Schlagwort: naiv

Katja Kullmann: Echtleben – Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben (2011)

Enttäuschung: Ideologische Verblendung statt schuldlos in Not geraten

Mit viel Wohlwollen und einigen Erwartungen habe ich dieses Buch zu lesen begonnen. Meine Erwartung war, Einblick von innen zu bekommen in das Milieu von Menschen um die 40, die ähnliche Probleme wie die „Generation Praktikum“ haben: Gut ausgebildet, leistungsbereit, aber dennoch ohne Chance; nur, dass sie schon etwas älter sind. Ich wollte wissen, wie es Menschen geht, die es schuldlos nicht geschafft haben. Man interessiert sich schließlich und fühlt sich auch verantwortlich: Was läuft schief? Und wo wirkt der Sozialstaat wirklich sinnvoll?

Nach einigen Seiten korrigierte ich meinen Eindruck, aber immer noch wohlwollend: Hier ging es wohl eher um Menschen, die etwas naiv sind? Die die ganzen linken Lebenslügen geglaubt haben und jetzt langsam erwachen, und nur noch nicht so recht wissen, wer eigentlich schuld ist an ihrer Lage? (Zum Beispiel die, die ihnen einredeten, dass grundlegende Lebensregeln nach 1968 nicht mehr gelten würden.) Auch dafür, dass man sich mit der Entscheidung schwer tut, einen Wunschberuf an den Nagel zu hängen und umzuschulen, kann man noch ein gewisses Verständnis haben … ja, man kann sich lebhaft vorstellen, dass man selbst auch nicht perfekt „funktionieren“ würde in so einer Lage.

Doch der Eindruck verdüsterte sich dann zusehends.

Der erste richtige Hammer kam schon S. 37: An ihren Freunden fiel der Autorin auf, „dass kein Neokon darunter ist, jedenfalls kein überzeugter Liberaler oder Konservativer, kein wirklich scharfer Hund.“ – Ups! Seit wann sind denn Liberale oder Konservative per se schon „scharfe Hunde“? Wie weit links muss man stehen, um einen solchen Satz formulieren zu können? Und mehr noch: In dem dargelegten Freundeskreis der Autorin finden sich sehr wohl „scharfe Hunde“, nämlich linke „scharfe Hunde“ … aber das zählt für unsere Autorin wohl nicht?

Wiederum ziemlich naiv dann die Auffassung der Autorin, dass ihre Generation Entscheidungsstärke demonstriere, weil manche ihrer Freunde bestimmte Lebensmittelketten boykottieren oder aus CO2-Sparhysterie ständig überall Licht und Standby ausschalten. Das meint die Autorin doch nicht ernst? Entscheidungsstärke? Wohl eher der Verlust des Blicks für die Relationen und das Machbare …

Die Autorin sieht Entscheidungsfreude aber auch in folgendem: „… leer stehende Häuser werden besetzt oder von selbst verwalteten Genossenschaften übernommen, wenn die Überteuerung eines Wohnviertels droht, … All dies sind ganz praktische Antworten auf die von Politik und Wirtschaft forcierte, viel zitierte Privatisierung der Lebensrisiken. Es ist Arbeit an der und für die Gemeinschaft.“ (S. 61).

An dieser Stelle war endgültig klar: Meine Erwartungen an dieses Buch konnte ich in die Tonne treten. Dieses Buch schildert keine schuldlos in Not geratenen Menschen, sondern bringt wohl nur Einblicke in ein ganz bestimmtes linksliberales bis linksextremes Milieu, das an seiner eigenen ideologischen Verblendung scheitert, und nun andere für das eigene Versagen verantwortlich macht. Mit S. 61 habe ich dieses Buch abgebrochen, was ich wirklich nur sehr, sehr selten mit einem Buch tue.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

Johanna Alba & Jan Chorin: Halleluja! und: Gloria! (2010/2012)

Band 1: Halleluja! – Ein Papst-Krimi (2010)

Krimi-Sommerkomödie mit viel Ironie, Katastrophen-Katholizismus und italienischem Flair

Diese Krimi-Sommerkomödie fällt durch ihren Plot aus dem Rahmen des Üblichen: Chefermittler ist hier Papst Petrus II. persönlich. Der Papst, das ist in diesem Fall ein freundlicher und lebensnaher Gemeindepfarrer aus dem Viertel Trastevere, wo Rom am römischsten ist, den das Schicksal irgendwie auf den Papstthron bugsiert hat, ohne dass er seinen Charakter als freundlicher Gemeindepfarrer und Genußmensch verloren hätte. Im ewigen Zweikampf mit seiner stockkatholischen Haushälterin schafft er es irgendwie, die Gazetta dello Sport und Cornetti in seine Dienstwohnung zu schmuggeln, wenn er nicht incognito mit der Vespa in Rom unterwegs ist. Unterstützt wird er dabei von seiner vollbusigen Pressesprecherin Giulia und seinem tapferen Sekretär Francesco.

Merkwürdige Dinge geschehen in Rom: Madonnen weinen, Engel stürzen herab, Anschläge auf Kardinäle werden verübt, Madonnenbilder verschwinden, Intrigen werden gesponnen und Geschäfte gemacht. Orte der Handlung sind u.a. diverse römische Bars, Kirchen und Eisdielen, ein Krankenhaus, die Piazza Navona, das Forum Romanum, das Pantheon, die Tiberinsel, ein Heim für Priesterkinder, die Katakomben, ein Geißler-Orden, ein Verein schwuler Katholiken, Palazzi und Edel-Hotels. Es treten auf: Der Kunsthistoriker des Vatikans, ein Ölscheich, der Chef der Vatikanbank, Gott, diverse Baristi, Tifosi, die Squadra Azurra u.v.a.

Die katholische Kirche und ihre spezifischen Probleme werden in diesem Krimi wunderbar ironisch und treffsicher aber niemals gehässig auf die Schippe genommen, am Rande übrigens auch der Islam. Die Story nimmt überraschende Wendungen und Pointe reiht sich an Pointe. Es macht einfach Spaß sich von den Einfällen der Autoren überraschen zu lassen. Da der Papst ein echter Römer ist, bekommt der Leser auch tiefe Einblicke in die Seele römischer Lebensart, von der Fußballbegeisterung über die Bar- und Eisdielen-Kultur bis hin zu typisch römischen Leckerbissen.

Einziger Malus, den man angesichts der Spritzigkeit der Story gerne verzeiht, ist die unkritische Verherrlichung des (nennen wir es mal so) freundlichen Gemeindepfarrer-Katholizismus mit leichtem Hang zum menschenfreundlichen Selbstbetrug, sympathischen Aberglauben und nostalgischen Traditionalismus. Aber vielleicht ist auch das einfach nur typisch italienisch … – Eine echte Empfehlung als leichte Lektüre für den nicht notwendigerweise katholischen Italien- und Rom-Liebhaber!

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. August 2012)

Band 2: Gloria! – Ein Papst-Krimi (2012)

Play it again, Frank: Der nette Dorfpriester-Papst als Kriminalist

Der zweite Band der Reihe mit dem gemütlichen Papst Petrus II., seiner hübschen Pressesprecherin Giulia und seinem jugendlichen Privatsekretär-Mönch Franceso, die gemeinsam den Vatikan wie eine Dorfpfarrei leiten (genauso derb und leichtfüßig, genauso kitschig und naiv), erweckt noch einmal alle lustigen Klischees des ersten Bandes zum Leben. Der Plot ist ebenfalls ordentlich gelungen. Ganz witzig die Verballhornung von Berlusconi. Die Haushälterin Immaculata läuft diesesmal zur Hochform auf. Und die Verwicklungen des Bösen sind verzwickt.

Trotzdem reicht es nicht an den ersten Band heran. Der Coup mit der Schwulenszene im Vatikan aus dem ersten Band dürfte nicht mehr zu toppen sein. Einmal wegen des gelungenen Überraschungseffekts, dann aber auch, weil der jetzige Papst Franziskus ebenfalls von einer realen Schwulenszene im Vatikan spricht – und auch er ist ein dorfpriesterlicher Typ. Insofern hatte der erste Band fast etwas Prophetisches. Die Story zwischen Giulia und Francesco kam leider nicht wirklich voran.

Alles in allem ist es dann aber auch mal genug mit dem allzu unwirklichen und naiven Setting dieser Reihe. Es gibt skurrile Plots, die funktionieren wegen des Überraschungseffekts einmal, aber nicht zweimal.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 13. September 2013)