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Katholischer Erwachsenenkatechismus (1985/1995) – Katechismus der Katholischen Kirche (1992)

Grundlegende Lektüre zum Verständnis unserer Welt: Ein katholischer Katechismus

Die meisten Menschen winken beim Wort „Katechismus“ ab: Sie denken an eine Sammlung von kurzen Fragen und Antworten, wie sie die Schüler in früheren Zeiten auswendig lernen mussten. Die reine Schikane. Und doktrinärer Kirchen-Unsinn ist es obendrein. Wer glaubt denn sowas? Wer tut sich das an? Also weg damit.

Aber so einfach ist es nicht. Es gibt eine ganze Reihe von sehr guten Gründen, warum man einen Katechismus gründlich gelesen haben sollte:

  • Was ist Christentum überhaupt? Das ist genau die Frage, die ein Katechismus beantwortet. Ein Katechismus ist die Zusammenfassung der christlichen Glaubens- und Sittenlehre: Was man als Christ inhaltlich glauben sollte, und wie man als Christ leben und handeln sollte in der Welt. Das Wort „Katechismus“ könnte man mit „Lehrbuch“ übersetzen. – Viele Menschen glauben zwar zu wissen, was Christentum ist, doch in Wahrheit ist das vorhandene Wissen oft nur sehr oberflächlich. Da das Christentum aber nun einmal tatsächlich ein wesentlicher Grundpfeiler unserer gesamten westlichen Kultur ist, sollte man sich durchaus die Mühe machen, der Sache etwas näher auf den Grund zu gehen. Und zwar völlig unabhängig von der Frage, ob man das nun glauben will oder nicht. Darum geht es gar nicht. Es geht um ein unverzichtbares Stück Bildung, ohne das wir die Welt, in der wir leben, nicht richtig verstehen können.
  • Die Bibel deuten: Die meisten Menschen glauben, was Christentum sei, das stünde in der Bibel. Man müsse nur die Bibel lesen, und schon wüsste man, was Christentum ist. Aber das ist falsch. Ganz falsch. – Natürlich ist die Bibel das heilige Buch der Christen und damit die Grundlage des Christentums. Aber reicht ein Blick in die Bibel wirklich? Wenn ein x-beliebiger Christ an unserer Haustüre steht und uns eine Bibel überreicht, wissen wir dann schon, was der glaubt? Es gibt so viele Variationen: Papst oder nicht Papst? Bußsakrament oder nicht? Abendmahl als echte Wandlung oder nur als Symbol? Ehescheidung erlaubt oder nicht erlaubt? Jesus der wahre Sohn Gottes oder nur ein Auserwählter? Maria als Mutter der Kirche, oder nur ein unbedeutendes Waschweib? – Mit der Bibel allein weiß man praktisch nichts! Denn was eine Kirche aus der Bibel herausliest, das steht nur im Katechismus der jeweiligen Kirche. Und nur dort! Die Bibel hingegen ist sehr interpretationsfähig. Die Deutungen gehen weit auseinander. – Katholiken glauben zudem, dass das Leben der Kirche eine Überlieferung außerhalb der Bibel transportiert, die ebenfalls von Bedeutung ist. Auch deshalb reicht die Bibel allein nicht. Aufmerksame Leser werden schnell bemerken, dass sich Christentum und Kirche gar nicht voneinander trennen lässt. Wir wissen von Christus nur durch die Kirche. Auch die Bibel ist eine Hervorbringung der Kirche.
  • Christentum durchschauen: Gerade dann, wenn man dem Christentum gegenüber kritisch eingestellt ist, sollte man es kennen. Denn nur wer das Christentum kennt, weiß überhaupt, was alles auf das Christentum zurückgeht. Und nur dann kann man es auch kritisieren. Und sich Alternativen überlegen. Viele Kritiker des Christentums wissen gar nicht, wie viele Bestandteile unserer Kultur auf das Christentum zurückgehen. Sie nehmen viele christliche Dinge für selbstverständlich, die es gar nicht sind, und täuschen sich über die Welt, in der sie leben. Sie sollten einen Katechismus lesen.
  • Andere Religionen durchschauen: Natürlich ist es das Durchschauen und Verstehen anderer Religionen viel einfacher, wenn man erst einmal eine Religion etwas gründlicher durchschaut hat. Und das sollte natürlich zuerst die traditionelle Religion des eigenen Kulturkreises sein. Viele Menschen haben ein oberflächliches Verständnis von Christentum, das sie kurzerhand auf andere Religionen übertragen. Auf diese Weise geraten sie in beliebige Irrtümer über andere Religionen. Mit teils tragischen Konsequenzen. – Von den Islamverharmlosern ist das bekannt. Kaum jemand hat von Kultur und Religion so wenig Ahnung wie die Anhänger eines zügellosen Multikulti. Aber auch jene sind auf dem Holzweg, die sagen, sie hätten den Koran gelesen und wüssten jetzt ganz genau, was „der Islam“ lehrt. Der Koran ist jedoch ein extrem interpretationsbedürftiger Text. Im Koran stehen Aufforderungen zur Gastfreundschaft direkt neben Tötungsbefehlen. Und von Mohammed steht so gut wie nichts im Koran. Nichts wissen sie also! Sie haben schlicht das falsche Buch gelesen, wenn sie es überhaupt gelesen haben. Nicht der Koran, sondern die Deutung (!) des Korans durch die jeweilige Gruppierung ist entscheidend. Das arabische Wort für Katechismus ist übrigens Ilmihal. Islamhasser haben genauso wenig Ahnung von Religion und Kultur wie Islamverharmloser.
  • Einzelthemen: Die Zahl der Themen, zu denen heute Irrtümer kursieren, ist groß. Viele wissen z.B. nicht, dass die Bibel als ganzes als vom Heiligen Geist inspiriert gilt. Manche Christen meinen, sie bräuchten gewisse Texte der Bibel einfach nicht ernst nehmen, weil diese im Alten Testament stehen, oder in den Paulusbriefen. Das ist aber falsch. Auch diese gelten als Gottes Wort. – Ebenso falsch ist es, zu behaupten, die Bibel wäre von Menschen geschrieben, der Koran hingegen sei Gottes Wort. Denn natürlich gilt auch die Bibel als Gottes Wort. Inspiriert durch den Heiligen Geist, aufgeschrieben durch menschliche Schreiber nach deren begrenztem, menschlichen Verständnis. Kein Wort der Bibel kann gestrichen werden. Kein einziges! Religiöse Reformen kommen nicht dadurch zustande, dass man an Bibel oder Koran Streichungen vornimmt, sondern vor allem dadurch, dass man eine irrige Interpretation durch eine bessere Interpretation ersetzt. Mehr dazu unten. – Typisch katholische Themen wie die Heilige Wandlung (Transsubstantiation), die Heiligenverehrung, die Unmöglichkeit der Weihe von Frauen zu Priestern oder der Zölibat der Priester werden ebenfalls erklärt. Man würde sich wünschen, dass alle Journalisten, die über diese Themen schreiben, wenigstens einmal in ihrem Leben einen Katechismus gelesen hätten. Das würde uns 50% des Unsinns, der zur Katholischen Kirche geschrieben wird, ersparen. – Interessant auch, was die christliche Sittenlehre zur Rolle des Staates und der Autorität über andere Menschen zu sagen hat. Oder zum Wirtschaftsleben und zur Soziallehre. Ebenso die Lehre, wann Gewalt, Aufstand und Krieg legitim sind. Schließlich auch das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Kirche und Wissenschaft. Die Menge der Themen ist unerschöpflich.
  • Wie sieht eigentlich eine Gesamtweltanschauung aus? Ein Katechismus spannt – ganz unabhängig von den konkreten Glaubensinhalten – einen Rahmen auf, was alles für Fragen beantwortet werden müssen, um zu einer umfassenden Weltanschauung zu kommen. Auf diese Weise richtet ein Katechismus auch einen Maßstab für alle Kritiker des Christentums auf: Denn alle diese Fragen müssen eine alternative Antwort bekommen, wenn man die christliche Antwort ablehnt! Es ist wirklich eine Menge geistiger Arbeit, die geleistet werden muss, wenn man kein Christ mehr sein will. – In dieser Fülle von Fragen, die ein Katechismus behandelt, ist auch das hohe kulturelle Niveau beschlossen, das die westliche Welt erreicht hat. Man kann nicht einfach hinhüpfen und sagen: Ich glaube das alles jetzt nicht mehr, weg damit! Dieser „Wegwerf-Atheismus“ ist ja heute sehr beliebt. Aber er ist zugleich ein dramatischer Absturz des kulturellen Niveaus. Denn der Wegwerf-Atheismus schafft keine tragfähige Alternative. Er haust vielmehr in den Trümmern des untergehenden Christentums und zehrt unwissentlich von einer Substanz, die immer mehr schwindet. Der Wegwerf-Atheismus kann seiner Natur nach nur eine Übergangserscheinung sein. Entweder die Kultur verfällt tatsächlich, oder es kommt zu einem neuen Aufschwung, sei es mit dem alten Christentum, sei es mit einer anderen Weltanschauung, die ähnliches leistet (oder mit beidem zugleich auf einer gemeinsamen Grundlage?).

Leseempfehlung

Warum sollte es ein katholischer Katechismus sein? Ganz einfach deshalb, weil man hier auch heute noch wesentlich näher dran ist an dem, was Christentum war, ist und sein sollte, als irgendwo sonst. Die evangelische Kirche ist bekanntlich schon länger vom Zeitgeist zerfressen. Hier müsste man wohl bis in die 1950er Jahre zurückgehen, um einen brauchbaren Katechismus zu finden. Der ist dann aber nicht mehr für heutige Menschen geschrieben. – Und die Werke von Theologen? Diese können sehr hilfreich sein, aber sie leisten eines nicht: Sie sind nicht das autoritative Wort der Kirche, die sich vom Heiligen Geist geleitet sieht. Das findet man nur im Katechismus der Kirche. Nur der Katechismus „gilt“ sozusagen, nur der Katechismus bietet besiegelte Glaubenslehre.

Drei Werke seien empfohlen:

  • Zuerst der erste Band des „Katholischen Erwachsenenkatechismus“ der deutschen Katholischen Kirche, mit dem Untertitel „Das Glaubensbekenntnis der Kirche“. Der deutsche Katechismus zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr viel erklärt und eine Brücke zwischen der alten Überlieferung und der modernen Lebenswelt der Lesers zu schlagen versucht. Das wurde damals (1985) unter der Federführung von Walter Kasper auch noch sehr gut gemacht, ohne sich dem Zeitgeist anzupassen. Wenigstens dieses Buch sollte man gelesen haben. Es lohnt sich!
  • Als Schocktherapie könnte man dann den 1995 erschienenen zweiten Band des deutschen Katechismus lesen: „Leben aus dem Glauben“. Hier wird die Sittenlehre der Kirche dargelegt, doch leider ist dieser zweite Band bereits deutlich vom Zeitgeist angekränkelt. Der Leser wird den Unterschied zum ersten Band schnell bemerken und sich mit Grausen abwenden. Hier wimmelt es von ethischem Relativismus, und der Fokus liegt auf Umweltschutz und „sozialer Gerechtigkeit“. Gedanken wie Ordnung, Vernunft, Disziplin und Konsequenz sucht man in diesem Buch vergebens. Marktwirtschaft und Liberalität kommen kaum vor. Tapferkeit wird in diesem Buch ohne Umschweife mit „Zivilcourage“ im Sinne des linken Zeitgeistes übersetzt. Dass man auch tapfer gegen (!) den linken Zeitgeist sein könnte, oder z.B. auch tapfer als Polizist oder Soldat, kommt nicht vor. Zwischen 1985 und 1995 muss es in der deutschen Katholischen Kirche zu einem Sieg der Linken gekommen sein.
  • Sehr empfehlenswert ist die Lektüre des sogenannten „Weltkatechismus“ der katholischen Kirche, der unter der Federführung von Kardinal Ratzinger erarbeitet wurde und 1992 erschienen ist. Der offizielle Titel lautet „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK). Dieser deckt beide Teile ab, Glaubens- und Sittenlehre. Die Glaubenslehre wird hier etwas steifer und mit weniger Erklärungen abgehandelt. Es schadet aber nicht, dasselbe noch einmal in anderen Worten zu lesen. Vor allem aber findet man hier endlich auch die christliche Sittenlehre, die der zweite Band des deutschen Katechismus völlig versaubeutelt hat, in angenehm glaubwürdiger und authentischer Weise dargelegt.

Was fehlt: Entwicklung von Religion

Wer mitreden möchte in Sachen Kultur und Philosophie, in Sachen Literatur und Geschichte, in Sachen Geschichte und Politik, in Sachen Wissenschaft und Medizin, ja, überhaupt in allen (!) Dingen, die unsere westliche Kultur ausmachen, der hat mit der obigen Lektüre eine wichtige Grundlage gelegt.

Allerdings hat man damit noch nicht das ganze Bild. Mindestens eine Sache fehlt. Nämlich die Entwicklung des Christentums. Religionen sind keine statischen Gebilde, auch wenn deren heilige Bücher weitgehend unverändert bleiben. Religionen verändern und entwickeln sich. Teilweise in glaubwürdiger und legitimer Weise. Teilweise nicht. Dazu erfährt man in einem Katechismus recht wenig, weil der Katechismus immer nur die jeweils aktuelle Glaubens- und Sittenlehre enthält, die zum Zeitpunkt seiner Abfassung galt.

Tatsächlich leben Religionen zu einem guten Teil auch von der Suggestion, dass ihre Lehre schon immer so war und sich nicht verändert habe. Jedenfalls ist eine Veränderung der Lehre immer ein schmerzhafter Prozess. Denn eine Veränderung der Lehre bedeutet logischerweise, dass die zuvor geltende Lehre falsch war und man im Irrtum lebte. Dennoch muss ein gläubiger Mensch an solchen Veränderungen interessiert sein, wenn es sich um Korrekturen handelt. Glaubwürdige religiöse Reformen können nur in diesem Sinne stattfinden: Als Korrekturen weg von Irrtümern, hin zur Wahrheit, zur Realität. Niemals als beliebige Anpassungen an den Zeitgeist. Deshalb ist auch die historisch-kritische Erforschung der Urtexte und der Ursprünge von Religionen so wichtig: Weil diese Betrachtungsweise viele Möglichkeiten für glaubwürdige Korrekturen in der Interpretation eröffnet.

Das solche Reformen möglich sind, hat das Christentum in den letzten Jahrhunderten wiederholt bewiesen. Von der Reformation bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. – Ein Beispiel: Das christliche Sittengesetz wurde früher tatsächlich als ein Gesetz verstanden, an das man sich zu halten hatte. Das staatliche Gesetz christlicher Staaten versuchte, das christliche Sittengesetz in Paragraphen zu fassen. Heute hingegen wird die christliche Morallehre nur noch als Empfehlung begriffen, die sich der einzelne Gläubige nach eigener Gewissensentscheidung zu eigen machen sollte. Kein Polizist oder Richter, nicht einmal mehr ein Priester schnüffelt den Menschen hinterher, ob sie sich daran halten. Das staatliche Gesetz und die christliche Morallehre werden völlig getrennt voneinander gesehen. Auch wenn die christliche Morallehre sich im Kern nicht verändert hat, so hat sich doch die Perspektive auf sie völlig verändert.

Aber auch der Islam hat im Laufe seiner Geschichte wiederholt starke Wandlungen durchgemacht. Schon sehr früh wurde eine rationalistische Deutung des Koran entwickelt. – Man kann den Islam natürlich nicht dadurch reformieren, dass man irgendwelche Passagen in Koran und Hadith streicht. Man kann ja auch die antisemitischen Passagen im Neuen Testament oder die Gebote zur Tötung von Hexen im Alten Testament nicht einfach streichen. Man kann den Islam auch nicht dadurch reformieren, dass sich der Islam von Mohammed und seinen Taten distanziert. Aber man könnte den Islam dadurch reformieren, dass man historisch-kritisch glaubwürdig herausarbeitet, dass Mohammed gewisse Dinge, die ihm später fälschlicherweise zugeschrieben wurden (und deshalb auch nicht im Koran stehen), gar nicht getan hat. Zum Beispiel die Vertreibung und Abschlachtung von drei jüdischen Stämmen aus Medina. Es handelt sich um spätere Hinzuerfindungen, um die Juden aus der Umma herauszudrängen, ganz ähnlich wie die antisemitischen Passagen im Neuen Testament dazu dienten, die christlichen Gemeinden von den Juden abzugrenzen.

Nicht der Text also, wohl aber die Interpretation kann sich ändern. Und zwar nicht aus Beliebigkeit und Hokuspokus, sondern weil es tatsächlich gute Gründe dafür gibt. In diesem Sinne muss (!) sich die Interpretation sogar ändern. Denn der gläubige Mensch will ja in der Wahrheit, in der Realität leben. Alles andere wäre Traditionalismus, also ein Festhalten an traditionellen Vorstellungen, obwohl sie widerlegt sind. Das gibt es natürlich auch. In allen Religionen. Traditionalismus ist nicht mit einem sinnvollen Traditionsbewusstsein zu verwechseln, das valide Traditionen hochhalten möchte.

Alternative

Wer wissen möchte, wie es möglich sein sollte, eine Alternative zum Christentum zu entwickeln, wird in einem Katechismus ebenfalls vielfach fündig werden. Denn viele der christlichen Lehren gehen ganz oder in Teilen auf die vorchristliche Antike zurück. Hier stoßen wir auf den anderen, den zweiten Grundpfeiler der westlichen Kultur: Die antike Philosophie und Geistesgeschichte.

Vieles von dem, was das Christentum ausmacht, ist in diesem Sinne gar nicht wirklich christlich. Es ist uns nur in christlicher Gestalt überliefert worden. Schon die Texte des Neuen Testaments sind mit Anspielungen und Wendungen aus der griechischen Philosophie durchdrungen. Augustinus und seine Zeit haben viel Platonismus ins Christentum hineingetragen. Thomas von Aquin hat Aristoteles für das Christentum ausgewertet. Was einst ins Christentum eingepackt wurde, kann heute wieder ausgepackt und ohne die Verpackung gesehen und gelesen werden. Vielleicht sogar besser ohne als mit der Verpackung.

Wer also nach Alternativen sucht, der muss auf Griechenland und Rom zurückgreifen. Empfohlen sei vor allem die Lektüre von Platon, Aristoteles und Cicero.

Die deutsche Ausgabe des katholischen Weltkatechismus enthält einen in diesem Sinne bezeichnenden Fehler: In den umfangreichen Indizes am Ende des Werkes, die es so nur in der deutschen Ausgabe gibt, wird Cicero bei den „kirchlichen Schriftstellern“ aufgeführt. Ein amüsantes und vielsagendes Detail.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Simon Strauss: Sieben Nächte (2017)

Ausbruchsversuch aus allzu glatten Leben? Nur eine Simulation davon!

Die Novelle „Sieben Nächte“ von Simon Strauß zeigt zunächst das Dilemma des modernen, verwöhnten, politisch korrekt denkenden jungen Menschen: Er hat sich gemeinsam mit seiner Generation ganz im Rahmen des Mainstreams entwickelt und dabei problemlos alles erreicht, was zu einem erfolgreichen aber unauffälligen jugendlichen Durchschnittsleben dazugehört, kurz: Er hatte weder ein Problem mit Mathematik noch ein Problem mit dem Zeitgeist, noch Probleme, Freunde und auch Frauen zu haben. Und jetzt steht er vor dem Beginn des Erwachsenenlebens, das ebenso 08/15 weiterzugehen droht wie seine Jugend: Heiraten, Kinder bekommen, ein Haus bauen, festangestellt sein. Doch dieses Leben ist zu glatt, zu brav, zu gewöhnlich. Es ist weder etwas besonderes noch vermittelt es Sinn. Es gab auch keine Widerstände, an denen man hätte wachsen und reifen können. Alles ist irgendwie kindisch und läppisch. Man war nicht einmal bei der Bundeswehr.

In dieser Situation beschließt der Protagonist, angeregt durch einen Bekannten, der auch das Schlusswort schreiben wird, in sieben Nächten jeweils eine der sieben Todsünden auszuleben und dies in den folgenden sieben Kapiteln schriftlich festzuhalten. Er will damit erreichen, etwas besonderes zu tun, persönlich zu reifen, und der Wildheit der Jugend ein Denkmal zu setzen, bevor er sich der Langweiligkeit des Erwachsenenlebens hingeben wird.

Die sieben Kapitel zu den sieben Nächten mit den sieben Todsünden sind moderne literarische Variationen der bekannten sieben Todsünden, die interessant, anregend, und teils packend zu lesen sind. Der Autor schafft es zweifelsohne, viele Fragen, Probleme und Situationen zu thematisieren, die dem Leser nur allzu bekannt sind. Das Schlusswort zieht dann ein etwas lendenlahmes Fazit: So richtig erfolgreich war der Ausbruchsversuch eigentlich nicht, aber er würde dennoch in Erinnerung bleiben und deshalb irgendwie wertvoll sein. Ein dem Buch vorangestelltes Gedicht beklagt das Schicksal des Dandys, schließt dann aber überraschend mit der Zeile: „Dandy, you’re all right.“

Kritik

Zunächst ist zu fragen, warum der Übergang in ein langweiliges Erwachsenleben einen dramatischen Verlust an Lebendigkeit, Freiheit etc. bedeuten sein soll, wenn bereits die Jugend langweilig war? Hier bäumt sich niemand auf, um die Wildheit der Jugend zu bewahren, denn bereits die Jugend war nach eigener Auskunft allzu glatt und allzu langweilig. Dies ist ein echter Selbstwiderspruch in diesem Buch, wenn auch verzeihlich, denn dann wäre es eben kein „letzter“ sondern der erste und einzige Ausbruchsversuch aus einem langweiligen Leben.

Dann ist zu fragen, warum das Verhalten in den sieben Nächten, also das Begehen der sieben Todsünden, ein Ausbruch aus der beklagten Langweiligkeit sein soll? Denn was in diesen sieben Nächten geschieht, entspricht doch ganz der Langweiligkeit der allzu glatt verlebten Jugend! Er ist hochmütig, wie es verwöhnte Jugendliche nun einmal sind, er schläft wollüstig mit einer Frau, was er nach eigener Auskunft ebenfalls schon mehrfach getan hatte, usw. Dieser Widerspruch führt beim Leser zu ersten Zweifeln: Hat der Autor übersehen, dass dieser „Ausbruch“ gar keiner ist?!

Es ist vor allem zu fragen, warum man „sündigen“ muss, um zu reifen? Auch durch „Sünden“ kann sich eine gewisse Reife ergeben (wenn man seine Schuld einsieht), aber echte Reife erlangt man doch vor allem gerade dadurch, dass man gegen Widerstände das Richtige tut. Also z.B., dass man schwierige Probleme mit Geduld löst, etwa an einem schwierigen Studium dranbleibt. Oder eine Freundschaft bzw. eine Ehe über Höhen und Tiefen hinweg erhält. Oder das Erschaffen eines literarischen oder wissenschaftlicher Werkes über viele Jahre hinweg. Das Aalglatte hingegen tut selten gut. So mancher tut sich allzu leicht, mit Frauen im Bett zu landen, scheitert aber an der Liebe. So mancher hat viel Spaß mit Freunden, ist aber völlig ignorant gegenüber dem Leiden anderer. So mancher plappert die öffentlichen Meinungen beifallheischend nach, und seien es nur die ewig doofen Witze über republikanische US-Präsidenten, hat aber keine eigene Meinung, die er sich unter Mühen und Irrtümern errungen hätte, und für die er bereit wäre, sich lächerlich zu machen.

Auch die Perspektive auf ein angeblich langweiliges Erwachsenenleben ist völlig falsch: Warum sollte es langweilig sein, zu heiraten, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen und einen Beruf zu ergreifen? So kann nur jemand denken, der sich dem Mainstream so sehr hingegeben hat, dass er sich gar nichts anderes mehr vorstellen kann als den Mainstream. Denn heiratet man eine Frau nicht auch deshalb, um in ihr eine seelenverwandte, erhellte Verbündete gegen die Anfeindungen der dumpfen Mitwelt zu haben? Wird man nicht versuchen, seine Kinder so zu erziehen, dass sie zu großartigen, selbständigen, besonderen Menschen werden? Wird man nicht vielleicht auch im Beruf oder im Hobby versuchen, die Welt irgendwie zu verbessern? Als Lehrer seine Schüler auf das Leben vorbereiten? Als Krankenschwester die Leiden von Kranken lindern? Das Besondere kann manchmal sehr einfach sein. Wer ein Überzeugter ist, wird immer und überall auf irgendeine Weise wirken.

Völlig ausgeblendet wird die große Frage nach Religion und Weltanschauung. Eine richtige Religion oder Weltanschauung mit der entsprechenden Moral zu finden bzw. zu erarbeiten und mit großem Ernst und großer Konsequenz danach zu leben, sollte eigentlich eine der wichtigsten Aufgaben eines erhellten jungen Menschen sein, und würde auch dem Zeitgeist (vermutlich aller Zeiten) völlig zuwiderlaufen. Davon ist in diesem Buch aber an keiner Stelle die Rede.

„Faschistisch“?

Dem Buch wurde vorgeworfen, „faschistisch“ zu sein. Das ist Unfug. Weder wird die Demokratie noch die Gleichberechtigung von Mann und Frau noch sonst etwas derartiges ernsthaft in Frage gestellt. Es wird lediglich der Wunsch formuliert, besonders und sinnvoll zu leben, und nicht langweilig und grau. Das ist zwar elitär und gegen den (derzeit linksliberalen) Zeitgeist, aber nur deshalb, weil es schon immer so war, dass sich nur wenige Menschen solche Gedanken machen. In diesem Sinne ist auch jeder Linksintellektuelle elitär. – Vermutlich stammt der Vorwurf daher, dass Simon Strauß der Sohn von Botho Strauß ist, und sich sprachliche und thematische Parallelen zwischen den Werken beider entdecken lassen. Aber auch Botho Strauß war kein „Faschist“, sondern wurde nur als solcher verschrieen.

Konservativ?

Die Idee, durch „Sünden“ zu reifen, ist so ziemlich das Anti-Konservativste, was man sich ausdenken kann. Nein, dieses Buch ist nicht konservativ. Man könnte lediglich die Fragestellung, von der das Buch ausgeht, und die Respektlosigkeit vor dem linksliberalen Zeitgeist, die sich in einigen Passagen zeigt, als konservativ bezeichnen. Diese Punkte sind auch das einzig Gute an diesem Buch.

Visionsloser Trotz und stilles Einverständnis mit der Langweiligkeit des Mainstream

In Wahrheit bleibt der Autor dieses Buches selbst noch in seinem Widerstand gegen den Zeitgeist in demselben gefangen. Es ist nämlich sehr linksliberal gedacht, dass man durch „sündigen“ reift, denn „sündigen“ ist der Inbegriff der Überschreitung von Verboten, die eine konservative Autorität angeblich deshalb aufgestellt hat, um die Menschen wie Kinder zu halten. Es ist sehr linksliberal gedacht, Ehe, Familie, und Beruf grau in grau zu sehen: Die Familie als die „Agentur der kapitalistischen Konsumgesellschaft“, der Beruf als willenlose Knechtschaft im Dienste des Kapitalismus. Es ist sehr linksliberal gedacht, Sex wie einen Schluck Wasser zu konsumieren, und Liebe als konservatives Konzept beiseite zu schieben. Diese Stereotypen stecken offenbar tief im Inneren des Autors, und er konnte sich nicht von ihnen lösen, sie nicht überwinden, und nun lehnt er sich wie ein trotziges Kind aufgrund eines unausgegorenen Unbehagens dagegen auf, ohne zu wissen, was er statt dessen eigentlich wollen sollte. Tugendhaftigkeit, Ehe, Familie, Beruf und Liebe will er offenbar nicht, weil er das Abenteuer in ihnen nicht erkennen kann. Und das Thema Religion und Weltanschauung fehlt völlig. Damit würde aber jede echte Kritik am Zeitgeist beginnen müssen.

Am Ende scheint der aufbegehrende Protagonist (bzw. der Autor selbst, wer sonst?) mit dem Schicksal des Dandy sogar ganz zufrieden zu sein. Das wird sehr deutlich in dem einleitende Gedicht, das mit „Dandy, you’re all right“ endet, und im Schlusswort, das sich mit einem gescheiterten Ausbruchsversuch völlig zufrieden gibt. Allzu schnell kehrt man in den grauen Mainstream zurück. Ein echter Ausbruchsversuch war vom Autor offenbar nie geplant. Alles war im Grunde eine Simulation von Ausbruch, die sich als Teil des Mainstream entpuppt. Die Simulation von Widerstand als Initiationsritus in den grauen Erwachsenen-Mainstream. Damit kann man’s dann ganz vergessen. Das ist im Grunde genau das Problem, vor dem der Vater des Autors 1993 im „Anschwellenden Bocksgesang“ gewarnt hatte:

„Heute benutzen Majorität und Minderheit, gleich welcher Sparte, durchweg dasselbe konforme Vokabular der Empörungen und Bedürfnisse. Dem gegenüber werden sich strengere Formen der Abweichung und der Unterbrechung als nötig erweisen; … … … Der Widerstand ist heute schwerer zu haben, der Konformismus ist intelligent, facettenreich, heimtückischer und gefräßiger als vordem, das Gutgemeinte gemeiner als der offene Blödsinn, gegen den man früher Opposition oder Abkehr zeigte.“ – „Dabei: so viele wunderbare Dichter, die noch zu lesen sind – so viel Stoff und Vorbildlichkeit für einen jungen Menschen, um ein Einzelgänger zu werden. Man muß nur wählen können; das einzige, was man braucht, ist der Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream. Ich bin davon überzeugt, daß die magischen Orte der Absonderung, daß ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen für den Erhalt des allgemeinen Verständigungssystems unerläßlich ist. Nicht zuletzt deshalb steht man jetzt vor einer gigantischen Masse an Indifferenz unter den Jugendlichen, weil die politisierte Gesellschaft sich ausschließlich mit korporierten Minderheiten beschäftigt hat und keinerlei Prägemuster für den Einzelgänger zur Verfügung stellte.“

Fazit

Die Langweiligkeit einer aalglatt und zeitgeistig verlebten Jugend zu thematisieren und danach zu fragen, wie man reift und ein besonderes und sinnvolles Leben lebt, ist ein großartiger Ansatz und eine wichtige Fragestellung. Die Ausführung dieses Ansatzes muss jedoch als völlig gescheitert angesehen werden. Insbesondere ist es dem Autor nicht gelungen, wesentliche Irrtümer des Zeitgeistes zu überwinden. Schlimmer noch: Der Autor scheint eine Überwindung des aalglatten Lebens in Wahrheit gar nicht anzustreben, sondern sich mit einer vorübergehenden Simulation von Widerstand zufrieden zu geben, die in Wahrheit auch nur Teil des Mainstreams ist, den er im Grunde bejaht.

Es bleiben der Ansatz des Buches und einige lesenwerte literarische Miniaturen und zum eigenen Denken anregende Textstücke. Für den Rest gilt: Dandy, you’re NOT all right.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 08. Juni 2019)

Orhan Pamuk: Die weiße Festung (1985)

Nanu? Ein Werk der Gegenaufklärung vom Nobelpreisträger?

Der Plot dieses Büchleins ist denkbar einfach: Ein Italiener gerät im 17. Jahrhundert in die Gefangenschaft eines ihm verblüffend ähnlich sehenden Türken. Sie arbeiten sich aneinander ab und vertauschen am Ende ihre Rollen: Der Türke geht als Italiener nach Italien zurück, der Italiener führt das Leben des Türken in der Türkei fort. Was hätte man aus diesem Plot nicht alles machen können! Aber Orhan Pamuk verschenkt fast jede Chance und verdreht jeden aufklärerischen Ansatz in sein Gegenteil.

Vielleicht war es die Absicht Pamuks, durch den Beweis der Austauschbarkeit von Kulturen und Personen deren Gleichwertigkeit zu beweisen und so einen Grund für ein friedliches Zusammenleben zu geben? Dann hat er gründlich falsch gedacht, denn kulturelle Unterschiede und Defizite kann man nicht zerreden, man kann sie nur aufklären und aufarbeiten. Ohne Aufklärung kann es kein friedliches Miteinander geben.

Es ist erschütternd mit anzusehen, wie Pamuk die Einzigartigkeit und Individualität der beiden Protagonisten demontiert und die Erkenntnis ihrer Austauschbarkeit preist. Solcher Geist eignet einer Tyrannei, nicht einer freien Gesinnung. Völlig unakzeptabel auch, dass Pamuk die beiden Charaktere losgelöst von ihrem jeweiligen kulturellen Kontext diskutiert. Dass bestimmte Weltanschauungen bestimmte Charaktere hervorbringen, geht bei ihm völlig unter. Überhaupt kommen die Themen Kultur und Religion nur ganz am Rande vor. Islam und Christentum sind bei Pamuk zu zwei anonymen Kulturen X und Y reduziert. Das ist bedauerlich, weil Pamuk sich so vor Antworten auf die spezifischen Probleme von Christentum und Islam drückt. Schlimmer noch: Er suggeriert, als gäbe es solche Probleme überhaupt nicht, als seien Christentum und Islam letztlich unterschiedslos und austauschbar wie seine beiden Protagonisten.

Wenn das Stück eine lehrreiche Parabel auf die Gegenwart hätte sein sollen, dann hätte der Westen zudem nicht auf das Christentum reduziert werden dürfen. Dem allgemein verbreiteten Irrtum, dem Islam stünde mit dem Westen letztlich das Christentum gegenüber, hätte entschieden entgegengewirkt werden müssen. Der Westen definiert sich vor allem über Aufklärung, Demokratie und Philosophie, nicht über Religion. Doch die griechische Philosophie, die Urquelle des westlichen Geistes, findet in Pamuks Werk nur als ein unnützes Gedankenspiel für „neunmalkluge Narren“ (sic!) seinen Platz (S. 197 f.).

Bezeichnend auch, dass als einzige Errungenschaften der westlichen Welt technische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse angesprochen werden. Politische, gesellschaftliche und soziale Errungenschaften bleiben mit einer erschreckenden Systematik unerwähnt, um nicht zu sagen: verschwiegen.

Pamuk pflegt einen sehr langsamen Schreibstil. Selten plätschert eine Geschichte so zäh und mühsam vor den Augen des Lesers dahin. Es treten einem beim Lesen förmlich die Schweißperlen der schwülen Mittagshitze eines Serails aufs Gesicht. Man mag es kaum glauben, dass dies nur ein dünnes Taschenbuch sein soll, es zieht sich endlos. Auch atmosphärisch hat sich Pamuk also in der schwülen Enge eines kleinen Geistes verfangen.

Fazit

Welcher Teufel Orhan Pamuk auch immer geritten haben mag: Für dieses Machwerk hat er seinen Nobelpreis jedenfalls nicht verdient. Wenn alle seine Werke diesem Schema folgen sollten, dann überhaupt nicht, dann hätte das Nobel-Komitee wieder einmal einen seiner bekannten Fehlgriffe getan.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 13. Mai 2008; dort offenbar verschwunden)

Marc-Antoine Mathieu: Gott höchstselbst (2009)

Gelungene Groteske über Gottes Besuch auf Erden

In „Gott höchstselbst“ spielt Marc-Antoine Mathieu den Gedanken durch, was wohl wäre, wenn Gott sich (nach höchst traditioneller Vorstellung) als alter Mann mit langem Bart auf Erden blicken lassen würde. Der Cartoon spießt nicht nur die theologischen bzw. philosophischen Probleme dieser Absurdität gekonnt auf, sondern entlarvt anhand der Reaktionen der Menschen auf das Ereignis deren allzu menschliche Menschlichkeit. Eingebaut ist auch eine subtile Reminiszenz an die Episode mit dem Computer Deep Thought und der Antwort „42“ auf die Frage nach dem Universum, dem Leben und überhaupt allem in „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ von Douglas Adams.

Die Zeichnungen sind ästhetisch ansprechend und nicht überladen, wechseln häufig in origineller Weise die Perspektive des Betrachters, und beleben die Story durch überraschende Übergänge.

Leider kann dieser Cartoon keine Lösung für die aufgeworfenen Fragen anbieten. Die großen (bekannten) Fragen werden zwar alle angerissen, aber nirgendwo wirklich weitergeführt. Damit bleibt am Ende nur die Groteske in der Erinnerung des Lesers zurück. Das ist ein wenig schade. Die Groteske ist aber gelungen. Wer sich noch nicht allzu sehr mit den Fragen rund um Gott befasst hat, könnte es auch als Anregung und Einstieg in weiteres Nachdenken begreifen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 15. April 2019)

Norbert Bolz: Das Wissen der Religion – Betrachtungen eines religiös Unmusikalischen (2008)

Allzu plumpe Religionsverneinung ist auch nicht rational

Sprache und Stil: Bolz spricht teilweise nicht sachlich und begründend, sondern in mythischer Sprache, in Andeutungen oder schwärmerisch. Auf diese Weise wird manches Richtige, was er zum Ausdruck bringen will, beschädigt. Bolz „raunt“ häufig, wie man es aus religiös motivierten Texten unserer Tage her nur allzu gut kennt; das kommt beim skeptischen Leser gar nicht gut an.

Geistesgeschichte überbewertet: Es ist ja richtig, dass Bolz die Geistesgeschichte anführt, um die allgemeinen Denkstrukturen der Gesellschaft kenntlich zu machen. Aber als Grund und Maßstab für das eigene Denken kann die Geistesgeschichte nicht dienen. Ich persönlich glaube doch nicht an x, nur weil sich x in der Gesellschaft als Denken entwickelt hat oder so und so bewährt hat. Etwas muss für mich ganz allein wahr sein, nicht allgemein oder bewährt, damit man es glauben kann. Diese persönliche, existentielle Perspektive kommt bei Bolz oft zu kurz.

Religion und Metaphysik werden bei Bolz nicht sauber unterschieden. Manches wäre richtig, wenn man es auf eine philosophische Metaphysik bezöge. Aber wenn man denselben Gedanken mit Religion statt Metaphysik formulliert, dann macht man eine viel zu weitgehende Aussage.

Alles in allem ein anregendes, aber über weite Strecken auch schwierig geschriebenes und deshalb anstrengend zu lesendes Buch, das gute Gedanken nicht sauber genug darlegt und eine viel zu große Nähe zur Religion pflegt; wer sich noch nie mit dieser Perspektive beschäftigt hat, sollte es lesen, aber die Wahrheit ist jenseits von Bolz und seinen Gegnern zu finden: Zwischen allen Stühlen.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 26. Februar 2012)

Theodor Gomperz: Griechische Denker – Eine Geschichte der Antiken Philosophie (1896-1909)

Aufklärung über die Aufklärung anhand der griechischen Aufklärung

Das Werk

Obwohl Gomperz‘ dreibändiges Werk über die „Griechischen Denker“ in den Jahren 1896-1909 veröffentlich wurde, ist es dennoch erstaunlich modern: Der Grund dafür ist, dass der Verfasser politisch-weltanschaulich ein klassischer Liberaler war, der auch mit den neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit bestens vertraut war, die bis heute die Grundlage unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes bilden: Evolutionstheorie, Psychologie, Religionskritik, Ethnologie, Ökonomie, Atomphysik und Astrophysik, bis hin zu den Gedanken, dass hinter den Atomen noch kleinere Teilchen stehen könnten oder dass es im Weltraum noch andere Planeten mit Leben geben müsste. Teilweise stand der Autor mit den Vordenkern der Moderne in persönlichem Kontakt, etwa mit Sigmund Freud oder dem Physiker Ernst Mach. Aber auch unter historisch-kritischen Gesichtspunkten ist Gomperz immer noch modern genug: Eine gläubige Verklärung der Antike findet sich bei ihm nicht, auch wenn er noch nicht jede Hinterfragung kennt, von der wir heute, 100 Jahre später, wissen.

Das Werk nimmt mit seiner Eindringtiefe in den behandelten Stoff eine Mittelstellung zwischen kurzer Einführung und tiefgehender Einzelabhandlung ein. Dadurch kann Gomperz etwas bieten, was es heute so nicht mehr gibt: Neben der Behandlung der großen und bekannten Denker wie Demokrit, Platon oder Aristoteles, geht Gomperz einerseits auch auf viele „kleinere“ Denker ein, von denen man sonst eher selten liest, so z.B. die Megariker, die Kyrenaiker und die Kyniker, oder Theophrast und Straton. Andererseits kann Gomperz so viel besser die Entwicklungszusammenhänge zwischen den Denkern aufzeigen, so z.B. die Einteilung der Vorsokratiker in die Ionischen Naturphilosophen, die Eleaten und spätere komplexere Denker, oder die Entstehung der Stoiker und Epikureer aus den Kynikern und Kyrenaikern, über die man nur selten liest. Gomperz breitet den ganzen Horizont vor seinen Lesern aus: Nicht nur Philosophen im engeren Sinne, sondern das ganze geistige Umfeld wird erfasst: Er beginnt mit Religion und Mythos, und vergisst nicht den wesentlichen Einfluss von Dichtern und Geschichtsschreibern. Gleichzeitig verliert sich Gomperz aber auch nicht in Teilproblemen, wie dies Spezialabhandlungen tun. Gomperz geht teilweise recht tief, bleibt dabei aber doch immer klar.

Gomperz bringt die Dinge auf den Punkt, und zwar ihren eigenen Punkt. Wo andere eher beschreiben als erklären, oder ihre moderne Ideologie in der antiken Philosophie wieder entdecken wollen, dort ist Gomperz ein Meister in der Kunst, den entscheidenden Punkt, die innere Motivation, die tiefere Triebkraft herauszuarbeiten, die hinter den antiken Entwicklungen steht. So erst werden Inhalte und Entwicklungen der antiken Philosophie wirklich verständlich.

Wer Gomperz lesen will, muss vor allem Geduld und Konzentration mitbringen. Pausen empfehlen sich. Notizen ebenfalls. Man wird später auch immer wieder noch einmal nachlesen, was Gomperz sagte, und dabei immer noch neues entdecken. Man hätte sich eine bessere Gliederung des Stoffes in einer Hierarchie von Unterkapiteln wünschen können, um dadurch einenn besseren Überblick und eine mnemotechnisch nützliche Wissensordnung zu haben. Besonders ungünstig ist die Kapiteleinteilung im dritten Band, aber auch im ersten Band ist z.B. das Kapitel über Demokrit und die Atomlehre ungünstig gehalten. Die Sätze sind manchmal etwas verwickelt und altertümlich, hier hilft lautes Lesen.

Der Inhalt

Das Hauptthema der Antike ist natürlich der Prozess der Aufklärung und die Gewordenheit unserer heutigen geistigen Welt. Gomperz weiß noch ganz genau, warum die Beschäftigung mit der Antike so wichtig ist, während der Zeitgeist uns weismachen will, die Antike sei von gestern.

Gomperz legt aber nicht nur die Entwicklung der Aufklärung in der Antike dar, sondern zeigt ständig die Zusammenhänge und Parallelen zur modernen Aufklärung und Wissenschaft auf. Er erklärt anhand der Antike die aufklärerischen Prinzipien von philosophischem und wissenschaftlichem Denken im allgemeinen, so dass der der Leser nicht nur die Schritte der Aufklärung der griechischen Denker kennenlernt, sondern auch selbst Schritt für Schritt aufgeklärt wird.

Man kann mit Fug und Recht sagen: Bei Gomperz lernt man das Denken selbst. Dazu gehört nicht nur exakte Berechnung und konsequente Logik, sondern vor allem auch die Fähigkeit der richtigen Einschätzung. Die Kunst des Abwägens. Das Maß der Erkenntnis. Das richtige Interpretieren anhand von Indizien. Man lernt auch, wie Dinge sich entwickeln, und dass vieles nur schrittweise voran geht, dass auch Irrwege nützlich sein können, usw.

Aus heutiger Sicht ist Gomperz erfrischend vernünftig und unideologisch. Die Lektüre dieser 100 Jahre alten Abhandlung ist eine wahre Labsal für die vom Zeitgeist geplagte Vernunft. Gomperz hat in vielen Punkten den richtigen, differenzierten Ansatz, er trifft an den entscheidenden Weggabelungen der Erkenntnis die richtigen Entscheidungen, während ein irriger Zeitgeist die falschen Abzweigungen nimmt und eine schiefe Ideologie entwickelt.

Die Sophisten werden von Gomperz korrekt als eine Stufe des Fortschreitens der Aufklärung gesehen; man darf dabei nur nicht vergessen, dass Sokrates die nächste, höhere Stufe ist: Nach der De-konstruktion kommt die Re-konstruktion. – Bei Platon ist Gomperz ungewöhnlich kritisch: Fast schon respektlos kritisiert er Platon als einen Denker des Absoluten, der in seiner absoluten Präzision oft genug absolut falsch lag. Auch wenn Gomperz hier nicht immer Platons Genialität voll erfasst hat, so ist sein respektlos kritischer Ansatz berechtigt und anregend. – Platon wird bei Gomperz einseitig Demokratie-kritisch und Tyrannen-freundlich gesehen. Hier und in anderen Punkten erliegt Gomperz dem Geist seiner Zeit. – Aristoteles erscheint bei Gomperz als ein Ausbund an Inkonsequenz und kompromisslerischem Pragmatismus. Was für die Philosophie im engeren Sinne eher fragwürdig ist, hat sich für Politik und Wissenschaft jedoch als Segen erwiesen: Hier hat Aristoteles mehr Erfolge bewirkt als Platon. Im letzten dürften sich beide Ansätze jedoch in der Mitte treffen, zumal Platon in den Nomoi bereits den Weg hin zu mehr Pragmatismus zu gehen begonnen hatte, und Aristoteles nicht zufällig ein Schüler Platons war. Diese Erkenntnis deutet sich bei Gomperz an, wird jedoch nicht in dieser Klarheit formuliert.

Der Autor

Erschreckend ist es zu lesen, wie Gomperz kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Auffassung vertritt, die Staaten Europas seien auf einem guten Wege des Friedens, der Freiheit und des Wohlstandes, und würden immer enger zusammenrücken; Krieg sei undenkbar geworden. Im Sinne des „Zauberberges“ von Thomas Mann ist Gomperz ein wahrer „Settembrini“, ein durchaus sympathischer aber vielleicht doch allzu optimistischer klassischer Liberaler mit etwas zu wenig Einfühlungsvermögen in das „absolute“ Denken Platons. Da es aber besser so als andersherum ist, verzeiht man ihm diese Schwäche gern.

Wer ein vernünftiges, rundes, schönes, klares, erhellendes, bildungsbürgerliches, vollständiges, gutes, menschenfreundliches Buch über die antiken Denker lesen möchte, das nicht angekränkelt ist von den Irrtümern unserer Zeit, sondern wesentliche und richtige zeitlose Einsichten als Basis für eigenes Weiterdenken vermittelt, der ist mit den „Griechischen Denkern“ von Gomperz bestens bedient. Sicher eines der Bücher, die man gelesen haben sollte.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 23. Juni 2013)

Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834)

Anregende und wirkmächtige Geistesgeschichte Deutschlands

Heinrich Heines „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ von 1834/5 ist aus mehreren Gründen absolut lesenswert: Zum einen, weil es eine sehr persönliche Sicht auf den Verlauf der Geistesgeschichte in Deutschland bietet, die durch Ehrlichkeit, Individualität und Offenheit überzeugt. Hier geht es nicht darum, Objektivität vorzutäuschen, sondern hier sagt jemand seine Meinung, und der Leser ist zum Selberdenken aufgefordert. Auch dort, wo man die Darstellung für zu oberflächlich und einseitig hält, hat Heine doch immer einen guten Punkt getroffen. Heine hat hier einige Einsichten mit Worten geprägt, die fast zu Sprichworten geworden sind.

Zum anderen sollte man dieses Buch deshalb lesen, weil es von vielen gelesen wurde, und ein Bild der deutschen Geistesgeschichte erzeugt hat, das von vielen geteilt wird. Auch und gerade, weil es auch Fehler hat, sollte man um die Wirkmächtigkeit dieser Irrtümer wissen. Schließlich ist Heines Werk aber auch ein Zeitdokument, das einem die Augen öffnet, wie die Dinge in den damaligen Zeiten gelaufen sind – und wie sie wohl zu allen Zeiten laufen bzw. laufen könnten.

Für Heinrich Heine mündet die Reihe Kant, Fichte, Schelling, Hegel in Pantheismus, in „Naturphilosophie“. Im Pantheismus, in der Romantik, lebt auch das alte Germanentum wieder auf, während die Juden als „Schweizergarde des Deismus“ nicht in das pantheistische Bild passen. Heine weiß, dass in der Naturphilosophie auch Gefahren liegen: Das Wiederaufleben der „Berserkerwut“ des Germanentums aus „tausendjährigem Schlummer“. Man meint, eine Prophezeiung auf Marx und Hitler zu lesen.

Hier gibt es eigentlich keinen Grund für Optimismus und Fortschrittsglaube. Es ist unverständlich, wie Heine den Gang der Geistesgeschichte einschließlich ihrer Gefahren so beschreiben kann, aber dann relativ optimistisch dabei ist. Heine hätte hier die Frage nach einer besseren Alternative stellen müssen. Aber das tut er nicht. Heine scheint vielmehr im Ganzen recht einverstanden zu sein mit der „Naturphilosophie“. Die Gefahren scheint er nicht ernst zu nehmen.

In diesen Zusammenhang muss wohl auch die Aussage Heines eingeordnet werden, dass er das Christentum selbst dann noch erhalten wollte, wenn der Glaube geschwunden ist. Das ist eine sehr unphilosophische Aussage. Hier wird deutlich, dass Heine selbst kein ganz klarer Kopf ist. An anderer Stelle äußert er, wie ihm unwohl ist, wenn Kant Gott seziert; damit zeigt er eine unphilosophische Religiosität. Von diesem Punkt aus lassen sich Heines Irrtümer und Fehlurteile verstehen.

Hierher gehört wohl auch, dass Heine seinen eigenen Fortschrittsoptimismus ein wenig relativiert, ohne ihn im Kern zu hinterfragen. Man kann sicher sein, dass Heine vor ideologischem Handeln und Fanatismus zurückgeschreckt wäre. Aber Heine mäßigt seinen Optimismus nur, statt dass er ihn grundsätzlich hinterfragt. Auch hier wird die Gefahr von Heine gesehen, aber kleingeredet. Eine bessere Alternative zum naiven Fortschrittsoptimismus wird nicht gegeben. Heine ist ganz offenkundig fasziniert von dem Neuen und will daran nur das vermeintlich Gute sehen. Heinrich Heine ist einer der ersten, die die Greuel von Kommunismus und Nationalsozialismus vor lauter Faszination nicht sehen wollten – wenn auch nur auf einer theoretischen Ebene.

Die Aufgabe des modernen Lesers ist es, sich dieser Faszination Heinrich Heines zu entziehen, und bessere Alternativen zu suchen.

Interessant die Aussagen über das deutsche Wesen: Methodisch, gründlich, langsam, auch im Hass, und mit einer Wirkung aufgrund der Gedankentiefe, die die Welt erschüttern wird. Die Deutschen sind generell langsam, wenn sie aber einmal eine Bahn eingeschlagen haben, verfolgen sie diese bis zum Ende.

Ein Irrtum ist u.a. die Auffassung, dass es eines Luthers bedarf, um etwas zu bewegen, und dass ein Erasmus und Melanchthon es allein nicht geschafft hätten. Denn Heine selbst spricht später davon, dass Kant und seine Nachfolger eine Wirkung entfalten würden, gegen die die französische Revolution nichts sei.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. August 2014)

Philipp Melanchthon: Glaube und Bildung – Texte zum christlichen Humanismus (16. Jhdt.)

Absolut lesenswertes Zeugnis eines wahren Humanismus

Philipp Melanchthon war ein in der Wolle gefärbter Humanist, der von Martin Luther sofort als Denker entdeckt wurde. Während Luthers Reformation, die von dem führenden Humanisten Erasmus von Rotterdam mit Recht als zu radikal abgelehnt wurde, stand Melanchthon unter dem teils ungünstigen Einfluss von Martin Luther und lehnte z.B. die Philosophie als schädlich ab. Melanchthon war unbestritten der eigentliche Denker der Reformation, während Luther eher der Macher war. Nach Luthers Tod befreite sich Melanchthon innerlich von Luthers Radikalität und gelangte wieder zu moderateren Auffassungen in bezug auf Philosophie und Religion.

Melanchthon hat zweifelsohne viel für die Verbreitung der humanistischen Bildung getan, und seine Schriften über Bildung sind eine wahre Wohltat in unserer heutigen Zeit. Dort liest man noch, wie die Sprache den Geist bestimmt, wie Sprache gebildet werden muss, um den Menschen zu bilden, dass die Bildung „aus der Hand kommt“, dass der Mensch erst durch eigenes Schreiben so richtig gebildet wird.

Das Verhältnis von Philosophie und Religion bestimmt Melanchthon – anders als zur Zeit Luthers – positiv: Philosophie und Glaube betreffen verschiedene Erkenntniswege, die sich nicht gegenseitig behindern, sondern ergänzen. Es gibt nichts, wovor die Philosophie Halt machen sollte. Nur wo die Philosophie glaubt, ohne die Religion auskommen zu können, setzt Melanchthon der Philosophie eine Grenze. Mehr kann man von einem religiösen Menschen eigentlich nicht verlangen.

Die Schule ist für Melanchthon das Abbild des Goldenen Zeitalters, der Ort des Lehrens und Lernens als heilige Tätigkeit unter philosophischen Geistern. Die griechische Sprache wird über alles gelobt. Alles in allem hat sich Philipp Melanchthon seinen Ehrentitel „Praeceptor Germaniae“, d.h. Lehrer Deutschlands, redlich verdient.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 31. Januar 2014)

Noah Gordon: Der Medicus (1986)

Genre-prägender Mittelalterschinken, aber ganz gut

Wie so viele Mittelalterschinken greift der Roman „Der Medicus“ in die Vollen und beschreibt das Mittelalter so, wie man es sich eben vorstellt, und weniger, wie es wirklich war. Es geht deftig zu, Religion und Unwissenheit spielen eine Rolle, und den Protagonisten bleibt kein Schicksal erspart, doch am Ende enden sie halbwegs glücklich und um viele Erfahrungen reicher.

Dennoch gehört „Der Medicus“ zu den besseren Werken dieser Gattung. Vielleicht wurde hier manches noch besser gemacht als bei späteren Werken, weil das Genre mit diesem Roman erst richtig geprägt wurde.

Das unangenehm Deftige ebbt nach einem furiosen Anfang ab, und macht einigen interessanten Beschreibungen von Judentum und persischem Heilwesen Platz. Das Thema Islam wird noch völlig unaufgeregt gehandhabt. Der ganze Roman erscheint ehrlicher, frischer, und weniger konstruiert, als jene Romane, die in seiner Nachfolge erschienen. Nicht zufällig liest sich dieses dicke Buch flott von der Leber weg.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 06. November 2013)

Thomas Paine: The Age of Reason (1794/95/1807)

Amazingly modern criticism of religion in the age of the Enlightenment

Thomas Paine presented with „Age of Reason“ a criticism of Christianity which is based upon inconsistencies and other problems within the Bible. Here, 200 years before the development of „historical criticism“, Thomas Paine puts forward amazingly modern arguments. Furthermore, Thomas Paine rises some philosophic arguments of greater depth: First, that reason and abstract thinking is the way to real truth (he compares the truth of Euclid’s elements to the truth of the Bible!), then, that morals is based in ourselves, and not in beliefs from books. Immanuel Kant is not far from this.

Thomas Paine does not only criticise Christianity but every other religion, too. And what is more, he presents an alternative: Deism, the belief in one god based on the true word of god which is for Thomas Paine the creation itself, and science to read in this „book“.

Unfortunately, Thomas Paine is too angry and disrespectful towards believers and priests. He fails to realize their psychology and thus, the book is valuable more for ex-believers than for for believers still to be convinced. Especially the realization, that historical criticism does not necessarily lead to a full devaluation of a religion but rather to its reform and renewal based on reason, is totally absent in his book.

The edition of Cosimo Classics is terrible: All the footnotes are incorporated into the fluent text, they are no footnotes any more! Every other page you have to think about, where your sentence stops, a footnote suddenly begins, and where your sentence continues! This is modern computerized book publishing as it should not be!

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 17. August 2013)

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