Schlagwort: Erwartungshaltungen

Sayaka Murata: Die Ladenhüterin (2016)

Kurze Karikatur auf Kollektivierungstrieb und Scheinfreundlichkeit der Gesellschaft

Keiko Furukura ist eine Autistin (das wird allerdings nirgends im Buch explizit so gesagt), die keine Gefühle empfinden kann und keine Persönlichkeitsentwicklung kennt, die sie gesellschafts- und beziehungsfähig machen würde. Als Studentin begann sie als Aushilfe in einem Konbini zu arbeiten, einem typisch japanischen Kleinsupermarkt. Dort findet sie das Umfeld, das ein Autist braucht, um sich wohlzufühlen: Eine berechenbare, überschaubare Welt, in der sich nichts verändert, und wo ihr sogar gesagt wird, welche Worte und welche Mimik sie den Kunden gegenüber verwenden soll. Sie beginnt auch die Sprache und die Kleidung ihre Kolleginnen zu imitieren. Mit Mitte 30 arbeitet sie immer noch als Aushilfe im Konbini, hat keine Freunde und war noch nie mit einem Mann zusammen. Der Konbini ist ihr ganzes Leben.

Dann taucht Shiraha auf, ein Bilderbuchexemplar von einem männlichen Versager. Zur Rationalisierung seines Versagens hat er sich allzu holzschnittartige Vorstellung von der Gesellschaft und von der Rolle von Mann und Frau zurechtgelegt. Eines hat er jedoch bestens verstanden: Welche Erwartungshaltungen die Gesellschaft hat. Keiko Furukura lässt Shiraha bei sich wohnen, weil er ihr einredet, dass sie damit die Erwartungshaltungen der Gesellschaft erfüllen könnte – was anfänglich auch erstaunlich gut funktioniert. Doch der Versuch scheitert, und am Ende geht Keiko wieder ganz in der Welt des Konbini auf.

Anhand der Geschichte zeigen sich die Erwartungshaltungen der Gesellschaft, der Trieb der meisten Menschen, alle anderen gewissermaßen zu „kollektivieren“, und eine heute leider sehr verbreitete Scheinfreundlichkeit, die alles zum Schein zusammenhält. Doch unter der Oberfläche gibt es keine Freundlichkeit mehr.

Teilweise hat die Gesellschaft berechtigte und verständliche Erwartungshaltungen:

  • Man sollte nicht ewig nur als Aushilfe arbeiten.
  • Eine Beziehung gehört zu einem normalen und bereicherten Leben dazu.
  • usw.

Teilweise zeigt sich aber auch erschreckendes und peinliches Denken und Verhalten:

  • Allzu klischeehafte Vorstellungen von der Rolle von Männern und vor allem Frauen.
  • Spontanes kollektives Lästern, Tratschen und Herziehen über Außenseiter und Andersartige. Herdentrieb pur.
  • Spontane Produktion von klischeehaften Phantasien, wie etwas zu laufen habe, ohne diese Phantasien an der Realität und vor allem an den Präferenzen dessen zu überprüfen, für den man sich diese Phantasie macht.
  • Es wird deutlich, was für lächerliche Eigenschaften die „Eintrittskarten“ in die „normale“ Gesellschaft sind, und wie willkürlich die Ausschließung von Andersartigen ist. Eine Beziehung zu haben scheint für manche der Unterschied zwischen Sein und Nichtsein zu sein.
  • Nicht zuletzt wird auch die Konbini-Kultur auf die Schippe genommen: Dass gerade eine Autistin sich in dieser Konsumwelt des schönen Scheins am wohlsten fühlt, zeigt deren Defizite am deutlichsten.

Was den Leser etwas nervt, ist der Umstand, dass sowohl Keiko als auch Shiraha keinerlei Antrieb zu einer Entwicklung zeigen. Sie sind völlig zufrieden mit ihrer reduzierten Stellung in der Welt. So möchte man nicht denken und leben. Allerdings sollte man beachten: Der ganze Roman ist eine einzige Karikatur. Als Karikatur ist es erlaubt.

Ärgerlich wie so oft ist auch das Marketing des Verlags, das die Aussageabsicht des Buches völlig verdreht: Es ginge um „eine Liebesgeschichte aus den Tiefkühlregalen des Herzens“, heißt es da auf dem Coverrücken. Nein! Defnitiv nein. Dieses Buch ist alles andere als eine Liebesgeschichte, und gerade daraus bezieht es seinen Charme. Ebenso falsch diese Aussage auf dem Coverrücken: „Keikos Weltordnung gerät ins Wanken“. Das tut sie eben gerade nicht. Die Eskapade mit Shiraha geschieht ja gerade zu dem Zweck, diese Weltordnung zu bewahren. Und am Ende setzt Keiko die von ihr bevorzugte Weltordnung gegen alle Anfechtungen durch und bleibt in ihrer Konbini-Welt. Gerade dieses konsequente Durchziehen ihrer autistischen Position ist der Plot des Buches.

Davon abgesehen ist dieses Büchlein aber ein wahrer Genuss: Seite für Seite ein trocken-absurdes Feuerwerk der Ironie! Leider werden nur wenige es verstehen. Der Marketing-Mist des Verlags deutet es schon an. Die Amazon-Rezensionen sagen alles. Doch für diese Wenigen, die es verstehen, ist es geschrieben. Willkommen im Club?

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 09. Januar 2020)

Edith Wharton: The House of Mirth (1905)

Drama eines erwachenden Menschen in einer kalten, langweiligen Gesellschaft

Oberflächlich betrachtet ist dieser Roman ein feministisches Buch, in dem eine Frau daran zugrunde geht, dass Frauen in der Welt von 1900 nur durch Männer an Geld kommen. Doch diese Betrachtungsweise greift entschieden zu kurz. In diesem Roman sind auch Frauen Täter und Männer Opfer, wie explizit gesagt wird. Und die besondere Konstellation der Protagonistin ist ein zeitloses Problem: Ein Mensch wird durch seine Eltern auf ein bestimmtes Gleis gesetzt, doch nach und nach bemerkt dieser Mensch, dass der für ihn vorgesehene Weg falsch und für ihn nicht gangbar ist.

Der Roman spielt im New York um 1900, und es geht um die Gesellschaft des Geldadels von New York. Die High Society trifft sich mal auf diesem, mal auf jenem Landsitz, oder fährt mit der eigenen Jacht nach Monte Carlo. Wer eingeladen ist, ist dabei, und die schöne und intelligente Lily Bart ist ständig eingeladen. Ohne eigenes Vermögen wurde sie von ihrer Mutter auf das Lebensziel hin erzogen, einen Millionär zu heiraten. Doch Lily schreckt immer im letzten Moment zurück. Sie kann es nicht. Sie liebt diese Männer nicht. In Lawrence Selden hat sie einen Komplizen, der die Gesellschaft durchschaut hat. Sie hat Gefühle für ihn. Doch er ist kein Millionär. Und er respektiert ihre Ziele.

Weil sie dauerhaft keinen Mann findet, beginnt Lily Bart „Fehler“ zu machen und sich in dem Haifischbecken dieser „feinen“ Gesellschaft aus Intrigen, Ansprüchen, Neid, Begehrlichkeiten und übler Nachrede zu verlieren. Männer, die ihr finanziell aushelfen, erwarten Gegenleistungen, die sie nicht erbringen will, was sie in Schulden stürzt. Frauen, die sie zur Ablenkung ihrer Männer benutzen, machen sie hinterher zum Sündenbock, was zu ihrer Ausladung aus der Gesellschaft führt. Lily beginnt, die soziale Leiter herabzusteigen, bis zu Armut und Elend. Dabei erkennt sie immer mehr, welchen gedankenlosen Irrtümern sie als Mitglied der High Society unterlegen war.

Lily erhält zwar Hilfe von Freunden, doch es fällt ihr schwer zu erkennen, dass das für sie vorgesehene Lebensziel falsch war. Die Liebe zwischen Lily und Selden kommt bis zuletzt nicht zum Durchbruch, bis es zu spät ist.

Das Buch ist in einer sehr schönen Sprache geschrieben und enthält zahlreiche Dialoge und Situationen, die grundlegende Einsichten mit Esprit gestalten, und zum Merken und Wiederlesen einladen. Es gibt zwar einige Zufälle in diesem Buch, die allzu zufällig sind, aber um der Parabel willen, die das Buch ja sein soll, kann man sich das gefallen lassen. Teilweise werden die Ursachen dafür, dass jemand gesellschaftlich in Ungnade fällt, nur angedeutet, was das Verständnis manchmal etwas erschwert; es ist wirklich eine „hochfeine“ Gesellschaft. Aber allein um einen Einblick in diese Gesellschaft zu erhalten, ist der Roman absolut lesenswert, der sie in allen Details und allen ihren Funktionen und Fehlern beschreibt. Überhaupt handelt es sich um ein wohlkonstruiertes Stück Literatur, ein Drama von antiker Qualität, ein Meisterwerk eigener Art.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 18. September 2019)