Schlagwort: Obsession

Paul Torday: Bordeaux – Ein Roman in vier Jahrgängen (2008)

Haltloser Mensch wird von nekrophilem Freund in den Untergang manipuliert

Das Buch „Bordeaux“ von Paul Torday handelt von Wilberforce, der bei Pflegeeltern unglücklich aufwuchs und bis Mitte Dreißig außer der Softwareentwicklung keinerlei Identität entwickelt hat. Er hat keine Religion oder Weltanschauung, hat nie über den Sinn des Lebens nachgedacht, liest keine Bücher, hat keine Freunde und keine Hobbies, keine Vorlieben bezüglich Essen oder Filmen, und auch keine politische Meinung.

Wilberforce gerät nun durch Zufall in einen Kreis von „Freunden“, die einer höheren gesellschaftlichen Schicht angehören: Der Adlige Ed und seine Verlobte, der pensionierte Offizier Eck, und der Weinkenner Francis Black, der letzte Erbe einer traditionsreichen Familie. Auch diese Menschen sind innerlich leer, folgen entleerten Traditionen, und frönen dem süßen Nichtstun bzw. der Jagd u.a. „gehobenen“ Vergnügungen ohne tieferen Sinn. Da Wilberforce nichts anderes kennt, lässt er sich willig mit diesen „Freunden“ ein.

Insbesondere Francis Black nimmt Wilberforce unter seine Fittiche, und führt ihn in die Geheimnisse der Weinkennerei ein. Leider ist Francis Black das, was man einen destruktiven oder nekrophilen Charakter nennt: Ein Charakter, der dem Untergang, der Selbstzerstörung und dem Tode zustrebt, und auch alles um sich herum in diesen Untergang mitnehmen möchte. Schon sein eigenes Leben hat Francis Black ruiniert, durch Spielschulden und seine Wein-Obsession, für die er das Vermögen seiner Familie durchgebracht hat. Er hat keine Frau und keinen Erben. Eine tiefere Ursache für den dunklen Charakter von Francis Black findet man in dessen Jugend: Seine Eltern verboten ihm die Ehe mit einer Frau von „niederem“ Stand, ein gemeinsames Kind wurde zur Adoption freigegeben. Vermutlich sieht Francis Black in dem Adoptivkind Wilberforce, der ebenfalls Francis heißt, sein eigenes Kind, doch es bleibt offen, ob Francis Wilberforce tatsächlich der Sohn von Francis Black ist.

Von Francis Black wird Wilberforce regelrecht dazu „programmiert“, seinerseits zum obsessiven Weinliebhaber zu werden und den Weinkeller – die „Gruft“ – von Francis Black nach dessen Tod zu übernehmen. Zu diesem Zweck verkauft Wilberforce seine erfolgreiche Softwarefirma unter Wert und stößt dabei auch seinen Geschäftspartner Andy vor den Kopf, der sein Freund hätte sein können. Kurz vor seinem Tod manipuliert Francis Black Wilberforce dazu, seinen Gefühlen für eine Frau nachzugeben: Catherine, die Verlobte von Ed. In diesem Fall nicht die schlechteste Manipulation, muss man sagen.

Im Laufe kurzer Zeit entwickelt sich Wilberforce aufgrund seiner obsessiven Weinliebhaberei zum Alkoholiker. Seine Ehefrau Catherine ruft ihn vergeblich zur Ordnung, und stirbt in einem Autounfall, den Wilberforce im Suff – mit Absicht? – provoziert hat. In seinen Halluzinationen erscheint immer wieder der von Verwesungsgeruch begleitete Francis Black, der ihn zu sich in den Tod ruft. Am Ende ist Wilberforce pleite und erliegt endgültig dem Suff. Die beinahe magische Beziehung von Francis Black zu Wilberforce bis über den Tod hinaus wird im Laufe des Buches immer wieder durch christliche Symbolik angezeigt, was dem Buch fast eine mystische Note gibt.

Was soll dieses Buch?

Im Grunde ist es banal: Ein innerlich haltloser Mensch gerät an falsche Freunde, denen er aufgrund seiner Haltlosigkeit erliegt. Das ist nicht gerade originell, aber vor allem ist es nicht wirklich interessant. Wahre und interessante Freundschaft entsteht z.B., wenn Menschen, die bereits eine Identität haben, bemerken, dass sie auf ähnlicher Wellenlänge ticken. We cannot meet face to face, until we have faces. Aber davon leider kein Gedanke in diesem Buch.

Das ganze Buch strahlt eine mehr oder weniger depressive Stimmung aus, die von der durchaus vorhandenen feinen Ironie des Stils nicht wettgemacht werden kann. Auch die Schilderung von Obsessionen und des fortschreitenden Verfalls eines Alkoholikers ist nichts neues.

Kurz: Kein Buch, was man gelesen haben muss. Man könnte höchstens sagen: Einmal im Leben sollte man vielleicht auch so etwas gelesen haben. Schaden tut’s nicht.

Einzelnes

Das Buch erzählt die Geschichte rückwärts statt vorwärts. Das führt immer wieder zu gewissen Aha-Effekten beim Leser. Allerdings führt es hin und wieder auch zu Verwirrung. Man erkennt auch nicht alle Bezüge, und müsste das Buch im Grunde zweimal lesen. Zudem hätte man dieselben Aha-Effekte auch beim Vorwärtserzählen erzielen können, wie man nach einigem Nachdenken herausfindet. Die Rückwärtserzählung ist also keineswegs so genial, wie sie zunächt erscheinen mag.

Das Buch endet aufgrund der Rückwärtserzählung genau an dem Punkt, an dem Wilberforce glaubt, durch seine neuen „Freunde“ die Freiheit und das wahre Leben entdeckt zu haben. Der Leser weiß an dieser Stelle natürlich bereits um die ganze tragische Entwicklung, die sich anschließen wird. Aber auch diesen Effekt hätte man durch durch Vorwärtserzählen erzielen können, z.B. durch eine zunächst rätselhafte, kurze Vorausblende am Anfang des Buches, und eine entsprechende Rückblende im Moment des Todes am Ende des Buches.

Catherine, die Verlobte des Adligen Ed und spätere Ehefrau von Wilberforce, will ebenso wie Wilberforce ausbrechen: Ausbrechen aus dem sinnlosen Leben der „gehobenen“ Gesellschaft, die ihr den Weg einer unglücklichen Ehe mit Ed klar vorgezeichnet hat. Doch auch sie kommt an den Falschen, nämlich an Wilberforce. Tragisch. Traurig. Depressiv. Sinnlos.

Die absolute Null-Identität von Wilberforce ist etwas unglaubwürdig. Aber nun gut. Menschen, die sich über Religion und Weltanschauung und den Sinn des Lebens noch nie Gedanken gemacht haben, gibt es in der Tat viele, und Haltlosigkeit und Manipulierbarkeit ist keine Seltenheit. Insofern lassen wir die Übertreibung der Null-Identität von Wilberforce als literarische Übertreibung gelten.

Ein Satz des Buches hat echte Freude gemacht, und dieser Satz wird in Erinnerung bleiben: „Drei Nager in dunklem Manchester-Hemd fressen delikat das Wensleydale-Fragment.“ Es ist ein sinnloser Merksatz aus dem Alkohol-Delirium von Wilberforce, aber die spontane Vorstellung von drei kuscheligen, putzigen Nagetieren, die – im Hemd! – pausbäckig und spitzbübisch grinsend ein wertvolles Papyrus-Fragment auffressen, ist einfach nur köstlich!

(Statt eines wertvollen Papyrus-Fragments ist hier aber wohl nur ein Bruchstück von Wensleydale-Käse gemeint. Im englischen Original ist der Satz übrigens nicht halb so gut: Dank an den Übersetzer!)

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 31. Mai 2018)

Pascal Mercier: Lea (2007)

Ein schwieriges aber auch gutes Buch

Dieses Buch wird es schwer haben, weil es ein schwieriges Thema behandelt: Die Fremdheit und Entfremdung von Menschen, speziell zwischen Vater und Tochter. Das Abgleiten eines Menschen in einen Wahn, der Verlust der Bodenhaftung. Das Aufstauen von Ungesagtem und Missverständnissen, bis zur Explosion. Nun ja.

Es hat ein wenig gedauert, bis ich mich mit dem Buch anfreunden konnte. Am Anfang war es einfach nur depressiv. Dann gefiel mir Sprache und Stil, es ist eben ein Buch von Pascal Mercier, ein gut geschriebenes Buch. Und irgendwann hat mich dann auch die Story gefesselt. Am Ende bleibt man nachdenklich, und kommt in Gedanken öfter noch auf Aspekte dieser Erzählung zurück.

Ich denke, es kommt bei diesem Buch sehr darauf an, dass man in der richtigen Stimmung ist. Entweder man hat ähnliches erlebt und ist deshalb interessiert. Oder man hat sonst nichts um die Ohren und kann sich deshalb auf die Sache einlassen. Hingegen sollte man das Buch meiden, wenn man Aufmunterung und Entspannung sucht oder gar braucht.

Kein wichtiges Buch, aber – so will ich es mal nennen – ein „richtiges“ Buch, nämlich richtig, um diese Thematik zu bearbeiten.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Gustav Meyrink: Der Golem (1913/14)

Kein Golem, statt dessen ein schwüles romantisch-phantastisches Kabbala-Psychodrama

Dieser Roman ist kein Klassiker, der für alle Zeit zu lesen lohnen würde. Vielmehr ist es ein Zeitdokument für die Verwirrung der romantischen Phantastik und der psychoanalytisch induzierten Schwülheit im Fühlen und Denken der damaligen Zeit, soweit man überhaupt von „Denken“ sprechen sollte. Der Autor Gustav Meyrink befasste sich zu seiner Zeit mit Freimaurerei, Kabbala und Theosophie, und daraus produzierte er einen so konfusen Cocktail, dass er am Ende Hilfe dabei benötigt haben soll, sich in seinem eigenen Roman zu orientieren und einen halbwegs runden Abschluss zu schreiben. Das sagt alles.

Erzählstil und grobe Handlung

Das Buch ist eine einzige Traumreise, man weiß nie, was Wirklichkeit ist und was Wahn. Aber nicht nur die Handlung, auch die handelnden Figuren stehen auf schwankendem Grund, denn womöglich sind sie nur psychodramatische Alter Egos ein und derselben Person. Das ganze Buch hindurch herrscht eine gehetzte und beklemmte Stimmung, gepaart mit Hoffnungen, Ohnmacht und Enttäuschungen, Visionen, Offenbarungen, irren Seelenzuständen, und Obsessionen, bis hin zum fanatischen Hass. Rückblenden und Vorausblenden erhöhen die Konfusion. Hinzu kommen schwüle und schlüpfrige Szenen am laufenden Band. Und immer wieder ist der Protagonist unfähig zu reden, wenn er reden sollte.

Im Zentrum dieses Romans steht der Gemmenschneider Athanasius Pernath, der in der Hahnpassgasse im alten Judenviertel in Prag wohnt. Pernath hatte in jungen Jahren den Verstand vor Liebe verloren und war vorübergehend im Irrenhaus, wo man ihm jede Erinnerung an die Vergangenheit durch Hypnose nahm. Jetzt sucht er nach der Erinnerung an sein Vorleben.

Im Haus gegenüber befindet sich der Laden des reichen jüdischen Trödlers Wassertrum, dessen Sohn Augenarzt geworden war. Doch der Augenarzt betrog seine Patienten, indem er sie zu unnötigen Operationen drängte. Deshalb trieb ihn der Student Charousek in den Tod. Charousek wiederum ist ein unehelicher Sohn von Wassertrum, der seinen Vater abgrundtief hasst, weil er dessen Mutter erst schwängerte und dann ins Freudenhaus verkaufte.

Die Adlige Angelina ist auf der Flucht vor Wassertrum, weil Wassertrum ihren heimlichen Geliebten Dr. Savioli verdächtigt, schuld an dem Tod seines Sohnes zu sein. Angelina sucht Hilfe bei Pernath, den sie von Jugend an kennt. Wichtig für Fortgang und Deutung der Handlung sind außerdem der Kabbala-Gelehrte Schemajah Hillel und dessen Tochter Mirjam, die im selben Haus wie Pernath wohnen. Athanasius Pernath ist den ganzen Roman über hin- und hergerissen zwischen Angelina und Mirjam.

Wassertrum wird schließlich von dem hässlichen Loisa ermordet, wie zuvor auch der „Freimaurer“ Zottmann, der sich an minderjährigen Mädchen vergriffen hatte. Der Mord an Zottmann wird wiederum Athanasius Pernath angelastet, der dafür in Untersuchungshaft kommt. Dort trifft er sein Alter Ego, den Lustmörder Laponder, der ihm seine Erscheinungen deutet.

Als Athanasius Pernath wieder aus dem Gefängnis entlassen wird, sind alle seine Bekannten verschwunden und die alte Judengasse befindet sich mitten im Abbruch begriffen. Pernath nimmt eine neue Wohnung – ausgerechnet in dem Haus des Golems, dazu gleich mehr – und als es bei einer neuerlichen Erscheinung des Golem zum Brand kommt, endet seine Geschichte, und die Rahmenhandlung setzt wieder ein.

Golem?

Obwohl der Titel des Romans „Der Golem“ lautet, kommt im ganzen Roman kein Golem vor. Vielmehr wurde die Überlieferung des Golem durch die überdrehte Phantastik der Romantik bis zur Unkenntlichkeit entstellt, so dass es am Ende um etwas ganz anderes geht. Der Höhepunkt dieser Entwicklung scheint dieser Roman zu sein.

Der Golem wird in diesem Roman als eine kabbalistische Geisterfigur aufgefasst, die alle 33 Jahre im Prager Judenviertel erscheint. Die Erscheinung geht immer von demselben Haus im Judenviertel aus, in dem es einen Raum mit einem Fenster aber ohne Türen gibt. Und ebenso plötzlich verschwindet der Golem wieder. Es handelt sich aber nicht um eine zum Leben erwachte Lehmfigur, sondern um einen Menschen mit asiatischen Gesichtszügen und einer mittelalterlichen Jacke. Die Ankunft des Golem kündigt sich dabei durch kleine Zeichen an: Eisblumen an den Fenstern fließen zu seinen Gesichtszügen zusammen, ein Gelegenheitsschnitzwerk zeigt seine Züge, usw.

Zu Beginn bringt der Golem dem Athanasius Pernath das Buch Ibbur zur Ausbesserung. Ibbur bedeutet „Schwängerung“. Im Sinne der Kabbala bedeutet Ibbur, dass eine Seele für eine Weile im Körper einer anderen Seele Wohnstatt nimmt. Eine Rolle spielt auch das Tarot-Spiel, das Athanasius Pernath in dem Raum ohne Türen findet. Die Figuren des Tarot sollen der Kabbala entnommen sein.

Zugleich wird der Golem aber auch psychoanalytisch gedeutet: Denn der Golem ist praktisch der Doppelgänger von Athanasius Pernath. In ihm erkennt er sich selbst wieder. In ihm steht er sich selbst gegenüber. Zwischendurch kommt es zu einer Begegnung mit einem nebulösen Geschöpf ohne Kopf, das Athanasius Pernath eine Hand mit Körnern entgegenstreckt, die Pernath dem Wesen aus der Hand schlägt, statt sie anzunehmen oder abzulehnen. Und der Schlüssel zu allem sei das Symbol des Hermaphroditen, die Vereinigung von Mann und Frau, so erfährt man später. Wie genau ….. das erfährt man nicht.

Tatsächlich deutet die Rahmenhandlung des Romans an, dass die Eigenschaft des Golem alle 33 Jahre auf eine andere Person übergeht, und zwar durch die Verwechselung des Hutes beim Besuch des Dom auf dem Hradschin. Wer dort aus Versehen den Hut eines anderen mitnimmt und darin den Namenszug „Athanasius Pernath“ findet, der ist der nächste „Golem“. Und alle diese Golems sehen sich zum Verwechseln ähnlich, stehen einander gegenüber, erkennen sich ineinander selbst.

Prag, Judenviertel, Milieu

Einen zeitdokumentarischen Wert haben die Schilderungen von Prag, dem alten Judenviertel und des Milieus, in dem sich Athanasius Pernath bewegt. Die engen Gassen, schiefstehenden Häuser, die Falltüren und Gänge: All das lässt das Judenviertel lebendig werden. Dazu gehört natürlich auch die Person des jüdischen Trödlers Wassertrum und des Kabbala-Gelehrten Schemajah Hillel und seiner Tochter Mirjam. Die Schilderung dieser beiden herzensguten, weisen und heiligen Menschen, deren Leben voller Optimismus, Heilung und Wunder ist, gehört zu den liebenswertesten Passagen im ganzen Roman.

Aber auch die Freunde von Athanasius Pernath sind wahre Originale, darunter ein Puppenspieler und ein armer Student. Zusammen gehen sie in die Kneipen, vor allem in den Loisitschek, wo es hoch hergeht. Unter anderem tanzt hier Rosina, ein lüsternes jüdisches Mädchen, das bald in die Prostitution abrutscht, so wie ihre Mutter und ihre Großmutter vor ihr auch schon. Als die Polizei kommt und Razzia machen will, stellt sich ein adliger Gast mit seiner Autorität der Polizei entgegen, so dass sie unverrichteter Dinge wieder abziehen muss. Im Loisitschek verkehrt auch das „Bataillon“, eine Gruppe von Gaunern, die von einem berühmten Rechtsprofessor gebildet und beschützt wurde, nachdem dieser von seiner Frau betrogen worden war und dem Suff verfiel.

Wir sehen ein bunt gemischtes Völkchen aus Deutschen, Tschechen und Juden und wie sie zusammenleben und in verschiedenen Sprachen, Jargons und Dialekten sprechen. Gewisse antisemitische Züge kommen vor allem in der Zeichnung der Figur des Wassertrum zum Tragen. Allerdings sollte man das nicht überbewerten, denn zugleich wird mit Schemajah Hillel und dessen Tochter Mirjam ein äußerst positives Bild von jüdischem Leben gezeichnet. Der Roman ist also nicht antisemitisch.

Unklares Ende

Die Handlung ist so wirr, mehrfach geschachtelt, teilweise unlogisch und überhaupt traumhaft, so dass der Leser am Ende nicht recht weiß, was eigentlich in Wirklichkeit passiert ist und was er davon halten soll. Immerhin fügen sich am Ende des Romans doch eine ganze Reihe von Fäden zu einem Gesamtbild zusammen, womit man gar nicht mehr gerechnet hätte.

Am Ende findet der Protagonist der Rahmenhandlung Athanasius Pernath und Mirjam wohlvereint in dem Geisterhaus am Ende des Goldenen Gässchens auf dem Hradschin, das immer nur bei Nacht und Nebel sichtbar wird, wo tagsüber ein steiler und gefährlicher Abgrund zum Hirschgraben klafft. Ende gut alles gut? Oder soll die Person des Lustmörders Laponder, ein Alter Ego des Athanasius Pernath, bedeuten, dass Athanasius Pernath Mirjam in einem Lustmord „geheiratet“ hat? Und das Happy End findet nur im geistigen Reich der Romantik statt? Wir werden es niemals erfahren.

Es handelt sich bei dem „Golem“ von Gustav Meyrink um ein schwüles, romantisch-phantastisches Kabbala-Psychodrama, das ein Dokument für seine Zeit ist, aber nicht als Klassiker mit einem überzeitlichen literarischen Anspruch gelten kann.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Stefan Zweig: Schachnovelle (1942)

Ein zum Klassiker gewordenes Meisterwerk: Charakterstudien, Nationalsozialismus und Schach

Dieses längst klassisch gewordene schmale Bändchen von Stefan Zweig ist viel mehr als die meisten meinen. Es ist eine Charakterstudie nicht nur von einer Person, sondern gleich von vier Personen, und behandelt werden mindestens zwei Themen, wenn nicht mehr.

Die erste Charakterstudie widmet sich einem Schachweltmeister, Mirko Czentovic: Aus welchen Verhältnissen er stammt, und wie er so geworden ist, wie er ist. Um an diese sehr verschlossene Person heranzukommen, verbündet sich der Ich-Erzähler mit McConnor, einem schottischen Ölbohrungsingenieur, einem Ausbund an Pragmatismus und Ehrgeiz. Schließlich die Hauptperson: Der Vermögensverwalter Dr. B., der sich in Gefangenschaft der Gestapo in einen wahren Schachwahn hineingesteigert hatte, der Suchtcharakter annahm und die Gefahr des Rückfalls in sich birgt. Aber es gibt noch eine vierte Person von Interesse: Es ist der Ich-Erzähler – natürlich Stefan Zweig, wer sonst? – der einmal mehr in seiner Rolle als neugieriger Erkunder der menschlichen Seele auftritt. Dabei zeigt er sich nicht als Alleskönner und Superheld, sondern als fragender, zweifelnder, ausprobierender, listenreicher aber auch manchmal unbeholfener Erkunder der Seele, was sehr menschlich ist.

Die zwei großen Themen der Novelle sind bekannt: Da ist zum einen die subtile Folter von Dr. B. durch die Gestapo. Völlig isoliert in einem Hotelzimmer, ohne Zeitung und ohne Gesprächspartner, wird Dr. B. geistig und nervlich zermürbt, ohne dass er körperlich gefoltert würde oder überhaupt eine schlechte Behandlung nach den üblichen Kategorien erfährt. (Auch eine Frau spielt keine Rolle, wie manche Verfilmung offenbar meint – von jeder Verfilmung sei abgeraten, man kann diese Erzählung nicht verfilmen.) Das andere große Thema ist natürlich das Schachspiel und seine Faszination in vielen Facetten.

Es gibt aber auch interessante Nebenthemen: Dazu gehört die Plünderung von nichtjüdischem Privatvermögen durch die Nationalsozialisten, hier die Vermögen von Adel und Kirche, die vom Vermögensverwalter Dr. B. betreut wurden. Oder die Wichtigkeit der geistigen Nahrung und des Austauschs mit anderen für den menschlichen Seelenhaushalt. Die Herkunft von Mirko Czentovic setzt dem Provinzleben der kuk Monarchie einmal mehr ein Denkmal. Man erfährt aber auch, wie es auf einem Ozeandampfer zuging, hier auf einer Überfahrt von New York nach Buenos Aires. Da heute alle das Flugzeug nehmen, ist diese Form des Reisens praktisch ausgestorben.

Alles in allem ist diese kurze Erzählung ein kleines Meisterwerk, das zurecht zu einem Klassiker geworden ist, den man gerne und leicht mehr als nur einmal in seinem Leben lesen kann.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.