Schlagwort: Historische Kritik (Seite 1 von 2)

Mark A. Gabriel: Islam und Terrorismus – Was der Koran wirklich über Christentum, Gewalt und die Ziele des Djihad lehrt (2002)

Gutes Buch – Schlechtes Buch – Differenzierung

Das Buch von Mark A. Gabriel beschreibt den Islam in hervorragender Weise. So erscheint es jedenfalls zunächst. Von den Anfängen mit Mohammed, der ein blutrünstiger und mörderischer Kriegsherr war und befahl, die ganze Welt zu erobern. Von den zahllosen Versen im Koran, die zu Gewalt und Mord aufrufen. Vom Dschihad als Angriff und Unterwerfung. Von der Lehre der Abrogation, derzufolge „milde“ Verse durch spätere Gewaltverse überschrieben werden. Von der Tötung der Apostaten. Von der Unterdrückung der Frauen. Von der Sklaverei. Von der Lehre, dass Muslime lügen dürfen, um ihre wahren Absichten zu verschleiern. Es wird nichts ausgelassen.

Und ja: Diesen Islam, den Mark A. Gabriel hier beschreibt, den gibt es wirklich. Wir sehen ihn überall. Wir erleben ihn überall. Westliche Islamverbände versuchen, das Bild weich zu zeichnen, doch es ist offensichtlich, dass sie nur verschleiern wollen, was unter der Decke wirklich stattfindet. Es ist falsch, wenn unsere Politiker sagen, es sei nur der Islamismus, während „der Islam“ völlig harmlos sei. Nein, es ist nicht nur der Islamismus. Es ist auch der traditionelle Islam. Es ist auch der Traditionalismus, nicht nur der Islamismus.

Als Warnung vor einer echten Gefahr ist dies ein wirklich gutes Buch.

Warum ist es dennoch ein schlechtes Buch?

Ein Vergleich mag zeigen, warum dies ein schlechtes Buch ist. Stellen wir uns einen Beobachter des Christentums vor, der im Jahr 1500 beschreibt, was er sieht.

Er sieht eine totalitäre Weltkirche, vom Papst diktatorisch beherrscht. Diese Kirche rechtfertigt die Herrschaft von Königen und Adligen über die Menschen als gottgewollt. Bauern leben praktisch wie Sklaven unter ihren Herren. Frauen sind ihren Männern untertan und müssen ihr Haupt bedecken. Hexen und Ketzer werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Juden müssen in Ghettos leben. Hin und wieder kommt es zu einem Judenpogrom. Die arme Bevölkerung wird über den Ablasshandel weiter ausgepresst. Christliche Heere erobern blutig das neu entdeckte Amerika. Bei der Ausbreitung des Christentums wird nicht zimperlich vorgegangen. Große Teile der Indio-Bevölkerung kommen ums Leben, der klägliche Rest wird versklavt. Die Indio-Kultur wird ausgelöscht, denn sie gilt als gottlos. Reformer wie Jan Hus wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Einzelne Reformstimmen wie z.B. Erasmus von Rotterdam bleiben ungehört. Auch der Reformer Martin Luther wird bald für vogelfrei erklärt werden.

Wir sehen wahrlich kein gutes Bild des Christentums. Der Beobachter hat aber einen Punkt: Die Beschreibung ist nämlich nicht falsch. Alles das gab es im Jahr 1500 wirklich. Das Christentum war damals in keinem guten Zustand.

Wenn der fiktive Beobachter des Jahres 1500 jetzt sagen würde: Seht, so ist das Christentum! So war es immer. So wird es immer sein. Denn das steht ja auch alles in der Bibel: Der Papst, die Kirche, das Verhältnis zu den Juden, die Unterdrückung der Frauen, die Verbrennung der Hexen: Es steht alles im heiligen Buch der Christen und kann niemals geändert werden! Denn die Bibel ist Gottes Wort! – Wäre das ein gerechtes, ein faires, ein gutes Urteil über das Christentum? Die Antwort ist klar: Nein, das wäre es nicht.

Wo liegen die Denkfehler des fiktiven Beobachters?

Der Beobachter des Jahres 1500 hat völlig vergessen, dass das Christentum in den letzten 1500 Jahren auch ganz anders war als das Christentum, das er in seiner Gegenwart erlebt. Der Beobachter irrt, dass die Zustände des Jahres 1500 alle in der Bibel festgeschrieben stehen. Das war nur die Deutung (!) des Bibeltextes im Jahr 1500 durch die Kirche. Doch der Text der Bibel selbst sagt so etwas nicht unbedingt. Und nicht zuletzt unterschätzt der Beobachter die Reformer völlig.

Der Beobachter ist völlig der falschen Suggestion der Traditionalisten erlegen, dass das alles schon immer so war und immer so sein müsse. Diesen Irrtum nennt man Traditionalismus. Traditionalismus ist kein Konservativismus. Konservativismus kann auf der Grundlage der Vernunft auch neue Deutungen akzeptieren. Traditionalismus ist ein Festhalten und Festklammern an einer mittelalterlichen Vorstellung von Kirche und Religion gegen jede Vernunft.

Die Fehler des Mark A. Gabriel

Und genau diese Fehler begeht auch Mark A. Gabriel bei seiner Beschreibung des Islam. Es ist einfach falsch, dass alle diese Lehren im Koran festgeschrieben stehen würden. Der Koran ist ein höchst widersprüchliches Buch, in dem Gebote zu Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und Gastfreundschaft direkt neben Tötungsbefehlen stehen. Viele angebliche Lehren des Koran stehen auch gar nicht im Koran, sondern in der Hadith-Literatur, die erst Jahrhunderte nach Mohammed aufgezeichnet wurde. Kann man diese Texte auch anders deuten als der aktuell vorherrschende Islam? Aber natürlich kann man das! Mark A. Gabriel ist der Suggestion der Traditionalisten erlegen.

Und die Lehren des Koran sind in der Vergangenheit tatsächlich auch vielfach anders gedeutet worden. Mark A. Gabriel unterschlägt völlig die lange und windungsreiche Geschichte des Islam und tut so, als wäre der Islam in 1400 Jahren völlig unverändert geblieben. Schon wieder ist er der Suggestion der Traditionalisten erlegen! Keine Religion bleibt über 1400 Jahre unverändert. Das sollte einem schon der gesunde Menschenverstand sagen.

Bereits die Anfänge des Islam waren ganz anders, als die Traditionalisten es sich vorstellen. Die historisch-kritische Forschung zeichnet heute ein völlig anderes Bild der Anfänge des Islam als die traditionellen Überlieferungen, die erst Jahrhunderte nach Mohammed erstmals aufgezeichnet wurden. Mohammed war kein blutrünstiger Kriegsherr, und er wollte auch gewiss nicht die Welt erobern. Dann gab es auch eine Phase, in der sich der Islam auf der Grundlage der antiken Philosophie dem Rationalismus zuwandte (Mutazila) und höchst moderne Lehren vertrat. Dschihad wurde von manchen Gelehrten klar auf einen Verteidigungskrieg beschränkt, und zwar im Einklang mit der Kriegslehre Platons im Dialog Nomoi. Es ist derselbe Platon, der auch Grundlage der europäischen Kultur ist. Nicht zu vergessen die Reformbemühungen im Islam seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts, die mit viel Optimismus bis zum Ersten Weltkrieg vorangetrieben wurden. Erst die Reaktion auf die Eroberung der arabischen Welt durch Briten und Franzosen brachte die Reformbemühungen zu einem Ende, und es entstand der politische Islam, der Islamismus, wie wir ihn heute kennen. Seitdem wird der Islam von Traditionalisten und Islamisten beherrscht.

Mark A. Gabriel ist auch ungerecht, wenn er dem Islam das Christentum als bessere Religion gegenüberstellt. Manche sagen z.B., Jesus wäre friedliebend gewesen, so dass er auch die andere Wange hinhielt und lieber ans Kreuz ging. Ein solcher Religionsgründer ist jedoch genauso problematisch wie ein blutrünstiger Kriegsherr. Denn es ist das andere Extrem. Wer das Böse gewähren lässt, wird keine gerechte Gesellschaft errichten können. Aber kein christlicher Islamkritiker verschwendet einen Gedanken auf dieses ernste Problem.

Wer jetzt einwendet, dass Jesus und das Neue Testament gar nicht so friedliebend sind, wie viele meinen, hat vielleicht Recht, gibt aber damit gleichzeitig zu, dass vorherrschende Deutungen auch falsch sein können. Und natürlich entstehen mit einem nicht-friedlichen Jesus neue Probleme: Bis hin zur Rechtfertigung von Kreuzzügen, weil Jesus sagte, er bringe keinen Frieden, sondern das Schwert. Ja, so wurden die Kreuzzüge theologisch begründet, so falsch das auch gewesen sein mag: Das war die damals vorherrschende Deutung.

Wenn wir an die Emanzipation der Frau denken, dann ist diese in den christlichen Ländern noch keine 100 Jahre her, und die kirchliche Akzeptanz der Gleichberechtigung vielleicht erst 50 Jahre her, und das in 2000 Jahren Geschichte des Christentums. Auch die Sklaverei wurde von den Christen lange nicht abgeschafft, sondern erst um 1800. Da hat sich das Christentum aber sehr lange Zeit gelassen, seine guten Seiten zu zeigen, könnte man sagen!

In Wahrheit waren die Abläufe ja auch ganz anders: Es sind Humanismus und Aufklärung, die sich der Wiedergeburt der philosophischen Ideen der Antike verdanken, die ab 1500 zu greifen begannen. Christliche Humanisten und Aufklärer haben das Christentum zu Reformen gebracht, und zwar immer wieder gegen den Willen der Traditionalisten in der Kirche. So entstand schrittweise das menschenfreundliche Christentum, wie wir es heute kennen. Ein menschenfreundliches Christentum konnte glaubwürdig entstehen, weil die Anfänge des Christentums anders waren, als man um 1500 dachte. Also genau derselbe Vorgang, den auch der Islam in der Zeit der Mutazila und bei anderen Gelegenheiten erlebt hat und noch in Zukunft erleben könnte.

Was die aktuellen Reformbewegungen im Islam anbelangt, schweigt Mark A. Gabriel völlig. Das ist natürlich ein totales Versagen. Gewiss, diese Reformbewegungen ändern am schlechten Gesamtbild des aktuellen Islam erst einmal nicht viel. Aber es wäre ein großer Fehler, sie nicht im Auge zu behalten. In Marokko z.B. wurde die Lehre von der Tötung von Apostaten vom höchsten Fatwa-Rat abgeschafft. Und zwar mit einer historisch-kritischen Begründung: Die entsprechenden Aussagen im Koran beziehen sich nach Meinung des Fatwa-Rates auf eine Kriegssituation, und was an dieser Stelle mit dem Tod bestraft wird, ist nicht der Abfall vom Glauben, sondern der Hochverrat im Krieg. Eine logisch und historisch schlüssige Argumentation, die Schule machen könnte. Mit Argumenten dieser Art wurde auch das Christentum reformiert. Es wäre ganz falsch, solche Reformbewegungen einfach zu ignorieren. Hier kann sehr schnell aus etwas Kleinem etwas Großes werden.

Völlig verrückt ist auch der Lösungsvorschlag von Mark A. Gabriel: Die Muslime sollen zum Christentum bekehrt werden, meint er. Natürlich darf ein Christ Muslime bekehren wollen, aber wie realistisch ist es, das als große Lösung für das Problem zu verkaufen?! Es ist bestenfalls eine sehr, sehr kleine Teillösung.

Zusammenfassung

Mark A. Gabriel hat einen richtigen und wichtigen Punkt: Der Islam in seinem aktuellen Zustand, der von Traditionalisten und Islamisten beherrscht wird, ist eine echte Gefahr.

Es wäre aber ganz falsch zu sagen, dass „der Islam“ so sei, und dass Islamreformer praktisch ignoriert werden könnten, weil das nur Traumtänzer seien. Damit wirft man den Reformern Knüppel zwischen die Beine, schlägt allen gutwilligen Muslimen die Tür vor der Nase zu und treibt die Muslime in die Arme von Traditionalisten und Islamisten. Das ist selten dämlich.

Beim Islam muss natürlich zweigleisig vorgegangen werden: Einerseits muss man gegen Islamismus und Traditionalismus vorgehen. Andererseits muss man gutwilligen Muslimen die Möglichkeit eröffnen, einen reformierten Islam zu entwickeln. Eine pauschale Verurteilung des Islam verbietet sich deshalb genauso wie eine pauschale Verharmlosung des Islam. Was verurteilt werden muss sind Islamismus und Traditionalismus, nicht „der Islam“, auch wenn dieser aktuell von Islamismus und Traditionalismus beherrscht wird.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

Stephen P. Kershaw: A Brief History of Atlantis – Plato’s Ideal State (2017)

Buy this book – although it is not fair to its readers

A certain part of a scholar’s life is dedicated to „ghost busting“, i.e. to debunk wrong concepts existing out there, in the coarse reality of popular books, colourful magazines, and the vastness of the internet, and to provide the basis for a better understanding of reality at an academic level to all who are interested. This had been the basic idea of this book, possibly. And who would not support such a noble purpose? But you can exaggerate everything by going to the other extreme.

This book is deeply disappointing. After Vidal-Naquet’s one-sided book from 2005, written against all sorts of Atlantis supporters without exception, there was a chance to provide a more balanced view to the interested public, and to include new arguments. But the opportunity has been missed again. And like Vidal-Naquet’s work, this book is not fair to its readers: The readers are manipulated by all sorts of unacceptable omissions, oversimplistic arguments, and misleading wordings, as will be demonstrated in the following. Furthermore, the book contains many mistakes.

Manipulative Style

The manipulation starts right on page 1 in the very first line. There, the Atlantis story is addressed as a „myth“ without further ado. But if one thing is sure, then that Atlantis is not a myth. Because Atlantis is presented in Plato’s dialogues as a true story, not as a myth. Even if it is an invention, it is still not a myth. Atlantis is presented as the opposite of a myth. The story allegedly came from Egypt where it had been preserved in written form over a very long time thanks to the continuity of the Egyptian civilization. The claim of Plato’s dialogues is, that Egyptian texts provide a window into the past, bridging the time of which the Greeks only know myths, or nothing at all. And it is true: Egyptian texts do indeed tell such stories of ancient times, and still today Egyptologists are able to tell a lot about other countries and peoples of which information has been preserved in ancient Egyptian texts. But this book stubbornly ignores this reasonable claim which deserves to be taken seriously and discussed. This book just goes on right from page 1 to press for the idea that the Atlantis story is a myth, time and again throughout the whole book. Time and again the question is raised why there is no connection between traditional Greek mythology and the Atlantis „myth“. A question for which there is no legitimate reason to be asked.

And right on page 1, the Atlantis story is called a „tale“. The word „tale“ is explicitly presented as the translation of the Greek „logos“ without further ado. But this is plainly wrong. The word „logos“ has to be translated with a neutral word such as „story“ or „narration“, here, whereas the word „tale“ has a clear inclination towards a fabulous and imaginative meaning. Surprisingly, the book itself reveals the correct translation of „logos“ with neutral words such as „account“ or „story“, but only in footnote 38 on page 361. Why hiding away the correct translation, while at the same time penetratingly talking of the „Atlantis tale“ throughout the whole book?

The myth … the tale … the myth … the tale … – it is really annoying, how this book tries to hammer down its message into the brains of its readers. The book really seems to be written to „program“ the readers: Time and again, chapters begin with a special section in which some mythical and fabulous context is presented, or any kind of chaos and confusion is produced concerning the allegedly correct understanding of myth and truth. By putting Atlantis time and again in such contexts – in which it does not belong – the reader is step by step led to develop a biased perspective on the subject. You feel like brainwashed after a while.

So, the very first chapter does not deal with Atlantis at all, but presents all sorts of mythical and fabulous stories about far-away lands and towns in Greek literature. But the book does not mention and discuss the following things:

  • Atlantis is no myth and cannot be put into the context of myths.
  • Atlantis is no vague memory but presented as factual story from a written historical tradition with clear details, and anchored in known reality (Sais, Pillars of Hercules, geology of Athens). In antiquity, there was even no discussion about the location of Atlantis, because the (alleged) location of Atlantis is clearly defined, too.
  • Atlantis is no „paradise“, and no „wondrous“ island, as the book repeats time and again. There are no magical „wonders“ in Atlantis, and in the works of Herodotus you find bigger buildings, larger armies, similarly fertile land, and older countries; and Herodotus was a serious writer, not a myth-maker.
  • Some of the presented fabulous lands and towns are not fabulous but real. Only some of their features are fabulous, or distorted. This could well be the case with Atlantis, too, but why does this book not discuss this?
  • Some of the allegedly „mythical“ aspects of the Atlantis story are clearly not meant to be mythical by Plato, because Plato himself believed them. These are things such as a cyclical model of history, an age of Egypt of 10000 years and more, periodic natural disasters (mentioned only in footnote 43 on page 362), that good climate generates best people at the same place time and again (mentioned only in footnote 74 on page 368), or that there is no quarrel among gods.

Historical-critical approaches?

It is a major failure of this book to omit a serious discussion of historical-critical approaches. The word „historical-critical“ does not appear once in the whole book. Historical-critical approaches such as Zangger’s hypothesis concerning Troy, or the hypotheses concerning the Minoan civilization, are rejected in this book by the simplistic opinion that they do not fit to Plato’s description, and that any change of Plato’s description would be arbitrary. To express this opinion, the book puts forward the oft-cited word of Sprague de Camp about changing King Arthur into Queen Cleopatra (page 294). This oft-cited word misses the point completely.

Only on one single page, it is page 34, this book admits the necessity of a historical-critical reading: In connection with Herodotus’ works, there is talk of „the dangers of the literal interpretation of ancient evidence, especially when it comes to the dimensions of things.“ Very true indeed. But why then does this book put forward time and again with explicit or silent agreement simplistic opinions such as the opinion of Christos Doumas, that Atlantis cannot be situated in the Mediterranean Sea because the Pillars of Hercules are obviously placed at Gibraltar (footnote 80 on page 368 f.)? This is exactly the simple-minded literal interpretation, of which this book correctly warned on page 34.

Surprisingly, this book does not mention the important Sea Peoples hypothesis of Wilhelm von Christ from 1886, although it is a key component of most of the historical-critical approaches. The reader wonders: Why that? Furthermore, important academic scholars who were at least open to discuss Atlantis as a real place are not mentioned, among them Theodor Gomperz, Wilhelm Brandenstein, Massimo Pallottino, Rhys Carpenter, Sir Desmond Lee, and Herwig Görgemanns. This book even does not sort the historical-critical approaches together in one chapter. Zangger’s hypothesis is put together with crazy horses such as Hanns Hörbiger, Immanuel Velikovsky, and Erich von Däniken, next to whom Zangger is placed. This is clearly meant as a message. This book does not shy away to ridicule academic dissenters in order to hammer down its one-sided message into the brains of its readers.

Also very telling is the fact, that despite amassing all sorts of mythical and fabulous and incredible tales, this book carefully avoids mentioning that Herodotus believed that Egypt is 11000 years old, and even older. And only hidden away in a footnote the information is given that even Plato himself mentions an age of Egypt of more than 10000 years in the dialogue „The Laws“ (footnote 67 on page 366 f.). – And in this footnote, this is mentioned only in order to (ab-)use it for the suggestion that the variations of numbers (9000, 8000, 10000, …) allegedly mean that Plato himself did not take his numbers seriously. Scholars discussing Plato’s cyclical view of history would throw up their hands in horror when confronted with this opinion!

So, the Greeks in general had a wrong view of history and chronology and believed that Egypt is older than 10000 years, and Plato’s Atlantis with its age of 9000 years blends perfectly into this picture. Which means that the 9000 years of Atlantis sounded reasonable in Plato’s time, and that there is no reason to see an invention, but rather a common mistake of the time. – Yet instead of starting a reasonable historical-critical discussion, this book just presses for the simplistic view that with an age of 9000 years Atlantis would have existed in Stone Age (e.g. page 333, or footnote 69 on page 367 f.), and no further discussion is considered necessary beyond the literal reading. This is too easy.

Herodotus

It is no wonder, that we find Herodotus and his works generally misrepresented in this book. When there is talk about the spectrum of academic opinions about Herodotus, this book starts to talk about the radical skeptics who even do not believe that Herodotus was in Egypt at all, and then … the depiction of the spectrum of opinions about Herodotus surprisingly ends unfinished without further ado (page 33). The reader gets to know only about these radical skeptics. As if they represented the mainstream opinion in academia, what they do not.

The reader does not get to know that Herodotus put his sources under scrutiny. That Herodotus often added his opinion about how reliable a story is, or that he expresses the opinion that he feels obliged to write about something although he does not believe it. That Herodotus made different use of the words „mythos“ and „logos“ according to the reliablity of the story. The Greek word „historie“ coined by Herodotus translates to „research“, i.e. research for what had really happened, in order to preserve it for posterity. There are scholars who do not hesitate to see in Herodotus the first beginnings of history writing as a science. – But this book tells a completely other story (page 33): That Herodotus allegedly did not distinguish myth and history. That he allegedly did not act like a scientist. That Herodotus allegedly would come from a world where history is told in myths: Not true! Herodotus was part of the generation of the sophists, and he is clearly influenced by sophistic skepticism. Finally, this books’ opinion that a special meaning of „historia“ in Proclus’ works in Late Antiquity (rather „story“ than „history“) applied to „ancient Greece“ as a whole, and to Herodotus (page 117, 320), is clearly wrong.

Concerning Herodotus’ visit in Sais, the book presses for the question why Herodotus did not get to know anything about Atlantis there: „The historian reports a great deal of interesting information that he gleaned at Sais, but if the priest told him anything about Atlantis, he didn’t include it in his work.“ (page 32). But it is clearly wrong that Herodotus „reports a great deal of interesting information that he gleaned at Sais“ from the priest. Quite the opposite is true. Herodotus was told only one single myth by the priest, and afterwards Herodotus guessed whether the priest had ridiculed him. Why does this book pretend that Herodotus „reports a great deal of interesting information that he gleaned at Sais“ from the priest? Besides this, there are many published good reasons why Herodotus – unlike Solon – did not get to know anything about Atlantis in Sais. But none of them is mentioned in this book.

Aristotle

Concerning the important opinion of Aristotle, there is an interesting change of argument in this book, compared with the argument put forward in 2007 in the book about mythology by the same author. In 2007, it was simply claimed without further ado that in Strabo 2.3.6 there would be an explicit statement by Aristotle against the existence of Plato’s Atlantis. Now in 2017, complicated considerations are offered to the readers on this topic. Why this? The reason is that in 2010 the book „Aristoteles und Atlantis“ by Thorwald C. Franke had been published which disproved the claim that Aristotle spoke out against the existence of Atlantis. The English translation of Franke’s book is listed in the bibliography, but the reader is not informed about it and its arguments.

The complicated considerations now offered try to uphold the disproved claim. They are about similarities of words, and about Aristotle’s statement about the non-existence of the so-called „wall of the Achaeans“. But in the end, this book just only jumps (!) without further ado to the conclusion that Aristotle’s authorship of the statement about the non-existence of the „wall of the Achaeans“ somehow jumps over to the authorship of the statement about the non-existence of Atlantis (page 114). How, is not really explained. The impression cannot be avoided that the complicated considerations are written in the hope that the readers do not realize that there is a serious gap in this argument. And not one of the several counterarguments against Aristotle’s authorship of this statement are mentioned.

Concerning the similarities of words, this book follows the unfounded speculations of Harold A. Tarrant: The similarity of mere words such as „obliterate“ and „invent“ in various phrases in Greek literature allegedly gives a hint that Aristotle is the author of all of these phrases, including the phrase of „(not!) inventing“ and „obliterating“ Atlantis. But this is very questionable, since different people often use similar words when talking about similar things. And is there really a similarity between the phrase „invented“ and the phrase „not invented“ – or isn’t this quite the opposite thing? Is there still a similarity when similar words are used in very different grammatical forms? And finally: Even if all these phrases indeed had been put into words by the same author, and even if this author was Aristotle (if…if…if…if), who says that Aristotle didn’t insert a „not“ concerning Atlantis, as did Plato? You cannot draw any conclusion from such unfounded speculations.

What you can do instead, is looking for other hints about the opinion of Aristotle. And there you will quickly find many arguments which point to the conclusion that Aristotle was inclined to consider Atlantis rather a real place than an invention. The claim, that in Strabo 2.3.6 there is a statement by Aristotle against the existence of Plato’s Atlantis, is dead, and the longer scholars need to accept this new situation, the more incredible they become. This erroneous claim came into being in the year 1816, by a mistake, as can be demonstrated. Before 1816 no one ever claimed that Aristotle spoke out against the existence of Plato’s Atlantis. Quite the contrary: In the light of the other hints to Aristotle’s opinion, Aristotle had always been considered an Atlantis supporter until the 19th century, when the erroneous view came into being.

Other Ancient Authors

Concerning Crantor, this book presents the opinion of Harold A. Tarrant, that the word „historia“ does not necessarily mean „history“ in the context of Proclus’ works, but rather „story“ in a neutral sense. This is correct. Yet Crantor is still on the side of the Atlantis supporters since he tried to put forward evidence for its existence – you cannot strike him off the list of Atlantis supporters only because of a possible special meaning of „historia“. By the way, Tarrant’s opinion, that Plato was accused not of a lack of originality / of plagiarism, but of having fetched his political ideas from Egypt, is groundless and wrong for several reasons.

The whole idea presented in this book, that Egypt was considered a place of negative and incredible information by the Greeks and especially by Plato, is wrong. Plato, as an intelligent person, had obviously a differentiated view. And how could Plato defend himself against plagiarism from Egypt with the Atlantis story which allegedly came … from Egypt? Atlantis skeptics ensnare themselves in increasingly contradictory claims with this line of argument.

Concerning Theophrastus, who was the direct successor of Aristotle as head of Aristotle’s school, the book relies on Runia’s opinion that Theophrastus’ words about Atlantis as a real place are not written by Theophrastus but inserted by a later author. Yet this book does not tell its readers that Runia clearly says that he has no evidence for this, and that this is rather a feeling because Aristotle allegedly spoke out against the existence of Atlantis. But … what if Aristotle did not, as we have seen? Thus, the claim that Theophrastus, the direct successor to Aristotle, did not talk about Atlantis as a real place, is groundless, and this book should have told this to its readers.

Concerning the influential polymath Posidonius, who was a faithful follower of Aristotle’s geographical views and who spoke out in favour of the existence of Plato’s Atlantis, this book spends only one meagre paragraph and does everything to talk down his opinion. The sentence that Posidonius „reputedly endorsed the existence“ of Atlantis is questionable (page 129). Why „reputedly“? According to Strabo, Posidonius did this indeed, and there is no reason to doubt this.

We could go on talking about a lot more misrepresentations in this book, e.g. of the opinion of Cassius Longinus, yet enough of that. Let us now provide a list of ancient thinkers who wrote about Plato’s Atlantis but are omitted in this book: Strabo (only mentioned in passing when talking about Posidonius), Athenaios of Naucratis, Galenus, Zoticus, Calcidius (mentioned but not discussed), and Martianus Capella. Some of these ancient authors were found and presented to the public for the first time by Thorwald C. Franke in 2016, i.e. one year before this book was published. In addition to these authors, there were many authors who did not mention Atlantis explicitly but who confirmed important parts of the Atlantis story, so that we can safely conclude that they were in favour of the existence of Atlantis.

The Middle Ages

The Middle Ages are clearly misrepresented in this book, too. In one meagre paragraph (on page 157), this book still spreads the modern myth that in the Middle Ages no one discussed Plato’s Atlantis. But what about Remigius of Auxerre, Honorius Augustodunensis, Hugo of St. Viktor, Bernard of Chartres, William of Conches, Vincent of Beauvais, Walther of Metz, Albertus Magnus, Pietro d’Abano, Thomas Bradwardine, or Pierre d’Ailly? Some of them were in favour of, some of them against the existence of Atlantis … the modern myth of the Middle Ages as a silent time concerning Plato’s Atlantis is clearly disproved. The disproval was published by Thorwald C. Franke in 2016, one year before this book has been published.

The so-called „Platonic Myths“

It is very sad that this book does not develop an appropriate understanding of the so-called „Platonic Myths“. Without this, you only can go wrong. This can be observed with most Atlantis skeptics and most Atlantis supporters. It is a necessity to discuss the difference of „mythos“ and „myth“, because this is not the same! It would have been crucial to understand that a „Platonic Myth“ is not necessarily a myth. And what an „eikos mythos“ is. Instead, this book intersperses here and there short statements about „Plato’s myths“ which are either misleading or clearly wrong. On page 4 it is said: „Plato often used and invented myths …“. But were these „myths“ myths? And were these „myths“ really invented? And if invented, according to which rules? Scholars have developed a considerably more complicated view on the topic than this sentence claims. But this book just translates „mythos“ with „myth“ and comes to wrong conclusions, as can be seen on page 33: „Plato also uses mythos (‚myth‘) to get at the truth: understanding is more important than facts.“ This is not correct at least for certain types of „Platonic Myths“. Repeatedly, the book refers to Republic 382d in order to provide appalling and wrong interpretations of this passage: Here, Plato developed the concept of approaching truth, if the truth itself is not exactly known. The best approach to truth is still a mythos but as long as it is the best approach we have to keep this mythos (and now it is important: this mythos is not necessarily a myth and especially not a falsified story!). This is the concept of modern science, of establishing hypotheses, testing these hypotheses, keeping them as long as we have nothing better, and replacing them repeatedly by more and more correct hypotheses. – But this book interprets it as the permission to create lies and fabricated myths of which the creator knows that they are lies and wrong, in order to transport a moral lesson with them (page 311 and footnote 37, page 328). This is the ultimate misunderstanding of Plato’s intentions.

In this connection, it has to be observed, that this book suffers from the mistake to differentiate the historical tradition about Atlantis from Egypt on the one hand side, and what Critias makes of it in his speech on the other hand side. Only in footnote 102 on page 371 f. there is finally talk about this difference just in order to ignore it as unimportant without further ado.

Modern era

Concerning the development of Atlantis hypotheses after the Middle Ages until today, this book tells the usual „black legend“: That the Atlantis story had been used to justify conquest and nationalism, and finally it served „the Nazis“ as a basis for their ideology. Of course, this „black legend“ is completely wrong.

Spanish conquistadores did not use Atlantis as a justification for their conquests. Here, this book just copies a mistake from Vidal-Naquet’s book concerning Johannes Goropius Becanus. And John Dee did not use Atlantis as a justification for British claims in America. John Dee called America Atlantis, yet his claims were founded on a certain Madoc who allegedly discovered America before Columbus, and not at all on Atlantis. It would have been worth to mention Sigüenza who used the Atlantis story for the opposite purpose, i.e. in order to justify the claim that the American Indians are human beings as the Europeans. But such positive views are omitted. It is also very questionable to represent Carli or Rudbeck as driven by nationalism. Didn’t their claim that all peoples came from Atlantis establish a common bond among the various peoples? Carli and Rudbeck were patriots indeed, but nationalists „avant la lettre“? No.

This book breathes an unintelligent atmosphere, where every Atlantis skeptic is praised as a modern rationalist, whereas every Atlantis supporter is ridiculed and considered silly. By this simplistic approach the real essence and the achievements of former times and thinkers are not appreciated appropriately but are put to undeserved mockery. It would have been worth e.g., to mention that Ficino and Kircher started to develop an understanding of „Platonic Myths“. The „Pre-Adamites“ of La Peyrère are also no reason for mockery, but an important step towards abandoning the dogma of biblical chronology according to which the world is only 6000 years old. Or it would have been a necessity to discuss that Thomas Henri Martin, although believing that the Atlantis story is not true, still believed that the Atlantis story came from Egypt – which is an opinion clearly opposed to the perspective and concept of this book. Although Martin’s opinion is cited in this book, it is passed over without spending a single word on it.

Finally, „the Nazis“. If one thing is sure, then that „the Nazis“ did not believe in Atlantis. Heinrich Himmler did, yet „the Nazis“ did not. Nevertheless, this book repeatedly speaks of „the Nazis“, even in headlines, and writes „that Nazi ideology was happy to embrace the idea that the Atlanteans generated the Aryan race.“ Furthermore, this book sublimely suggests that the atrocities of National Socialism were somehow connected with the alleged belief in Atlantis, by statements such as: „Those who can make you believe absurdities can make you commit atrocities.“ or: „But the fact that German’s history in the 1930s and 1940s is anything but wondrous owes a certain amount to the kind of manipulation of the truth that pseudoscientific Atlantis speculation perpetrates.“ (pages 261, 264, 268). – This depiction of an alleged Nazi-Atlantis connection is itself pseudo-history in the line of Indiana Jones movies. The book also suffers from a serious lack of cited literature, since Richard Wagner, Rosenberg and Goodrick-Clarke are missing entirely. – While this book presses for an alleged Nazi-Atlantis connection, connections between Atlantis belief and Socialism are completely omitted.

Atlantis Skepticism?

This book concentrates a lot on the development of Atlantis location hypotheses but it does not focus on the development of Atlantis skepticism. This gives the reader the impression that there was no such development, as if „intelligent“ persons „always“ were Atlantis skeptics. But this is wrong. Atlantis skepticism prevailed in academia only beginning with the 19th century. This book does not talk about the Göttingen Empirists and Materialists, or Franz Susemihl, and in the chapter about Romanticism this book has completely „forgotten“ that Atlantis skepticism evolved exactly in the period of the „Romantic“ interpretation of Plato! For Romanticists, myths are everything, and rationality and facts are nothing, and they imputed this romantic attitude to Plato. The idea of Atlantis as a myth and an invention evolved from romantic ideas, under the perspective of a romantic interpretation of Platonic Myths. These wrong romantic ideas about Platonic Myths can still be identified … in this book! See above.

Furthermore, this book does not discuss the problems of the invention hypothesis. As if there were no such problems. What about the fact that the proponents of the invention hypothesis contradict each other in many aspects of their invention hypotheses? Some say e.g. that Plato used models from Herodotus for his alleged invention because he wanted to allude to the Persian Wars; others say that he used these models but he did not want them to be recognized as an allusion to anything; and others say that Plato did not use any models at all but invented everything out of thin air.

Concerning the Noble Lie, which is explicitly the preferred interpretation in many passages in this book, there are serious differences between scholars. Some say that the Atlantis story is not a Noble Lie at all. Others say, it is a Noble Lie but only within the dialogues, not for their readers in the real world. Others say that the Noble Lie is intended to deceive the readers of the dialogues. And of course: If the readers of the dialogues could not recognize the story as wrong, doesn’t this mean that it was believable in Plato’s times? And if it was believable, doesn’t this open up the possibility that Plato (and Solon, and the Egyptian priest) did not invent this story but made mistakes in interpreting ancient sources, such as the Greeks’ general mistake with the 10000+ years of Egypt? How do you distinguish a well-made deception from a true story with mistakes in it? Wouldn’t this question be worth to be discussed?

Many More Problems

The presented translation of Plato’s dialogues Timaeus and Critias contains some mistakes, yet these are no special mistakes of this translation. They are common mistakes of many other known translations. It is a pity that the comments to the translation are put into footnotes. They contain many important arguments! So you have to read through lengthy footnotes given in small print at the end of the book, which is very annoying.

We do not talk any more about the mistake to expect „Atlantis“ to be the name of Atlantis (pages 304, 333), although this is nonsense since „Atlantis“ is not a name as this book itself clearly says on page 3 and page 292 (against Erich von Däniken, by the way). Or about the mistake to assume 1000 years of oral tradition because of the difference of 8000 and 9000 years (footnote 66 on page 366). Or about the mistake to consider „oreichalkos“ simply and only as a „mythical“ substance (footnote 72 on page 378). Or about the mistake to interpret a „hos logos“ as indication that the story is invented (footnote 131 on page 384). Or about the mistake to see in Theopompus’ Meropis hints to an allegorical character of the Atlantis story (page 111). Or about the mistake to interpret Plinius’ „si Platoni credimus“ as doubt about the existence of Atlantis (page 136). Or about the mistake to realize that the Atlantis skepticism of Cosmas Indicopleustes indicates its opposite since Cosmas was a Christian fanatic against (!) the Classical Tradition (page 154). Or about the mistake to define the length of a stadion with 200 meters (footnote 8 on page 349). Many, many more things could be said, but we leave it at that.

In the very last chapter, the conclusion is drawn that „looking for Atlantis resembles trying to find Hogwarts in J.K. Rowling’s Harry Potter novels“. This comparison reveals that this book suffers from a serious lack of understanding of the problems it is dealing with. J.K. Rowling’s Harry Potter novels are not presented as true stories, but Plato’s Atlantis is. (Otherwise this book could not talk of it as a Noble Lie.) And J.K. Rowling’s Harry Potter novels contain many magical and phantastical elements, whereas Plato’s Atlantis story does not, at least in the eyes of Plato and his contemporaries – and this is the perspective which we have to consider: The historical-critical perspective.

Conclusion

Despite all understanding for the fight against all sorts of nonsense about Atlantis, it has to be criticized that this book exaggerates this fight and goes to the other extreme. This book is not fair to its readers. You cannot write a book like that any more – if you ever were allowed to write books like that. University scholars have to be very, very careful to avoid loosing their credibility. Because only credibility will provide them the authority to keep alive the ideal of academia, and to speak out against utter nonsense.

This review is not intended to prevent you from buying this book. If you are really interested in Atlantis as a real place, then please consider that you are credible only, if you engaged yourself with the arguments of Atlantis skeptics. Therefore: Buy this book, read it carefully, including the footnotes, and make up your own mind on the matter.

2018 edition under different title

In 2018, Kershaw’s book was reprinted by Pegasus Books for the US book market under a different title, without announcing that this is just the same book. Even on the copyright page this fact is not mentioned! The book itself is exactly the same, page by page, word by word, including bibliography and index. – Again, this book was not fair to its readers, who bought the same book twice under different titles. And it reminds of the repeated exercise of peudoscientific authors who edit their same books time and again under various titles.

Let us have a closer look at the few changes in title and blurb:

The author’s name:

  • UK: „Stephen P. Kershaw“
  • US: „Steve P. Kershaw, Ph.D.“

Obviously, the „Ph.D“ shall suggest academic competence, and „Steve“ sounds more American than „Stephen“?

The book’s title:

  • UK: „A brief history of Atlantis – Plato’s ideal state“
  • US: „The search for Atlantis – A history of Plato’s ideal state“

The US title inserts the aspect of „search“. Both versions contain the heavy mistake to suggest to the readers that Atlantis represented Plato’s ideal state.

The book’s blurb:

  • UK: The emphasis is completely on contemporary politics and „Trumpism“. First sentence of the blurb in style of a headline is: „Why today’s leaders should pay heed to Plato’s tales of an ideal state, and its ruin.“ Further: „contemporary relevance“, and: „post-truth world“, and: „should be prescribed reading for every political leader.“
  • US: The US blurb puts the emphasis on the aspect of the search, on open questions, and even omits completely that the basic idea of this book is that Atlantis is an invention and nothing more. In the jacket’s inside blurb, one sentence of the British version is repeated: „… should be prescribed reading for every political leader.“ And then the question follows, whether Atlantis is history or a parable, and this question is left open, as if the book left this question open.

Obviously, the US edition eliminated everything which could be understood as criticism of the Trump presidency, and wants to attract the supporters of the existence of Atlantis, by suggesting that the book is about search, about open questions, and by not giving any hint that this book proclaims a very clear and one-sided message: Atlantis is an invention, and Atlantis searchers are not very intelligent, or even evil.

Also the biographical text about the author has been shortened by ca. 50%, but no special observation, here.

Bibliography

  • Kershaw (2017): Stephen P. Kershaw, A Brief History of Atlantis – Plato’s Ideal State, Robinson, London 2017.
    Identical to:
  • Kershaw (2018): Steve P. Kershaw, The search for Atlantis – A history of Plato’s ideal state, Pegasus Books, New York 2018.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Atlantis-Scout November 2017)

Thomas A. Szlezák: Platon lesen (1993)

Allgemeinbildende Grundeinsichten zu Platons Dialogen

Die Dialoge Platons sind grundlegende Texte unserer Kultur der Aufklärung und können und sollten von jedem gelesen werden. Auf einer oberflächlichen Ebene sind sie auch leicht und unmittelbar zu verstehen.

Doch wer etwas tiefer in die Materie eindringen möchte und die Frage stellt, was Platon mit seinen Dialogen genau bezweckte und sagen wollte, der ist mit „Platon lesen“ von Szlezák zunächst ganz gut bedient. Was hier über Platon gesagt wird, gehört genauso zur grundlegenden Allgemeinbildung wie die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung über die Texte von Bibel, Koran u.a.

Natürlich ist nicht alles, was Szlezák sagt, unumstritten, so z. B. seine Auffassungen zur Verwendung des Begriffes „Mythos“ durch Platon. Dennoch: Leseempfehlung!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 11. März 2011)

Israel Finkelstein / Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho – Die archäologische Wahrheit über die Bibel (2001)

Sehr, sehr grundlegendes Allgemeinwissen für jedermann

Ich zähle „Keine Posaunen vor Jericho“ (Englisch: „The Bible Unearthed“) von Finkelstein und Silberman zu den 20 wichtigsten Sachbüchern, die man gelesen haben sollte. Warum? Weil darin sehr grundlegendes Wissen über unsere Weltwirklichkeit mithilfe der historisch-kritischen Methode vermittelt wird.

Das Buch legt verständlich aber fundiert den derzeitigen Stand der Wissenschaft dar, was der reale Hintergrund für die Entstehung des grundlegenden Teiles der Bibel war: Es handelt sich weniger um Berichte von realen Ereignissen, als vielmehr um Texte, die in theopolitischer Absicht komponiert wurden, zusammengesetzt aus Historie, Mythen, Legenden, Wunschdenken und Zielvorstellungen, geschrieben zur Erreichung eines bestimmten Zwecks in einer konkreten Situation in der damaligen Gegenwart.

Was profitiert man davon?

Zunächst wird man von der Illusion befreit, die biblischen Geschichten seien wörtlich wahr. Dies ist für das persönliche Weltbild wichtig, da diese Geschichten immer noch in Kindergarten, Schule und Literatur erzählt werden, wie wenn sie historisch wahr seien.

Auch wenn man nie selbst an diese Geschichten glaubte, kann man mithilfe dieses Wissens die christlich-jüdisch-islamisch geprägten Kulturen besser verstehen. Und diese Kulturen prägen die gesamte Welt.

Man erwirbt sich die grundlegende Kompetenz, auch bei anderen Texten historisch-kritisch zu hinterfragen, ob sie denn wahr sein könnten und was die wahre Absicht ihrer Verfasser war. Das einmal kennengelernte Prinzip kann auf jeden anderen Text übertragen werden: Auf das Neue Testament, auf den Koran, auf antike Philosophen und Historiker, bis hin zu modernen Texten und Filmen und ihren Hintergründen.

Man bekommt auch ein Verständnis dafür, dass eine Entmythologisierung nicht unbedingt die Entwertung eines Mythos nach sich ziehen muss. Was nicht wörtlich wahr ist kann dennoch im übertragenen Sinn von Bedeutung sein. Und manchmal entpuppt sich ein Mythos auch als historische Wahrheit. Eine blindwütige Bilderstürmerei ist nicht angesagt.

Einladung an gläubige Leser

Gläubige Leser sollten dieses Buch nicht zuerst als Angriff auf ihren Glauben lesen. Die Erkenntnis, dass ein heiliger Text nicht wörtlich wahr ist, entwertet diesen noch lange nicht als Grundlage für eine Religion. Natürlich bringt dieses Buch Erschütterungen für den Glauben mit sich, aber Erschütterungen können auch heilsam sein! Jedenfalls lehren alle Religionen das Vertrauen in die Vernunft, und dieses Vertrauen sollte man aufbringen. Gläubige Leser sollten sich insbesondere auch nicht gezwungen fühlen, gleich für alles eine Erklärung zu haben, sei es pro oder contra. Vernunft braucht Zeit. Man kann die Erkenntnisse dieses Buches auch erst einmal distanziert zur Kenntnis nehmen und mit ihnen gedanklich spielen. Nach einer Weile wird sich dann ganz zwanglos herauskristallisieren, was sich bewährt, und wo umgedacht werden muss, und wie dieses Umdenken zu einem neuen Ganzen führt. Ganz falsch wäre es sicher, die Ideen dieses Buches bewusst nicht zur Kenntnis zu nehmen. Dann hätte man gegen die Religion gehandelt, weil man nicht auf die Vernunft vertraute.

Vierteilige TV Doku

Zum Buch gibt es eine sehr gut gemachte vierteilige TV-Doku von 4 x 50 Minuten, die die Inhalte des Buches gut und umfassend präsentiert und mit Bildern von Ausgrabungen, Papyri, Keilschrifttexten usw. unterlegt, sowie Interviews mit an der Forschung beteiligten Wissenschaftlern zeigt. Sie wird unter verschiedenen Titeln auf DVD vertrieben, z.B. „Die Enthüllung der Bibel“ oder „Was die Bibel verschweigt“. Empfehlung!

Auf Englisch aktuell auf Youtube z.B. unter „The Bible Unearthed (Full Version)“ zu finden.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. März 2011)

Hans Ulrich Gumbrecht: Die Macht der Philologie (2003)

Völlig am Ziel vorbei geredet

Wenn man von der „Macht der Philologie“ hört, dann denkt man an die große Bedeutung, die die richtige Interpretation alter (und neuer) Texte für die Gegenwart hat, insbesondere für Humanismus und Aufklärung. Man denkt an die historisch-kritische Methode, an Historisierung, korrekte Einordnung vergangener Zeiten, Korrekturen von bedeutsamen Schreibfehlern, oder die Wiedergewinnung bedeutender Texte. Und man denkt auch an die große Aufgabe, dies nun alles auch für den Koran und andere islamische Grundlagentexte durchzuführen, ohne Rücksicht auf die allzu Rücksichtsvollen.

Enttäuschte Erwartungshaltung

Aber in diesem Buch wird unter „Macht“ etwas anderes verstanden. Der Autor versteht unter „Macht“ die Ergriffenheit des Philologen während seiner philologischen Tätigkeit, bzw. den fast schon körperlichen (An-)Trieb, sich philologisch zu betätigen. Sozusagen den Eros der Philologie. Letztlich ist „Macht“ hier natürlich eine unpassende Wortbildung, weil das Wort „Macht“ üblicherweise so nicht gebraucht wird.

Und leider wird die Ausführung dieses Ansatzes den Erwartungen nicht gerecht. Man hätte sich gewünscht, von Platon und der intrinsischen Motivation des Philosophen zu hören, sich für die Gemeinschaft einzusetzen, statt sich zurückzuziehen, oder von der Motivation der Stoiker versus der Demotivation der Epikureer, oder von Platons Mythen, die auch das Ziel verfolgen, die Rationalität emotional zu unterstützen. Oder ganz modisch: Von Schamanen und ihren Beschwörungen, von der Verschmelzung von Subjekt und Objekt, von Sigmund Freud und seinen zwei Antrieben Eros und Tod. Zum Beispiel.

Statt dessen: Langweilige Betrachtungen von Walter Benjamin über Wolken, die über das Heidelberger Schloss ziehen. Und vieles andere „gelehrige Geschwätz“. Durchaus nicht falsch. Aber immer am Punkt vorbei. Eine lange Kette von mühsamen Assoziationen, an deren Ende man sich fragt, was man jetzt eigentlich gelernt hat. Nutzlos in diesem Sinne wie die „Dialektik der Aufklärung“. Die einzelne Denkfigur kann nützen, wenn der Leser sie aus ihrem morastigen Zusammenhang befreit und selbst durch Klarheit zu neuem, besserem Leben erweckt.

Kein überzeugendes Buch. Habe es nach zwei Fünfteln abbrechen wollen –
– Habe es dann aber doch zu Ende gelesen. Man lernt so dies und das. Und bekommt diesen oder jenen Einblick. Aber eher im Sinne von Wissenschaftsgeschichte. Nicht im Sinne von Wissenschaft selbst.

Nach dem ersten Kapitel hört man dann nicht mehr viel von der „Macht“ der Philologie, und die Überlegungen geraten in das Fahrwasser von üblichen philologischen Überlegungen. Vieles ist „g’schwoll’nes G’schwätz“, das dem Leser gegenüber offenbar bewusst einen klaren und unzweideutigen Zugang zum Verständnis des Textes verstellt. Man kann streckenweise nur raten, was das Buch wohl meint. Am Ende zeigt sich oft, dass man dasselbe auch wesentlich klarer und einfacher hätte formulieren können. An so einem ärgerlichen Text möchte man nicht „scheitern“. So weit kommt’s noch …

Gegen Ende kommt das Buch wieder auf die Ergriffenheit, auf die „Macht“ der Philologie zurück, von der bisher nur im ersten Kapitel die Rede war. Das Erlebnis der Konfrontation mit einer komplexen zu lösenden Aufgabe, für deren Lösung man nicht unter Zeitdruck steht, wird als das Erlebnis bezeichnet, was die Faszination der Philologie ausmache. Das ist aber in mehrfacher Hinsicht fragwürdig. Diese Faszination kann man auch beim Schachspiel erleben, in einem schwierigen Stellungsspiel, ohne Schachuhr. Ja, das ist auch eine Faszination. Aber es ist nicht die Faszination der Philologie.

Die wahre Macht der Philologie

Aus irgendwelchen Gründen redet das Buch völlig am Kern der Sache vorbei. Die Faszination der Philologie besteht natürlich darin, dass die alten Texte elementare Einsichten über das Menschsein enthalten, die jeden betreffen und berühren. Deshalb u.a. haben sich diese alten Texte schließlich auch erhalten, und andere Texte nicht. Die Apologie des Sokrates hatte offenbar mehr Menschen zu allen Zeiten etwas zu sagen, als religiöse Hymnen oder technische Anleitungen, die verloren gegangen sind. Eine zweite Betroffenheit als Mensch ergibt sich aus der Erkenntnis, dass alte Texte über geistesgeschichtliche Entwicklungen Auskunft geben, die unser Denken bis heute prägen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind – und dass wir uns dessen nur bewusst werden und dadurch freier und verständiger werden können, wenn wir die alten Texte kennen. Hüter und Pfleger dieses wertvollen Erbes der Menschheit zu sein, das ist die faszinierende Aufgabe der Philologie. Dies ist die Faszination der Philologie, dies ist der Zauber, der von ihr ausgeht, dies ist die Ergriffenheit dessen, der mit alten Texten arbeitet.

Das gilt auch für zunächst unwichtig erscheinende Texte, denn man weiß nie, zu welchen Schlussfolgerungen sie führen können. Es ist ein komplexes, nie endendes Puzzlespiel, das ist richtig. Der Philologe ist Gralshüter und Schatzsucher zugleich. Auf dem Weg zum Schatz sind natürlich – Dan Brown lässt grüßen – einige faszinierende Rätsel zu lösen, aber das eigentlich faszinierende ist der Schatz. Der Weg ist nicht das Ziel.

Wilamowitz-Moellendorff ist da mit seiner Erkenntis der Pflichtethik aus dem humanistischen Menschenbild heraus erheblich näher am Thema dran als das Buch. Ein authentisches Verständnis von Pflicht, nicht als blinder Gehorsam, sondern als innerer Antrieb, das zu tun, was einem als Mensch zu tun zukommt, ein solches authentisches Verständnis von Pflicht kann z.B. aus alten Texten gewonnen werden, und den, der es begreift, ergreift es. Pflicht eben. Von dieser Ergriffenheit ist in diesem Buch aber nicht die Rede.

Demotivierender Defätismus

Statt dessen finden wir die völlig unverständliche Auffassung, dass niemand mehr an den Nutzen der Geisteswissenschaften glaube, und dass alle Versuche, einen Nutzen zu begründen, gewissermaßen unästhetisch seien. Unästhetisch? Wo doch das Schöne selbst der höchste Nutzen ist. Unverständlich.

Völlig unverständlich auch der folgende Satz: „Nie wieder möchte ich Behauptungen hören müssen wie den Satz, die Geisteswissenschaften seien ‚aufklärend‘, weil sie angeblich den Auftrag haben, ‚als Barriere gegen die Remythisierungstendenzen unserer Zeit‘ zu fungieren.“ – Gewiss, solche Anforderungen sind manchmal etwas oberflächlich. Die persönliche Ergriffenheit durch die Botschaft alter Texte ist immer zunächst intim und privat, und ihre Anwendung für die Öffentlichkeit erscheint manchmal als Schamverletzung und Profanierung. Aber solche Anforderungen sind eben auch nicht falsch, denn die Philologie kann das tatsächlich leisten. Fühlt sich der Autor dieses Buches denn nicht ergriffen von der Macht der Philologie, Einsichten bewirken zu können, zuerst bei sich selbst, und dann auch bei anderen?

Aber die Gedanken verlaufen seltsam krumm in diesem Buch. So heißt es z.B., dass Historisierung etwas „erschaffen“ würde, was sonst nicht da wäre. Das ist aber ganz falsch. Historisierung ist nichts anderes als eine richtige Erkenntnis von real existierenden Sachverhalten. Wer nicht erkennt, dass Dinge vergangen sind, einer anderen Zeit angehören, und unter der Perspektive dieser Zeit gesehen werden müssen, und nicht unter der Perspektive der Gegenwart, und dass die Perspektive der Vergangenheit einem Urteil unter der Perspektive der Gegenwart unterliegt, der schaut die Dinge nicht so an, wie sie sind, sondern der ist es, der den Dingen etwas zufügt, was sie nicht an sich haben. Ebenso ist es mit dem Klassischen. Klassisch ist, wo vergangene Perspektive und heutige Perspektive zusammenfallen. Etwas buchstäblich zeitloses. Auch da wird nichts „erschaffen“, sondern erkannt. Die Theorie dieses Buches, dass Historisierung sich nicht dem Streben nach richtiger Erkenntnis verdankt, sondern dem Streben nach der Überwindung des Todes, ist sehr schräg.

Es ist auch befremdlich, wie leicht sich der Autor dieses Buches der Auffassung hingibt, dass nach dem Tode nichts mehr komme. Woher will er das wissen? Das ist doch plumper Materialismus. Ein Geisteswissenschaftler weiß es doch besser. Es ist nicht so einfach. Es stört auch, wenn der Autor von seinen „sozialdemokratischen“ Instinkten spricht. Da fragt sich der Leser doch, ob das hier noch eine Abhandlung mit argumentativem Anspruch sein soll, oder eher ein persönliches Tagebuch? Seltsam auch, wenn die preußische Moral von Wilamowitz-Moellendorff mit „Eisen“ assoziiert wird und das für schlecht gehalten wird. Wäre eine Moral aus Gummi denn besser? Eisen ist doch für eine Moral eine sehr schöne Assoziation. Eisen lässt sich nämlich schmieden, verliert aber danach nicht so leicht seine Form, bricht aber andererseits auch nicht, sondern biegt sich, aber nur, wenn es gar nicht mehr anders geht. Man vergleiche auch mit Granit.

Und ach ja: Werner Jaeger … und dass man so heute nicht mehr denken könne. Nicht wirklich eine neue Einsicht. Aber was dann? Wie sollen wir denn Identität sinnvoll konstruieren? Denn ohne Identität lebt es sich nicht gut. Werner Jaeger hat uns eine Aufgabe gestellt, die wir noch nicht gelöst haben. Immer diese abwehrenden Reden gegen Jaeger, deren bloße Existenz das Eingeständnis ist, dass an Jaeger doch was dran war. Wenn an Jaeger nichts dran gewesen wäre, würde man von ihm nämlich schweigen. Es ist also ein komplexes Problem, das schon Jahrzehnte ungelöst vor uns liegt. Man könnte das faszinierend finden. Und sich zur Tat animiert fühlen.

Wir leben in einer Zeit, in der das Wort „Humanismus“ eine äußerst bedenkenswerte Bedeutungsverschiebung in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit erfährt: Unter „Humanismus“ verstehen heute viele eine auf Atheismus gegründete Weltanschauung. Es ist so töricht. Und so elend. Man könnte sich dagegen empören. Aus innerster Seele. Dieses ganze gegenwärtige Unverständnis für das Erbe der Vergangenheit, für Tradition, für die Tiefe der Geschichte, für die conditio humana, und wie darüber die Errungenschaften des Westens aufgegeben werden zugunsten eines kulturvergessenen Kulturrelativismus: Man könnte sich darüber empören und kreativ werden. Daran geht dieses Buch aber vorbei.

Fazit

Ein Buch, das vor manche Tür geführt hat. Hineingehen musste man aber immer selber. Das Buch blieb draußen.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 08. Oktober 2017)

Ian Caldwell: Das geheime Evangelium (2015)

Lehrreicher Vatikan-Thriller mit deutlichen Schwächen

Der Roman „Das geheime Evangelium“ (Original: The Fifth Gospel) ist ein Vatikan-Thriller. Der Leiter einer geheimnisvollen Ausstellung zum Grabtuch von Turin in den Vatikanischen Museen wurde wenige Tage vor deren Eröffnung ermordet und eine Schautafel im letzten Raum der Ausstellung ist verschwunden. Der Protagonist des Romans ist der Bruder des Angeklagten, der nun im Vatikan von Pontius zu Pilatus läuft, um die Hintergründe der Tat zu erforschen und die Unschuld seines Bruders zu beweisen. In Rückblenden spielt aber auch das Mordopfer eine wichtige Rolle: Es wird vor Augen geführt, wie dem Ausstellungsleiter, einem rein wissenschaftlich orientierten Menschen, die Bedeutung des Grabtuches immer klarer wurde, bis er – für ihn selbst überraschend und schockierend – vor einer schwierigen Gewissensentscheidung stand.

Im Zentrum der Geschichte steht das Verhältnis der katholischen zur orthodoxen Kirche und wie man diese beiden Kirchen wieder miteinander versöhnen könnte, gespiegelt in den beiden Brüdern, von denen der eine römisch-katholisch ist, der andere römisch-orthodox. Eine große Rolle spielt das Grabtuch von Turin und die Frage, ob es doch echt sein könnte. In diesem Zusammenhang ist das Diatesseron des Tatian von Bedeutung, eine Zusammenschrift der vier Evangelien, um aus vier sich teilweise widersprechenden Evangelien eines zu machen (Evangelienharmonie).

Der Leser lernt eine Menge über das Verhältnis der vier Evangelien zueinander, und wie diese Evangelien historisch-kritisch gedeutet werden. Das Diatesseron selbst liefert dazu eigentlich gar keine Enthüllungen, dient aber als Vehikel dieser Erklärungen. Auch die Geschichte des Grabtuches wird natürlich intensiv behandelt. Ebenso lernt der Leser viel über die Einrichtungen des Vatikan und deren innere Machtmechanik kennen: Von den Wohnblocks der wenigen Vatikan-Bürger über das Vatikan-eigene Hotel Casa Sanctae Martae, die Garage und den vatikanischen Fahrdienst, die Schweizergarde, die Gendarmerie, die Vatikanische Geheimbibliothek, den Regierungspalast, die Casina Pius IV., den Petersdom, den Papstpalast, und natürlich auch die vatikanische Gerichtsbarkeit, die immer noch nach dem Modus der Inquisition funktioniert.

Kritik

Besonders störend ist, dass der Autor ziemlich viel Herzschmerz und Schmalz in seinen Roman verwoben hat: In Bezug auf den fünfjährigen Sohn des Protagonisten (der als römisch-orthodoxer Priester heiraten durfte). In Bezug auf die Ehefrau des Protagonisten, die nach Jahren der Abwesenheit ausgerechnet jetzt wieder zurückkehrt. Und in Bezug auf die Versöhnung der katholischen mit der orthodoxen Kirche, die über viele Seiten hinweg in ziemlich unglaubwürdiger Weise als spontane, gefühlsgetriebene Handlung von Papst und Patriarchen dargestellt wird. Am ehesten scheint mir der Schmalz noch in Bezug auf den Onkel funktioniert zu haben, für den seine Neffen seine ganze Familie sind.

Ebenfalls schade ist, dass der Leser relativ wenig über das Selbstverständnis der Orthodoxen erfährt, obwohl sich der Roman doch um das Verhältnis der katholischen zur orthodoxen Kirche dreht. Man erfährt z.B. praktisch nichts über die Rolle von Klöstern in der Orthodoxie oder deren Staat-Kirche-Verhältnis.

Gewöhnungsbedürftig ist die Erzählperspektive: Der Erzähler schaut gewissermaßen in das Hirn des Protagonisten und beschreibt fortwährend dessen Gedanken und Gefühlsregungen. Auch die Dramaturgie des Romans ist fragwürdig: Es geht nur in ganz kleinen Schritten voran, so dass sich die Handlung wie Kaugummi zieht. Mehr als einmal hat der Leser das Gefühl, dass die Protagonisten eine Schlussfolgerung reichlich spät ziehen, d.h. der Fortgang der Handlung ist nicht glaubwürdig. So z.B., als in eine Wohnung eingebrochen wurde, ohne die Tür aufzubrechen, doch erst viel später kommt der Protagonist auf die Idee, nach dem Zweitschlüssel unter der Fußmatte zu sehen.

Fazit: Eine gute Grundidee lehrreich ausgeführt, aber mit deutlichen Schwächen.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Thomas Paine: The Age of Reason (1794/95/1807)

Amazingly modern criticism of religion in the age of the Enlightenment

Thomas Paine presented with „Age of Reason“ a criticism of Christianity which is based upon inconsistencies and other problems within the Bible. Here, 200 years before the development of „historical criticism“, Thomas Paine puts forward amazingly modern arguments. Furthermore, Thomas Paine rises some philosophic arguments of greater depth: First, that reason and abstract thinking is the way to real truth (he compares the truth of Euclid’s elements to the truth of the Bible!), then, that morals is based in ourselves, and not in beliefs from books. Immanuel Kant is not far from this.

Thomas Paine does not only criticise Christianity but every other religion, too. And what is more, he presents an alternative: Deism, the belief in one god based on the true word of god which is for Thomas Paine the creation itself, and science to read in this „book“.

Unfortunately, Thomas Paine is too angry and disrespectful towards believers and priests. He fails to realize their psychology and thus, the book is valuable more for ex-believers than for believers still to be convinced. Especially the realization, that historical criticism does not necessarily lead to a full devaluation of a religion but rather to its reform and renewal based on reason, is totally absent in his book.

The edition of Cosimo Classics is terrible: All the footnotes are incorporated into the fluent text, they are no footnotes any more! Every other page you have to think about, where your sentence stops, a footnote suddenly begins, and where your sentence continues! This is modern computerized book publishing as it should not be!

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 17. August 2013)

Thilo Sarrazin: Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht (2018)

Sarrazins „Schwarze Legende“ des Islams stimmt so einfach nicht

Zum Islam gibt es eine „Schwarze Legende“. Sie besagt, dass der Gründer des Islam ein blutrünstiger Kriegsherr war, der rücksichtslos ganze jüdische Völkerschaften abschlachtete. Der Koran rufe zur Tötung der Ungläubigen u.a. schlimmen Dingen auf. Die ganze islamische Geschichte sei eine durchgängige Orgie von Gewalt, Sklaverei und Krieg. Dieser „Schwarzen Legende“ zufolge ist der Islam im Kern böse und nicht reformierbar, denn bereits der Gründer des Islam wäre ein böser Mensch gewesen, und die bösen Dinge stünden unmissverständlich im Koran. Und diese „Schwarze Legende“ macht sich nun auch Thilo Sarrazin zu eigen.

Koran und Mohammed

Sarrazins Koraninterpretation ist denkbar schwarzgemalt. Weniger, weil Sarrazin bewusst schwarz malt, sondern weil er einfach nicht gebildet genug ist, um die Untiefen der Koraninterpretation zu kennen.

Eine historisch-kritische Interpretation nennt Sarrazin zunächst grundsätzlich sinnvoll (S. 24), aber dann wird deutlich, dass das wohl nur eine vorgeschobene Schutzbehauptung gegen Kritiker ist. Denn in Wahrheit hält Sarrazin eine historisch-kritische Deutung für eine FALSCHE Deutung, denn er unterstellt ihr, die Botschaft des Koran in ihr „Gegenteil“ zu verdrehen (S. 205). Wer so denkt, hat die historisch-kritische Methode nicht verstanden! Die Traditionalisten sind es, die die Botschaft im Laufe der Zeit in ihr Gegenteil verdreht haben! Die historisch-kritische Methode will das Original hinter den Verdrehungen zurückgewinnen.

Die historisch-kritische Methode lehrt uns, dass die Anfänge des Islam anders waren, als es sich die Traditionalisten vorstellen. Der Koran sagt über Mohammed praktisch nichts und enthält viele zusammenhanglos dastehende Sätze, die sehr leicht so oder so interpretierbar sind. Die Prophetenbiographie von Mohammed, in der die eigentlich schlimmen Dinge stehen, wurde jedoch erst 150-200 Jahre nach Mohammed geschrieben und ist in vielen Punkten nachweislich falsch. Davon weiß Sarrazin aber nichts!!! (S. 46 f.). Insbesondere die Judenschlächtereien haben so niemals stattgefunden, sondern sind eine spätere Konstruktion, um die Juden aus der Umma herauszudrängen, zu der sie zu Mohammeds Zeit dazu gehörten. Und anders als der Koran gilt die Prophetenbiographie nicht als von Gott geoffenbart, was ihre Kritik sehr erleichtert. Der Islam kann genauso wie das Christentum mithilfe der historisch-kritischen Methode reformiert werden.

Sarrazin wendet außerdem ein, dass im Zeitalter der Massenmedien nur noch die wörtlichen Interpretationen von Texten gelten würden, nicht mehr die Interpretationen von (Reform-)Gelehrten (S. 56). Und dann sähe es für den Koran schlecht aus. Was für ein Unfug! Die verbreitete Wahrnehmung von Texten wie z.B. Verfassung, Koran oder Bibel (oder Sarrazins Bücher!) wird durch Schule und Medien bestimmt, nicht durch Eigenlektüre Einzelner. Wenn Sarrazin Recht hätte, wie erklärt er dann, dass Christinnen im Zeitalter der Massenmedien nicht mit Kopftuch rumlaufen und sich dem Manne untertan machen? So steht es nämlich im Neuen Testament, wenn man es nur wörtlich liest.

Geschichte des Islam

Im Goldenen Zeitalter des Islam rezipierte die islamische Welt die antiken Denker und schlug einen rationalistischen Weg ein. Zur gleichen Zeit ging es in der christlichen Welt ziemlich barbarisch und ungebildet zu. Später tauschten islamische und christliche Welt die Rollen. Auch die christliche Welt wurde erst modern, als sie die antiken Denker rezipierte, und auch für die christliche Welt gibt es keine Garantie, dass die Moderne von Dauer ist. Es ist falsch zu glauben, dass das Christentum immer top, und der Islam immer flop waren. Diese Dinge sind veränderbar!

Die Reformen des Islam haben bereits im 19. Jahrhundert begonnen. Aber Sarrazin weiß davon nichts!!! Die Namen Dschamal ad-Din al-Afghani und Muhammad Abduh kommen in seinem Buch nicht vor. Viele islamische Länder waren mittlerweile z.B. sozialistische Länder. In Persien griff der Schah auf die vorislamische Tradition zurück. Heute zeigt man Fotos, wie man in den 1960er Jahren in vielen islamischen Ländern in westlicher Kleidung ohne Kopftuch herumlief. Der Wandel zum Kopftuch geschah nicht vor 1400 Jahren, sondern erst in den letzten Jahrzehnten, und so schnell dieser Wandel gekommen ist, so schnell könnte er auch wieder umgedreht werden, denn die ungebrochene Verwurzelung seit 1400 Jahren gibt es schlicht nicht.

Es ist einfach falsch, dass der Islam ein unveränderlicher, seit 1400 Jahren gleich gebliebener Monolith wäre. Die Anfänge waren anders. Das Goldene Zeitalter war anders. Die 1960er Jahren waren für uns alle erfahrbar anders. Es ist offensichtlich, dass es mit dem Islam auch anders geht.

Um 1900 sprach man vom Katholizismus genauso wie Sarrazin jetzt vom Islam. Der katholische Glaube sei rückständig, behindere den Fortschritt, und sei nicht reformierbar. Die ganze Kirchengeschichte sei eine einzige Orgie von Gewalt gewesen: Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Inquisition. Heute würde kein Mensch mehr so von der katholischen Kirche reden, sofern er bei Trost ist. Allerdings gilt: Ohne Reformen geht es nicht.

Reformpotential des Islam

Wie viele radikale Islamkritiker wartet Sarrazin passiv darauf, dass die Islamreformen sich quasi „von selbst“ vollziehen. Wenn dann nichts passiert, fühlt er sich bestätigt. Außerdem verweist Sarrazin darauf, dass Islamreformer unter Polizeischutz stehen, oder nach dem westlichen Staat als Helfer rufen (S. 207). Daraus schließt Sarrazin, dass Reformen derzeit Wunschdenken sind.

Zunächst ist es ganz falsch, dass von Reformern nicht viel zu sehen wäre. Man muss es aber auch sehen wollen, denn westliche Medien berichten davon nicht auf Seite 1. Immer mehr und mehr Politiker, Religionsgelehrte und Intellektuelle tauchen auf, die etwas bewegen wollen. Reformen werden im arabischen Fernsehen offen debattiert. In Marokko wurde sogar das Gebot zur Tötung von Apostaten historisch-kritisch hinterfragt und vom Rat der Religionsgelehrten (also von Theologen mit einer theologischen Argumentation!) für irrig erklärt. Es tut sich sehr wohl etwas.

Auch Martin Luther überlebte nur, weil er unter „Polizeischutz“ stand. Gewirkt haben seine Reformen trotzdem. Weil der Staat ihm half.

Überhaupt ist es eine Illusion zu glauben, religiöse Reformen würden sich praktisch „von selbst“ vollziehen. Das war noch nie so. Erst recht nicht bei jenen Islamverbänden, die vom Ausland her bei uns gerade zu dem Zweck gegründet worden sind, um Reformen und Integration zu verhindern! Schon immer hat die Politik Einfluss auf die Religion genommen, schon immer war es eine Frage von Macht und Geld. Es ist also völlig plausibel und richtig, davon auszugehen, dass die westliche Welt einen ganz erheblichen Beitrag zu Reformen leisten kann, indem sie Reformer aktiv fördert und Traditionalisten aktiv deckelt. Auf ihrem eigenen Territorium kann die westliche Welt das mit Leichtigkeit und mit gutem Recht, denn der islamische Traditionalismus ist schlicht verfassungsfeindlich. Aber auch in Nahost: Angefangen von Wirtschaftsbeziehungen, über Geheimdienstaktionen bis hin zu militärischem Druck.

Es ist eine politische Grundsatzfrage, ob wir als westliche Welt diese Reformen anschieben helfen wollen oder nicht. Es ist in etwa so wie damals, als die ersten Demokratien in Europa den Bürgern in anderen europäischen Staaten halfen, ebenfalls zur Demokratie zu gelangen. Selbstverständlich sollten wir das tun, es ist in unserem eigenen vitalen politischen Interesse!

Die Maßnahmen Sarrazins

Bei praktischen Maßnahmen ist Sarrazin wie immer zurückhaltender, als die Analyse vermuten lässt. Hier findet sich auch viel richtiges. Neben bekannten Punkten, wie einer Reform der Sozialsysteme, einer klugen Zuwanderungspolitik, oder einer stärkeren Betonung der Integration in die deutsche Gesellschaft (Sarrazin muss natürlich von „Assimilation“ sprechen), findet sich vor allem auch das hier:

Sarrazin möchte die verbliebenen Staatskirchenprivilegien der christlichen Kirchen abschaffen! Weil sie sich überlebt haben. Das ist im Grundsatz richtig. Damit werden dem Islam automatisch die Schaffung ähnlicher Strukturen verweigert. Insbesondere möchte Sarrazin den konfessionellen Religionsunterricht an den Schulen abschaffen, und für alle Kinder eine Religionskunde einführen, in der ein liberales Islambild gezeichnet wird (wie passt das mit seiner Analyse des Islam zusammen?). Islamtheologische Lehrstühle an den Universitäten findet Sarrazin im Grundsatz richtig, wenn sie nicht traditionalistisch besetzt sind.

Fazit

Sarrazin gehört jetzt auch zu denen, die die „Schwarze Legende“ des Islam verkünden. Diese besteht vor allem in der Idee, dass es für das Islam-Problem KEINE Lösung gäbe, weil religiöse Reformen nicht möglich wären.

Damit liegt Sarrazin erstens sachlich falsch, und zweitens führt der Ausschluss einer Lösung des Islam-Problems zwangsläufig zu einem ungerechten Pauschalurteil über den Islam. Und das ist für eine Integration der Muslime äußerst schädlich: Sarrazin treibt potentiell liberale Muslime in die Arme der Traditionalisten!

In vielen Einzelfragen und vorgeschlagenen Maßnahmen hat Sarrazin zwar Recht, aber er verdirbt auch die guten Gedanken in seinem Buch durch die alles überwölbende Schwarzmalerei.

Alternative Buchempfehlungen

  • Tom Holland: Mohammed, der Koran und die Entstehung des arabischen Weltreichs. (Was wirklich am Anfang des Islam geschah.)
  • Prof. Hans Jansen: Mohammed, eine Biographie. (Jansen geht so weit, die Existenz von Mohammed infrage zu stellen. Davon abgesehen aber ein sehr lehrreiches Buch.)
  • Seyran Ates: Der Multikulti-Irrtum.
  • Ahmad Mansour: Generation Allah, und: Klartext zur Integration.
  • Mouhanad Khorchide: Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion.
  • Wikipedia: „Liberale Bewegungen im Islam“.

Warnung an Sarrazin-Gegner

Man löst die Probleme nicht, indem man die Schwarzmalerei von Sarrazin ablehnt. Der Kuschelkurs gegenüber dem Islam kann nicht fortgesetzt werden. Gerade die falsche Toleranz ist es, die zu dem worst case Scenario im Sinne Sarrazins führt. Das darf nicht geschehen!

Es müssen jetzt Zuckerbrot und Peitsche ausgepackt werden, damit der Islam in Europa eine ähnliche Reformentwicklung nimmt wie das Christentum. Reformer müssen massiv gefördert, Traditionalisten müssen effektiv gedeckelt werden. Und für die islamische Welt muss auf allen Ebenen (Wirtschaft, Kulturaustausch, Diplomatie, Enwicklungshilfe, Geheimdienste, Militärischer Druck) intensiv daran gearbeitet werden, dass sich Reformkräfte durchsetzen.

Kurioses

Sarrazin interpretiert den Koran recht schwarz und lehnt eine historisch-kritische Lesart ab, aber in einer Frage ist er völlig auf der Spur der historisch-kritischen Interpretation: Vom Kopftuch stehe nichts im Koran, meint Sarrazin! (S. 44) Recht hat er.

Selbstwiderspruch: Auf S. 28 meint Sarrazin, der Islam sei keine komplizierte Religion und verlange nicht viel vom Gläubigen. Auf S. 47 wird der Islam als kompliziertes System von Regeln für jede Tätigkeit beschrieben, die sich aus den Hadith ableiten. Dieser Widerspruch steckt bereits im islamischen Traditionalismus drin, und Sarrazin hat ihn wohl einfach übernommen, ohne zu merken, dass dieser Selbstwiderspruch geradezu nach einer religiösen Reform schreit.

In Sarrazins allererstem Buch „Deutschland schafft sich ab“ stand auf S. 268 f. ein ziemlich kluger Satz, dessen Weisheit Sarrazin leider verlassen hat:

„Liberale Muslime wehren sich dagegen, ‚dem Islam‘ als solchem bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben, und damit haben sie Recht. … Leider ist aber nicht zu bestreiten, dass unter den vielen teils uneindeutigen, teils widersprüchlichen Strömungen des Islam ein Gesellschaftsbild dominiert, bei dem die Trennung von Religion und Staat weitgehend noch nicht angekommen ist, die Gleichberechtigung der Geschlechter kaum existiert … Der innerislamische Krieg zwischen Okzidentalismus und Antiokzidentalismus ist noch in vollem Gange, sein Ausgang ungewiss.“

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 02. September 2018)

Hans Jansen: Mohammed – eine Biographie (2005/07)

Das „Evangelium des Islam“ – Historische Kritik und Reformpotential

Die meisten Menschen lesen das falsche Buch, wenn sie sich über den Islam informieren wollen: Den Koran. Denn die Verse im Koran bleiben ohne einen historischen Zusammenhang, und über Mohammed sagt der Koran wenig oder gar nichts. Der zentrale Text des traditionalistischen Islam, der die Taten von Mohammed chronologisch erzählt und auf diese Weise eine Interpretation des Koran liefert, ist die Propheten-Biographie von Ibn Hischam. Dieses „Evangelium des Islam“ wurde erst (!) 200 Jahre nach Mohammed von Ibn Hischam geschrieben; angeblich auf der Grundlage einer vielleicht 50 Jahre älteren Propheten-Biographie von Ibn Ishaq.

Diese Propheten-Biographie aus dem 8./9. Jahrhundert ist die zentrale Grundlage des traditionalistischen Islam, nicht so sehr der Koran!

Hans Jansen versucht nun in seinem Buch „Mohammed, eine Biographie“ diese angebliche Lebensgeschichte Mohammeds, die ja erst lange nach Mohammed geschrieben wurde, und die darin enthaltene Ausdeutung des Koran zu hinterfragen: Was ist daran ein glaubwürdiger historischer Bericht und was ist spätere Legendenbildung? Und wenn eine Legendenbildung vorliegt, wie kam es zu dieser Legende?

Diese Hinterfragung gelingt Hans Jansen sehr gut. Am Ende weiß man, dass die Propheten-Biographie von Ibn Hischam bzw. Ibn Ishaq keine historische Biographie sondern eine Glaubensschrift ist, ganz genauso wie die Evangelien über das Leben Jesu. Man weiß also über die wirklichen Geschehnisse um Mohammed weniger als viele meinen. Vieles, was bei heutigen Muslimen für typisch islamisch gilt, ist höchstwahrscheinlich eine spätere Hinzuerfindung oder eine verzerrte und ausgeschmückte Version der wahren Begebenheiten.

Das eröffnet natürlich ein unerwartetes Potential für eine Reform des Islam:

So wie die Erforschung des „Urchristentums“ und des „historischen Jesus“ zu einem besseren und damit reformierten Verständnis des Christentums geführt haben, ganz genauso kann man sich Reformimpulse von der Erforschung des „Urislam“ und des „historischen Mohammed“ erhoffen. Das ist eine große Chance für alle modernen Muslime, die mit der Integration des Islam in die aufgeklärte, demokratische Gesellschaft ernst machen möchten. Wie war Mohammed wirklich? Das ist eine Frage, an der jeder Muslim brennend interessiert sein sollte.

Hinzu kommt, dass die Propheten-Biographie von Ibn Hischam bzw. Ibn Ishaq anders als der Koran kein heiliges, geoffenbartes Buch ist, sondern Menschenwerk: Hier ist Kritik viel leichter möglich als beim Koran.

Hans Jansen geht in seinem Buch sehr behutsam vor. Der Leser bekommt keine wissenschaftlichen Deutungen vor den Latz geknallt, die bei Menschen, die solches Hinterfragen nicht gewohnt sind, gläubigen Trotz provozieren müssen. Im Gegenteil: Das Buch arbeitet viel mit offenen Fragen: Klingt dies glaubwürdig? Ist jenes nicht ein seltsamer Zufall? Hört sich das nicht genauso an wie der Bibelvers xy? – Manchmal übertreibt der Autor es sogar mit der Behutsamkeit, wenn er z.B. die Ergebnisse der historisch-kritischen Methode nicht über den Glauben an eine sichtlich ausgeschmückte Legende stellen will.

Das Buch hat aber auch einige Nachteile:

Zunächst bleibt das Buch oft dabei stehen, die Legenden um Mohammed zu hinterfragen, ohne Anhaltspunkte dafür zu geben, was denn statt dessen wirklich geschah. Nachdem sich manche wohlvertraute Deutung von Koranversen durch Hans Jansens Buch in Luft aufgelöst hat, hätte man gerne mehr über die wahren Hintergründe von diversen Koranversen gewusst.

Größter Malus: Vor allem im Nachwort fokussiert sich der Autor ziemlich überraschend und kurz angebunden auf die These, dass es Mohammed als historische Person vielleicht gar nicht gab. Das ist zwar eine legitime wissenschaftliche These (von mehreren), aber als Quintessenz dieses Buches völlig unpassend. Dieses Buch zeigt vor allem, dass die überlieferten Legenden nicht stimmen können. Was aber statt dessen wahr ist, dazu führt dieses Buch so gut wie keine Argumentation.

PS 17.08.2024

Der Verlag hat später offenbar den folgenden Untertitel hinzugefügt: „Der historische Mohammed – was wir wirklich über ihn wissen“. Dieser Untertitel ist insofern unpassend, als das Buch deutlich mehr dazu sagt, was wir nicht wissen, als dazu, was wir wissen. Wer wissen will, was man von Mohammed weiß, sollte z.B. Tom Holland lesen: In the Shadow of the Sword / Mohammed, der Koran und die Entstehung des arabischen Weltreichs (2012).

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 22. April 2016)

Yaşar Nuri Öztürk: Der verfälschte Islam – Eine Kritik der Geschichte islamischen Denkens (2007)

Islamreform im Sinne des Kemalismus

Yasar Nuri Öztürk ist einer der Hauptvertreter eines Reformislam im Sinne des Kemalismus. Er ist einer der schärfsten Kritiker des Islamisten Recep Tayyip Erdogan und engagiert sich auch als Parlamentarier im türkischen Parlament.

Problematisch ist, dass er sich einer bestimmten politischen Richtung verbunden fühlt, nämlich dem Kemalismus, und dass er den Islam etwas zu einfach und etwas zu holzschnittartig an die Erfordernisse einer modernen, säkularen Republik anpasst. Eine qualitativ hochwertige und dauerhafte Reform einer Religion erzielt man aber nur dann, wenn die Reform wahrhaftig und glaubwürdig ist, und über einen politischen Zeitgeist hinaus einer Prüfung stand hält. Eine Religion kann sich nicht allem anpassen. Im Zuge des Kemalismus kam es einerseits zu so zahlreichen theologische Anstößen, dass dieses Reformwirken eine dauerhafte Wirkung entfaltet hat. Eine Reform in der Breite des türkischen Islams ist aber offensichtlich nicht gelungen.

Manches ist wie gesagt zu einfach gedacht. Manches ist auch typisch türkischen und islamischen Ressentiments geschuldet. So wittert Öztürk z.B. die Quelle der Verfälschungen des Islam bei Juden, Christen oder den Arabern: Solche holzschnittartigen Zuschreibungen helfen nicht weiter.

Aber es sind auch einige interessante Punkte dabei.

So z.B. die Erkenntnis, dass das Wort „schlagen“ in dem Vers, der das Schlagen von Frauen erlaubt, möglicherweise gar nicht „schlagen“ bedeuten soll. Die arabische Sprache ist nämlich eine sehr polyseme Sprache, und so kann ein und dasselbe Wort viele verschiedene Bedeutungen annehmen. In Anlehnung an die Verwendung desselben Wortes an anderen Stellen des Koran will Öztürk lieber mit „wegschicken“ statt mit „schlagen“ übersetzen. Wenn das eine philologisch tragfähige Interpretation ist, wäre das eine kleine Sensation.

Öztürk überwindet auch die Trennung der Welt in „Haus des Krieges“ und „Haus des Islam“. Denn das „Haus des Islam“ sei überall dort, wo ein Rechtsstaat herrscht, auch wenn es kein islamischer Staat ist.

Generell will Öztürk die Koran-Auslegung von späteren arabischen Traditionen befreien und den Koran sprachlich und im historischen Kontext lesen. Die Richtung stimmt also, bei allen nicht zu leugnenden Schwierigkeiten.

PS: Öztürk ist kein Vertreter der „Schule von Ankara“. Diese Bezeichnung meint nur eine kleine Gruppe von Reformtheologen in der Türkei.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 22. April 2016, mit Korrektur vom 01.03.2017)

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