Schlagwort: Monarchie

Marco Gallina: Giovannino Guareschi – Don Camillos rebellischer Vater (2026)

Ein konservativer Rebell; Einblicke in ein anderes Italien

Jeder kennt die Filme mit Don Camillo und Peppone, aber kaum einer hat sie ernst genommen. Es scheint sich um Klamauk und Comedy zu handeln, und wenn Don Camillo mit Jesus spricht, wird es kitschig. Doch der geistige Vater von Don Camillo ist ein Gigant der italienischen Geistesgeschichte, scheinbar vergessen und unterschätzt.

Ein konservativer Rebell

Giovannino Guareschi (1908-1968) war ein durch und durch katholischer Mensch, geprägt von der Volksfrömmigkeit der „Bassa“, d.h. der Po-Ebene in Norditalien, einer katholischen Provinz wie aus dem Bilderbuch. Mit seinem Glauben stürzte er sich in die Politik, aber nicht als Politiker, sondern als Satiriker und bissiger Kommentator. Seine Zeitschrift „Candido“ übte in den 1950ern großen Einfluss in ganz Italien aus und hatte einen maßgeblichen Anteil daran, dass die Christdemokraten sich gegen Kommunisten und Sozialisten durchsetzen konnten. Von seinem Glauben her kritisierte Guareschi alle, die Kommunisten und Sozialisten ebenso wie die Christdemokraten. Er saß praktisch zwischen allen Stühlen und ging für seine Überzeugungen auch ins Gefängnis. Zuletzt kritisierte er auch die beginnende Modernisierung der katholischen Kirche.

Guareschi ist der Prototyp eines Menschen, der unberührt von den Kräften der Zeit in einem ganz eigenen, geistigen Universum lebt. Das gab ihm eine besondere Lebenskraft, die ihn nicht nur die Kriegsgefangenschaft als italienischer Soldat bei den Deutschen überleben ließ, sondern auch dazu führte, dass er sich mit keinem Zeitgeist je anfreunden konnte. Immer sah er sofort, wo Irrtum und Heuchelei lauerten, und wo die Mächtigen über die kleinen Leute hinwegschritten. Mit seiner Satire von Don Camillo und Peppone spießte Guareschi den (Un-)Geist seiner Zeit auf und zeigte den Menschen, dass nur eine non-konformistische, individuelle Gewissensentscheidung zum Guten führt.

Einblicke in ein anderes Italien

Italien ist uns intellektuell vor allem durch Umberto Eco bekannt, der ein Linksliberaler der alten Schule war. Guareschi eröffnet aber einen Blick auf das konservative, damals vielleicht sogar monarchistische Italien, das es auch gab und gibt. Sich selbst nannte Guareschi ein „Kind zweier Italien“: Sein Vater war Sozialist, seine Mutter gläubige Katholikin.

Das Buch gibt Einblicke in unbekannte Tiefenschichten der jüngeren italienischen Geschichte. Es ist auch interessant zu vergleichen: Wie kam es z.B. in Italien zum Ende der Monarchie, wie in Deutschland? In beiden Ländern war dies keine völlig klare Entscheidung. Das alles wird von Marco Gallina mit einem knappen Stil, der sich auf das Wesentliche beschränkt, in einem wunderbar lesbaren Buch beschrieben.

Kritik

Vielleicht könnte man Guareschi manchmal Derbheit und Kitsch vorwerfen. Aber das wäre wohl meist ein unpassender und zeitbedingter Vorwurf. Die Filme über Don Camillo und Peppone wurden von Guareschi teils selbst kritisiert, weil sie zu sehr von seinen Intentionen abwichen.

Der skeptische Leser fragt sich auch dies: Guareschi kritisierte alle möglichen Mächte, die Kommunisten, die Christdemokraten, die Gewerkschaften, die USA usw., aber er selbst war mit seinem Glauben natürlich ebenfalls bei einer solchen Macht angebunden, nämlich bei der katholischen Kirche. Zugegeben: Die katholische Kirche ist vergleichsweise verlässlich. Aber natürlich führt auch diese Institution ihre Mitglieder am Nasenring durch die Manege, wenn es darauf ankommt. Guareschi kam durch die Veränderungen im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils in einen gewissen Konflikt mit seiner Kirche, aber eine echte Nagelprobe ist ihm erspart geblieben. Oder Guareschi hat eine Zuspitzung dieses Konfliks bewusst vermieden, weil er innerlich ahnte, was das Ergebnis gewesen wäre.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Herbert Rosendorfer: Deutsche Suite (1972)

Destruktive, zynische, ekelhafte Satire auf Nachkriegs-Bayern

Das Buch beginnt damit, dass eine junge Adelige auf einer Party von Tiermedizinstudenten zunächst reihum mit jedem Studenten kopuliert, zuletzt aber auch noch mit einem Schimpansen aus der tiermedizinischen Abteilung. Nachdem sie schwanger ist, fürchtet Ihre Familie, zu der auch das bayerische Königshaus gehört, allen Ernstes, dass ein Halbaffe geboren würde, der dann den Adelstitel tragen würde. Deshalb wird eine Scheinhochzeit arrangiert. En passant erfährt man, dass die Monarchie in Bayern 1918 gar nicht abgeschafft worden wäre, sondern angeblich bis heute fortbestünde. Ab Seite 34 liest man dann nicht mehr weiter, sondern überfliegt nur noch kurz die Seiten, die da noch kommen, um allüberall seine Vorurteile über dieses Buch bestätigt zu bekommen, die man auf den ersten 34 Seiten gebildet hatte. Sogar die Sprache des Buches ist schlecht, oft gestelzt und umständlich.

Es geht in dieser Satire nur um grenzdebile Monarchisten, um Nazis, und schließlich um NPDler. Daraus setzt sich dieser Satire zufolge die „deutsche“ Gesellschaft zusammen. Die Satire ist zynisch, destruktiv, ekelhaft und lächerlich überzogen. Wenn die Gesellschaft wirklich so wäre, könnte man auch gleich ganz an ihr verzweifeln. Doch es soll ja immer noch eine Satire sein, also zum Lachen, aber man weiß eigentlich nicht so recht, worüber man da lachen soll. Es wird auch nirgendwo klar, was denn der Autor selbst für sich und sein Land will. Diesem Werk nach zu urteilen, hasst der Autor sein Land so sehr, dass er es einfach nur komplett in die Tonne kloppen will. Es stellt sich auch sehr die Frage, warum dieses Machwerk den Titel „Deutsche Suite“ trägt. Denn es geht im Wesentlichen um Bayern.

Dieses Machwerk ist nur erklärbar, wenn man dem Autor einen dicken Knoten im Hirn unterstellt. Da hat irgendein unaufgeklärter linker Depp seinen ganzen vorurteilsbeladenen Rotz und Kotz über „Deutschland“ ausgekübelt, und dabei gar nicht bemerkt, dass er damit mehr über sich selbst als über „Deutschland“ verrät. Man hat Hitler, wohl mit Recht, einen nekrophilen Charakter zugeschrieben, der – ohne sich darüber im Klaren zu sein – zielsicher auf Untergang, Tod und Verderben zusteuerte. Der Autor dieses Buches ist auf demselben Weg.

Der einzige Grund, sich mit diesem Buch zu befassen, wäre ein zeithistorisches Interesse an der Stimmungslage der BRD im Jahre 1972. Wie es möglich war, dass ein solches Buch geschrieben und gelesen wurde. Es muss sehr viele dumme, destruktive und nekrophile Menschen gegeben haben, damals, zur Hochzeit des Wahns von anno 68.

Aus Rezensionen und Artikeln über den Autor und sein Buch erfährt man, dass mit dem allzu behaarten Affennachkömmling der Adelsfamilie der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel gemeint sein soll. Sehr befremdlich. – Außerdem lebte der Autor gerne selbstwidersprüchlich: Während er als Richter Skifahrer abkanzelte, fuhr er selbst gerne Ski, und während er meinte, man könne nur in München leben, ist er selbst von München aufs Land gezogen. Verstehen muss man das nicht. Verstehen muss man nur, dass es hier nichts zu verstehen gibt.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. September 2020)

Joseph Roth: Radetzkymarsch (1932)

Epochen-Roman über Milieu und Verlust der kuk Monarchie

Der Roman „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth ist vor allem eine Milieustudie der Zeit der untergehenden kuk Monarchie. Die Morbidität der wie für die Ewigkeit zementierten Verhältnisse, und das in ihnen aufbrechende Neue, sowie der Verlust des Alten sind die Themen. Für diese Epoche und diese Zeit und den folgenden Umbruch sicher ein großartiger Roman in einer sehr schönen Sprache.

Der Handlungsfaden ist eigentlich nebensächlich, jede Szene für sich ist ein Ereignis: Wie der Held von Solferino zum Helden wurde, wie er sich über eine falsche Darstellung in einem Schulbuch beklagt. Die Examinierung durch den Herrn Vater, den Bezirkshauptmann und Repräsentanten des Kaisers, das Mittagessen mit der Haushälterin und dem Diener, danach das Aufspielen der Musikkapelle, danach die Unterhaltung des Bezirkshauptmannes mit dem Kapellmeister. Der Besuch beim Witwer Slama, das Offizierskasino, das Bordell, der jüdische Doktor Demandt, dessen orthodoxer Großvater und Schankwirt, das Duell, die Verhältnisse an der Grenze, der Spielsalon, Kapturak, die verkrachte Existenz Maler Moser, die sozialdemokratische Demonstration und ihre Niederschießung, der Tod des Dieners Jacques, die Eisenbahn, immer wieder Kaffeehausszenen, Wiener Bürokraten, der milde und der greise Kaiser, das Auseinanderfallen der Armee beim Eintreffen der Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers, der Schachpartner des Bezirkshauptmannes Dr. Skowronnek, und viele, viele andere mehr.

Leider wird die Handlung heute häufig unter dem Aspekt der Affären des Leutnants Trotta gesehen, vielleicht wegen Verfilmungen? Es ist ganz die Sprache, die den Roman ausmacht, und deshalb ist eine Verfilmung ohnehin nicht denkbar. Jedenfalls stehen die Affären nicht im Mittelpunkt und sind nur ein Mosaikstein wie viele andere auch. Der Autor hätte ruhig auch eine Affäre weglassen können, ohne dem Roman etwas zu nehmen.

Der Roman ist ein Meisterwerk der Menschlichkeit, ein literarisches Kunstwerk der Beobachtung, ein Denkmal für eine vergangene Zeit, aber auch ein Mahnmal für Zeitenwenden, die immer wieder auf die Menschen zukommen. Als Hörbuch besonders geeignet, wegen der ruhigen Sprache und vor allem, weil durch einen guten Vorleser mit österreichischem Akzent alles noch viel echter und eindrücklicher wirkt.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 08. September 2012)