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Katholischer Erwachsenenkatechismus (1985/1995) – Katechismus der Katholischen Kirche (1992)

Grundlegende Lektüre zum Verständnis unserer Welt: Ein katholischer Katechismus

Die meisten Menschen winken beim Wort „Katechismus“ ab: Sie denken an eine Sammlung von kurzen Fragen und Antworten, wie sie die Schüler in früheren Zeiten auswendig lernen mussten. Die reine Schikane. Und doktrinärer Kirchen-Unsinn ist es obendrein. Wer glaubt denn sowas? Wer tut sich das an? Also weg damit.

Aber so einfach ist es nicht. Es gibt eine ganze Reihe von sehr guten Gründen, warum man einen Katechismus gründlich gelesen haben sollte:

  • Was ist Christentum überhaupt? Das ist genau die Frage, die ein Katechismus beantwortet. Ein Katechismus ist die Zusammenfassung der christlichen Glaubens- und Sittenlehre: Was man als Christ inhaltlich glauben sollte, und wie man als Christ leben und handeln sollte in der Welt. Das Wort „Katechismus“ könnte man mit „Lehrbuch“ übersetzen. – Viele Menschen glauben zwar zu wissen, was Christentum ist, doch in Wahrheit ist das vorhandene Wissen oft nur sehr oberflächlich. Da das Christentum aber nun einmal tatsächlich ein wesentlicher Grundpfeiler unserer gesamten westlichen Kultur ist, sollte man sich durchaus die Mühe machen, der Sache etwas näher auf den Grund zu gehen. Und zwar völlig unabhängig von der Frage, ob man das nun glauben will oder nicht. Darum geht es gar nicht. Es geht um ein unverzichtbares Stück Bildung, ohne das wir die Welt, in der wir leben, nicht richtig verstehen können.
  • Die Bibel deuten: Die meisten Menschen glauben, was Christentum sei, das stünde in der Bibel. Man müsse nur die Bibel lesen, und schon wüsste man, was Christentum ist. Aber das ist falsch. Ganz falsch. – Natürlich ist die Bibel das heilige Buch der Christen und damit die Grundlage des Christentums. Aber reicht ein Blick in die Bibel wirklich? Wenn ein x-beliebiger Christ an unserer Haustüre steht und uns eine Bibel überreicht, wissen wir dann schon, was der glaubt? Es gibt so viele Variationen: Papst oder nicht Papst? Bußsakrament oder nicht? Abendmahl als echte Wandlung oder nur als Symbol? Ehescheidung erlaubt oder nicht erlaubt? Jesus der wahre Sohn Gottes oder nur ein Auserwählter? Maria als Mutter der Kirche, oder nur ein unbedeutendes Waschweib? – Mit der Bibel allein weiß man praktisch nichts! Denn was eine Kirche aus der Bibel herausliest, das steht nur im Katechismus der jeweiligen Kirche. Und nur dort! Die Bibel hingegen ist sehr interpretationsfähig. Die Deutungen gehen weit auseinander. – Katholiken glauben zudem, dass das Leben der Kirche eine Überlieferung außerhalb der Bibel transportiert, die ebenfalls von Bedeutung ist. Auch deshalb reicht die Bibel allein nicht. Aufmerksame Leser werden schnell bemerken, dass sich Christentum und Kirche gar nicht voneinander trennen lässt. Wir wissen von Christus nur durch die Kirche. Auch die Bibel ist eine Hervorbringung der Kirche.
  • Christentum durchschauen: Gerade dann, wenn man dem Christentum gegenüber kritisch eingestellt ist, sollte man es kennen. Denn nur wer das Christentum kennt, weiß überhaupt, was alles auf das Christentum zurückgeht. Und nur dann kann man es auch kritisieren. Und sich Alternativen überlegen. Viele Kritiker des Christentums wissen gar nicht, wie viele Bestandteile unserer Kultur auf das Christentum zurückgehen. Sie nehmen viele christliche Dinge für selbstverständlich, die es gar nicht sind, und täuschen sich über die Welt, in der sie leben. Sie sollten einen Katechismus lesen.
  • Andere Religionen durchschauen: Natürlich ist es das Durchschauen und Verstehen anderer Religionen viel einfacher, wenn man erst einmal eine Religion etwas gründlicher durchschaut hat. Und das sollte natürlich zuerst die traditionelle Religion des eigenen Kulturkreises sein. Viele Menschen haben ein oberflächliches Verständnis von Christentum, das sie kurzerhand auf andere Religionen übertragen. Auf diese Weise geraten sie in beliebige Irrtümer über andere Religionen. Mit teils tragischen Konsequenzen. – Von den Islamverharmlosern ist das bekannt. Kaum jemand hat von Kultur und Religion so wenig Ahnung wie die Anhänger eines zügellosen Multikulti. Aber auch jene sind auf dem Holzweg, die sagen, sie hätten den Koran gelesen und wüssten jetzt ganz genau, was „der Islam“ lehrt. Der Koran ist jedoch ein extrem interpretationsbedürftiger Text. Im Koran stehen Aufforderungen zur Gastfreundschaft direkt neben Tötungsbefehlen. Und von Mohammed steht so gut wie nichts im Koran. Nichts wissen sie also! Sie haben schlicht das falsche Buch gelesen, wenn sie es überhaupt gelesen haben. Nicht der Koran, sondern die Deutung (!) des Korans durch die jeweilige Gruppierung ist entscheidend. Das arabische Wort für Katechismus ist übrigens Ilmihal. Islamhasser haben genauso wenig Ahnung von Religion und Kultur wie Islamverharmloser.
  • Einzelthemen: Die Zahl der Themen, zu denen heute Irrtümer kursieren, ist groß. Viele wissen z.B. nicht, dass die Bibel als ganzes als vom Heiligen Geist inspiriert gilt. Manche Christen meinen, sie bräuchten gewisse Texte der Bibel einfach nicht ernst nehmen, weil diese im Alten Testament stehen, oder in den Paulusbriefen. Das ist aber falsch. Auch diese gelten als Gottes Wort. – Ebenso falsch ist es, zu behaupten, die Bibel wäre von Menschen geschrieben, der Koran hingegen sei Gottes Wort. Denn natürlich gilt auch die Bibel als Gottes Wort. Inspiriert durch den Heiligen Geist, aufgeschrieben durch menschliche Schreiber nach deren begrenztem, menschlichen Verständnis. Kein Wort der Bibel kann gestrichen werden. Kein einziges! Religiöse Reformen kommen nicht dadurch zustande, dass man an Bibel oder Koran Streichungen vornimmt, sondern vor allem dadurch, dass man eine irrige Interpretation durch eine bessere Interpretation ersetzt. Mehr dazu unten. – Typisch katholische Themen wie die Heilige Wandlung (Transsubstantiation), die Heiligenverehrung, die Unmöglichkeit der Weihe von Frauen zu Priestern oder der Zölibat der Priester werden ebenfalls erklärt. Man würde sich wünschen, dass alle Journalisten, die über diese Themen schreiben, wenigstens einmal in ihrem Leben einen Katechismus gelesen hätten. Das würde uns 50% des Unsinns, der zur Katholischen Kirche geschrieben wird, ersparen. – Interessant auch, was die christliche Sittenlehre zur Rolle des Staates und der Autorität über andere Menschen zu sagen hat. Oder zum Wirtschaftsleben und zur Soziallehre. Ebenso die Lehre, wann Gewalt, Aufstand und Krieg legitim sind. Schließlich auch das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Kirche und Wissenschaft. Die Menge der Themen ist unerschöpflich.
  • Wie sieht eigentlich eine Gesamtweltanschauung aus? Ein Katechismus spannt – ganz unabhängig von den konkreten Glaubensinhalten – einen Rahmen auf, was alles für Fragen beantwortet werden müssen, um zu einer umfassenden Weltanschauung zu kommen. Auf diese Weise richtet ein Katechismus auch einen Maßstab für alle Kritiker des Christentums auf: Denn alle diese Fragen müssen eine alternative Antwort bekommen, wenn man die christliche Antwort ablehnt! Es ist wirklich eine Menge geistiger Arbeit, die geleistet werden muss, wenn man kein Christ mehr sein will. – In dieser Fülle von Fragen, die ein Katechismus behandelt, ist auch das hohe kulturelle Niveau beschlossen, das die westliche Welt erreicht hat. Man kann nicht einfach hinhüpfen und sagen: Ich glaube das alles jetzt nicht mehr, weg damit! Dieser „Wegwerf-Atheismus“ ist ja heute sehr beliebt. Aber er ist zugleich ein dramatischer Absturz des kulturellen Niveaus. Denn der Wegwerf-Atheismus schafft keine tragfähige Alternative. Er haust vielmehr in den Trümmern des untergehenden Christentums und zehrt unwissentlich von einer Substanz, die immer mehr schwindet. Der Wegwerf-Atheismus kann seiner Natur nach nur eine Übergangserscheinung sein. Entweder die Kultur verfällt tatsächlich, oder es kommt zu einem neuen Aufschwung, sei es mit dem alten Christentum, sei es mit einer anderen Weltanschauung, die ähnliches leistet (oder mit beidem zugleich auf einer gemeinsamen Grundlage?).

Leseempfehlung

Warum sollte es ein katholischer Katechismus sein? Ganz einfach deshalb, weil man hier auch heute noch wesentlich näher dran ist an dem, was Christentum war, ist und sein sollte, als irgendwo sonst. Die evangelische Kirche ist bekanntlich schon länger vom Zeitgeist zerfressen. Hier müsste man wohl bis in die 1950er Jahre zurückgehen, um einen brauchbaren Katechismus zu finden. Der ist dann aber nicht mehr für heutige Menschen geschrieben. – Und die Werke von Theologen? Diese können sehr hilfreich sein, aber sie leisten eines nicht: Sie sind nicht das autoritative Wort der Kirche, die sich vom Heiligen Geist geleitet sieht. Das findet man nur im Katechismus der Kirche. Nur der Katechismus „gilt“ sozusagen, nur der Katechismus bietet besiegelte Glaubenslehre.

Drei Werke seien empfohlen:

  • Zuerst der erste Band des „Katholischen Erwachsenenkatechismus“ der deutschen Katholischen Kirche, mit dem Untertitel „Das Glaubensbekenntnis der Kirche“. Der deutsche Katechismus zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr viel erklärt und eine Brücke zwischen der alten Überlieferung und der modernen Lebenswelt der Lesers zu schlagen versucht. Das wurde damals (1985) unter der Federführung von Walter Kasper auch noch sehr gut gemacht, ohne sich dem Zeitgeist anzupassen. Wenigstens dieses Buch sollte man gelesen haben. Es lohnt sich!
  • Als Schocktherapie könnte man dann den 1995 erschienenen zweiten Band des deutschen Katechismus lesen: „Leben aus dem Glauben“. Hier wird die Sittenlehre der Kirche dargelegt, doch leider ist dieser zweite Band bereits deutlich vom Zeitgeist angekränkelt. Der Leser wird den Unterschied zum ersten Band schnell bemerken und sich mit Grausen abwenden. Hier wimmelt es von ethischem Relativismus, und der Fokus liegt auf Umweltschutz und „sozialer Gerechtigkeit“. Gedanken wie Ordnung, Vernunft, Disziplin und Konsequenz sucht man in diesem Buch vergebens. Marktwirtschaft und Liberalität kommen kaum vor. Tapferkeit wird in diesem Buch ohne Umschweife mit „Zivilcourage“ im Sinne des linken Zeitgeistes übersetzt. Dass man auch tapfer gegen (!) den linken Zeitgeist sein könnte, oder z.B. auch tapfer als Polizist oder Soldat, kommt nicht vor. Zwischen 1985 und 1995 muss es in der deutschen Katholischen Kirche zu einem Sieg der Linken gekommen sein.
  • Sehr empfehlenswert ist die Lektüre des sogenannten „Weltkatechismus“ der katholischen Kirche, der unter der Federführung von Kardinal Ratzinger erarbeitet wurde und 1992 erschienen ist. Der offizielle Titel lautet „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK). Dieser deckt beide Teile ab, Glaubens- und Sittenlehre. Die Glaubenslehre wird hier etwas steifer und mit weniger Erklärungen abgehandelt. Es schadet aber nicht, dasselbe noch einmal in anderen Worten zu lesen. Vor allem aber findet man hier endlich auch die christliche Sittenlehre, die der zweite Band des deutschen Katechismus völlig versaubeutelt hat, in angenehm glaubwürdiger und authentischer Weise dargelegt.

Was fehlt: Entwicklung von Religion

Wer mitreden möchte in Sachen Kultur und Philosophie, in Sachen Literatur und Geschichte, in Sachen Geschichte und Politik, in Sachen Wissenschaft und Medizin, ja, überhaupt in allen (!) Dingen, die unsere westliche Kultur ausmachen, der hat mit der obigen Lektüre eine wichtige Grundlage gelegt.

Allerdings hat man damit noch nicht das ganze Bild. Mindestens eine Sache fehlt. Nämlich die Entwicklung des Christentums. Religionen sind keine statischen Gebilde, auch wenn deren heilige Bücher weitgehend unverändert bleiben. Religionen verändern und entwickeln sich. Teilweise in glaubwürdiger und legitimer Weise. Teilweise nicht. Dazu erfährt man in einem Katechismus recht wenig, weil der Katechismus immer nur die jeweils aktuelle Glaubens- und Sittenlehre enthält, die zum Zeitpunkt seiner Abfassung galt.

Tatsächlich leben Religionen zu einem guten Teil auch von der Suggestion, dass ihre Lehre schon immer so war und sich nicht verändert habe. Jedenfalls ist eine Veränderung der Lehre immer ein schmerzhafter Prozess. Denn eine Veränderung der Lehre bedeutet logischerweise, dass die zuvor geltende Lehre falsch war und man im Irrtum lebte. Dennoch muss ein gläubiger Mensch an solchen Veränderungen interessiert sein, wenn es sich um Korrekturen handelt. Glaubwürdige religiöse Reformen können nur in diesem Sinne stattfinden: Als Korrekturen weg von Irrtümern, hin zur Wahrheit, zur Realität. Niemals als beliebige Anpassungen an den Zeitgeist. Deshalb ist auch die historisch-kritische Erforschung der Urtexte und der Ursprünge von Religionen so wichtig: Weil diese Betrachtungsweise viele Möglichkeiten für glaubwürdige Korrekturen in der Interpretation eröffnet.

Das solche Reformen möglich sind, hat das Christentum in den letzten Jahrhunderten wiederholt bewiesen. Von der Reformation bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. – Ein Beispiel: Das christliche Sittengesetz wurde früher tatsächlich als ein Gesetz verstanden, an das man sich zu halten hatte. Das staatliche Gesetz christlicher Staaten versuchte, das christliche Sittengesetz in Paragraphen zu fassen. Heute hingegen wird die christliche Morallehre nur noch als Empfehlung begriffen, die sich der einzelne Gläubige nach eigener Gewissensentscheidung zu eigen machen sollte. Kein Polizist oder Richter, nicht einmal mehr ein Priester schnüffelt den Menschen hinterher, ob sie sich daran halten. Das staatliche Gesetz und die christliche Morallehre werden völlig getrennt voneinander gesehen. Auch wenn die christliche Morallehre sich im Kern nicht verändert hat, so hat sich doch die Perspektive auf sie völlig verändert.

Aber auch der Islam hat im Laufe seiner Geschichte wiederholt starke Wandlungen durchgemacht. Schon sehr früh wurde eine rationalistische Deutung des Koran entwickelt. – Man kann den Islam natürlich nicht dadurch reformieren, dass man irgendwelche Passagen in Koran und Hadith streicht. Man kann ja auch die antisemitischen Passagen im Neuen Testament oder die Gebote zur Tötung von Hexen im Alten Testament nicht einfach streichen. Man kann den Islam auch nicht dadurch reformieren, dass sich der Islam von Mohammed und seinen Taten distanziert. Aber man könnte den Islam dadurch reformieren, dass man historisch-kritisch glaubwürdig herausarbeitet, dass Mohammed gewisse Dinge, die ihm später fälschlicherweise zugeschrieben wurden (und deshalb auch nicht im Koran stehen), gar nicht getan hat. Zum Beispiel die Vertreibung und Abschlachtung von drei jüdischen Stämmen aus Medina. Es handelt sich um spätere Hinzuerfindungen, um die Juden aus der Umma herauszudrängen, ganz ähnlich wie die antisemitischen Passagen im Neuen Testament dazu dienten, die christlichen Gemeinden von den Juden abzugrenzen.

Nicht der Text also, wohl aber die Interpretation kann sich ändern. Und zwar nicht aus Beliebigkeit und Hokuspokus, sondern weil es tatsächlich gute Gründe dafür gibt. In diesem Sinne muss (!) sich die Interpretation sogar ändern. Denn der gläubige Mensch will ja in der Wahrheit, in der Realität leben. Alles andere wäre Traditionalismus, also ein Festhalten an traditionellen Vorstellungen, obwohl sie widerlegt sind. Das gibt es natürlich auch. In allen Religionen. Traditionalismus ist nicht mit einem sinnvollen Traditionsbewusstsein zu verwechseln, das valide Traditionen hochhalten möchte.

Alternative

Wer wissen möchte, wie es möglich sein sollte, eine Alternative zum Christentum zu entwickeln, wird in einem Katechismus ebenfalls vielfach fündig werden. Denn viele der christlichen Lehren gehen ganz oder in Teilen auf die vorchristliche Antike zurück. Hier stoßen wir auf den anderen, den zweiten Grundpfeiler der westlichen Kultur: Die antike Philosophie und Geistesgeschichte.

Vieles von dem, was das Christentum ausmacht, ist in diesem Sinne gar nicht wirklich christlich. Es ist uns nur in christlicher Gestalt überliefert worden. Schon die Texte des Neuen Testaments sind mit Anspielungen und Wendungen aus der griechischen Philosophie durchdrungen. Augustinus und seine Zeit haben viel Platonismus ins Christentum hineingetragen. Thomas von Aquin hat Aristoteles für das Christentum ausgewertet. Was einst ins Christentum eingepackt wurde, kann heute wieder ausgepackt und ohne die Verpackung gesehen und gelesen werden. Vielleicht sogar besser ohne als mit der Verpackung.

Wer also nach Alternativen sucht, der muss auf Griechenland und Rom zurückgreifen. Empfohlen sei vor allem die Lektüre von Platon, Aristoteles und Cicero.

Die deutsche Ausgabe des katholischen Weltkatechismus enthält einen in diesem Sinne bezeichnenden Fehler: In den umfangreichen Indizes am Ende des Werkes, die es so nur in der deutschen Ausgabe gibt, wird Cicero bei den „kirchlichen Schriftstellern“ aufgeführt. Ein amüsantes und vielsagendes Detail.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger (2002)

Politisches Vermächtnis für kommende Generationen

Wer politisch interessiert ist, wird auf Youtube oder ähnlichen Plattformen öfter einmal über Videos stolpern, in denen Helmut Schmidt von Sandra Maischberger interviewt wird. Dieses Buch enthält die ersten dieser Interviews von Sandra Maischberger mit Helmut Schmidt, die im Jahr 2001 geführt wurden. Später hat Sandra Maischberger offenbar noch weitere Interviews dieser Art geführt.

Helmut Schmidt äußert sich hier als erfahrener elder statesman zu allen möglichen Themen. Das Wertvolle daran ist die erfahrungsgesättigte Nüchternheit und Rationalität, die Helmut Schmidt dabei an den Tag legt. Wo Politiker heute heiße Luft produzieren und Utopien nachjagen, finden wir bei Helmut Schmidt belastbare Substanz und gesunde Skepsis von überzeitlicher Qualität.

Damit bilden diese Interviews einen bleibenden Baustein des politischen Denkens in Deutschland. Daran wird man sich immer wieder erinnern. Daran muss sich alles Spätere messen lassen. Ganz ähnlich wie Thilo Sarrazin seinen Erfahrungsschatz in seinen Büchern zusammenfasst, vor allem in dem Buch Wunschdenken (2016), das als Handbuch für kommende Politiker gelesen werden kann.

Helmut Schmidt ist aus heutiger Sicht ein erzkonservativer Politiker, doch an einigen Stellen blitzt durch, dass er ein Linker war und entsprechenden politischen Illusionen unterlag. So z.B. bei seiner Befürchtung, dass die Law&Order-Politik von Ronald B. Schill dazu führen könnte, dass Unschuldige unter dem Durchgreifen der Polizei zu leiden hätten. Davon war man damals in Deutschland weit entfernt. Oder bei seiner vehementen Befürwortung der europäischen Währungsunion. Bedenken gegen den Euro nahm Helmut Schmidt offenbar nicht ernst. Oder bei seiner etwas blauäugigen Sicht auf den Islam und dessen Anerkennung in der deutschen Gesellschaft. Schmidt glaubte, dass wir von Aristoteles ohne die Araber nichts wüssten, und dass es genüge, dass ein islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache stattfinde. Man sollte allerdings auch bedenken, dass die Muslime zu seiner Zeit tatsächlich nur eine Minderheit in Deutschland waren.

Zum Nationalsozialismus ist Helmut Schmidt sehr klar. Weder wusste er damals etwas vom Judenmord, noch seien nationale Gefühle per se etwas schlechtes. Schmidt ordnet die anti-nationale Gesinnung sogar einer ganz bestimmten Generation zu und meint, dass jüngere Deutsche nicht mehr so denken würden.

Es kommt bei alledem nicht auf die einzelne Meinung an, sondern auf die Methode: Nüchtern, realistisch und rational. Jeder ist eingeladen, seine ganz eigenen Entdeckungen bei Helmut Schmidt zu machen. Im folgenden einige wenige Zitate aus den Interviews.

Zitate zur Demokratie in Deutschland

„Es ist übrigens viel leichter, in Deutschland eine Psychose für oder gegen etwas zu erzeugen, als etwa in der Schweiz.“
(S. 105 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Die PDS vertritt beinahe die Hälfte aller Leute im Osten [Berlins], und von daher ist es im Prinzip wünschenswert, diese Vertreter einer Hälfte der Ostberliner Wählerinnen und Wähler in die Verantwortung zu ziehen. Wahrscheinlich ist es vier Jahre zu früh“.
(S. 136 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„… aber ohne die Kraft des vernünftigen Arguments und des Gegenarguments und ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. Das letzte will ich noch mal dick unterstreichen. Ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. Das wird in Deutschland oft nicht verstanden.“
(S. 187 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Alle Fernseh-Gesellschaften sind anfällig für Psychosen, aber die Deutschen besonders.“
(S. 189 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Wehner und Schmidt und einige andere – in der CDU Leute wie Barzel, Paul Lücke und andere – waren schon in den sechziger Jahren der Meinung, dass wir ein Wahlrecht bräuchten nach englischem oder amerikanischem Vorbild, das verhindert, dass lauter kleine Parteien aufgemacht werden, und dass infolgedessen die Bildung von Koalitionen überflüssig macht. Es gäbe dann in aller Regel eine Partei, die regiert, und eine, die opponiert. Die Wahlrechtsänderung war eines der Motive für die Bildung der Großen Koalition, aber wir sind in beiden Fraktionen damit gescheitert.“
(S. 244 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Aber ich habe etwas dagegen, dass nicht erwachsene Leute ihren Schnabel weit aufreißen und Entscheidungsmacht über andere beanspruchen.“
(S. 259 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zum Nationalsozialismus

„Das bezog sich auf das quasi sozialistische Moment, das es beim Nationalsozialismus ja auch gegeben hat. Da gab es ja auch Otto Strasser und solche Leute, die am Anfang durchaus mindestens eine sozialpolitische Komponente ernsthaft verfolgt haben.“
(S. 161 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„In diesem übertriebenen Pflichtbewusstsein steckt eine ganze Menge preußisches Erbe.“
(S. 163 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Frage nach der Judenvernichtung.
„Wenn ich es denn gewusst hätte. Ich habe nichts davon gewusst. Von Leuten, die dreißig Jahre jünger sind, wird das nicht verstanden, geschweige denn für glaubwürdig gehalten. Die heutige Generation kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, wenn man unter einer Informationsdiktatur lebt. Außerdem war Krieg, und im Krieg wird alles mögliche – in jedem Land der Welt, auch in Demokratien – verheimlicht und geheimgehalten.“
(S. 164 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Angst vor der Entdeckung der eigenen jüdischen Abstammung.
„Dabei hatte ich nicht einmal eine konkrete Vorstellung davon, was uns tatsächlich passieren könnte. Mein Vater stellte sich vor, er würde von der Schuldbehörde rausgeschmissen. Das war seine ganze Angst, aber sie reichte aus, um den Mann seelisch zu zerstören. Von KZs hatte er keine Ahnung – ich auch nicht – und von Genozid und Massenmord an den Juden erst recht nicht.“
(S. 164 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Antisemiten? Sie meinen, in Deutschland? Bewusst ist mir keiner begegnet, nein.“
(S. 176 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Die deutsche Gesellschaft der fünfziger und sechziger Jahre war weder verspießt noch war sie reaktionär, das ist Legende. Es war eine Gesellschaft, die ein moralisch und physisch am Boden liegendes Volk wieder einigermaßen auf die Beine gebracht hat, eine Glanzleistung sondersgleichen. Dass da viele unerfreuliche Dinge auch eingeschlossen waren … dass wir in der Regierung Adenauer auch richtige Nazis hatten und auch Nazis im Parlament: unerfreulich, ja sicherlich, aber wie hätte es denn anders sein sollen? Insgesamt war die Leistung, die die Deutschen in den fünfziger und sechziger Jahren vollbracht haben, unglaublich. Das nun nachträglich abzuqualifizieren, ist ungerechtfertigt, es ist eine Legende, zur Selbstrechtfertigung zurechtgemacht.“
(S. 194 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Nationale Emotion zu zeigen ist ja noch kein Nationalismus.“
(S. 254 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Aber mit Hitler ist der Begriff Nation, das nationale Bewusstsein in Deutschland so stark in Misskredit geraten, gerade auch bei der jüngeren Generation.
„Nicht bei der heutigen jüngeren Generation, sondern bei den 68ern, also den intellektuellen Wortführern der jungen Linken“
(S. 254 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu 1968 und zur politischen Linken

„Wenn die Grünen auseinanderbrechen sollten, wird ein Teil von ihnen zu den Sozialdemokraten gehen, ein Teil wird in der inneren Emigration verschwinden, andere werden sich dem Naturschutz hingeben, wiederum andere werden zu den Kommunisten überlaufen. Ist in Wirklichkeit nicht wichtig. Die Grünen müssen noch lernen, dass man nicht gegen den Staat sein kann, wenn man ihn gleichzeitig regieren will.“
(S. 139 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ohne den Willen zum Kompromiss ist Demokratie nicht aufrechtzuerhalten. … Na, die Grünen insgesamt verstehen das ganz schwer, das kostet sie bis heute große Anstrengung. … Aber es gibt heute in der Politik Typen, deren Pubertät reicht bis zum fünfzigsten Geburtstag.“
(S. 187 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Die 68er-Bewegung „war mehr eine Psychose als sonstwas. Es ist den meisten deutschen 68ern ja nicht klar gewesen, dass diese sogenannten Bewegung in Wirklichkeit an den amerikanischen Universitäten als Protest gegen die Kriegführung in Vietnam entstanden ist. … Das war eine Psychose, gefördert durch einige Hochschullehrer.“
(S. 188 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Dass wir zum Beispiel an den deutschen Hochschulen nach ’68 eine noch viel negativere Entwicklung bekommen haben als vorher, daran kann nicht gezweifelt werden. Gucken Sie sich die Leistungsfähigkeit der heutigen deutschen Universitäten an, die ist weit unter dem Niveau, das wir in Amerika oder in England oder in Frankreich finden. Das ist die Folge dieses endlosen Gremiensalates und des Hineinsabbelns von Leuten in alle möglichen Probleme, von denen sie, weil selbst noch nicht ausgereift, nicht genug verstehen. Das ist eine schlimme Sache. Selbst nach dem Ersten Krieg war die deutsche Durchschnittsuniversität noch hervorragend, und die deutschen Spitzenuniversitäten Berlin, Tübingen, Heidelberg oder Göttingen hatten Weltniveau.“
(S. 194 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ich bin immer noch ein Sozialdemokrat, und ich wäre auch heute nicht froh darüber, wenn allzu viele theoretisierende junge Intellektuelle, die links von sich selber stehen, sich in meiner Partei breitmachen.“
(S. 244 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Meine Meinung war, Leute, die in Wirklichkeit lieber der Sowjetunion untertan sein wollen als in das Risiko eines Krieges zu laufen, die gehören nicht in meine Partei.“
(S. 246 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Wenn Sie sagen, Sie hätten sich immer für links gehalten, klingt das so, als ob Sie dies nun revidieren müssten.
„Nein, ich bin nach wie vor ein Sozialdemokrat, und so, wie die Sozialdemokraten nun einmal eingeschätzt werden, zum Beispiel von Ihnen, sind das Linke. Allerdings war ich ein konservativer Sozialdemokrat, und das bleibe ich auch.“
(S. 248 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu Migration und Kriminalität

„Wir haben unter idealistischen Vorstellungen, geboren aus der Erfahrung des Dritten Reiches, viel zu viele Ausländer hereingeholt. Wer politisch verfolgt ist, genießt Asyl … … … Darauf haben sich allzu viele berufen, wir haben sie alle hereingeholt – das hätten wir eigentlich nicht gemusst. Wir haben heute sieben Millionen Ausländer, bei einer Gesamtbevölkerung von 81, 82 Millionen, die nicht integriert sind, von denen die wenigsten sich integrieren wollen, denen auch nicht geholfen wird, sich zu integrieren. … … … Und jetzt sitzen wir da mit einer sehr heterogenen, de facto multikulturellen Gesellschaft, de facto, und werden damit nicht fertig. Wir Deutschen sind unfähig, die sieben Millionen alle zu assimilieren. Die Deutschen wollen das auch gar nicht, sie sind innerlich fremdenfeindlich.“
(S. 101 f. in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Ich glaube an das, was Juristen Generalprävention nennen, Strafe als Mittel der Generalprävention – Abschreckung auf deutsch. Das Verständnis für jugendliche Straftäter geht bei uns viel zu weit. … Es ist abwegig, das in erster Linie als Pädagoge zu beurteilen. In erster Linie hat man das Wohl der Gesamtgesellschaft zu sehen, das ist meine Meinung. … Ich würde härter durchgreifen wollen.“
(S. 178 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Zitate zu Antike und Kultur

„Ich hatte heute morgen die athenische Demokratie im Zeitalter des Perikles erwähnt. Es wird der heutigen Jugend verschwiegen, dass das eine Sklaverei-Gesellschaft war. Das war eine Demokratie, aufgebaut auf der Sklaverei, die Sklaven mussten die Arbeit machen. Was die Geschichtslehrer da an idealistischer Verballhornung zustande gebracht haben, ist erstaunlich“.
(S. 184 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

„Marcus Aurelius war für mich in doppelter Weise ein Vorbild. Er war ein römischer Kaiser, der sein ganzes Leben lang Krieg hat führen müssen und das eigentlich nicht gern gewollt hat, aber es war seine Pflicht. Zwei Dinge haben mich an ihm angezogen, einmal dieses Pflichtbewusstsein und zum anderen die Selbsterziehung zur inneren Gelassenheit. … Der Zufall hat mir, als ich 14, 15 war, seine sogenannten Selbstbetrachtungen in die Hand gegeben. Ich habe sie immer bei mir getragen, sie auch im Krieg immer bei mir gehabt. Marcus Aurelius hat mir durchaus geholfen, ja, und er ist auch heute in meinen Augen ein Staatsmann, den man als Vorbild empfinden kann.“
(S. 184 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Sie sind der erste und der letzte gewesen, der versucht hat, einen fernsehfreien Tag einzuführen.
„Nicht, ihn einzuführen. Ich wollte das nicht von Staats wegen verordnen, sondern das war ein Appell. Ich habe empfohlen – das war wohl 1978 –, jede Familie solle einmal in der Woche den Stecker rausziehen und statt dessen miteinander ‚Mensch, ärgere dich nicht‘ spielen, Musik machen oder sich gegenseitig etwas vorlesen. Aber ich habe schon geahnt, wohin das führt. Meinen Aufruf haben die Journalisten im Fernsehen dann furchtbar lächerlich gemacht. Die fanden das abwegig.“
(S. 180 in: Hand aufs Herz – Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Verlag Econ, München 2002)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Günther Patzig: Ethik ohne Metaphysik (1971/83)

Plädoyer für den Utilitarismus in einer von Kants Kategorischem Imperativ beherrschten Umwelt

Der Philosoph Günther Patzig hat unter dem Titel „Ethik ohne Metaphysik“ 1971 bzw. in zweiter, überarbeiteter Auflage 1983 eine Reihe von Aufsätzen zusammengestellt, deren zentrale These sich ungefähr folgendermaßen zusammenfassen lässt: Der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant sei eine große Entdeckung und bleibe gültig, aber er bedürfe notwendig der Ergänzung durch den Utilitarismus.

Patzig arbeitet allerdings mit einem Kuschel-Utilitarismus: Er geht nicht konsequent vom völlig egoistischen Standpunkt des Menschen aus, wie z.B. Cicero, sondern stellt statt dessen das Allgemeinwohl als Ansatzpunkt des Utilitarismus dar. Er wendet sich dagegen, Altruismus letztlich egoistisch begründen zu wollen. Lustgewinn und Schmerzvermeidung sind für Patzig keine ausreichende Begründung, da er von einem platten Begriff von „Lust“ ausgeht.

Das alles ist natürlich Unfug. Patzig selbst lässt einigemale den wahren Ansatzpunkt des Utilitarismus durchschimmern (z.B. S. 46: Das Egoistische ist nicht automatisch das Schlechte; S. 165). Wer den Utilitarismus aus dem Allgemeinwohl begründet, handelt naiv und unphilosophisch. Das Allgemeinwohl ist vielleicht eine gute Faustregel, die aus dem Utilitarismus folgt, nicht aber dessen wahrer Wurzelgrund. Natürlich muss der Utilitarismus, um praktisch zu werden, Faustregeln entwickeln, und kann nicht in jedem Einzelfall die absolute utilitaristische Rechnung aufmachen. Diese Faustregeln müssen unweigerlich auch das Allgemeinwohl in den Blick nehmen. Aber unter der Ebene dieser Regeln liegt ein tieferer Grund, der rein egoistisch ist, wobei der Altruismus im Egoismus einbeschlossen ist.

Außerdem redet sich Patzig den Kategorischen Imperativ (KI) Kants schön bzw. er biegt ihn in Richtung eines utilitaristischen Ansatzes um und schiebt so dem KI gewissermaßen wie mit einem Taschenspielertrick ein utilitaristisches Verständnis unter, das er im Original nicht hat. Bei Patzig ist der Kategorische Imperativ mehr eine Heuristik und Faustregel zur Findung moralisch nützlicher Regeln. Kant habe keineswegs Moral aus einer rein logisch-vernünftigen Überlegung ziehen wollen, meint Patzig irrigerweise: Doch genau das ist Kants KI. Der KI von Patzig ist nicht mehr der KI von Kant. Das Rigorose an Kants KI wird weggeredet und statt dessen kurzerhand zum utilitaristischen Abwägen von Werten übergegangen. Am Ende wird Kants KI von Patzig ad absurdum geführt, als er die Abwägung jeder einzelnen Situation in den KI aufnehmen zu können glaubt. Ein solcher auf den Einzelfall mit Güterabwägung ausziselierter KI wäre aber kein kategorisches Gesetz mehr, sondern eine Güterabwägung im Einzelfall. Also gerade nicht das, was Kant mit dem KI wollte.

Indem Patzig auch John Rawls Gedankenexperiment mit dem „veil of ignorance“ als Anwendung des KI deutet, verkennt Patzig, dass das Gedankenexperiment von Rawls auf einem wohlverstandenen Egoismus aufbaut, und nicht auf einem Gesetz, das im Sinne Kants von jedem Eigennutz absieht. Das falsche Verständnis des KI erklärt auch die seltsame Auffassung von Patzig, dass die antiken Ethiken ein Defizit hätten, das durch eine Kombination von Utilitarismus und Kategorischem Imperativ behoben werden müsste. Bei Cicero gibt es kein solches Defizit.

Die gute Absicht von Patzig

Warum beging Patzig diese Fehler? Der Grund dafür ist offenbar, dass er in einer Umwelt lebte, nämlich der deutschen Philosophie, die völlig vom Kategorischen Imperativ Kants beherrscht ist. In dieser Umwelt glaubte Patzig wohl, den Kategorischen Imperativ nicht frontal angreifen zu können, und den Utilitarismus nur in abgeschwächter Form präsentieren zu können. Auf diese Weise glaubte er offenbar, Anschlussfähigkeit zu wahren und mögliche Interessenten nicht zu verschrecken. Es handelt sich also um Fehler, die begangen wurden, um der Sache zum Durchbruch zu verhelfen. Genützt hat es offenbar nicht, und es ist auch sehr die Frage, ob eine Verbiegung dessen, was man möchte, bei der Durchsetzung desselben hilfreich ist, gerade auch wenn es um Philosophie geht.

Es ist natürlich dennoch ein großes Verdienst von Patzig, den Utilitarismus in Deutschland ins Gespräch gebracht zu haben, und Defizite des Kategorischen Imperativs von Kant zumindest angedeutet zu haben! Es hat aber die Konsequenz gefehlt. Patzig scheint jedenfalls sehr daran gelitten zu haben, dass sich die angelsächsische Welt dem Utilitarismus zuwandte, während die deutsche Welt in Kants KI steckenblieb, weil er die Nachteile und die Irrtümer des einen und die Vorteile und die Wahrheit des anderen klar erkannt hatte.

Weitere Themen

Verhältnis Ethik zum Recht. Grundlegende Überlegungen, an denen vieles richtig ist. Es fehlt ein wenig der Gedanke, dass Strafe sich ausschließlich auf einen in der Zukunft zu erreichenden Zweck richten sollte, was Abschreckung und Befriedung nicht ausschließt.

Gegen Relativismus und Subjektivismus, für die Geltung von objektiven moralischen Normen.

Detailkritik an Kants Sprache, die begriffliche Unschärfen, Fehler und Widersprüche bei Kant aufzeigt.

Einzelnes

Für Patzig ist der erste Entwickler des Utilitarismus Joseph Butler (1692-1752). Doch dieser erbte den Grundgedanken des Utilitarismus bereits von Shaftesbury (1671-1713).

Der Titel „Ethik ohne Metaphysik“ ist ein wenig fragwürdig. Denn weder der Kategorische Imperativ noch der Utilitarismus geben konkrete Werte und letzte Ziele vor. Beide sind im Grundsatz in der Metaphysik verankert und hängen nicht an diesseitigen, konkreten Gütern; und beide sind offen für metaphysische Ziele. Unter „Metaphysik“ versteht Patzig offensichtlich die Behauptung göttlicher Offenbarungen wie sie in den großen Religionen postuliert werden. Wer solche göttlichen Offenbarungen ablehnt, ist die Metaphysik und letztlich auch Gott aber noch lange nicht los.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 26. Januar 2020)

Homer: Ilias (um 700 v.Chr.)

Einmal sollte man die Ilias als ganzes gehört haben

Es lohnt sich unbedingt, die Ilias als ganzes zu lesen, besser aber zu hören! Jeder kennt die Ilias und weiß so ungefähr, worum es da geht. Aber die Ilias ist eben nicht die Geschichte von dem Trojanischen Krieg mit dem hölzernen Pferd am Ende, die außerhalb der Ilias überliefert ist.

Sondern die Ilias ist eine großartige und gewaltige Dichtung vor dem Hintergrund dieses Krieges, die am Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht, und voller tiefgründiger Gehalte ist:

  • Das Walten der Götter und des Schicksals,
  • der Mensch in seinem Streben und Scheitern,
  • Krieg und Kampf,
  • Volk und Herrschaft,
  • Liebe und Zorn,
  • Feindschaft und Vergebung,
  • usw. usf.

Es ist eine Dichtung, die eine in sich geschlossene und schlüssige Handlung hat, fast wie ein Theaterstück. Man muss das als ganzes kennen:

  • Wie die Götter die Handlung bestimmen,
  • wie die Menschen in diesem Rahmen agieren,
  • wie Achilleus sich versagt,
  • wie die Troer die Achäer immer ärger bedrängen,
  • dann die Wende durch Zeus,
  • schließlich das gegenseitige Erkennen der Feinde (Achilleus/Priamos) als Menschen,
  • usw.

Man sollte es am besten hören: Der beste Ausdruck für die Wirkung der Ilias ist vielleicht „Kopfkino“. Beim Hören ist man der Situation, wie die Ilias einst vorgetragen wurde, am nächsten: Ein Sänger trägt sie vor Publikum vor.

Die Dichtung ist so reichhaltig, dass sie bis heute fortwirkt, und in vielem drinsteckt, von dem man es nicht vermutete. Jeder sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen, jeder wird es wieder anders und neu entdecken!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. Juli 2012)

Mario Rausch: 500 Jahre Hellas – Von Homer bis Sokrates (2025)

Sehr ordentliche Einführung in das klassische Griechenland

Mit „500 Jahre Hellas“ hat Mario Rausch eine niveauvolle aber kurzweilige Einführung in die Welt des klassischen Griechenlands geschrieben. Es werden die üblichen Themen abgehandelt wie z.B. die Perserkriege, das Orakel von Delphi, die Olympischen Spiele, die Demokratie, die Religion, die Philosophie, Athen und Sparta, der Peloponnesische Krieg, oder der Prozess des Sokrates. Die Kapitel sind angenehm kurz aber doch sehr informativ.

Zu jedem Thema werden wissenschaftliche Quellen aus Archäologie und Klassischer Philologie genannt, und alle Aussagen werden unter dem Gesichtspunkt des Standes der Wissenschaft differenziert vorgetragen. Deshalb könnte dieses Buch auch als Einführung für angehende Studenten der Altertumswissenschaften dienen. Teilweise werden auch seltene oder originelle Gedanken eingeflochten, so z.B. das Schweigen des Sokrates in seinem Prozess über sein Verhältnis zur Tyrannenherrschaft, oder der Umstand, dass auch Sparta viele Künstler hervorbrachte.

Die Darstellung ist dabei wohltuend frei von allzu offensichtlichen politischen Präferenzen des Autors, die heute so manche historische Darstellung unglaubwürdig machen, weil eine sekundäre Absicht erkennbar ist. Auf diese Weise kann sich der Zauber der griechischen Welt und des griechischen Geistes aus der Sache selbst heraus entfalten und seine Wirkung auf den Leser ausüben. Werke mit einem ähnlichen Ansatz sind „The Greek Way“ von Edith Hamilton oder „Die alten Griechen“ von Konrad Adam, wobei „The Greek Way“ in seiner Qualität – bei aller Kritik – unerreicht ist.

Es fehlt ein Kapitel, das die Wirkungsgeschichte bis in unsere Tage aufzeigt. Ein Fehler fiel auf, der in einem Werk mit beinahe wissenschaftlichem Anspruch nicht hätte auftreten dürfen: Es wird berichtet, wie die alten Texte ihren Weg über die Araber nach Europa zurückfanden. Doch das ist nicht einmal eine halbe Wahrheit. Die meisten antiken Texte kamen über Byzanz nach Europa, ohne Vermittlung der Araber. Das hätte gesagt werden müssen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Peter Kingsley: Ancient Philosophy, Mystery, and Magic – Empedocles and Pythagorean Tradition (1997)

The flow of magical tradition via the Pythagoreans and Empedocles into Near East

This book is very, very worth reading despite certain shortcomings. It starts with realizing that Empedocles was rather a magician and healer than a teacher and philosopher in our modern, rational understanding. Empedocles was deeply rooted in the Pythagorean tradition with all its partly forgotten mystery and magic, and deeply rooted in the mythologies and geo-mythological circumstances of Sicily and the Phlegraean Fields. Orphic poems (Zopyrus, Philolaus, Archytas) and gold plates are closely related to Pythagoreanism. This bigger picture sheds quite a different light than usually known on the achievements of Empedocles and his role in the development of philosophy.

By deciphering the four gods related by Empedocles to his famous four elements, Kingsley unfolds a rich picture of connections and associations in all directions. The streams of fire and water under the earth of Sicily, and the mythological meanings of „craters“ of all sorts, may well indicate that the gods of fire and water are Hades and Persephone, whereas Zeus corresponds to air and Hera to earth. Both are couples by the way, and Kingsley’s view is indeed more convincing than the traditional interpretation of Hades as air (who can believe this?), and Zeus as fire (because of the sun). From Western Greece, the idea that the hell is a burning fire made its career into the Near Eastern religions. And by „planetarizing“ of the traditional view of certain „layers“ of earth and fire under our feet, Philolaus created under Homeric and Babylonian influence the idea of a central fire, thus deviating from geocentrism. Philolaus‘ view became lost again in some later Pythagorean thinkers, and Plato.

As Kingsley demonstrates, Plato has taken over certain Pythagorean and / or Orphic myths and presented them in the framework of his own philosophy. The Phaidon myth reflects quite obviously the geomythology of Sicily and the Phlegraean Fields. Plato did not just invent his myths, as many believe today, and informed his readers correctly about his sources. Plato and Aristotle are depicted as the „protestants of Pythagoreanism“, i.e. skeptic and rational. Even only to get a better understanding of Plato and his context makes this book worth reading.

Via Hellenistic Egypt, the ideas of Empedocles found their way into Near Eastern mythology in form of magical, hermetical, and alchemical texts, and finally made their way into Islamic philosophy and Sufism. It is true that Islamic philosophy sees magical aspects of Empedocles which have been forgotten or misunderstood by the rational Aristotelean tradition in the West, and it is nicely demonstrated how a thin line of Western thinkers reconstructed this lost tradition by contact to the East.

What is more, some Sicilian and Pythagorean ideas came originally from Babylon and were transported by Greek colonists from Anatolia settling in Western Greece. And Pythagoras allegedly studied in Egypt. Also the use of gold plates came from Egyptian traditions, with the Carthaginians, as Kingsley claims. And behind all, there are traces to Asiatic shamanism.

This is only a short outlook on few of the many details and insights this book offers to its readers. The number of substantial and evidence-based statements is high, as well as the number of valuable stimuli, from which you could start research in many directions. You really delve into the atmosphere of the mysterious world of Empedocles and the Pythagoreans in Western Greece, and start to create a first understanding of a lot of connections in the history of ideas of which you even did not know that they could exist.

Criticism

You cannot buy everything what Kingsley writes. Clearly, Kingsley has a point, more than only one point. He is clearly more right than wrong. Especially in the field of Empedocles, Sicily, the Pythagoreans, and their time. The more he steps into the world of magic and away from Sicily, the more speculative and intransparent the picture becomes. But if only 50% of Kingsley’s claims will survive the scrutiny, it will nevertheless be a great book. So, read it!

After realising, that Pythagoreanism is no unique dogmatic teaching, it becomes a big problem where to draw the line between a „real“ Pythagorean, and someone who is only „influenced“ by Pythagoreanism, and by related mystery movements such as Orphism, gold plates, Heraclean cults, hermetism, alchemism, etc. Kingsley demonstrates the problem but does not present a solution. The lines are often too blurred.

Kingsley does not only describe a magical world view but also seems to have a tendency to side with it against rationality. This is not acceptable. It is true that Empedocles was no „pure“ philosopher, or not a „rational philosopher“ at all in his own eyes, yet it is wrong to deny a process of rationalization. It is not necessary that Empedocles as a link in the chain of rationalization was aware of being such a link. Despite the author’s dissent, there was indeed an evolution of rationality. It is natural, that when rationality starts its way in a world of myth, it overcomes myth only step by step, and still works with myth, in an eternal process of progress. Even today, our thought is not fully free from myth, and it never can be. Of course, the boundaries of myth have been pushed far to the horizon, in our days, but myth is still there.

And it was good that this evolution of rationality happened. Progress in rationality is indeed progress. We clearly have to make this value judgement. Therefore, it was no progress and not good that after Plato and Aristotle Neoplatonists and irrational „thinkers“ like Numenius took over. It does not help that Neoplatonists had a better understanding of some aspects of Empedocles than Aristotle had, and that they partially got this knowledge from a line of tradition parallel to the known rational tradition. One and the same semi-rational attitude means progress when rationality is on the rise, and regression when rationality is stepping back. Although Empedocles may have been equally semi-rational as was Numenius, it is not the same, and Numenius‘ antics were not good.

That late Pythagoreans, Plato, and Aristotle rationalized ancient myths in a wrong way is not the fault of rationality, as Kingsley repeatedly claims, but of a lack of information. Kingsley’s book itself is an example how you can depict things better in a rational way. Plato and Aristotle do not have to step aside with their rationality.

Strange enough, Kingsley, who accuses Plato and Aristotle of having misinterpreted Empedocles because of their rationality, himself misinterprets Plato, obviously because he is at odds with rationality: It is clearly wrong that the line between logos and mythos is blurred in Plato’s dialogues. Contrary to this erroneous opinion, held by many contemporary scholars, logos and mythos are very sharply separated in Plato’s works. They are combined but never mixed. And how can Kingsley who clearly realized that Plato did not just invent his myths, draw an analogy of the creator of the universe and Plato as the creator of myths, and cite Luc Brisson? It would have been helpful to outline the difference between mythos and myth, but Kingsly does not discuss this basic problem. Furthermore, it does not help that Kingsley sees irony everywhere in Plato’s works where there is none. So many mistakes in interpreting Plato are built upon the „feeling“ of irony. Kingsley really could have done better. Does Kingsley have a pathological strive for the irrational? In these passages about Plato’s myths, Kingsley’s book is a superfluous repetition of academic postmodern commonplace errors.

Furthermore, the author is too skeptical towards established science. Of course, academics have made and still make many things wrong. But they are more open for alternative ideas than many think. The author should have tried to build some golden bridges to come together. But maybe the stubborness of established academia is felt more deeply if you depend on it to make a living?

Partly, the style of writing as a story of discovery became boring after a while. A more straightforward and ordered presentation of the material sometimes would have been more helpful. But in any case, you have to make your own notes when reading such a book. Do not read this book without!

Finally, I clearly do not like the bad image of Cicero depicted by Kingsley. Plato, Aristotle, and Cicero have to be praised in the first place, whereas the irrational radicalism of „thinkers“ such as Numenius has to be put under scrutiny.

Bewertung: 4 von 5 Punkten.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. November 2017)

Jonathan Swift: Gullivers Reisen (1726)

Bissige und unterhaltsame Gesellschaftssatire

Der Roman „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift ist keine schöne Kindergeschichte, als die sie weithin bekannt ist, sondern eine bissige Gesellschaftssatire für erwachsene Leser. Obwohl sie schon 1726 erschienen ist, hält sie auch für den modernen Leser noch manche Überraschung bereit. Im ganzen gelangt der Protagonist auf seinen Reisen zu vier verschiedenen Ländern:

Weithin bekannt sind noch die ersten beiden Länder: Liliput, ein Land von winzig kleinen Menschen, und das entsprechende Gegenteil, Brobdingnag, ein Land von riesenhaften Menschen. Interessant ist, dass immer auch die Vegetation entsprechend kleiner oder größer sein soll. Außerdem sind alle bereisten Länder ziemlich genau auf dem Globus verortet, in Regionen, die damals noch unerforscht waren. In Liliput und Brobdingnag werden vor allem politische Vorgänge aufs Korn genommen, durch Intrigen und Machtspiele, in die der Protagonist gerät.

Für den modernen Leser eher amüsant ist dann die Insel Laputa, eine Insel von Gelehrten, die im Grunde Fachidioten sind, und von Dienern begleitet werden, um sie notfalls aus ihrer inneren Versunkenheit zu wecken. Hier sind wiederum die „Projektmacher“ am besten getroffen: Leute, die bewährte Vorgehensweisen z.B. in der Landwirtschaft oder beim Hausbau zugunsten irrwitziger Ideen abschaffen, die für modern gelten. Man kennt das auch heute.

Im Land der Houyhnhnms schließlich begegnet der Protagonist einem Volk von sprechenden, menschenähnlich lebenden Pferden, die wahrhaft edelmütig gesinnt sind und praktisch den Idealstaat Platons realisiert haben. Alles wird durch Vernunft geregelt, nichts durch Emotion. Zugleich findet er dort aber auch verwilderte Menschen vor, die sogenannten Yahoos, die zu wilden, trügerischen Tieren geworden sind. An ihnen werden grundlegende Eigenschaften der Menschen kritisiert, und der Protagonist tut sich schwer, nach dieser Reise wieder mit normalen Menschen zu verkehren, ohne sich zu ekeln. Und man kann es nachvollziehen.

Interessant am Rande: In Laputa wird eine Maschine vorgestellt, die durch die Kombinatorik von Worten in verschiedenen flektierten Formen beliebige Werke hervorbringen soll. Das erinnert an die Ars Magna des Raimundus Lullus, und an die Bibliothek von Babel von Jorge Luis Borges.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 28. April 2021)

Fritz Vahrenholt / Sebastian Lüning: Unerwünschte Wahrheiten – Was Sie über den Klimawandel wissen sollten (2020)

Warum Klimaskepsis völlig berechtigt ist – ein richtig gutes Buch

Der erste Eindruck beim Auspacken des Buches ist überraschend: Das ist nicht nur sachlich-fachlich ein gutes Buch, sondern allein schon optisch beeindruckend: Das Format ist etwas größer als gewohnt, man hat sozusagen „richtig viel Buch“ in der Hand, und damit ist auch die Gestaltung von Schrift, Kapiteln und den vielen Abbildungen sehr großzügig, schön und angenehm geraten. Ein Buch mit Stil, das man gerne liest, obwohl so viele Zahlen und Tabellen darin sind. Gratulation an Verlag und Autoren allein schon dazu!

Inhaltlich begegnen einem all die Themen und Fragestellungen wieder, die man selbst aus eigener Beobachtung der Debatte bestens kennt. Alles, was man über viele Jahre im eigenen kleinen Archiv abgelegt hat, findet sich hier bestens aufbereitet wieder, und noch so viel mehr. Und es wird nicht nur die Treibhausthese beleuchtet, sondern auch Alternativthesen, die politische Struktur der Wissenschaft, sofern es dann noch Wissenschaft ist, aber auch die Frage nach alternativen Energiequellen und ihren Problemen, und welchen Sinn eine nationale Radikal-Strategie überhaupt haben soll, wenn der Rest der Welt nicht mitzieht. Denn die vorherrschende Klima-Ideologie scheitert nicht nur an der wissenschaftlichen Kernfrage, sondern auch an einer ganzen Reihe weiterer Fragen. Die öffentliche Debatte hat sich längst nach Utopia verabschiedet, und mancher Spruch von „Fridays for Future“ klingt inzwischen regelrecht gefährlich.

Besonders wohltuend ist die Sachlichkeit der Darlegung. Hier werden die Akzente richtig gesetzt, hier werden die Abwägungen richtig getroffen. Es kommt kein falscher Zungenschlag hinein, es wird kein Radikalismus mit Radikalismus beantwortet. Vahrenholt und Lüning sind mit ihrem Blog „Kalte Sonne“ die lebenden Beweise dafür, dass man weder „rechts“ noch gekauft sein muss, um der vorherrschenden Klima-Ideologie zu widersprechen. Menschlichkeit und Vernunft genügen völlig. – Das böse Gegenbeispiel ist natürlich der Verein EIKE, der personell immer noch mit dem bräunlichen Sumpf der siechen Gauland-AfD verbandelt ist. EIKE liefert den Vertretern der vorherrschenden Klima-Ideologie eine Steilvorlage dafür, Kritik mühelos abzubügeln. EIKE kann man nur den antitotalitären Grundkonsens aller Demokraten empfehlen, also einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit AfD und Linke.

Was Vahrenholt und Lüning hier vorlegen, verdient allemal, in den Medien sachlich verhandelt zu werden. Das sind keine Verschwörungstheorien und es ist keine gekaufte Wissenschaft. An der Frage, inwieweit die vorgelegten Debattenbeiträge von Politik und Medien aufgegriffen werden, entscheidet sich tatsächlich die Frage, ob diese Beiträge „unerwünscht“ sind, wie der Titel schon sagt, bzw. inwieweit Staat und Gesellschaft bei uns noch zu einer demokratischen Debatte fähig sind. In Inhalt, Augenmaß und Stil ein starkes Buch, ein gutes Buch, ein wichtiges Buch!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 30. September 2020)

Israel Finkelstein / Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho – Die archäologische Wahrheit über die Bibel (2001)

Sehr, sehr grundlegendes Allgemeinwissen für jedermann

Ich zähle „Keine Posaunen vor Jericho“ (Englisch: „The Bible Unearthed“) von Finkelstein und Silberman zu den 20 wichtigsten Sachbüchern, die man gelesen haben sollte. Warum? Weil darin sehr grundlegendes Wissen über unsere Weltwirklichkeit mithilfe der historisch-kritischen Methode vermittelt wird.

Das Buch legt verständlich aber fundiert den derzeitigen Stand der Wissenschaft dar, was der reale Hintergrund für die Entstehung des grundlegenden Teiles der Bibel war: Es handelt sich weniger um Berichte von realen Ereignissen, als vielmehr um Texte, die in theopolitischer Absicht komponiert wurden, zusammengesetzt aus Historie, Mythen, Legenden, Wunschdenken und Zielvorstellungen, geschrieben zur Erreichung eines bestimmten Zwecks in einer konkreten Situation in der damaligen Gegenwart.

Was profitiert man davon?

Zunächst wird man von der Illusion befreit, die biblischen Geschichten seien wörtlich wahr. Dies ist für das persönliche Weltbild wichtig, da diese Geschichten immer noch in Kindergarten, Schule und Literatur erzählt werden, wie wenn sie historisch wahr seien.

Auch wenn man nie selbst an diese Geschichten glaubte, kann man mithilfe dieses Wissens die christlich-jüdisch-islamisch geprägten Kulturen besser verstehen. Und diese Kulturen prägen die gesamte Welt.

Man erwirbt sich die grundlegende Kompetenz, auch bei anderen Texten historisch-kritisch zu hinterfragen, ob sie denn wahr sein könnten und was die wahre Absicht ihrer Verfasser war. Das einmal kennengelernte Prinzip kann auf jeden anderen Text übertragen werden: Auf das Neue Testament, auf den Koran, auf antike Philosophen und Historiker, bis hin zu modernen Texten und Filmen und ihren Hintergründen.

Man bekommt auch ein Verständnis dafür, dass eine Entmythologisierung nicht unbedingt die Entwertung eines Mythos nach sich ziehen muss. Was nicht wörtlich wahr ist kann dennoch im übertragenen Sinn von Bedeutung sein. Und manchmal entpuppt sich ein Mythos auch als historische Wahrheit. Eine blindwütige Bilderstürmerei ist nicht angesagt.

Einladung an gläubige Leser

Gläubige Leser sollten dieses Buch nicht zuerst als Angriff auf ihren Glauben lesen. Die Erkenntnis, dass ein heiliger Text nicht wörtlich wahr ist, entwertet diesen noch lange nicht als Grundlage für eine Religion. Natürlich bringt dieses Buch Erschütterungen für den Glauben mit sich, aber Erschütterungen können auch heilsam sein! Jedenfalls lehren alle Religionen das Vertrauen in die Vernunft, und dieses Vertrauen sollte man aufbringen. Gläubige Leser sollten sich insbesondere auch nicht gezwungen fühlen, gleich für alles eine Erklärung zu haben, sei es pro oder contra. Vernunft braucht Zeit. Man kann die Erkenntnisse dieses Buches auch erst einmal distanziert zur Kenntnis nehmen und mit ihnen gedanklich spielen. Nach einer Weile wird sich dann ganz zwanglos herauskristallisieren, was sich bewährt, und wo umgedacht werden muss, und wie dieses Umdenken zu einem neuen Ganzen führt. Ganz falsch wäre es sicher, die Ideen dieses Buches bewusst nicht zur Kenntnis zu nehmen. Dann hätte man gegen die Religion gehandelt, weil man nicht auf die Vernunft vertraute.

Vierteilige TV Doku

Zum Buch gibt es eine sehr gut gemachte vierteilige TV-Doku von 4 x 50 Minuten, die die Inhalte des Buches gut und umfassend präsentiert und mit Bildern von Ausgrabungen, Papyri, Keilschrifttexten usw. unterlegt, sowie Interviews mit an der Forschung beteiligten Wissenschaftlern zeigt. Sie wird unter verschiedenen Titeln auf DVD vertrieben, z.B. „Die Enthüllung der Bibel“ oder „Was die Bibel verschweigt“. Empfehlung!

Auf Englisch aktuell auf Youtube z.B. unter „The Bible Unearthed (Full Version)“ zu finden.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. März 2011)

Norbert Bolz: Das Wissen der Religion – Betrachtungen eines religiös Unmusikalischen (2008)

Allzu plumpe Religionsverneinung ist auch nicht rational

Sprache und Stil: Bolz spricht teilweise nicht sachlich und begründend, sondern in mythischer Sprache, in Andeutungen oder schwärmerisch. Auf diese Weise wird manches Richtige, was er zum Ausdruck bringen will, beschädigt. Bolz „raunt“ häufig, wie man es aus religiös motivierten Texten unserer Tage her nur allzu gut kennt; das kommt beim skeptischen Leser gar nicht gut an.

Geistesgeschichte überbewertet: Es ist ja richtig, dass Bolz die Geistesgeschichte anführt, um die allgemeinen Denkstrukturen der Gesellschaft kenntlich zu machen. Aber als Grund und Maßstab für das eigene Denken kann die Geistesgeschichte nicht dienen. Ich persönlich glaube doch nicht an x, nur weil sich x in der Gesellschaft als Denken entwickelt hat oder so und so bewährt hat. Etwas muss für mich ganz allein wahr sein, nicht allgemein oder bewährt, damit man es glauben kann. Diese persönliche, existentielle Perspektive kommt bei Bolz oft zu kurz.

Religion und Metaphysik werden bei Bolz nicht sauber unterschieden. Manches wäre richtig, wenn man es auf eine philosophische Metaphysik bezöge. Aber wenn man denselben Gedanken mit Religion statt Metaphysik formulliert, dann macht man eine viel zu weitgehende Aussage.

Alles in allem ein anregendes, aber über weite Strecken auch schwierig geschriebenes und deshalb anstrengend zu lesendes Buch, das gute Gedanken nicht sauber genug darlegt und eine viel zu große Nähe zur Religion pflegt; wer sich noch nie mit dieser Perspektive beschäftigt hat, sollte es lesen, aber die Wahrheit ist jenseits von Bolz und seinen Gegnern zu finden: Zwischen allen Stühlen.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 26. Februar 2012)

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