Schlagwort: Mitleid

Michael Köhlmeier: Wenn ich Wir sage (2019)

Kein gebildeter Essay sondern irrationale Orgie des utopischen linken Zeitgeistes

Zu Anfang gewinnt der Leser den Eindruck eines wunderbar gebildeten Essays: Köhlmeier kreist mit spielerischer Leichtigkeit um die beiden Geistesgrößen Ralph Waldo Emerson und Montaigne, und macht sich angenehm eigenwillige und durchaus originelle Gedanken zu Platon, Homer, Thomas Mann und Isaiah Berlin. Alles beginnt mit der Einsicht, dass auch in engeren Beziehungen wie Familie und Freundschaft nicht nur reine Zuneigung herrscht, sondern oft auch Motive wie z.B. Überlegenheit, Abhängigkeit und Wettkampf eine Rolle spielen.

Doch bereits bei folgenden groben Fehlern und Irrtümern beginnt man zu stutzen: Von Sokrates und den platonischen Dialogen heißt es, Sokrates wisse immer alles schon im Voraus, und seine Dialoge seien angeblich kein fairer Austausch von Argumenten. Sokrates sei doktrinär, und die Platonischen Mythen seien Erfindungen in diesem Sinne. (S. 28, 30) Hat Köhlmeier dieselben Dialoge gelesen wie wir? Hat er noch nie etwas davon gehört, dass manche Dialoge Platons in einer Aporie enden? Bei einem derart zynischen Sokrates- bzw. Platonbild muss man sich fragen, wieviel Köhlmeier von Philosophie verstanden haben kann? – Ärgerlich ist die offenbar wohlwollend gemeinte Erwähnung, dass die Religionsgemeinschaft der Unitarier sich für immer mehr Glaubensrichtungen öffnete, am Ende auch für Atheisten (S. 20). Ärgerlich deshalb, weil dieser Vorgang natürlich nicht bedeutet, dass die Unitarier tolerant geworden wären, sondern einfach nur bedeutet, dass die Unitarier ihre eigenen Überzeugungen aufgegeben haben. Wie naiv muss man sein, um an eine Weltverbrüderung durch die Selbstaufgabe der eigenen Überzeugungen zu glauben? Wie naiv muss man sein, die gegenseitige Tolerierung von gegensätzlichen Weltanschauungen durch deren Verwischung und Selbstaufgabe erreichen zu wollen? Was bei Köhlmeier hingegen fehlt, ist der Gedanke, dass die verschiedenen Weltanschauungen in einem klassisch verstandenen Humanismus (Vernunft, historische Kritik, Wesen des Menschen) eine Brücke zueinander haben könnten. – Dann vergleicht Köhlmeier das Stockholm-Syndrom mit dem Phänomen, dass manche Menschen ihren Daseinszweck in einer Feindbeziehung finden, d.h. ohne ihren Feind würde ihr Leben plötzlich sinnlos (S. 33). Das ist aber etwas ganz anderes als das Stockholm-Syndrom und deshalb ein ziemlich schiefer Vergleich. – Zu dem Umstand, dass Montaigne Latein lernte, fällt Köhlmeier nur ein, dass ihm das damals Türen geöffnet haben mag, auch zu Bibliotheken, und dass der lateinische Wortschatz zum Philosophieren besser geeignet war als das damalige Französisch (S. 56). Aber damit verkennt er den zentralen Wert des Lateinlernens: Die vertikale Horizonterweiterung hinein in die Tiefe der Geschichte! Am Verlauf der Geschichte der antiken Welt kann man viele Einsichten über die Welt der Gegenwart gewinnen. Und natürlich bekommt man einen unverfälschten Zugang zum Denken der antiken Philosophen, fernab von allen modischen Verfälschungen des Denkens der Gegenwart. Für Köhlmeier ist Latein aber offenbar nur ein höchst gegenwärtiges, schnödes Werkzeug, ja sogar ein Status Symbol, ein Türöffner zur Gesellschaft. – Bei Thomas Manns Zauberberg konzentriert sich Köhlmeier ganz auf den Gegensatz von Naphta und Settembrini, während er über Peeperkorn kein Wort verliert (S. 23, 25). Naphta ist für Köhlmeier der Repräsentant des verführerischen Charismas, der Inbegriff des Gefährlichen. Damit hat Köhlmeier den ganzen Roman missverstanden, denn es ist Peeperkorn, der der charismatische, gefährliche Typ ist. Mit Naphta hingegen kann man noch reden, und dies geschieht im Roman auch ausgiebig. Immerhin: Mit diesem völligen Missverstehen von Thomas Manns Zauberberg ist Köhlmeier nicht allein. – Schließlich wird auch die eingangs erwähnte Fragestellung nicht gut aufgelöst: Nur wer von der naiven Idee herkommt, dass das Gute in purer Selbstlosigkeit bestünde, wird von der Erkenntnis erschüttert, dass auch engere Beziehungen nicht nur reine Liebe sind. Köhlmeier leistet aber keine philosophisch akzeptable Lösung des Problems, weil er bei dem naiven Maßstab des selbstlos Guten verharrt, und damit das wahre Wesen des Menschen dauerhaft verkennt, in dem die Brücke zum Mitmenschen paradoxerweise gerade über den Egoismus geschlagen wird. Köhlmeier kommt zwar auf das Mitleid, das diese Brücke schlägt, erkennt aber dessen Bedeutung nicht, sondern sieht darin nur etwas mehr als ein „Minimalprogramm“ von Humanität (S. 38 f.). – Und gleich setzt Köhlmeier einen weiteren, entlarvenden Irrtum oben drauf: Die Aufforderung Jesu, den Nächsten zu lieben „wie sich selbst“, funktioniere noch weniger als das Mitleid, weil es schwierig sei, sich selbst zu lieben (S. 39): Aber nur diese Selbstliebe ist im Mitleid die Brücke zum Mitmenschen! Köhlmeier hat das ganze Konzept der Philosophie vom Mitleid von A bis Z nicht verstanden. Er hat Jesu Aufforderung der Nächstenliebe nicht verstanden. Er hat Platon nicht verstanden. Er hat den Bildungswert von Latein nicht verstanden. Und noch vieles andere hat Köhlmeier nicht verstanden, was zum Grundbestand eines klassisch humanistisch gebildeten Menschen unbedingt dazugehören würde.

Köhlmeiers Überlegungen kulminieren in folgendem Gedanken: Im engeren Kreise, in Familie, Freundschaft und Heimat, gäbe es ein glaubwürdiges „Wir“, auch wenn es bisweilen schwierig sei. Das „Wir“ jedoch, das die Nation repräsentiert, sei grundsätzlich verlogen, mythisch und auf die Zerstörung des Glückes der Menschen aus (S. 75-85). Köhlmeier unterscheidet dabei nicht zwischen normalem Nationalbewusstsein und Nationalismus: Für ihn ist bereits der Patriotismus eine Lüge, und eine Nation könne gar nicht anders, als sich über ihre Feinde zu definieren. Als Kronzeuge dient ihm dazu Isaiah Berlin (S. 71-75).

Hier ist Köhlmeier entschieden zu widersprechen: Auch eine Nation kann ein legitimes und notwendiges „Wir“ sein, das aus einer gemeinsam erlebten Geschichte erwachsen ist. Die Nation ist zudem der einzige Organisationsrahmen, innerhalb dessen sich Demokratie entfalten kann, denn nur die Nation stellt den dafür nötigen Diskursraum sowie die historisch gewachsene Solidarität der Bürger untereinander zur Verfügung. Die Idee Köhlmeiers, dass Heimat „einschließe“, Nation jedoch „ausschließe“, ist irrationaler Blödsinn. Gerade die innige Kultur der Heimat grenzt Neuankömmlinge gnadenlos aus, man denke nur an den Dialekt. Und wenn Köhlmeier meint, wer eine Nation liebe, der könne genauso gut die Verkehrsschilder lieben, die von Nation zu Nation unterschiedlich sind (S. 81), dann ist ihm zu entgegnen: Ja, die Verkehrsschilder gehören auch dazu! Wer über eine Grenze von Nation zu Nation fährt, bemerkt sofort tausend kleine Unterschiede, die zusammen eine ganz andere Atmosphäre erzeugen, die eben typisch ist für die jeweilige Nation. Von den Verkehrsschildern, über die Werbeplakate bis hin zum Zuschnitt von Feldern und Wäldern: Alles zeugt von einem anderen inneren Zusammenhang, der über Jahrhunderte gewachsen ist, seinen ganz eigenen Charme hat, und sich bis in tiefste Tiefen fortsetzt, denn auch Politik, Literatur und Kunst funktionieren in jeder Nation wieder ganz anders.

Man fragt sich auch, wie Köhlmeier z.B. über den Zusammenschluss der Nationen in Europa denkt? Ist Europa für ihn auch nur eine einzige Lüge? Und völlig verrückt, was Köhlmeier dann vom Weltbürgertum sagt: Dieses sei seiner Meinung nach kein „Wir“ (S. 49). Die Menschheit also kein „Wir“? Gibt es wirklich nichts, was uns Menschen als Menschen verbindet, was wir gemeinsam haben, und was uns überhaupt erst zu dem macht, was wir sind, nämlich Menschen? Spätestens hier legt Köhlmeier die Axt an die Wurzel des Humanismus. Tatsächlich sieht er sich außerstande, überhaupt irgendetwas Verbindendes anzuerkennen, selbst innerhalb einer Nation. Über den Verschiedenheiten von Religionen, Interessen und Herkunftsländern gäbe es schlicht nichts Verbindendes (S. 82 f.). Da fragt man sich, wie Köhlmeier sich eigentlich die Integration von Zuwanderern vorstellt? Sollten sie nicht wenigstens die Landessprache ihrer neuen Heimat lernen? Was Köhlmeier hier präsentiert, ist die ganze Unmenschlichkeit der Multikulti-Ideologie in ihrer reinsten, gefährlichsten Form.

Zudem hat Köhlmeier Isaiah Berlin falsch gedeutet. Überall kann man nachlesen, dass Isaiah Berlin sehr wohl zwischen Nation und Nationalismus unterschied, auch wenn er den Unterschied an manchen Stellen durch eine ungeschickte Wortwahl verwischte. Dies kann schon durch ein wenig Googlen gefunden werden, also hätte auch Köhlmeier dies wissen können.

Köhlmeier ist nichts anderes als politisch radikal. Seine Vorstellungen sind nicht nur unrealistisch, sondern sie brandmarken auch ganz normale Bürger, die ihr Land, ihre Geschichte, ihre Sprache und ihre Kultur lieben, als böse Nationalisten. Genau diese unduldsame Haltung gegenüber völlig normalen Einstellungen ist es, die die Wähler scharenweise von den bisherigen Parteien weg und hin zur rechtsradikalen AfD treibt. Es sind Menschen wie Köhlmeier, die maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass unsere Demokratie zerfällt. Der Radikalismus der einen Seite füttert den Radikalismus der anderen Seite. Nicht zufällig findet sich in diesem Büchlein mindestens eine bösartige politische Verleumdung. Dem Vorsitzenden einer nicht genannten Partei (offensichtlich Strache von der FPÖ) wird unterstellt, er habe befunden, dass man den Nächsten lieben, den Übernächsten aber hassen solle (S. 82). Doch es ist nicht wahr. So sagte Strache in einem Interview z.B.: „… die Nächstenliebe beginnt ja beim Nächsten, der Familie und der eigenen Bevölkerung, und nicht beim Übernächsten. Und wenn dann noch Geld übrig bleibt, kann man gerne auch andere unterstützen.“ Es gibt genügend sachliche Kritik, die man an der FPÖ und Strache üben könnte, aber es ist definitiv falsch und schlicht unwahr, dass Strache zum „Hass“ auf den „Übernächsten“ aufgerufen hätte. Wer das behauptet, redet selbst voller Hass.

Woher kommt der Hass? Köhlmeier spricht sich zwar für die rationale Kühle der Aufklärung aus (S. 49), ist aber selbst ein ausgesprochener Gefühlsmensch. Damit trägt er einen veritablen Selbstwiderspruch mit sich herum. Dieses ganze Büchlein ist eine Ansammlung von emotionalen Assoziationen, weniger von rationalen Argumentationen. Sich selbst stellt Köhlmeier in diesem Büchlein ausführlich als Musiker dar, und wie Musik auf höchst unrationale aber ihm zugleich höchst erwünschte Weise ein „Wir“ konstitutieren kann (S. 66-69). Sehr nahe an die Irrationalität von Köhlmeier kommt man, wo er einen Gegensatz zwischen Wahrheit und Mensch aufmacht! (S. 30) Auch hier legt Köhlmeier die Axt an die Wurzel des Humanismus: Denn wer die Wahrheit und ihre freimachende Wirkung nicht liebt und diese Wahrheitsliebe nicht als etwas Urmenschliches begreift, sondern die freundliche Lüge bevorzugt, nur weil sich jemand durch die Wahrheit verletzt fühlen könnte, der hat Humanismus und Aufklärung aufgegeben. Angeblich unter Berufung auf Montaigne meint Köhlmeier, man brauche sich weder Platon noch Aristoteles „aufzuladen“, man solle die Welt lieber betasten und sinnlich begreifen (S. 57). Irgendwie fühlt man sich hier an Hitlers „Mein Kampf“ erinnert, wo ebenfalls einer fehlgeleiteten Vorliebe für das Praktische das Wort geredet und Intellektualität verpönt wird.

Köhlmeier zeigt sich nicht etwa als individueller Geist, sondern als ein dem Zeitgeist höriger Mensch. Früher einmal waren Linke noch halbwegs vernünftig. Noch in den 1990er Jahren verkündete Johannes Rau, einer der Altväter der SPD, in Wahlkampfveranstaltungen stolz: „Ich bin ein Patriot!“ Doch heute sind die Linken zum nationalen Selbsthass übergegangen, und verkünden eine Utopie von „no borders no nations – refugees welcome!“ Und Köhlmeier ist da einfach nur ein Kind seiner Zeit, das munter nachplappert.

Halten wir aber zwei Sachen fest, die Köhlmeier richtig gesagt hat:

  • Mitleid ist eine wichtige Basis für Humanität.
  • Romantische Irrationalität ist eine Ursache für Nationalismus.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 02. Februar 2020)

Fjodor Dostojewski: Schuld und Sühne (1866)

Dostojewski nimmt das Großexperiment des Kommunismus literarisch vorweg!

In „Schuld und Sühne“ legt Dostojewski eine literarische Verarbeitung der „neuen Ideen“ vor, die offenbar zu seiner Zeit in Russland unter den jungen Menschen in Umlauf waren. Alle diese Ideen laufen mehr oder weniger darauf hinaus, dass die traditionelle christliche Moral abgelehnt und durch irgendeine Form von nützlichem Egoismus ersetzt wird. Das Buch ist eine einzige Warnung vor Rationalität ohne Liebe, mithin vor ideologischer Verblendung.

Unter den „neuen Ideen“ ist z.B. die „britische Nationalökonomie“, derzufolge der Egoismus des Einzelnen die Gesellschaft wie durch eine unsichtbare Hand als ganzes voranbringt. Dann wird der Sozialismus genannt, der die Gesellschaft grundlegend verändern will. Der Sozialismus glaube, dass die gesellschaftlichen Umstände an allen Verbrechen schuld seien. Ebenfalls prominent und etwas spöttisch erwähnt wird der Frühsozialist Fourier, der eine Welt anstrebte, in der Arbeit nicht mehr als Mühe sondern als Lust angesehen wird, und die Idee von Kommunen, in denen die „freie Liebe“ gelebt wird. Auch Charles Darwin und einige heute kaum noch bekannte Namen werden kurz angesprochen. Der wiederholt genannte Gipfelpunkt dieser Beispiele ist aber die Person von Napoleon, der auf der einen Seite große Verbrechen beging, um seine Karriere voranzubringen und seine Reformen durchzusetzen, der aber dennoch als großer Mann verehrt wird.

Dostojewski führt dem Leser nun einen jungen, im Grunde guten und klugen Menschen vor, nämlich den Studenten Raskolnikov, dessen Geist sich von der Liebe entfernt und sich in rein theoretischem Denken in diesen „neuen Ideen“ verfangen hat. Raskolnikov treibt die „neuen Ideen“ auf ihre Spitze, indem er glaubt, es gäbe Menschen, die dazu berechtigt seien, „Hindernisse“ aus dem Weg zu räumen, um Karriere zu machen und dadurch die Welt zum Besseren zu verändern. Alle anderen Menschen, die sich an die traditionelle Moral hielten, seien dagegen wie „Läuse“ und schwach, und dürften bei Bedarf aus dem Weg geräumt werden.

Deshalb ermordet Raskolnikov eine alte Pfandleiherin und deren Schwester.

Bei alledem ist das ganze Buch über weite Strecken schier unerträglich zu lesen. Schon bis zur Ausführung der Tat ist es ein ständiges ideologisches Hadern und ein Hin und Her. Man möchte als Leser dem jungen Mann zurufen: „Get real!“, „Komm mal wieder runter auf den Teppich!“ Oder: „Lass die Kirche gefälligst im Dorf!“ – Die Tat selbst ist natürlich ebenfalls nur schwer erträglich. – Danach entspinnt sich erst recht eine geradezu hysterisch hin- und herspringende Handlung: Raskolnikovs Nerven versagen unter der psychischen Last der Tat (nicht zu verwechseln mit Schuld!) und vor der Furcht vor Entdeckung. Sein Verhalten entwickelt sich sprunghaft, widersprüchlich, fast wahnsinnig. Er hadert auch mit der eigenen Deutung seiner Tat, und schließlich beginnt ein psychologisches Katz- und Mausspiel mit dem Kriminalisten Porfirij, der erstaunlich gut in die Seele Raskolnikovs zu blicken weiß, und ihn schließlich zum Geständnis treibt.

Dostojewski hat dabei einige falsche Fährten ausgelegt, warum Raskolnikov das Verbrechen begangen haben könnte. Da ist z.B. das – wiederum bis zur Unerträglichkeit ausgewalzte – soziale Elend der Familie des alkoholsüchtigen Beamten Marmeladov, insbesondere von dessen Tochter Sonja, die sich prostituiert, um die Familie durchzubringen. Und da ist die soziale Not von Raskolnikov selbst – die aber gar keine echte soziale Not ist, wie sich zeigt. Das Buch erklärt die genauen Hintergründe der Tat auch nicht von vornherein, weswegen der Leser erst nach und nach erfährt, wie sich alles genau verhält.

In einer Aussprache mit Sonja enthüllt Raskolnikov – wohl auch vor sich selbst – warum er die Tat wirklich begangen hat. Es sind zunächst tatsächlich diese „neuen Ideen“, vor allem auch das Vorbild des Napoleon, die ihn davon überzeugt haben, dass er richtig handelte und ohne Schuld ist. Aber dann ist da noch eine weitere, tiefer liegende Motivation: Es ging noch nicht einmal so sehr darum, seine Karriere zu befördern und später Wohltaten zu tun. Im Tiefsten wollte Raskolnikov sich selbst beweisen, dass er zu jenen „besseren“ Menschen gehört, die das Recht haben so zu handeln, und nicht zu den schwachen „Läusen“, indem er sich einer solchen Tat fähig zeigte! Hinter der Maske des Wohltäters steht also der Hochmut und die Meinung, er sei etwas besseres. Dies wird nur ein einziges Mal im Roman enthüllt.

Es ist deshalb auch kein Schuldbewusstsein, dass Raskolnikov am Ende zum Geständnis bringt, sondern ganz andere Dinge:

  • Es ist seine Enttäuschung darüber, dass seine Nerven die Tat nicht kalt aushielten, und er deshalb wohl doch nicht zu den „besseren“ Menschen gehört, sondern zu den schwachen „Läusen“.
  • Es ist seine Erfahrung, dass seine Tat und seine Anschauungen ihn radikal von allen Menschen entfremden, weil sie seine gefühllose Argumentation nicht akzeptieren können. Das gilt für seine Schwester und Mutter ebenso wie für seine späteren Mithäftlinge. Deshalb wohl auch der Name „Raskolnikov“, das ungefähr „Abspalter“ bedeutet.
  • Es ist sein Mitleid mit Schwester und Mutter, denen er durch seine Tat große Schmerzen zugefügt hat.
  • Schließlich seine Entlarvung durch den Kriminalisten Porfirij, der ihm Strafmilderung in Aussicht stellt, wenn er freiwillig gesteht. Die Strafe selbst erscheint Raskolnikov aber albern und unnütz.

Erst in den allerletzten Zeilen dieses gewaltigen Werkes bekommt dessen Titel seine Rechtfertigung: Denn bis kurz vor Schluss ist von Schuld und Sühne bei Raskolnikov nichts zu sehen. Erst ganz am Ende bricht sich die Liebe von Sonja ihre Bahn zu Raskolnikov, der sich aus dem lieblosen Theoretisieren zu befreien beginnt und Gefühle entwickelt. Es war die Liebe, die ihm fehlte. Und erst die Liebe und das Fühlen machen das Mitgefühl mit dem Opfer möglich, das damit keine schwache „Laus“ mehr ist, das die Voraussetzung von Schuldbewusstsein ist, das wiederum die Voraussetzung von Sühne ist. Das wird zwar nirgends explizit so gesagt, aber dieser Zusammenhang liegt auf der Hand, und nur so kann es zu jener inneren Verwandlung kommen, die am Ende angekündigt wird.

Anderes

Das Buch ist wie gesagt auf weite Strecken hin schier unerträglich, was natürlich an einer literarisch meisterhaften Verarbeitung eines in der Tat unerträglichen Themas liegt. Das allein ist lesenswert. Es finden sich aber auch große Reden, Dialoge und Szenen, in denen sich die verschiedenen Charaktere produzieren, und auch noch ganz andere Themen, die meisterhaft gestaltet werden.

Nebenthemen des Buches sind:

  • Armut und soziales Elend im damaligen St. Petersburg.
  • Damaliges Sexual- und Eheleben. Die Abhängigkeit der Frauen. Luschin. Svidrigailov.
  • Familie und Freundschaft.
  • Liebende und vernünftige Menschen: Rasumichin, Dunja, Porfirij.
  • Wie üblich in russischer Literatur ein wenig christliche Eschatologie.
  • Am Rande: St. Petersburg. Russland. Die kürzliche Aufhebung der Leibeigenschaft.

Kommunismus

Das erstaunlichste an diesem Roman ist aber, dass Dostojewski damit im Grunde die historische Entwicklung Russlands vorweggenommen hat. Denn die „neuen Ideen“ des Raskolnikov mündeten nur wenige Jahrzehnte nach Erscheinen des Romans (1866) im Großexperiment des Kommunismus. Der Kommunismus ist nichts anderes als die Realisierung der Theorie von Raskolnikov: Um die Menschheit voranzubringen, ist es der Avantgarde der Arbeiterklasse, also den „besseren“ Menschen, erlaubt, „Hindernisse“ aus dem Weg zu räumen. Und so ermordete Lenin zigtausendfach und hunderttausendfach Adlige, Priester und andere Widersacher, und Stalin steigerte das Morden in die Millionenzahl, und das alles zum Wohle der Menschheit.

Psychologisch äußerst feinsinnig hat Dostojewski erkannt, dass im Tiefsten dieser selbsternannten Wohltäter der Menschheit die Lieblosigkeit und der Hochmut sitzen: Sie wollen gar nicht zuerst das Wohl der Menschheit, sondern zuerst wollen sie sich selbst beweisen, dass sie etwas „besseres“ sind, und dass die anderen schwach und „Läuse“ sind.

Dostojewski gehörte einst selbst einem frühsozialistischen Zirkel an, der sich an Fourier orientierte. Er wurde 1849 verhaftet und nach einer Scheinhinrichtung zu Zwangsarbeit verurteilt. Dostojewski erzählt also von einer Geisteshaltung, die er selbst durchlitten und später ganz offensichtlich überwunden hat.

Unter dem Gesichtspunkt der Geistesgeschichte ist es von großem Interesse, dass die Untaten Napoleons bei Dostojewski eine große Rolle spielen. Könnte es sein, dass es einen historischen Konnex gibt zwischen den Verbrechen Napoleons und den Verbrechen der Kommunisten in Russland?

Seltsame Missverständnisse

Es muss auch gefragt werden, ob dieses Werk von Dostojewski bei manchen Lesern möglicherweise einen gegenteiligen Effekt erzielte: Dass manche Leser dieses Buch nicht als Warnung vor einer Rationalität ohne Liebe, mithin vor ideologischer Verblendung lasen, sondern im Gegenteil in Raskolnikovs Tat eine Heldentat sahen? Dass manche Leser durch dieses Buch überhaupt erst auf dumme Gedanken gebracht wurden, und insbesondere die dramatische Wende, die sich erst in den allerletzten Zeilen des Buches ereignet, schlicht übersahen? Ein Charakter des Buches heißt „Luschin“, der „Zinnerne“. Es erinnert an „Lenin“ oder „Stalin“, der „Stählerne“. Auch weitere Bezüge lassen sich finden. Es wäre interessant zu untersuchen, ob nicht nur Marx und Engels, sondern auch Dostojewski unfreiwillig einer der Taufpaten der mörderischen Ideologie des Kommunismus in Russland war.

Interessanterweise verfehlen die meisten Inhaltsangaben und Rezensionen den Inhalt von „Schuld und Sühne“. Sie glauben, die nervliche Überlastung von Raskolnikov rühre von Schuldgefühlen her, und dass die den ganzen Roman hindurch ausgebreitete nervliche Überlastung zugleich auch die Sühnestrafe sei. Immerhin lautet so ja der Titel des Buches: Schuld und Sühne. Aber von Schuld und Sühne ist bis auf die allerletzten Zeilen nichts in diesem Buch zu sehen. – Offenbar haben nicht wenige Leser Schwierigkeiten, die Radikalität des Plots wirklich zu begreifen. Oder sie lesen das Buch unter der Perspektive irgendeiner vorgefassten Weltanschauung oder Ideologie, in die sie dann den Plot des Buches zu pressen versuchen, bis hin zur Verkehrung der Absicht Dostojewskis in ihr Gegenteil. Dostojewski hat offenbar ein Buch geschrieben, das für viele nur schwer zu verstehen ist. Für die Menschheit lässt das nichts gutes hoffen.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 08. August 2018)