Köstliche Verballhornung von Hermann Hesse mit humorig-höherer Weisheit

„Dies ist alles leicht beschreiblich,
aber mir ist es nicht gläublich“,
sprach Herr Hesse zum Kaffee
(immer noch am Bodensee).
„Nicht der Druckerschwärze trauen,
sondern selber gehn und schauen
scheint mir rechten Mannes Art.“

Im Jahr 1911 machte sich Hermann Hesse auf nach Indien, und sein Freund Otto Blümel führte zum Abschied ein kleines Schattenspiel mit selbstgedichteten Versen auf. Die Dichtung und die dazu gehörigen Schattenbilder sind erhalten und in diesem gut organisierten Büchlein zusammen mit einem hilfreichen Nachwort abgedruckt.

Hermann Hesse wird ordentlich auf die Schippe genommen! Das Klischee des Theoretikers, der in der praktischen Welt scheitert, wird bemüht. Hesse wird von einem Walfisch verschluckt und landet auf einer einsamen Inseln mit wilden Eingeborenen. Indien wird nicht erreicht, und an die Erlangung indischer Weisheiten ist gar nicht zu denken.

Und so war es auch in Wirklichkeit: Hesse war gar nicht in Indien, sondern nur in Ceylon, Sumatra und Singapur. Dann musste er die Reise abbrechen, weil er den „Kolonialfraß“ nicht mehr vertrug. Hier hat die Realität wieder einmal die Satire eingeholt.

Höhepunkt und Pointe der Dichtung ist der Häuptling der Eingeborenen auf der einsamen Insel, der sich als Malergeselle aus Radolfzell am Bodensee entpuppt und Hermann Hesse überraschend im Radolfzeller Dialekt anspricht. Hier deutet sich die Weisheit an, dass man in der Fremde vor allem sich selbst und die Liebe zur eigenen Heimat findet.

Die Schattenbilder zeigen Hermann Hesse als hagere Gestalt mit Strohhut, Brille und Schmetterlingsnetz. Es ist fast ein modernes Mem für den weltfremden „theoretischen Typ“. Der Häuptling-Malergeselle berichtet unbekümmert, dass er sich selbst am ganzen Körper mit schwarzer Farbe angemalt hat, um bei den Eingeborenen als ihresgleichen durchzugehen: Blackfacing pur! Auf diese Weise ist dieses Werk von Otto Blümel zugleich eine erfrischende Erholung von dem kranken Geist des Postkolonialismus und seiner postmodernen Idiotien.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.