Schlagwort: Nationalsozialismus (Seite 1 von 3)

Matthew Battles: Die Welt der Bücher – Eine Geschichte der Bibliothek (2003)

Interessante Streifzüge durch die Welt des Bibliothekswesens

Wenn ich den Titel des Buches ernst nehmen würde, gäbe es nur 2-3 Sterne, denn eine universale Geschichte der Bibliothek wird hier nur sehr unvollständig erzählt. Wenn ich aber als Titel „Streifzüge durch die Geschichte der Bibliothek“ annehme, gebe ich 4 Sterne, denn das ist es, was hier geboten wird: Interessante Einblicke in gewisse Abschnitte der Geschichte des Bibliothekswesens, teilweise mit einer USA-lastigen Perspektive. Aber weil auch das interessant ist und ich es nicht als Universalgeschichte der Bibliothek gelesen habe, war es völlig in Ordnung.

Gestört hat streckenweise der Versuch, politisch korrekte Stereotypen abzuspulen: Dass an der Zerstörung der Bibliothek von Alexandria keinesfalls die muslimischen Eroberer schuld gewesen seien. Oder die Breitwalzung der Bücherverbrennungen durch die Nazis. Allerdings versöhnt der Autor einen auch immer gleich wieder, in dem er die eigenen Stereotypen und Relativierungen wieder relativiert und kein pro und contra verschweigt. Zurück bleibt beim Leser dann höchstens Ratlosigkeit, welche Meinung der Autor denn schlussendlich nun vertritt? Egal, denn was der Leser aus diesem interessanten Buch für sich mitnimmt, entscheidet er selbst.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 2009 (?))

Jason Colavito: The Legends of the Pyramids – Myths and Misconceptions about Ancient Egypt (2021)

Hochinteressantes Thema, viel Stoff, aber leider unübersichtlich und fehlerhaft

Mit seinem Buch „The Legends of the Pyramids“ hat Jason Colavito ein weiteres Werk vorgelegt, in dem er einen Strang von Themen, Mythen und Legenden, wie sie heute in Pseudowissenschaft und Popkultur zu finden sind, auf ihre Ursprünge untersucht und auf diese Weise verbreitete Irrtümer und Pseudowissenschaft entlarvt. Das ausgewählte Thema ist dabei hochspannend: Einmal deshalb, weil es den Kern vieler pseudowissenschaftlicher Vorstellungen zur antiken Geschichte berührt. Und dann deshalb, weil bislang ein Mangel an Literatur zu diesem Thema herrschte, so dass hier vieles im Dunkeln lag.

Wir erfahren also, wie sich langsam, Schritt für Schritt, die falschen Vorstellungen rund um das alte Ägypten gebildet haben, von den alten Griechen über die Anfänge der Alchemie, von den Versuchen von Juden, Christen und Muslimen, das alte Ägypten für ihre Weltsicht zu vereinnahmen, von den Irrungen und Wirrungen in Renaissance und Aufklärung bis hin zur modernen Pseudowissenschaft und Popkultur.

Dazu wird wirklich sehr viel Stoff geboten in diesem Buch. Und es werden sehr viele Zusammenhänge aufgezeigt. Diese Zusammenhänge alle recherchiert und aufgefunden zu haben war gewiss eine langjährige Arbeit, und es ist der eigentliche Wert dieses Buches.

Doch leider ist das Buch unübersichtlich und teilweise fehlerhaft.

Unübersichtlich

Der Versuch, die komplexen Verwicklungen und Zusammenhänge in einem lockeren Erzählstil abzuhandeln, ist hier noch viel deutlicher gescheitert als in den vorigen Büchern von Jason Colavito. Die Zahl der Autoren und Werke, aus denen sich im Laufe der Zeit das Gespinst von Irrtümern zusammenwebt, ist sehr groß. Es wäre diesmal noch sehr viel dringender gewesen, diese Autoren und Texte in Tabellen zusammenzustellen. Auch Flussdiagramme, die aufzeigen, wer wen beeinflusst hat, wären sehr hilfreich gewesen. Doch der Leser wird mit einer endlosen Flut an immer neuen Autoren und Werken, die in jedem Kapitel neu auf ihn einprasseln, ziemlich allein gelassen.

Besonders ärgerlich ist die missglückte Einteilung des Stoffs in Überschriften. Die Überschriften sind auf den Effekt getrimmt, Neugier und Interesse zu wecken, und geben deshalb oft keine klare Auskunft über den behandelten Inhalt des jeweiligen Kapitels oder Unterkapitels und deren Zusammenhänge. Das erschwert die Orientierung im Buch sehr. Zudem tauchen die Unterkapitel nicht im Inhaltsverzeichnis auf, so dass das Inhaltsverzeichnis keinerlei Überblick bietet. Sehr ärgerlich ist auch, dass der behandelte Stoff recht willkürlich in Unterkapitel eingeteilt wurde: Teilweise findet sich der Stoff, der durch eine Unterkapitelüberschrift angekündigt wird, über mehrere folgende Unterkapitel verteilt. Teilweise wird in einem Unterkapitel noch ein weiterer Autor behandelt, dem damit keine eigene Überschrift gewidmet ist, so dass er bei der Durchsicht der Überschriften nicht sichtbar ist. Teilweise wird ein Thema zunächst in einem Unterkapitel abgehandelt, um daraufhin in einem eigenen Hauptkapitel behandelt zu werden.

Sehr ärgerlich ist auch, dass der Autor bei der Behandlung des Stoffes manchmal der Chronologie der Ereignisse folgt und zeigt, wer etwas zuerst geschrieben hat, wer es danach aufgriff, usw., manchmal jedoch auch der umgekehrten Reihenfolge den Vorzug gibt und zeigt, von welchem früheren Autor etwas übernommen wurde, und von wem dieser es wiederum übernommen hatte, usw. Das ständige Vor und Zurück verwirrt sehr. Der Überblick wird auch dadurch erschwert, dass der Autor spätere Entwicklungen, oft ankündigt und diesen vorgreift: Der Leser ist auf diese Weise dann geistig immer schon sehr viel weiter in der Zukunft und wird dann im nächsten Abschnitt wieder in eine Vergangenheit zurückgeholt, die mit den Ankündigungen nichts zu tun hat, denn das, was angekündigt wurde, kommt erst viele Kapitel später. Ebenfalls ungünstig ist, dass spätere Kapitel ein Thema groß aufbauen, dessen Vorbereitung man in einem viel früheren Kapitel fast überlesen hätte, weil es dort nur sehr klein abgehandelt wurde, ohne auf dessen Bedeutung aufmerksam zu machen.

Sehr, sehr ärgerlich ist, dass dieses Buch kein Literaturverzeichis und keine Fußnoten mit Verweisen auf die genauen Stellen in den entsprechenden Werken enthält. Die Namen von Werken werden nur im Text genannt, wenn überhaupt, und ganz selten findet sich eine genaue Seitenangabe. Damit hat dieses Werk leider sehr viel an Belegbarkeit und Nachvollziehbarkeit verloren. Für ein Werk, das sich die Aufgabe gestellt hat, Pseudowissenschaft zu entlarven, ist das ein dramatisches Versagen. Es ist zu vermuten, dass das Fehlen von Literatur und Fußnoten ebenfalls der Idee geschuldet ist, ein „schön zu lesendes“ Buch zu schaffen. Das war aber genau die falsche Idee. Dem näher interessierten Leser werden nicht einmal 2-3 wissenschaftliche Werke zur Vertiefung des Themas empfohlen, wie es sonst bei populärwissenschaftlichen Werken üblich ist. Das ist sehr schade.

Ebenfalls ungenügend ist es, dass Jason Colavito wiederholt von Bildern und deren Details spricht, ohne diese abzudrucken. Dieses Buch enthält einige sehr allgemein gehaltene Bilder in Farbe, so dass es sicher kein Problem gewesen wäre, die besprochenen Bilder ins Buch aufzunehmen. So z.B. die Darstellung der Arche Noah als Pyramide am Tor des Baptisteriums von Florenz oder die Darstellung der Pyramiden als Kornspeicher im Dom von Venedig. So muss der Leser sich auch hier selbst bemühen und im Internet nachschlagen.

Alles in allem hat Jason Colavito mit diesem Buch eine sehr umfangreiche Stoffsammlung geschaffen, doch die Aufbereitung des Stoffes für den Leser ist ihm nur schlecht gelungen. Diese Aufbereitung muss der Leser zum großen Teil selbst leisten. Dasselbe gilt für die Literatur- und Quellenarbeit. Das hätte man sehr viel besser machen können.

Fehlerhaft

Wir gehen die Fehler der Reihe nach durch. Alles zum Thema Atlantis behandeln wir in einem Extra-Abschnitt.

Obwohl zunächst richtig gezeigt wird, dass mancher Fehler und manche Geschichte bei Herodot eine historisch-kritische Erklärung hat, so dass Herodot nicht als Erfinder von Märchen abgetan werden kann, wird Herodot schließlich genau als das dargestellt („The Greek historian had many stories to tell …“; „Herodotus’s mixture of fact and fiction“; S. 13 f.). Das ist so nicht richtig. Es ist damit natürlich auch falsch, dass spätere griechische Autoren nach dem angeblichen Vorbild von Herodot Fakten und Fiktion leichtfertig vermischt hätten. Es ist auch falsch, dass Herodot mit jenen Griechen nach Ägypten kam, die die Ägypter gegen die Perser unterstützen wollten (S. 10). In Wahrheit kam Herodot erst nach Ägypten, als die Perser bereits gesiegt hatten.

Es ist falsch, lapidar zu behaupten, dass Aigyptos „burned face“ bedeuten würde (S. 16). Es gibt diese Theorie zwar, doch es handelt sich nicht um die vorherrschende Theorie. Zumal es Übereinstimmung darin gibt, dass der Name der Aithiopen auf ihre „burned faces“ zurückgeht. Es ist kaum anzunehmen, dass auch die Ägypter ihren Namen wegen ihrer Hautfarbe bekamen.

Die „Excerpta Barbari Latina“ sind keine „Excerpts in Bad Latin“ (S. 65), sondern „Lateinische Exzerpte eines Barbaren“.

Es ist falsch, dass die Araber, die Ägypten 640 n.Chr. erobert hatten, „struggled to integrate the newly conquered territory into a distinctly Islamic cultural context.“ (S. 67) Am Anfang waren die Araber nicht daran interessiert, ihre neugewonnen Untertanen zu islamisieren. Der Islam selbst hatte sich damals noch gar nicht als neue Religion gefestigt. Das begann erst später unter Kalif Abd al-Malik ab 685 n.Chr. Deshalb ist man in der Wissenschaft dazu übergegangen, von den Eroberern lieber von Arabern als von Muslimen zu sprechen.

Nachdem auf S. 76 gesagt wurde, dass „the real history of Egypt had been forgotten“, folgt nur eine Seite später die Aussage, dass die Meinung verbreitet war, dass die Hyksos um 1600 v.Chr. die Pyramiden erbauten (S. 77). Aber die Kenntnis von den Hyksos ist doch ein unglaubliches Detail der ägyptischen Geschichte! Also war doch nicht alles vergessen …

Louis Figuier wird „one of the most racist scientists of his era“ genannt. Figuier „tried to remove the Arabs and other non-Whites from the story altogether.“ (S. 145) – Wir können bei Figuier bei kurzer Recherche keinen fanatischen Rassismus feststellen, sondern nur den „normalen“ Rassismus der Zeit. Figuier nimmt Schwarze sogar gegen Benachteiligungen in Schutz. Es ist zudem fraglich, ob ein damaliger Rassist Araber als „nicht-weiß“ wahrgenommen hätte. Wir vermuten, dass Jason Colavito bei Figuier mit dem Vorwurf des „most racist“ über das Ziel hinausgeschossen ist. (Da wie überall keine Quelle angegeben ist, können wir die Behauptung nicht überprüfen.)

Die folgende Aussage ist gleich dreifach falsch: „Since the publication of Charles Darwin’s On the Origin of Species in 1859, the tension between secular views of history and science and traditional spiritual and mythical ideas had grown unbearable, and the break between them had become almost inevitable. To believe that the pyramids were ten thousand years old or the work of Atlanteans operating under divine command was to reject the discomforting authority of evolution and materialism.“ (S. 158) – Erstens ist Charles Darwin kein Argument gegen ein Alter von zehntausend Jahren, denn mit Charles Darwin wurde die menschliche Geschichte stark in die Vergangenheit verlängert. Das bessere Argumente gegen die zehntausend Jahre wären die Ergebnisse der Ägyptologie gewesen. – Das Spektrum der Bedeutungen, die man dem Begriff „divine command“ geben kann, ist sehr breit. Das bessere Argument wäre gewesen, dass Religion und Wissenschaft zwei Sphären sind, die man methodisch nicht vermischen sollte. – Das betrifft auch die Behauptung einer „authority of … materialism“. Das bessere Argument wäre gewesen, von einem „methodischen Materialismus“ zu sprechen. Wissenschaft ist jedenfalls keine Verpflichtung zu einem materialistischen Glauben. Ich würde sogar fast sagen: Wenn überhaupt, dann das Gegenteil.

Seltsamerweise werden „the Nazis“ in diesem Buch nur mit einem einzigen kurzen Satz behandelt: „The Nazis believed it“, nämlich dass die Ägypter „weiße Arier“ waren (S. 208). Zunächst ist diese Aussage falsch. Der führende NS-Althistoriker Helmut Berve bestritt 1935 das Existenzrecht der Ägyptologie an deutschen Universitäten, da sie sich mit einer „nichtarischen“ Zivilisation befasse, die man nicht verstehen könne, weil sie „artfremd“ sei. Die deutschen Ägyptologen versuchten daraufhin, soweit sie nicht emigriert oder vom Dienst suspendiert worden waren, die Ägypter als Arier darzustellen. Abgeschafft wurde die Ägyptologie zwar nicht, aber das Verdikt von Helmut Berve wog schwer.

Leider hat es Jason Colavito versäumt, auf den nationalsozialistischen Propaganda-Film „Germanen gegen Pharaonen“ von 1939 einzugehen. Der Plot ist schnell erzählt: Zuerst stellt ein Ägyptologie-Professor die Sicht der wissenschaftlichen Ägyptologie vor. Dann tritt ein Pseudowissenschaftler auf, der alle die Dinge behauptet, von denen Jason Colavito in diesem Buch schreibt: Sehr interessant! Und schließlich tritt ein Nationalsozialist auf, der beweist, dass die Ägypter ihr Wissen angeblich aus dem Norden von den Germanen hatten. Es ist wirklich sehr schade, dass dieser Film nicht in diesem Buch besprochen wird. Der Film ist auf Youtube frei verfügbar.

Zum Thema Atlantis

Der Umgang von Jason Colavito mit dem Thema Atlantis ist wie immer äußerst mangelhaft. Zugegeben: Das Thema Atlantis ist sehr komplex und Jason Colavito ist nicht der erste, der diese Fehler begeht.

Zunächst wird Atlantis „fabulous“ genannt (S. 23) und es ist von „its wonders“ die Rede (S. 24). Doch Atlantis war nicht „fabulous“ und auch kein Wunderland, sondern fügte sich in den Augen der alten Griechen perfekt in deren damalige Weltsicht ein. An Atlantis war nichts Phantastisches oder Magisches. Jason Colavito unterlässt es auch, die 9000 Jahre von Atlantis mit den 11340 Jahren von Herodots Ägypten in Beziehung zu setzen (S. 23), von denen er kurz zuvor erzählt hatte (S. 11). Doch nur unter diesem Gesichtspunkt versteht man überhaupt, wie man die 9000 Jahre deuten muss. Platon wollte jedenfalls bestimmt nicht auf die letzte Eiszeit verweisen, soviel steht fest.

In der Darstellung Ägyptens bei Platon unterlaufen Jason Colavito zwei schwere Fehler: „Plato attributed the whole story to the Egyptians, claiming it had been written on pillars in an old temple and known only to the wise priests.“ (S. 23) – Beides ist falsch. In Platons Timaios 24a heißt es, dass der Priester zusammen mit Solon „Schriften zur Hand nehmen“ werde (ta grammata labontes), und das kann nur ein Papyrus sein. Die Legende von den Tempelsäulen kam erst später auf, vermutlich mit der Geschichte von Krantor, wie sie von Proklos überliefert wird. – Aber auch die „weisen Priester“ sind falsch. Denn der Priester, der Solon auf Atlantis hinweist, wird als namenloser, alter Priester beschrieben, nicht als „weiser“ Priester. Es handelt sich um einen der vielen Anhaltspunkte, die die Geschichte sehr realistisch wirken lassen. Erst spätere Autoren haben versucht, den Priester als einen namentlich bekannten und berühmten Priestergelehrten darzustellen (Plutarch, Proklos, Clemens von Alexandria, Kosmas Indikopleustes). – Insofern die Entstehung eines falschen Ägyptenbildes das zentrale Thema dieses Buches ist, handelt es sich um zwei schwerwiegende Fehler.

Und es unterläuft Jason Colavito auf derselben Seite gleich noch ein dritter schwerwiegender Fehler, mit dem er sich zusätzlich in einen Selbstwiderspruch verwickelt: Auf der einen Seite wird die Aussage Platons richtig dargestellt, dass die zyklisch auftretenden Flutkatastrophen Ägypten verschonen – auf der anderen Seite wird behauptet, dass in der Atlantisgeschichte von einer Weltflut die Rede sei („its history occurred before the greatest flood of all, the one that destroyed the world.“; S. 23, auch S. 37). Doch das ist falsch. Die Flutkatastrophen in der Atlantisgeschichte sind regionale Katastrophen. Wie bereits richtig gesagt, soll insbesondere Ägypten von diesen Flutkatastrophen jeweils verschont geblieben sein.

Jason Colavito möchte auf eine Gleichsetzung der Flut von Atlantis mit der biblischen Sintflut hinaus, zwischen denen er „extremely close parallels“ (S. 24) sieht, doch das ist falsch. Die Flut von Atlantis ist nicht nur keine Weltflut, sondern es ist auch falsch, dass Zeus am Ende der Atlantisgeschichte die Zerstörung von Atlantis ankündigt, wie Jason Colavito meint (S. 24). Vielmehr wird dort eine Strafe zur Besserung der Atlanter angekündigt, und das kann nicht die Zerstörung sein. Immerhin: Vielleicht wurde die Zerstörung von Atlantis bei einer zweiten Götterversammlung beschlossen. Ebenfalls falsch ist es, wenn Jason Colavito schreibt: „In all of these stories, key elements repeat“, denn neben der Tatsache, dass die Atlantisflut keine Weltflut war, zählt Jason Colavito ein wichtiges Schlüsselelement auf, das in der Altantisgeschichte gar nicht vorkommt: „A small number of people are saved“ (S. 24). In der Atlantisgeschichte gibt es keine Arche Noah, soviel steht fest. – Es gibt also keine „extremely close parallels“ zwischen der Atlantisgeschichte und der biblischen Sintflutsage, sondern mehrere gewichtige Unterschiede.

Völlig irreführend ist es, wenn Jason Colavito von Platons Atlantisgeschichte mit den Worten „Parts of the story can be found in“ zu Apollodoros, Ovid und Lukian überleitet (S. 24). Diese Autoren sprechen nicht von Atlantis. Zudem dürfte mit Apollodoros die Bibliotheca des Pseudo-Apollododors gemeint sein. Denn Apollodoros selbst ist bekannt für eine Aufzählung von damals bekannten unglaubwürdigen Wundergeschichten, in denen die Atlantisgeschichte auffällig fehlt; sie war für ihn offenbar keine unglaubwürdige Wundergeschichte.

Es ist auch falsch, wenn Jason Colavito davon schreibt, dass „later Jewish, Christian, and Islamic commentators, all of whom saw … a reason to associate Atlantis with the antediluvian world that existed before Noah’s flood“. Es ist zwar richtig, dass einige christliche Autoren diese Verbindung irrigerweise gezogen haben (z.B. Clemens von Alexandria, Kosmas Indikopleustes), aber andere christliche Autoren haben sehr wohl erkannt, dass die Flut von Atlantis keine Weltflut war (z.B. Tertullian, Arnobius Afer).

Es kann deshalb auch keine Rede davon sein, dass die Atlantisgeschichte „the blueprint for associating Egypt’s greatest wonders – the pyramids – with Noah’s flood“ war (S. 25). Mir ist kein antiker Text bekannt, in der von Pyramiden in Atlantis die Rede ist. Dieser Gedanke kam erst in der Neuzeit auf, als man die Pyramiden der indianischen Kulturen in Amerika mit den Pyramiden in Ägypten verglich. Es ist zwar richtig, dass die Pyramiden schon in der Antike mit der biblischen Sintflut in Verbindung gebracht wurden, aber die Atlantisgeschichte war dabei nicht im Spiel.

Jason Colavito selbst erwähnt in den folgenden Kapiteln auch nirgends einen solchen Zusammenhang, speziell auch dort nicht, wo er hätte erwähnt werden müssen, wenn es diesen Zusammenhang gegeben hätte, so z.B. bei der Diskussion der „Many Flood Stories“ (S. 29). Auch, dass die Atlantisgeschichte angeblich auf Tempelsäulen geschrieben stand, wird in den folgenden Kapiteln nicht mehr erwähnt, obwohl dort viel von den Mythen die Rede ist, die sich um die Inschriften auf Säulen und Tempelwänden ranken. Es ist fast so, wie wenn Jason Colavito seinen eigenen Behauptungen über Atlantis nicht getraut hätte, so dass er sie in seiner späteren Argumentation lieber wegließ. Die Argumente, die er statt dessen vorlegt, sind auch viel besser und zweifelsohne richtig (z.B. Flavius Josephus S. 32).

Es ist geradezu verwunderlich, dass Jason Colavito erst mit Ignatius Donnelly wieder auf die Verbindung von Atlantis und den Pyramiden zu sprechen kommt. Die Vermutung, dass die ägyptischen Pyramiden mit den Pyramiden der indianischen Kulturen in Amerika über den versunkenen Kontinent Atlantis zusammenhängen, ist deutlich älter. Diese Beobachtung geht mindestens zurück bis Carlos de Sigüenza y Góngora 1680.

Jason Colavito verkürzt zudem die Darstellung von Ignatius Donnelly in einer Weise, die den eigentlichen Sinn verfälscht. Laut Colavito hätte Donnelly geschrieben, „that Atlantis had been populated by White people and Jews, the chosen races of God. ‚Atlantis was the original seat of the Aryan or Indo-European family of nations,‘ he wrote.“ (S. 207 f.) – Doch wenn wir bei Donnelly nachlesen, finden wir etwas ganz anderes. Dort heißt es: „That Atlantis was the original seat of the Aryan or Indo-European family of nations, as well as of the Semitic peoples, and possibly also of the Turanian races.“ (S. 2 Donnelly) Die „Semitic peoples“ umfassen wesentlich mehr als nur die Juden, und die Turanier sind „gelb“. Und von „chosen races“ ist überhaupt nicht die Rede. Lediglich „chosen people“ wird in Bezug auf die Juden an einer ganz anderen Stelle erwähnt (S. 212 Donnelly). Auch die Europäer sind für Donnelly keine reinen Weißen, sondern eine Mischung verschiedener „Farben“ (S. 197 Donnelly). – Natürlich ist das alles aus moderner Perspektive immer noch rassistisch, aber es ist eben keinesfalls dermaßen rassistisch wie es bei Jason Colavito klingt.

Was fehlt

Es wäre sinnvoll gewesen, die alchemische Tradition Ägypens noch mehr in den Blick zu nehmen. Hier wäre es außerdem gut gewesen, wenn die Überlieferungswege, die Peter Kingsley von den Pythagoreern nach Ägypten aufgezeigt hat, analysiert und integriert worden wären (Peter Kingsley, Ancient Philosophy, Mystery, and Magic – Empedocles and Pythagorean Tradition, Clarendon Press, Oxford 1995).

Der Umstand, dass viele Christen die ägyptische Kultur für eine Kultur von Götzenanbetern hielten, die sie deshalb verachteten, hätte näher beleuchtet werden müssen (z.B. Origenes).

Man hätte gerne einen der christlichen Autoren genannt bekommen, die die überproportionalen Darstellungen von Pharaonen und Göttern auf den ägyptischen Tempelwänden als Darstellungen von Riesen deuteten (S. 51).

Man hätte gerne Belege dafür bekommen, dass die Kopten nicht der Meinung waren, dass die Pyramiden die Kornspeicher des Joseph waren (S. 63).

Man hätte gerne mehr Hintergrundinformation zu der anonymen Aussage bekommen: „For every building, I fear the ravages of time, but as for this monument, I fear for time.“ (S. 67) Woher kam diese Aussage? Was ist ihre älteste Erwähnung?

Man hätte gerne mehr über die Verbindung der Freimaurer zur ägyptisierenden Symbolik erfahren.

Man hätte gerne eine Quellenangabe zu der Behauptung, dass Léon Denis mit einem Zitat von Lenormant das Horusgefolge angeblich zu Atlantern erklärte (S. 145). Man findet bei Léon Denis nur ein Zitat von Lenormant, dass die Sphinx älter sei als die Pyramiden. Ich vermute, die Aussage zu den Atlantern ist ein Irrtum, und es ist dieses Zitat gemeint.

Man hätte gerne einen konkreten Beleg für diese Aussage: „The empire imagined for antediluvians and Atlantis was a mythic precedent to the unprecedented imperial expansion of Victorian Europe.“ (S. 213) – Es klingt ja durchaus plausibel, aber einen Beleg für diesen Zusammenhang zu finden, ist schwierig.

Schluss

Wer sich für das Thema interessiert, bekommt mit Jason Colavitos neuem Buch eine überaus reichhaltige Stoffsammlung in die Hand, wie er sie so schnell nicht woanders finden wird. Mit gesunder Skepsis und einem Interesse an eigener Recherche kann man damit viel anfangen. Sehr viel sogar. Wer es gerne übersichtlich und einfach hat, wird allerdings nicht so gut bedient.

An manchen Stellen ist der Autor etwas respektlos gegenüber religiösem Glauben. Sehr zu loben ist hingegen das Kapitel „Afrocentrism and ancient Egypt“, in dem Jason Colavito beschreibt, wie Ägypten als „schwarz“ vereinnahmt wurde. Hier fällt der äußerst heilsame Satz: „… but as with so many correctives, they often tried to make too strong a case for the opposite, reproducing many of the same errors in reverse.“ (S. 210) Außerdem merkt Jason Colavito mit Recht an, dass hinter solchem Denken immer noch ein rassistisches Denken steckt, „a pernicious belief that culture is genetic“ (S. 211). Sehr wahr.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Atlantis-Scout und Amazon (gekürzt, englisch) am 31. August 2021)

Gilles Marchand: Ein Mund ohne Mensch (2016)

Von der Heilsamkeit der kleinen Dinge und der Phantasie gegenüber einem Lebenstrauma

Der Roman handelt von einem sehr zurückgezogen lebenden Buchhalter Ende vierzig, der sich abends regelmäßig mit einigen Freunden in einem Café trifft. Er hat eine große Narbe vom Mund über den ganzen Hals, die er mit Schals sorgsam zu verbergen versucht. Niemand weiß, was es damit auf sich hat, niemand wagt zu fragen. Eines Tages wird ihm klar, dass er die Geschichte der Narbe erzählen sollte. Abend für Abend nähert er sich dem Kern der Geschichte an.

Der Roman überzeugt durch die einfühlsame Darstellung des zurückhaltenden, bescheidenen Innenlebens des Protagonisten und der Begegnung mit seinen Freunden. Die skurrile Phantasie seiner Geschichten, mit der der Alltag zu etwas besonderem verklärt wird, macht Freude. Am Ende kommt dann eine wuchtige Überraschung, und alle Fäden laufen zusammen.

Ein gutes Buch. Ein starkes Buch.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. Februar 2026)

Hanns Cibulka: Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (1989)

Authentisches Kriegserleben eines Gebildeten auf Sizilien

Hanns Cibulka war 1943 als Nachrichtensoldat des Flakregiment 7 unter dem Kommando von Major von Treptow auf Sizilien und berichtet authentisch von dem Kriegserleben eines einfachen Soldaten. Dieses stellt sich unspektakulärer dar, als heutige Kriegsfilme vermuten lassen. Als Nachrichtensoldat hatte Cibulka Telefonleitungen zwischen Befehls- und Gefechtsständen aufzubauen, wobei hinzu kommt, dass er in einem Flak-Regiment Dienst tat, das eher im Hinterland stationiert wurde um Angreifer aus der Luft zu bekämpfen.

Einquartiert auf einem verlassenen Gehöft einige Kilometer von Catenanuova entfernt, kommt Cibulka mit Land und Leuten in Kontakt. Sizilianer sind politisch weder so noch so gepolt, sondern halten sich aus der Politik heraus und kümmern sich lieber um ihre eigenen, unmittelbaren Belange. Cibulka hat auch einen guten Blick für die Flora der Insel, die er mit großem Kenntnisreichtum immer wieder beschreibt. Tiere erscheinen grundsätzlich als feindselig: Skorpione, Schlangen, Mücken und Moskitos. Harmlose und freundliche Tiere wie Schafe oder Ziegen kommen praktisch nicht vor.

Hanns Cibulka war offenbar schon in jungen Jahren ein gebildeter Mensch: Er weiß um die Mythen und die Geschichte der Insel Sizilien und verknüpft sein eigenes Erleben damit. Als Lektüre hat er u.a. Goethes Italienische Reise und Gregorovius‘ Wanderjahre in Italien dabei. Seine Überlegungen sind nicht immer historisch korrekt, aber immer bedenkenswert, auf jeden Fall literarisch wertvoll.

Sehr interessant ist die ständige Angst davor, von feindlichen Jagdbombern entdeckt und aufs Visier genommen zu werden, sobald man das Haus verlässt. Diese ständige Präsenz feindlicher Jagdbomber weit hinter der Front erinnern an den heutigen Krieg zwischen Russland und der Ukraine, in dem die Soldaten ebenfalls ständig durch gegnerische Drohnen bedroht werden. Die immer wieder eingestreuten Wehrmachtsberichte vom Tage zeigen auch, dass es viele Luftangriffe der Alliierten auf italienische Städte gab. Außerdem scheint klar zu werden, dass Jäger effektiver in der Bekämpfung feindlicher Flugzeuge waren als die damalige Flak.

Am Ende erzählt Cibulka vom Rückzug auf die Ätna-Linie und von einer Abwehrschlacht gegen die heranrückenden Amerikaner. Dann fällt er wegen einer Erkrankung an Malaria aus und kommt ins Lazarett. Hier endet das Tagebuch. Nicht mehr im Tagebuch berichtet wird, dass Cibulka schließlich in Gefangenschaft geriet. Von seiner Gefangenschaft schreibt Cibulka in seinem viel früher erschienenen „Sizilianischen Tagebuch“.

Besondere Themen

In einigen Rückblenden berichtet Cibulka auch von seinen Erlebnissen an der Ostfront, bevor er nach Italien kam. Darunter seine Erlebnisse als Militärmusiker in einem Wehrmachtsbordell. Wie ihm in Russland in einer Flamme die Muttergottes von Tschenstochau erschien. Oder seine Beobachtungen zur Physiognomie eines gefangenen ukrainischen Generals.

Dass Deutschland eine Diktatur ist, ist Cibulka vollkommen bewusst. Mehrfach wird ausführlich auf Ernst Jüngers „Marmorklippen“ rekurriert. Cibulka stammt aus dem schlesischen Jägerndorf, wo sein Vater Sozialdemokrat war und sich dagegen wandte, dass Jägerndorf von der Tschechoslowakei zurück zu Deutschland kam. Auch von Engländern und Franzosen fühlte Cibulka sich als Tscheche verraten. Es sei deshalb nicht sein Krieg, der hier geführt wird, meint er. Cibulka hat also keine Präferenz für einen Sieg der Alliierten.

Mit Empedokles denkt Cibulka über die Sinnlosigkeit des ewigen Hasses unter den Menschen nach, wodurch einmal mehr deutlich wird, dass er keine Seite in diesem Krieg präferiert. Dass Empedokles als Arzt und politischer Mensch eine besondere Rolle spielte, ist Hanns Cibulka bewusst. Auch das Fragmentarische an der Überlieferung zu Empedokles reizt ihn aus literarischen Gründen: Denn ein Fragment ist nicht abgeschlossen. Das ganze literarische Werk von Hanns Cibulka ist deshalb als Fragment angelegt, meistens Tagebücher.

Für Cibulka ist die Diktatur Hitlers eine ganz normale Diktatur wie viele andere auch. Auch der Krieg ist ein Krieg wie viele andere auch. Immer wieder werden Gleichsetzungen mit der Antike vorgenommen. Dass die Diktatur des Nationalsozialismus etwas besonders Schlimmes sein könnte, kommt bei Cibulka als Gedanke nicht vor. Auch die Judenverfolgung und der Holocaust kommen an keiner einzigen Stelle vor. Von mehr als „Arbeitslagern“, wie es sie in jeder Tyrannis gibt, weiß Cibulka nichts. Obwohl Cibulka zuvor an der Ostfront war und als Nachrichtensoldat in einer privilegierten Stellung, was Informationen anbelangt, wusste er offenbar nichts davon. Denn sonst bekam er über die Telefonleitungen alles mit: Welche Ereignisse vor sich gingen, welche Diskussionen geführt wurden, welche Befehle erteilt wurden und sogar, wie die Offiziere das militärische Telefonnetz dazu missbrauchten, mit ihren Geliebten zuhause zu telefonieren.

Der DDR-Autor Cibulka veröffentlichte dieses Buch erst 1989, so dass man es auch als stille Abrechnung mit der DDR-Diktatur lesen kann. Die Verdrehung der öffentlichen Worte und das Wirken der Propaganda werden von Cibulka in einer Weise beschrieben, die auch an die DDR denken lässt.

Kritik

Formal ist zu bemängeln, dass nicht deutlich genug wird, welche Passagen wirklich das originale Tagebuch sind und welche Passagen der Autor bei späterer Bearbeitung hinzugefügt hat, und wann diese spätere Bearbeitung stattfand; womöglich waren es mehrere. Das schmälert den literarischen Wert nicht, kratzt aber etwas an der Authentizität des Tagebuchs.

Eine ganze Reihe von Parallelen zur antiken Geschichte sind schwärmerisch übertrieben, schief, oder – wenn man es genau nimmt – sachlich falsch. Auch das schmälert den literarischen Wert nicht und die Überlegungen bleiben in einem höheren und allgemeineren Sinne durchaus richtig. Man muss hier auch bedenken, dass der Autor erst Anfang 20 war, als er in Sizilien war.

Wirklich ärgerlich ist etwas anderes. Der Autor frönt einer deutschen Unsitte, die im Gefolge des Nationalsozialismus aufkam: Alles Wahre, Schöne und Gute an deutscher Kultur und Geschichte wird den Schrecken des Nationalsozialismus gegenübergestellt und daraus dann der Schluss gezogen, es sei falsch, wertlos oder sei nicht das wirkliche Leben. So wird Goethe mehr oder weniger deutlich vorgeworfen, man habe vor lauter Bomben und Granaten nichts Schönes in Sizilien gefunden. Das Sizilien Goethes sei also höchstens ein Schönwetter-Sizilien, eine wirklichkeitsfremde Idylle. Dem preußischen Major von Treptow wird sein Preußentum zum Vorwurf gemacht: Es ende in elendem Soldatentod, und er ginge hinterher wieder in sein Herrenhaus. Der preußische Staat habe wenig Kultur hervorgebracht.

Solches Denken ist falsch und ungerecht. Der Humanist weiß, dass das Wahre, Schöne und Gute gerade auch angesichts des Schreckens seinen Wert behält, gerade dann. Auch Goethe war schon im Krieg und hat auch verschiedene Heerzüge hin und her durch Weimar ziehen sehen. Seine Ideale gelten nicht trotz dieser Erlebnisse, sondern gerade auch mit und wegen dieser Erlebnisse. Und dass Preußen kaum Kultur hervorgebracht hat, ist grober Unfug. Hat nicht Friedrich der Große die Aufklärung befördert? Immanuel Kant? Wilhelm und Alexander von Humboldt? Bode- und Pergamonmuseum in Berlin? Und ist nicht die Zivilisierung eines Volkes ebenfalls eine große Kulturleistung? Einschließlich der Militärkultur? Und sind die britischen und amerikanischen Soldaten nicht auch einen elenden Soldatentod gestorben? Und sind die britischen Offiziere und amerikanischen Generäle nach dem Krieg nicht auch in ihre Herrenhäuser zurückgekehrt? Natürlich sind sie das. Die Urteile von Hanns Cibulka über Deutschland und Preußen sind falsch und ungerecht.

Hanns Cibulka nennt selbst zwei Dinge, die es ihn hätten besser wissen lassen können: Da ist zum einen der Umstand, dass Cibulka das Immergleiche aller Kriege beklagt. Daran ist etwas Wahres, auch wenn Cibulka den besonderen Charakter des Nationalsozialismus verfehlt. Insofern es für den Krieg, wie er ihn erlebt hat, zutrifft: Warum dann ausgerechnet Preußen herauspicken und darauf herumhacken? Warum nicht z.B. das britische Empire und den typischen Charakter des britischen Offiziers? – Zum anderen sagt Cibulka selbst, dass sich das Wesen des preußischen Offiziers überlebt habe. Damit erkennt er wenigstens implizit an, dass der Krieg, in dem er kämpft, nichts mehr mit Preußen zu tun hat. Warum aber dann auf dem Wesen des preußischen Offiziers herumhacken? Gerade preußische Offiziere haben unter Hitler manchen Befehl verweigert und schließlich auch das Attentat auf Hitler gewagt. Etwas mehr Differenzierung und Gerechtigkeit hätte man sich da schon wünschen können.

Schließlich träumt Cibulka davon, dass die Soldaten einfach ihre Uniformen ausziehen und sich verbrüdern. Das ist hochgradig naiv. So ist die Welt nicht. Cibulka wirft Goethe vor, ein zu idyllisches Weltbild zu haben, selbst aber träumt er hemmungslos vom Wolkenkuckucksheim. Der Versuch, alles Wahre, Schöne und Gute an deutscher Kultur und Geschichte mit dem Nationalsozialismus nach unten zu ziehen, ist auch deshalb gründlich fehlgeschlagen, weil der Autor dieses Versuchs selbst als Träumer entlarvt ist.

Einige Zitate

„Wenn ich das Wort Sizilien ausspreche, bin ich bestürzt über die phonetische Wirkung, da gibt es dreimal das flammenzüngige I, das ist das scharf zischende S, das z. In diesem Wort lebt nichts Verträumtes, Romantisches, da ist alles hart, hell und klar, ganz andere Gestalten treten aus dem dunklen Laub hervor, wo die Goldorangen glühn.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 47)

„Auf dieser Insel war es schon immer eine Frau, die man verehrte, da waren Astarte und Ischtar, Aphrodite und Venus, und erst spät, sehr spät die Jungfrau Maria, keine strenge Herrin, eine Mutter, die den Menschen entgegengeht.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 61)

„Die Insel ist in ihrem Kern Gebirgsmasse. Im Norden dominiert das Urgestein: Gneis, Glimmerschiefer, Granit. Der Ätna ist ein selbständiges Gebirgsmassiv aus Vulkangestein, im Süden liegen die Kalkberge. Nicht nur der Geologe, auch der Laie erkennt die Unterschiede zwischen dem Nordosten und dem Süden der Insel. Der Wechsel der geologischen Struktur verändert das Landschaftsbild, die Berge sind anders gegliedert, sie haben nicht nur eine andere Form, an ihren Hängen wächst auch eine andere Flora.
Im Inneren der Insel Bergketten, es sind heiße trockene Hänge mit grauem Steingeröll, kahl, verkarstet. In diesen Regionen stürzen am Abend keine Wasser in die Kanäle, um sich den den Wurzeln der Bäume wieder zu sammeln. Unerbittlich brennt das Himmelsgestirn herab, saugt aus dem Boden das letzte Wasser. In dieser Landschaft gibt es auch keine Felder, keine Dörfer. Neben dem Maultierpfad Steine, nichts als Steine, eine stachlige Strauchvegetation, eine Wüstenflora. Es ist ein Gebirge, das den Menschen abweist, eine halbafrikanische Wildnis, medusenhaft, außerhalb der Zeit, fern von Maß und Ordnung.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 29 f.)

„In den letzten Tagen habe ich mich wiederholt gefragt, wie würde ein Militär, Major von Treptow, die sizilianische Landschaft beschreiben, vielleicht so:
Sizilien hat eine dreihundertzwanzig Kilometer lange Nordküste, eine zweihundertfünfzehn Kilometer lange Ostküste, die Südküste beträgt zweihundertfünfundachtzig Kilometer. Für militärische Operationen sind im Norden die Golfe von Palermo und Castellamare von Bedeutung, im Osten die Buchten von Messina, Catania, Augusta und Syrakus, die Südküste hat keinen eingeschnittenen Meerbusen.
Die Insel ist sehr gebirgig, große Tiefebenen, die sich für ein Aufmarschgebiet eignen, sind nicht vorhanden. Südlich von Catania, zwischen den Flüssen Simeto und Gornalinga [sic!], liegt eine Ebene, die militärisch von Belang sein könnte, aber auch die Küstenebene im Süden, im Raum von Gela, ist nicht zu unterschätzen.
Abgesehen vom Ätna, der ein selbständiges Gebirgssystem bildet, gibt es Gebirgskomplexe, die von militärischer Relevanz sind: die Gebirgskette an der Nordküste der Insel, das Peloritanische Gebirge, es steigt bis eintausenddreihundert Meter an, das Nebrodische Gebirge, das westlich von Taormina ins Innere des Landes vorstößt und südlich von Cefalù zweitausend Meter erreicht.
In der Südabdachung der Insel liegen die Schwefellager. In diesem Gebirgskomplex herrscht große Wasserarmut, die Berge sind kahl, die Flüsse ausgetrocknet, nur im Winter und im Frühling verwandeln sie sich in wilde Bergströme, die über die Ufer treten und die Verkehrswege unter Wasser setzen.
Das Innere Siziliens ist eine in sich geschlossene Gebirgsmasse, ein ungegliedertes Gebirgsganzes, kein Hochgebirge, aber auch keine Hügellandschaft.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 63 f.)

„Ich erinnere mich auch heute noch an dieses unbeschreibliche Licht: es stürmt vom griechischen Festland herüber, überfällt dich, dringt in dich ein, es ist wie ein tätiger Sturm, der über das Land hinweggeht, der alles aufbricht, Fenster, Türen und Schlösser, dieser Glanz hat die Maske Apollons angenommen.
Man muss die Zypressen, die Pinien selbst einmal gesehen haben, wie sie in mikroskopischer Schärfe an einem Felsabhang stehen. Nicht nur der Stamm, auch die Nadeln werden von den Strahlen der Sonne umrandet, es ist, als dringen sie durch die Äste bis hinab in die dunkelsten Bereiche der Wurzeln. Dieses Licht nimmt der Landschaft die Schwere, gibt den Dingen eine überragende Leichtigkeit, Sicherheit, nach der man in unseren Breiten vergebens sucht, selbst in der Mittagsglut scheint der Schatten der Häuser über dem Erdboden zu schweben.
Am späten Nachmittag, wenn die Landschaft wieder fassbar wird, werden die Dinge körperlich, gewinnen an Substanz, die Perspektive nimmt zu, das Licht hat sich verändert, es ist ruhiger geworden, in den Abendstunden wird es durchlässig für die Nacht.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 66 f.)

„Die mediterrane Atmosphäre auf Sizilien hat etwas Verlässliches, eine Beständigkeit, die den Klimaten der deutschen Mittelgebirge fremd ist. Keine Wetterstürze, kein Kälteeinbruch“.(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 81)

„Der Scirocco ist kein heimatlicher Wind, der von den Bergkuppen herab in die Täler fällt, sich dreht, in sich zusammenbricht, aussetzt, es ist ein Glutwind, der aus der Sahara kommt. Er ist von einem betäubenden Gleichmaß, eine Provokation für Seele und Leib. Ein solcher Wind kann den Menschen in den Wahnsinn treiben. Ständig trommelt er mit seinen Sandkörnern ans Fenster, auf das Dach, auf die Blätter der Kastanie; den ganzen Tag knirscht zwischen den Zähnen der Sand.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 113)

„In einem Land, wo Politik zur Religion wird, trägt der Staat den Purpurmantel der Inquisition.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 105 f.)

„Der Tod war für Empedokles nichts anderes als eine neue Bewusstseinsebene. Wer das Geistige im Kosmos verneint, verneint sich selbst.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 124)

„Ich erinnere mich noch heute an den ukrainischen General. Eine halbe Stunde lang konnte ich ihn vom Klappenschrank aus beobachten. Sein Körper war wuchtig, das Gesicht breitflächig, die Backenknochen hoch angesetzt. Mein erster Gedanke: Hier kommt ein Stück wandelnder Erde auf dich zu. Das Gesicht und das weite ukrainische Land, irgendwie gehörten sie seit Generationen zusammen.
Dieses Offiziersgesicht hob sich noch nicht aus den Gesichtern der anderen russischen Soldaten heraus. Es war ein Gesicht, das nichts öffnete, nichts zurücknahm, das alles in sich verschloss, das auf der Lauer lag, ein verschlüsseltes Gesicht, das sich keine Blöße gab. Nicht nur das Schweigen um den Mund, alles war wie ein Siegel, das eine kommende Zeit erst aufbrechen muss.
Das Wesentliche an seinem Gesicht war das Frontale, nicht das Profil. Es hatte etwas Flächenhaftes, von der Stirnfläche hinab bis zu den Wangen. Ich stand auf, ging um den General herum. Von der Seite her gesehen, fing dieses Gesicht wirklich erst an, Profil zu werden, mir schien, als wartete es auf den inneren Befehl, auf das Signal, welche Form es endgültig annehmen sollte. Solche Gesichter werden nicht in einem einzigen Leben verbraucht, sie sind auf Jahrhunderte angelegt.
An diesem Gesicht gab es nichts zu deuteln, es war ganz einfach da. Europa würde mit ihm rechnen müssen. Und doch hat mich an diesem Gesicht etwas erschreckt: vergebens suchte ich in ihm nach einem Stück Himmel.“(Hanns Cibulka, Nachtwache – Tagebuch aus dem Kriege. Sizilien 1943 (2022) S. 125 f.)

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Peter Meier-Hüsing: Nazis in Tibet – Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer (2017)

Interessantes Thema durch Schnitzer des Lektorats getrübt

Die Tibet-Expedition von Ernst Schäfer geistert schon lange durch die Literatur, bleibt aber meistens wenig greifbar, und jeder projiziert in das Thema hinein, was er möchte. Deshalb ist es erfreulich, dass dieses Thema jetzt aufgegriffen und analysiert wurde. Der Autor hat dazu viel Material zusammengetragen und offenbar auch Originalschauplätze besucht und mit Zeitzeugen gesprochen, die teilweise erst vor relativ kurzer Zeit verstorben sind. Es wird also durchaus was geboten in diesem Buch.

Die Expedition wurde zwar von Heinrich Himmler mit gewissen okkulten Phantasien verbunden, doch der Expeditionsleiter Ernst Schäfer konnte sich dessen erwehren, so dass die Expedition wenigstens halbwegs wissenschaftlich war. Das schloss natürlich den Rassismus des Nationalsozialismus mit ein, der damals als Wissenschaft galt, aber das ist eben pseudowissenschaftlich, und nicht okkult, und insofern unspektakulär. Ebenfalls ein Malus dieser Expedition ist sicher der Opportunismus des Expeditionsleiters Ernst Schäfer, der sich dem Nationalsozialismus politisch offenbar allzu bereitwillig angebiedert hat. Das zeigt dieses Buch auch sehr gut.

Tibet selbst zeigt sich in diesem Buch ebenfalls von einer anderen Seite, als gedacht: Es wurde also viel getrunken, damals, in Tibet ….. und womöglich ist die Kritik der Expeditionsteilnehmer an der mittelalterlichen Mönchsherrschaft nicht völlig falsch. Das diplomatische Gerangel mit den Briten um den Einlass nach Tibet ist recht gut nachgezeichnet.

Sehr zu loben sind insbesondere auch die Kapitel über den weiteren Werdegang der Expeditionsteilnehmer während des Krieges und natürlich danach. Die Verstrickung in Schuld und der Umgang damit ist immer ein lehrreiches Thema über Fehlentscheidungen und den wahren Charakter von Menschen. Erst in diesen Kapiteln wird besonders deutlich, dass die ideologische Verstrickung eben kein harmloser Opportunismus war, so dass die Schuld eher abstrakt blieb, sondern dass die Ideologie sehr direkt mit dem Tod von Menschen in Zusammenhang gebracht werden kann.

Fehler

Der Autor des Buches ist eher Journalist als Wissenschaftler, doch der Theiss-Verlag erhebt einen wissenschaftlichen Anspruch: Deshalb seien die folgenden Fehler weniger dem Autor, sondern vor allem dem Lektorat des Verlags angelastet.

Obwohl der Autor letztlich klar herausarbeitet, dass die Expedition eben nichts mit okkultem Gedankengut zu tun hatte (z.B. S. 266), ist das Buch voller widersprüchlicher Aussagen zu diesem Thema. Man hat den Eindruck, dass der Verlag für dieses Buch ganz bewusst mit dem okkulten Thema gespielt hat, um Käufer zu finden.

Der Leser bekommt jedenfalls kein völlig klares Bild vom Zusammenhang von Nationalsozialismus und Okkultismus. Das Anfangskapitel vermittelt sogar die ewig falsche Legende von einer engen Verknüpfung von Nationalsozialismus und Okkultismus. Da wird die falsche These vom starken Einfluss der Ariosophie auf Hitler in dessen Wiener Zeit aufgewärmt. Doch Hitler war schon vor Wien stark durch die Schönerer-Bewegung geprägt und wurde durch die Ariosophie gewiss nicht stark beeinflusst. Liebenfels war eben nicht der Mann, der Hitler die Ideen gab. Und dass Hitler ein Gastredner bei der Thule-Gesellschaft war, lese ich hier zum ersten Mal (und selbst wenn: die Thule-Gesellschaft war ihrerseits nicht sonderlich okkult, und Gastredner treten oft bei Organisationen auf, denen sie sich nicht näher verbunden fühlen). Rosenberg war ebenfalls kein Mitglied der Thule-Gesellschaft, das kann man heute sogar bei Wikipedia nachlesen.

Eine intensive Lektüre von Goodrick-Clarke hätte eine Menge der falschen Informationen, die hier gegeben werden, zerstreuen können. Auf S. 267 lesen wir dann mit Klarheit, dass es Unsinn ist, den führenden Nationalsozialisten eine okkulte Lehre zu unterstellen. Ein gutes Lektorat hätte diese Klarheit schon früher im Buch hergestellt und solche populären pseudowissenschaftlichen Ansichten nicht durchgehen lassen. Oder hat das Lektorat diesen Mix erst mit angerührt, um den Verkauf zu steigern?!

Richtig ist aber, dass Heinrich Himmler einen Hang zum Okkulten hatte. Damit war er aber in der Führungsriege des Nationalsozialismus ziemlich allein. Und Himmler hielt seine okkulten Vorstellungen vorwiegend privat. Auch im Ahnenerbe, das ihm direkt unterstand, wurden Forschungsaufträge mit okkultem Inhalt nicht offiziell deklariert. Die okkulten Absichten Himmlers blieben inoffiziell und wurden allein durch persönliche Beziehungen transportiert (z.B. zu Edmund Kiß oder Herman Wirth).

Bei Ernst Schäfer kam er damit aber nicht an, wie das Buch an manchen Stellen richtig zeigt (an manchen Stellen leider nicht). Richtig ist, dass Schäfer ein skrupelloser Opportunist und mehr als nur ein „Mitläufer“ war, aber er teilte die okkulten Ideen von Himmler eben nicht, wie das Buch selbst klarstellt (S. 55). Schäfer wehrte sich auch erfolgreich gegen das Ansinnen von Himmler, den Atlantissucher Edmund Kiß oder Welteislehreanhänger mit auf die Expedition zu nehmen (S. 60). Auch bei der Finanzierung des Unternehmens achtete Schäfer darauf, nicht nur vom Ahnenerbe der SS abhängig zu sein. Obwohl Ahnenerbe-Geschäftsführer Sievers von der Expedition abriet, weil ihm Schäfer zu unabhängig war, entschied sich Himmler doch für die Expedition (S. 60).

Richtig ist ebenfalls, dass die Expedition u.a. auch Rasseforschung betrieb. Das geschah aber im Rahmen der damals üblichen und öffentlichen NS-Rassetheorien, und nicht mit einem okkulten Hintergedanken oder einem „Atlantis-Glauben“. Diese Hintergedanken blieben in Himmlers Kopf, sie gingen nicht mit auf die Expedition. Der mitreisende Rasseforscher Beger soll sogar unzufrieden mit der Expeditionsleitung durch Schäfer gewesen sein, und nach der Expedition entwarf Beger eine Expedition nach seinen eigenen Wünschen (S. 161).

Sehr positiv zu vermerken ist die historische Rekonstruktion des rassistisch motivierten Tibet-Interesses über Blumenbach und den Wagner-Schwiegersohn Chamberlain. Doch es fehlen natürlich die französischen Naturforscher wie Bailly, Buffon und Delisle de Sales, die die Menschheit von Norden und den höchsten Bergen in Innerasien her entstehen ließen, oder Burnouf, und natürlich Richard Wagner selbst! Und wie diese Vorstellungen über Gleizès und Richard Wagner dann zu Chamberlain, Schönerer und Hitler kamen.

Die Tibet-Zusammenhänge von Bailly, Buffon, Delisle de Sales, Blumenbach, Burnouf, Gleizès, Richard Wagner und Chamberlain werden z.B. in dem Buch „Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis“, 2016, von Thorwald C. Franke, behandelt. Auch hier das Ergebnis: Von Heinrich Himmler abgesehen war da „nur“ Pseudowissenschaft, aber nichts Okkultes, und der ganze Hype um die Nazi-Esoterik ist maßlos übertrieben. Der Nationalsozialismus war eben ein Hitlerismus, und kein Himmlerismus, das wird gerne übersehen.

Leider arbeitet das Buch den Unterschied zwischen Pseudowissenschaft und Okkultismus nicht klar heraus. Das hätte ganz an den Anfang gehört. Es ist übrigens durchaus nicht so, wie das Buch meint, dass Hitler an Tibet kein Interesse gehabt hätte. Hitler hatte durchaus ein gewisses Interesse an Tibet. Aber eben ein pseudowissenschaftliches Interesse im Sinne seines Idols Richard Wagner, kein okkultes Interesse. Allerdings gilt auch, dass Hitler die Herkunft der „arischen Rasse“ stets für unwichtig hielt. Für ihn war vor allem wichtig, dass es sie überhaupt gab. Das hatte er mit Chamberlain gemeinsam.

Ein weiteres Problem dieses Buches sind vielfache chronologische Sprünge vor und zurück in der Zeit. Hinzu kommen zahlreiche Tippfehler, und auch nicht wenige sprachliche Schiefheiten. Hier hat wirklich das Lektorat versagt. Schließlich hat das Buch eine Neigung dazu, den Geist der damaligen Zeit aus einer etwas selbstgerechten Haltung der Moderne zu beurteilen. Dadurch kommt manchmal ein fieser Ton in die Darstellung, der stört, selbst wenn der verurteilende Blick berechtigt ist, wie sich teilweise zeigt.

Fazit

Man bekommt eine Menge Material geboten, das interessant und lesenswert ist. Ein richtiges und wichtiges Buch. Man muss sich aber leider teilweise selbst seine Gedanken machen, wie sich alles zusammenpuzzelt. Von einem Verlag wie Theiss hätte man ein besseres Lektorat erwarten können.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 17. September 2017)

Katrin Himmler: Die Brüder Himmler – Eine deutsche Familiengeschichte (2005)

Eine persönliche Aufarbeitung, die in die Irre führt

Dies ist leider kein gutes Buch geworden. Es ist grundsätzlich legitim und zu begrüßen, wenn Angehörige von NS-Verbrechern ihre Familiengeschichte aufarbeiten und daraufhin befragen, was in der Familie falsch gelaufen ist. Aber wenn sich eine solche persönliche Aufarbeitung ohne gute Belege in direkten Widerspruch zur Geschichtsforschung setzt, wird es sehr problematisch. Denn dann entsteht der falsche Eindruck, hier würde jemand als Familienangehöriger aus erster Hand und authentisch berichten – was aber nicht der Fall ist, denn die Autorin ist nur eine späte Verwandte, die genauso wie jeder Historiker auf Quellen angewiesen ist. Sie hat als Verwandte keinen Erkenntnisvorsprung und kein Erkenntnisprivileg.

Zentral ist die Frage nach dem Vater von Heinrich Himmler.

Spätestens seit dem Buch „Der Vater eines Mörders“ von Alfred Andersch steht die Frage im Raum, ob Heinrich Himmler wegen seines Vaters zum Mörder wurde. Bei Alfred Andersch wird die Schuld in dem autoritären Wesen und – hanebüchen – in der klassisch-humanistischen Bildung des Vaters gesehen. Erstaunlicherweise wird das Buch von Alfred Andersch und die sich daran anknüpfende Kontroverse nirgendwo erwähnt. Nur in einer Bildunterschrift im Bildteil (ohne Seitenzahl) kommt es dann doch vor. Das allein ist schon sehr seltsam.

Ohne auf Alfred Andersch einzugehen, wird die Frage zudem allzu kurz und auf seltsame Weise abgehandelt. Auf S. 105 wird in wenigen Zeilen ausgeführt, dass es zu der Zeit, als sich Heinrich Himmler in der NSDAP engagierte, zwischen Vater und Sohn Himmler „erregte Gespräche“ über Politik gab. Es wird die Vermutung (!) geäußert, dass es dabei um ein Thema ging, „das ihnen allen am Herzen lag: die ersehnte nationale Wiedergeburt und Größe Deutschlands.“ Diese Aussagen führen den Leser völlig in die Irre. Denn in Wahrheit werden es Streitgespräche gewesen sein!

In Wahrheit hat die Geschichtsforschung klar herausgearbeitet (und sogar Alfred Andersch schreibt davon), dass Vater Himmler keineswegs glücklich damit war, dass Sohn Heinrich sich der NSDAP angeschlossen hatte. Davon schreibt auch die Autorin – aber nur im kleingedruckten Anmerkungsteil auf S. 311! Dort spricht die Autorin dann aus, was sie im Buchtext unterschlägt (wo es aber hingehört hätte): Dass die Eltern ihren Sohn als „verlorenen Sohn“ ansahen, und dass Heinrich Himmler bei den Eltern als „Versager“ galt, weil er sich der NSDAP angeschlossen hatte. Solches kann man sogar bei Alfred Andersch nachlesen. Aber die Autorin setzt sich über die Forschung kurzerhand hinweg, indem sie meint, die bloße Tatsache, dass Heinrich Himmler immer noch die Familie besuchte, zeige das Gegenteil. Außerdem habe Heinrich Himmler „begeisterte Zusprüche und Ermunterungen“ für sein nationalsozialistisches Engagement von der Familie bekommen. – Von seinem Vater jedenfalls sicher nicht, und darauf kommt es an! Und warum diese zentrale Diskussion nur im Kleingedruckten?!

Dieses Buch versucht die schwarze Legende, die duch das Buch von Alfred Andersch in die Welt kam, dass Heinrich Himmler durch seinen Vater zum Mörder wurde, noch schwärzer zu malen als ohnehin schon. Dieses Buch konstruiert den Vater nicht nur als autoritär wie bei Alfred Andersch, sondern versucht vor allem eine direkte Linie vom nationalkonservativen und katholischen Standpunkt des Vaters zum nationalsozialistischen Geist des Sohnes zu konstruieren. Dabei waren es gerade diese Standpunkte, die den Vater in Gegensatz zum Sohn brachten! Die Autorin hat immer wieder sichtlich Schwierigkeiten, nationales, konservatives und religiöses Denken von nationalsozialistischem Denken zu unterscheiden. Bei ihr ist das alles irgendwie dasselbe. Und das ist nun einmal grottenfalsch.

Zudem wird die Frage nach der klassisch-humanistischen Bildung von Vater Himmler, die bei Alfred Andersch eine wichtige Rolle spielt, weitgehend unterschlagen. Wäre die Autorin offen für alle Fragen gewesen, ohne eine spezielle Absicht zu verfolgen, hätte auch dies prominent diskutiert werden müssen. Aber es geschieht nicht. Denn die Autorin hatte offenbar eine spezielle Absicht mit diesem Buch, zu der das nicht passte. Also ließ sie es weg. – Interessanterweise taucht das Motiv der klassisch-humanistischen Bildung in den zustimmenden Amazon-Rezensionen auf, obwohl es im Buch gar nicht in dieser Weise vorkommt. Die Rezensionen feiern das Buch als Entlarvung der gutbürgerlichen, klassisch-humanistisch gebildeten, national gesinnten, konservativen und katholischen Familie als der insgeheimen Brutstätte des nationalsozialistischen Denkens. So bekommt es der Leser in diesem Buch tatsächlich auch vorgeführt. Und unkritische Leser glauben es.

Wie Vorwort und Nachwort deutlich machen, war ein gewisser Michael Wildt vom „Hamburger Institut für Sozialforschung“ maßgeblich beratend an der Entstehung des Buches beteiligt. Dieses Privatinstitut ist bekannt dafür, einen gewissen politischen Linksdrall zu haben. Und so schreibt denn Michael Wildt prominent im Klappentext des Buches, dass – angeblich – „an dieser ’normalen‘ deutschen Familie Himmler“ das Netz der Verbrechen deutlich würde, „an dem so viele Deutsche auf ganz unterschiedliche Weise mitgeknüpft haben. Heinrich Himmler konnte sich des Einverständnisses dieser Familie sicher sein.“

Und das ist nun einmal völlig falsch und komplett ahistorisch.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 18. November 2018)

Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834)

Anregende und wirkmächtige Geistesgeschichte Deutschlands

Heinrich Heines „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ von 1834/5 ist aus mehreren Gründen absolut lesenswert: Zum einen, weil es eine sehr persönliche Sicht auf den Verlauf der Geistesgeschichte in Deutschland bietet, die durch Ehrlichkeit, Individualität und Offenheit überzeugt. Hier geht es nicht darum, Objektivität vorzutäuschen, sondern hier sagt jemand seine Meinung, und der Leser ist zum Selberdenken aufgefordert. Auch dort, wo man die Darstellung für zu oberflächlich und einseitig hält, hat Heine doch immer einen guten Punkt getroffen. Heine hat hier einige Einsichten mit Worten geprägt, die fast zu Sprichworten geworden sind.

Zum anderen sollte man dieses Buch deshalb lesen, weil es von vielen gelesen wurde, und ein Bild der deutschen Geistesgeschichte erzeugt hat, das von vielen geteilt wird. Auch und gerade, weil es auch Fehler hat, sollte man um die Wirkmächtigkeit dieser Irrtümer wissen. Schließlich ist Heines Werk aber auch ein Zeitdokument, das einem die Augen öffnet, wie die Dinge in den damaligen Zeiten gelaufen sind – und wie sie wohl zu allen Zeiten laufen bzw. laufen könnten.

Für Heinrich Heine mündet die Reihe Kant, Fichte, Schelling, Hegel in Pantheismus, in „Naturphilosophie“. Im Pantheismus, in der Romantik, lebt auch das alte Germanentum wieder auf, während die Juden als „Schweizergarde des Deismus“ nicht in das pantheistische Bild passen. Heine weiß, dass in der Naturphilosophie auch Gefahren liegen: Das Wiederaufleben der „Berserkerwut“ des Germanentums aus „tausendjährigem Schlummer“. Man meint, eine Prophezeiung auf Marx und Hitler zu lesen.

Hier gibt es eigentlich keinen Grund für Optimismus und Fortschrittsglaube. Es ist unverständlich, wie Heine den Gang der Geistesgeschichte einschließlich ihrer Gefahren so beschreiben kann, aber dann relativ optimistisch dabei ist. Heine hätte hier die Frage nach einer besseren Alternative stellen müssen. Aber das tut er nicht. Heine scheint vielmehr im Ganzen recht einverstanden zu sein mit der „Naturphilosophie“. Die Gefahren scheint er nicht ernst zu nehmen.

In diesen Zusammenhang muss wohl auch die Aussage Heines eingeordnet werden, dass er das Christentum selbst dann noch erhalten wollte, wenn der Glaube geschwunden ist. Das ist eine sehr unphilosophische Aussage. Hier wird deutlich, dass Heine selbst kein ganz klarer Kopf ist. An anderer Stelle äußert er, wie ihm unwohl ist, wenn Kant Gott seziert; damit zeigt er eine unphilosophische Religiosität. Von diesem Punkt aus lassen sich Heines Irrtümer und Fehlurteile verstehen.

Hierher gehört wohl auch, dass Heine seinen eigenen Fortschrittsoptimismus ein wenig relativiert, ohne ihn im Kern zu hinterfragen. Man kann sicher sein, dass Heine vor ideologischem Handeln und Fanatismus zurückgeschreckt wäre. Aber Heine mäßigt seinen Optimismus nur, statt dass er ihn grundsätzlich hinterfragt. Auch hier wird die Gefahr von Heine gesehen, aber kleingeredet. Eine bessere Alternative zum naiven Fortschrittsoptimismus wird nicht gegeben. Heine ist ganz offenkundig fasziniert von dem Neuen und will daran nur das vermeintlich Gute sehen. Heinrich Heine ist einer der ersten, die die Greuel von Kommunismus und Nationalsozialismus vor lauter Faszination nicht sehen wollten – wenn auch nur auf einer theoretischen Ebene.

Die Aufgabe des modernen Lesers ist es, sich dieser Faszination Heinrich Heines zu entziehen, und bessere Alternativen zu suchen.

Interessant die Aussagen über das deutsche Wesen: Methodisch, gründlich, langsam, auch im Hass, und mit einer Wirkung aufgrund der Gedankentiefe, die die Welt erschüttern wird. Die Deutschen sind generell langsam, wenn sie aber einmal eine Bahn eingeschlagen haben, verfolgen sie diese bis zum Ende.

Ein Irrtum ist u.a. die Auffassung, dass es eines Luthers bedarf, um etwas zu bewegen, und dass ein Erasmus und Melanchthon es allein nicht geschafft hätten. Denn Heine selbst spricht später davon, dass Kant und seine Nachfolger eine Wirkung entfalten würden, gegen die die französische Revolution nichts sei.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. August 2014)

Ulf Poschardt: Shitbürgertum (2025)

Die Geburt des Shitbürgers aus dem Ungeist des NS-Wendehalses

Mit „Shitbürgertum“ hat Ulf Poschardt einen neuen Begriff geprägt für etwas, was wir schon kennen: Das „linksliberale“ Bürgertum der BRD. In seiner anekdotischen Beschreibung des „linksliberalen“ Elends hat dieses Buch viele Überschneidungen mit anderen Werken zum Thema, etwa „Unter Linken“ von Jan Fleischhauer.

Das Besondere dieses Buches

Ulf Poschardt liefert allerdings keine heiter-gelassene Beschreibung des Shitbürgertums. Bei Poschardt kommt ein aggressiver Ton hinzu: Das Shitbürgertum muss weg. Weil es uns inzwischen kaputtzumachen droht. Die letzten Reste liberalkonservativer Bürgerlichkeit sind aufgezehrt, der Marsch durch die Institutionen ist vollendet. Niemand hindert das Shitbürgertum mehr an seinem selbstzerstörerischen Wirken. Die Antwort auf den Marsch durch die Institutionen muss die Schleifung der Institutionen sein.

Vor allem aber überrascht das Buch mit seiner Kritik an der Aufarbeitung des Nationalsozialismus: Etwas ist gründlich schief gegangen bei der Vergangenheitsbewältigung, und zwar von Anfang an, und es zieht sich bis heute durch. Den Ursprung des Shitbürgertums sieht Ulf Poschardt in der inneren Abspaltung der bösen Vergangenheit durch NS-Wendehälse wie Günter Grass oder Walter Jens. Diese NS-Wendehälse belehrten uns ihr ganzes Leben lang, wie böse und faschistisch die BRD-Gesellschaft doch sei, aber dann stellte sich heraus, dass diese Gestalten selbst überzeugte Nazis gewesen waren!

Diese innere Abspaltung des eigenen Bösen hat eine manichäische Haltung von absolut rein und gut vs. absolut schmutzig und böse hervorgebracht, die bis heute beim „linksliberalen“ Bürgertum anhält. Das Shitbürgertum ist in diesem Sinne infantil und regressiv, weil es ein radikal simplifiziertes Weltbild hat: Das Böse, das ist immer das „Eigene“, also das Deutsche und das Normale, und die Bösen, das sind immer die anderen. Wer nicht „linksliberal“ ist, der ist „Nazi“. Dieser Manichäismus ist auch der Grund, warum dieses „linksliberale“ Bürgertum jeden selbstzerstörerischen und selbstverleugnenden Unsinn mitmacht, so dass sich die Gesellschaft immer mehr in einen autoritären Kindergarten verwandelt. Diese Kritik ist ein fulminanter Angriff gegen das juste milieu der BRD, und ja: Ulf Poschardt trifft den wunden Punkt unserer Gesellschaft sehr gut.

Für das Shitbürgertum dürfte allein die Tatsache, dass ihre „linksliberalen“ Ikonen wie Günter Grass und Walter Jens fast alle (!) ehemalige Nazis waren, eine ungeheure Provokation sein. Bislang nimmt man dieses Phänomen immer noch als Einzelfall wahr. Dass aber die BRD geistig dermaßen stark durch ehemalige Nazis geprägt wurde, die auf Wendehals machten, ist bislang noch nicht zu Bewusstsein gekommen. Dieser Teil unserer Geschichte wird immer noch tapfer verdrängt, und mit ihm die üblen Konsequenzen bis heute.

Was dem gegenüber wieder gewonnen werden muss, ist die Fähigkeit zur Ambivalenz, die Integration der eigenen Schattenseiten in das eigene Bewusstsein, gewissermaßen ein Erwachsenwerden hin zum Realismus und weg von manichäischen Illusionen über sich und andere. Deutschland liegt bei Ulf Poschardt also auf der Couch und bedarf der Therapie. Auch das ist kein völlig neuer Gedanke.

Rettung sieht Ulf Poschardt von der Pop-Kultur her kommen: Diese ist rücksichtslos und frech, aber auch zur Ambivalenz fähig. Die Kettensäge von Milei oder Donald Trump sind für Ulf Poschardt popkulturelle Phänomene.

Kritik – Weiterentwicklungen des Shitbürgertums

Mindestens zwei historische Weiterentwicklungen des Shitbürgertums werden bei Ulf Poschardt nicht oder nicht ausreichend thematisiert. Die Urquelle des Shitbürgertums sind zweifelsohne die NS-Wendehälse. Das ist richtig.

Aber 1989/90 kam der Antifaschismus der DDR hinzu. Die DDR definierte sich kurzerhand als antifaschistischer Staat, was zur Folge hatte, dass die DDR zur Selbstkritik nicht mehr fähig war. Im ZK der SED tummelten sich die NSDAP-Funktionäre, die Freie Deutsche Jugend wurde maßgeblich von Hitlerjugend-Funktionären aufgebaut, die Volksarmee der DDR war von einer NS-Aufarbeitung so weit entfernt wie der Mond, und auch die starke Skinhead-Szene der DDR verdankt sich der völligen Unfähigkeit der DDR, die deutsche Vergangenheit adäquat aufzuarbeiten. Die DDR war gewissermaßen der Staat-gewordene NS-Wendehals, der manichäische Abspaltung betrieb. Mit der Wiedervereinigung kamen in diesem (Un-)Geist geprägte Gestalten aus der DDR an die Schaltstellen von Politik und Gesellschaft in der BRD.

Die zweite große Weiterentwicklung des Shitbürgertums kam aus dem angelsächsischen Raum: Dort hatte sich eine ganz ähnlich shitbürgerliche Deutung der dortigen Kolonialvergangenheit herausgebildet, die alles, was früher war, verteufelte. Zugleich hatten sich an den US-Universitäten postmoderne Ideologien durchgesetzt, die den klassischen Humanismus zersetzten: Vernunft, Realismus oder Freiheit sind für postmoderne Ideologen lediglich Machtmittel von „alten, weißen Männern“, die es zu dekonstruieren gälte. Dieser Ungeist schwappte mit voller Wucht in unsere Gesellschaft herüber und wurde von den hiesigen Shitbürgern begierig aufgesogen. Ein irrwitziger Multikulti-Fanatismus und eine realitätsverleugnende Gender-Ideologie machten sich breit, bis hin zur Zerstörung unserer geliebten deutschen Sprache. Teilweise wurde in sklavischer Übernahme angelsächsischer Shit-Ideen sogar versucht, den Holocaust gegenüber der deutschen Kolonialvergangenheit herunterzuspielen. Antisemitismus ist der heimliche Trumpf im heutigen Shitbürgertum.

Kritik – Zentraler Irrtum von Ulf Poschardt

In einem entscheidenden Punkt übernimmt Ulf Poschardt eine shitbürgerliche These der NS-Wendehälse, statt diese als einen wesentlichen Bestandteil ihrer inneren Abspaltung von allem Bösen zu erkennen: Ulf Poschardt meint, dass die deutsche Kultur vor 1933 tatsächlich schlimm, schlecht und böse gewesen sei und mehr oder weniger zwangsläufig zum Nationalsozialismus geführt habe. Also ganz so, wie die NS-Wendehälse es uns einzureden versuchten.

Dabei ist diese Art der Geschichtsbetrachtung doch allzu leicht als ein integraler Bestandteil der Abspaltungsstrategie zu durchschauen! Denn die totale Schlechtredung von allem, was früher war, ist gewissermaßen der Gipfel der inneren Abspaltung. Je reiner die NS-Wendehälse sich selbst fühlen wollten, desto schmutziger musste alles andere sein. Und der Gipfel des Schmutzes ist es natürlich, wenn nicht nur die Nazis Nazis waren, sondern am besten alle Deutschen, und das nicht nur 1933-45, sondern möglichst schon seit es Deutsche gibt. Das ermöglichte es den NS-Wendehälsen auch, sich über ihre Mitmenschen zu erheben: Denn wenn sie auch keine Nazis mehr waren, so waren sie doch immer noch Deutsche, trugen also das „böse Erbe“ in jedem Fall noch in sich. Die Flucht vor dem Deutschsein nach „Europa“, die Flucht in einen völlig irrwitzigen Multikulti-Fanatismus haben hier ihre Erklärung, und ebenso natürlich der Hass auf alles Deutsche, wie er in der Gendersprache zum Ausdruck kommt.

Dass Ulf Poschardt bei all seiner Einsicht in das Wesen der NS-Wendehälse dieses zentrale Märchen nicht erkannt hat, ist bedauerlich und fast schon seltsam. Es gibt übrigens noch eine weitere Steigerung dieses Märchens der NS-Wendehälse: Die nächste Steigerung wäre, dass alle Menschen verdorben und schlecht, mithin „Nazis“ sind, und dass die Übel der Welt nur durch die Überwindung des Menschen selbst ausgerottet werden können. Da sind wir dann bei den postmodernen Klimaapokalyptikern und Extinktionalisten angelangt, für die die „unberührte“ Natur alles ist, und der Mensch nichts.

Im den folgenden Abschnitten widerlegen wir im Detail die Argumente, mit denen Ulf Poschardt die ganze deutsche Vergangenheit vor 1933 zum Problem erklärt, danach nehmen wir den Faden der Kritik wieder auf.

Widerlegung: Gegen die Vollschuldigkeit aller Deutschen

Die These, dass die Deutschen im Nationalsozialismus gewissermaßen kollektiv und allesamt schwer schuldig geworden waren, ist völlig falsch. Diese These spiegelt nicht die Realität, sondern natürlich nur die manichäische innere Abspaltung der NS-Wendehälse. Denn wenn alle Deutschen mehr oder wenig schuldig waren, dann ist auch ihre eigene Schuld nicht mehr so groß. Außerdem kann man sich hinterher umso besser moralisch über seine Mitbürger erheben, wenn man sie alle für schuldig erklärt.

In Wahrheit ist die Schuld am Nationalsozialismus jedoch sehr ungleich verteilt. Für Humanisten gilt immer die individuelle Verantwortung. Jeder sündigt für sich allein. Es gibt keine Kollektivschuld und keine Sippenhaft.

Die meisten Deutschen waren keine Nazis. Thomas Mann und Karl Jaspers waren z.B. auch Deutsche: Wie sollte man auf die Idee kommen, ihnen eine nennenswerte Schuld zu unterstellen? Martin Walser erzählte von seiner Mutter, die für den NS-Seniorenbund Kuchen backte und sich dort mit älteren Damen zum Kaffeekränzchen traf: Diese Seniorinnen waren wohl kaum sehr schuldig, sondern hatten ganz einfach keine Ahnung von dem, was wirklich geschah. In den letzten wirklich freien Wahlen gewannen die Nationalsozialisten gerade einmal 33% der Stimmen. Das ist erstaunlich wenig. Und auch die meisten Wähler der NSDAP hatten vermutlich höchst naive Vorstellungen über die Politik, die von den Nationalsozialisten gemacht werden würde. Das war damals nicht anders als heute: Was weiß der durchschnittliche Wähler denn z.B. schon davon, was Angela Merkel mit ihrer Euro-Rettungspolitik angerichtet hat? Wenn die Medien nicht Alarm schlagen, wird es die Masse der Menschen nicht realisieren. So war es immer, so wird es immer sein.

Gerade weil die Deutschen meistens nur wenig oder gar nicht schuldig waren, war es 1945 eine effektive Methode zur Entnazifizierung, die Deutschen durch die KZs zu führen: Denn das, was die Deutschen da zu sehen bekamen, war nicht das, was sie gewollt hatten, jedenfalls die meisten nicht. Und es musste ihnen gezeigt werden, damit sie es glauben konnten, sonst hätten sie es – irrig aber ehrlich – rundweg abgestritten. Hätten die Deutschen diese Verbrechen gewollt, hätten die Führungen durch die KZs keinen Effekt gezeigt. Hier ist auch an Hannah Arendt zu erinnern, die nach den ersten Berichten aus den befreiten KZs an alliierte Propaganda glaubte und einige Tage benötigte, um zu begreifen, dass die Berichte wahr sind. Wenn schon eine Hannah Arendt es nicht wusste und erst nicht glauben konnte, wie dann erst ein Otto-Normal-Deutscher?

Eine größere Schuld trifft natürlich intellektuelle Menschen, die ideologische Texte zugunsten des Nationalsozialismus produziert hatten und in die NSDAP eingetreten waren. Das trifft auf die von Ulf Poschardt ins Auge gefassten NS-Wendehälse meistens zu. Es ist kein Wunder, dass gerade solche Leute das Märchen in die Welt setzen wollen, dass „die Deutschen“ insgesamt schuldig am Nationalsozialismus geworden seien. Das liegt doch auf der Hand! Warum hat Ulf Poschardt das nur nicht gesehen?

Widerlegung: Gegen eine pauschale Deutschfeindlichkeit

Von George Steiner, einem US-Literaturwissenschaftler, zitiert Ulf Poschardt zustimmend, dass man offenbar zugleich Goethe und Rilke lesen und Menschen in Auschwitz Menschen ermorden könne. Und: „For let us keep one fact clearly in mind: the German language was not innocent of the horrors of Nazism.“

Die Vorwürfe von George Steiner sind leicht zu widerlegen. Haben denn britische Kolonialoffiziere, die Verbrechen begangen haben, keinen Shakespeare gelesen? Was will man damit überhaupt aussagen, dass klassische Bildung angeblich nichts nütze gegen Verbrechen?! Das Gegenteil ist doch richtig: Natürlich kultiviert Bildung den Menschen. Natürlich trägt sie zur Humanisierung bei. Das ist doch gar keine Frage! Wer jedoch von den Ausnahmen her ein Argument gegen Bildung konstruieren will, der schüttet das Kind mit dem Bade aus. Es wird immer Menschen geben, die sich dem tieferen Sinn von Bildung gegenüber verschlossen zeigen und diese falsch und schief interpretieren. Das macht die Bildung aber nicht wertlos.

Genau dieser falsche Vorwurf an die klassische Bildung, womöglich zum Nationalsozialismus beigetragen zu haben, wurde von den NS-Wendehälsen erhoben, die Poschardt kritisiert. So z.B. Alfred Andersch in seinem Buch „Der Vater eines Mörders“, in dem auf groteske Weise versucht wird, dem Vater Heinrich Himmlers, der Direktor an einem humanistischen Gymnasium war, eine Mitschuld am Nationalsozialismus anzuhängen (mit der vergifteten Frage: „Schützt Humanismus denn vor gar nichts?“). Es ist völlig unverständlich, warum Ulf Poschardt diese falsche und freche Verleumdung der klassischen Bildung durch die NS-Wendehälse mitmacht, indem er George Steiner zustimmend zitiert.

Schließlich noch zu dem Vorwurf von George Steiner, dass schon die deutsche Sprache schuldig sei. Hier sind wird dann endgültig bei der These angekommen, dass die deutsche Kultur schlechthin verdorben und Nazi-artig sei. Wenn das wahr wäre, dann müsste man die deutsche Kultur tutto completto abräumen. Von Walther von der Vogelweide bis Michael Ende. Genau das ist ja auch das Ziel nicht weniger „Linksliberaler“. Es ist die reine Deutschfeindlichkeit. Aber sie ist natürlich nur dumm und falsch. Wer die 1000jährige deutsche Geschichte – oder auch die jahrhundertealte Geschichte Preußens – nur als ein Vorspiel zum Nationalsozialismus verstehen will, der hat schlicht eine Macke. Man kann es nicht anders sagen.

Gewiss kann und soll und muss die deutsche Kultur gereinigt und erhöht werden – aber nur, wie jede andere Kultur auch. Wer Adolf Hitler zum Inbegriff des Deutschen schlechthin macht, ist auf dem Holzweg. Ulf Poschardt verweist selbst auf Thomas Mann und dessen These von der Ambivalenz der deutschen Kultur (S. 150). Eine Ambivalenz existiert aber nur dort, wo es auch das Gute gibt.

Widerlegung: Gegen ein falsches Preußenbild

Ein zentrales Argument Poschardts für die Schuldigkeit der deutschen Kultur ist die Forschung der britischen Historikerin Helen Roche zu preußischen Militärschulen und zu nationalsozialistischen Napola-Militärschulen. Helen Roche glaubt, dass in beiden Fällen das „Härteideal Spartas“ eine zentrale Rolle gespielt habe, beidemale als Antwort auf Niederlagen (gegen Napoleon und 1918). Poschardt spricht auch von dem „unbarmherzigen Preußentum“. (S. 21)

Es hört sich zunächst martialisch und unmenschlich an: Das Härteideal Spartas an preußischen und NS-Schulen. Aber es handelt sich um eine große psychologische Irreführung. Die Wahrheit ist viel banaler.

Die Wahrheit ist zunächst, dass im 19. Jahrhundert die klassische Bildung in ganz Europa Hochkonjunktur hatte. Es dürfte überall in Europa an allen Militärschulen aller Länder über Sparta nachgedacht worden sein. Sparta steht im klassischen Bildungskanon für das Militärische wie nichts anderes, und nichts lag deshalb näher, als sich an Militärschulen mit Sparta zu befassen. Nicht nur in Preußen, sondern auch in England oder Frankreich. Rezensionen zur Forschung von Helen Roche merken an, dass ihre Belege für die Rezeption Spartas an preußischen Kadettenschulen weniger eindeutig sind als die für die NS-Napola-Anstalten und mehr als ein Hinweis auf die damals vorherrschende klassische Bildung zu deuten sind (z.B. Hagen Stöckmann auf H-Soz-Kult 31.03.2014).

Zum Militärischen gehören auch heute noch Dinge wie Pflicht, Gehorsam, Drill, Opferbereitschaft, Patriotismus. Ein Militär ist ohne diese Dinge schlicht nicht denkbar. Auch jede moderne Armee muss sich damit auseinandersetzen. Und warum sollte man das nicht mit dem antiken Sinnbild für das Militärische schlechthin tun? Man sollte hoffen, dass auch heute noch in den Bildungseinrichtungen der Bundeswehr klug über Sparta nachgedacht wird. Aber natürlich auch über Athen.

Denn im 19. Jahrhundert stand unter Gebildeten nicht Sparta, sondern Athen im Mittelpunkt. Wir lesen in der Gefallenenrede des Perikles, dass auch die Athener sich auf das Militär verstanden, und zwar nicht schlechter als die Spartaner. Das wusste man auch im 19. Jahrhundert. Die Ideen der preußischen Reformer hören sich jedenfalls wesentlich mehr nach Athen als nach Sparta an, darunter die Heeresreform mit ihrem Konzept des Bürgers als dem geborenen Verteidiger seines Landes. Auch die Flottenbegeisterung zur Kaiserzeit konnte wesentlich besser an Athen als an Sparta anknüpfen, denn Sparta galt als Landmacht, Athen jedoch als Seemacht.

Hinzu kommt, dass der Militarismus Spartas noch keinen Rassismus, ja, überhaupt nicht zwingend irgendeinen Antihumanismus bedeuten muss. Die „bösen“ Spartaner haben jedenfalls keinen Völkermord begangen, sondern ausgerechnet die „guten“ Athener, nämlich gegen die Bewohner der Insel Melos. Der berühmt-berüchtigte Melierdialog bei Thukydides gehört zum unverlierbaren Bildungsgut der Menschheit als Mahnung für alle Zeiten. Seit damals stellen sich Historiker die Frage, wie es möglich war, das gerade eine Bildungsnation wie Athen einen Völkermord begehen konnte. Es ist dieselbe Frage, die man sich im 20. Jahrhundert zu Deutschland und dem Holocaust stellte, denn auch Deutschland war ein Land der Bildung. Wer da in einer Befassung mit Sparta ein besonderes Problem sehen will, hat den Ernst der Lage nicht erkannt.

Schließlich ist Ulf Poschardt einfach völlig auf dem Holzweg, wenn er von „unbarmherzigen Preußentum“ spricht. Das war die primitive Sicht der ungebildeten Nazis auf das Preußentum. Kadavergehorsam war eine Idee der Nazis, nicht Preußens. Preußen lebte auch von seinen Legenden und Mythen, und eine dieser unverlierbaren, wahren Legenden ist die des preußischen Generals von der Marwitz (1723-1781), der einen Befehl Friedrichs des Großen aus Gewissensgründen verweigerte. Ikonisch schrieb man auf seinen Grabstein: „Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte.“ Dieser Satz gehört fest zum kollektiven Gedächtnis Preußens. Und er hat Wirkung gezeigt, z.B. im bekannten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944. Gleichzeitig machte sich Hitlers Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Wilhelm Keitel über diverse moralischen Bedenken der preußischen Offiziere in der Wehrmacht lustig. Keitel war eben kein Preuße, sondern ein Nazi.

In Wahrheit war Preußen einfach ein Staat wie jeder andere, sagen wir: wie England, mit Höhen und Tiefen, mit guten und schlechten Seiten. Die Kritik an Preußen ist bestens bekannt und teilweise auch berechtigt. Aber Preußen stand – durch Friedrich den Großen und Immanuel Kant – eben auch für die Aufklärung. Die preußischen Reformer und die Humboldt-Brüder standen für Fortschritt, Aufklärung, Geist und Moderne.

Das Spießrutenlaufen schaffte das „unbarmherzige“ Preußen als eines der ersten Länder im Jahr 1806 ab, also genau in der Phase, in der an preußischen Militärschulen über das Härteideal Spartas nachgedacht wurde. In süddeutschen Ländern geschah dies erst viel später, z.B. in Württemberg erst 1818, in Österreich sogar erst 1855.

In der Revolution von 1848 zeigte sich der preußische König mit der schwarz-rot-goldenen Fahne, nachdem ein versehentlicher Schuss (bis heute ungeklärt woher) zu Barrikadenkämpfen in Berlin geführt hatte. Jedenfalls gab es keinen Befehl zum Schießen und die Kämpfe begannen in jedem Fall ungewollt. Ebenso wurden die Berliner Straßenkämpfe nicht erst beendet, nachdem alle Revolutionäre besiegt waren, sondern der König selbst ließ den ohne Befehl spontan ausgebrochenen Kampf wieder beenden, zeigte sich mit der schwarz-rot-goldenen Fahne und ehrte die Getöteten. Man kann ehrlicherweise nicht behaupten, dass Preußen die Revolutionäre zusammenschießen ließ wie es die Kommunisten am 17. Juni 1953 taten. Alles andere als das. Aber die Shitbürger plappern munter von der „Unbarmherzigkeit“ Preußens.

Man beachte auch, dass die Frankfurter Nationalversammlung dem preußischen Königshaus die deutsche Kaiserkrone antrug. Preußen scheint also in den Augen der Frankfurter revolutionären Parlamentarier nicht der Inbegriff alles Bösen gewesen zu sein. Jeder weiß auch, dass Preußen die Kaiserkrone wegen Österreich ablehnen musste, um einen innerdeutschen Krieg zu vermeiden (der dann 1866 doch noch kam). Auch die Erschießung des Abgeordneten Robert Blum war ein Werk der Österreicher, nicht der Preußen. Der ganze Vormärz wurde von den Österreichern und ihrem Staatskanzler Metternich beherrscht.

Historiker wie Hedwig Richter haben darauf hingewiesen, dass das Kaiserreich moderner und demokratischer war als viele meinen.

Es ist einfach eine falsche und ungerechte schwarze Legende, dass Preußen „unbarmherzig“ und „hart“ gewesen wäre, und dass dies mehr oder weniger zielstrebig im Nationalsozialismus geendet hätte. Diese primitive Sicht auf Preußen wurde dann nahtlos von den NS-Wendehälsen in die BRD hineingetragen. Es macht traurig, dass Ulf Poschardt in diesem Punkt den NS-Wendehälsen auf den Leim gegangen ist.

Schließlich ist es Ulf Poschardt selbst, der Preußen auf S. 87 positiv konnotiert und damit seiner eigenen Preußenfeindlichkeit vom Anfang des Buches widerspricht. Dort echauffiert sich Poschardt darüber, dass Oskar Lafontaine „den preußischen Hanseaten“ Helmut Schmidt attackierte, um gegen die preußischen Sekundärtugenden zu polemisieren. Hier hat Ulf Poschardt die Verhältnisse wieder gerade gerückt: Oskar Lafontaine ist der Shitbürger, der die preußische Vergangenheit abspaltet und Sekundärtugenden nur verachtet, obwohl sie wertvoll sind, während Helmut Schmidt diese preußische Vergangenheit nicht abspaltet, sondern in seine Persönlichkeit inkorporiert, und auf vernünftige Weise für seine Gegenwart fruchtbar macht.

Ulf Poschardt wiederholt hier übrigens denselben Denkfehler, den auch Andreas Rödder in seinem Buch „Konservativ 21.0“ begangen hat: Erst sagt Rödder, dass es durch den Nationalsozialismus einen Traditionsbruch gegeben habe, und deshalb müsse man mit allem, was davor war, brechen. (Was für ein Unsinn! Gerade deshalb, weil der Nationalsozialismus ein Bruch war, kann man sehr wohl an das, was davor war, wieder anknüpfen.) Später dann beruft sich Rödder auf den Preußen Wilhelm von Humboldt und fordert Allgemeinwissen über Preußen und die Hohenzollern ein. Auch hier bei Rödder finden wir also diese völlig verklemmte Selbstwidersprüchlichkeit im Umgang mit Preußen: Erst verdammt man gut shitbürgerlich alles, dann erachtet man aber doch dies oder das oder jenes für wertvoll, und merkt den Widerspruch nicht.

Kritik – Keine konstruktive Vision

Fahren wir mit unserer Kritik fort: Ulf Poschardt erhofft sich Rettung von der Popkultur und deren respektlosen Zerstörung der Verhältnisse. Aber eine konstruktive Vision ist das eigentlich nicht. Gut, es ist eine libertäre Vision. Aber nach dem libertären Kettensägenmassaker muss eine Ordnung übrig bleiben, und die will konstruktiv gedacht sein. Hier schwächelt Poschardt.

Was fehlt, ist natürlich eine positive Vision für Deutschland. Ein geläutertes Nationalbewusstsein ohne Abspaltungen: Darum geht es Poschardt doch! Ein Deutschland, das mit sich im Reinen ist. Ein Deutschland, das stolz auf den – sprechen wir es aus – preußischen Humanismus ist. Ein Deutschland, das auch Zuwanderer gerne in seine wunderbare Kultur integriert, die eine offene und humanistische Kultur ist, aber keinesfalls eine selbstvergessene Kultur. Aber solche Töne fehlen bei Poschardt. Vielleicht hätte ihm das zu national gesinnt geklungen? Es wäre aber nur folgerichtig.

Man hätte z.B. die Vision entwickeln können, den Staat Preußen als ganz normales Bundesland, bestehend aus den historischen Gebieten auf dem Boden der ehemaligen DDR, wiederzuerrichten. Wer die falsche Abspaltung der NS-Wendehälse überwinden wollte, müsste genau das tun. Endlich die volle Versöhnung mit der eigenen Geschichte, endlich die volle Ambivalenz ins eigene Nationalbewusstsein integriert. Deutschland macht ohne Preußen gar kein Bild in der Seele, hier ist erst der Schlüssel zu allem!

Vielleicht scheitert Ulf Poschardt aber gerade deshalb an einer solchen positiven Vision, weil er den Shitbürgern in einem Punkt auf den Leim gegangen ist: Dass Deutschland und die deutsche Kultur vor 1933 durchweg „böse“ und schuldig seien. Auf dieser ideologischen Basis kann man nie mehr zu einer Geisteshaltung ohne Abspaltung kommen.

Kritik – Shitbürgertum von Rechts kaum thematisiert

Ulf Poschardt erwähnt, dass die starken Männer in der AfD gegen den Westen und gegen den Liberalismus sind (S. 144). Aber leider zieht er nicht die direkte Verbindung zum Shitbürgertum, die hätte gezogen werden müssen!

Wenn wir Alexander Gaulands Buch „Anleitung zum Konservativsein“ lesen, finden wir dort im Zentrum des Buches in mehreren Kapiteln (!) eine fundamentale Kritik an Preußen. Gauland zieht alle nur erdenklichen Register der preußenfeindlichen Propaganda. Schließlich meint Gauland, dass Preußen gesellschaftlich und territorial verloren sei, und will auf gar keinen Fall – und niemals nicht! – dass Preußen wieder sei. Das ist schon auffällig nahe am Shitbürgertum.

Gleichzeitig freut sich Gauland darüber, wie die Osteuropäer wieder an die Zeit vor 1933 anknüpfen, bevor sie durch Nationalsozialismus und Kommunismus geknebelt wurden. Und das, obwohl diese Länder kaum weniger als Preußen „gesellschaftlich und territorial“ gelitten haben. Auch hat Alexander Gauland überhaupt kein Problem mit Bayern, und das, obwohl Bayern das Bundesland mit den engsten Bindungen zum Nationalsozialismus war: München war die Hauptstadt der Bewegung, Nürnberg die Stadt der Reichsparteitage, und in Bayreuth residierte der große Inspirator des Nationalsozialismus auf dem Grünen Hügel. Für Gauland kein Problem. Aber Preußen mit seiner Rationalität und seinem preußischen Humanismus, das ist für Gauland ein Riesenproblem.

Auch sonst ist Gauland der typische Shitbürger: Sein Antiamerikanismus ist unübersehbar. Sein Antiliberalismus ist penetrant. Und konservativ ist er eigentlich auch nicht, wenn man es recht bedenkt. Sondern unangenehm bräunlich. Eine Fixierung auf Hitler scheint offensichtlich.

Schließlich missbraucht Alexander Gaulands Freund Björn Höcke Preußen immer wieder als Projektionsfläche für seine schrägen Phantasien. Höcke kann dies tun, weil das juste milieu der BRD ihm Preußen völlig überlassen hat. Höcke kann über Preußen den größten Unsinn verzapfen, wie einst die NS-Wendehälse, und niemand widerspricht ihm.

Insbesondere aber denkt Höcke keine Sekunde daran, Preußen als Bundesland wiederherzustellen. Das wahre Preußen wäre für Höcke ein Problem. Das wahre Preußen ließe sich nicht so leicht missbrauchen. Es stünde Höckes Visionen von Deutschland nur im Wege. Wir erinnern uns, wie Kaiser Wilhelm II. in seinem Exil in Doorn mehrere Stunden vergeblich versuchte, Göring zu erklären, dass man Deutschland nur in Ländern regieren könne: „Zwei Stunden lang habe ich diesem Rindvieh klarzumachen versucht, dass man Deutschland nur auf der Grundlage des Föderalismus regieren kann.“

Kritik – Kleine Fehler

Richard von Weizsäcker wird von Ulf Poschardt den Shitbürgern entgegengestellt (S. 37). Er hätte seine Rede vom 8. Mai 1985 nur deshalb halten können, weil er selbst aufgrund seiner Familiengeschichte die Ambivalenzen integriert hätte. Doch das ist falsch. Ganz falsch. Bekanntlich wurde Weizsäckers Rede für die Aussage gefeiert, dass der 8. Mai ein Tag der Befreiung war. Doch diese Einseitigkeit der Perspektive auf den 8. Mai ist genau die Abspaltung von allem Bösen und Problematischen, das Ulf Poschardt anprangert. Denn viel besser als Richard von Weizsäcker hatte es der erste Bundespräsident Theodor Heuss gesagt, der in einer Rede vor dem Parlamentarischen Rat am 8. Mai 1949 eine andere Deutung des 8. Mai präsentiert hatte, die bis 1985 unter Liberalkonservativen unbestritten war: „Im Grunde genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.“ Hier, bei Theodor Heuss, finden wir die Integration der Ambivalenz, nach der Ulf Poschardt verlangt, während Richard von Weizsäcker einfach nur ein weiteres abspalterisches Dogma des Shitbürgertums bestätigt hat.

Martin Walser wird bei Ulf Poschardt zu den Shitbürgern und Antisemiten gezählt, seine Friedenspreisrede in der Paulskirche scharf kritisiert (S. 32). Diese Perspektive ist fragwürdig. Martin Walser hatte sich von der linksliberalen Schickeria losgesagt und gründlich zu denken begonnen („Nichts ist wahr ohne sein Gegenteil“), weshalb er ausgegrenzt blieb. Auch seine Paulskirchenrede ist nicht einfach antisemitisch, sondern im Gegenteil ein Versuch, die Ambivalenz, nach der Ulf Poschardt verlangt, wieder sichtbar zu machen. (Es wäre interessant zu wissen, was Ulf Poschardt von Hans Magnus Enzensberger denkt.)

Fazit

Mit „Shitbürgertum“ hat Ulf Poschardt einen laut vernehmbaren Weckruf in die Welt gesandt, der hoffentlich zu einer vermehrten Bewusstseinsbildung beiträgt, indem Realitäten auf Begriffe gebracht werden, vor allem den Begriff des „Shitbürgertums“. Völlig richtig ist, dass Ulf Poschardt den Kern des Übels in einer falschen Vergangenheitsbewältigung sieht. Leider ist Ulf Poschardt selbst nicht völlig frei von den Lebenslügen der Shitbürger. Deshalb bleibt seine positive Vision für Deutschland auch seltsam dünn. Aber es ist eine Streitschrift, lanciert zum Streiten. Und das ist gut, denn es ist der Anfang von aller besseren Erkenntnis.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Necla Kelek: Himmelsreise – Mein Streit mit den Wächtern des Islam (2010)

Eine gute Einführung, die gegen Naivität immunisiert

Keleks Himmelsreise ist anders als das Cover vermuten lässt keine autobiographische Darstellung, sondern eine gute Einführung in das Thema Islam in Deutschland. Der Leser bekommt alles geboten:

  • „Den Islam“ gibt es nicht – und es gibt „ihn“ doch.
  • Was macht das „System Islam“ aus? Eine geschlossen hierarchische Gesellschaftsstruktur.
  • Warum auch die Männer darin unfrei sind.
  • Das Scheitern der Aufklärung im Islam.
  • Deutsche Islamverbände heute.
  • Deutsche Geschichte und Islam: Karl der Große, Preußen, Lessing, Goethe, Hitler, BRD.
  • Sind die „Reformer“ wirklich Reformer?
  • Realistische Wege zur Islamreform.

Keleks Buch ist kein Buch für Träumer, aber auch nicht für Islamhasser, sondern für Leute, die es wirklich wissen wollen. Nicht umsonst war es Kelek, die Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ der Öffentlichkeit vorstellte. Gefallen hat u.a. der Abschnitt, in dem Kelek aufzeigt, dass man Lessing und Goethe nicht einfach als Islamfreunde vereinnahmen kann.

Sehr gut gelungen ist der Abschnitt, in dem Kelek den meisten „Reformern“ die Maske vom Gesicht reißt. Es gibt sicher glaubwürdige Reformer, aber die prominenten Vorzeigereformer gehören oft leider nicht dazu.

Interessant war auch die Erkenntnis, dass z.B. die Politik Karls des Großen, die bis heute wirksame Weichenstellungen getroffen hat, in Wechselwirkung zur Politik seines Verbündeten, des Kalifen von Baghdad, gesehen werden kann.

Kelek hinterfragt auch mit großem Erfolg die Legitimation der deutschen Islamverbände.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 24. August 2012)

Ernst Bertram: Vineta (2023)

Dunkle Gedichte von einem dunklen Autor, etwas dunkel präsentiert

Der im Castrum-Verlag erschienene Band „Vineta“ versammelt Gedichte aus den letzten Lebensjahren des Kölner Germanisten Ernst Bertram (1884-1957). Ernst Bertram war – auch durch seine Homoerotik – stark vom George-Kreis beeinflusst und stand ganz im Banne Nietzsches. Damit war er einer dunklen Romantik zugeneigt, die die Helligkeit der Vernunft nicht kennt. Seine langjährige Freundschaft mit Thomas Mann, die zu einem umfangreichen Briefwechsel führte, änderte daran nichts.

Ernst Bertram begrüßte 1933 den Anbruch des Nationalsozialismus in einer Rede gegenüber seinen Studenten, und er beteiligte sich auch an der Verbrennung von Büchern. Dass er vom Nationalsozialismus bald enttäuscht wurde und auch die Bücherverbrennung unter Protest verließ, als er nicht verhindern konnte, dass auch die Bücher von Thomas Mann verbrannt wurden, ändert nichts an seiner antihumanistischen Einstellung, die klar zum Ausdruck kommt. Manche möchten Ernst Bertram seine Naivität zugute halten. Doch soviel Naivität ist bei einem Gelehrten nicht erlaubt. Ernst Bertram war nationalsozialistisch gesinnt, wenn auch auf naive Weise. Ein Mitglied der NSDAP war er nicht.

Die Gedichte haben die legendäre Stadt Vineta, die einst in der Ostsee versank, zum Thema. Vineta dient dabei als dichterische Chiffre für Untergang und Verlust, es geht nicht um das historische Vineta. Die dunkle Romantik Bertrams verklärt Untergang und Verlust und sucht darin eine Mahnung für die Gegenwart oder ein mystisches Versenken in ewiger Erinnerung. Die Gedichte sind oft pessimistisch: Der Untergang ist nicht aufzuhalten, sondern schicksalhaft und unvermeidlich. Die meisten bemerken den Beginn des Untergangs nicht und schlagen Warnungen in den Wind, und für Gegenwehr ist es immer zu spät, sobald man den Untergang bemerkt. Ergebenheit in das Schicksal ist ein Thema. Musik ist immer wieder Medium der Ewigkeit.

Das versunkene Vineta hatte für Ernst Bertram einen ähnlichen Stellenwert wie der Hades für die alten Griechen: Ein Ort der Schatten und der unendlichen Verlorenheit. Ein Verdacht von Nekrophilie liegt in der Luft, Zuversicht findet sich nirgends. Als humanistisch eingestellter Mensch kann man nur wenig aus diesen Gedichten mitnehmen.

Atlantis wird als eine weitere Chiffre für Untergang und Verlust verwendet: Vineta ist das „Atlantis des Nords“. An keiner Stelle wird der Gedanke an Atlantis als einen realen Ort auch nur angedeutet. Es ist alles Chiffre und dichterische Phantasie. Auch das Adjektiv „atlanten“ wird verwendet, als poetische Form von „atlantisch“.

Konrad Adam gibt in einem Nachwort seinen persönlichen Erinnerungen an Ernst Bertram Raum. Offenbar wurde Konrad Adam als Kind – er war 15 als Bertram starb – von Ernst Bertram ein wenig unter die Fittiche genommen: Bertram schenkte ihm Bücher mit Widmungen und sie gingen gemeinsam ins Museum. Wie dieses Verhältnis zustande kam und wie es genau aussah, wird jedoch nicht gesagt. Das ist ein Manko. Man kann vermuten, dass Konrad Adam, dessen Vater mit dem George-Kreis in Berührung war, durch diesen in Kontakt mit Bertram kam. Aus anderen Quellen erfährt man, dass Konrad Adams Vater Ernst Bertram bei dessen Entnazifizierungsprozess half. Man fragt sich, warum Konrad Adam das nicht klarstellt. Ebenso bringt Konrad Adam nicht deutlich genug zum Ausdruck, dass Ernst Bertram ernstlich mit dem Nationalsozialismus verstrickt war.

Fazit

Ein dunkles Buch, von einem dunklen Dichter, auf eine etwas dunkle Weise herausgegeben.

Fehler

Eines der Gedichte heißt „Ankona“. Der Name wird im Gedicht mehrfach wiederholt. Es handelt sich um einen Fehler, es müsste „Arkona“ heißen. Ancona ist eine Stadt in Italien. Arkona hingegen ist der nördlichste Punkt der Insel Rügen, wo auf Kreideklippen einst ein heidnischer Tempel für die Gottheit Swantewit stand, um den es in dem Gedicht offensichtlich geht.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

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