Schlagwort: Adolf Hitler

Uwe Neumahr: Das Schloss der Schiftsteller – Nürnberg ’46 – Treffen am Abgrund (2023)

Der Prozess, die Journalisten und die Frage nach der Schuld der Deutschen

Uwe Neumahr hat ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit geschrieben. Das eigentlich Interessante des Buches ist aber gar nicht der Nürnberger Prozess und das Presselager im Faber-Schloss. Dieses vordergründige Thema wird sehr ordentlich abgearbeitet. Nach einem Überblicksartikel zum Presselager folgen weitere Kapitel, die jeweils eine Journalistenpersönlichkeit und parallel dazu den Fortschritt des Prozesses besprechen. Dieses Darstellungsverfahren ist recht gut gelungen.

Der Prozess

Die Beschaffung von Beweisdokumenten war offenbar besonders schwierig, da viele Akten vernichtet oder in Bombenkellern ausgelagert waren. Manche Unterlagen waren auch im sowjetisch besetzten Teil Europas und damit praktisch unzugänglich. Es galt die Regel, dass alle Beweisdokumente vollständig vorgelesen werden mussten, was den Prozess langwierig und langweilig machte. Der Nürnberger Prozess war auch eines der ersten Großereignisse, die simultan gedolmetscht wurden. Die Organisation der Dolmetscher ist ein Thema für sich in diesem Buch.

Wir begegnen den Angeklagten: Vor allem Göring, der arrogant auftritt und alle Schuld von sich weist. Allen Ernstes sagte er, dass Hitler und er keine Ahnung gehabt hätten, wie wörtlich die SS den Befehl zur Endlösung nahm. Der US-Chefankläger scheitert schließlich an der Chuzpe von Göring. Dann der überzeugte Nazi Otto Ohlendorf, der als Führer von Einsatzgruppen hinter der Front rund 90.000 Menschen ermordete. Rudolf Hess blieb verschlossen und wurde teilweise für verrückt gehalten. Er bereute nichts. Der Hitlerjugendführer Baldur von Schirach fiel bei Hitler in Ungnade, weil er sich Juden und Osteuropäern gegenüber zu milde zeigte. Schirach behauptete, er habe keine Ahnung von den Vorgängen in den Lagern gehabt: Bei einem Besuch in einem Lager sei ihm ein Potemkinsches Dorf vorgeführt worden. Beobachter des Prozesses, die selbst in einem NS-Lager einsaßen, bestätigen, dass das tatsächlich der Fall gewesen sein könnte. Auch das Rote Kreuz wurde auf diese Weise getäuscht. Albert Speer schließlich bekam mildernde Umstände, weil er einer der wenigen war, der Hitler offen sagte, dass der Krieg verloren war und der Maßnahmen gegen die sinnlose Vernichtung von Produktionsstätten ergriff.

Am 29.11.1945 wurde im Prozess der Film „Nazi-Konzentrationslager“ vorgeführt, der drastische Bilder zeigte. Um die Reaktion der Angeklagten beobachten zu können, wurden die Anklagebänke während der Vorführung beleuchtet. Alle zeigten sich schockiert.

Im Verhör der Zeugen sticht die Person des österreichischen Generals Erwin von Lahousen heraus, der als Mitarbeiter von Canaris dem Widerstand angehörte und einer der wenigen Überlebenden des Widerstandes war. Lahousen legt als einziger umfassend und glaubwürdig Zeugnis ab von den verbrecherischen Vorgängen in der NS-Staatsführung. Zeuge ist auch Joseph Diels, ein wahrer Fouché in der Zeit des Nationalsozialismus, der aus Opportunismus 1933-36 Gestapochef wurde, bevor man ihn wegen Kompetenzstreitigkeiten wieder absetzte.

Alle Verhöre des Nürnberger Prozesses können auf Youtube im Original angehört werden. Unbesprochen bleibt die Zeugenaussage von Rudolf Höß, dem Lagerleiter von Auschwitz, der genau beschreibt, mit welchen Maßnahmen die Vernichtung der Juden geheim gehalten wurde.

Am Rande erfahren wir, dass Graf Roland Faber, in dessen Schloss das Presselager untergebracht war, kein Nazi war. Er verweigerte sogar die Erschießung von Juden. Seine Ehefrau Alix-May wurde als jüdisch angefeindet, da sie der Bankiersfamilie Oppenheim entstammte. Die zweite Ehefrau von Faber, Katharina, stammte aus der Familie Sprecher von Bernegg aus der Schweiz, wo es deutlich rechtslastige Bezüge gab. Mit Joseph Diels ging sie eine Affäre ein. – Bei einer Begegnung mit Willy Brandt verharmloste die Herzogin von Sachsen-Coburg ihren Ehemann Carl Eduard Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha (1884-1954), obwohl er ein Wegbereiter Hitlers war: Ab 1929 unterstützte er die NSDAP offen, rief 1932 zur Wahl Hitlers statt Hindenburgs zum Reichspräsidenten auf, und trat 1933 in die NSDAP ein. Seine Mitgliedschaft verlieh der Partei Ansehen auch im Ausland, er übernahm zahlreiche Ehrenämter im NS-Staat.

Einige der Journalisten beim Nürnberger Prozess sind auch unabhängig davon berühmte Persönlichkeiten, so z.B. Ernest Hemingway, Willy Brandt oder Markus Wolf. Es ist spannend, sie unter der Perspektive des Nürnberger Prozesses zu betrachten. Ein Nebenthema ist die Emanzipation der Frau zur damaligen Zeit, denn einige der Journalisten waren Frauen.

Die Schuldfrage

Die Frage nach der Schuld der Deutschen ist das heimliche Hauptthema des Buches. Denn alle diese Journalisten und Schriftsteller, Richter und Ankläger, Beobachter und Kommentatoren hatten eine Meinung zu diesem Thema. Immer wieder kommt das Buch auf diese Frage zurück, und es ist extrem spannend zu sehen, wer aus welchen Gründen welche These zur Schuld der Deutschen vertrat.

Dieses Thema ist hochaktuell und von größter Wichtigkeit. Denn noch immer hadern die Deutschen mit dem Nationalsozialismus. Noch immer wird dieses Thema für politische Zwecke missbraucht, meistens von Links, oder allzu schnell abgetan, meistens von Rechts. Die Aufarbeitung dieser Vergangenheit hat schweren Schaden genommen, denn sie hat sich einseitig entwickelt und hat selbstzerstörerische Züge angenommen.

Ulf Poschardt stellt in seinem 2025 erschienenen Buch „Shitbürgertum“ die Diagnose, dass das Unwesen des linken Shitbürgertums seinen Anfang bei Menschen nahm, die im Nationalsozialismus schuldig geworden waren und sich nach dem Krieg in heuchlerischer Weise zu moralischen Instanzen in Sachen Nationalsozialismus aufschwangen und ihre Mitmenschen mit dem Schuldvorwurf drangsalierten. Das vorliegende Buch gibt dem Leser eine hervorragende Gelegenheit, diese Schuldfrage noch einmal ganz frisch zu durchdenken, und zwar anhand der Meinungen, die unmittelbar nach 1945 existierten.

Sachfehler

Auf S. 37 wird Göring als „zweiter Mann im Führerstaat“ bezeichnet. Das ist falsch. Der zweite Mann nach Hitler war eindeutig Goebbels, und nach Goebbels Himmler. Von Göring witzelte die deutsche Bevölkerung, dass er gar nicht kapieren würde, was Hitler will.

Auf S. 117 heißt es, Wilhelm Emanuel Süskind, der Vater des Bestsellerautors Patrick Süskind, hätte eine Schuld der Vielen abgelehnt, wohl auch, um seine eigene Identität nicht hinterfragen zu müssen. Das ist unlogisch. Als Verstrickter, der er war, hätte es genau umgekehrt sein müssen.

Auf S. 229 heißt es, US-Soldaten hätten in Dachau eine Wachmannschaft erschossen, die nur als Ersatzmannschaft vor Ort war und gar nicht verantwortlich für die Zustände im Lager war. Dazu scheint es eine Debatte zu geben, die vom Autor nicht genügend berücksichtigt wird.

Fazit

Ein sehr lesenswertes Buch, das sein Thema nicht nur ordentlich aufarbeitet, sondern darüber hinaus eine hervorragende Gelegenheit bietet, die Frage nach der Schuld der Deutschen neu zu durchdenken.

Notizen: Pro und Contra Kollektivschuldthese

Im folgenden eine notizenhafte Auflistung der im Buch genannten Personen, sortiert nach ihrer Meinung zur Kollektivschuld der Deutschen – Pro, Contra, Weder-Noch – mit einigen Anmerkungen zu ihrer Rolle und ihren Motiven. Einige der aufgelisteten Personen werden im Buch nicht besprochen, sollen hier aber dennoch notizenhaft mit vermerkt sein, da die Lektüre dieses Buches auf sie stoßen ließ.

Die Positionen pro und contra Kollektivschuld wurden damals auch unter der Überschrift „Ein-Deutschland-These“ und „Zwei-Deutschland-These“ diskutiert (S. 96). Während die „Ein-Deutschland-These“ alle Deutschen in einen Topf warf (Kollektivschuld), ging die „Zwei-Deutschland-These“ davon aus, dass im nationalsozialistischen Deutschland nicht alle Deutschen Anhänger des Nationalsozialismus waren.

-1- Pro Kollektivschuld

Die Alliierten Besatzer:
Diese gingen zumindest implizit von einer Kollektivschuld aus. Das folgt indirekt aus der Absicht zu einer Re-education der Deutschen: Denn eine solche Re-education auf breiter Front war natürlich nur nötig, wenn das Volk als solches schuldig geworden war (S. 96). Man ging davon aus, dass der deutsche Nationalcharakter einen Gegensatz zur Freiheit bildet; General Lucius D. Clay, 1947 bis 1949 US-Militärgouverneur in Deutschland, der von allzu großer Härte gegenüber den Deutschen abriet, wollte die amerikanische Kultur in Deutschland implementieren, um den deutschen Geist zu befreien (S. 99). Überall wurde der Film „Die Todesmühlen“ gezeigt (S. 103). Überall hingen Plakate mit dem Text: „Diese Schandtaten: Eure Schuld!“ (S. 241) Erst am 18.05.1947 kam es zu einem Meinungswechsel. An diesem Tag erließ die britische Militärregierung den sogenannten Be-kind-to-the-Germans-Befehl.

Lord Vansittart (1881-1957):
Der britische Diplomat Baron Robert Vansittart wurde zum sprichwörtlichen Vertreter der Kollektivschuld der Deutschen, weshalb man auch vom „Vansittarismus“ sprach. 1941 hatte er das Buch „Black Record. Deutsche Vergangenheit und Gegenwart“ veröffentlicht. Seiner Meinung nach war der deutsche Volkscharakter militärisch und aggressiv. Der Nationalsozialismus sei die Kulmination des deutschen Wesens. Es sei Unsinn, bei den Deutschen zwischen Linken, Rechten, Katholiken usw. unterscheiden zu wollen. Nur eine harte Niederlage und eine lange Umerziehung würde helfen. (S. 130) Willy Brandt nannte den Vansittartismus „Rassismus mit umgekehrtem Vorzeichen“ (S. 131).

William Shirer (1904-1993):
Der US-Journalist William Shirer war ein Anhänger des Vansittarismus. Er beteiligte sich am „Komittee zur Verhinderung eines Dritten Weltkrieges“, den er erneut von Deutschland ausgehen sah. Noch 1985 argwöhnte er, dass die gemeinsame Kranzniederlegung von Ronald Reagan und Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof von Bitburg, auf dem auch SS-Männer beerdigt waren, ein Versuch der Deutschen wäre, die SS zu rehabilitieren. Erika Mann verteidigte Willilam Shirer. (S. 125-138) – Später kam heraus, dass William Shirer, der 1934-40 Korrespondent in Deutschland war, anfangs durchaus begeistert von Adolf Hitler war. Sein Tagebuch aus dieser Zeit wurde von ihm nachträglich redigiert, um das zu verschleiern (S. 128). In seinem 1960 erschienenen Buch „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“ blendete Shirer den deutschen Widerstand gegen Hitler völlig aus (S. 137).

Rebecca West (1892-1983):
Die britische Journalistin Rebecca West führte ein unstetes Leben und hatte eine Affäre mit dem Nürnberger US-Hauptrichter Francis Biddle, der nach außen hin die Rolle des konservativen Familienvaters spielte. Auch West ging von einer Kollektivschuld aus und unterstellte den Deutschen ein Defizit an Verantwortung und sozialem Bewusstsein. Schon in den 1930er Jahren hatte sie die Frage gestellt, warum die Briten nicht jeden Mann, jede Frau und jedes Kind dieser „abscheulichen Nation“ nach dem Ersten Weltkrieg über die Klinge hätten springen lassen: „Die wahnsinnige Barmherzigkeit und Nächstenliebe des Vertrags von Versailles bereiten mir Zähneknirschen.“ (S. 211, 213) Bei einem Aufenthalt auf dem Balkan 1936-38 schrieb sie den Balkanvölkern rassistische Stereotype zu (S. 213).

Erika Mann (1905-1969):
Die Familie Mann musste zu Beginn der NS-Herrschaft aus Deutschland fliehen, was vor allem bei Erika Mann zu einer gewissen Verbitterung führte, die sich teilweise auf ihren Vater übertrug, auf den sie großen Einfluss hatte. Diese Verbitterung ist angesichts des erlittenen Traumas verständlich, doch überzog Erika Mann ins Maßlose. Erika Mann war Anhängerin der Kollektivschuldthese. Die Deutschen waren für sie das „garstige, unselige Volk“, das zu keiner Selbstreflexion fähig sei und aus subjektiver Schuldunfähigkeit ein penetrantes Selbstmitleid habe. Deutschland sei ein verlorenes Land, „es ist einfach nicht menschenerkennbar“. Sie verleugnete ihr eigenes Deutschsein und stylte sich amerikanisch. (S. 113 f.)
       Wer in der Inneren Emigration war – von ihr „diese stolze Bruderschaft“ genannt – wurde von ihr gehässig verspottet: Werner Bergengruen warf sie vor, „jegliche deutsche Schuld in einem Meer menschlicher Sündhaftigkeit aufzulösen“ zu wollen (S. 118). Dass Rudolf Heß – über die Beziehung mit Karl Haushofer – seine schützende Hand über ihren Großvater gehalten hatte, wurde von ihr ignoriert. Mit Karl Haushofer führte sie kurz vor dessen Selbstmord 1946 ein gehässiges Interview, das dessen Abkehr von seinen Irrtümern im Jahr 1941 nicht honorierte. In der Adenauerzeit sah Erika Mann überall Nazis. Und 1968 stellte sie sich kritiklos auf die Seite der Studenten. (S. 114-118, 264-266) Ihr Ehemann W.H. Auden mahnte Erika Mann, sie solle nicht zuviel hassen (S. 108). Ihr Bruder Golo Mann warf ihr vor, auch Unwahrheiten zu verbreiten (S. 114).
       Während des Krieges hatte Erika Mann noch zusammen mit Klaus Mann das Buch „The Other Germany“ (1940) geschrieben (S. 109), das dafür argumentierte, dass es neben den Anhängern des Nationalsozialismus ein „anderes Deutschland“ gab und dass die Mehrheit der Deutschen keine Nazis waren, sondern das Ende Hitlers herbeisehnten. Nach dem Krieg war von dieser Einstellung nichts mehr vorhanden. Dass es in Nürnberg keine deutschen Richter gab, verteidigte Erika Mann, da man „den Deutschen nicht zutrauen kann, sich angemessen um ihre eigenen Kriegsverbrecher zu kümmern“ und da unter den deutschen Richtern immer noch unbelehrbare Nazis waren (S. 256).
       Erika Mann war eine umtriebige und teils liederliche Person, die ihre Abitur nur mit Ach und Krach geschafft hatte (S. 108). Zur Zeit des Nürnberger Prozesses hatte Erika Mann eine Beziehung mit Betty Knox, ebenfalls eine liederliche Person, die von ihren Eltern nicht gern gesehen wurde (S. 105-107). Im Presselager machte sie sich durch ihre Ansprüche unbeliebt (S. 111). In seinen letzten Lebensjahren stand ihr Vater Thomas Mann unter dem starken Einfluss seiner Tochter Erika Mann, die sich um ihn kümmerte.

Klaus Mann (1906-1949):
Der jüngere Bruder von Erika Mann, Klaus Mann, war praktisch immer derselben Meinung wie seine Schwester. Nachdem er zusammen mit Erika Mann 1940 das Buch „The Other Germany“ geschrieben hatte (S. 109), das die Kollektivschuldthese ablehnte, wandte er sich später wie seine Schwester der Kollektivschuldthese zu. Klaus und Erika Mann kritisierten auch gnadenlos Erich Kästner, der in der inneren Emigration in Deutschland geblieben war (S. 96 f.).

Peter de Mendelssohn (1908-1982):
Der deutsch-britische Schriftsteller Peter de Mendelssohn gründete ab 1945 im Auftrag der Westalliierten verschiedene Zeitungen in Deutschland. Dazu rekrutierte er auch Erich Kästner für die „Neue Zeitung“ in München. (S. 86) Mendelssohn galt als „unerbittlicher Umerzieher“ und wurde als zu streng kritisiert (S. 98). Erich Kästner warf er später vor, antiamerikanisch zu sein (S. 98). Von den deutschen Intellektuellen war er enttäuscht, weil sie „typically German“ reagiert hätten, nämlich unbelehrbar und weltabgewandt (S. 96). Peter de Mendelssohn war aber vielleicht milder, als manche meinen, was man daran ablesen kann, dass er Erich Kästner rekrutierte und dass er selbst wieder nach München zog und deutscher Staatsbürger wurde (S. 99).

Martha Gellhorn (1908-1998):
Die Journalistin Martha Gellhorn war eine der großen Chronistinnen des Zweiten Weltkrieges, die sich nicht scheute, Verbote zu umgehen und selbst in Gefahr zu kommen. 1936 heiratete sie Ernest Hemingway (1899-1961). Die Ehe war offenbar schwierig, beide warfen sich gegenseitig vor, voneinander abzuschreiben. Wegen ihrer deutschen Vorfahren warf ihr Hemingway „preussisches Blut“ und „krautism“ vor (S. 222).
       Schon 1943 gibt sich Martha Gellhorn als Anhängerin der Kollektivschuldthese von Lord Vansittart zu erkennen (S. 234). Im August 1944 schreibt sie: „Was für eine Rasse ist das, diese Deutschen: Wenn man bedenkt, dass man versucht hat, die Malaria auszurotten, könnten wir uns doch allemal ein wenig Zeit nehmen, die Deutschen auszurotten, die noch sichereren und hässlicheren Tod bringen.“ (S. 229) Hass ist für Gellhorn ein positiv besetztes Gefühl (S. 229). 1948 erscheint ihr Roman „Point of no Return“, in dem sie ihren Rachephantasien freien Lauf lässt und ein jüdischer US-Soldat deutsche Frauen totfährt (S. 230).
       1962 äußerte sie anlässlich einer Reise nach Deutschland, dass die Deuschen „unheilbar“ seien, wie „ruhende Schafe und Tiger“, die ohne die betäubende Wirkung des Konsums wieder zu „wahnsinnigen blutliebenden Schafen und menschenfressenden Tigern“ werden würden (S. 234). 1990 äußerte sie sich anlässlich einer Reise nach Deutschland angesichts der ausländerfeindlichen Anschläge von Rostock und Hoyerswerda: „Ich glaube, die Deutschen haben ein Gen locker.“ (S. 235)

Janet Flanner (1892-1978):
Die US-Journalistin Janet Flanner lebte vor dem Krieg mit Freundinnen in Paris, wo sie ein Netzwerk von lesbischen Beziehungen unterhielt (S. 148). Das Berlin der 20er Jahre kam ihr ungefährlich vor: Statt preußischen Stiernacken fand sie multikulturelle Buntheit und „semitischen Chic“. (S. 149) Adolf Hitler wurde von Flanner zuerst falsch eingeschätzt. 1936 schrieb sie ein ironisch-witziges Portrait zu Hitler. Später meinte sie rückblickend, dass die Situation erst Mitte der 30er Jahre bedenklich geworden wäre. (S. 150) Die Deutschen seien uneinsichtig. Sie habe nie nur gegen die Nazis gekämpft, sondern immer gegen Deutschland und die Deutschen. (S. 162 f.) Die Besonderheit von Janet Flanner war, dass sie generell „gegen Männer“ schrieb. Das nationalsozialistische Deutschland war für sie nur eine gute Gelegenheit, sich generell gegen Männer auszulassen (S. 153, 163).

Elsa Triolet (1896-1970) und Louis Aragon (1897-1982):
Beide waren ausgemachte Stalinisten und Mitglieder der französischen Resistance. Elsa Triolet war vermutlich mit dem sowjetischen Geheimdienst GPU im Bunde. Ihrer Meinung nach waren die Nürnberger Prozesse überflüssig, man hätte die Angeklagten einfach alle hängen sollen (S. 175 f.). Ihre Berichte vom Nürnberger Prozess waren teilweise sachlich falsch und antiamerikanisch (S. 176). Wie alle Anhänger der Sowjetunion glaubten sie fest an die Kollektivschuld der Deutschen: Aragon meinte, alle französischen Kunstwerke müssten aus Deutschland nach Frankreich verbracht werden (S. 178). Erst 1962 kamen beide zu der Einsicht, dass der Stalinismus ein Irrweg war. 1965 schrieb Elsa Triolet, dass die Deutschen wegen des Kalten Krieges nie entnazifiziert worden seien (S. 182).

Markus Wolf (1923-2006):
Auch Markus Wolf, der spätere Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes (Stasi im Westen), war als Stalinist Anhänger der Kollektivschuldthese (S. 198). Angesichts des Nürnberger Prozesses fragte er, wie man jetzt noch Menschen die Freiheit rauben könne? Mit dieser von ihm selbst stammenden These wurde er später vor einem deutschen Gericht konfrontiert, als seine Verbrechen für die DDR verhandelt wurden (S. 199).

-2- Contra Kollektivschuld

Robert H. Jackson (1892-1954):
Der Chefankläger der USA beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, Robert H. Jackson, eröffnete seine Anklage am 21.11.1945 mit einer Rede, in der er u.a. diese Worte sagte:
„We would also make clear that we have no purpose to incriminate the whole German people. We know that the Nazi Party was not put in power by a majority of the German vote. We know it came to power by an evil alliance between the most extreme of the Nazi revolutionists, the most unrestrained of the German reactionaries, and the most aggressive of the German militarists. If the German populace had willingly accepted the Nazi program, no Stormtroopers would have been needed in the early days of the Party and there would have been no need for concentration camps or the Gestapo, both of which institutions were inaugurated as soon as the Nazis gained control of the German state. Only after these lawless innovations proved successful at home were they taken abroad.“
Damit sprach der US-Chefankläger das deutsche Volk mehr oder weniger frei von Schuld. Heutige Historiker halten die Rede von Jackson für fast schon naiv großzügig in der Schuldfrage (S. 67 f.).

Erich Kästner (1899-1974):
Während des Nationalsozialismus blieb Erich Kästner in Deutschland. Als Grund nannte er, dass er Chronist der Ereignisse hätte sein wollen, sowie seine betagte Mutter (S. 97). Die Absicht, Chronist sein zu wollen, kontrastiert aber damit, dass er seine Zusage an Peter de Mendelssohn, ein Buch über die NS-Zeit zu schreiben, nie realisiert hat (S. 99). Als Kästner 1934 das Buch „Drei Männer im Schnee“ veröffentlichte, polemisierte Klaus Mann gegen ihn (S. 97). Kästner hatte im Nationalsozialismus Publikationsverbot, schrieb aber anonym für Film und Theater. Er ließ sich vom Regime wohl mehr einnehmen, als er eingestand (S. 96). Nach dem Krieg wurde Kästner als „Exilschriftsteller honoris causa“ (Marcel Reich-Ranicki) gewertet und von Peter de Mendelssohn für eine der neuen Zeitungen im Land rekrutiert (S. 86, 99). Die Adenauer-Zeit sah Kästner als eine „Ära der Demokratur“.
       Zu den Verbrechen des Nationalsozialismus war Kästner von einer gewissen Sprachlosigkeit befallen (S. 94). Zur Schuldfrage brachte ein ähnliches Argument vor wie Robert H. Jackson: „und die übrige Welt sollte sich zuweilen daran erinnern, wieviel Deutsche darin [in diesen Lagern] umgebracht wurden.“ Von Umerziehung hielt Kästner gar nichts. Zwang sei immer falsch. Die Deutschen wären in der Lage, sich mittels ihrer eigenen Kultur vom Nationalsozialismus zu befreien. Dabei dachte er an die freiheitlichen Traditionen, an die man anknüpfen könne. (S. 97-99)

Alfred Andersch (1914-1980):
Auch der Assistent Erich Kästners, Alfred Andersch, wandte sich laut diesem Buch gegen die Kollektivschuldthese (S. 98). Das ist interessant, denn Alfred Andersch entspricht sonst eher dem Prototyp des „Shitbürgers“ im Sinne von Ulf Poschardt.

Golo Mann (1909-1994):
Der jüngere Bruder von Erika und Klaus Mann, Golo Mann, war ein Einzelgänger. Nach dem Krieg arbeitete er beim neuen Radio Frankfurt in Bad Nauheim, wo die Amerikaner eine Art „gesteuerten Pluralismus“ zu etablieren versuchten. Golo Mann wandte sich gegen die Kollektivschuldthese und sprach sich für die Kollektivhaftung im Sinne von Karl Jaspers aus. Den Alliierten warf er vor, auch keine Engel zu sein. (S. 258) Seine Schwester Erika Mann kritisierte er dafür, in ihrem Furor auch wahrheitswidrige Dinge gesagt zu haben (S. 114). Politisch bewegte sich Golo Mann immer mehr nach rechts. Später unterstützte Golo Mann Franz-Josef Strauß und engagierte sich für eine Begnadigung von Rudolf Heß, wobei er sich mehrfach mit allzu rechten Kreisen einließ, die ihn gegen seinen Willen vereinnahmten (S. 258-266).

Willy Brandt (1913-1992):
Der spätere Bundeskanzler Willy Brandt war als Korrespondent einer norwegischen Zeitung in Nürnberg. Zu dieser Zeit schrieb er an seinem 1946 auf Norwegisch und Schwedisch veröffentlichten Buch „Verbrecher und andere Deutsche“. Darin versuchte Willy Brandt, der Deutschenfeindlichkeit in Norwegen und Schweden entgegenzuwirken. Er sprach sich gegen den Vansittarismus aus und gegen die Vorstellung, dass die Deutschen eine Hordenmentalität hätten. Zwischen Schuld und Verantwortung müsse differenziert werden. Später wurde Willy Brandt unterstellt, das Buch sei deutschfeindlich, was aber nicht zutrifft. Es erschien erst 2007 in deutscher Sprache. (S. 190-194) Den Vansittartismus nannte Willy Brandt „Rassismus mit umgekehrtem Vorzeichen“ (S. 131).

George Orwell (1903-1950):
Der britische Schriftsteller George Orwell schätzte die Deutschen als Kulturvolk. Über die antideutsche Gesinnung vieler seiner Landsleute machte er sich lustig. (S. 47)

Victor Gollancz (1893-1967):
Der britische Verleger, Sozialdemokrat und Pazifist Gollancz war ein früher Gegner Hitlers, kritisierte aber nach dem Krieg die Behandlung der Deutschen, auch die Vertreibung. Er sprach sich gegen die Thesen von Lord Vansittart aus.

Wilhelm Emanuel Süskind (1901-1970):
Der Vater des späteren Bestsellerautors Patrick Süskind, Wilhelm Emanuel Süskind, hatte sich als Herausgeber und Beiträger von NS-Zeitschriften mit dem Regime verstrickt. Vor dem Krieg war er ein Jugendfreund von Erika Mann, nach dem Krieg verhielt er sich gegenüber den Manns ziemlich frech. Die These von der Schuld der Vielen lehnte er ab, es müsse genau unterschieden werden zwischen den Tätern und den passiv Gebliebenen (S. 117).

-3- Weder-Noch

Karl Jaspers (1883-1969):
Der bekannte Philosoph Karl Jaspers veröffentlichte 1946 das Büchlein „Die Schuldfrage“. Darin sprach er sich gegen die Kollektivschuldthese aus und differenzierte zwischen vier Schuldbegriffen: Der kriminellen Schuld, für die man sich vor Gericht verantworten muss, der politischen Schuld, für die man sich vor den Siegern verantworten muss, der moralischen Schuld, für die man sich vor dem Gewissen verantworten muss, und der metaphysischen Schuld, für die man sich vor Gott verantworten muss. (S. 241 f.)
       Allerdings wissen wir aus der Lektüre des Buches „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ von 1966, dass Karl Jaspers maßlos bei der Zumessung von individueller Schuld übertreibt, so dass daraus doch wieder eine Art von Kollektivschuld wird: Allein dass man überlebt hat, gilt praktisch schon als Schuld. Jeder, der nicht sein Leben daran gesetzt habe, den Nationalsozialismus zu bekämpfen, sei schuldig. Von allen Deutschen seien vielleicht 500.000 ohne Schuld, meint Jaspers. Paradoxerweise nimmt Jaspers aber z.B. den einfachen Soldaten in Schutz, weil er nur Befehlsempfänger war. Die Meinung von Jaspers erscheint sehr widersprüchlich.

Hannah Arendt (1906-1975):
Auch Hannah Arendt, die mit Karl Jaspers befreundet war, äußerte sich zur Schuldfrage. Sie sah eine „organisierte Schuld“ und wollte mehr als nur eine kriminelle Schuld sehen, von der Jaspers sprach. Näheres ist in diesem Buch nicht zu erfahren. (S. 241 f.) Generell wurde die Debatte um die Schuldfrage in kulturpolitischen Zeitschriften geführt. Daran beteiligen sich neben Hannah Arendt auch Thomas Mann und Franz Werfel (S. 241).

Thomas Mann (1875-1955):
Der Schriftsteller Thomas Mann tendierte in seinen Aussagen deutlich zur Kollektivschuld, doch steht das in seltsamem Kontrast zu seiner humanistischen Grundhaltung und seinem fortwährenden Bemühen um Deutschland und die Deutschen in Radioansprachen und Reden. Vielleicht verdankt sich manche Härte aus dem Mund von Thomas Mann dem Einfluss von Erika Mann, die sich um ihren Vater Thomas Mann in seinen letzten Jahren kümmerte. Da fallen dann Sätze wie dieser über die Deutschen: „Dass sie sich jedem verrückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt und sie lehrt, Nationalität als Isolierung und Rohheit zu begreifen, ist miserabel.“ In seiner Rede „Deutschland und die Deutschen“ wird aber eine ganz andere Perspektive eröffnet, nämlich der Gedanke: Kein Faust ohne Mephisto. In Frankfurt am Main hielt Thomas Mann 1949 eine Rede mit dem Titel „Goethe und die Demokratie“. Wer an eine Kollektivschuld glauben würde, würde das alles nicht tun. Wir ordnen Thomas Mann deshalb bei Weder-Noch ein. Die Lektüre dieses Buches sowie ein paar kurze Notizen sind definitiv nicht ausreichend, um die komplexe und widersprüchliche Meinung von Thomas Mann richtig zu erfassen und einzuordnen.

Alfred Döblin (1878-1957):
Der Schriftsteller Alfred Döblin verfasste im Auftrag der französischen Besatzungsmacht die Aufklärungsschrift „Der Nürnberger Lehrprozess“, die in 200.000 Exemplaren verteilt wurde. Darin täuschte er vor, in Nürnberg gewesen zu sein. (S. 140 f.). Döblin hielt „die Deutschen“ für schuldig, aber auch für bekehrbar. Seine Idee einer Kollektivschuld löste sich praktisch in Humanismus und Optimismus auf, zu denen sie im Widerspruch stand.

John Dos Passos (1896-1970):
Der US-Journalist und Schriftsteller John Dos Passos war mit Ernest Hemingway im Spanischen Bürgerkrieg, wurde dort aber desillusioniert und verließ Spanien wieder, während Hemingway blieb, was zum Zerwürfnis führte. John Dos Passos: „Meine Beobachtungen in Spanien führten zu einer vollständigen Desillusionierung über den Kommunismus und die Sowjetunion.“ (S. 60) Auf die Frage, warum der Nationalsozialismus schlimmer gewesen sein soll als die Kriegsverbrechen der USA, darunter die Bombardierung Dresdens, die 15 Millionen deutsche Vertriebenen oder die Auslieferung Polens an die Sowjetunion, wusste Dos Passos keine Antwort (S. 64). John Dos Passos erscheint hier sehr ratlos.

Wolfgang Hildesheimer (1916-1991):
Der Schriftsteller und Maler Wolfgang Hildesheimer war in Nürnberg als Dolmetscher tätig, was ihn psychisch offenbar sehr belastete. Damals kritisierte er, dass die Deutschen vor lauter Selbstmitleid kein Schuldgefühl hätten. Doch 1949 änderte er seine Meinung völlig. Die Deutschen seien „wenn auch vielleicht nicht zum größten, aber doch wohl zum großen Teil schuldlos.“ (S. 243) Als Fritz J. Raddatz in der ZEIT 1979 die NS-Vergangenheit der Mitglieder der Gruppe 47 hinterfragte, antwortete Hildesheimer, der seit 1951 Mitglied der Gruppe 47 war, mit einem Artikel: „Waren meine Freunde Nazis?“ Seine Antwort lautete, dass manche damals vielleicht tatsächlich Nazis waren, heute jedoch nicht mehr. 1957 ging Hildesheimer in die Schweiz. 1964 meinte er, zwei Drittel der Deutschen seien Antisemiten, und würden es immer bleiben. Als Richard von Weizsäcker den 1984 den 8. Mai einseitig als „Tag der Befreiung“ bezeichnete, begrüßte Hildesheimer das.

Fazit der Notizen

Wir sehen zur Schuldfrage erstaunlich viele Einseitigkeiten und erstaunlich viele Widersprüchlichkeiten. Vieles würde einer rationalen Überprüfung nicht standhalten. Bei den Anhängern der Kollektivschuldthese sehen wir teilweise Fanatismus am Werk: Wer selbst in kollektiven und rassistischen Stereotypen denkt, kommt natürlich leicht zu einer Kollektivschuldthese. Der primitive Deutschenhass erinnert strukturell an das stereotype Denken von Kirchenhassern, Islamhassern oder Judenhassern.

Die überzeugendsten Antworten auf die Schuld der Deutschen scheinen bei Erich Kästner und Willy Brandt zu finden zu sein. Beide waren gewiss keine Nazis, aber auch keine Kollektivschuld-Fanatiker, sondern Humanisten und Realisten, die die Situation der Otto-Normal-Deutschen im Nationalsozialismus aus eigener Anschauung kannten und sich allzu einfachen Anworten auf die Schuldfrage verweigerten. Aber auch diese beiden formulieren nur grobe, menschliche Überlegungen, eine ausformulierte Analyse der Schuldfrage findet sich nirgends. Strukturell hat Karl Jaspers wohl am weitesten gedacht.

Das Phänomen der „Shitbürger“ im Sinne Ulf Poschardts, dass also Nazis versuchten, sich mit der Kollektivschuldthese selbst von persönlicher Schuld rein zu waschen bzw. ihre persönliche Schuld von sich abzuspalten und auf das Volk zu projizieren, sehen wir in diesem Buch selten. Vermutlich, weil es die Zeit direkt nach 1945 betrifft. Die Shitbürger begannen sich erst im Anschluss an diese Zeit zu entwickelen. Ein „Shitbürgertum“ deutet sich aber bei Erika Mann an, die ihr Deutschsein verleugnete. Wer als Deutscher den Deutschen eine Kollektivschuld zuschreibt, sich selbst aber davon ausnimmt, kann dies logischerweise nur durch Selbstverleugnung tun. Auch Wolfgang Hildesheimer ist als Mitglied der Gruppe 47 ein Kandidat für das Shitbürgertum.

Im Jahr 1946 machte die US-Militärregierung eine Umfrage unter den Deutschen, bei der sich 92% gegen die Kollektivschuldthese aussprachen (S. 241). Die restlichen 8% müssen wohl entweder schuldige Nazis gewesen sein, die ihre Schuld durch die Kollektivschuldthese zu relativieren suchten, oder selbsthassende Deutsche wie Erika Mann.

Die Atmosphäre in Nachkriegsdeutschland wird besonders gut in dem Roman „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen eingefangen. Dort zeigt sich keiner schuldbeladen. Die Leute haben ganz andere, völlig praktische Sorgen. Auch die Beobachter von Nürnberg stellten wiederholt fest, dass die Masse der Deutschen sich keiner Schuld bewusst war und sich in ihrer misslichen Situation nach 1945 vielmehr selbst bemitleidete. Es wäre zu überlegen, ob dies bei den meisten vielleicht keine Verleugnung von Schuld war, sondern einfach nur naive Ehrlichkeit, also das, was die Leute wirklich glaubten.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Jason Colavito: The Mound Builder Myth – Fake History and the Hunt for a „Lost White Race“ (2020)

Comprehensive work about the Mound Builder myth – Persons, hypotheses, historical context

The Mound Builder myth is the wrong idea that the Indian mounds in Northern America had been built by some other people than the local Indians resp. their ancestors. There often was a racist motivation behind this belief: If a „lost white race“ had built the mounds which later had been expelled or eradicated by the allegedly newly arrived Indians, then the European colonization and expansion could be perceived as a re-conquest, and the Indians could be perceived as non-native foreigners to their own land. Candidates for the identity of the „lost white race“ were e.g. the Lost Tribes of Israel, Scyths, Celts, Scots, Norsemen, and finally even Atlantis. But also non-white candidates were often driven by racist intentions to delegitimize the Indians. Some thought of Indians from India, and many thought of the Aztecs or Toltecs who allegedly settled in North America first before they allegedly were expelled to Southern America by the newly arrived Indians.

Jason Colavito’s „The Mound Builder Myth“ describes the creation, development, demise, and afterlife of the Mound Builder myth in all detail. The number of authors, hypotheses, and forgeries gathered in this book is amazing. All information is well-documented by 434 notes and eleven pages of bibliography in the appendix. There are thirteen pictures of mounds, authors, or forged stones.

Each development of the Mound Builder myth is paralleled with the respective developments in society and politics. It is well demonstrated that the Mound Builder myth always reflected the current zeitgeist: From the war with Britain, via the war with Mexico, expelling the Indians to the West, the Reconstruction era after the civil war, the mass immigration of Italians, the popularity of eugenics, until postmodernism in the 2nd half of the 20th century. It is amazing to see how the decline of the Mound Builder myth coincided with the decline of the Indian question, and how the myth is revived in later days under completely different perspectives.

Even the foundation myth of the Mormons is based on the Mound Builder myth, and the giants of the Bible were also allegedly found in the mounds.

The core message of Jason Colavito’s book is conveyed with overwhelming evidence: It is obvious that the motivation behind the Mound Builder myth often had been racist and driven by the zeitgeist. This book is a valuable lesson about the direct or indirect interference of politics and public opinion with science or what the public considers science, and how important and effective the resistance of individual dissenters sometimes is, in the long run.

Formal criticism

Right at the beginning of the book a short but comprehensive introduction into the real history of the mounds would have been helpful, especially in order to understand why the connection of the mounds to the contemporary Indians of the 19th century got lost (or to which extent some kind of connection still existed).

The various authors and their hypotheses are presented in a novel-like style. By this approach, order and overview get often lost. The storyline repeatedly goes back and forth in time, and the same authors repeatedly appear in varying roles. The book is divided in only few chapters, and often the content belonging to one chapter, according to its headline, occurs in an other chapter (e.g. important content concerning the giants myth is in the chapter following the giants chapter).

It would have been preferable to have more order and overview in such a complex theme. More speaking headlines, and also subheadlines would have been helpful. At least a table in the appendix listing all authors and their hypotheses, and by whom they where influenced, and whom they influenced in turn. Also a list of the forged stones (what, who, where and when) would provide overview. Also interesting would have been an overview of all persons who continuously held the correct belief that the Mounds were built by the Indians. These were not few, including Martin van Buren, US president 1837-1841.

Last but not least, a map is missing, where all the sites of mounds are marked. Also a map of Ohio or the state of New York could be useful, where the locations of the authors of hypotheses are marked who, as it seems, often lived close to each other and thus easily influenced each other.

The present-day situation is discussed only in the Conclusion, but it really had deserved a chapter on its own.

In the bibliography the book „Hidden Cities“ by Robert G. Kennedy is missing.

It would have been interesting to include some paragraphs about the current official opinion of the various Mormon churches on the origin of the Mormon belief. As I have read, there are not only fundamentalist believers but also more liberal views. How do they live with the truth?

Criticism of contents

While the core message of Jason Colavito’s book is simply true and deserves ardent support, especially when considering the strange revival of the Mound Builder myth in modern TV shows and weird religious fundamentalist or racist circles, there are several problems which may have their origin in a too narrow perspective of the author.

The book does not take seriously enough the legitimacy of 19th century doubts about who built the mounds. As the book itself says, the Mound Builder era ended some 500 years before the Europeans arrived, and the Indian civilization declined (pp. 48 f.). Or the reason for the decline were infectuous deseases contracted by the very first contacts with Europeans, so that except the very first Europeans the Europeans did get to know the Indian civilization only in a declined state (pp. 7, 180). (The book is not clear about which of the two reasons was more important.)

In effect, Indians did not build mounds any more and did not use the mounds as they once had been used. Therefore, it is absolutely understandable that doubts arose when comparing the remainders of the mound building civilization and the state of the civilization of contemporary local Indians. The book repeatedly reports of such doubts (e.g. on pp. 44, 180, 261 f.), but does not take them seriously, although even the famous Frederic Ward Putnam of Harvard thought of the Celts as the Mound Builders (p. 304). Therefore, these doubts should have been examined more carefully. It is not legitimate to talk about the Mound Builder myth as if every proponent of an incorrect explanation had been driven by racism, though often this was the case.

There are several passages in this book where the interpretation of the sources is going beyond what is really contained in the sources in order to make the wanted case.

One example is president Andrew Jackson’s speech of 1830 (p. 116). Andrew Jackson equals the alleged replacement of the Mound Builders by the Indians with the replacement of the Indians by the Europeans. But other than Jason Colavito thinks, the Mound Builder myth does not serve as a racist justification for the replacement of the Indians. Because under a racist perspective, the replacement of the „higher“ race of the Mound Builders by the „lower“ race of the Indians is not justified. The justification expressed by Andrew Jackson is another one. It is simply Social Darwinism: The stronger replaces the weaker. And the case of the Mound Builders serves only as an example, not as a special justification.

Another example is the opinion of the famous German natural researcher Alexander von Humboldt, as expressed in the „Report of the Librarian“ in the Proceedings of the American Antiquarian Society No. 53 of 1869 on p. 42. According to Jason Colavito, Humboldt was „arguing that some Native Americans most closely related to the Mound Builders had been ‚born white‘ before the sun burned them a ruddy copper color.“ (p. 251) – But this is not the case. First, according to the source it is a certain Monsieur de Volney who claims this, and Humboldt is against this claim. Humboldt adds that Mexicans and Peruvians (who were considered related to the Mound Builders by many) are brown by birth. Only the Eskimos and a tribe at the northwest coast are allegedly born white. And then Humboldt calls for verifying the claim of de Volney by just going out and looking at real Indians! This is the spirit of the true scientist and not at all a racist attitude. Especially not in case of Alexander von Humboldt who was an ardent proponent of the idea of human rights.

Another example is Jason Colavito’s reliance (p. 328) on the book „The American West and the Nazi East“ by Carroll P. Kakel, 2011. The book compares the genocidal conquest of eastern Europe by the Nazis with the spread of European settlers in the American West and connected genocidal events – which is grotesque! The Nazis planned their genocidal acts intentionally right from the beginning and conquered Eastern Europe by military force in short time, whereas in the American West, settlers spread slowly over many decades, were confronted with a completely incompatible civilization, and genocidal events unfolded mostly unplanned and unintentionally. Even well-minded intentions towards the Indians played out badly, as Jason Colavito rightly says (e.g. pp. 263-267). – Citations drawn from the book turn out to be taken out of context and their meaning turned upside down. Where Hitler said that America had gunned down the millions of redskins to a few hundred thousands, the context is the following: According to Hitler, the land belonged to the Indians, and the white men have stolen it from them, and the gunning down is depicted by Hitler as a crime. – It is also not true that Hitler was a „massive fan of Westerns“. Hitler watched Westerns, too, but he was not a „massive fan“ of them. Hitler was a massive fan of Disney’s animated cartoon films, especially „Snow White“, as we know today. This book by Kakel is really problematic! You find there many modern myths about the Nazis but not the real history. E.g. Kakel describes the ideologies of Hitler, Himmler and Rosenberg as being on the same line – nothing could be more wrong. Himmler and Rosenberg had severe differences, and Hitler kept clear distance of those two and their ideas. Furthermore, Rosenberg is depicted as „party ideologue“ – which he wished to be but wasn’t. There was only one person defining the Nazi creed and this one person was Hitler, and Hitler, Goebbels and Goering are known to have mocked Himmler and Rosenberg for their fancy ideas.

Criticism concerning the Indian question

The drama of the Indian question is also misrepresented in Jason Colavito’s book. Obviously, Jason Colavito follows a rather romantic perspective of Indians and Europeans living peacefully together on the same land, each of them according to their unchanged traditional culture. This unrealistic multiculturalist idealism becomes clear e.g. by his criticism of Ralph Waldo Emerson’s opinion that the Indians have to modernize (p. 190), or the criticism of the basic intentions of Helen Hunt Jackson and Henry L. Daws (pp. 263 ff.), who wanted to civilize the Indians rather than to expell or kill them. Even Thomas Jefferson wanted to modernize the Indians (pp. 64 f.).

Jason Colavito’s criticism reveals an unrealistic, romantic dream. The European civilization was much more developed than the Indian civilization, so that it was clear right from the very beginning of their contact that the Indian civilization could not survive unchanged. Therefore, the only morally acceptable idea was indeed to develop the Indians to modernity. And here we are right in the middle of the drama: Because, how to repeat the development of European civilization in time lapse? How to modernize the Indians without (!) taking away their Indian identity? And how to civilize a people who partially or totally resisted to be civilized?

It is absolutely understandable that many believed such a civilizing process not possible, and that patience with the Indians ran out, though physically or culturally genocidal acts are also not acceptable, of course. It is really a drama, a problem with no easy solution, a real tragedy, and who knows the outcome if more patient politicians than Andrew Jackson had governed the US in this time. It is not a forgone conclusion that things had played out better, then.

Jason Colavito’s biased orientation in these questions becomes even more clear when he depicts the achievements of human rights as bad for the Indians. He e.g. connects the removal of „all incompatibilities with indiviudalism, and personal liberty“ with the word „destroy“, or he depicts the „redefining of gender roles“ in Indian families as „devastating“. (pp. 265, 267) But human rights are there for all human beings, and finally good for all human beings. The continuation of the patriarchy of the Indian culture, i.e. the systematic suppression of women (and all other family members!) by „old red men“, under the rule of the United States is inconceivable, and is only one aspect of Indian culture which had no chance to survive, and this although the Europeans themselves had still some obvious remainders of patriarchy in their civilization in the 19th century.

Criticism concerning Atlantis

Concerning Atlantis, the book creates the impression that the Atlantis story had „long considered to be fictional“, until the 19th century, and then had been revived by fraudulent Europeans such as Fortia d’Urban (pp. 273 f.). But this is wrong. Atlantis had been long considered real, and what started in the 19th century was not a revival of the idea of a real Atlantis, but quite the opposite: It was the start of the idea that Atlantis had been fictional becoming the prevailing idea.

It is also wrong that „the Spanish“ considered Mexico Atlantis (pp. 273). Only „some“ Spanish thought of Mexico as Atlantis, not „the“ Spanish. The official Spanish position was to reject this idea (e.g. Antonio de Herrera y Tordesillas 1601).

Missing is Francis Bacon’s „New Atlantis“. Here, the Indian civilizations of Southern America are Atlantis, and Plato’s cyclically repeating catastrophes are the reason why the Indians fell down from a higher level of civilization. This would have been an example of Atlantis belief fitting better to reality than usually expected, and it would be interesting to see whether and how Francis Bacon’s view influenced the views of the 18th/19th century.

Ignatius Donnelly is misrepresented as a racist (chapter 11). Of course, Donnelly’s views are partially racist under a modern perspective, but under the perspective of his time, the opposite holds true. Donnelly was a progressive politician, fighting for the abolition of slavery. He even wrote a novel about a white man living like a black and suffering discrimination („Doctor Huguet“, 1891). Furthermore, Donnelly’s Atlanteans were not only white, but also yellow and red, and even excluded some white peoples. According to Donnelly, Europeans were not purely white but a mixture of white and yellow. And in American prehistory, all races of all kinds had met and lived together, as he wrote. Donnelly’s core motivation was clearly not racist although he expressed various racist stereotypes prevailing in his time. The abuse of Donnelly’s work, e.g. by omitting that Donnelly’s Atlanteans are not only white, is much more harmful than the original work itself.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 24. Mai 2020)

Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834)

Anregende und wirkmächtige Geistesgeschichte Deutschlands

Heinrich Heines „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ von 1834/5 ist aus mehreren Gründen absolut lesenswert: Zum einen, weil es eine sehr persönliche Sicht auf den Verlauf der Geistesgeschichte in Deutschland bietet, die durch Ehrlichkeit, Individualität und Offenheit überzeugt. Hier geht es nicht darum, Objektivität vorzutäuschen, sondern hier sagt jemand seine Meinung, und der Leser ist zum Selberdenken aufgefordert. Auch dort, wo man die Darstellung für zu oberflächlich und einseitig hält, hat Heine doch immer einen guten Punkt getroffen. Heine hat hier einige Einsichten mit Worten geprägt, die fast zu Sprichworten geworden sind.

Zum anderen sollte man dieses Buch deshalb lesen, weil es von vielen gelesen wurde, und ein Bild der deutschen Geistesgeschichte erzeugt hat, das von vielen geteilt wird. Auch und gerade, weil es auch Fehler hat, sollte man um die Wirkmächtigkeit dieser Irrtümer wissen. Schließlich ist Heines Werk aber auch ein Zeitdokument, das einem die Augen öffnet, wie die Dinge in den damaligen Zeiten gelaufen sind – und wie sie wohl zu allen Zeiten laufen bzw. laufen könnten.

Für Heinrich Heine mündet die Reihe Kant, Fichte, Schelling, Hegel in Pantheismus, in „Naturphilosophie“. Im Pantheismus, in der Romantik, lebt auch das alte Germanentum wieder auf, während die Juden als „Schweizergarde des Deismus“ nicht in das pantheistische Bild passen. Heine weiß, dass in der Naturphilosophie auch Gefahren liegen: Das Wiederaufleben der „Berserkerwut“ des Germanentums aus „tausendjährigem Schlummer“. Man meint, eine Prophezeiung auf Marx und Hitler zu lesen.

Hier gibt es eigentlich keinen Grund für Optimismus und Fortschrittsglaube. Es ist unverständlich, wie Heine den Gang der Geistesgeschichte einschließlich ihrer Gefahren so beschreiben kann, aber dann relativ optimistisch dabei ist. Heine hätte hier die Frage nach einer besseren Alternative stellen müssen. Aber das tut er nicht. Heine scheint vielmehr im Ganzen recht einverstanden zu sein mit der „Naturphilosophie“. Die Gefahren scheint er nicht ernst zu nehmen.

In diesen Zusammenhang muss wohl auch die Aussage Heines eingeordnet werden, dass er das Christentum selbst dann noch erhalten wollte, wenn der Glaube geschwunden ist. Das ist eine sehr unphilosophische Aussage. Hier wird deutlich, dass Heine selbst kein ganz klarer Kopf ist. An anderer Stelle äußert er, wie ihm unwohl ist, wenn Kant Gott seziert; damit zeigt er eine unphilosophische Religiosität. Von diesem Punkt aus lassen sich Heines Irrtümer und Fehlurteile verstehen.

Hierher gehört wohl auch, dass Heine seinen eigenen Fortschrittsoptimismus ein wenig relativiert, ohne ihn im Kern zu hinterfragen. Man kann sicher sein, dass Heine vor ideologischem Handeln und Fanatismus zurückgeschreckt wäre. Aber Heine mäßigt seinen Optimismus nur, statt dass er ihn grundsätzlich hinterfragt. Auch hier wird die Gefahr von Heine gesehen, aber kleingeredet. Eine bessere Alternative zum naiven Fortschrittsoptimismus wird nicht gegeben. Heine ist ganz offenkundig fasziniert von dem Neuen und will daran nur das vermeintlich Gute sehen. Heinrich Heine ist einer der ersten, die die Greuel von Kommunismus und Nationalsozialismus vor lauter Faszination nicht sehen wollten – wenn auch nur auf einer theoretischen Ebene.

Die Aufgabe des modernen Lesers ist es, sich dieser Faszination Heinrich Heines zu entziehen, und bessere Alternativen zu suchen.

Interessant die Aussagen über das deutsche Wesen: Methodisch, gründlich, langsam, auch im Hass, und mit einer Wirkung aufgrund der Gedankentiefe, die die Welt erschüttern wird. Die Deutschen sind generell langsam, wenn sie aber einmal eine Bahn eingeschlagen haben, verfolgen sie diese bis zum Ende.

Ein Irrtum ist u.a. die Auffassung, dass es eines Luthers bedarf, um etwas zu bewegen, und dass ein Erasmus und Melanchthon es allein nicht geschafft hätten. Denn Heine selbst spricht später davon, dass Kant und seine Nachfolger eine Wirkung entfalten würden, gegen die die französische Revolution nichts sei.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. August 2014)