Schlagwort: Ägypten

Jason Colavito: The Legends of the Pyramids – Myths and Misconceptions about Ancient Egypt (2021)

Hochinteressantes Thema, viel Stoff, aber leider unübersichtlich und fehlerhaft

Mit seinem Buch „The Legends of the Pyramids“ hat Jason Colavito ein weiteres Werk vorgelegt, in dem er einen Strang von Themen, Mythen und Legenden, wie sie heute in Pseudowissenschaft und Popkultur zu finden sind, auf ihre Ursprünge untersucht und auf diese Weise verbreitete Irrtümer und Pseudowissenschaft entlarvt. Das ausgewählte Thema ist dabei hochspannend: Einmal deshalb, weil es den Kern vieler pseudowissenschaftlicher Vorstellungen zur antiken Geschichte berührt. Und dann deshalb, weil bislang ein Mangel an Literatur zu diesem Thema herrschte, so dass hier vieles im Dunkeln lag.

Wir erfahren also, wie sich langsam, Schritt für Schritt, die falschen Vorstellungen rund um das alte Ägypten gebildet haben, von den alten Griechen über die Anfänge der Alchemie, von den Versuchen von Juden, Christen und Muslimen, das alte Ägypten für ihre Weltsicht zu vereinnahmen, von den Irrungen und Wirrungen in Renaissance und Aufklärung bis hin zur modernen Pseudowissenschaft und Popkultur.

Dazu wird wirklich sehr viel Stoff geboten in diesem Buch. Und es werden sehr viele Zusammenhänge aufgezeigt. Diese Zusammenhänge alle recherchiert und aufgefunden zu haben war gewiss eine langjährige Arbeit, und es ist der eigentliche Wert dieses Buches.

Doch leider ist das Buch unübersichtlich und teilweise fehlerhaft.

Unübersichtlich

Der Versuch, die komplexen Verwicklungen und Zusammenhänge in einem lockeren Erzählstil abzuhandeln, ist hier noch viel deutlicher gescheitert als in den vorigen Büchern von Jason Colavito. Die Zahl der Autoren und Werke, aus denen sich im Laufe der Zeit das Gespinst von Irrtümern zusammenwebt, ist sehr groß. Es wäre diesmal noch sehr viel dringender gewesen, diese Autoren und Texte in Tabellen zusammenzustellen. Auch Flussdiagramme, die aufzeigen, wer wen beeinflusst hat, wären sehr hilfreich gewesen. Doch der Leser wird mit einer endlosen Flut an immer neuen Autoren und Werken, die in jedem Kapitel neu auf ihn einprasseln, ziemlich allein gelassen.

Besonders ärgerlich ist die missglückte Einteilung des Stoffs in Überschriften. Die Überschriften sind auf den Effekt getrimmt, Neugier und Interesse zu wecken, und geben deshalb oft keine klare Auskunft über den behandelten Inhalt des jeweiligen Kapitels oder Unterkapitels und deren Zusammenhänge. Das erschwert die Orientierung im Buch sehr. Zudem tauchen die Unterkapitel nicht im Inhaltsverzeichnis auf, so dass das Inhaltsverzeichnis keinerlei Überblick bietet. Sehr ärgerlich ist auch, dass der behandelte Stoff recht willkürlich in Unterkapitel eingeteilt wurde: Teilweise findet sich der Stoff, der durch eine Unterkapitelüberschrift angekündigt wird, über mehrere folgende Unterkapitel verteilt. Teilweise wird in einem Unterkapitel noch ein weiterer Autor behandelt, dem damit keine eigene Überschrift gewidmet ist, so dass er bei der Durchsicht der Überschriften nicht sichtbar ist. Teilweise wird ein Thema zunächst in einem Unterkapitel abgehandelt, um daraufhin in einem eigenen Hauptkapitel behandelt zu werden.

Sehr ärgerlich ist auch, dass der Autor bei der Behandlung des Stoffes manchmal der Chronologie der Ereignisse folgt und zeigt, wer etwas zuerst geschrieben hat, wer es danach aufgriff, usw., manchmal jedoch auch der umgekehrten Reihenfolge den Vorzug gibt und zeigt, von welchem früheren Autor etwas übernommen wurde, und von wem dieser es wiederum übernommen hatte, usw. Das ständige Vor und Zurück verwirrt sehr. Der Überblick wird auch dadurch erschwert, dass der Autor spätere Entwicklungen, oft ankündigt und diesen vorgreift: Der Leser ist auf diese Weise dann geistig immer schon sehr viel weiter in der Zukunft und wird dann im nächsten Abschnitt wieder in eine Vergangenheit zurückgeholt, die mit den Ankündigungen nichts zu tun hat, denn das, was angekündigt wurde, kommt erst viele Kapitel später. Ebenfalls ungünstig ist, dass spätere Kapitel ein Thema groß aufbauen, dessen Vorbereitung man in einem viel früheren Kapitel fast überlesen hätte, weil es dort nur sehr klein abgehandelt wurde, ohne auf dessen Bedeutung aufmerksam zu machen.

Sehr, sehr ärgerlich ist, dass dieses Buch kein Literaturverzeichis und keine Fußnoten mit Verweisen auf die genauen Stellen in den entsprechenden Werken enthält. Die Namen von Werken werden nur im Text genannt, wenn überhaupt, und ganz selten findet sich eine genaue Seitenangabe. Damit hat dieses Werk leider sehr viel an Belegbarkeit und Nachvollziehbarkeit verloren. Für ein Werk, das sich die Aufgabe gestellt hat, Pseudowissenschaft zu entlarven, ist das ein dramatisches Versagen. Es ist zu vermuten, dass das Fehlen von Literatur und Fußnoten ebenfalls der Idee geschuldet ist, ein „schön zu lesendes“ Buch zu schaffen. Das war aber genau die falsche Idee. Dem näher interessierten Leser werden nicht einmal 2-3 wissenschaftliche Werke zur Vertiefung des Themas empfohlen, wie es sonst bei populärwissenschaftlichen Werken üblich ist. Das ist sehr schade.

Ebenfalls ungenügend ist es, dass Jason Colavito wiederholt von Bildern und deren Details spricht, ohne diese abzudrucken. Dieses Buch enthält einige sehr allgemein gehaltene Bilder in Farbe, so dass es sicher kein Problem gewesen wäre, die besprochenen Bilder ins Buch aufzunehmen. So z.B. die Darstellung der Arche Noah als Pyramide am Tor des Baptisteriums von Florenz oder die Darstellung der Pyramiden als Kornspeicher im Dom von Venedig. So muss der Leser sich auch hier selbst bemühen und im Internet nachschlagen.

Alles in allem hat Jason Colavito mit diesem Buch eine sehr umfangreiche Stoffsammlung geschaffen, doch die Aufbereitung des Stoffes für den Leser ist ihm nur schlecht gelungen. Diese Aufbereitung muss der Leser zum großen Teil selbst leisten. Dasselbe gilt für die Literatur- und Quellenarbeit. Das hätte man sehr viel besser machen können.

Fehlerhaft

Wir gehen die Fehler der Reihe nach durch. Alles zum Thema Atlantis behandeln wir in einem Extra-Abschnitt.

Obwohl zunächst richtig gezeigt wird, dass mancher Fehler und manche Geschichte bei Herodot eine historisch-kritische Erklärung hat, so dass Herodot nicht als Erfinder von Märchen abgetan werden kann, wird Herodot schließlich genau als das dargestellt („The Greek historian had many stories to tell …“; „Herodotus’s mixture of fact and fiction“; S. 13 f.). Das ist so nicht richtig. Es ist damit natürlich auch falsch, dass spätere griechische Autoren nach dem angeblichen Vorbild von Herodot Fakten und Fiktion leichtfertig vermischt hätten. Es ist auch falsch, dass Herodot mit jenen Griechen nach Ägypten kam, die die Ägypter gegen die Perser unterstützen wollten (S. 10). In Wahrheit kam Herodot erst nach Ägypten, als die Perser bereits gesiegt hatten.

Es ist falsch, lapidar zu behaupten, dass Aigyptos „burned face“ bedeuten würde (S. 16). Es gibt diese Theorie zwar, doch es handelt sich nicht um die vorherrschende Theorie. Zumal es Übereinstimmung darin gibt, dass der Name der Aithiopen auf ihre „burned faces“ zurückgeht. Es ist kaum anzunehmen, dass auch die Ägypter ihren Namen wegen ihrer Hautfarbe bekamen.

Die „Excerpta Barbari Latina“ sind keine „Excerpts in Bad Latin“ (S. 65), sondern „Lateinische Exzerpte eines Barbaren“.

Es ist falsch, dass die Araber, die Ägypten 640 n.Chr. erobert hatten, „struggled to integrate the newly conquered territory into a distinctly Islamic cultural context.“ (S. 67) Am Anfang waren die Araber nicht daran interessiert, ihre neugewonnen Untertanen zu islamisieren. Der Islam selbst hatte sich damals noch gar nicht als neue Religion gefestigt. Das begann erst später unter Kalif Abd al-Malik ab 685 n.Chr. Deshalb ist man in der Wissenschaft dazu übergegangen, von den Eroberern lieber von Arabern als von Muslimen zu sprechen.

Nachdem auf S. 76 gesagt wurde, dass „the real history of Egypt had been forgotten“, folgt nur eine Seite später die Aussage, dass die Meinung verbreitet war, dass die Hyksos um 1600 v.Chr. die Pyramiden erbauten (S. 77). Aber die Kenntnis von den Hyksos ist doch ein unglaubliches Detail der ägyptischen Geschichte! Also war doch nicht alles vergessen …

Louis Figuier wird „one of the most racist scientists of his era“ genannt. Figuier „tried to remove the Arabs and other non-Whites from the story altogether.“ (S. 145) – Wir können bei Figuier bei kurzer Recherche keinen fanatischen Rassismus feststellen, sondern nur den „normalen“ Rassismus der Zeit. Figuier nimmt Schwarze sogar gegen Benachteiligungen in Schutz. Es ist zudem fraglich, ob ein damaliger Rassist Araber als „nicht-weiß“ wahrgenommen hätte. Wir vermuten, dass Jason Colavito bei Figuier mit dem Vorwurf des „most racist“ über das Ziel hinausgeschossen ist. (Da wie überall keine Quelle angegeben ist, können wir die Behauptung nicht überprüfen.)

Die folgende Aussage ist gleich dreifach falsch: „Since the publication of Charles Darwin’s On the Origin of Species in 1859, the tension between secular views of history and science and traditional spiritual and mythical ideas had grown unbearable, and the break between them had become almost inevitable. To believe that the pyramids were ten thousand years old or the work of Atlanteans operating under divine command was to reject the discomforting authority of evolution and materialism.“ (S. 158) – Erstens ist Charles Darwin kein Argument gegen ein Alter von zehntausend Jahren, denn mit Charles Darwin wurde die menschliche Geschichte stark in die Vergangenheit verlängert. Das bessere Argumente gegen die zehntausend Jahre wären die Ergebnisse der Ägyptologie gewesen. – Das Spektrum der Bedeutungen, die man dem Begriff „divine command“ geben kann, ist sehr breit. Das bessere Argument wäre gewesen, dass Religion und Wissenschaft zwei Sphären sind, die man methodisch nicht vermischen sollte. – Das betrifft auch die Behauptung einer „authority of … materialism“. Das bessere Argument wäre gewesen, von einem „methodischen Materialismus“ zu sprechen. Wissenschaft ist jedenfalls keine Verpflichtung zu einem materialistischen Glauben. Ich würde sogar fast sagen: Wenn überhaupt, dann das Gegenteil.

Seltsamerweise werden „the Nazis“ in diesem Buch nur mit einem einzigen kurzen Satz behandelt: „The Nazis believed it“, nämlich dass die Ägypter „weiße Arier“ waren (S. 208). Zunächst ist diese Aussage falsch. Der führende NS-Althistoriker Helmut Berve bestritt 1935 das Existenzrecht der Ägyptologie an deutschen Universitäten, da sie sich mit einer „nichtarischen“ Zivilisation befasse, die man nicht verstehen könne, weil sie „artfremd“ sei. Die deutschen Ägyptologen versuchten daraufhin, soweit sie nicht emigriert oder vom Dienst suspendiert worden waren, die Ägypter als Arier darzustellen. Abgeschafft wurde die Ägyptologie zwar nicht, aber das Verdikt von Helmut Berve wog schwer.

Leider hat es Jason Colavito versäumt, auf den nationalsozialistischen Propaganda-Film „Germanen gegen Pharaonen“ von 1939 einzugehen. Der Plot ist schnell erzählt: Zuerst stellt ein Ägyptologie-Professor die Sicht der wissenschaftlichen Ägyptologie vor. Dann tritt ein Pseudowissenschaftler auf, der alle die Dinge behauptet, von denen Jason Colavito in diesem Buch schreibt: Sehr interessant! Und schließlich tritt ein Nationalsozialist auf, der beweist, dass die Ägypter ihr Wissen angeblich aus dem Norden von den Germanen hatten. Es ist wirklich sehr schade, dass dieser Film nicht in diesem Buch besprochen wird. Der Film ist auf Youtube frei verfügbar.

Zum Thema Atlantis

Der Umgang von Jason Colavito mit dem Thema Atlantis ist wie immer äußerst mangelhaft. Zugegeben: Das Thema Atlantis ist sehr komplex und Jason Colavito ist nicht der erste, der diese Fehler begeht.

Zunächst wird Atlantis „fabulous“ genannt (S. 23) und es ist von „its wonders“ die Rede (S. 24). Doch Atlantis war nicht „fabulous“ und auch kein Wunderland, sondern fügte sich in den Augen der alten Griechen perfekt in deren damalige Weltsicht ein. An Atlantis war nichts Phantastisches oder Magisches. Jason Colavito unterlässt es auch, die 9000 Jahre von Atlantis mit den 11340 Jahren von Herodots Ägypten in Beziehung zu setzen (S. 23), von denen er kurz zuvor erzählt hatte (S. 11). Doch nur unter diesem Gesichtspunkt versteht man überhaupt, wie man die 9000 Jahre deuten muss. Platon wollte jedenfalls bestimmt nicht auf die letzte Eiszeit verweisen, soviel steht fest.

In der Darstellung Ägyptens bei Platon unterlaufen Jason Colavito zwei schwere Fehler: „Plato attributed the whole story to the Egyptians, claiming it had been written on pillars in an old temple and known only to the wise priests.“ (S. 23) – Beides ist falsch. In Platons Timaios 24a heißt es, dass der Priester zusammen mit Solon „Schriften zur Hand nehmen“ werde (ta grammata labontes), und das kann nur ein Papyrus sein. Die Legende von den Tempelsäulen kam erst später auf, vermutlich mit der Geschichte von Krantor, wie sie von Proklos überliefert wird. – Aber auch die „weisen Priester“ sind falsch. Denn der Priester, der Solon auf Atlantis hinweist, wird als namenloser, alter Priester beschrieben, nicht als „weiser“ Priester. Es handelt sich um einen der vielen Anhaltspunkte, die die Geschichte sehr realistisch wirken lassen. Erst spätere Autoren haben versucht, den Priester als einen namentlich bekannten und berühmten Priestergelehrten darzustellen (Plutarch, Proklos, Clemens von Alexandria, Kosmas Indikopleustes). – Insofern die Entstehung eines falschen Ägyptenbildes das zentrale Thema dieses Buches ist, handelt es sich um zwei schwerwiegende Fehler.

Und es unterläuft Jason Colavito auf derselben Seite gleich noch ein dritter schwerwiegender Fehler, mit dem er sich zusätzlich in einen Selbstwiderspruch verwickelt: Auf der einen Seite wird die Aussage Platons richtig dargestellt, dass die zyklisch auftretenden Flutkatastrophen Ägypten verschonen – auf der anderen Seite wird behauptet, dass in der Atlantisgeschichte von einer Weltflut die Rede sei („its history occurred before the greatest flood of all, the one that destroyed the world.“; S. 23, auch S. 37). Doch das ist falsch. Die Flutkatastrophen in der Atlantisgeschichte sind regionale Katastrophen. Wie bereits richtig gesagt, soll insbesondere Ägypten von diesen Flutkatastrophen jeweils verschont geblieben sein.

Jason Colavito möchte auf eine Gleichsetzung der Flut von Atlantis mit der biblischen Sintflut hinaus, zwischen denen er „extremely close parallels“ (S. 24) sieht, doch das ist falsch. Die Flut von Atlantis ist nicht nur keine Weltflut, sondern es ist auch falsch, dass Zeus am Ende der Atlantisgeschichte die Zerstörung von Atlantis ankündigt, wie Jason Colavito meint (S. 24). Vielmehr wird dort eine Strafe zur Besserung der Atlanter angekündigt, und das kann nicht die Zerstörung sein. Immerhin: Vielleicht wurde die Zerstörung von Atlantis bei einer zweiten Götterversammlung beschlossen. Ebenfalls falsch ist es, wenn Jason Colavito schreibt: „In all of these stories, key elements repeat“, denn neben der Tatsache, dass die Atlantisflut keine Weltflut war, zählt Jason Colavito ein wichtiges Schlüsselelement auf, das in der Altantisgeschichte gar nicht vorkommt: „A small number of people are saved“ (S. 24). In der Atlantisgeschichte gibt es keine Arche Noah, soviel steht fest. – Es gibt also keine „extremely close parallels“ zwischen der Atlantisgeschichte und der biblischen Sintflutsage, sondern mehrere gewichtige Unterschiede.

Völlig irreführend ist es, wenn Jason Colavito von Platons Atlantisgeschichte mit den Worten „Parts of the story can be found in“ zu Apollodoros, Ovid und Lukian überleitet (S. 24). Diese Autoren sprechen nicht von Atlantis. Zudem dürfte mit Apollodoros die Bibliotheca des Pseudo-Apollododors gemeint sein. Denn Apollodoros selbst ist bekannt für eine Aufzählung von damals bekannten unglaubwürdigen Wundergeschichten, in denen die Atlantisgeschichte auffällig fehlt; sie war für ihn offenbar keine unglaubwürdige Wundergeschichte.

Es ist auch falsch, wenn Jason Colavito davon schreibt, dass „later Jewish, Christian, and Islamic commentators, all of whom saw … a reason to associate Atlantis with the antediluvian world that existed before Noah’s flood“. Es ist zwar richtig, dass einige christliche Autoren diese Verbindung irrigerweise gezogen haben (z.B. Clemens von Alexandria, Kosmas Indikopleustes), aber andere christliche Autoren haben sehr wohl erkannt, dass die Flut von Atlantis keine Weltflut war (z.B. Tertullian, Arnobius Afer).

Es kann deshalb auch keine Rede davon sein, dass die Atlantisgeschichte „the blueprint for associating Egypt’s greatest wonders – the pyramids – with Noah’s flood“ war (S. 25). Mir ist kein antiker Text bekannt, in der von Pyramiden in Atlantis die Rede ist. Dieser Gedanke kam erst in der Neuzeit auf, als man die Pyramiden der indianischen Kulturen in Amerika mit den Pyramiden in Ägypten verglich. Es ist zwar richtig, dass die Pyramiden schon in der Antike mit der biblischen Sintflut in Verbindung gebracht wurden, aber die Atlantisgeschichte war dabei nicht im Spiel.

Jason Colavito selbst erwähnt in den folgenden Kapiteln auch nirgends einen solchen Zusammenhang, speziell auch dort nicht, wo er hätte erwähnt werden müssen, wenn es diesen Zusammenhang gegeben hätte, so z.B. bei der Diskussion der „Many Flood Stories“ (S. 29). Auch, dass die Atlantisgeschichte angeblich auf Tempelsäulen geschrieben stand, wird in den folgenden Kapiteln nicht mehr erwähnt, obwohl dort viel von den Mythen die Rede ist, die sich um die Inschriften auf Säulen und Tempelwänden ranken. Es ist fast so, wie wenn Jason Colavito seinen eigenen Behauptungen über Atlantis nicht getraut hätte, so dass er sie in seiner späteren Argumentation lieber wegließ. Die Argumente, die er statt dessen vorlegt, sind auch viel besser und zweifelsohne richtig (z.B. Flavius Josephus S. 32).

Es ist geradezu verwunderlich, dass Jason Colavito erst mit Ignatius Donnelly wieder auf die Verbindung von Atlantis und den Pyramiden zu sprechen kommt. Die Vermutung, dass die ägyptischen Pyramiden mit den Pyramiden der indianischen Kulturen in Amerika über den versunkenen Kontinent Atlantis zusammenhängen, ist deutlich älter. Diese Beobachtung geht mindestens zurück bis Carlos de Sigüenza y Góngora 1680.

Jason Colavito verkürzt zudem die Darstellung von Ignatius Donnelly in einer Weise, die den eigentlichen Sinn verfälscht. Laut Colavito hätte Donnelly geschrieben, „that Atlantis had been populated by White people and Jews, the chosen races of God. ‚Atlantis was the original seat of the Aryan or Indo-European family of nations,‘ he wrote.“ (S. 207 f.) – Doch wenn wir bei Donnelly nachlesen, finden wir etwas ganz anderes. Dort heißt es: „That Atlantis was the original seat of the Aryan or Indo-European family of nations, as well as of the Semitic peoples, and possibly also of the Turanian races.“ (S. 2 Donnelly) Die „Semitic peoples“ umfassen wesentlich mehr als nur die Juden, und die Turanier sind „gelb“. Und von „chosen races“ ist überhaupt nicht die Rede. Lediglich „chosen people“ wird in Bezug auf die Juden an einer ganz anderen Stelle erwähnt (S. 212 Donnelly). Auch die Europäer sind für Donnelly keine reinen Weißen, sondern eine Mischung verschiedener „Farben“ (S. 197 Donnelly). – Natürlich ist das alles aus moderner Perspektive immer noch rassistisch, aber es ist eben keinesfalls dermaßen rassistisch wie es bei Jason Colavito klingt.

Was fehlt

Es wäre sinnvoll gewesen, die alchemische Tradition Ägypens noch mehr in den Blick zu nehmen. Hier wäre es außerdem gut gewesen, wenn die Überlieferungswege, die Peter Kingsley von den Pythagoreern nach Ägypten aufgezeigt hat, analysiert und integriert worden wären (Peter Kingsley, Ancient Philosophy, Mystery, and Magic – Empedocles and Pythagorean Tradition, Clarendon Press, Oxford 1995).

Der Umstand, dass viele Christen die ägyptische Kultur für eine Kultur von Götzenanbetern hielten, die sie deshalb verachteten, hätte näher beleuchtet werden müssen (z.B. Origenes).

Man hätte gerne einen der christlichen Autoren genannt bekommen, die die überproportionalen Darstellungen von Pharaonen und Göttern auf den ägyptischen Tempelwänden als Darstellungen von Riesen deuteten (S. 51).

Man hätte gerne Belege dafür bekommen, dass die Kopten nicht der Meinung waren, dass die Pyramiden die Kornspeicher des Joseph waren (S. 63).

Man hätte gerne mehr Hintergrundinformation zu der anonymen Aussage bekommen: „For every building, I fear the ravages of time, but as for this monument, I fear for time.“ (S. 67) Woher kam diese Aussage? Was ist ihre älteste Erwähnung?

Man hätte gerne mehr über die Verbindung der Freimaurer zur ägyptisierenden Symbolik erfahren.

Man hätte gerne eine Quellenangabe zu der Behauptung, dass Léon Denis mit einem Zitat von Lenormant das Horusgefolge angeblich zu Atlantern erklärte (S. 145). Man findet bei Léon Denis nur ein Zitat von Lenormant, dass die Sphinx älter sei als die Pyramiden. Ich vermute, die Aussage zu den Atlantern ist ein Irrtum, und es ist dieses Zitat gemeint.

Man hätte gerne einen konkreten Beleg für diese Aussage: „The empire imagined for antediluvians and Atlantis was a mythic precedent to the unprecedented imperial expansion of Victorian Europe.“ (S. 213) – Es klingt ja durchaus plausibel, aber einen Beleg für diesen Zusammenhang zu finden, ist schwierig.

Schluss

Wer sich für das Thema interessiert, bekommt mit Jason Colavitos neuem Buch eine überaus reichhaltige Stoffsammlung in die Hand, wie er sie so schnell nicht woanders finden wird. Mit gesunder Skepsis und einem Interesse an eigener Recherche kann man damit viel anfangen. Sehr viel sogar. Wer es gerne übersichtlich und einfach hat, wird allerdings nicht so gut bedient.

An manchen Stellen ist der Autor etwas respektlos gegenüber religiösem Glauben. Sehr zu loben ist hingegen das Kapitel „Afrocentrism and ancient Egypt“, in dem Jason Colavito beschreibt, wie Ägypten als „schwarz“ vereinnahmt wurde. Hier fällt der äußerst heilsame Satz: „… but as with so many correctives, they often tried to make too strong a case for the opposite, reproducing many of the same errors in reverse.“ (S. 210) Außerdem merkt Jason Colavito mit Recht an, dass hinter solchem Denken immer noch ein rassistisches Denken steckt, „a pernicious belief that culture is genetic“ (S. 211). Sehr wahr.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Atlantis-Scout und Amazon (gekürzt, englisch) am 31. August 2021)

Peter Kingsley: Ancient Philosophy, Mystery, and Magic – Empedocles and Pythagorean Tradition (1997)

The flow of magical tradition via the Pythagoreans and Empedocles into Near East

This book is very, very worth reading despite certain shortcomings. It starts with realizing that Empedocles was rather a magician and healer than a teacher and philosopher in our modern, rational understanding. Empedocles was deeply rooted in the Pythagorean tradition with all its partly forgotten mystery and magic, and deeply rooted in the mythologies and geo-mythological circumstances of Sicily and the Phlegraean Fields. Orphic poems (Zopyrus, Philolaus, Archytas) and gold plates are closely related to Pythagoreanism. This bigger picture sheds quite a different light than usually known on the achievements of Empedocles and his role in the development of philosophy.

By deciphering the four gods related by Empedocles to his famous four elements, Kingsley unfolds a rich picture of connections and associations in all directions. The streams of fire and water under the earth of Sicily, and the mythological meanings of „craters“ of all sorts, may well indicate that the gods of fire and water are Hades and Persephone, whereas Zeus corresponds to air and Hera to earth. Both are couples by the way, and Kingsley’s view is indeed more convincing than the traditional interpretation of Hades as air (who can believe this?), and Zeus as fire (because of the sun). From Western Greece, the idea that the hell is a burning fire made its career into the Near Eastern religions. And by „planetarizing“ of the traditional view of certain „layers“ of earth and fire under our feet, Philolaus created under Homeric and Babylonian influence the idea of a central fire, thus deviating from geocentrism. Philolaus‘ view became lost again in some later Pythagorean thinkers, and Plato.

As Kingsley demonstrates, Plato has taken over certain Pythagorean and / or Orphic myths and presented them in the framework of his own philosophy. The Phaidon myth reflects quite obviously the geomythology of Sicily and the Phlegraean Fields. Plato did not just invent his myths, as many believe today, and informed his readers correctly about his sources. Plato and Aristotle are depicted as the „protestants of Pythagoreanism“, i.e. skeptic and rational. Even only to get a better understanding of Plato and his context makes this book worth reading.

Via Hellenistic Egypt, the ideas of Empedocles found their way into Near Eastern mythology in form of magical, hermetical, and alchemical texts, and finally made their way into Islamic philosophy and Sufism. It is true that Islamic philosophy sees magical aspects of Empedocles which have been forgotten or misunderstood by the rational Aristotelean tradition in the West, and it is nicely demonstrated how a thin line of Western thinkers reconstructed this lost tradition by contact to the East.

What is more, some Sicilian and Pythagorean ideas came originally from Babylon and were transported by Greek colonists from Anatolia settling in Western Greece. And Pythagoras allegedly studied in Egypt. Also the use of gold plates came from Egyptian traditions, with the Carthaginians, as Kingsley claims. And behind all, there are traces to Asiatic shamanism.

This is only a short outlook on few of the many details and insights this book offers to its readers. The number of substantial and evidence-based statements is high, as well as the number of valuable stimuli, from which you could start research in many directions. You really delve into the atmosphere of the mysterious world of Empedocles and the Pythagoreans in Western Greece, and start to create a first understanding of a lot of connections in the history of ideas of which you even did not know that they could exist.

Criticism

You cannot buy everything what Kingsley writes. Clearly, Kingsley has a point, more than only one point. He is clearly more right than wrong. Especially in the field of Empedocles, Sicily, the Pythagoreans, and their time. The more he steps into the world of magic and away from Sicily, the more speculative and intransparent the picture becomes. But if only 50% of Kingsley’s claims will survive the scrutiny, it will nevertheless be a great book. So, read it!

After realising, that Pythagoreanism is no unique dogmatic teaching, it becomes a big problem where to draw the line between a „real“ Pythagorean, and someone who is only „influenced“ by Pythagoreanism, and by related mystery movements such as Orphism, gold plates, Heraclean cults, hermetism, alchemism, etc. Kingsley demonstrates the problem but does not present a solution. The lines are often too blurred.

Kingsley does not only describe a magical world view but also seems to have a tendency to side with it against rationality. This is not acceptable. It is true that Empedocles was no „pure“ philosopher, or not a „rational philosopher“ at all in his own eyes, yet it is wrong to deny a process of rationalization. It is not necessary that Empedocles as a link in the chain of rationalization was aware of being such a link. Despite the author’s dissent, there was indeed an evolution of rationality. It is natural, that when rationality starts its way in a world of myth, it overcomes myth only step by step, and still works with myth, in an eternal process of progress. Even today, our thought is not fully free from myth, and it never can be. Of course, the boundaries of myth have been pushed far to the horizon, in our days, but myth is still there.

And it was good that this evolution of rationality happened. Progress in rationality is indeed progress. We clearly have to make this value judgement. Therefore, it was no progress and not good that after Plato and Aristotle Neoplatonists and irrational „thinkers“ like Numenius took over. It does not help that Neoplatonists had a better understanding of some aspects of Empedocles than Aristotle had, and that they partially got this knowledge from a line of tradition parallel to the known rational tradition. One and the same semi-rational attitude means progress when rationality is on the rise, and regression when rationality is stepping back. Although Empedocles may have been equally semi-rational as was Numenius, it is not the same, and Numenius‘ antics were not good.

That late Pythagoreans, Plato, and Aristotle rationalized ancient myths in a wrong way is not the fault of rationality, as Kingsley repeatedly claims, but of a lack of information. Kingsley’s book itself is an example how you can depict things better in a rational way. Plato and Aristotle do not have to step aside with their rationality.

Strange enough, Kingsley, who accuses Plato and Aristotle of having misinterpreted Empedocles because of their rationality, himself misinterprets Plato, obviously because he is at odds with rationality: It is clearly wrong that the line between logos and mythos is blurred in Plato’s dialogues. Contrary to this erroneous opinion, held by many contemporary scholars, logos and mythos are very sharply separated in Plato’s works. They are combined but never mixed. And how can Kingsley who clearly realized that Plato did not just invent his myths, draw an analogy of the creator of the universe and Plato as the creator of myths, and cite Luc Brisson? It would have been helpful to outline the difference between mythos and myth, but Kingsly does not discuss this basic problem. Furthermore, it does not help that Kingsley sees irony everywhere in Plato’s works where there is none. So many mistakes in interpreting Plato are built upon the „feeling“ of irony. Kingsley really could have done better. Does Kingsley have a pathological strive for the irrational? In these passages about Plato’s myths, Kingsley’s book is a superfluous repetition of academic postmodern commonplace errors.

Furthermore, the author is too skeptical towards established science. Of course, academics have made and still make many things wrong. But they are more open for alternative ideas than many think. The author should have tried to build some golden bridges to come together. But maybe the stubborness of established academia is felt more deeply if you depend on it to make a living?

Partly, the style of writing as a story of discovery became boring after a while. A more straightforward and ordered presentation of the material sometimes would have been more helpful. But in any case, you have to make your own notes when reading such a book. Do not read this book without!

Finally, I clearly do not like the bad image of Cicero depicted by Kingsley. Plato, Aristotle, and Cicero have to be praised in the first place, whereas the irrational radicalism of „thinkers“ such as Numenius has to be put under scrutiny.

Bewertung: 4 von 5 Punkten.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. November 2017)

Nagib Machfus: Die Reise des Ibn Fattuma (1983)

Große Literatur für die Reform von Islam und islamischer Welt

Der ägyptische Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus spielt in seiner kurzen Parabel „Die Reise des Ibn Fattuma“ von 1983 verschiedenste Gesellschaftsmodelle, Religionen, Weltanschauungen und nicht zuletzt Lebensarten und Reformen des Islam durch.

Dies geschieht anhand einer Reise des Ibn Fattuma durch verschiedene Länder namens „Maschrik-Land“, „Haira-Land“, „Halba-Land“, „Aman-Land“, „Ghurub-Land“ und „Gabal-Land“. Diese Länder haben unterschiedliche Gesellschaftsformen, in denen Ibn Fattuma sich jeweils für eine Weile einlebt und anpasst – oder auch nicht. Es handelt sich natürlich um Phantasieländer, doch repräsentieren sie u.a. die orientalische Despotie, die westliche Welt und den Kommunismus. Der Reisende selbst kommt aus dem „Land des Islam“ und vergleicht ständig seine Heimat mit den Sitten und Gebräuchen der besuchten Länder.

In einer wunderschönen, erzählerischen Sprache weitet Nagib Machfus auf diese Weise den Horizont seiner Leser. Sie werden dabei kaum in ihren Urteilen bevormundet. Vielmehr bleibt viel Raum für eigenes Urteilen und Nachdenken.

Eine bemerkenswert reformierte Version des Islam zeichnet Nagib Machfus für das „Halba-Land“, das die westliche Welt repräsentiert: Die Muslime leben individuell, muslimische Frauen sind gleichberechtigt, und die Muslime fügen sich in freiheitlicher Überzeugung in die Gesellschaft ein. Ibn Fattuma kommt das sehr fremd vor, doch er lebt sich ein.

Perfekt ist hingegen keine der gezeichneten Gesellschaften. Am Ende der Reise steht das große Ziel, das ideale „Gabal-Land“, das Land meditativer Einsicht; von dort ist noch nie ein Reisender zurück gekommen.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 2011)

Christopher de Bellaigue: The Islamic Enlightenment – The Modern Struggle Between Faith and Reason (2017)

Modernisierungsgeschichte der islamischen Welt – Wichtig zum Verständnis der Verhältnisse

Christopher de Bellaigue hat mit „The Islamic Enlightenment“ (deutscher Titel: „Die Islamische Aufklärung“) einen äußerst wertvollen Beitrag zum Verständnis der islamischen Welt geliefert. Im Westen denkt man über die islamische Welt oft, dass sich dort in 1400 Jahren nichts verändert hätte. Und auch nichts verändern könne. Weil dass der Islam nicht zulasse, der seinerseits seit 1400 Jahren unverändert sei. Doch das alles ist falsch. Dieses Buch zeigt die dramatische Modernisierungsgeschichte des Nahen Ostens an den Beispielen Ägypten, Türkei und Iran.

Diese Modernisierungsgeschichte beginnt im Jahr 1798 mit dem Einmarsch Napoleons in Ägypten und dessen Sieg über die Mameluken in der Schlacht bei den Pyramiden. In diesem Moment wurde den Menschen in der islamischen Welt schlaglichtartig klar, dass sie den Europäern hoffnungslos unterlegen sind und dass sie Europa in der kulturellen Entwicklung um Jahrhunderte hinterher hinken. Symbolisch steht dafür die Druckerpresse, die um 1450 in Europa erfunden wurde und zu einer fortwährenden geistigen Revolution geführt hatte – in der islamischen Welt war die Druckerpresse aufgrund einer religiösen Fatwa bis ins 19. Jahrhundert hinein verboten.

Der Beginn der Modernisierung

Die treibende Kraft hinter der Modernisierung war am Anfang die Notwendigkeit, sich gegen moderne europäische Armeen verteidigen zu können. Denn so wie Ägypten gegen Napoleon, so hatten auch das Osmanische Reich und der Iran in dieser Zeit schmerzhafte Niederlagen gegen Russland einzustecken.

Überall begann die Modernisierung mit der rigorosen Beseitigung konservativer Kräfte. In Ägypten war die bis dahin herrschende Schicht der Mameluken bereits durch Napoleons Sieg in der Schlacht bei den Pyramiden buchstäblich vernichtet worden. Der neue Herrscher Ägyptens, Muhammad Ali Pascha (regierte 1805-1848), führte zudem eine großflächige Enteigung von Land durch, wodurch er die Machtbasis des islamischen Klerus beseitigte. Von Klerikern angeführte Rebellionen wurden niedergeschlagen. (S. 23) – Im Osmanischen Reich blockierten die Janitscharen jede Reform, woraufhin Sultan Mahmud II. (regierte 1808-1839) im Jahr 1826 die Janitscharen zu tausenden massakrieren ließ und auf diese Weise die große Tradition der Janitscharen zu einem Ende brachte. (S. 59)

In allen drei Regionen – Ägypten, Türkei und Iran – spielte die Aussendung von jungen Gelehrten und Studenten in westliche Länder eine große Rolle im Modernisierungsprozess. Von Bedeutung waren insbesondere deren Reiseberichte aus Europa, die in tausend Einzelheiten die Unterschiede zwischen West und Ost beschrieben, und die von zahllosen Lesern verschlungen wurden und so moderne Gedanken weit verbreiteten. In Ägypten war dies insbesondere Rifaa al-Tahtawi, der fünf Jahre in Paris verbrachte. (S. 34-36) Aus dem Iran kam Mirza Saleh Schirazi nach England. (S. 118-125) Die Reisenden lernten aber auch Medizin und Technik, die sie nach ihrer Rückkehr in ihren Heimatländern zu implementieren begannen, unterstützt von den Kontakten zu westlichen Gelehrten, die sie geknüpft hatten.

Eindrücklich werden die Verhältnisse beschrieben, bei denen die Reformen beginnen mussten. So verursachten die hygienischen Verhältnisse regelmäßige Seuchen. Der religiöse Fatalismus, der das Treffen von Vorsorge verhinderte, muss weit verbreitet gewesen sein. (S. 65 ff.) Frauen waren verschleiert und vegetierten ohne jede Ausbildung in ihren Harems dahin. (S. 175 ff.) Entsprechend war Homosexualität unter Männern extrem weit verbreitet, offenbar als eine Folge der Schwierigkeit, an Frauen heranzukommen. (S. 195 ff.) Auch die Sklaverei existierte noch, allerdings in teilweise milderer Form, als manche meinen, insofern der Islam die Freilassung von Sklaven motiviert. (S. 188 ff.)

Einzelne Modernisierungen

In rasendem Tempo wurde alles eingeführt, was man für nützlich hielt und sich von Europa abschaute, darunter Militär- und Ingenieurschulen, die Druckerpresse, Dampfschiffe, Industrie, Hygienemaßnahmen, Wasserbauten, nicht zuletzt der Bau des Suez-Kanals 1859-69. Sultan Mahmud II. brachte auch preußische Militärberater nach Istanbul, u.a. Helmut von Moltke. (S. 61) Ibrahim Schinasi publizierte 1860 die erste unabhängige Zeitung im Osmanischen Reich und trug durch seine Artikel maßgeblich zur Formung der modernen türkischen Sprache bei. (S. 77) In Ägypten startete Tahtawi eine große Übersetzungsbewegung, die westliches Schrifttum verfügbar machte. Zugleich erwachte das Bewusstsein für die ägyptischen Altertümer, deren Abtransport ins Ausland von nun an erschwert wurde. Man begann, ein eigenes ägyptisches Museum einzurichten. (S. 43)

Um 1830 wurde das Millet-System abgeschafft, das jeder Religion ihr eigenes Recht zugesprochen hatte, so dass alle Bürger des Osmanischen Reiches zu gleichberechtigten Staatsbürgern wurden. (S. 69 ff.) Im Jahr 1843 wurde auch der Wechsel der Religion offiziell erlaubt. (S. 72) Die praktische Durchsetzung dieses Erlasses steht auf einem anderen Blatt. Die Sklaverei wurde abgeschafft, spät, aber noch vor den USA. (S. 188 ff.) In Tunis musste sich der Konsul der USA über die Vorzüge der Abschaffung der Sklaverei belehren lassen. (S. 191 f.) Schließlich wurden Verfassungen erlassen, die mal mehr, mal weniger demokratisch waren. (S. 103) Teilweise hatte sich das Volk diese Freiheiten auch selbst erkämpft, so z.B. im Urabi-Aufstand in Ägypten um 1880 oder in der „Konstitutionellen Revolution“ des Iran von 1905/06, wo die Geistlichen – ja! – das Volk unterstützten und ein Geist der Freiheit im Volk zu herrschen begann, der beeindruckend ist. (S. 210-213, 237 ff.)

Es bildeten sich politische Parteien, in der Türkei z.B. 1907 das Komitee für Einheit und Fortschritt, in dem die fortschrittlichen „Jungtürken“ den Ton angaben, oder 1908/09 die „Gesellschaft Mohammeds“ der konservativen Gegenkräfte (S. 261-268) Mit Ziya Gökalp (1876-1924) entstand der türkische Nationalismus im Gegensatz zum imperialen Gedanken des Osmanischen Reiches, das viele Völker unter einer autoritären Herrschaft umfasst hatte.

In Ägypten wurden Frauen zu Geburtshelferinnen ausgebildet. 1901 wurden die ersten Mädchen zur höheren Bildung nach Europa geschickt. Frauenzeitschriften verbreiteten sich. Um 1900 beginnt die Debatte um die Verschleierung der Frau, die damals noch allgemein verbreitet war. (S. 183 ff.) 1899 erschien das einflussreiche Buch „Die Befreiung der Frau“ des Ägypters Qasim Amin. (S. 185 f.) Europäische Moden und Umgangsformen hielten Einzug. Der Umgang zwischen den Geschlechtern veränderte sich. Es wurden auch neue Worte eingeführt, um die neuen Verhältnisse abzubilden, z.B. „familiya“. (S. 169 f.) Und es entstand eine Romankultur, die sich an der europäischen Romankultur orientierte. In diesen Romanen wurden die neuen Verhältnisse gespiegelt und gesellschaftliche Konflikte verhandelt. Bekannte Autoren waren der Libanese Ahmad Faris al-Shidyaq oder Ahmet Midhat Efendi. (S. 167-172)

Optimismus zur Reform des Islam

Die Modernisierung wurde teilweise mit despotischer Gewalt durchgesetzt, auch gegen Religionsgelehrte (S. 23). Teilweise wurden die islamischen Religionsgelehrten aber auch mit Zuckerbrot und Peitsche dazu gebracht, ihre Zustimmung zu geben. Es gab aber auch islamische Gelehrte, die als Modernisierer wirkten, so z.B. der spätere Großimam der Al-Azhar Universität in Kairo Hassan al-Attar, oder im Osmanischen Reich Sanizadeh Ataulla: Sie führten das Sezieren von Leichen für medizinische Zwecke ein, indem sie die Studenten schrittweise daran gewöhnten. (S. 30 f., 62-64) Zuguterletzt geschah es auch häufig, dass die islamischen Religionsgelehrten ihre Zustimmung zu einer Maßnahme im Nachhinein gaben, nachdem für alle zu sehen war, welchen Nutzen die Maßnahme hatte. (S. 67)

Generell herrschte bei führenden Intellektuellen das ganze 19. Jahrhundert hindurch ein großer Optimismus vor, dass Moderne und Islam miteinander vereinbar wären. So z.B. bei Hassan al-Attar (1766-1835), der auch Großimam der Al-Azhar Universität in Kairo wurde. (S. 26 ff.) – Oder bei Rifaa al-Tahtawi (1801-1873), der an vielen Stellen als Reformer wirkte, vor allem als Übersetzer: Er meinte, dass sich der Islam, anders als das Christentum, leicht mit der Moderne vereinbaren lassen würde, weil der Islam so rational sei. Tahtawi übersetzte u.a. auch das Buch „Principes du droit naturel“ des Schweizer Philosophen Jean-Jacques Burlamaqui (1694-1748), demzufolge Gott hinter den natürlichen Gesetzen steht. (S. 38-46) Tahtawi plante auch die Ausbildung von Mädchen, kam aber zu seiner Zeit nicht mehr dazu. – Optimismus sehen wir auch bei Namik Kemal (1840-1888), einem Schriftsteller, der nach Paris und London reiste. Kemal sah keinen Grund, warum Moderne und Scharia nicht vereinbar sein sollten. Die Scharia bestand für ihn als gebildeten Menschen natürlich nicht aus einer Sammlung überlieferter Detailregeln, sondern repräsentierte das abstrakte Gute.

Fortschritt trotz Rückschlägen

Das ganze 19. Jahrhundert hindurch gab es ein ständiges hü und hott der Modernisierung: Mal ging es voran, dann stockte der Prozess wieder. Manchmal ging es auch rückwärts. Aber aufs Ganze gesehen ging es doch stetig voran, und alle Rückschläge waren nur temporär. Es kam dabei auf den jeweiligen Herrscher an, ob er sich für Modernisierung einsetzte oder lieber auf die Jagd ging. Und es kam auf die außenpolitische Konstellation der Kolonialmächte an: Mal wurde die Modernisierung als nützlich empfunden, mal wurde sie unterbunden. Und mal paktierte der Herrscher mit den Konservativen, um ein Ziel zu erreichen, mal konnte er ohne sie regieren.

Christopher de Bellaigue diagnostiziert: „Islam did not show any more opposition to modernisation than Judaeo-Christian culture had done to its earlier iteration in the West.“ (S. xxv) Das kann man auch gut an der Reaktion des ägyptischen Religionsgelehrten Abd ar-Rahman al-Dschabarti (ca. 1753-1825) ablesen, von dem uns ein Bericht über die Franzosen in Ägypten erhalten ist. Seine Argumente gegen die Modernisierung gleichen aufs Haar den Argumenten, die katholische Priester gegen die Veränderungen der französischen Revolution vorbrachten: Wie könne es sein, so fragt er z.B., dass die Menschen gleich sind, wo Gott doch bestimmte Menschen zum Herrschen ausersehen hat? (S. 5-13) Hundert Jahre nach al-Dschabarti stellte niemand mehr diese Frage, auch Islamisten nicht.

Obwohl die europäischen Kolonialmächte hie und da übergriffig wurden – z.B. durch eine nicht unabsichtlich herbeigeführte Überschuldung der islamischen Staaten mit nachfolgender Abhängigkeit, oder indem die Briten Ägypten nach dem Urabi-Aufstand besetzten, um sich den Suez-Kanal zu sichern – blieb der Westen vorläufig dennoch das unangefochtene Vorbild für Modernisierung. (S. 159 f.) 1869 hatte der ägyptische Khedive Ismail Pascha den Suez-Kanals mit einer großen Show feierlich eröffnet, für die Giuseppe Verdi (angeblich) die Oper Aida komponierte, und 1878 erklärte er, dass Ägypten nicht länger in Afrika liege, sondern zu Europa gehöre. (S. 51) Tatsächlich hatte Ägypten in dem Wettlauf um Modernisierung lange Zeit die Nase vorn, noch vor der Türkei.

Dennoch begann eine langsame Umorientierung gegen Europa als Vorbild. So rückte z.B. Japan immer mehr als Vorbild in den Blick als Beispiel einer Nation, die sich modernisierte, ohne ihre Kultur aufzugeben. Als die Kolonialmacht Russland 1905 ihre Flotte gegen Japan verlor, erregte das große Freude im Nahen Osten. (S. 231 f.)

Der große Anlauf zur Reform des Islam

Die Modernisierungen des 19. Jahrhunderts waren zuerst weltlich motiviert. Dennoch betrafen sie in vielerlei Hinsicht auch den Islam. Doch zunächst blieb alles Denken in bezug auf den Islam nur Stückwerk, wenn auch viel Optimismus vorhanden war. Wie immer in der Geschichte, folgt die Modernisierung der Religion als der letzte Schritt am Ende von gesellschaftlichen Reformen. So auch hier. Der große Anlauf zur Reform des Islam selbst lässt sich an den folgenden Namen festmachen, mit denen die „kritische Masse“ für einen Durchbruch der Reformen erreicht war.

Dschamal ad-Din al-Afghani (1838-1897): Dschamal ad-Din wuchs im Iran auf, wo er in den Seminaren des Schia-Islams auch Philosophie lernte. Dann ging er nach Ägypten und lehrte an der Al-Azhar Universität.

Dschamal ad-Din entwickelte praktisch alle Grundlagen und Voraussetzungen für eine Reform des Islam. Er erneuerte das Wissen um den islamischen Rationalismus (Mutazila), bezog auch die menschliche Geschichte und ihre Errungenschaften vor Mohammed in sein Denken ein, und machte die Sunniten mit der neuplatonischen Philosophie bekannt. Dschamal ad-Din lehrte, dass Glück aus Vernunft und Einsicht rührt, und forderte Weltzugewandtheit, nicht Weltabgewandtheit. Seine Kritiker beklagten: „(his) interest in philosophy, his advocacy of certain Mutazilite principles, his prohibition of traditional interpretation, his call for the study of modern sciences, his preference for the science of the Franks.“

Dschamal ad-Din förderte ein pan-islamisches Bewusstsein der Muslime, für das er unermüdlich durch die islamische Welt reiste und eine vielgelesene Zeitschrift publizierte, wandte sich gegen den Einfluss der europäischen Kolonialmächte, und soll auch an einem Attentat auf den Schah von Persien beteiligt gewesen sein. Dschamal ad-Din gilt damit als der Vater des politischen Islams. Allerdings wollte Dschamal ad-Din einen modernisierten Islam als politischen Islam, keinen rückwärtsgewandten Islam. (S. 203-208, 217-219, 228-230)

Muhammad Abduh (1849-1905): Abduh war ein Anhänger von Dschamal ad-Din al-Afghani und gilt als der Gipfelpunkt der damaligen Reformbewegung. Er lehrte in Ägypten und wurde 1899 zum Großmufti von Ägypten ernannt (nicht zu verwechseln mit dem Großimam der Al-Azhar Universität). Als Großmufti setzte er Reformen in der Al-Azhar Universität durch. Sein Hauptwerk erschien 1897 unter dem Titel „Die Theologie der Einheit“ und wurde in der ganzen islamischen Welt rezipiert.

Abduh sah die Rationalität bestens in der islamischen Religion begründet und bedauerte, dass so viel Obskurantismus im Namen des Islams entstanden war. Er wandte sich gegen das Prinzip der bloßen Nachahmung (Taqlid) und für das Prinzip der individuellen Entscheidung mithilfe der Vernunft auf Grundlage der islamischen Quellen (Idschtihad). Wie die Mutaziliten hielt Abduh den Koran für geschaffen und damit offen für die Interpretation nach den Umständen. Der Koran als geschaffenes Werk könnte sogar Fehler enthalten, die von Menschen in ihn hineingetragen wurden. Abduh sprach sich für die Evolutionslehre aus, gegen die Mehrehe, und gegen eine Vorsehungslehre, die die Eigeninitiative lähmt. Auch Zinsen sah er nicht als Problem, weil das Gemeinwohl oberste Richtschnur sei.

Die ersten Muslime, die Salafs (Vorfahren), waren für Abduh maßgebend – aber nicht im Sinne einer blinden Nachahmung, wie heutige (Pseudo-)Salafisten das verstehen, sondern im gegenteiligen Sinne: Denn aus dem Koranvers, dass die Juden den Islam deshalb ablehnten, weil sie an der Lehre ihrer Vorväter festhielten, leitete Abduh folgerichtig ab, dass das blinde Festhalten an der Lehre der Vorväter nicht richtig sein kann und auch nicht dem Verhalten der Salafs entsprach, die von der Lehre ihrer Vorväter abwichen und sich für den Islam öffneten.

Abduh war umfassend gebildet. Er las Goethe und Schiller auf Französisch, außerdem den damals vorherrschenden Philosophen Herbert Spencer (1820-1903), der die Evolutionslehre erstmals auf die gesellschaftliche Entwicklung anwendete. Er zitierte aber auch aus der Korrespondenz von Kaiser Friedrich II. mit dem andalusischen Gelehrten Ibn Sabin (ca. 1217-1271). Abduh hatte eine freundliche Stimme und Erscheinung, die ihm ein Charisma verliehen, mit dem er seine Zuhörer faszinierte. – Muhammad Abduh wurde allerdings von der britischen Kolonialmacht, speziell von Lord Cromer, dem britischen Gouverneur in Ägypten, protegiert. Das brachte ihm Anfeindungen ein und war ein Hinderungsgrund für das weitere Wirksamwerden seine Reformideen. (S. 280-288)

Qasim Amin (1863-1908): Ein ägyptischer Schüler von Abduh. Wie wir oben schon sahen, verfasste Amin 1899 das einflussreiche Buch „Die Befreiung der Frau“ (S. 185 f.)

Raschid Rida (1865-1935): Ein libanesischer Schüler Abduhs, der dessen Reformtheologie weiterführte. Raschid Rida plädierte für eine Überwindung der Trennung der Muslime nach Rechtsschulen, und für ein Verständnis von Dschihad nur als Verteidigungskampf. Raschid Rida wollte außerdem die Tötung von Apostaten weitgehend einschränken, indem er sie nur noch für Fälle von offensivem Glaubensabfall vorsah. (S. 284)

Ali Abdel Razeq (1887/8-1966): Ein ägyptischer Schüler Abduhs, der als Vater des islamischen Säkularismus gilt. In seinem Buch „Das Kalifat und die Souveränität der Nation“ sprach er sich für eine klare Trennung von Staat und Religion aus. Außerdem betonte er, dass der Prophet Mohammed eben nur das war: ein Prophet, während seine weltliche Herrschaft rein weltlich war. Deshalb sollte man eine weltliche Gesetzgebung für eine weltliche Herrschaft nicht in der Offenbarung des Islam suchen. (S. 294)

Taha Hussain (1889-1973): Ein ägyptischer Schüler von Abduh. Einerseits der bedeutendste arabische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Andererseits der Begründer einer skeptischen Geschichtsschreibung des Islams. Taha Hussain betrachtete den Koran erstmals als ein literarisches Werk und forderte eine kritische Betrachtung überlieferter Texte. 1950-52 war er Erziehungsminister in Ägypten. (S. 294)

Jäher Abbruch der religiösen Reformen

Doch leider kam es nicht zum Durchbruch des religiösen Reformdenkens. Vielmehr wurde das religiöse Reformdenken mit dem Ersten Weltkrieg buchstäblich abgewürgt. Dafür sind im Wesentlichen zwei Gründe verantwortlich:

Zum einen war die Übergriffigkeit der europäischen Kolonialmächte mit dem Ersten Weltkrieg zu groß geworden, um keine negative Reaktion hervorzurufen. Der ganze Nahe Osten – außer der Türkei, die Atatürk erfolgreich verteidigte – wurde von Briten und Franzosen besetzt. Grenzen wurden willkürlich gezogen und Regierungen nach Belieben ein- oder abgesetzt. Es kam zu Massakern und Bombardierungen. Auch die sich anbahnende Gründung Israels wurde als Willkür der Kolonialmächte gedeutet, auch wenn dieses Ereignis damals nicht im Zentrum stand. – Man hatte im Nahen Osten ganz wie in Deutschland auf die 14 Punkte des US-Präsidenten Woodrow Wilson gehofft, und ganz wie in Deutschland war man auch im Nahen Osten schmerzlich enttäuscht, als Woodrow Wilson sich nach der Beendigung des Ersten Weltkrieges einfach wieder zurückzog. (S. 297) Den neuen Völkerbund verstand man nur noch als verlängerten Arm der Kolonialmächte.

Das alles war zuviel. Das Pendel der Sympathie schlug nun gegen Europa und den Westen aus, und damit taugte der Westen auch nicht mehr als Vorbild für weitere Reformen. Ob Liberalismus, Rationalismus oder Demokratie: Alles trug nun den Makel der kolonialen Übergriffigkeit an sich.

Der andere Grund war, dass die Eliten in Nahost oft keinen Reformislam anstrebten, sondern ihre Verbindung zur Religion gleich ganz kappten. Man las damals Darwin, Haeckel, Schopenhauer, Poincaré oder Herbert Spencer, spekulierte über die Seele als mechanischen Apparat und lancierte Polemiken gegen den Klerus. Von türkischen Medizinstudenten ist überliefert, dass sie Atheisten waren und das Buch „L’homme machine“ von d’Holbach wie den Koran als heiliges Buch aufgeschlagen im Zimmer stehen hatten. (S. 74 f., 276-279)

In der Türkei und im Iran wurden die Reformen nach dem Ersten Weltkrieg deshalb von Kemal Atatürk und Reza Schah ohne die Religion und gegen die Religion fortgesetzt. An einer Islamreform bestand schlicht kein Interesse, es gab auch kein Verständnis für die Notwendigkeit einer solchen Reform. Religion wurde beiseitegeschoben, unterdrückt und nur in einer streng reglementierten Form zugelassen. Das kam eher einer Kastration als einer Reform der Religion gleich. Auch in Ägypten feierten die Eliten in Kairo und Alexandria hemmungslose Parties, ohne sich um die Armut der religiösen Landbevölkerung zu kümmern. (S. 301-306)

Der Islamismus als Reaktion

Diese Zustände führten zur Herausbildung des Islamismus in Gestalt der „Muslimbrüder“, die von den beiden ägyptischen Lehrern Hassan al-Banna und Sayyid Qutb gegründet und geprägt wurden. Der Islamismus wurde von zwei Motiven getrieben: Man wollte die eigene Kultur und Freiheit gegen die Übergriffigkeit der Kolonialmächte verteidigen. Zu dieser Kultur gehörte der Islam fest dazu. (S. 306 ff.) Und man wollte gegen soziale Ungerechtigkeit vorgehen. (S. 309, 317) Kurz: Der Islamismus entstand praktisch als Aufstand der vergessenen kleinen Leute gegen eine Elite, die sich geistig völlig von ihren eigenen kulturellen Wurzeln entfernt hatte.

Diese durchaus verständlichen Motive wurden leider ins Extrem gezogen, so dass eine Karikatur von Islam entstand. Der Islamismus ist nicht einfach eine Rückkehr zum traditionalistischen Islam, sondern stellt einen höchst seltsamen Synkretismus von traditionellen und modernen Ideen und Vorstellungen dar:

  • Getragen wird der Islamismus von Laien-Brüdern. Es ist also kein Islam der Religionsgelehrten, wie es früher einmal war. Zwar schlossen sich auch manche Religionsgelehrte dem Islamismus an, doch waren sie nicht die treibende Kraft.
  • Die islamistische Deutung des Islam ist denkbar oberflächlich und allzu wörtlich, wie man es von Laien erwarten kann. Dieser Islam hat sämtliche Denktraditionen des Islams abgeschnitten, sei es Mystik oder Rationalismus, und auch von der traditionellen Rezeption der antiken Philosophie ist nichts mehr übrig geblieben. Manchmal hat man das Gefühl, die islamistische Deutung des Islam orientiert sich an der Deutung westlicher Islamhasser: Wie wenn man aus Trotz die schwarzgemalte Islamdeutung der Islamhasser bestätigen wollte.
  • Die karitative Tätigkeit und Gemeinschaftsbildung der Muslimbrüder ist ebenfalls nicht traditionell islamisch, sondern ist natürlich durch den oben beschriebenen sozialen Konflikt motiviert. In der Praxis haben sich die Muslimbrüder eine Menge von der karitativen Tätigkeit der christlichen Missionaren abgeschaut, die damals in Ägypten tätig waren.
  • Kennzeichnend für den Islamismus ist auch ein übersteigerter Hass auf die Juden, den es in dieser Form – bei allen Problemen – im traditionellen Islam nicht gegeben hatte. (Dieser Punkt bleibt in diesem Buch allerdings unerwähnt.)
  • Weil man sich vom Westen nichts sagen lassen wollte, wurde großspurig behauptet, dass sich alle Gesetze für einen guten Staat in der islamischen Überlieferung finden würden, was natürlich genauso unsinnig ist, wie wenn man dasselbe über die Bibel behaupten würde.
  • Trotz allem finden sich zahllose moderne, „westliche“ Elemente im Islamismus. Allerdings auf eine völlig verklemmte Weise, was anzeigt, dass der Islamismus mit sich selbst nicht im Reinen ist: Irgendwie möchte man doch demokratisch sein und ein Parlament haben, nur soll die Scharia Vorrang haben. Wobei im Einzelnen völlig unklar bleibt und der reinen Willkür unterliegt, was man unter Scharia verstehen will. Frauen sollen irgendwie gleichberechtigt sein, aber doch nicht ganz, und bitte nur mit Kopftuch. Die westliche Technik übernimmt man gerne, aber die westliche Wissenschaftsfreiheit möchte man nicht haben. Und auch die Idee der Nation hat man übernommen, wobei man zugleich pan-islamisch sein möchte, was aber nie so richtig funktioniert hat. (Vgl. S. 330, 344 f.)

Christopher de Bellaigue schreibt, dass die Muslimbrüder sich heute etwas gemäßigt hätten. So würden sie heute z.B. den „Takfirismus“ ablehnen. Unter takfir versteht man die Erklärung eines Muslims zum Apostaten, was die Erlaubnis, diesen zu töten, zur Folge hat. (S. 328)

In Ägypten kam Präsident Nasser 1952 mithilfe der Muslimbrüder an die Macht. Zwei Jahre später bootete er die Muslimbrüder aus, was zu deren Radikalisierung beitrug. (S. 323)

Im Iran soll es der Schah mit der Unterdrückung der Religion und der radikalen Verwestlichung der Kultur völlig übertrieben haben. Damals sollen 25.000 Amerikaner im Iran gewesen sein, um alle Bereiche der Gesellschaft nach westlichem Muster umzugestalten, so dass nichts mehr von der angestammten Kultur übrig blieb, nicht einmal in der Architektur. (S. 332 f., 342)

Das rief die Kritik von Intellektuellen hervor: Dschalal Al-e Ahmad (1923-1969) schrieb das berühmte Buch „Gharbzadegi“, dessen Titel man mit „Westvergiftung“ übersetzen könnte. Darin wird eine nostalgische Kritik an der Moderne geübt, die naiv und undifferenziert ist, wie wenn früher alles besser gewesen wäre: Solches kennt man auch aus dem Westen. Und wie so oft war auch hier der Autor solcher Ideen selbst ein durchaus moderner Mensch. (S. 334 ff.) – Ali Schariati (1933-1977) hatte an der Universität in Paris den westlichen Antikolonialismus kennengelernt, den er nun mit dem Schia-Islam verband: Islam wolle, so meinte er, eine freie und klassenlose Gesellschaft. Das Volk erinnere sich nicht an die große Zeit des Perserreiches, die der Schah beschwor, sondern nur an den Schia-Islam. Diesen stellte sich Ali Schariati aber – verrückt! – ohne Klerus vor. (S. 342 ff.)

Als es zu ökonomischen Verwerfungen und schlussendlich zur Revolution im Iran kam, bootete Khomeini alle anderen Kritiker des Schah-Regimes aus und errichtete einen klerikalen Staat, den es in dieser Form noch nie zuvor in der Geschichte des Islams gegeben hatte. Doch obwohl die Religionsgelehrten im Iran eine große Rolle bei der Herausbildung des iranischen Islamismus gespielt hatten, sind auch die schiitischen Religionsgelehrten in ihrer Haltung zum Islamismus gespalten. Khomeini war übrigens auch nicht der höchste schiitische Geistliche. Der höchste schiitische Geistliche Ali as-Sistani (1930-) residiert in Nadschaf im Irak, der Stadt mit dem höchsten schiitischen Heiligtum, und lehnt die Idee eines Gottesstaates ab.

Abschluss: Das große Wendejahr 1979

Für Christopher de Bellaigue ist 1979 das große Wendejahr hin zum Islamismus. In diesem Jahr kam im Iran Khomeini an die Macht. Im selben Jahr marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein, wo islamistische Kämpfer Kampferfahrung sammeln konnten. In diesem Jahr wurde auch die islamistische Gruppe al-Dschihad gegründet, die zwei Jahre später Sadat ermordete. Und schließlich fand 1980 ein Militärputsch in der Türkei statt, der die politische Linke dermaßen dezimierte, dass anschließend (angeblich) der Weg frei war für den Aufstieg der Islamisten bis hin zu Erdogan. (S. 345 f.)

Nur am Rande erwähnt wird der Wahhabismus aus Saudi-Arabien, der sich durch die üppig fließenden Öl-Milliarden in der islamischen Welt ausbreitet. Der Ausblick auf die Zukunft am Ende des Buches ist eher düster.

Kritik

Christopher de Bellaigue hat ein großartiges Buch vorgelegt. Dennoch muss manches daran kritisiert und ergänzt werden. Das wollen wir im folgenden auf konstruktive Weise tun.

Kritik: Religion nicht ernst genommen?

Natürlich möchte der Autor den Islam ernst nehmen, aber an zwei Stellen überkommt den Leser das Gefühl, dass der Autor das nicht wirklich tut. Das eine ist der Untertitel des Buches: „The Modern Struggle Between Faith and Reason“. Ist es wirklich klug, Glaube und Vernunft als Gegensätze einander gegenüberzustellen? Geht es nicht darum zu zeigen, dass Glaube und Vernunft eben gerade keine Gegensätze sind? Hätte man nicht besser „Das Ringen um die richtige Balance zwischen Tradition und Fortschritt“ als Untertitel wählen sollen?

Die zweite Stelle ist ein Satz in der Conclusion des Buches: „people … who, while respecting the moral precepts they have received from their forebears, are lax in matters of observance. … in their secular world view and relatively liberal values they represent the successful part of the Islamic Enlightenment.“ (S. 350) – Menschen, die ihre Religion lax handhaben, mögen vielleicht in gewisser Weise aufgeklärt sein, aber eine „islamische Aufklärung“ ist das nicht! Eine islamische Aufklärung bestünde darin, dass die Religion des Islam selbst aufgeklärt wird, so dass Liberalität nicht durch Laxheit in der Beachtung der Regeln entsteht, sondern dadurch, dass die Regeln selbst liberal werden, soweit dies möglich ist. Ein großer Unterschied!

Kritik: Islamische Geschichte

Der Autor möchte mit diesem Buch vor allem zeigen, dass die islamische Welt zur Moderne fähig ist. Dazu liefert aber auch die islamische Geschichte vor dem Jahr 1798 reichlich Anschauungsmaterial – doch dieses Thema hechelt der Autor nur sehr kurz angebunden im Vorwort durch. Man hätte besser ein eigenes Kapitel daraus gemacht.

Zudem bleibt die neuere historisch-kritische Forschung zu den Anfängen des Islams unerwähnt. Wir wissen heute, dass die Anfänge des Islams anders waren, als es die Legenden überliefern. Das „zerstört“ den Islam keineswegs, sondern eröffnet im Gegenteil neue Möglichkeiten für eine Reformierung des Islams im Einklang mit dessen Ursprung.

Kritik: Zu trüber Ausblick

Am Ende des Buches wird ein etwas trüber Ausblick gegeben. Dafür gibt es aber keinen Grund. Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, und wer die Wendungen der Geschichte der letzten 200 Jahre verfolgt, der weiß, dass vieles möglich ist.

Zu kurz gekommen sind in diesem Buch Entwicklungen außerhalb der Zentren der islamischen Welt: Die Ölstaaten, Marokko, Indien oder Indonesien, aber auch die Muslime in den westlichen Ländern stricken an der Gesamtentwicklung des Islams in der Welt mit.

Manches hätte noch in einem Ausblick Erwähnung finden können. So z.B. auch das Werk „Die Kritik der arabischen Vernuft“ von Mohammed Abed Al Jabri (1935-2010) aus dem Jahr 1984, oder die Bemühungen um eine historisch-kritisch geerdete „Theologie der Barmherzigkeit“ von Mouhanad Khorchide in Münster.

Kritik: Linker Bias

Christopher de Bellaigue scheint einem politischen Bias zu unterliegen, einem linken Bias. Vielleicht verdankt sich der linke Bias teilweise auch der Notwendigkeit, Lippenbekenntnisse für das derzeit im Westen vorherrschende intellektuelle Milieu abzugeben, gerade auch bei diesem Thema. Der Wert des Buches wird dadurch kaum geschmälert, auch wenn manches fehlt.

Kritik Linker Bias: Selbstkritik des Westens

Christopher de Bellaigue spart nicht mit Kritik an den westlichen Kolonialmächten. Aber an einigen Stellen lässt Christopher de Bellaigue durchblicken, dass es noch eine andere Kritik am Westen gibt: Der Westen des 20. Jahrhunderts war nicht mehr so attraktiv zur Nachahmung wie der Westen des 19. Jahrhunderts.

Zur Reise von Sayyid Qutb in die USA wird angemerkt, dass die Permissivität der sexuellen Sitten, für die das Jahr 1968 schlaglichtartig steht, Muslime eher abschreckt. (S. 322) Zur radikalen Vewestlichung des Iran durch den Schah wird angemerkt, dass die damals herrschende westliche Kultur banal sei. (S. 333) Treffend wird kritisiert, dass die westliche Architektur Teheran „into a version of everywhere else“ verwandelte. (S. 337) Dieses Phänomen kennen wir aus unseren eigenen, westlichen Städten nur allzu gut. Sayyid Qutb soll gesagt haben, dass er keinen Zusammenhang sehe zwischen den Menschen, denen er in den USA begegnete, und den Errungenschaften des Westens. (S. 322)

Leider führt der Autor diese Kritik nicht weiter aus. Denn womöglich hatte Sayyid Qutb wenigstens teilweise Recht: Der Westen hat tatsächlich kulturell teilweise abgebaut und sich darüber teilweise selbst verloren. Immerhin wird der Gedanke auf der allerletzten Seite des Buches noch einmal aufgegriffen (S. 352): Christopher de Bellaigue hat also verstanden, dass hier ein wichtiges Thema lauert, das bearbeitet werden müsste. Es wäre aber eine konservative Kritik, die hier geübt werden müsste. Vielleicht hat er das Thema deshalb nur angedeutet.

Kritik Linker Bias: Verharmlosung

An manchen Stellen verharmlost der Autor islamische Verhältnisse zu sehr. So z.B. die Sklaverei im Islam. Es ist sicher richtig, dass der Islam auch einen Beitrag zur Milderung von Sklaverei geleistet hat und Sklaverei im Islam anders verstanden wurde als z.B. in den Südstaaten der USA. Dennoch erscheint die Darstellung zu weich gezeichnet. (S. 188 ff.) – Ähnliches gilt für die Homosexualität im Islam. Insbesondere der Gedanke, ob die sexuelle Toleranz der alten Zeit nicht besser war als die spätere Ächtung von Homosexualität unter dem Einfluss des viktorianischen Westen, ist völlig irreführend: Diese angebliche Toleranz war vielmehr eine Ausweich- und Ersatzhandlung und eine große Heuchelei. Eine Toleranz gegenüber Homosexualität, die diesen Namen verdient, hat erst der Westen im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt. (S. 195 ff.)

Ebenfalls eine Verharmlosung ist die Behauptung, dass nur eine kleine Minderheit der Migranten, die aktuell aus islamischen Ländern nach Europa kommen, islamisch motiviert wären. (S. 352) Natürlich kommen die wenigsten mit der Absicht, eine Moschee zu gründen oder ein islamistisches Attentat zu verüben. Aber sehr viele kommen eben doch mit dem Mindset eines traditionalistischen bzw. islamistischen Verständnisses von Islam. Und das allein ist ein großes Problem, das man nicht unterschlagen darf. – Schließlich werden auch die islamistischen Selbstmordattentäter verharmlost: Dass sie oft keine Ahnung vom Islam hätten usw. usf. (S. 351) Es mag zwar richtig sein, dass sie oft nur wenig Ahnung haben, aber es ist der traditionalistische bzw. islamistische Mindset, der sie anfällig sein lässt für islamistische Propaganda, und in diesem Sinne sind diese Selbstmordattentäter sehr wohl Muslime und Islamisten, und nicht nur verwirrte Jugendliche.

Kritik Linker Bias: Mode-Themen

Die Beschaffung von Altertümern aus Ägypten und anderen Ländern des Nahen Ostens durch westliche Antiquare und Wissenschaftler wird wiederholt „loot“ genannt, also „Beute“ oder „Plünderung“. (S. 35, 43) Das ist in dieser Pauschalität natürlich falsch. Kultur gehört zunächst einmal immer demjenigen, der sich für sie interessiert und sie zu schätzen weiß. Und insofern ein solches Bewusstsein in diesen Ländern damals nicht vorhanden war, kann man nicht einfach von „loot“ sprechen, sondern man sollte die Dinge differenzierter sehen.

Völlig obskur und „woke“ ist ein Satz, der „multiculturalism“ mit „black slaves“ in Verbindung bringt. (S. 121) Hier wird so getan, als ob die Hautfarbe von Menschen kulturelle Vielfalt bedeuten würde. Das ist aber falsch. Hautfarbe und Kultur sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Gleich mehrfach falsch ist auch dieser Satz über die Migrationsbewegung ab dem Jahr 2015: „civil war in Syria, Libya and elsewhere, along with poverty and climate change, pushed millions of Muslims into Europe“ (S. 352) – Die größte Unwahrheit des Satzes liegt in dem Wort „push“: Denn die Migranten kommen vor allem deshalb nach Europa, weil Europa sie kommen lässt, statt sie zurückzuweisen, und dazu werden noch soziale Wohltaten verteilt, die eine große Anziehungskraft entfalten. Die pull-Faktoren sind entscheidend, nicht die push-Faktoren, sonst wären schon das ganze 20. Jahrhundert über die Armen nach Europa geströmt. Aber selbst heute machen sich gerade die Ärmsten der Armen nicht auf den Weg nach Europa: Dass es um Armut ginge, ist die zweite Unwahrheit. Die dritte Unwahrheit liegt in der angeblichen Fluchtursache „climate change“: Dass Menschen aus islamischen Ländern in Massen nach Europa kommen, weil sich das Klima gewandelt habe, glauben nur hartgesottene Ideologen.

Kritik Linker Bias: NS-Vergangenheit ausgeblendet

Seltsamerweise wird die Beeinflussung des Islamismus durch den Nationalsozialismus mit keinem Wort erwähnt. Weder die engen Verbindungen des palästinensischen Muftis von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini (ca. 1896-1974) mit den Nationalsozialisten, noch die bosnische SS-Division „Handschar“, noch die arabischsprachige Rundfunkpropaganda der Nationalsozialisten kommen zur Sprache. Dabei soll der nationalsozialistische Einfluss eine wichtige Rolle bei der Herausbildung des spezifisch islamistischen Judenhasses gespielt haben. Im traditionellen Islam gab es – bei allen Problemen – keinen derartigen Judenhass wie im Islamismus.

Wir können nur vermuten, dass Christopher de Bellaigue diesen Aspekt der Geschichte des Islamismus aufgrund irgendwelcher falscher Rücksichtnahmen vollständig ausgeblendet hat. So etwas sollte man natürlich nicht tun.

Kritik Linker Bias: Versagen der Linken kleingeredet

Ganz am Rande wird erwähnt, dass die erfolgreiche Nasser-Regierung in Ägypten die Regierungen in anderen Ländern inspirierte, darunter Algerien, Syrien und der Irak. (S. 324) Völlig unerwähnt bleibt jedoch, dass diese Regime sich als sozialistische Regime verstanden („Baath-Partei“). Insofern auch das ein Beitrag zum Fortschritt in die Moderne war, bräuchte man das auch gar nicht verstecken. Es wird in diesem Buch aber dennoch versteckt. – Der Grund liegt wohl darin, dass diese linken Regime am Ende keine allzu rühmliche Rolle spielten. Ebenso wie Kemal Atatürk und der Schah von Persien strebten sie eine Modernisierung ohne und gegen die Religion an. Und nicht selten verkamen sie zu Diktaturen, wie in Syrien und Irak, aber auch Ägypten. Auch der Bürgerkrieg im Libanon soll sich linken Kräften verdanken.

Ebenfalls kaum beleuchtet wird der Umstand, dass sehr viele Intellektuelle der islamischen Welt direkt von linken Ideologien beeinflusst waren, die an europäischen Universitäten im Umlauf waren. Es wird nur erwähnt, dass der Iraner Ali Schariati vom Antikolonialismus der französischen Universität beeinflusst war (S. 342 ff). Solches galt natürlich nicht nur für Ali Schariati, sondern auch für viele andere Intellektuelle des islamischen Raumes. – Man hätte auch Mohamed Arkoun erwähnen können, der die postmoderne Philosophie auf den Islam münzte. Oder Michel Foucault, der die islamische Revolution von Khomeini begrüßte. Dieses falsche postmoderne Denken hat bis heute Hochkonjunktur im Westen.

Es wird auch die fatale Rolle von Mossadegh im Iran zu weich gezeichnet. (S. 331 ff.) Vielleicht war Mossadegh eben doch ein Steigbügelhalter der Kommunisten? Ganz gewiss waren seine Anhänger später Steigbügelhalter für Khomeini. – Und stimmt es wirklich, dass die Islamisten in der Türkei deshalb an die Macht kamen, weil zuvor die Linken in einem Putsch ausgeschaltet worden waren? (S. 346) Wird hier die Rolle der Linken nicht völlig überhöht? Ist es nicht vielmehr so, dass die Islamisten in der Türkei vor allem durch die demographische Entwicklung zur Mehrheit wurden? – Und man hätte auch gerne etwas von der Erfahrung des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal gelesen: Laut Boualem Sansal war Algerien früher ein linkes Land. Als die ersten islamistischen Prediger eintrafen, verlachte man sie als die „Narren Allahs“ und nahm sie nicht ernst. Wenige Jahrzehnte später befand sich Algerien in einem blutigen Bürgerkrieg mit dem Islamismus.

Immer wieder stoßen wir darauf, dass die völlige Unfähigkeit der Linken, die Religion ernstzunehmen und einzubinden, in die Katastrophe führte. Christopher de Bellaigue schweigt dazu weitgehend.

Kritik Linker Bias: Irak-Krieg von George W. Bush

Den Irak-Krieg des US-Präsidenten George W. Bush von 2003 beschreibt Christopher de Bellaigue mit kurzen Worten als „failure of the Anglo-American occupation of Iraq“ (S. 349)

Doch war es wirklich nur ein „failure“? Hat man nicht den Diktator effektiv beseitigt, anders als z.B. in Syrien? Hat man nicht sichergestellt, dass der Diktator weder über Giftgas noch über sonstige Massenvernichtungswaffen verfügt? Und damit auch den Massenmord Saddam Husseins an Schiiten und Kurden ein für allemal unterbunden? Und war es wirklich nur eine „occupation“?! Wurden nicht Schiiten und Kurden, die immerhin 80% der Bevölkerung des Irak ausmachen, tatsächlich von der Herrschaft der sunnitischen Minderheit befreit? Haben wir nicht alle die Bilder gesehen, wie die westlichen Truppen von Schiiten und Kurden jubelnd begrüßt wurden? Der Schuh-Werfer auf George W. Bush war jedenfalls ein Sunnit aus der Hochburg der Saddam-Hussein-Anhänger. Und „Anglo-American“? Es waren über 40 Nationen am Irak-Krieg beteiligt. Nur Frankreich und Russland blieben fern. Aber das waren ja die Hauptwaffenlieferanten von Saddam Hussein, die sich in Ölkonzessionen hatten bezahlen lassen. Und Deutschland war so dumm, sich diesen beiden anzuschließen. Und hatte Bush nicht erreicht, dass die Terrorwelle im Irak am Ende abebbte? Und war die eigentliche Katastrophe nicht erst der Truppenabzug durch Obama und Obamas Syrienkrieg? Und existiert die formale Demokratie, die George W. Bush 2003 im Irak etablierte, nicht immer noch? Trotz allem immer noch? Und wer hat jetzt eigentlich Zugriff auf das irakische Öl bekommen? Der US-Konzern „Hölliburton“? Nein, sondern ein norwegisch-chinesisches Konsortium.

Christopher de Bellaigue hätte George W. Bush unbedingt für dessen Weitsichtigkeit loben müssen! Aber vielleicht konnte er das nicht, aus Rücksicht auf gewisse Milieus. Und weil de Bellaigue das versäumt hat, wollen wir dies hier nachholen, indem wir einige Worte aus einer Rede von George W. Bush vom 06. November 2003 zitieren, die ihre Kraft bis heute nicht verloren haben:

„Time after time, observers have questioned whether this country, or that people, or this group, are „ready“ for democracy … It should be clear to all that Islam – the faith of one-fifth of humanity – is consistent with democratic rule. … As we watch and encourage reforms in the region, we are mindful that modernization is not the same as Westernization. Representative governments in the Middle East will reflect their own cultures. They will not, and should not, look like us. … And working democracies always need time to develop – as did our own. … There are, however, essential principles common to every successful society, in every culture. …

Iraqi democracy will succeed – and that success will send forth the news, from Damascus to Teheran – that freedom can be the future of every nation. … Sixty years of Western nations excusing and accommodating the lack of freedom in the Middle East did nothing to make us safe – because in the long run, stability cannot be purchased at the expense of liberty. As long as the Middle East remains a place where freedom does not flourish, it will remain a place of stagnation, resentment, and violence ready for export.“

Und wer jetzt sagt: „Es ist doch schiefgegangen im Irak!“, der hat nichts verstanden. Denn diese Geschichte ist noch nicht zu Ende. Sie wird erst dann zu Ende sein, wenn das Happy End erreicht ist. George W. Bush hatte das erkannt. Obama nicht.

Fazit

Mit seinem Buch „The Islamic Enlightenment“ hat Christopher de Bellaigue eindrucksvoll seine zentrale Botschaft untermauert: Die islamische Welt verharrt nicht statisch im Mittelalter, sondern hat in den letzten 200 Jahren massive Modernisierungen durchlaufen und ist grundsätzlich auch zu weitergehenden Modernisierungen fähig. Es gibt gute und verstehbare Gründe, warum die Modernisierung bis heute nicht vollständig geglückt ist. Eine grundsätzliche Modernisierungsunfähigkeit der islamischen Welt ist jedenfalls nicht der Grund.

Allerdings gilt: Diese Modernisierung ist kein Selbstläufer. Man darf sich nicht zurücklehnen und glauben, dass mit der Zeit schon alles von selbst gut werden würde. Modernisierung muss aktiv herbeigeführt werden. Und auch Rückfälle sind jederzeit möglich. Übrigens auch in der westlichen Welt. Auch deren Modernität ist nicht in Stein gemeißelt, sondern kann verloren gehen.

Schlussfolgerungen

Welche Schlüsse für unsere heutige Zeit können aus diesem Buch gezogen werden? Hier eine kurze Liste von Vorschlägen. Dabei gilt: Es ist immer leichter gesagt als getan.

  • Der Westen muss wieder zu sich selbst kommen, damit er wieder die Anziehungskraft von früher entfalten kann. Liberalismus und Rationalismus müssen wieder zum Leuchten gebracht werden. Eine Rückbesinnung auf nationale und regionale Traditionen ist erforderlich. Außerdem eine Neubesinnung auf religiös-weltanschauliche Traditionen, namentlich Christentum, klassischer Humanismus und Aufklärung.
  • Der Westen sollte sich nicht dafür schämen, dass er fortschrittlicher als die islamische Welt war. Nicht alle Aspekte des Kolonialismus waren schlecht und falsch. (Einiges davon aber schon, aber das ist nichts Neues.)
  • Die islamische Welt muss akzeptieren, dass sie an dem ganzen Schlamassel vor allem selbst schuld ist. Denn es war die islamische Welt, die mehrere Jahrhunderte kultureller Entwicklung verschlafen und sich auf diese Weise angreifbar gemacht hatte. Das, und nichts anderes, ist das Urübel.
  • Die islamische Welt muss verstehen, dass vieles von dem, was geschehen ist, jetzt nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, auch wenn es einst Unrecht war. Man kann altes Unrecht nicht durch neues Unrecht auslöschen. Ein Vorbild kann hier Europa sein, dass nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Begleichung alter Rechnungen verzichtete.
  • Alle beteiligten Akteure, ob religiös oder nicht religiös, ob westlich oder östlich, müssen begreifen, dass es eine nachhaltige Modernisierung nur mit dem Islam geben kann, nicht gegen den Islam.
  • Die Modernisierung des Islam muss dort fortgeführt werden, wo sie um 1900 liegengeblieben ist. Eine Modernisierung des Islam „zerstört“ oder „verfälscht“ den Islam nicht, solange sie mit Vernunft, Wahrhaftigkeit und ohne Eifer durchgeführt wird. Ein Vorbild kann die Modernisierungsgeschichte der katholischen Kirche sein, die sich dabei ebenfalls nicht selbst aufgegeben hat. Reformen sind erst dann dauerhaft tragfähig, wenn sie auch von der Mehrheit der Konservativen mitgetragen werden.
  • Offenbar leidet der Islam heute auch daran, dass seine historisch gewachsenen Strukturen zerstört worden sind. Der Islam muss wieder eine Struktur von Religionsgelehrten aufbauen, die legitim und authentisch für den Islam sprechen können und von staatlichen Einflüssen unabhängig sind. Irgendjemand muss die Reformen schließlich tragen und durchführen. Irgendjemand muss sagen können: Diese Reform gilt jetzt, und diese nicht.
  • Muslime werden damit leben müssen, dass es dauerhaft verschiedene Auffassungen darüber gibt, wie ein moderner Islam aussieht. Hier ist mehr Toleranz und friedliches Zusammenleben trotz unterschiedlicher Auffassungen notwendig.
  • Linke müssen damit aufhören, die Muslime und die islamische Welt für ihre linken politischen Zwecke zu vereinnahmen, Islamismus und islamischen Traditionalismus zu verharmlosen, und den Westen in seiner Fortschrittlichkeit zu verteufeln. Vielmehr müssen Linke ihre eigene Geschichte von Schuld, Missbrauch und Versäumnissen in bezug auf den Islam und die islamische Welt, aber auch in bezug auf Christentum, klassischen Humanismus, die Aufklärung und die westliche Welt, aufarbeiten.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.