
Enttäuschung: Ideologische Verblendung statt schuldlos in Not geraten
Mit viel Wohlwollen und einigen Erwartungen habe ich dieses Buch zu lesen begonnen. Meine Erwartung war, Einblick von innen zu bekommen in das Milieu von Menschen um die 40, die ähnliche Probleme wie die „Generation Praktikum“ haben: Gut ausgebildet, leistungsbereit, aber dennoch ohne Chance; nur, dass sie schon etwas älter sind. Ich wollte wissen, wie es Menschen geht, die es schuldlos nicht geschafft haben. Man interessiert sich schließlich und fühlt sich auch verantwortlich: Was läuft schief? Und wo wirkt der Sozialstaat wirklich sinnvoll?
Nach einigen Seiten korrigierte ich meinen Eindruck, aber immer noch wohlwollend: Hier ging es wohl eher um Menschen, die etwas naiv sind? Die die ganzen linken Lebenslügen geglaubt haben und jetzt langsam erwachen, und nur noch nicht so recht wissen, wer eigentlich schuld ist an ihrer Lage? (Zum Beispiel die, die ihnen einredeten, dass grundlegende Lebensregeln nach 1968 nicht mehr gelten würden.) Auch dafür, dass man sich mit der Entscheidung schwer tut, einen Wunschberuf an den Nagel zu hängen und umzuschulen, kann man noch ein gewisses Verständnis haben … ja, man kann sich lebhaft vorstellen, dass man selbst auch nicht perfekt „funktionieren“ würde in so einer Lage.
Doch der Eindruck verdüsterte sich dann zusehends.
Der erste richtige Hammer kam schon S. 37: An ihren Freunden fiel der Autorin auf, „dass kein Neokon darunter ist, jedenfalls kein überzeugter Liberaler oder Konservativer, kein wirklich scharfer Hund.“ – Ups! Seit wann sind denn Liberale oder Konservative per se schon „scharfe Hunde“? Wie weit links muss man stehen, um einen solchen Satz formulieren zu können? Und mehr noch: In dem dargelegten Freundeskreis der Autorin finden sich sehr wohl „scharfe Hunde“, nämlich linke „scharfe Hunde“ … aber das zählt für unsere Autorin wohl nicht?
Wiederum ziemlich naiv dann die Auffassung der Autorin, dass ihre Generation Entscheidungsstärke demonstriere, weil manche ihrer Freunde bestimmte Lebensmittelketten boykottieren oder aus CO2-Sparhysterie ständig überall Licht und Standby ausschalten. Das meint die Autorin doch nicht ernst? Entscheidungsstärke? Wohl eher der Verlust des Blicks für die Relationen und das Machbare …
Die Autorin sieht Entscheidungsfreude aber auch in folgendem: „… leer stehende Häuser werden besetzt oder von selbst verwalteten Genossenschaften übernommen, wenn die Überteuerung eines Wohnviertels droht, … All dies sind ganz praktische Antworten auf die von Politik und Wirtschaft forcierte, viel zitierte Privatisierung der Lebensrisiken. Es ist Arbeit an der und für die Gemeinschaft.“ (S. 61).
An dieser Stelle war endgültig klar: Meine Erwartungen an dieses Buch konnte ich in die Tonne treten. Dieses Buch schildert keine schuldlos in Not geratenen Menschen, sondern bringt wohl nur Einblicke in ein ganz bestimmtes linksliberales bis linksextremes Milieu, das an seiner eigenen ideologischen Verblendung scheitert, und nun andere für das eigene Versagen verantwortlich macht. Mit S. 61 habe ich dieses Buch abgebrochen, was ich wirklich nur sehr, sehr selten mit einem Buch tue.
Bewertung: 1 von 5 Sternen.
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