Annäherung an die Weisheit von der Idee der Stille her

Das Buch „Stille“ von Erling Kagge geht von der Erfahrung der Stille aus, die den Autor in verschiedenen Situationen seines Lebens zum Staunen brachte. Es geht aber auch um jene Stille, die man inmitten von Lärm finden kann, und darum, nicht vor sich selbst davon zu laufen. Das Thema ist in diesem Sinne nicht einfach nur Stille an sich, sondern auch Einsamkeit, oder noch besser: Allein mit sich selbst sein, d.h. die Konfrontation mit sich selbst.

Die Texte gehen von individuellen Erlebnissen des Autors aus, an die sich teils philosophische, teils meditative Überlegungen anknüpfen. Das Buch liest sich einerseits sehr flott, andererseits werden tatsächlich tiefgründige Fragen aufgeworfen, und es ist am Leser zu entscheiden, wie sehr er sich davon berühren lassen und weiterdenken möchte. Wer sich schon mit Philosophie als Weisheitslehre befasst hat, so wie man Philosophie in der Antike verstand, dem werden viele Gedanken in der ein oder anderen Form schon einmal irgendwo begegnet sein.

Eine Stärke des Buches besteht darin, dass hier ein philosophisch nicht geschulter Mensch sich seine ganz eigenen Gedanken macht. Das ist immer interessant, weil es neue Perspektiven auf die bereits bekannte Sache bietet, und eine Ermunterung für jeden ist, es selbst zu versuchen: Nur diejenige Philosophie ist „echt“, die man sich zu eigen gemacht hat, die aus einem selbst herauskommt. Angelesene Philosophie kann dafür nur ein Wegweiser sein.

Eine Schwäche liegt darin, dass auch dieses Buch, wie so viele Versuche unserer Tage, sich der Weisheit anzunähern, mit sich ergänzenden Gegensätzen nicht ganz zu Rande kommt. Da ist zunächst die Frage, ob es eher um ein stilles In-sich-hinein-Fühlen und Leben-bewusst-Erleben geht, bei dem zu vieles Denken nur stören würde, oder ob es eher um eine denkerische Konfrontation mit sich selbst, seinem Leben und dessen Sinn geht, der man nicht ausweichen sollte. Es ist natürlich beides: Man kann sich seinem Leben bewusst hingeben, wenn man die Sicherheit hat, dass die Weichen denkerisch alle richtig gestellt sind. — Und da ist die Frage, ob es um die Ausgrenzung der Welt geht, oder um ein achtsames, bewusstes Wahrnehmen gerade auch der kleinen, einfachen Dinge in der Welt. Auch hier gilt: Natürlich beides, alles zu seiner Zeit.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 10. Dezember 2019)