Haltloser Mensch wird von nekrophilem Freund in den Untergang manipuliert

Das Buch „Bordeaux“ von Paul Torday handelt von Wilberforce, der bei Pflegeeltern unglücklich aufwuchs und bis Mitte Dreißig außer der Softwareentwicklung keinerlei Identität entwickelt hat. Er hat keine Religion oder Weltanschauung, hat nie über den Sinn des Lebens nachgedacht, liest keine Bücher, hat keine Freunde und keine Hobbies, keine Vorlieben bezüglich Essen oder Filmen, und auch keine politische Meinung.

Wilberforce gerät nun durch Zufall in einen Kreis von „Freunden“, die einer höheren gesellschaftlichen Schicht angehören: Der Adlige Ed und seine Verlobte, der pensionierte Offizier Eck, und der Weinkenner Francis Black, der letzte Erbe einer traditionsreichen Familie. Auch diese Menschen sind innerlich leer, folgen entleerten Traditionen, und frönen dem süßen Nichtstun bzw. der Jagd u.a. „gehobenen“ Vergnügungen ohne tieferen Sinn. Da Wilberforce nichts anderes kennt, lässt er sich willig mit diesen „Freunden“ ein.

Insbesondere Francis Black nimmt Wilberforce unter seine Fittiche, und führt ihn in die Geheimnisse der Weinkennerei ein. Leider ist Francis Black das, was man einen destruktiven oder nekrophilen Charakter nennt: Ein Charakter, der dem Untergang, der Selbstzerstörung und dem Tode zustrebt, und auch alles um sich herum in diesen Untergang mitnehmen möchte. Schon sein eigenes Leben hat Francis Black ruiniert, durch Spielschulden und seine Wein-Obsession, für die er das Vermögen seiner Familie durchgebracht hat. Er hat keine Frau und keinen Erben. Eine tiefere Ursache für den dunklen Charakter von Francis Black findet man in dessen Jugend: Seine Eltern verboten ihm die Ehe mit einer Frau von „niederem“ Stand, ein gemeinsames Kind wurde zur Adoption freigegeben. Vermutlich sieht Francis Black in dem Adoptivkind Wilberforce, der ebenfalls Francis heißt, sein eigenes Kind, doch es bleibt offen, ob Francis Wilberforce tatsächlich der Sohn von Francis Black ist.

Von Francis Black wird Wilberforce regelrecht dazu „programmiert“, seinerseits zum obsessiven Weinliebhaber zu werden und den Weinkeller – die „Gruft“ – von Francis Black nach dessen Tod zu übernehmen. Zu diesem Zweck verkauft Wilberforce seine erfolgreiche Softwarefirma unter Wert und stößt dabei auch seinen Geschäftspartner Andy vor den Kopf, der sein Freund hätte sein können. Kurz vor seinem Tod manipuliert Francis Black Wilberforce dazu, seinen Gefühlen für eine Frau nachzugeben: Catherine, die Verlobte von Ed. In diesem Fall nicht die schlechteste Manipulation, muss man sagen.

Im Laufe kurzer Zeit entwickelt sich Wilberforce aufgrund seiner obsessiven Weinliebhaberei zum Alkoholiker. Seine Ehefrau Catherine ruft ihn vergeblich zur Ordnung, und stirbt in einem Autounfall, den Wilberforce im Suff – mit Absicht? – provoziert hat. In seinen Halluzinationen erscheint immer wieder der von Verwesungsgeruch begleitete Francis Black, der ihn zu sich in den Tod ruft. Am Ende ist Wilberforce pleite und erliegt endgültig dem Suff. Die beinahe magische Beziehung von Francis Black zu Wilberforce bis über den Tod hinaus wird im Laufe des Buches immer wieder durch christliche Symbolik angezeigt, was dem Buch fast eine mystische Note gibt.

Was soll dieses Buch?

Im Grunde ist es banal: Ein innerlich haltloser Mensch gerät an falsche Freunde, denen er aufgrund seiner Haltlosigkeit erliegt. Das ist nicht gerade originell, aber vor allem ist es nicht wirklich interessant. Wahre und interessante Freundschaft entsteht z.B., wenn Menschen, die bereits eine Identität haben, bemerken, dass sie auf ähnlicher Wellenlänge ticken. We cannot meet face to face, until we have faces. Aber davon leider kein Gedanke in diesem Buch.

Das ganze Buch strahlt eine mehr oder weniger depressive Stimmung aus, die von der durchaus vorhandenen feinen Ironie des Stils nicht wettgemacht werden kann. Auch die Schilderung von Obsessionen und des fortschreitenden Verfalls eines Alkoholikers ist nichts neues.

Kurz: Kein Buch, was man gelesen haben muss. Man könnte höchstens sagen: Einmal im Leben sollte man vielleicht auch so etwas gelesen haben. Schaden tut’s nicht.

Einzelnes

Das Buch erzählt die Geschichte rückwärts statt vorwärts. Das führt immer wieder zu gewissen Aha-Effekten beim Leser. Allerdings führt es hin und wieder auch zu Verwirrung. Man erkennt auch nicht alle Bezüge, und müsste das Buch im Grunde zweimal lesen. Zudem hätte man dieselben Aha-Effekte auch beim Vorwärtserzählen erzielen können, wie man nach einigem Nachdenken herausfindet. Die Rückwärtserzählung ist also keineswegs so genial, wie sie zunächt erscheinen mag.

Das Buch endet aufgrund der Rückwärtserzählung genau an dem Punkt, an dem Wilberforce glaubt, durch seine neuen „Freunde“ die Freiheit und das wahre Leben entdeckt zu haben. Der Leser weiß an dieser Stelle natürlich bereits um die ganze tragische Entwicklung, die sich anschließen wird. Aber auch diesen Effekt hätte man durch durch Vorwärtserzählen erzielen können, z.B. durch eine zunächst rätselhafte, kurze Vorausblende am Anfang des Buches, und eine entsprechende Rückblende im Moment des Todes am Ende des Buches.

Catherine, die Verlobte des Adligen Ed und spätere Ehefrau von Wilberforce, will ebenso wie Wilberforce ausbrechen: Ausbrechen aus dem sinnlosen Leben der „gehobenen“ Gesellschaft, die ihr den Weg einer unglücklichen Ehe mit Ed klar vorgezeichnet hat. Doch auch sie kommt an den Falschen, nämlich an Wilberforce. Tragisch. Traurig. Depressiv. Sinnlos.

Die absolute Null-Identität von Wilberforce ist etwas unglaubwürdig. Aber nun gut. Menschen, die sich über Religion und Weltanschauung und den Sinn des Lebens noch nie Gedanken gemacht haben, gibt es in der Tat viele, und Haltlosigkeit und Manipulierbarkeit ist keine Seltenheit. Insofern lassen wir die Übertreibung der Null-Identität von Wilberforce als literarische Übertreibung gelten.

Ein Satz des Buches hat echte Freude gemacht, und dieser Satz wird in Erinnerung bleiben: „Drei Nager in dunklem Manchester-Hemd fressen delikat das Wensleydale-Fragment.“ Es ist ein sinnloser Merksatz aus dem Alkohol-Delirium von Wilberforce, aber die spontane Vorstellung von drei kuscheligen, putzigen Nagetieren, die – im Hemd! – pausbäckig und spitzbübisch grinsend ein wertvolles Papyrus-Fragment auffressen, ist einfach nur köstlich!

(Statt eines wertvollen Papyrus-Fragments ist hier aber wohl nur ein Bruchstück von Wensleydale-Käse gemeint. Im englischen Original ist der Satz übrigens nicht halb so gut: Dank an den Übersetzer!)

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 31. Mai 2018)