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Miguel de Cervantes: Don Quijote von der Mancha (1605/1615)

Eine saftige Satire auf die Irrungen des Zeitgeistes, mit viel Witz und literarischer Finesse

Das spanische Nationalepos, der Roman „Don Quijote von der Mancha“ von Miguel de Cervantes, ist ein Schlüsselroman der europäischen Geistesgeschichte, der alle späteren literarischen Werke stark beeinflusst hat. Ein Roman voller Witz und ein großes Lesevergnügen!

Eine Parodie

Oberflächlich betrachtet handelt es sich bei „Don Quijote“ um eine recht simpel gestrickte Parodie auf die damals in Spanien fast schon krankhaft populären Ritterromane: Ein kleiner spanischer Landadliger hat zu viele dieser Ritterromane gelesen und bildet sich daraufhin ein, es handele sich bei den Abenteuern von Ritter Roland oder des Amadis von Gallien um wahre Geschichten. Deshalb fühlt er sich dazu berufen, das Rittertum wieder aufleben zu lassen und in der Gegenwart des Romanlesers (17. Jahrhundert) als fahrender Ritter durch die Lande zu ziehen, um Elende, Witwen und Waisen zu beschützen und gegen Schurken und Riesen zu kämpfen.

Dabei deutet Don Quijote alles, was ihm begegnet, im Sinne seines Wahnes um: Schenken hält er für Burgen, Windmühlen für Riesen, Frauen für Prinzessinnen, Soldaten für Ritter, Schafsherden für Heere, ein Scherbecken für einen Ritterhelm, und seinen alten Klepper Rosinante für ein stolzes Ross. Kommt es zu Widersprüchen oder offensichtlichen Enthüllungen, die diese Wahnwelt stören, glaubt Don Quijote sich durch böse Zauberer getäuscht, die alles nach Belieben verwandeln können. Erst im letzten Kapitel, kurz vor seinem Tode, erwacht Don Quijote aus seinem Wahn, um final allen Ritterromanen abzuschwören.

Sancho Pansa

Einen der Bauern aus einem Nachbardorf, Sancho Pansa, hat Don Quijote gegen Geld angeheuert, um ihm als Knappe zu dienen. Zwischen Don Quijote und Sancho Pansa entspinnen sich köstliche Dialoge: Hier der idealistische aber unrealistische Don Quijote, dort der praktisch denkende aber auch zynische und egoistische Sancho Pansa. Der Leser kann beiden Sichtweisen etwas abgewinnen, aber auch keiner der beiden Sichtweisen unumschränkt zustimmen, und wird so zum eigenen Nachdenken gezwungen.

Sancho Pansa ist auch nicht immer ehrlich, sondern lügt Don Quijote manchmal etwas vor, woraufhin Don Quijote diese Lügen prompt in sein wahnhaftes Weltbild einbaut, was zu urkomischen Verwicklungen führt. Sancho Pansa lässt sich an manchen Stellen selbst in die Wahnwelt seines Herrn hineinziehen, mit der typischen Pragmatik des Unintellektuellen: Was weiß ich denn schon? Außerdem wird Sancho Pansa durch die Bezahlung gelockt, die ihm winkt, insbesondere auch durch das Versprechen Don Quijotes, ihm ein Eiland zum gubernieren zu verschaffen, nachdem Don Quijote seinerseits als Belohnung für seine Ritterdienste – so sein Wahn – dereinst ein Königtum erhalten haben wird. Das „Eiland zum gubernieren“ ist einer der vielen running gags dieses Romans. Obwohl das Versprechen reiner Wahn ist, kann Sancho Pansa sich nicht überwinden, diese „Chance“ fahren zu lassen, denn zu verlockend ist für seinen beschränkten Bauernverstand diese Aussicht.

Sancho Pansa ist außerdem eine köstliche Quasseltante, die in einem fort Sprichwörter herunterrattert, die sich nicht selten reimen und seinen praktischen Bauernverstand zum Ausdruck bringen. Außerdem verdreht Sancho Pansa gerne Sätze oder auch die Lautfolge einzelner Worte, vor allem bei Fremdworten, die er nicht kennt, und die ihm deshalb nicht leicht von der Zunge gehen. Seine gewitzte Bauernschläue zeigt sich, wenn Sancho Pansa schwierige Aufgaben und Rätsel mit der ungetrübten Klugheit des einfachen Hausverstandes meistert. Zum Schluss hat sich bei Sancho Pansa auch eine gewisse Zuneigung zu seinem Herrn herausgebildet, die ihn zu ihm halten lässt, trotz seines Wahns. Aber auch zu seinem „Grauohr“, seinem Esel, hat Sancho Pansa ein inniges Verhältnis, das zu manchem komischen Verhalten führt. Sancho Pansa ist ohne Zweifel eine zu Don Quijote mindestens ebenbürtige Hauptfigur des Romans. Aber auch seine überaus praktische Ehefrau Teresa Pansa hat immer ein Wörtchen mitzureden.

Komische Abenteuer

Zusammen erleben Don Quijote und Sancho Pansa zahlreiche Abenteuer, die sich meistens daraus ergeben, dass Don Quijote irgendwelche Belanglosigkeiten in seiner Phantasie zu wilden Abenteuern aufbläst und sich als Ritter zum Einschreiten berufen fühlt. Die Menschen, die ihm begegnen, wissen oft nicht, wie ihnen geschieht, und nehmen reißaus. Andere lassen sich auf den Wahn von Don Quijote ein und machen sich einen Spaß mit ihm. Nur wenige versuchen, mit Don Quijote zu argumentieren. Noch öfter aber endet alles damit, dass Don Quijote und Sancho Pansa eine Tracht Prügel einstecken müssen. An diesen Stellen erinnert der Roman an modernen Slapstick à la Dick und Doof. Häufig trifft es Sancho Pansa dabei härter als Don Quijote, der sich mehr als einmal mit irgendeiner Ausrede, an die er selbst glaubt, feige zurückhält, statt Sancho Pansa zu Hilfe zu eilen.

Der übersteigerte Idealismus des Don Quijote führt dabei – zusätzlich zu seinem Ritterwahn – manchmal zu höchst unerwarteten doch sehr lehrreichen Konsequenzen. Die entsprechenden Episoden erinnern an manche bissige Kurzgeschichte von Mark Twain. So befreit Don Quijote z.B. einige Galeerensträflinge aus ihrer Gefangenschaft, doch als er Dank erwartet, rauben ihn die soeben befreiten Sträflinge kurzerhand aus.

Jeder Ritter verehrt eine Dame, und so hat sich Don Quijote ein Mädchen, das er vor langer Zeit in dem Nachbardorf Toboso gesehen hatte, zu seiner Dame erkoren. Diese Dame wird von ihm zur schönsten Prinzessin verklärt und mit dem Phantasienamen „Dulcinea von Toboso“ versehen, während Sancho Pansa genau weiß, dass es sich um eine sehr praktisch veranlagte Bäuerin handelt. Auch dieser Widerspruch zwischen Phantasie und Wirklichkeit sorgt für manche komische Verwicklung im Verlauf der Geschichte. – Ein weiterer running gag sind die anderen Dorfbewohner aus Don Quijotes Dorf, namentlich der Pfarrer, der Barbier und der Baccalaureus Samson Carrasco, die immer wieder neue Listen ersinnen, wie sie Don Quijote zurück in ihr Dorf locken und von seinem Wahn befreien könnten.

Einzelthemen

Neben der Parodie auf die Ritterromane und der Komik des Paars Don Quijote und Sancho Pansa enthält die Geschichte zahlreiche durchaus ernst gemeinte Aussagen und Lehren, die am Rande eingeflochten werden. So hält Don Quijote immer wieder kluge Reden über Themen, die mit dem Rittertum nichts zu tun haben, und alle verwundern sich, wie jemand, der einem so schrecklichen Wahn verfallen ist, so kluge Reden halten kann. Auch werden vor allem im ersten Teil einige Novellen nach Art des Decamerone eingeflochten (z.B. Cardenio und Luscinda, Alfonso und Lotario, Don Luis und Clara, Claudia und Don Vicente, Quiteria, Camacho und Basilio, der Narr von Sevilla, der Abstieg in die Höhle des Montesinos (II 22 f.)), die weitgehend unabhängig von der übrigen Handlung erzählt werden. Hier sind insbesondere Auseinandersetzungen mit islamischen Piraten zu nennen, sowie die Befreiung und der Freikauf von Christen aus der sarazenischen Gefangenschaft. Es erinnert so vieles an den bekannten Plot von Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“, einschließlich des Auftretens eines Renegaten, dass man hier wohl einen Einfluss sehen muss.

Einige Geschichten sind regelrecht feministisch: In der Episode um die Schäferin Marcela (I 12-14) wird beißender Spott gegen alle Männer geübt, die glauben, von einer Frau erhört werden zu müssen, wenn sie nur intensiv genug um diese werben – doch die Schäferin Marcela bleibt lieber unverheiratet und beklagt sich über die Zudringlichkeit der Männer. Diese wiederum vergehen reihenweise buchstäblich vor Liebe, und es ist urkomisch. – Die schöne Leandra wiederum, um die zahllose Jünglinge warben, verschmähte alle guten Angebote und brannte statt dessen mit einem Blender durch (I 52). Ihre verschmähten Liebhaber sehen daraufhin keinen Sinn mehr im Leben und ziehen sich in Scharen in eine Einöde zurück, um dort ein arkadisches Schäferleben zu fristen. Zynisch sagt einer der Hirten über eine seiner Ziegen: „Denn als Weib, das sie ist, schätze ich sie gering“. – Die Ehefrau von Sancho Pansa gibt diese Weisheit zum Besten: „Es ist nun mal das Kreuz von uns Frauen, dass wir unseren Männern gehorsam sein müssen, wenn’s auch die größten Gimpel sind.“ (II 5) Schließlich begegnet uns noch eine Frau, die sich als Mann verkleidet, um aus dem Haus gehen zu können (II 49). – In manchen Episoden werden Freundschaft und Liebe ähnlich schwärmerisch gefeiert wie in Hölderlins Hyperion.

In einer Rede über Waffenkunst und Wissenschaft doziert Don Quijote, dass das Ziel des Krieges der Frieden ist, dass Waffen und Recht einander bedingen, auch wenn der Soldat über dem Rechtsgelehrten stünde, sowie über die Veränderung des Krieges durch die Erfindung des Schießpulvers (I 37). An anderer Stelle belehrt Don Quijote über die Weltgeographie des Ptolemaios (II 29). Für das Gubernieren eines Eilandes weiß Don Quijote weisen Rat an den zukünftigen Herrscher Sancho Pansa zu erteilen (II 42).

An der Ständegesellschaft wird reichlich Kritik geübt. So wird der Adel sehr grundsätzlich delegitimiert: „Glaubst du aber, dein Fürstenblut würde verderben, wenn du es mit dem meinen mischst, bedenke, dass es auf Erden wenig oder keinen Adel gibt, der diesen Weg nicht gegangen wäre, und dass der Frauen Herkunft für die Vornehmheit der Nachkommen nicht von Bedeutung ist, umso mehr, als der wahre Adel in der Tugend liegt“ (I 36). Die Welt wird mit einem Theater verglichen: „Das Gleiche … spielt sich auf der Bühne unserer Welt ab, wo die einen die Kaiser geben, andere die Päpste, kurzum, all die Masken, die man auf den Theatern sieht. Aber wenn man zum Schlussakt gelangt, wenn das Leben also endigt, zieht der Tod allen die Kostüme aus, die sie voneinander unterschieden haben, und im Grab ist einer wie der andere.“ (II 12) Vom Papst sagt Sancho Pansa: „Jeder ist Kind seiner Taten, der Papst ist auch nur ein Mensch wie ich, da kann ich doch allemal Gubernator eines Eilandes werden“ (I 47). Und Don Quijote teilt die Menschen in vier Klassen ein: Hoch und niedrig stehende Menschen, aber vor allem auch sich erhöhende und sich erniedrigende Menschen (II 6): Für Don Quijote ist die soziale Hierarchie also durchlässig und sollte durch Leistung bestimmt werden. – In dem 1668/69 erschienenen „Simplicissimus“ von Grimmelshausen wird übrigens eine ähnliche Kritik an Adel und Ständegesellschaft geübt.

Don Quijote spricht sich eindeutig gegen Sklaverei aus: „Mir jedoch erscheint es grausam, wenn man die zu Sklaven macht, die Gott und die Natur frei erschuf.“ (I 22) Auch Rassismus wird besprochen: Rassismus gegen Schwarze wird in den Worten des zynisch-praktischen Sancho Pansa saftig ironisiert und damit kritisiert. Für den Fall, dass sein zu gubernierendes Eiland in Afrika liegt, macht sich Sancho Pansa folgende Gedanken: „Was juckt es mich, wenn meine Vasallen schwarz sind? Was muss ich anderes tun, als sie einsammeln und nach Spanien bringen? Da verkaufe ich sie und kriege bare Münze dafür, damit besorge ich mir einen Titel oder irgendein Amt, und davon lebe ich und habe für den Rest meiner Tage keine Sorgen mehr. Ja, immer schön wach und rege, so viel Verstand und Geschick wirst du doch haben, dass du dreißig- oder vierzigtausend Vasallen in einem Schwupp an den Mann bringst! Bei Gott, die will ich ihm Nu verschachert haben, paarweise oder im Haufen, und so pechschwarz sie auch sein mögen, ich will sie mir versilbern und vergolden. Nur her zu mir, ich bin ein harmloser, kleiner Windelschisser! Mit derlei Gedanken war er so beschäftigt und zufrieden, dass er ganz den Verdruss vergaß, zu Fuß gehen zu müssen.“ (I 29) – Wie gesagt, die Kritik am Umgang mit Schwarzen kommt ironisch durch den zynischen Pragmatismus des Sancho Pansa zum Ausdruck. Wenige Absätze später ist von dem „berühmten Mohr Muzaraque“ die Rede: Diese positive Konnotation eines Mohren kontrastiert auffallend zu den Worten Sancho Pansas. – An ganz anderer Stelle wird die Geschichte eines Mohren erzählt, der eine Gefangene bewachen soll, sie küsst, und dafür bestraft wird (II 26). Auch dieses Motiv taucht in Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ auf. Die Geschichte wird als Marionettentheater aufgeführt. Anschließend zerhaut Don Quijote im Wahn alle Mohrenfiguren, wie wenn sie echt wären, nur um hinterher kleinlaut Schadenersatz zu bezahlen.

Juden kommen als Thema fast gar nicht vor. An einer Stelle sagt Sancho Pansa: „Und selbst wenn ich mir sonst nichts zugute halten könnte, als fest und unerschütterlich an Gott zu glauben, wie ich’s tue, und an all das, was die heilige römisch-katholische Kirche sagt und glaubt, und Todfeind der Juden zu sein, wie ich’s bin, müssten doch die Geschichtenschreiber Erbarmen mit mir haben und mich in ihren Schriften gut behandeln.“ (II 8) – Wir vermuten auch hier die Ironie des Autors, die diese naive Haltung durch ihre Darstellung kritisieren will. Ganz so deutlich wie bei den Mohren wird die ironische Kritik hier allerdings nicht.

Der Islam kommt immer wieder vor, vor allem als Bedrohung durch Piraten von den nordafrikanischen Küsten. Aber auch die Vertreibung der Morisken aus Spanien wird wiederholt angesprochen. Die Morisken waren die letzten Muslime, die in Spanien nach der Reconquista zurückblieben und zum Christentum konvertierten. Doch viele von ihnen nur zum Schein, weshalb auch sie später vertrieben wurden. Dieses Schicksal spiegelt sich vor allem in der Person von Ricote wieder, einem Krämer aus dem Dorf von Sancho Pansa (II 54). Dieser brachte seine Familie nach Deutschland, um als Pilger nach Spanien zurückzukehren. Einerseits ist er voller Trauer über den Verlust seiner Heimat Spanien, andererseits zeigt er volles Verständnis für die Vertreibung der Morisken: „… dass es meiner Meinung nach göttliche Eingebung war, die Seine Majestät bewogen hat, einen so beherzten Entschluss in die Tat umzusetzen, nicht etwa, weil wir alle schuldig gewesen wären, nein, manche unter uns waren aufrechte, wahre Christen, doch so wenige, dass sie gegen die nicht ankamen, die es nicht waren, und eine Schlange nährt man nicht am Busen. Kurzum, zu Recht war unsere Strafe die Vertreibung“ (II 54).

Von Deutschland heißt es in diesem Zusammenhang: „Ich zog weiter nach Italien und kam schließlich nach Deutschland, wo wir, wie mir schien, freier würden leben können, denn die Leute dort sind nicht allzu zimperlich, jeder lebt, wie er mag, nach eigenem Gusto und Gewissen.“ (II 54) – Deutschland kommt im ganzen Roman sonst nur noch an einer einzigen anderen Stelle vor, an der von „feinstem Tuch aus deutschen Landen“ die Rede ist (II 32), als Gegensatz zu grobem, gewöhnlichen Tuch.

Auch die Moriskin Ana Felix wurde nach Algerien vertrieben, flieht jedoch zurück nach Spanien, weil sie überzeugte Christin ist (II 63). Dort wird sie gut aufgenommen, und alle reden davon, dass sie sich dafür einsetzen wollen, dass Ana Felix in Spanien bleiben darf. Dabei wird ausdrücklich der Beauftragte für die Vertreibung der Morisken, Don Bernardino de Velasco, Graf von Salazar, als konsequent und nicht barmherzig im Einzelfall beschrieben, und dafür auch gelobt, weil dies so notwendig sei (II 65). – Schließlich wird auf einen Unterschied im Rechtssystem zwischen Spanien und den islamischen Ländern hingewiesen. Hier mit dem Wort „Mohr“, aber gemeint sind wiederum Muslime: „Da könnt Ihr sehen, das Verbrechen ist kaum begangen, und die Strafe folgt auf dem Fuß, denn unter den Mohren gibt es kein Vorladen der Parteien, kein Vertagen zur Erbringung weiterer Beweise wie bei uns.“ (II 26)

Neben der Kritik an den Ritterromanen ist auch eine Kritik an anderer Literatur sowie der Schauspiele zur damaligen Zeit eingeflochten (I 48). In einem Vortrag über Dichtung fordert Don Quijote eine Dichtung in der Nationalsprache (II 16). Als Don Quijote einem Transport von Gemälden begegnet, kommentiert er die verschiedenen Gemälde mit Kennerschaft (II 58). – Immer wieder streut Cervantes auch Zitate, Hinweise und Vergleiche zu Autoren der klassischen Antike ein, die er offenbar gut kannte.

Literarische Finessen

Wie schon gesagt, ist „Don Quijote“ ein Schlüsselroman der europäischen Geistesgeschichte, der alle späteren literarischen Werke stark beeinflusst hat. Eine Besonderheit für die damalige Zeit war es, dass die handelnden Personen des Romans nicht nur Adlige, Geistliche und Ritter waren, sondern das einfache Volk: Bauern, Barbiere, Schankwirte, usw., die sich mit ihren praktischen Sichtweisen und ihrer einfachen Sprache zur Geltung bringen.

Die größte literarische Finesse des Romans liegt aber in seiner Selbstbezüglichkeit. Wir sahen bereits, dass der Roman die Forderung nach einer Literatur in der Landessprache enthält, und diese Forderung zugleich erfüllt. Auch an anderen Stellen beziehen sich die Romanfiguren auf den Verfasser des Romans, in dem sie als Romanfiguren existieren, z.B. Sancho Pansa: „… müssten doch die Geschichtenschreiber Erbarmen mit mir haben und mich in ihren Schriften gut behandeln. Aber sollen sie sagen, was sie wollen, nackt bin ich geboren, nackt bin ich jetzt, hab nichts gewonnen, nichts hinzugesetzt. Und solang ich nur in einem Buch stecke und von Hand zu Hand kreuz und quer durch die Welt gereicht werde, schere ich mich den Teufel drum, was immer man von mir sagen mag.“ (II 8)

Es wird aber noch doller: Im zweiten Band begegnen Don Quijote und Sancho Pansa lauter Leuten, die den ersten Band des Romans schon gelesen haben! Diese wissen bereits, mit wem sie es zu tun haben, und treiben nun erst recht ihren Scherz mit den beiden. Es wird auch deutlich, dass insbesondere die Quasseleien des Sancho Pansa besonders gut beim Publikum angekommen sind. Besonders auffällig wird dies bei der Begegnung mit der Herzogin und dem Herzog, der einen Großteil des zweiten Bandes einnimmt (II 30 ff.). Das Herzogspaar lässt ihre Dienerschaft ganze Szenerien aus der Traumwelt des Don Quijote vorgaukeln, um ihn auf die Schippe zu nehmen, so z.B. einen Aufmarsch der bösen und der guten Zauberer im Wald (II 34 f.), und dass Sancho Pansa sich viele tausend Schläge selbst versetzen muss, um Dulcinea von Toboso aus einer angeblichen Verzauberung zu lösen (ein running gag im zweiten Band). Oder der vorgegaukelte Ritt auf dem Holzpferd Clavilegno durch die Lüfte (II 36). Vom Herzog erhält Sancho Pansa zum Schein das Gubernament über ein „Eiland“, nämlich über ein Dorf namens Baratária (II 44). Und Sancho Pansa schlägt sich erstaunlich wacker und weise als Gubernator!

In den Kapiteln beim Herzogspaar verlaufen die Handlungsstränge mit Don Quijote und Sancho Pansa getrennt. Deshalb alternieren die Kapitel: Mal verfolgen wir, was mit Don Quijote passiert, mal, was mit Sancho Pansa vor sich geht.

Ebenfalls im zweiten Band besucht Don Quijote eine Druckerei (II 62). Es wird genau beschrieben, wie es damals in einer Druckerei zuging, und es wird bei dieser Gelegenheit auch ausgiebig über das Elend des Verlagswesen und die Schwierigkeiten von Autoren mit ihren Verlegern hergezogen. Vor allem aber wird in dieser Druckerei auch der erste Band des Don Quijote gedruckt. Als Don Quijote dies bemerkt, verlässt er die Druckerei schnell wieder. – Der zweite Band (II 1) nimmt auch Bezug zu einem Bruch im Handlungsverlauf des ersten Bandes, der dem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein kann (I 25): Zuerst wird das Grauohr des Sancho Pansa gestohlen, doch wenig später reitet Sancho Pansa wieder munter auf ihm, wie wenn es nie gestohlen worden wäre. Die Schuld für diesen Bruch in der Handlung wird dem Drucker zugeschoben.

Nicht zuletzt kommt im zweiten Band auch ein anderer zweiter Band des „Don Quijote“ vor, der aber gar nicht von Cervantes geschrieben wurde, sondern von einem Unbekannten, der sich an den Erfolg des ersten Bandes anhängen wollte (II 59, 70, 74). Da der falsche zweite Band erwähnt, dass Don Quijote angeblich in Saragossa war, beschließt Don Quijote, Saragossa zu meiden, um den Autor des falschen zweiten Bandes Lügen zu strafen.

Schließlich wird die gesamte Geschichte von Don Quijote als eine Geschichte des fiktiven maurischen Autors Cide Hamete Benengeli dargestellt. Cervantes selbst gibt sich als der Übersetzer der Geschichte aus, der die Geschichte aber nicht nur übersetzt, sondern auch kommentiert, z.B. so: „Cide Hamete, der Chronist dieser großen Historie, tritt zu Beginn dieses Kapitels mit folgenden Worten auf: ‚Ich schwöre als guter Katholik und Christ …‘ Dazu merkt sein Übersetzer an, wenn Cide Hamete als guter Christ schwöre, wo er doch tatsächlich Maure sei, habe er nichts anderes sagen wollen, als dass ein Katholik beim Schwören die Wahrheit schwört oder stets Wahres schwören und sagen sollte und er nun ebenfalls die Wahrheit spreche, ganz wie ein solcher Katholik“ (II 27) – In Wahrheit ist es natürlich Cervantes selbst, der spricht.

Ein tieferer Sinn?

Gibt es hinter dem vergnüglichen aber oberflächlichen Plot und den vielen Weisheiten am Rande eine große Weisheit, einen tieferen Sinn der Gesamtgeschichte? Viele meinen, dass Cervantes seine Leser darüber hätte verwirren wollen, was Wahrheit und was Fiktion ist. Doch das ist nicht der Fall. Das ganze Buch hindurch ist immer und zu jedem Zeitpunkt klar, dass Don Quijote nicht mehr alle Tassen im Schrank hat und einem Wahn verfallen ist. Es ist immer klar, was Wirklichkeit ist und was nur Phantasie, auch wenn es manchmal etwas verwickelt wird. Auch dort, wo es in einem Disput zwischen Sancho Pansa und einer anderen Person über die Frage, ob ein Scherbecken ein Ritterhelm und der Packsattel eines Esels das wertvolle Riemenwerk eines Pferdes sei, für einen Moment zu der Situation kommt, dass Wahn und Wirklichkeit für die Romanfiguren ununterscheidbar scheinen, wird diese Unklarheit sofort eindeutig aufgelöst durch den Stoßseufzer des Kontrahenten, der sich schlussendlich doch nicht beirren lässt: „Ich schwör’s …, niemand auf Erden kann mir einreden, das hier sei kein Scherbecken und das da kein Eselsattel.“ (I 45)

Die beiden Romanfiguren Don Quijote und Sancho Pansa kommen allerdings immer wieder in Verwirrung, was Realität und was Trug ist. Don Quijote wegen seines Wahnes, Sancho Pansa wegen seiner Unintellektualität, die ihn vor einem eigenen Urteil zurückschrecken lässt und allzu bereitwillig anderen glauben lässt, die er für klüger hält. Doch der Leser des Romans kommt an keiner Stelle in Zweifel.

Während Sancho Pansa durchaus auch manches aus der blauen Luft heraus erfindet, und sich darüber meistens auch bewusst ist, glaubt Don Quijote praktisch alles, was er in seinem Wahn zu sehen glaubt. Nur an einer einzigen Stelle scheint es, als habe Don Quijote ein Bewusstsein davon, dass es sich bei dem, was er anderen erzählt, um Lüge handele: Als Sancho Pansa reichlich Lügen auftischt, was er am Himmel angeblich gesehen habe, als er mit dem Holzpferd Clavilegno zu den Sternen ritt, sagt Don Quijote zu ihm: „Sancho, wenn man ihm glauben soll, was er am Himmel gesehen hat, soll er mir auch glauben, was ich in der Höhle des Montesinos gesehen habe. Wir verstehen uns.“ (II 41) – Doch was isoliert wie eine recht klare Aufforderung nach dem Muster aussieht: „Glaubst Du meine Lügen, glaub‘ ich Deine Lügen“, ist in Wahrheit anders zu verstehen. Denn nur wenige Kapitel zuvor wird berichtet, wie Don Quijote in Zweifel darüber kommt, ob seine Erlebnisse in der Höhle des Montesinos (II 22 f.) Realität oder Traum waren: „weil sich ihm die Frage, ob es Wirklichkeit war, was er in der Höhle des Montesinos erlebt hatte, immer mehr verwirrte.“ (II 34) Es geht also nicht um erfundene Lüge, sondern um Traum, und es sind Zweifel, ob es Realität oder Traum war, aber keine Gewissheit, dass es ein Traum war. Damit ist der obige Satz an Sancho Pansa eine Aufforderung, weniger misstrauisch zu sein, dann werde auch er, Don Quijote, weniger misstrauisch sein. Aus moderner Perspektive ist das von Don Quijote vorgeschlagene gegenseitige Vertrauen natürlich nicht sehr vernünftig, aber es geht nicht um Vernunft, sondern es geht um Ritterlichkeit und gutes Benehmen, zu dem Don Quijote Sancho Pansa immer wieder ermahnt. So auch hier. Das ist alles.

Es gibt auch Stimmen, die sagen, der Roman solle zeigen, dass tugendhafte Menschen Idioten sind, die nicht verstanden haben, wie die Welt funktioniert. Wer tugendhaft und gut sein will, sei ein Idiot, und die klugen Menschen seien bauernschlau wie Sancho Pansa. Doch auch das ist falsch. Denn die Idiotie des Don Quijote liegt nicht zuerst in seinem Streben nach Tugendhaftigkeit, sondern vor allem in seinem Wahn, der ihn die Realität verkennen lässt. Und der zynische Pragmatismus des Sancho Pansa wird in diesem Roman mehr als einmal gehörig auf die Schippe genommen.

Eine Kritik, die man durchaus aus dem Roman herauslesen könnte, ist eine Kritik an den holzschnittartigen Vorstellungen von Tugendhaftigkeit des Don Quijote, der seine Ideale ohne Rücksicht auf eigene Verluste durchzusetzen versucht, und damit immer wieder scheitert. Aber auch hier ist nicht die Tugendhaftigkeit selbst das Problem, sondern das Verkennen der Realität, die im Wahn des Don Quijote begründet ist. Damit formuliert der Roman eine Kritik an der Gesinnung von „Gutmenschen“. „Gutmenschen“ sind Menschen, die stets das Gute wollen, was an sich kein Problem wäre, die aber von der Realität und damit auch von dem, was wirklich gut ist, keine Ahnung haben. Man könnte auch von Naivlingen sprechen. Aber diese Kritik steht nicht im Zentrum des Romans.

Im Zentrum des Romans steht die Kritik an den Ritterromanen. Das ist der Plot, der bis zuletzt durchgehalten wird. Auch die Bekehrung des Don Quijote von seinem Wahn am Ende des zweiten Bandes wird einzig dadurch motiviert, dass Don Quijote auf diese Weise den Ritterbüchern abschwören kann, bevor er stirbt. Ein anderer Sinn ist in der Bekehrung des Don Quijote nicht erkennbar, es wird auch kein Grund genannt, warum sich Don Quijote bekehrt.

Eine moderne Deutung

Cervantes ging es in seinem Werk um die Verwirrung des Menschen darüber, was Realität und was Trug ist, so schreiben es Literaturwissenschaftler. Doch das gibt der Roman so nicht her. Denn Verrücktheit auf der einen Seite (Don Quijote) und Unintellektualität auf der anderen Seite (Sancho Pansa) sind nicht das, was wir meinen, wenn wir von der Verwirrung über Realität und Trug in einem tieferen, philosophischen Sinne sprechen. Dieses Thema finden wir in dem Schauspiel „Das Leben ist ein Traum“ von Pedro Calderón von 1634/35, aber nicht hier.

Doch es gibt eine unverhofft moderne Deutungsmöglichkeit für „Don Quijote“! Man könnte den Wahn des Don Quijote, der aus seiner völligen Versenkung in die Welt der Ritterromane herrührt, mit dem modernen Phänomen der Informationsblase vergleichen: Durch eigene Präferenzen und durch die Algorithmen elektronischer Medien bekommt jeder heute ein anderes Universum von Informationen serviert, das bestimmte Teile der Wirklichkeit – alternative Meinungen – ausblendet, und im Extremfall in der Verstrickung in einem Verschwörungswahn enden kann. Das trifft den Wahn des Don Quijote ziemlich gut!

Wir alle kennen das Phänomen von Andersdenkenden, die sich in einem Universum von Irrtümern eingerichtet haben, bei dem ein Irrtum den anderen stützt, und die richtige Argumente falsch verwenden. Es ist unheimlich schwierig, ein solchermaßen geschlossenes Weltbild argumentativ aufzusprengen. Und tatsächlich gibt es mindestens zwei Versuche in diesem Roman, Don Quijote mithilfe von Argumenten davon zu überzeugen, dass er sich in einem Wahn befindet. Doch sie scheitern, denn Don Quijote weiß seinen Wahn mit Argumenten zu verteidigen. Als der Pfarrer des Dorfes z.B. nach den Riesen fragt, bringt Don Quijote die Knochenfunde von Zwergelefanten auf Sizilien vor, die man damals für Knochen von riesenhaften, einäugigen Zyklopen hielt (II 1). Und auch ein Domherr kommt mit seinen Argumenten nicht weit und muss Don Quijote einige Zugeständnisse machen, dass er in diesem und jenem Punkt durchaus Recht hat. „Der Domherr konnte nicht genug über solch durchdachten Unfug staunen, den er von Don Quijote hörte …“ (I 50).

Aber auch Sancho Pansa passt hervorragend in diese moderne Deutung: Denn Sancho Pansa ist der exemplarisch unintellektuelle Mensch, für den der Unterschied zwischen Wahr und Falsch nicht so wichtig ist, der seinen eigenen Verstand unter die Autorität von Leuten stellt, die er für gelehrt hält, und der von der Aussicht, das Gubernament eines Eilandes zu erlangen, so geblendet ist, dass er völlig außer acht lässt, dass diese Aussicht auf Sand gebaut ist. Das Zitat über den Domherrn von oben setzt sich so fort: „… und schließlich staunte er über Sanchos Torheit, den es so hartnäckig nach der Grafschaft verlangte, die sein Herr ihm versprochen hatte.“ (I 50)

Diese beiden Charaktere, der irrende Intellektuelle und der irrende Unintellektuelle, begegnen einem auch in der Gegenwart auf Schritt und Tritt, und in der Welt der Sozialen Netzwerke des Internets wurde daraus ein Massenphänomen. Schon Hannah Arendt meinte, Intellektuelle hätten es leichter, sich an eine Diktatur anzupassen, weil sie über die besseren geistigen Fähigkeiten verfügen, sich selbst argumentativ zu betrügen. Und unintellektuelle Menschen, für die die Wahrheit keinen hohen Stellenwert hat, die irgendwelchen Autoritäten hinterherlaufen, und die auf falsche Versprechungen oder falsche Angstmacherei hereinfallen, gibt es heute ebenfalls zuhauf.

Die modernen Don Quijotes kämpfen nicht gegen Windmühlen, die sie für Riesen halten, sondern z.B. gegen Rassismus, den sie überall zu sehen glauben, auch dort wo keiner ist. Sie haben tausend Argumente, warum man die Stromversorgung einer modernen Volkswirtschaft allein aus Sonne und Wind bestreiten könnte, und übersehen dabei wesentliche Randbedingungen. Oder sie wiegeln berechtigte Hinweise auf die Radikalität einer Partei mit dem Argument ab, es handele sich nur um die Propaganda der Gegenseite.

Die modernen Sancho Pansas wiederum hängen sich mit ihrer Meinung an irgendeine Fernsehpersönlichkeit an, statt selbst zu denken. Insbesondere könne es nicht sein, dass die Experten einer bevorzugten Partei dermaßen irren, denn es sind ja Experten! Die modernen Sancho Pansas hoffen auf mehr Bürgergeld und höhere Renten, ohne zu sehen, dass die Sozialsysteme unbezahlbar werden und massive Fehlanreize gesetzt werden, und sie lassen sich von politisch interessierter Seite übertriebene Ängste einreden, etwa vor der Atomkraft, dem Fracking oder dem Klimawandel.

Womöglich ist diese moderne Deutung zugleich auch die originale Deutung für das 17. Jahrhundert, nur, dass wir modernen Menschen den Zeitgeist von damals nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen und deshalb die Anspielungen darauf für uns nicht mehr erkennbar sind.

Fazit

Der Roman „Don Quijote“ von Cervantes ist eine gelungene Zeitkritik, die mit viel Witz geschrieben ist und ein großes Lesevergnügen bereitet. Viele der Verhaltens- und Denkweisen, die Cervantes im 17. Jahrhundert auf die Schippe nahm, finden sich auch in unserer Gegenwart wieder, und so ist der Roman immer noch höchst lesbar und von einer geradezu zeitlosen Aktualität.

Die neue Übersetzung von Susanne Lange bringt den Witz in den Dialogen hervorragend zum Ausdruck. Das Hörbuch wurde von Christian Brückner wie immer bestens vorgelesen. Allerdings ist Christian Brückner ein langsamer Leser. Man kann die Geschwindigkeit auf 1.7 steigern und es hört sich immer noch gut an. Die Plappereien des Sancho Pansa kommen dabei vielleicht sogar noch besser zur Geltung. Das Hörbuch hat eine Länge von 46 Stunden. Mit einer Geschwindigkeit von 1.7 sind es noch 35 Stunden. – Die Übersetzung von Susanne Lange ist im Hanser-Verlag in zwei Bänden erschienen, die zusammen 1490 Seiten haben, und über Anmerkungen, Register und ein Nachwort verfügen. Die verlangten 78,- EUR sind dafür wohlinvestiert.

Im allgemeinen Bewusstsein ist Don Quijote heute nur noch wegen seines Kampfes gegen die Windmühlen bekannt. Das liegt vermutlich daran, dass der Kampf gegen die Windmühlen eine sehr anschauliche Episode ist, die ziemlich am Anfang des ersten Bandes vorkommt. Vermutlich haben viele Leser auch gar nicht viel weiter in den Roman hineingelesen. Es ist ähnlich wie beim „Simplicissimus“ von Grimmelshausen, der auch nur noch für die Ereignisse am Anfang der Geschichte bekannt ist, obwohl so viel mehr darin enthalten ist. – Das deutsche Sprichwort „gegen Windmühlen kämpfen“ hat übrigens eine andere Bedeutung als der Kampf gegen die Windmühlen im Roman. Im Roman täuscht sich Don Quijote über die wahre Natur der Windmühlen und hält sie für Riesen. Das Sprichwort kennt diesen Aspekt der Selbsttäuschung hingegen nicht und geht von einem durchaus bekämpfenswerten Gegner aus, den zu bekämpfen allerdings sinnlos ist, weil er nicht besiegt werden kann.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Sasha Abramsky: Das Haus der zwanzigtausend Bücher (2014)

Sehr persönlicher Einblick in jüngere jüdische Geistesgeschichte

Dieses Buch erzählt die Geschichte von Chimen Abramsky. „Chimen“ ist dabei eine verballhornte Schreibung von Shimon. Er wurde geboren in Russland, wo jüdische Kultur und Gelehrsamkeit jahrhundertelang im Ansiedlungsrayon blühte, bis Pogrome und Holocaust dem ein Ende bereiteten. Er war Sohn eines international bedeutenden jüdischen Gelehrten, dessen Familie aus Russland nach London floh und an dessen Beerdigung in Israel zehntausende orthodoxer Juden teilnahmen. In London heiratete Chimen in eine jüdische Buchhandlung ein, und wurde aus Angst vor dem Nationalsozialismus Kommunist, ja sogar Stalinist. Später bekehrte er sich zu einer liberaleren Weltsicht und war mit Isaiah Berlin befreundet.

Chimen Abramsky baute in seinem Privathaus im Hillway 5 in London eine gewaltige Sammlung von Manuskripten und Büchern zu den Themen Sozialismus und Judentum auf. Chimen war ein weltweit anerkannter Experte für alte Schriften und Drucke, wurde zum Ratgeber für Sotheby’s, und schließlich Hochschulprofessor, ohne je selbst studiert zu haben. In seinem Haus trafen sich ohne Unterlass Intellektuelle, Künstler und Gelehrte, immer gut bewirtet von seiner Ehefrau Mimi.

Erzählt wird uns dies alles von einem Enkel von Chimen Abramsky. Wir dürfen auf diese Weise teilhaben an einem sehr persönlichen und erhellenden Blick auf jüdische Schicksale und jüdisches Denken (und Umdenken) im 20. Jahrhundert. Es ist bedenkenswert, wenn der Autor die Gelehrsamkeit des (Ex-)Kommunisten Chimen Abramsky mit der Gelehrsamkeit der jüdischen Religionsgelehrten aller Jahrhunderte vergleicht. Oder bei der Bewirtung der zahllosen Gäste im Hillway durch dessen Ehefrau Mimi an die Salons jüdischer intellektueller Damen im 19. Jahrhundert denkt. Es ist interessant zu sehen, wie im Hillway jüdische Speisevorschriften u.a. religiöse Rituale beachtet wurden, obwohl Chimen und Mimi gar nicht religiös waren. Nach seinem Abfall vom Kommunismus findet Chimen nicht mehr zu einer geschlossenen Weltanschauung zurück, und bleibt ein Wanderer zwischen den Welten. Eine Tendenz zu Spinozas Pantheismus war erkennbar.

Chimen scheint es mit dem Sammeln von Büchern teils übertrieben zu haben. Fotos zeigen das Haus in einem Zustand, der an das Phänomen des „Messie“ erinnert. Bezeichnend ist auch, dass Chimen trotz seines anerkannten Wissens praktisch nicht in der Lage war, sein Wissen zu ordnen und in Buchform zu bringen. Chimen scheint eine sehr assoziative, ungeordnete und sprunghafte Geistesorganisation gehabt zu haben, also ein Mensch, der in vielem nicht rational war, und Rationalität vielfach auch gar nicht anstrebte, sondern – vielleicht – lieber träumte.

Auch die Themen Krankheit und Tod werden bearbeitet. Gerade in diesen Passagen ist es ein sehr persönliches Buch.

Leider ist es sehr journalistisch geschrieben. Manchmal ist die Sprache flapsig und unangemessen. Leider ist die Darlegung auch sehr unsystematisch und assoziativ. Man findet zu ein und demselben Thema immer wieder ein paar Brocken hie und da verstreut im Buch, wo man sich eine systematische Darstellung gewünscht hätte. Vor allem am Anfang des Buches stört das sehr. Unpassend ist auch die Kritik des Autors an der geheimdienstlichen Überwachung von Chimen Abramsky im nachgetragenen Vorwort. Immerhin war Chimen damals ein in der Wolle gefärbter Stalinist und ein intellektuell einflussreiches Mitglied der kommunistischen Partei Großbritanniens mitten im Kalten Krieg!

Das Nachwort von Philipp Blom zu Bibliotheken von Exilanten ist zunächst bedenkenswert, dann aber einfach nur unakzeptabel: Dass ein direkter Weg von Kant zu den Konzentrationslagern des 20. Jahrhunderts führt, ist Unsinn.

Fazit

Mit etwas Toleranz für die Schwächen des Buches ist es eine sehr, sehr lesenswerte und bereichernde Lektüre.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 18. Mai 2018)

Alejandro Amenábar: Agora (Film 2009)

Wie sich eine kollektive Weltanschauung Schritt für Schritt durchsetzt

Der Film „Agora“ ist gut, sehr gut sogar – verstörend gut. Er zeigt, wie eine kollektive Weltanschauung X – in diesem Fall das Christentum – sich in einer Gesellschaft Zug um Zug durchsetzt, und andere kollektive Weltanschauungen Y oder Z – in diesem Fall Serapis-Kult und Judentum – dabei schrittweise an Boden verlieren. Nebenbei kommen Freidenker, die mit den bisherigen kollektiven Weltanschauungen ein Arrangement gefunden hatten, unter die Räder, weil sie ein solches Arrangement mit der neuen kollektiven Weltanschauung eben noch nicht gefunden haben.

Der Film zeigt sehr gut, dass guter Wille allein nicht genügt, um widerstreitende kollektive Weltanschauungen zu befrieden. Denn die Dinge schaukeln sich hoch und haben eine Dynamik, die nicht beherschbar ist. Es nützt nichts, auf die Vereinfacher und Hetzer zu schimpfen – sie sind nun einmal immer da, man muss sie mitdenken, sonst hat man kein volles Bild der Wirklichkeit. Man sieht, wie auch vernünftige Menschen auf allen Seiten – auch wenn sie Macht haben – gegen die Neigung zur Dummheit, die in jeder kollektiven Weltanschauung angelegt ist, nichts ausrichten können.

Das Dumme an der Dummheit ist, dass man sie vollkommen gleichberechtigt mit der Realität behandeln muss, wenn sie nur gesellschaftliche Macht hat. Man muss mit ihr verhandeln. „Seit wann gibt es in Alexandria so viele Christen?“ lautet einer der Schlüsselsätze im Film. Dass in den Verfassungstexten einer Gesellschaft irgend etwas kodifiziert ist, spielt dann keine Rolle mehr – das wird alles gnadenlos Bestandteil der Verhandlungsmasse, wenn die Gewichte in der Gesellschaft sich verschieben.

Und dann gibt es noch die Möglichkeit, mit den Wölfen zu heulen, nur lauter. Im Film scheitert dieser Weg, weil der Protagonist nicht laut genug „mit den Wölfen heulte“ (der Moment, wo Orestes sich nicht niederkniet).

Natürlich denkt man bei all dem an das derzeitige Erstarken von Formen des Islams, die fern von der Vernunft sind (womit gesagt sein soll, dass der Islam auch vernünftig sein kann). Man kann die Sache aber auch tiefer hängen. Welcher Politiker z.B. könnte es sich leisten, Kohlendioxid als Verursacher des Klimawandels anzuzweifeln? Wer könnte es wagen, gegen das gedankenlose Multikulti und den Softsozialismus in der Gesellschaft anzugehen? Usw. usf.

Auch dies: Noch nie jedenfalls habe ich das Christentum so hinterfragt gesehen. Die meisten von uns sind ja mit einem „lieben“ Bild von Christentum aufgewachsen, und auch wenn wir alle es längst hinterfragt haben: So krass wie in diesem Film hat man es noch nie gesehen, und der Eindruck ist gerade auch deshalb so stark, weil der Film nicht übertreibt, sondern glaubwürdig bleibt: Auch wenn die wahre Story um Hypatia nicht exakt genau so gewesen ist, so kann man sich dennoch nur zu gut vorstellen, dass das Christentum diese üble Rolle auf diese Weise spielen kann und auch oft genug gespielt hat. „Halleluja“ statt „Allahu akbar“ – das kann man sich nur zu gut vorstellen.

Der Film war fast zu perfekt. Sogar die Aussprache von „Agora“ war richtig. Die meisten sagen ja „Agoora“, aber es heißt natürlich „Agoraa“ 🙂

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 27. März 2010; die Rezension ist dort inzwischen verschwunden.)

Hermann Hesse: Narziss und Goldmund (1930)

Durchspielen von Sinnlichkeit und Geistigkeit – Kritik am typisch „Deutschen“

Der Roman „Narziss und Goldmund“ schildert die Freundschaft zweier Klosterschüler, von denen der eine radikal sinnlich, der andere radikal geistig lebt. Narziss lebt ein Leben der Gelehrsamkeit, bleibt immer nur im Kloster, steigt zum Abt auf, und hat einen rationalen Durchblick durch die Zusammenhänge der Welt. Goldmund hingegen verlässt das Kloster, zieht wandernd durch die Lande, legt eine Frau nach der anderen flach, wird zum bildenden Künstler, und kehrt am Ende ins Kloster zurück. Während die Figur des Goldmund den Roman beherrscht, taucht Narziss nur am Anfang und Ende auf, und steht – obwohl ebenbürtig – nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Hermann Hesse wollte hier ganz offensichtlich zwei Charaktereigenschaften an zwei Menschen durchspielen, indem er sie jeweils völlig einseitig gestaltet, und miteinander in freundschaftliche Verbindung bringt. Narziss muss Goldmund anfangs erst zur Erkenntnis seiner selbst befreien, bevor dieser hemmungslos sinnlich werden kann. Goldmund hingegen lässt Narziss zweifeln, ob ein rein geistiges Leben wirklich gut ist. Narziss hat Goldmund am Ende voraus, dass er dessen Sinnlichkeit anfanghaft versteht. Goldmund hingegen versteht die geistige Welt des Narziss noch nicht einmal im Ansatz. Goldmund bleibt bis zuletzt ein großes Kind, kuriert eine gefährliche Verletzung nicht aus, und stirbt blöde lächelnd (Hirnschlag?), ohne die Mehrzahl der von ihm geplanten Werke geschaffen zu haben. Narziss bleibt zweifelnd zurück.

Bedingt durch Bildungsmangel und die Irrtümer des Zeitgeistes fassen viele Leser diesen Roman falsch auf. Der erste Irrtum ist die Lesart als Lebensratgeber. Wie wenn Hermann Hesse dem Leser hätte sagen wollen: „Enthemme Dich, fick Dich durch’s Leben, die Rationalen sind die Dummen.“ Doch das ist nicht der Fall. Beide Charaktere sind gleich in ihrer Würde. Und beide Charaktere taugen nicht als Vorbild. Vorbildlich wäre eine richtige Mischung aus beidem. Der zweite verbreitete Irrtum ist die Lesart als homoerotischer Roman. Auch das ist Unfug. Die Liebe zwischen Narziss und Goldmund ist die Liebe von Mensch zu Mensch, jenseits aller Geschlechtlichkeit. Wer das nicht erkennt, hat etwas verpasst.

Thema Sinnlichkeit: Hier spielt das Bild der „Mutter“ eine große Rolle. Zunächst die eigene, verlorene Mutter, dann das Bild der „großen“ Mutter. Die Mutter als Verkörperung von Leben und Tod zugleich. Goldmund verfällt dieser Vorstellung völlig und wird von ihr in den Tod gezogen. Narziss sind solche Gedanken und Gefühle fremd.

Thema Kunst und Künstler: Der Werdegang von Goldmund zum Künstler, seine Begegnung mit Werken und mit dem Meister, sein innerer Drang, seine Gedanken über Gesehenes und seine inneren Bilderwelten geben dem Leser einen lebendigen Eindruck davon, was es heißt ein Künstler zu sein und Werke zu schaffen.

Thema Lebensweisheit: Der Roman umspannt das ganze Leben zweier Menschen und enthält deshalb auch eine Menge Lebensweisheit zu allen möglichen Themen (Jugend vs. Alter, Wanderschaft vs. Sesshaftigkeit, Lehre vs. Meisterschaft, Leben vs. Tod), die nicht zwingend mit dem Thema des Buches verbunden sind. Es könnte sich lohnen, das Buch mehrfach zu lesen.

Thema Kloster Maulbronn: Hermann Hesse hat das Kloster Mariabronn natürlich nach dem Kloster Maulbronn gestaltet, in dem er als Internatsschüler gescheitert war. Aber überraschenderweise ist die Darstellung der Klosterschule in diesem Roman durchgehend positiv! Das erfreut den Leser, der sich an die Depressivität des Romans „Unterm Rad“ erinnert, in dem Hesse seine negativen Erfahrungen im Kloster Maulbronn verarbeitet hatte.

Thema Mittelalter: Neben dem Kloster wird das ganze mittelalterliche Leben durchgespielt: Dörfer und Höfe, ein Ritter auf seiner Burg, die Bischofsstadt (die angeblich nach Würzburg gestaltet sein soll, aber Würzburg ist viel zu barock), der Statthalter des Kaisers in seiner Residenz.

Thema Pest: Auch die mittelalterliche Pest spielt eine Rolle. Es ist interessant, die heutigen Erfahrungen mit der Corona-Pandemie mit dieser literarischen Darstellung der Pest zu vergleichen. Es gibt die Angst vor der Ansteckung, das Abstandhalten und Isolieren, die behördlichen Anweisungen, die Geschäftemacher usw.

Typisch „deutsch“:

Hermann Hesse schrieb dieses Buch 1927-1929, also noch vor der Zeit des Nationalsozialismus: „Ich habe mit diesem Buch der Idee von Deutsch­land und deutschem Wesen, die ich seit der Kindheit in mir hatte, einmal Ausdruck gegeben und ihr meine Liebe gestanden – gerade weil ich alles, was heute spezi­fisch ‚deutsch‘ ist, so sehr hasse.“ – Was könnte Hesse damit gemeint haben?

Viele denken an die im Roman geschilderte Verbrennung von Juden als Sündenböcken für die Pest. Narziss sagt, er würde eine Judenverbrennung zwar niemals anordnen, aber es könnte sein, dass er sie geschehen ließe, wenn er sie nicht verhindern könne, denn: „Die Welt ist nicht anders“. – Das mag vielleicht ein Aspekt des typisch Deutschen sein, den Hesse vielleicht auch meinte, aber Hesse schrieb dieses Buch vor der Zeit des Nationalsozialismus, und Judenpogrome waren und sind alles andere als typisch „deutsch“. Die Antwort des Narziss ist außerdem gar nicht so unvernünftig: Nicht mittun ist schon ziemlich viel getan. – Es könnte auch die Rationalität und Gelehrsamkeit des Narziss gemeint sein. Aber dieser kann es nicht allein sein, weil er ebenbürtiger Gegenspieler zu Goldmund ist, und weder Rationalität noch Gelehrsamkeit sind typisch „deutsch“. – Es könnten mit „deutsch“ auch die sesshaften Spießer gemeint sein, gegen die Goldmund als Vagabund polemisiert. Aber das ist nur ein Randthema.

Nein, es ist etwas ganz anderes, was die Menschen von heute nicht sehen, weil sie durch Bildungsmangel und Zeitgeist blind dafür geworden sind. Der Elephant im Raum ist natürlich die zentrale Figur des Goldmund, wie er mit größter Unbekümmertheit und Naivität durch das ganze deutsche Reich wandert, dabei Jung-Siegfriedhaft immer ein Kind bleibt, wie er sich gerne in Raufereien verwickelt und manchmal jemanden totschlägt, wie er die Jüdin Rebecca, die gerade ihre Familie auf dem Scheiterhaufen verloren hat, dämlich dazu auffordert, ihr Leben doch in sinnlicher Lust zu genießen, der sich nicht einmal ansatzweise (!) aufs Denken versteht, und der schließlich dem Todessog der großen Mutter verfällt. Dies ist die große Kritik am deutschen Volk, die Hermann Hesse hier gestaltet hat. Diese Figur ist es, die Hermann Hesse zugleich liebt und hasst. Also gerade das, was manche als positive Lebenslehre aus diesem Roman mitnehmen wollen, ist in Wahrheit die zentrale Kritik des typisch „Deutschen“.

Ein Vergleich zu Thomas Manns „Zauberberg“ von 1924 drängt sich auf: Auch hier meinen heute viele irrigerweise, der politisch Radikale Naphta wäre die große Warnung vor dem, was kommt. Doch in Wahrheit ist es der freundliche Herr Peeperkorn, der alle für sich vereinnahmt und nur inhaltsleere Gespräche führt, vor dem Thomas Mann vor allem warnen will. Auch dieses Buch wird in ganz ähnlicher Weise missverstanden.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Geschrieben 27. August 2020.