Schlagwort: Autobiographie

Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst – Erinnerungen (2009)

Das Selbstverständliche sagen, auch wenn es ungelegen kommt

Joachim Gaucks Autobiographie ist solide, enthält aber auch keine Überraschungen. Vor allem im Schlussteil äußert Gauck einige Selbstverständlichkeiten, deren Besonderheit allein darin liegt, dass es heute leider nicht mehr selbstverständlich ist, dass diese Ansichten geäußert werden. Beispiele: Bei aller Kritik am „kapitalistischen“ System, vor allem von linker Seite – ohne Freiheit wird alles nur noch schlimmer, ohne Freiheit ist alles nichts. Und: Die Linken behindern die Aufarbeitung des DDR-Unrechts und messen mit zweierlei Maß, weil sie nicht in der Lage sind, sich mit ihrer eigenen Schuld zu befassen. Es tut gut, diese Selbstverständlichkeiten ausgesprochen zu sehen, und dass Gauck dies tut, ist zu würdigen.

Grenzwertig ist Gaucks Würdigung des Widerstandes von Kommunisten. Er macht nämlich nicht deutlich, ob er hier den Widerstand von Einzelnen würdigen möchte, die aus Naivität die Unmenschlichkeit ihrer eigenen kommunistischen Ideologie nicht verstanden haben – das wäre in Ordnung. Oder ob er hier die kommunistische Ideologie ganz oder teilweise mit würdigt – das wäre nicht in Ordnung.

Interessant ist Gaucks Verhältnis zum christlichen Glauben. Denn Gauck wurde nicht deshalb Pastor, weil er besonders gläubig gewesen wäre, sondern weil ihn die Suche nach einer Ausweichmöglichkeit vor dem Regime dorthin trieb. Völlig akzeptabel ist es, wenn er schreibt, dass der Glaube „neben“ dem kritischen Denken steht. Völlig unverständlich jedoch ist es, wenn er tiefgläubige osteuropäische Bauern als Vorbilder im Glauben nennt – denn deren Gläubigkeit und Ungeplagtheit von Zweifeln ist ja keiner besonderen Leistung geschuldet, sondern vielmehr einem Mangel: Einem Mangel an Fähigkeit zur Selbstreflexion. Überhaupt kann die christliche Ausformung von Gläubigkeit bei Gauck nur vor dem Hintergrund seines Lebens verstanden werden: Die Umstände legten es ihm eben nahe, in die allzu große Ungewissheit des christlichen Glaubens zu „springen“, und Gauck „sprang“. Vernünftig ist dieser „Sprung“ jedoch nicht. Gaucks Erklärungen zu diesem Punkt sind sehr verständlich und müssen hingenommen werden, sie sind aber nicht überzeugend.

Die von Gauck gewählten Schwerpunkte des Buches verwundern ein wenig. Werden hier nicht zu viele Fluchtgeschichten erzählt? Gab es denn nichts anderes im Alltag der DDR? Andererseits muss man davon ausgehen, dass Gauck diesen Schwerpunkt nicht ohne Bedacht gewählt hatte. Vielleicht war es ja tatsächlich so, dass den Menschen in der DDR die Fluchten und Ausreisen als Hauptereignisse im Vordergrund ihrer Wahrnehmung standen, und nicht ihr Alltagsleben.

Etwas problematisch ist die Chronologie: Die Kapitel sind teilweise chronologisch, teilweise aber auch unchronologisch thematisch gehalten, so dass Gauck z.B. zunächst plötzlich verheiratet ist, die Darlegung seiner Eheschließung jedoch erst weiter hinten im Buch erfolgt.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Geschrieben Anfang März 2012)

Robert Silverberg: Gilgamesch The King (1984)

Gelungenes Sinuhe-Remake für die sumerische Kultur

Mit seinem Buch „Gilgamesch – The King“ hat Robert Silverberg eine Art Remake des Klassikers „Sinuhe der Ägypter“ von Mika Waltari vorgelegt. Wie dort auch läuft vor den Augen des Lesers eine Art psychedelischer Lebensfilm des Protagonisten ab, der gewissermaßen die Innensicht und die weltanschauliche Perspektive eines antiken Menschen nachzubilden versucht, von der Wiege bis zur Bahre. Auf diese Weise wird ein besonders intensiver Einblick in die jeweilige Zeit und Kultur gegeben. War es bei Waltari das alte Ägypten, ist es bei Silverberg die sumerische Kultur.

Das Remake ist gelungen: Wer nach der Lektüre nach Informationen über die alten Sumerer sucht, wird finden, dass Silverberg die wesentlichen Elemente dieser Kultur verarbeitet hat, und zwar gut verarbeitet. Historische Exaktheit darf man natürlich nicht erwarten, das ist nicht der Sinn der Sache, zumal die Forschung bei diesen frühen Kulturen immer noch sehr in Fluss ist. Es steht das Literarische und Menschliche im Vordergrund; in der alten Kultur spiegeln sich Einsichten, die sehr wohl auch für die Gegenwart gelten.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. Juli 2012)