camillo mit Jesus spricht, wird es kitschig. Doch der geistige Vater von Don Camillo ist ein Gigant der italienischen Geistesgeschichte, scheinbar vergessen und unterschätzt.
Ein konservativer Rebell
Giovannino Guareschi (1908-1968) war ein durch und durch katholischer Mensch, geprägt von der Volksfrömmigkeit der „Bassa“, d.h. der Po-Ebene in Norditalien, einer katholischen Provinz wie aus dem Bilderbuch. Mit seinem Glauben stürzte er sich in die Politik, aber nicht als Politiker, sondern als Satiriker und bissiger Kommentator. Seine Zeitschrift „Candido“ übte in den 1950ern großen Einfluss in ganz Italien aus und hatte einen maßgeblichen Anteil daran, dass die Christdemokraten sich gegen Kommunisten und Sozialisten durchsetzen konnten. Von seinem Glauben her kritisierte Guareschi alle, die Kommunisten und Sozialisten ebenso wie die Christdemokraten. Er saß praktisch zwischen allen Stühlen und ging für seine Überzeugungen auch ins Gefängnis. Zuletzt kritisierte er auch die beginnende Modernisierung der katholischen Kirche.
Guareschi ist der Prototyp eines Menschen, der unberührt von den Kräften der Zeit in einem ganz eigenen, geistigen Universum lebt. Das gab ihm eine besondere Lebenskraft, die ihn nicht nur die Kriegsgefangenschaft als italienischer Soldat bei den Deutschen überleben ließ, sondern auch dazu führte, dass er sich mit keinem Zeitgeist je anfreunden konnte. Immer sah er sofort, wo Irrtum und Heuchelei lauerten, und wo die Mächtigen über die kleinen Leute hinwegschritten. Mit seiner Satire von Don Camillo und Peppone spießte Guareschi den (Un-)Geist seiner Zeit auf und zeigte den Menschen, dass nur eine non-konformistische, individuelle Gewissensentscheidung zum Guten führt.
Einblicke in ein anderes Italien
Italien ist uns intellektuell vor allem durch Umberto Eco bekannt, der ein Linksliberaler der alten Schule war. Guareschi eröffnet aber einen Blick auf das konservative, damals vielleicht sogar monarchistische Italien, das es auch gab und gibt. Sich selbst nannte Guareschi ein „Kind zweier Italien“: Sein Vater war Sozialist, seine Mutter gläubige Katholikin.
Das Buch gibt Einblicke in unbekannte Tiefenschichten der jüngeren italienischen Geschichte. Es ist auch interessant zu vergleichen: Wie kam es z.B. in Italien zum Ende der Monarchie, wie in Deutschland? In beiden Ländern war dies keine völlig klare Entscheidung. Das alles wird von Marco Gallina mit einem knappen Stil, der sich auf das Wesentliche beschränkt, in einem wunderbar lesbaren Buch beschrieben.
Kritik
Vielleicht könnte man Guareschi manchmal Derbheit und Kitsch vorwerfen. Aber das wäre wohl meist ein unpassender und zeitbedingter Vorwurf. Die Filme über Don Camillo und Peppone wurden von Guareschi teils selbst kritisiert, weil sie zu sehr von seinen Intentionen abwichen.
Der skeptische Leser fragt sich auch dies: Guareschi kritisierte alle möglichen Mächte, die Kommunisten, die Christdemokraten, die Gewerkschaften, die USA usw., aber er selbst war mit seinem Glauben natürlich ebenfalls bei einer solchen Macht angebunden, nämlich bei der katholischen Kirche. Zugegeben: Die katholische Kirche ist vergleichsweise verlässlich. Aber natürlich führt auch diese Institution ihre Mitglieder am Nasenring durch die Manege, wenn es darauf ankommt. Guareschi kam durch die Veränderungen im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils in einen gewissen Konflikt mit seiner Kirche, aber eine echte Nagelprobe ist ihm erspart geblieben. Oder Guareschi hat eine Zuspitzung dieses Konfliks bewusst vermieden, weil er innerlich ahnte, was das Ergebnis gewesen wäre.
Bewertung: 5 von 5 Sternen.
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