Schlagwort: Wissenschaftsgeschichte

Jason Colavito: The Legends of the Pyramids – Myths and Misconceptions about Ancient Egypt (2021)

Hochinteressantes Thema, viel Stoff, aber leider unübersichtlich und fehlerhaft

Mit seinem Buch „The Legends of the Pyramids“ hat Jason Colavito ein weiteres Werk vorgelegt, in dem er einen Strang von Themen, Mythen und Legenden, wie sie heute in Pseudowissenschaft und Popkultur zu finden sind, auf ihre Ursprünge untersucht und auf diese Weise verbreitete Irrtümer und Pseudowissenschaft entlarvt. Das ausgewählte Thema ist dabei hochspannend: Einmal deshalb, weil es den Kern vieler pseudowissenschaftlicher Vorstellungen zur antiken Geschichte berührt. Und dann deshalb, weil bislang ein Mangel an Literatur zu diesem Thema herrschte, so dass hier vieles im Dunkeln lag.

Wir erfahren also, wie sich langsam, Schritt für Schritt, die falschen Vorstellungen rund um das alte Ägypten gebildet haben, von den alten Griechen über die Anfänge der Alchemie, von den Versuchen von Juden, Christen und Muslimen, das alte Ägypten für ihre Weltsicht zu vereinnahmen, von den Irrungen und Wirrungen in Renaissance und Aufklärung bis hin zur modernen Pseudowissenschaft und Popkultur.

Dazu wird wirklich sehr viel Stoff geboten in diesem Buch. Und es werden sehr viele Zusammenhänge aufgezeigt. Diese Zusammenhänge alle recherchiert und aufgefunden zu haben war gewiss eine langjährige Arbeit, und es ist der eigentliche Wert dieses Buches.

Doch leider ist das Buch unübersichtlich und teilweise fehlerhaft.

Unübersichtlich

Der Versuch, die komplexen Verwicklungen und Zusammenhänge in einem lockeren Erzählstil abzuhandeln, ist hier noch viel deutlicher gescheitert als in den vorigen Büchern von Jason Colavito. Die Zahl der Autoren und Werke, aus denen sich im Laufe der Zeit das Gespinst von Irrtümern zusammenwebt, ist sehr groß. Es wäre diesmal noch sehr viel dringender gewesen, diese Autoren und Texte in Tabellen zusammenzustellen. Auch Flussdiagramme, die aufzeigen, wer wen beeinflusst hat, wären sehr hilfreich gewesen. Doch der Leser wird mit einer endlosen Flut an immer neuen Autoren und Werken, die in jedem Kapitel neu auf ihn einprasseln, ziemlich allein gelassen.

Besonders ärgerlich ist die missglückte Einteilung des Stoffs in Überschriften. Die Überschriften sind auf den Effekt getrimmt, Neugier und Interesse zu wecken, und geben deshalb oft keine klare Auskunft über den behandelten Inhalt des jeweiligen Kapitels oder Unterkapitels und deren Zusammenhänge. Das erschwert die Orientierung im Buch sehr. Zudem tauchen die Unterkapitel nicht im Inhaltsverzeichnis auf, so dass das Inhaltsverzeichnis keinerlei Überblick bietet. Sehr ärgerlich ist auch, dass der behandelte Stoff recht willkürlich in Unterkapitel eingeteilt wurde: Teilweise findet sich der Stoff, der durch eine Unterkapitelüberschrift angekündigt wird, über mehrere folgende Unterkapitel verteilt. Teilweise wird in einem Unterkapitel noch ein weiterer Autor behandelt, dem damit keine eigene Überschrift gewidmet ist, so dass er bei der Durchsicht der Überschriften nicht sichtbar ist. Teilweise wird ein Thema zunächst in einem Unterkapitel abgehandelt, um daraufhin in einem eigenen Hauptkapitel behandelt zu werden.

Sehr ärgerlich ist auch, dass der Autor bei der Behandlung des Stoffes manchmal der Chronologie der Ereignisse folgt und zeigt, wer etwas zuerst geschrieben hat, wer es danach aufgriff, usw., manchmal jedoch auch der umgekehrten Reihenfolge den Vorzug gibt und zeigt, von welchem früheren Autor etwas übernommen wurde, und von wem dieser es wiederum übernommen hatte, usw. Das ständige Vor und Zurück verwirrt sehr. Der Überblick wird auch dadurch erschwert, dass der Autor spätere Entwicklungen, oft ankündigt und diesen vorgreift: Der Leser ist auf diese Weise dann geistig immer schon sehr viel weiter in der Zukunft und wird dann im nächsten Abschnitt wieder in eine Vergangenheit zurückgeholt, die mit den Ankündigungen nichts zu tun hat, denn das, was angekündigt wurde, kommt erst viele Kapitel später. Ebenfalls ungünstig ist, dass spätere Kapitel ein Thema groß aufbauen, dessen Vorbereitung man in einem viel früheren Kapitel fast überlesen hätte, weil es dort nur sehr klein abgehandelt wurde, ohne auf dessen Bedeutung aufmerksam zu machen.

Sehr, sehr ärgerlich ist, dass dieses Buch kein Literaturverzeichis und keine Fußnoten mit Verweisen auf die genauen Stellen in den entsprechenden Werken enthält. Die Namen von Werken werden nur im Text genannt, wenn überhaupt, und ganz selten findet sich eine genaue Seitenangabe. Damit hat dieses Werk leider sehr viel an Belegbarkeit und Nachvollziehbarkeit verloren. Für ein Werk, das sich die Aufgabe gestellt hat, Pseudowissenschaft zu entlarven, ist das ein dramatisches Versagen. Es ist zu vermuten, dass das Fehlen von Literatur und Fußnoten ebenfalls der Idee geschuldet ist, ein „schön zu lesendes“ Buch zu schaffen. Das war aber genau die falsche Idee. Dem näher interessierten Leser werden nicht einmal 2-3 wissenschaftliche Werke zur Vertiefung des Themas empfohlen, wie es sonst bei populärwissenschaftlichen Werken üblich ist. Das ist sehr schade.

Ebenfalls ungenügend ist es, dass Jason Colavito wiederholt von Bildern und deren Details spricht, ohne diese abzudrucken. Dieses Buch enthält einige sehr allgemein gehaltene Bilder in Farbe, so dass es sicher kein Problem gewesen wäre, die besprochenen Bilder ins Buch aufzunehmen. So z.B. die Darstellung der Arche Noah als Pyramide am Tor des Baptisteriums von Florenz oder die Darstellung der Pyramiden als Kornspeicher im Dom von Venedig. So muss der Leser sich auch hier selbst bemühen und im Internet nachschlagen.

Alles in allem hat Jason Colavito mit diesem Buch eine sehr umfangreiche Stoffsammlung geschaffen, doch die Aufbereitung des Stoffes für den Leser ist ihm nur schlecht gelungen. Diese Aufbereitung muss der Leser zum großen Teil selbst leisten. Dasselbe gilt für die Literatur- und Quellenarbeit. Das hätte man sehr viel besser machen können.

Fehlerhaft

Wir gehen die Fehler der Reihe nach durch. Alles zum Thema Atlantis behandeln wir in einem Extra-Abschnitt.

Obwohl zunächst richtig gezeigt wird, dass mancher Fehler und manche Geschichte bei Herodot eine historisch-kritische Erklärung hat, so dass Herodot nicht als Erfinder von Märchen abgetan werden kann, wird Herodot schließlich genau als das dargestellt („The Greek historian had many stories to tell …“; „Herodotus’s mixture of fact and fiction“; S. 13 f.). Das ist so nicht richtig. Es ist damit natürlich auch falsch, dass spätere griechische Autoren nach dem angeblichen Vorbild von Herodot Fakten und Fiktion leichtfertig vermischt hätten. Es ist auch falsch, dass Herodot mit jenen Griechen nach Ägypten kam, die die Ägypter gegen die Perser unterstützen wollten (S. 10). In Wahrheit kam Herodot erst nach Ägypten, als die Perser bereits gesiegt hatten.

Es ist falsch, lapidar zu behaupten, dass Aigyptos „burned face“ bedeuten würde (S. 16). Es gibt diese Theorie zwar, doch es handelt sich nicht um die vorherrschende Theorie. Zumal es Übereinstimmung darin gibt, dass der Name der Aithiopen auf ihre „burned faces“ zurückgeht. Es ist kaum anzunehmen, dass auch die Ägypter ihren Namen wegen ihrer Hautfarbe bekamen.

Die „Excerpta Barbari Latina“ sind keine „Excerpts in Bad Latin“ (S. 65), sondern „Lateinische Exzerpte eines Barbaren“.

Es ist falsch, dass die Araber, die Ägypten 640 n.Chr. erobert hatten, „struggled to integrate the newly conquered territory into a distinctly Islamic cultural context.“ (S. 67) Am Anfang waren die Araber nicht daran interessiert, ihre neugewonnen Untertanen zu islamisieren. Der Islam selbst hatte sich damals noch gar nicht als neue Religion gefestigt. Das begann erst später unter Kalif Abd al-Malik ab 685 n.Chr. Deshalb ist man in der Wissenschaft dazu übergegangen, von den Eroberern lieber von Arabern als von Muslimen zu sprechen.

Nachdem auf S. 76 gesagt wurde, dass „the real history of Egypt had been forgotten“, folgt nur eine Seite später die Aussage, dass die Meinung verbreitet war, dass die Hyksos um 1600 v.Chr. die Pyramiden erbauten (S. 77). Aber die Kenntnis von den Hyksos ist doch ein unglaubliches Detail der ägyptischen Geschichte! Also war doch nicht alles vergessen …

Louis Figuier wird „one of the most racist scientists of his era“ genannt. Figuier „tried to remove the Arabs and other non-Whites from the story altogether.“ (S. 145) – Wir können bei Figuier bei kurzer Recherche keinen fanatischen Rassismus feststellen, sondern nur den „normalen“ Rassismus der Zeit. Figuier nimmt Schwarze sogar gegen Benachteiligungen in Schutz. Es ist zudem fraglich, ob ein damaliger Rassist Araber als „nicht-weiß“ wahrgenommen hätte. Wir vermuten, dass Jason Colavito bei Figuier mit dem Vorwurf des „most racist“ über das Ziel hinausgeschossen ist. (Da wie überall keine Quelle angegeben ist, können wir die Behauptung nicht überprüfen.)

Die folgende Aussage ist gleich dreifach falsch: „Since the publication of Charles Darwin’s On the Origin of Species in 1859, the tension between secular views of history and science and traditional spiritual and mythical ideas had grown unbearable, and the break between them had become almost inevitable. To believe that the pyramids were ten thousand years old or the work of Atlanteans operating under divine command was to reject the discomforting authority of evolution and materialism.“ (S. 158) – Erstens ist Charles Darwin kein Argument gegen ein Alter von zehntausend Jahren, denn mit Charles Darwin wurde die menschliche Geschichte stark in die Vergangenheit verlängert. Das bessere Argumente gegen die zehntausend Jahre wären die Ergebnisse der Ägyptologie gewesen. – Das Spektrum der Bedeutungen, die man dem Begriff „divine command“ geben kann, ist sehr breit. Das bessere Argument wäre gewesen, dass Religion und Wissenschaft zwei Sphären sind, die man methodisch nicht vermischen sollte. – Das betrifft auch die Behauptung einer „authority of … materialism“. Das bessere Argument wäre gewesen, von einem „methodischen Materialismus“ zu sprechen. Wissenschaft ist jedenfalls keine Verpflichtung zu einem materialistischen Glauben. Ich würde sogar fast sagen: Wenn überhaupt, dann das Gegenteil.

Seltsamerweise werden „the Nazis“ in diesem Buch nur mit einem einzigen kurzen Satz behandelt: „The Nazis believed it“, nämlich dass die Ägypter „weiße Arier“ waren (S. 208). Zunächst ist diese Aussage falsch. Der führende NS-Althistoriker Helmut Berve bestritt 1935 das Existenzrecht der Ägyptologie an deutschen Universitäten, da sie sich mit einer „nichtarischen“ Zivilisation befasse, die man nicht verstehen könne, weil sie „artfremd“ sei. Die deutschen Ägyptologen versuchten daraufhin, soweit sie nicht emigriert oder vom Dienst suspendiert worden waren, die Ägypter als Arier darzustellen. Abgeschafft wurde die Ägyptologie zwar nicht, aber das Verdikt von Helmut Berve wog schwer.

Leider hat es Jason Colavito versäumt, auf den nationalsozialistischen Propaganda-Film „Germanen gegen Pharaonen“ von 1939 einzugehen. Der Plot ist schnell erzählt: Zuerst stellt ein Ägyptologie-Professor die Sicht der wissenschaftlichen Ägyptologie vor. Dann tritt ein Pseudowissenschaftler auf, der alle die Dinge behauptet, von denen Jason Colavito in diesem Buch schreibt: Sehr interessant! Und schließlich tritt ein Nationalsozialist auf, der beweist, dass die Ägypter ihr Wissen angeblich aus dem Norden von den Germanen hatten. Es ist wirklich sehr schade, dass dieser Film nicht in diesem Buch besprochen wird. Der Film ist auf Youtube frei verfügbar.

Zum Thema Atlantis

Der Umgang von Jason Colavito mit dem Thema Atlantis ist wie immer äußerst mangelhaft. Zugegeben: Das Thema Atlantis ist sehr komplex und Jason Colavito ist nicht der erste, der diese Fehler begeht.

Zunächst wird Atlantis „fabulous“ genannt (S. 23) und es ist von „its wonders“ die Rede (S. 24). Doch Atlantis war nicht „fabulous“ und auch kein Wunderland, sondern fügte sich in den Augen der alten Griechen perfekt in deren damalige Weltsicht ein. An Atlantis war nichts Phantastisches oder Magisches. Jason Colavito unterlässt es auch, die 9000 Jahre von Atlantis mit den 11340 Jahren von Herodots Ägypten in Beziehung zu setzen (S. 23), von denen er kurz zuvor erzählt hatte (S. 11). Doch nur unter diesem Gesichtspunkt versteht man überhaupt, wie man die 9000 Jahre deuten muss. Platon wollte jedenfalls bestimmt nicht auf die letzte Eiszeit verweisen, soviel steht fest.

In der Darstellung Ägyptens bei Platon unterlaufen Jason Colavito zwei schwere Fehler: „Plato attributed the whole story to the Egyptians, claiming it had been written on pillars in an old temple and known only to the wise priests.“ (S. 23) – Beides ist falsch. In Platons Timaios 24a heißt es, dass der Priester zusammen mit Solon „Schriften zur Hand nehmen“ werde (ta grammata labontes), und das kann nur ein Papyrus sein. Die Legende von den Tempelsäulen kam erst später auf, vermutlich mit der Geschichte von Krantor, wie sie von Proklos überliefert wird. – Aber auch die „weisen Priester“ sind falsch. Denn der Priester, der Solon auf Atlantis hinweist, wird als namenloser, alter Priester beschrieben, nicht als „weiser“ Priester. Es handelt sich um einen der vielen Anhaltspunkte, die die Geschichte sehr realistisch wirken lassen. Erst spätere Autoren haben versucht, den Priester als einen namentlich bekannten und berühmten Priestergelehrten darzustellen (Plutarch, Proklos, Clemens von Alexandria, Kosmas Indikopleustes). – Insofern die Entstehung eines falschen Ägyptenbildes das zentrale Thema dieses Buches ist, handelt es sich um zwei schwerwiegende Fehler.

Und es unterläuft Jason Colavito auf derselben Seite gleich noch ein dritter schwerwiegender Fehler, mit dem er sich zusätzlich in einen Selbstwiderspruch verwickelt: Auf der einen Seite wird die Aussage Platons richtig dargestellt, dass die zyklisch auftretenden Flutkatastrophen Ägypten verschonen – auf der anderen Seite wird behauptet, dass in der Atlantisgeschichte von einer Weltflut die Rede sei („its history occurred before the greatest flood of all, the one that destroyed the world.“; S. 23, auch S. 37). Doch das ist falsch. Die Flutkatastrophen in der Atlantisgeschichte sind regionale Katastrophen. Wie bereits richtig gesagt, soll insbesondere Ägypten von diesen Flutkatastrophen jeweils verschont geblieben sein.

Jason Colavito möchte auf eine Gleichsetzung der Flut von Atlantis mit der biblischen Sintflut hinaus, zwischen denen er „extremely close parallels“ (S. 24) sieht, doch das ist falsch. Die Flut von Atlantis ist nicht nur keine Weltflut, sondern es ist auch falsch, dass Zeus am Ende der Atlantisgeschichte die Zerstörung von Atlantis ankündigt, wie Jason Colavito meint (S. 24). Vielmehr wird dort eine Strafe zur Besserung der Atlanter angekündigt, und das kann nicht die Zerstörung sein. Immerhin: Vielleicht wurde die Zerstörung von Atlantis bei einer zweiten Götterversammlung beschlossen. Ebenfalls falsch ist es, wenn Jason Colavito schreibt: „In all of these stories, key elements repeat“, denn neben der Tatsache, dass die Atlantisflut keine Weltflut war, zählt Jason Colavito ein wichtiges Schlüsselelement auf, das in der Altantisgeschichte gar nicht vorkommt: „A small number of people are saved“ (S. 24). In der Atlantisgeschichte gibt es keine Arche Noah, soviel steht fest. – Es gibt also keine „extremely close parallels“ zwischen der Atlantisgeschichte und der biblischen Sintflutsage, sondern mehrere gewichtige Unterschiede.

Völlig irreführend ist es, wenn Jason Colavito von Platons Atlantisgeschichte mit den Worten „Parts of the story can be found in“ zu Apollodoros, Ovid und Lukian überleitet (S. 24). Diese Autoren sprechen nicht von Atlantis. Zudem dürfte mit Apollodoros die Bibliotheca des Pseudo-Apollododors gemeint sein. Denn Apollodoros selbst ist bekannt für eine Aufzählung von damals bekannten unglaubwürdigen Wundergeschichten, in denen die Atlantisgeschichte auffällig fehlt; sie war für ihn offenbar keine unglaubwürdige Wundergeschichte.

Es ist auch falsch, wenn Jason Colavito davon schreibt, dass „later Jewish, Christian, and Islamic commentators, all of whom saw … a reason to associate Atlantis with the antediluvian world that existed before Noah’s flood“. Es ist zwar richtig, dass einige christliche Autoren diese Verbindung irrigerweise gezogen haben (z.B. Clemens von Alexandria, Kosmas Indikopleustes), aber andere christliche Autoren haben sehr wohl erkannt, dass die Flut von Atlantis keine Weltflut war (z.B. Tertullian, Arnobius Afer).

Es kann deshalb auch keine Rede davon sein, dass die Atlantisgeschichte „the blueprint for associating Egypt’s greatest wonders – the pyramids – with Noah’s flood“ war (S. 25). Mir ist kein antiker Text bekannt, in der von Pyramiden in Atlantis die Rede ist. Dieser Gedanke kam erst in der Neuzeit auf, als man die Pyramiden der indianischen Kulturen in Amerika mit den Pyramiden in Ägypten verglich. Es ist zwar richtig, dass die Pyramiden schon in der Antike mit der biblischen Sintflut in Verbindung gebracht wurden, aber die Atlantisgeschichte war dabei nicht im Spiel.

Jason Colavito selbst erwähnt in den folgenden Kapiteln auch nirgends einen solchen Zusammenhang, speziell auch dort nicht, wo er hätte erwähnt werden müssen, wenn es diesen Zusammenhang gegeben hätte, so z.B. bei der Diskussion der „Many Flood Stories“ (S. 29). Auch, dass die Atlantisgeschichte angeblich auf Tempelsäulen geschrieben stand, wird in den folgenden Kapiteln nicht mehr erwähnt, obwohl dort viel von den Mythen die Rede ist, die sich um die Inschriften auf Säulen und Tempelwänden ranken. Es ist fast so, wie wenn Jason Colavito seinen eigenen Behauptungen über Atlantis nicht getraut hätte, so dass er sie in seiner späteren Argumentation lieber wegließ. Die Argumente, die er statt dessen vorlegt, sind auch viel besser und zweifelsohne richtig (z.B. Flavius Josephus S. 32).

Es ist geradezu verwunderlich, dass Jason Colavito erst mit Ignatius Donnelly wieder auf die Verbindung von Atlantis und den Pyramiden zu sprechen kommt. Die Vermutung, dass die ägyptischen Pyramiden mit den Pyramiden der indianischen Kulturen in Amerika über den versunkenen Kontinent Atlantis zusammenhängen, ist deutlich älter. Diese Beobachtung geht mindestens zurück bis Carlos de Sigüenza y Góngora 1680.

Jason Colavito verkürzt zudem die Darstellung von Ignatius Donnelly in einer Weise, die den eigentlichen Sinn verfälscht. Laut Colavito hätte Donnelly geschrieben, „that Atlantis had been populated by White people and Jews, the chosen races of God. ‚Atlantis was the original seat of the Aryan or Indo-European family of nations,‘ he wrote.“ (S. 207 f.) – Doch wenn wir bei Donnelly nachlesen, finden wir etwas ganz anderes. Dort heißt es: „That Atlantis was the original seat of the Aryan or Indo-European family of nations, as well as of the Semitic peoples, and possibly also of the Turanian races.“ (S. 2 Donnelly) Die „Semitic peoples“ umfassen wesentlich mehr als nur die Juden, und die Turanier sind „gelb“. Und von „chosen races“ ist überhaupt nicht die Rede. Lediglich „chosen people“ wird in Bezug auf die Juden an einer ganz anderen Stelle erwähnt (S. 212 Donnelly). Auch die Europäer sind für Donnelly keine reinen Weißen, sondern eine Mischung verschiedener „Farben“ (S. 197 Donnelly). – Natürlich ist das alles aus moderner Perspektive immer noch rassistisch, aber es ist eben keinesfalls dermaßen rassistisch wie es bei Jason Colavito klingt.

Was fehlt

Es wäre sinnvoll gewesen, die alchemische Tradition Ägypens noch mehr in den Blick zu nehmen. Hier wäre es außerdem gut gewesen, wenn die Überlieferungswege, die Peter Kingsley von den Pythagoreern nach Ägypten aufgezeigt hat, analysiert und integriert worden wären (Peter Kingsley, Ancient Philosophy, Mystery, and Magic – Empedocles and Pythagorean Tradition, Clarendon Press, Oxford 1995).

Der Umstand, dass viele Christen die ägyptische Kultur für eine Kultur von Götzenanbetern hielten, die sie deshalb verachteten, hätte näher beleuchtet werden müssen (z.B. Origenes).

Man hätte gerne einen der christlichen Autoren genannt bekommen, die die überproportionalen Darstellungen von Pharaonen und Göttern auf den ägyptischen Tempelwänden als Darstellungen von Riesen deuteten (S. 51).

Man hätte gerne Belege dafür bekommen, dass die Kopten nicht der Meinung waren, dass die Pyramiden die Kornspeicher des Joseph waren (S. 63).

Man hätte gerne mehr Hintergrundinformation zu der anonymen Aussage bekommen: „For every building, I fear the ravages of time, but as for this monument, I fear for time.“ (S. 67) Woher kam diese Aussage? Was ist ihre älteste Erwähnung?

Man hätte gerne mehr über die Verbindung der Freimaurer zur ägyptisierenden Symbolik erfahren.

Man hätte gerne eine Quellenangabe zu der Behauptung, dass Léon Denis mit einem Zitat von Lenormant das Horusgefolge angeblich zu Atlantern erklärte (S. 145). Man findet bei Léon Denis nur ein Zitat von Lenormant, dass die Sphinx älter sei als die Pyramiden. Ich vermute, die Aussage zu den Atlantern ist ein Irrtum, und es ist dieses Zitat gemeint.

Man hätte gerne einen konkreten Beleg für diese Aussage: „The empire imagined for antediluvians and Atlantis was a mythic precedent to the unprecedented imperial expansion of Victorian Europe.“ (S. 213) – Es klingt ja durchaus plausibel, aber einen Beleg für diesen Zusammenhang zu finden, ist schwierig.

Schluss

Wer sich für das Thema interessiert, bekommt mit Jason Colavitos neuem Buch eine überaus reichhaltige Stoffsammlung in die Hand, wie er sie so schnell nicht woanders finden wird. Mit gesunder Skepsis und einem Interesse an eigener Recherche kann man damit viel anfangen. Sehr viel sogar. Wer es gerne übersichtlich und einfach hat, wird allerdings nicht so gut bedient.

An manchen Stellen ist der Autor etwas respektlos gegenüber religiösem Glauben. Sehr zu loben ist hingegen das Kapitel „Afrocentrism and ancient Egypt“, in dem Jason Colavito beschreibt, wie Ägypten als „schwarz“ vereinnahmt wurde. Hier fällt der äußerst heilsame Satz: „… but as with so many correctives, they often tried to make too strong a case for the opposite, reproducing many of the same errors in reverse.“ (S. 210) Außerdem merkt Jason Colavito mit Recht an, dass hinter solchem Denken immer noch ein rassistisches Denken steckt, „a pernicious belief that culture is genetic“ (S. 211). Sehr wahr.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Atlantis-Scout und Amazon (gekürzt, englisch) am 31. August 2021)

Platon: Die Apologie des Sokrates (4. Jhdt. v. Chr.)

Der zentrale Grundlagentext der westlichen Zivilisation

Platons Apologie des Sokrates ist der zentrale Grundlagentext der westlichen Zivilisation. Viele werden jetzt fragen: Ist das nicht zuviel gesagt? Ist nicht die Bibel der Grundlagentext der westlichen Zivilisation? Und wieso überhaupt die Apologie? Die kennt doch so gut wie niemand? Und wie kann ein so kurzer Text so wichtig sein?

Nun, die Bibel ist natürlich ebenfalls ein unverzichtbarer Grundlagentext der westlichen Zivilisation. Aber die Bibel gab es schon lange bevor die spezifisch westliche Zivilisation mit Renaissance und Aufklärung ins Leben trat. Deshalb kann die Bibel nicht Zentrum und Ursache sein, sondern nur Wegbereiterin. Demgegenüber war die Apologie des Sokrates das ganze Mittelalter über verloren gewesen. Erst mit der Renaissance wurde der Text wieder verfügbar, und zwar präzise mit der ersten lateinischen Übersetzung von Platons Gesamtwerk durch Marsilio Ficino in den Jahren 1484/85. Erst von diesem Zeitpunkt an konnte die Apologie des Sokrates ihre Wirkung neu entfalten.

Der Geist der Apologie

Aber was war das für eine Wirkung? Um was geht es in der Apologie? Die Apologie des Sokrates ist die Verteidigungsrede des Sokrates in jenem Prozess, an dessen Ende er wegen Gottlosigkeit und der Verführung der Jugend zum Tode verurteilt wurde. Zur Rechtfertigung seiner „Missetaten“ erzählt Sokrates, wie er zur Philosophie kam und was es damit auf sich hat. Wir lernen dabei folgendes:

  • Wer die Wahrheit erkennen will, muss sich zunächst einmal klar machen, wie wenig er weiß. Im streng philosophischen Sinne des Wortes „Wissen“ wissen wir Menschen so gut wie gar nichts. Viel zu viele Menschen jedoch bilden sich ein, dass sie etwas wüssten. Doch fast immer, wenn Sokrates damit anfängt, nachzufragen, stellt sich heraus: Die Leute wissen nicht, was sie zu wissen glauben, und ihre Meinungen sind haltlos.
  • Wer sich der Wahrheit nähern will, muss in einen Dialog verschiedener Meinungen eintreten. Genau das tut Sokrates immer wieder und wieder. Denn erst in dem Dialog verschiedener Meinungen lässt sich eine neue und bessere Meinung entwickeln, die näher und näher an die Wahrheit herankommt. An die Stelle von „Wissen“ im Vollsinn des Wortes treten Meinungen, die möglichst gut begründet sein sollten. Je nach dem Grad der Begründetheit haben diese Meinungen eine hohe oder niedrige Plausibilität bzw. Wahrscheinlichkeit und sind dann entweder Überzeugungen auf der Grundlage von guten Argumenten, oder doch nur „bloße“ Meinungen.
  • Wer die Wahrheit erkennen will, muss seine Meinung zur Debatte stellen. Denn auch eine wohlbegründete Meinung ist kein sicheres Wissen. Immer ist es möglich, dass weitere Aspekte auftauchen, die noch nicht bedacht wurden. – Sokrates blieb nicht beim Nichtwissen stehen, sondern begann, im Dialog mit Freunden und Gegnern verschiedene Thesen zu entwickeln, die tragfähig waren. Um dieses Werk fortzusetzen gründete Platon später eine Philosophenschule vor den Toren Athens, im Hain des Akademos. Platons Schüler strickten an dem neuen Erkenntnisgebäude weiter, darunter auch Aristoteles. Daraus entstand die Wissenschaft.
  • Wer die Wahrheit erkennen will, muss respektlos vor Autoritäten sein. Wir sehen, wie Sokrates auch vor angesehenen Politikern nicht haltmacht und auch diese befragt, was sie denn eigentlich wissen. Und es stellte sich heraus: Von allen Menschen wissen die Politiker am wenigsten, während die Handwerker, die praktischen Menschen, sich immerhin auf ihr praktisches Handwerk verstehen. Aber auch die Religion blieb von den Fragen des Sokrates nicht verschont.

Das ist das Zentrum unserer westlichen Welt: Sokrates und Platon haben eine Revolution der Erkenntnisgewinnung eingeläutet und auf diese Weise unser Denken für immer verändert. Es ist der Siegeszug der Rationalität. Und mit ihm auch der Siegeszug der Liberalität, denn nur freie Bürger können sich erlauben, respektlose Fragen zu stellen und gefährlich ins Offene und Unbekannte hinein zu denken. Dieser Geist begann ab 1484/85 wieder zu wirken.

Die Apologie heute

Es ist wahr, dass die Apologie des Sokrates heute kaum noch jemandem bekannt ist. Die Reduktion der humanistischen Bildung quer durch alle Schulfächer bis hin zur Abschaffung des Latein- und Griechischunterrichtes hat ganze Arbeit geleistet. Damals hieß es, man könne doch auch Übersetzungen lesen. Das ist wahr. Aber Lehrpläne, die die Lektüre dieser Übersetzungen vorsahen, wurden nie erstellt.

Ich selbst habe den wunderlichen Sokrates durch meinen Deutsch- und Geschichtslehrer Bruno Epple kennengelernt, der als Mundartdichter unseres Bodensee-alemannischen Dialektes bekannt war. Es war beeindruckend, wie er zwischen den Schulbänken auf und ab tigerte und ein ums andere mal ausrief: „Die waren doch verrrrrückt! Diese alten Griechen: Verrrrückt! Was die für komische Fragen gestellt haben! Das muss man sich mal vorstellen: Was die sich herausgenommen haben! Lauter Verrrrückte! usw.“ – Das war im siebten Schuljahr, um 1985, auf einem baden-württembergischen Gymnasium. Man muss dazu wissen: Bruno Epple hielt sich selten an die Vorgaben der Lehrpläne und setzte eigene, eher traditionelle Schwerpunkte. Womöglich sind andere Lehrer zur gleichen Zeit ohne viel Aufhebens über Sokrates hinweggegangen. Im Schulbuch waren Sokrates anderthalb Seiten gewidmet, seiner Befragung der Mitbürger aber nur ein Absatz. Den Originaltext der Apologie des Sokrates haben wir an der Schule nie gelesen. Auch in höheren Klassenstufen nicht. Und das, obwohl sich dieser Text aufgrund seiner Kürze als Schullektüre hervorragend eignen würde.

Heute kennt in der Tat kaum noch jemand die Apologie des Sokrates. Und das könnte ein wichtiger Teil der Probleme unserer Zeit sein. Denn heute geschehen schier unglaubliche Dinge, die niemand akzeptieren kann, der einmal vom Geist der Apologie ergriffen wurde:

  • Wir haben öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten, die nicht nur behaupten, kompetent zu sein (das wäre noch in Ordnung, wenn’s denn nur wahr wäre), sondern die doch tatsächlich auch noch behaupten, objektiv zu sein! Natürlich sollte jeder danach streben, so objektiv wie möglich zu sein, aber wir alle nähern uns der Wahrheit von verschiedenen Seiten her an. Es ist grundsätzlich nicht möglich, dass jemand auftritt und legitim sagen kann, er wäre der Verkünder objektiven Wissens. Das konnte einst die Kirche im Mittelalter tun. Aber in einer modernen Gesellschaft sollte das nicht mehr möglich sein.
  • Ständig werden wir dazu aufgefordert, irgendwelchen „Experten“ zu glauben. „Follow the Science“ ist ein beliebter Slogan. Aber es gibt doch gar nicht „den Experten“, der uns objektives Wissen verkünden könnte, denn verschiedene Experten vertreten verschiedene Meinungen. Und auch „die Wissenschaft“ gibt es so nicht, denn die Wissenschaft lebt davon, dass sich verschiedene Meinungen im freien Dialog miteinander befinden.
  • Sogenannte „Faktenfinder“ tragen „Fakten“ zu komplexen Fragen zusammen, und jubeln uns ihre Urteile als unumstößliche „Fakten“ unter. Nicht selten tragen solche Faktenfinder eine durchaus hilfreiche Sammlung von Informationen zusammen. Aber würde man sich sein Urteil nicht lieber selbst bilden?
  • In den sozialen Netzwerken des Internet werden aus den „Faktenfindern“ die berüchtigten „Faktenchecker“, die ihre Urteile als Verurteilungen auch gleich in die Tat umsetzen: Im Auftrag der sozialen Netzwerke bzw. der Regierungen unterdrücken sie unliebsame Meinungen, auch wenn diese gar nicht strafbar sind. Sie tun dies durch die Markierung von Beiträgen, durch die Drosselung der Reichweite, durch Shadow-Banning, durch die vollständige Sperrung einzelner Beiträge, durch Demonetarisierung oder durch die Sperrung von ganzen Kanälen und Accounts. Aber woher nehmen diese „Faktenchecker“ die übermenschliche Weisheit, zu wissen, was „wahr“ und was „falsch“ ist?
  • Carolin Ehmcke wurde 2016 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Im Jahr 2024 sprach sie sich auf der Konferenz „re:publica“ allen Ernstes und unter frenetischem Beifall des „progressiven“ Publikums gegen Pro- und Contra-Formate in den Medien aus. Ehmcke glaubt, dass die Experten in vielen Fragen schon wissen würden, was die „richtige“ Wahrheit ist. Deshalb würde ein Pro- und Contra-Format die Menschen nur verwirren, denn dort würde die „richtige“ Wahrheit einer „falschen“ Wahrheit gleichberechtigt gegenübergestellt. Das ist schön gedacht. Aber weiß Carolin Ehmcke wirklich, welche Experten die „richtige“ Wahrheit besitzen? Eine dermaßen „richtige“ Wahrheit, dass man keine Fragen mehr stellen darf? Und wie kann sie sich sicher sein, dass nicht doch eines Tages eine Frage auftaucht, an die keiner gedacht hatte? Sollte die „richtige“ Wahrheit nicht triumphal überzeugen, wenn sie einer „falschen“ Wahrheit tatsächlich völlig gleichberechtigt gegenübergestellt wird? Und bezieht die „richtige“ Meinung nicht gerade daraus ihre Legitimität als „richtige“ Meinung, dass sie gegen andere Meinungen bestehen kann? Wie steht es denn um die Legitimität einer „richtigen“ Meinung, wenn sie der Konfrontation mit anderen Meinungen systematisch aus dem Weg geht?
  • Unsere Universitäten folgten einst dem Ideal des preußischen Reformers Wilhelm von Humboldt, dass Forschung und Lehre so miteinander verwoben sein sollten, dass die Studenten das Fragen und Hinterfragen lernen. Doch mit den Bologna-Reformen ist davon nicht viel übrig geblieben. Ob Preußen oder die humanistische Bildung: Mit solchen „ewiggestrigen“ Dingen will man heute nichts mehr zu tun haben, denn man will „progressiv“ sein. Aber ist es denn wirklich progressiv?
  • Die einflussreiche Online-Enzyklopädie Wikipedia arbeitet nach dem Prinzip des „neutralen Standpunktes“. Gemeint ist in Wahrheit nicht Neutralität, sondern Objektivität, wie Wikipedia immer noch festlegt („möglichst objektiv“). Die Darstellung verschiedener Meinungen soll nach Möglichkeit vermieden werden. Auch wenn die heutige Version des Wikipedia-Artikels „Neutraler Standpunkt“ viel von der Darstellung verschiedener Meinungen spricht, ist das früher sehr viel schärfer formulierte Prinzip eines möglichst einheitlichen, objektiven Standpunktes immer noch das Ziel. Objektivität ist für Menschen aber nicht zu erreichen. In der Praxis führt das dazu, dass Wikipedia-Artikel vom Standpunkt eines allwissenden, autoritären, übermenschlichen Erzählers verfasst werden, der ganz und gar nicht neutral ist, sondern der genau eine einzige Meinung als die lexikographisch geoffenbarte Wahrheit darlegt, während alle anderen Meinungen folgerichtig entweder als Unsinn herabgewürdigt oder als unwürdig ausgeblendet werden. Diese Praxis entspricht zwar lexikographischer Tradition, aber sollte ein modernes Lexikon nicht besser den Standpunkt eines Beschreibers der Gesamtwirklichkeit einnehmen? Dieser würde es sich zur Aufgabe machen, überhaupt keine Meinung zu vertreten, also wirklich neutral zu sein, sondern alle existierenden Standpunkte wertfrei darzustellen. Eine legitime Unterscheidung verschiedener Standpunkte wäre der Grad ihrer Unterstützung in Wissenschaft und Öffentlichkeit: Erst stellt man Unstrittiges dar, dann die Mehrheitsmeinung, und zuletzt – etwas kleiner, aber wertfrei – Minderheitsmeinungen. Wer seinen Mitmenschen „Wissen“ vermitteln will, dabei aber immer nur eine einzige Meinung mitteilt, statt verschiedener Meinungen und ihrer Begründungen, begeht einen grundsätzlichen Fehler. Denn die Legitimität einer „richtigen“ Meinung beruht zentral darauf, dass sie die Konfrontation mit anderen Meinungen überlebt. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder und wieder.

Wer einmal mit Sokrates durch Athen gegangen ist und gesehen hat, wie Sokrates Handwerker, Händler und Politiker in Dialoge verwickelte, um herauszufinden, was sie wirklich wissen und was wirklich die Wahrheit ist, sofern sich dies überhaupt herausfinden lässt, der erkennt den Unsinn unserer Tage mit einem Blick. Es ist eigentlich ganz einfach: Wenn wir die Texte, die einst Renaissance und Aufklärung entfachten, nicht mehr lesen, dann versteht es sich von selbst, dass uns die Errungenschaften von Renaissance und Aufklärung langsam wieder abhanden kommen. Wenn der Westen sich wieder auf sich selbst besinnen will, dann muss er zurück zu den Quellen: Ad fontes!

Anderes

Die Apologie hat noch mehr zu bieten: Sie zeigt Sokrates als einen Weisen, der nicht nur in Worten philosophiert, sondern seiner Philosophie auch mit großer Konsequenz Taten folgen lässt. Sokrates gibt seinen Anklägern nicht nach und geht auch keine faulen Kompromisse ein. Das Todesurteil am Endes des Prozesses nimmt er gelassen auf sich und nutzt auch diese Gelegenheit noch einmal, um seine Philosophie zu bekräftigen: Andersdenkende aus dem Weg zu räumen, ist weder schön, noch wird es Erfolg haben.

Die Rede ist außerdem voller Ironie und deshalb sehr vergnüglich zu lesen. Ein weiteres Thema ist die Schwierigkeit, Menschen zum Umdenken zu bewegen, nachdem sie über lange Zeit mit einer bestimmten Meinung indoktriniert wurden. Das Verhältnis von Bürger und Staat wird beleuchtet. Nicht zuletzt handelt es sich um eine Rede vor Gericht, weshalb sich auch manche Weisheit und Einsicht rund um die Juristerei finden lässt.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Dirk Liesemer: Lexikon der Phantominseln (2016)

Gute Idee, interessantes Thema, schön gemacht – zu Atlantis aber etwas einseitig

„Insel-Bücher“ gibt es ja inzwischen eine ganze Reihe: Abgelegene Inseln, vergessene Inseln, literarische Inseln – und jetzt Phantom-Inseln: Inseln, die tatsächlich einmal auf Seekarten (und sogar bei Google Earth!) verzeichnet waren, obwohl es sie nie gab.

Dahinter steckt immer eine interessante Geschichte, die etwas über die Menschen, die Zeiten und das Schicksal lehren kann. Aber auch die menschliche Erkenntnis wird herausgefordert: Wie sicher können wir uns unserer Weltkenntnis eigentlich sein? Um wem verdanken wir sie eigentlich? Wir wähnen uns im modernen Zeitalter des Satelliten, und doch beruht noch vieles auf Wissen von alters her.

Zu Platons Atlantis gibt es allerdings noch ganz andere Meinungen, die hier etwas zu kurz kommen. Es ist keineswegs so, dass Atlantis in der Antike gemeinhin als Erfindung galt, und so war es von Platon wohl auch nicht gemeint. Während wir ganz genau wissen, dass Atlantis im wörtlichen Sinn niemals existiert haben kann, könnte es sich immer noch um eine verzerrte historische Überlieferung handeln, hinter der ein realer Ort steht. Richtig ist allerdings, dass im Laufe der Geschichte eine ganze Reihe von Inseln für Atlantis gehalten und mit dem Namen „Atlantis“ auf den Karten verzeichnet wurden. Mehr zu Atlantis in dem Buch: Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis: Von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 20. September 2016)