Schlagwort: Trauer

Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft (2018)

Unausgeführte literarische Versuche, die kein Ganzes ergeben, und wenig hell sind

Dieses Buch ist ein Torso. Es hat lauter unzusammenhängende Kleinigkeiten darin, die literarisch oder inhaltlich von Wert sind: Zunächst ein endloser psychedelischer Strom von Assoziationen und Rückblenden, teilweise im Suff. Dann die literarische Gestaltung des Redens im Suff (Marmeladow in Dostojewskis Schuld und Sühne bleibt aber unerreicht). Sehr interessant die Idee, dass die Sprache durch ihren Klang Trost und Sicherheit spendet, und weniger durch ihre Inhalte. In diesem Sinne könnte der psychedelische Strom von Assoziationen in diesem Buch als beruhigendes Dauermurmeln für den Leser interpretiert werden.

Inhaltlich werden zahllose aktuelle Themen angerissen, insbesondere in der Oberflächlickeit des Suffs, aber dann bekommen die Themen häufig doch noch einen Drive in größere Tiefe. Aber immer nur angedeutet. Und das ist zu wenig. Die Brüderbeziehung ist hingegen eher klassisch: Auf der einen Seite ein Schwärmer und Idealist, der vieles anfängt und nichts zu Ende bringt, eine verletzliche und empfindliche Natur, die hysterisch auf die Probleme der Welt reagiert, geistig meist an der Oberfläche verbleibt und Küchenphilosophie betreibt, sich schwer in soziale Zusammenhänge einordnet, Erfolg bei den Frauen hat, aber keine dauerhafte Beziehung zustande bringt, und schließlich dem Alkohol verfällt. Auf der anderen Seite der eher nüchterne, rationale Typ, zurückhaltend und deshalb auch robuster, der Dinge zu Ende führt und tiefer in die Gedanken eindringt (z.B. Panpsychismus). Zwei Welten treffen aufeinander. Neu ist das aber nicht.

Schließlich der Tod als Thema. Die Trauer. Die Erinnerung. Die Banalität des Todes. Trost durch den Erzählstrom der Worte, ohne dass es auf Inhalte ankäme. Wie das Gutenachtlied für Kinder. Nein, das ist alles nicht überzeugend. Ich hätte z.B. gerne gehört, ob der Panpsychismus in der Lage ist, Trost zu spenden. Oder ob der Bruder, der sich sein Leben selbst schwer gemacht hatte, sein Leben tapfer und tugendhaft gelebt hat, und ob das Trost spenden kann. Aber nichts davon.

Und all das wird nicht zu einem größeren Ganzen integriert.

An einer Stelle blieb eine Dummheit stehen, die sauer aufstößt. Es geht um die Deutschen unter dem Nationalsozialismus, Zitat: „… die Einwohner jenes Landes in der Mitte des Kontinents, deren Eltern das Zerstören und Töten, das später auch die eigenen Kinder traumatisierte, ja überhaupt erst in Gang gesetzt hatten, durch offene Zustimmung oder mangelnden Widerstand“ (S. 166).

Dass es unzulässig ist, ein ganzes Volk für eine Diktatur in Haft zu nehmen, wusste schon Thukydides, und dass die Athener von dieser Weisheit später abkamen, hatte Thukydides mit großer Klarheit als deutlichstes Zeichen des moralischen Verfalls erkannt. Hinzu kommt die unsägliche Leichtigkeit, mit der es heute üblich geworden ist zu sagen, man hätte bitteschön gefälligst Widerstand leisten sollen, ansonsten wäre man eben schuldig. Ich muss kein Buch gut finden, das mir solche Dummheiten vorsetzt. Die Menschen heute scheitern ja bereits daran, ihre Vereinnahmung durch den Zeitgeist überhaupt zu erkennen, geschweige denn, dass sie Widerstand leisten würden, obwohl man heute dazu weit weniger Mut benötigt, als damals. Bücher sollten ihre Leser aufklären und nicht zur Verwirrung beitragen.

Fazit

Dies ist ist ein Trümmerhaufen von einem Buch. Aus den verkohlten Resten der Ruine kann ein findiger Lumpensammler zwar Kleinigkeiten von Schrottwert herausziehen, mehr aber nicht. Der Titel ist Programm: „Die Überwindung der Schwerkraft“. Ein hehres Versprechen, von dem aber jeder weiß, dass das gar nicht geht. Damit ist dieses Buch völlig programmgemäß an seinem eigenen Anspruch gescheitert.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 17. Juli 2019)

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss (1963)

Gefrieren und Auftauen am Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein

In seinem Roman „Eis-Schloss“ thematisiert Tarje Vesaas den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein anhand einer sehr einfachen Geschichte: Das Mädchen Unn, die soeben Weise geworden ist, zieht zu ihrer Tante neu ins Dorf. Sie sondert sich von den anderen Kindern ab. Nach einer Weile der Zurückhaltung freundet Siss sich mit ihr an. Unn will ihr ein Geheimnis verraten, macht dann jedoch vorläufig einen Rückzieher. Um Siss nicht zu schnell zu nahe zu kommen, schwänzt Unn die Schule und verläuft sich im „Eis-Schloss“, einer bizarren, riesigen Eisstruktur, die sich Jahr für Jahr aufs neue um einen Wasserfall herum bildet. Darin erfriert Unn in trauernder Schönheit, und bleibt verschwunden. Siss verschließt sich daraufhin vor der Welt in kindlich-kindischer Treue zu Unn. Doch irgendwann taut das Eis.

Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenensein ist gekennzeichnet durch ein Sich-Öffnen gegenüber anderen und ein Sich-Lösen von engen, verklemmten Horizonten. Die Phase ist gekennzeichnet von Unsicherheit, Vortasten und Zurückziehen, von Dazugehören und sich Absondern, auch von sturem, kindischem Festklammern an der Kindlichkeit. Das alles wird durch die große Metapher des Eis-Schlosses bezeichnet, durch das Bild vom Gefrieren und Auftauen.

Unn muss sterben, weil sie den Übergang zum Erwachsensein nicht schafft. Sie bleibt in ihrer Trauer über ihre Mutter gefangen, und erstarrt zum Tod im Eis. Für Siss wiederum repräsentiert der Tod Unns den Ernst des Lebens, den sie akzeptieren lernt, und damit den Abschied von der Kindheit schafft.

Der Roman schildert diese Vorgänge äußerst behutsam. Die Dorfgesellschaft ist von homogener Friedlichkeit und sehr rücksichtsvoll. Damit spiegelt der Roman nur bedingt die moderne Gegenwart, die gekennzeichnet ist durch eine politisch und weltanschaulich zerklüftete Gesellschaft und durch Rücksichtslosigkeit. Die zarte Zurückhaltung aller Handelnden bietet keine Identifikation für moderne Phänomene wie individuelle Enthemmtheit auf Kosten der Gemeinschaft, oder bedrohlich beherrschende kollektive Meinungen bzw. den Widerstand des Einzelnen dagegen. Diese Probleme gibt es bei Vesaas nicht. Seine heile Welt ist viel zu idyllisch, und damit aus unserer Zeit gefallen.

Auch die Sprache in diesem Buch ist gefroren und kristallklar wie das Eis-Schloss: In kurzen, knappen Sätzen schildert Vesaas jede Szene, und deutet durch den knappen, hochsymbolischen Stil dabei viel mehr an, als er explizit sagt. In der kalten Klarheit der Sätze liegt paradoxerweise aber auch ein Zartgefühl, das seinesgleichen sucht. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel hat das gut zum Ausdruck gebracht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. Dezember 2019)

Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz (1973)

Ein weises Buch von geradezu mythischer Kraft

Dieses Buch ist ganz anders als andere Bücher von Astrid Lindgren. Weniger lustig. Ernster. Trauriger. Aber auch tröstend. Und unsagbar weise. Zudem Hoffnung und ein gewisses Urvertrauen gebend.

Das Buch erzählt die Geschichte von Krümel, dem kleinen Bruder von Jonathan, der an einer Krankheit jung sterben muss. Zuvor erzählt ihm Jonathan davon, dass man nach dem Tod nach Nangijala gelangt, dem Land der Abenteuer, Sagen und Lagerfeuer. Durch ein Unglück stirbt Jonathan noch vor seinem kleinen Bruder, und beide treffen sich bald im Kirschtal in Nangijala wieder. Doch das Paradies, das sie dort erwartet, entpuppt sich als eine Welt mit Problemen, und ein Abenteuer auf Leben und Tod beginnt. Am Ende stehen beide Brüder wieder vor dem Tod, und Jonathan erzählt von Nangilima, dem Land, in das sie als nächstes kommen werden.

Diese Geschichte erscheint märchenhaft, sie wird aber in einer so einfachen, elementaren und bildkräftigen Weise erzählt, und spricht so elementare Themen an, dass dieses Buch bei aufnahmefähigen Naturen eine geradezu mythische Kraft entfalten kann: Ein Gewinnen von Erkenntnissen über die Welt und sich selbst, was Realismus und den „kleinen“ Mut fördert, und eine Hoffnung und ein Urvertrauen, dass es Unglück, Versagen, Verlust, Scheitern und Tod geben kann, dass dies aber dennoch nicht das Ende sein muss – durch mythischen Mitvollzug und Aufgehen in der Geschichte.

Auch ich habe es nach Jahrzehnten noch einmal als Erwachsener gelesen, wie so viele hier, und war gerührt und überrascht, wieviel darin steckt, wieviel man daraus mitgenommen hatte. Ein erstaunliches Phänomen.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 22. Juli 2018)