Mouhanad Khorchide: Gott glaubt an den Menschen – Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus (2015)

Abrundung einer echten Islamreform / Linkslastiger Humanismus

Mit diesem Werk versucht Mouhanad Khorchide zwei Dinge zugleich: Zum einen rundet er seine Reformtheologie ab, die er in zwei vorangegangenen Büchern zu entfalten begonnen hat („Islam ist Barmherzigkeit“ und „Scharia, der missverstandene Gott“). Zum anderen versucht er, den Islam in die Tradition des Humanismus einzuordnen.

Dieses Buch leidet etwas darunter, dass diese zwei Themen in ein Buch gepackt wurden und sich auf verwirrende Weise von Kapitel zu Kapitel abwechseln. Der Leser tut gut daran, beide Themen zunächst getrennt wahrzunehmen, und erst nach der Lektüre des gesamten Buches über eine Synthese nachzudenken.

Thema 1 – Die Abrundung der Reformtheologie

Am Anfang des Buches wird die in früheren Werken entwickelten Reformtheologie in geraffter Form und unter einer etwas anderen Perspektive wiederholt: Die Offenbarung des Koran ist von dem zentralen Satz aus aufzudröseln, dass Gott allbarmherzig ist, und Mohammed zur Barmherzigkeit gesandt wurde, und nicht, um Menschen zu zwingen. Der Mensch ist anders als die Engel kein Befehlsempfänger. Die richtige Haltung des Muslims ist das Sich-Öffnen im Gegensatz zum Sich-Verschließen. Der Koran muss historisch kontextualisiert gelesen werden. Es gibt ewig gültige und situativ gültige Verse. Die Sunna (Hadithe) müssen immer wieder auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüft werden.

Die Reformtheologie wird abgerundet durch folgende Aussagen:

  • Ablehnung der fatalistischen Prädestinationslehre (S. 29).
  • Die Welt funktioniert nach Naturgesetzen, die der Mensch erkennen soll. Khorchide ist strikt dagegen, naturwissenschaftliche Aussagen im Koran erkennen zu wollen. Denn solche Aussagen sind bedingt durch den historischen Kontext, in den die Offenbarung hineingesprochen wurde. Der Koran verlangt nach der Benutzung der Vernunft, die die Gläubigen zu jeder Zeit neu einsetzen müssen (S. 33 ff.).
  • Die Verweigerung des Vernunftgebrauchs erregt den Zorn Gottes (S. 52).
  • Jetzt gesteht Khorchide auch einen strafenden Gott zu, im Verhältnis 18:1 barmherzig vs. strafend (S. 84). Die Strafe Gottes richtet sich nur gegen die Sünde, nicht gegen den Sünder.
  • Der Mensch soll danach streben, Gottes Eigenschaften ähnlich zu werden, doch Gott ist absolut, und der Mensch nur relativ und unvollkommen, ein ewig Strebender. Sogar im Paradies ginge das Streben noch weiter, meint Khorchide (S. 81).
  • Khorchide sagt jetzt, dass er Glaube nicht gegen Handeln ausspielen möchte, sondern dass das richtige Handeln ein Ausdruck des richtigen Glaubens ist (S. 198). Gut so.
  • Der Islam enthält in sich Aufforderungen zu Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen, und strebt keine Weltherrschaft des Islam an. Ein Kafir ist kein Ungläubiger, sondern ein Leugner. Christen und Juden werden z.B. keineswegs pauschal als Kafir bezeichnet. Khorchide schließt jetzt explizit alle Andersgläubigen in sein Toleranzkonzept mit ein, bis hin zu Atheisten (S. 209, 248).

Sehr stark sind Khorchides Aussagen zur Gewalt im Islam:

  • Khorchide hat ein großes Kapitel eingefügt (S. 167 ff.), in dem er klarstellt, dass der Dschihad als Angriffskrieg gegen alle Nichtmuslime eine starke Tradition in der islamischen Theologie hat, und dass es heute darum geht, eine friedliche, in der Geschichte des Islam meist schwächere Tradition, zum heute vorherrschenden Narrativ im Islam zu machen.
  • Khorchide zeigt die einzelnen Gelehrten auf, die durch die Jahrhunderte diese oder jene Lehre vertreten haben: Das ist sehr interessant.
  • Khorchide widerlegt die verschiedenen Argumente der Tradition: Die verschiedenen Schwertverse; die Problematik der Abrogation, die auch in der Tradition sehr umstritten ist (S. 178, 219 f.); usw. (Unerwähnt bleibt, dass auch die chronologische Reihenfolge der Koranverse, von der die Abrogation abhängt, in der Tradition umstritten ist.)
  • Khorchide zeigt, dass das Massaker an den Juden durch Mohammed nicht historisch ist. (Unerwähnt bleibt, dass moderne Historiker das Massaker als spätere Erfindung einordnen, mit der die Entfernung der Juden aus der Umma gerechtfertigt werden sollte.)
  • Khorchide sagt klar, dass das Problem nicht nur die Islamisten sind, die Gewalt und Terror anwenden, sondern bereits der traditionalistische Mainstream des Islam, der sich für ein Nachdenken über die Tradition nicht öffnet sondern verschließt, und damit notwendige Reformen verhindert. Der traditionalistische Mainstream tut auf der einen Seite so, als gäbe es die vorherrschende Tradition nicht, auf der anderen Seite wehrt er sich gegen jede Kritik an der Tradition.
  • Khorchide klagt einen Teil der Muslime der „Westophobie“ an, weil sie eine Islamreform pauschal mit dem falschen Argument ablehnen, dass man eine solche Reform nur deshalb durchführe, weil man damit dem Westen zu Gefallen wäre. Doch der Islam hat Reformen in seinem eigenen Interesse nötig.

Khorchides Reformtheologie ist teilweise links und postmodern:

  • Khorchide wendet sich gegen jede Autorität im Islam (S. 115 f., 222 ff.). Es ist zwar richtig, den einzelnen Gläubigen zu Eigenverantwortung aufzurufen, aber die Ablehnung jeder Form von Autorität ist überzogen und entspricht auch nicht dem Wesen des Menschen. Hier verfolgt Khorchide eine Utopie, mit der er keinen Erfolg haben wird. Statt Autoritäten pauschal abzulehnen sollte man sich lieber überlegen, wie man Autoritäten so installiert, dass sie nicht autoritär sind. Man muss auch bedenken, dass eine Organisation wichtig für die Meinungsbildung ist. Eine Organisation kann sich entwickeln, streiten, Lehren aussprechen oder verwerfen. Ohne das ist eine Reform praktisch nicht möglich. Die Masse der unorganisierten Muslime würde von Reformdenken sonst nie erfasst.
  • Teilweise übertreibt es Khorchide mit dem Sich-Öffnen. Bei ihm ist alles prozesshaft und im Fluss, alles wird ausgehandelt, der Dialog ist alles. Der Satz „Das ist der wahre Islam“ sei obsolet geworden, meint Khorchide (S. 45). Damit schwächt Khorchide aber auch seine eigene Position gegenüber den Traditionalisten. Khorchide muss schon klar sagen können, dass die Theologie der Gewalt falsch ist und schon immer falsch war, und deshalb zu verurteilen ist.
  • Khorchide schreckt davor zurück, große Gelehrte der islamischen Tradition für ihre theologischen Positionen zu verurteilen, weil es eine andere Zeit war (S. 187 f.). Doch so geht es nicht. Auch im Christentum waren Hexenverbrennungen schon immer falsch. Hexenverbrennungen sind nicht erst heute falsch.
  • Die Absicht zur Verwerfung der Hadithe, die nicht zur zentralen Botschaft der Allbarmherzigkeit passen, ist zwar grundsätzlich richtig, wird von Khorchide aber allzu leichtfertig formuliert (S. 176). Auch manche Koranverse sind etwas sperrig, können aber dennoch zur zentralen Botschaft in einen guten Bezug gesetzt und historisch kontextualisiert gelesen werden, ohne dass man sie verwirft.
  • Die Darstellung der Geschichte von Islam und Christentum unter der Perspektive des Sich-Öffnens und Sich-Verschließens ist grundsätzlich richtig gedeutet, aber im Detail zeichnet Khorchide ein zu weiches Bild: Das Kalifat von Cordoba in Al-Andalus sei ein wahres Paradies auch für Christen und Juden gewesen, die dort auch zur Universität gingen; im Islam hätte es damals keine Autoritäten gegeben, deshalb sei alles geistig frei gewesen; das wissenschaftliche Denken in Europa sei maßgeblich durch Al-Andalus und die Übersetzerschule von Toledo angestoßen worden; vor Anselm von Canterbury hätte es keine Beschäftigung mit Wissenschaft und Philosophie in Europa gegeben. Das alles ist so höchstens halbwahr und deshalb leider geeignet, wohlmeinende Islamkritiker abzuschrecken, weil sie solche Weichzeichnungen schon zu oft aus unglaubwürdigem Munde gehört haben. Die beabsichtigte Grundaussage ist aber trotzdem richtig: Man muss sich geistig öffnen.

Khorchide streut immer wieder Seitenhiebe gegen das Christentum ein. Als Nichtchrist ist das völlig legitim, man müsste es aber etwas breiter diskutieren:

  • Der Islam kennt keine Erbsünde, es gibt keine Kollektivschuld (S. 25). – Schön und gut, aber die Unvollkommenheit des Menschen als Geschöpf eines vollkommenen Gottes erklärt Khorchide damit nicht. Warum scheitert der von Gott geschaffene Mensch in der von Gott geschaffenen Welt immer wieder und wieder und muss sterben? Warum ist die Welt nicht vollkommen?
  • Gott wird nicht Mensch, die Distanz zwischen Gott und Mensch bleibt gewahrt (S. 81 f., 85). – Da Khorchide seinen Gott ähnlich wie den christlichen Gott als liebenden Gott darstellt, bleibt die Frage, wie Gott die damit entstehende Kluft zum Menschen überwinden will. Und wie errettet der islamisch verstandene Gott den bleibend sündigen Menschen, ohne ihm Anteil an der Göttlichkeit zu geben?
  • Sexualität sei auch zur Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse da, deshalb gebe es im Islam kein Verbot von Verhütungsmitteln (S. 243 f.). – Khorchide hat hier den christlichen bzw. katholischen Standpunkt nicht ganz verstanden, scheint es.

Thema 2 – Islam und Humanismus

Den Islam in die humanistische Tradition einzubetten ist ein großer Wurf. Denn damit verlässt Khorchide die Defensive und bringt den Islam offensiv in unsere Kultur hinein. Muslime werden so zu einer Islamreform motiviert, denn sie dürfen auf einen würdigen Platz für den Islam im Kreis der humanistischen Weltanschauungen hoffen. Im Kern geht es Khorchide um das Sich-Öffnen als einem humanistischen Grundgedanken. Das ist sicher richtig, aber leider ist die Ausführung des Ansatzes nicht ausreichend gelungen.

Ein linkslastiger Humanismus-Begriff:

  • Zentraler Fehler ist die Unterschätzung der Antike als Grundlage des Humanismus. Der Humanismus der Antike ist nicht einfach nur der erste Humanismus, und nicht einfach nur ein Humanismus unter mehreren, sondern es ist der Humanismus schlechthin, der zur Grundlage für alle späteren Humanismen wurde. Man kann sich nicht vom Humanismus der Antike lösen, so wie man auch das Rad nicht noch ein zweites Mal erfinden kann. Das Herunterspielen der Bedeutung der Antike ist typisch für linkes Denken.
  • Bei der Nachzeichnung der Geschichte des Humanismus stützt sich Khorchide vor allem auf linke Humanisten und Möchtegern-Humanisten bzw. deren Vordenker: Herder, Hegel, Marx, der Linkshegelianer Ruge, Sartre, Erich Fromm, den Humanismus des heutigen HVD-Verbandes, und den evolutionären Humanismus von Michael Schmidt-Salomon und seiner Giordano-Bruno-Stiftung. Man mag es kaum glauben, aber es fehlen u.a. Erasmus von Rotterdam, Philipp Melanchthon, Goethe, Schiller, Wilhelm von Humboldt, Werner Jaeger oder Romano Guardini. Der Dritte Humanismus wird mit einem kurzen Absatz abgehandelt, der christliche Humanismus bleibt praktisch unerwähnt. Kurz: Der „bürgerliche“ Humanismus fehlt fast komplett! Für einen Überblick über den Humanismus ist das ein Totalschaden. Vermutlich hatte Khorchide die falschen Ratgeber.
  • Bei der Klage über anti-humanistische Zustände in der modernen Welt fühlt man sich an typisch linke Selbstanklagen gegen die die westliche Moderne erinnert, die man für alle Übel der Welt verantwortlich macht (S. 141 ff.): Da wird z.B. die Leistungsgesellschaft kritisiert, ohne deren guten Sinn zu würdigen. Schräge Beispiele werden herbeigezogen: Etwa eine Uni-Prüfung, bei der der Dozent festsetzt, dass genau die ersten zehn Studenten durchkommen, aber alle anderen nicht. Das ist natürlich das Gegenteil einer Prüfung nach Leistung: Es geht nämlich gar nicht um die Leistung der Studenten, sondern nur um den Bedarf an Absolventen, egal wie gut oder wie schlecht sie sind – und das ist Planwirtschaft, nicht Leistungsgesellschaft.
  • Khorchide versucht Verständnis für die Meinungen der „anderen Seite“, d.h. von Muslimen, zu heischen, indem er seitenweise Anklagen von Jürgen Todenhöfer an den Westen zitiert, deren Qualität sich auf dem Niveau von politischen Verschwörungstheorien bewegt. Man kann Verständnis für manchen Irrtum haben, der sich bei Muslimen über den Westen festgesetzt hat. Aber im Kern sind es nun einmal Irrtümer, und sie müssen überwunden werden. Verständnis hilft da nicht viel. Man könnte höchstens hinzufügen, dass nicht nur Muslime, sondern auch westliche Linke und Verschwörungstheoretiker diese Irrtümer überwinden müssen. Dazu sagt Khorchide aber nichts. Vermutlich ist er selbst in manchem dieser Irrtümer befangen.
  • Zu Anfang des Buches benutzt Khorchide den Begriff Humanismus als Synonym für Atheismus, so wie es heute in Mode gekommen ist. Zur Mitte des Buches hin überwindet Khorchide diesen Gebrauch des Wortes Humanismus zum Glück.

Khorchide entdeckt erstaunlich wenig Humanismus im Islam:

  • Einen Humanismus schon in den Anfängen nimmt Khorchide kaum ernst (z.B. Muhammad’s Humanism von Minou Reeves; S. 121).
  • Erst im 10. Jahrhundert will Khorchide so etwas wie Humanismus erkennen (Mutazila).
  • Im 14. Jahrhundert dann asch-Schatibi und dessen Normenlehre nach den Bedürfnissen des Menschen.

Khorchide hängt an einem völlig falschen Humanismus-Begriff:

  • Khorchide schreckt davor zurück, den Begriff „Humanismus“ im Zusammenhang mit dem Islam überhaupt zu gebrauchen, weil er zu eng mit der europäischen Entwicklung verknüpft wäre (S. 117 f.). Aber das ist Unfug, denn der Humanismus geht auf die Antike zurück, und diese wurde von Ost und West gleichermaßen rezipiert.
  • Bei Mohammed Arkoun schreibt Khorchide, dieser würde Rationalismus und Humanismus verknüpfen (S. 121). Aber ist das nicht von allem Anfang in der Antike her klar, dass ein Humanismus ohne Rationalismus überhaupt nicht denkbar ist?
  • Nach Schöller meint Khorchide, dass es eine Eigenheit des islamischen Humanismus sei, dass er keinen Gegensatz zur Religion bilde (S. 122 f). Aber das ist doch beim europäischen Humanismus ganz genauso! Humanismus bedeutet keineswegs automatisch Atheismus! Den Humanismus gegen die Religion zu positionieren ist eine postmoderne, linke Fehlwahrnehmung.

Khorchide verkennt den humanistischen Kern im Islam:

Es ist schon fast tragisch, dass Khorchide das Entscheidende völlig übersieht. Grund dafür ist nicht zuletzt Khorchides linkslastige Sicht auf den Humanismus, der die Antike völlig unterbelichtet. Denn wie auch beim Christentum so sind auch beim Islam von allem Anfang an humanistische Elemente eingeflossen. Mithilfe eines „bürgerlichen“ Humanismus hätte Khorchide erkennen können:

  • Bereits der Koran korrespondiert zu antiken Vorstellungen, z.B. die kosmologischen Vorstellungen in Platons Timaios. Dass der offenbarende Gott die Menschen im Kontext ihrer Zeit anspricht ist ja Khorchides eigene Meinung, also darf auch im Koran nach Spuren der Antike gesucht werden.
  • Auch in der Sunna finden sich viele Elemente antiken Denkens. So mancher Hadith wurzelt vielleicht eher in antiker Tradition als in einer Aussage des Propheten? Oder vielleicht beides zugleich?!
  • Die islamische Tradition der Auslegung von Koran und Sunna hat sich oft an antikem Denken orientiert. So korrespondiert z.B. die Dschihad-Lehre auffällig mit Platons Lehre von Krieg und Frieden in dessen Dialog Nomoi: So auch die Lehre vom großen und vom kleinen Kampf, die dem großen bzw. kleinen Dschihad entspricht. Khorchide selbst erwähnt die Übersetzungsbewegung von Baghdad: Was haben die denn da übersetzt? Natürlich antike Werke!
  • Die großen islamischen Philosophen wurden von antikem Denken geprägt, wie Khorchide selbst darlegt (z.B. S. 131 f.).

Der Islam kann sich also nicht nur in den in der Antike wurzelnden Humanismus einfügen, er enthält ihn bereits selbst. Der Islam trägt nicht nur etwas zum Humanismus bei, er trägt denselben antiken Humanismus bereits in sich, der auch die anderen Humanismen inspiriert hat. Das kann man allerdings nur erkennen, wenn man die besondere Bedeutung des antiken Humanismus erkannt hat. Im Grunde hat Khorchide mit einem gewissen Erfolg jenen Humanismus aus dem Islam herausgeholt, der von der Antike in den Islam hineingelegt wurde, ohne dass sich Khorchide dessen bewusst war. Bis hin zu der These, dass ein Humanist Individualist und Kollektivwesen zugleich ist (S. 239 ff.): Auch das natürlich ein antiker Gedanke.

Fazit

Khorchide ist ein echter Islamreformer, der mit seinem Denken auf dem richtigen Weg ist. Die Abrundung seiner Reformtheologie in diesem Werk beweist es. Es liegen allerdings einige dicke Steine auf seinem Weg: (1) Khorchide ist eindeutig zu linkslastig und postmodern eingestellt. (2) Khorchide fehlt in manchen Bereichen die Bildung: Das ist kein Beinbruch, denn das Thema greift in der Tat sehr weit aus. „Der gute Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst“ (Goethe, Faust). (3) Und drittens ist Khorchide zu wenig dem praktischen Leben zugewandt, wo seine Reformen umgesetzt werden müssen: Mit Autoritäten, mit Moscheen, mit einem klaren Katechismus, mit Verurteilungen von Irrlehren, usw. – Keines dieser Probleme ist unlösbar, aber vielleicht wird es nicht mehr Khorchide sein, der sie löst.

Das große Ziel, den Islam in den Kreis der humanistisch orientierten Religionen einzuführen, ist erreichbar. Zwar hat der Islam im Lauf seiner Geschichte großes Pech gehabt, und der gegenwärtige Zustand des Islam lässt keine schnellen Erfolge erwarten, aber grundsätzlich sind alle Voraussetzungen vorhanden, um das Ziel zu erreichen. Bis es soweit ist, dass Khorchides Ideen irgendwann einmal eines Tages in der Breite des Islam zu wirken beginnen, wird die westliche Welt allerdings geeignete Abwehrmaßnahmen gegen den traditionalistischen Islam ergreifen müssen. Auch zu diesen notwendigen Maßnahmen sagt Khorchide leider nichts. Das sollte er aber, wenn er Humanist sein will.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. April 2016.

8 Kommentare

  1. Bernd

    1. Die Rezension baut sich ihren eigenen Humanismus zurecht.
    Franke tut so, als sei der antike Humanismus der Maßstab aller Dinge und als müsse jede spätere Denktradition daran gemessen werden. Das ist eine gewaltige Verkürzung. Antiker Humanismus bedeutet nicht einfach „Menschenfreundlichkeit“, sondern Bildungsideal, Maß, Vernunft, Polis, Selbstformung, Würde durch Kultur und geistige Disziplin. Daraus folgt gerade nicht, dass jede Religion, die irgendwo Vernunft, Barmherzigkeit oder Bildung kennt, bereits „antiken Humanismus“ in sich trägt.

    2. Die Behauptung, der Islam enthalte denselben antiken Humanismus, ist unbelegt.
    Dass islamische Philosophen Aristoteles und Platon rezipiert haben, beweist nicht, dass der Islam selbst antiken Humanismus enthält. Es beweist zunächst nur, dass einzelne gebildete Schichten im islamischen Raum antike Philosophie aufgenommen, übersetzt und verarbeitet haben. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Rezeption ist nicht Identität. Ein Haus enthält nicht Griechenland, nur weil griechische Bücher in seiner Bibliothek stehen.

    3. Franke verwechselt philosophische Randtraditionen mit religiösem Kern.
    Averroes, al-Farabi, Avicenna, Mutaziliten oder Bagdader Übersetzer sind wichtig. Aber sie sind nicht der normative Mainstream des Islam geworden. Der religiöse Kern wurde viel stärker durch Koran, Hadith, Sunna, Rechtsschulen, Gelehrtenautorität und Scharia geprägt. Wer daraus einen „im Islam selbst enthaltenen antiken Humanismus“ macht, romantisiert eine Bildungselite und verkauft sie als Wesen der Religion.

    4. Antiker Humanismus und islamische Offenbarungsreligion stehen in einem Spannungsverhältnis.
    Der antike Humanismus setzt auf Maß, Vernunft, Selbstbildung und eine gewisse Autonomie des Menschen. Der klassische Islam setzt auf Offenbarung, Gehorsam, göttliches Gesetz und Unterwerfung unter Gottes Willen. Natürlich kann es Überschneidungen geben: Vernunftgebrauch, Wissenschaft, Philosophie. Aber daraus entsteht kein gemeinsamer Kern. Der entscheidende Maßstab bleibt im Islam nicht der sich selbst bildende Mensch, sondern der geoffenbarte Wille Gottes.

    5. Der Satz „Der Islam trägt denselben antiken Humanismus bereits in sich“ ist intellektuell zu bequem.
    Damit wird ein schwieriges Reformproblem schöngefärbt. Wenn der Islam diesen Humanismus wirklich in sich trüge, müsste man erklären, warum gerade rationalistische, philosophische und freiheitliche Strömungen historisch so oft marginalisiert wurden. Franke nennt die Hoffnung schon die Lösung. Aber eine Reform muss erst mühsam gegen starke traditionalistische Strukturen erkämpft werden – sie liegt nicht einfach fertig im Islam bereit.

    6. Franke kritisiert Khorchides linkslastigen Humanismus, ersetzt ihn aber durch einen bildungsbürgerlichen Wunschmythos.
    Er wirft Khorchide vor, Humanismus politisch links zu verengen. Das ist teilweise berechtigt. Aber dann verfällt Franke selbst in eine andere Ideologie: den Glauben, der Islam müsse nur richtig an die Antike angeschlossen werden, dann werde sein humanistischer Kern sichtbar. Auch das ist eine Projektion. Der Islam wird dadurch nicht analysiert, sondern in eine europäische Bildungsgeschichte hineingezogen, die ihm nur bedingt entspricht.

    7. Der Verweis auf Platon, Timaios oder Nomoi ist besonders schwach.
    Kosmologische Ähnlichkeiten oder Parallelen in Kriegslehren machen noch keinen Humanismus. Platon ist ohnehin kein moderner Humanist im freiheitlichen Sinn. Wer aus möglichen platonischen Spuren im Koran oder in der Dschihad-Lehre einen „antiken Humanismus“ ableiten will, überdehnt den Begriff bis zur Unkenntlichkeit. Dann wäre fast jede vormoderne Hochkultur irgendwie humanistisch.

    8. Die Rezension unterschätzt den Unterschied zwischen Kulturleistung und Theologie.
    Ja, islamische Zivilisationen haben wissenschaftliche, philosophische und literarische Leistungen umgesetzt. Aber daraus folgt nicht, dass diese Leistungen unmittelbar aus dem theologischen Kern des Islam stammen. Oft entstanden sie im Spannungsfeld von Religion, Herrschaft, Übersetzung, Verwaltung, Medizin, Mathematik und Philosophie. Kulturgeschichte ist nicht Dogmatik.

    Genau hier wird Frankes These vom im Islam bereits angelegten Humanismus schwach. Wenn der Islam angeblich antiken Humanismus in sich trägt, müsste man auch über seine rechtliche Ordnung gegenüber Nichtmuslimen sprechen: über Dhimma, Unterordnung und die Dschizya, also die Sondersteuer für Schutzbefohlene. Ein humanistischer Kern zeigt sich nicht nur an Philosophen und Übersetzern, sondern auch daran, wie eine Religion rechtlich mit den Nichtzugehörigen umgeht.

    9. Khorchide ist eher dort stark, wo Franke ihn relativiert.
    Khorchides Reformansatz ist gerade deshalb interessant, weil er nicht behauptet: „Der Islam war immer schon Humanismus.“ Er versucht, den Islam neu zu lesen, Barmherzigkeit gegen Gewalttraditionen stark zu machen und problematische Überlieferungen zu prüfen. Das ist ehrlicher als Frankes These, der Humanismus sei im Islam bereits angelegt und müsse nur freigelegt werden.

    10. Der eigentliche Denkfehler der Rezension lautet: Was anschlussfähig sein soll, sei schon enthalten.
    Franke verwechselt Möglichkeit mit Wirklichkeit. Der Islam wird nicht dadurch humanistisch, dass man einzelne Philosophen, Übersetzungsbewegungen oder antike Spuren in seiner Kulturgeschichte findet. Im Gegenteil: Große Teile der islamischen Tradition wehren sich bis heute mit Händen und Füßen gegen Historisierung, Ethik vor Dogma und vernunftgeleitete Reform. Dass der Islam sich reformieren, humanisieren und an antike oder moderne Humanismustraditionen anschließen lässt, ist höchst ungewiss, im Grunde unwahrscheinlich. Sicher ist nur: Er enthält diesen Humanismus nicht schon von selbst. Genau hier scheitert Frankes Lesart des Ganzen.

    • Thorwald C. Franke

      Ein weiterer Kommentar von „Bernd“, der gerade einen wahren Kommentar-Kreuzzug gegen meine Rezensionen zum Thema Islam durchführt. Diesmal ist der Kommentar von „Bernd“ fast schon amüsant.

      Nicht nur, dass „Bernd“ immer mit den gleichen Unterstellungen arbeitet und Dinge in meinen Rezensionen sieht, die dort nicht enthalten sind. Eine der vielen Unterstellungen ist hier z.B., dass ich unter antikem Humanismus „Menschenfreundlichkeit“ verstehen würde. Dieser Gedanke, ja das Wort selbst, obwohl von „Bernd“ wie ein Zitat in Anführungszeichen geschrieben, kommt in der Rezension nirgendwo vor. Besonders zum Lachen auch dieser Satz: „Platon ist ohnehin kein moderner Humanist im freiheitlichen Sinn.“ Tja, wer behauptet denn auch sowas?

      Nicht nur das, also, sondern in diesem Kommentar ist „Bernd“ auch in ganz besonderem Maße über seinen Mangel an Bildung gestolpert. Seine Vorstellungen davon, was Humanismus wirklich ist, und wie er sich im Laufe der Geschichte entwickelt hat, und welches Verhältnis Religion und Humanismus zueinander haben, sind fast schon tragisch zu nennen. „Bernd“ sollte meine Rezension noch einmal sehr intensiv lesen. Da könnte er tatsächlich noch etwas lernen.

  2. Bernd

    Sie beantworten leider nicht meine Einwände, sondern kommentieren vor allem meine Person. Das ist bequem, aber sachlich unergiebig.

    Auch das Wort „Kommentar-Kreuzzug“ ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Gerade in Debatten über Islamkritik wird „Kreuzzug“ gerne als moralisch aufgeladene Abwehrvokabel benutzt, um Kritik nicht beantworten zu müssen, sondern sie in die Nähe religiös-politischer Feindseligkeit zu rücken. Dass Sie nun selbst zu diesem Bild greifen, ist unfreiwillig aufschlussreich.

    Hinzu kommt ein Ton, der eher nach Herrenmoral klingt als nach argumentativer Auseinandersetzung: Sie thronen wohl gerne aus den Untiefen der nicht bewiesenen Mystik über anderen Kommentatoren, diagnostizieren gerne „Mangel an Bildung“ (sogar bei Sarrazin) und empfehlen gönnerhaft erneute Lektüre. Das mag zur Selbstinszenierung taugen, ersetzt aber keine Antwort auf den Einwand. Wie Sie von anderen wahrgenommen werden, zeigt eine schöne Rezension von Dr. Richter auf Amazon. Hier auf Ihrem bislang nur von mir kommentierten Blog formulieren Sie ähnlich irre levanten, ausweichenden und schwer verständlichen Entgegnungen.

    Ich habe Ihnen nicht unterstellt, Sie würden Humanismus schlicht als „Menschenfreundlichkeit“ verstehen. Der Punkt war ein anderer: Sie verwenden den Begriff „antiker Humanismus“ so weit, dass bereits philosophische Rezeption, kosmologische Parallelen oder einzelne Gelehrtentraditionen genügen sollen, um dem Islam einen bereits vorhandenen humanistischen Kern zuzuschreiben. Genau diese begriffliche Ausweitung kritisiere ich.

    Auch der Hinweis auf Platon war kein Missverständnis, sondern ein Einwand gegen Ihre Ableitung. Wenn Sie aus Parallelen zu Timaios oder Nomoi eine humanistische Tiefenstruktur des Islam gewinnen wollen, muss man darauf hinweisen dürfen, dass Platon selbst kein Garant eines freiheitlichen Humanismus ist. Platonische Spuren beweisen noch keinen Humanismus.
    Der entscheidende Unterschied bleibt: Die Rezeption antiker Philosophie im islamischen Kulturraum ist historisch unbestreitbar. Daraus folgt aber nicht, dass der normative Kern des Islam selbst antiken Humanismus enthält. Zwischen Kulturgeschichte, Philosophiegeschichte und Theologie muss man unterscheiden.

    Gerade deshalb überzeugt mich Khorchide dort mehr als Ihre Lesart: Er behauptet nicht einfach, der Islam sei im Grunde immer schon humanistisch gewesen, sondern versucht, ihn reformtheologisch neu zu lesen. Das ist schwieriger, aber ehrlicher.

    Wenn Sie meine Bildungslücken diagnostizieren möchten, steht Ihnen das frei. Mich würde allerdings mehr interessieren, wie Sie den eigentlichen Einwand beantworten: Warum sind rationalistische, philosophische und freiheitliche Strömungen im Islam historisch so oft Randtraditionen geblieben, wenn der von Ihnen behauptete humanistische Kern tatsächlich im Islam selbst angelegt ist?

    • Thorwald C. Franke

      Ja, auch Sarrazin ist ganz offensichtlich über seinen Mangel an Bildung zum Thema Religion gestolpert. Ich habe in der entsprechenden Rezension auch dargelegt, wo er stolpert und warum er stolpert. Sie kennen diese Rezension, denn Sie haben Sie schon kommentiert. Und Sie haben es immer noch nicht verstanden. Denn Sarrazins Bildungsmangel ist ganz offensichtlich auch Ihr Bildungsmangel.

      Sie bleiben übrigens auch in diesem Kommentar weiterhin bei Ihren Irrtümern. Ihre Irrtümer sind sooooo leicht erkennbar. Man muss nur Ihre Zitate nachprüfen: Sie kommen in meiner Rezension häufig gar nicht vor. Hier ist noch eines: Sie schieben mir in Anführungszeichen folgendes unter: „Der Islam war immer schon Humanismus.“ Das habe ich nie gesagt.

      Letztlich muss man Ihre Kritik einfach auf das Christentum anwenden, und schwupps!, wird deutlich, dass Sie viel zu kurz springen. Spielen wir das einmal exemplarisch durch:

      * Ihre Frage auf das Christentum gemünzt: Wenn das Christentum tatsächlich auch humanistische Einflüsse von allem Anfang an in sich trägt, warum hat es dann 1500 Jahre, 1900 Jahre gebraucht, um diese zu einem freiheitlichen Humanismus zu entfalten? — Sie hätten das Christentum vermutlich einfach abgeschrieben. „Außer Hexenverbrennen können die nichts, weg damit.“ (Ich schiebe Ihnen hier auch einmal ein Zitat unter, Sie erlauben doch sicher?)

      * Ihr Zitat: „philosophische Rezeption, kosmologische Parallelen oder einzelne Gelehrtentraditionen“ genügen nicht, „um dem Islam einen bereits vorhandenen humanistischen Kern zuzuschreiben“. Hier frage ich mich: Wenn das nicht genügt, was würde jemals genügen? Und ist Ihnen bekannt, dass Kosmologie und Philosophie in der Antike eng miteinander verschränkt waren? Neuplatonismus? Philosophische Theologie? Dämonenlehre? Das Christentum ist voll davon. Der Islam auch.

      * Sie glauben also offenbar, dass man eine Religion gegen ihren Ursprung verbiegen kann. Oder sollte. Ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, dass das geht, und ich glaube nicht, dass man das sollte.

      Ich bin übrigens auch nicht der Meinung, dass Khorchide das tut. Khorchide geht an die Ursprünge und arbeitet den dort enthaltenen Humanismus heraus, nur, dass er selber nicht verstanden hat, was er da eigentlich tut. Zitat aus der Rezension: „Im Grunde hat Khorchide mit einem gewissen Erfolg jenen Humanismus aus dem Islam herausgeholt, der von der Antike in den Islam hineingelegt wurde, ohne dass sich Khorchide dessen bewusst war.“

      Könnte es sein, dass Sie meine Rezensionen nicht richtig lesen, sondern blindwütig in die Tasten hauen und dabei lauter Vorurteile ans Tageslicht kommen, die Sie besser mal aufarbeiten sollten?

  3. Bernd

    Sie ersetzen meine Frage durch eine Analogie zum Christentum. Meine Frage lautete nicht, ob auch das Christentum lange, dunkle und gewaltsame Phasen hatte. Das bestreite ich nicht. Meine Frage war präziser:

    Warum wurden rationale, philosophische und freiheitliche Strömungen im Islam historisch so oft marginalisiert, wenn der von Ihnen angenommene humanistische Kern tatsächlich zentral für den Islam ist?

    Der Hinweis auf das Christentum beantwortet diese Frage nicht. Er zeigt allenfalls, dass auch andere Religionen eine problematische Geschichte haben. Das ist aber kein Argument zur Sache, sondern ein Ausweichmanöver.

    Gerade der Vergleich mit dem Christentum macht meine Frage sogar stärker: Dort gab es über lange Zeit ebenfalls schwere Verwerfungen. Aber es kam zu einer tiefgreifenden, institutionell und gesellschaftlich wirksamen Trennung von Religion, Staat, Recht und individueller Gewissensfreiheit. Meine Frage ist, warum eine vergleichbare Entwicklung in der islamischen Welt historisch so selten dauerhaft prägend wurde.

    Wenn Sie darauf eine Antwort haben, interessiert sie mich. Wenn nicht, ist auch das eine Antwort.

    • Thorwald C. Franke

      Ganz einfach: Sie können an den Islam keine anderen Maßstäbe anlegen als an das Christentum. Das tun Sie aber ständig. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum man den Islam anders beurteilt als das Christentum, wenn man auf die Geschichte blickt. Schauen Sie doch genau hin: Nach 1500-1900 Jahren hatte die christliche Welt dann endlich ihren Durchbruch zur modernen Freiheit erlebt. Das setzt das Christentum aber in keinen grundsätzlichen Vorteil gegenüber dem Islam, denn damit hatte das Christentum länger gebraucht, als der Islam überhaupt existiert! Das einzige, was man legitimerweise sagen kann, ist, dass jetzt gerade die christliche Welt entwickelter ist als die islamische Welt. Aber eine Aussage darüber, ob der Islam zu gewissen Entwicklungen grundsätzlich unfähig ist, können Sie daraus nicht ableiten.

  4. Bernd

    Ich möchte auf Ihren Satz „Sie können an den Islam keine anderen Maßstäbe anlegen als an das Christentum“ kurz näher eingehen. Es ist richtig: Man muss Religionen nach vergleichbaren Maßstäben beurteilen. Aber vergleichbare Maßstäbe bedeuten nicht, dass man Unterschiede einebnet. Im Gegenteil: Wer ernsthaft vergleicht, muss Inhalte, Selbstverständnis, Rechtsbezug, Offenbarungsbegriff und geschichtliche Wirkung genau unterscheiden.

    Der Koran versteht sich im klassischen Islam in besonderer Weise als unmittelbares Wort Allahs. Daraus ergibt sich ein anderer normativer Anspruch als bei einer biblischen Tradition, die stärker über Erzählung, Bund, Gewissen, Auslegung, Kirche, Theologie und persönliche Gottesbeziehung vermittelt ist. Gerade deshalb ist es nicht seriös, Islam und Christentum einfach nach dem Schema „beide Religionen hatten dunkle Phasen“ gleichzusetzen. Entscheidend ist doch: Welche Texte, Institutionen und Auslegungstraditionen ermöglichen Freiheit — und welche erschweren sie?

    Wenn der Islam einen zentralen humanistischen Kern hat, sie Sie angeben, müsste sich dieser gerade an den unbequemen Koran- und Hadithstellen bewähren. Mich interessiert deshalb nicht die allgemeine Behauptung, der Islam sei „auch“ humanistisch deutbar, sondern die konkrete Methode der Auslegung. Wie gehen Sie mit Textstellen um, die nach naheliegendem Sprachverständnis hart, ausgrenzend oder gewaltlegitimierend wirken? Werden diese Stellen historisiert, relativiert, allegorisiert — oder gelten sie normativ?

    • Thorwald C. Franke

      Auch die Bibel gilt als Wort Gottes, und zwar die ganze Bibel. Auch das AT. Auch die Paulusbriefe. Streichen oder Weglassen geht auch dort nicht. Nirgendwo. Der Unterschied zum Koran ist kleiner, als viele meinen. Er existiert, doch er ist letztlich von keiner praktischen Bedeutung.

      Und natürlich wurde auch die Bibel früher als unmittelbare Anweisung gelesen. Alles andere galt als Ketzerei. Bitte bedenken Sie, dass einst Hexen verbrannt wurden, weil das in der Bibel steht. Ich erinnere auch an die antisemitischen Passagen im Johannes-Evangelium. Von damals bis heute wurde gründlich umgedacht. Die Bibel gilt aber immer noch als Wort Gottes. Wie die Christen das machen, können Sie übrigens in einem guten Katechismus nachlesen, siehe meine Rezension zum katholischen Katechismus.

      Ihre Frage, wie man Gewalt-Verse im Koran auslegen könnte: Wieder muss ich Sie ermahnen, die Rezensionen auch zu lesen, die Sie kommentieren. Denn in der Rezension oben steht ziemlich genau drin, wie Khorchide das macht.

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