Schlagwort: Athen

Sascha Berst: Mord im Garten des Sokrates (2008)

Gelungene Verlebendigung der Athener Gesellschaft

Sascha Berst ist ein ein überraschend guter Roman gelungen! Normalerweise erwartet man von einem No-Name, der sein persönliches Interesse am Thema zu einem ersten Roman verarbeitet, eine eher holprige Erzählung ohne größeren Wert. Nicht so hier: Sascha Berst kann schreiben, spätestens nach der Obduktionsszene mit Hippokrates muss dies jedem Leser klar geworden sein. Und es gelingt ihm auch, die bekannten Figuren des klassischen Athens glaubwürdig zum Leben zu erwecken. Selten hat man sich so realistisch in die damalige Zeit versetzt gesehen. Auch der Ansatz, Demokratie und Diktatur einander gegenüber zu stellen, ist lohnend. Es handelt sich ohne Zweifel um einen der lesenswerteren historischen Romane über diese Zeit.

Es gibt aber auch Defizite. Manchmal springt Berst etwas zu schnell von Szene zu Szene. Politisch scheint mir das Merkmal der Ausländerfeindlichkeit nicht wirklich charakteristisch für eine Diktatur zu sein; sie ist eher generell menschenfeindlich. Man hätte sich auch mehr Momente und Szenen, die den Wert der Demokratie und die Bedingungen ihres Gelingens zeigen, gewünscht. Von der Vision des Perikles, und dass eine Demokratie auch Führung braucht, war gar nichts zu sehen. Auch der Sittenverfall während des Peloponnesischen Krieges schien mir ungenügend abgebildet. Philosophisch hätte man auch mehr daraus machen können. Platon und seine Motivationen hätten mehr ins Zentrum gehört.

Etwas enttäuschend dann auch, dass der Mord sich am Ende als ungeplante Tat eines Wichtigtuers entpuppt. Und der Mord fand auch nicht im Garten des Sokrates statt, wie der Titel verspricht, es sei denn, man sieht seine Anhänger als den „Garten“ an; ein Vergleich, der im Buch aber so nicht gezogen wird. Fraglich auch, ob Sokrates seine Anhänger als Schüler bezeichnet hätte. Die längere Liste von Abweichungen zur realen Geschichte, die Berst am Ende aufzählt, enthält auch manches, was unnötig abgeändert wurde. Aber egal. Trotzdem lesenwert.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 02. August 2010)

Aischylos: Die Perser (472 v.Chr.)

Ein Grundstein der Weltliteratur und des Griechentums

Durs Grünbein hat mit den „Persern“ von Aischylos eine Übersetzung vorgelegt, deren Worte die Kraft haben, die Vergangenheit für die Gegenwart erinnerlich zu machen, bei der, anders als bei modernistischen Übersetzungen, jede Zeile sitzt und bewusst macht, dass dem Leser hier aus alter Zeit das unverändert Menschliche entgegenweht.

Diese älteste aller griechischen Tragödien, eine einzige handlungsarme Wehklage der Perser über den Verlust des Krieges mit den Griechen bei Salamis und Plataiai, wartet mit einer großen Überraschung auf und versetzt dadurch in Staunen: Die Sieger bringen die Besiegten in ihrem menschlichen Jammer auf die Bühne, ohne Spott, ohne Häme und mit großem Ernst. Es ist den griechischen Zuschauern klar: So hätten um ein Haar auch wir wehklagen müssen, wären wir nicht Sieger geblieben. Damit sprengt diese Tragödie durch das Mitleiden der Zuschauer jede nationale Engstirnigkeit und lenkt den Blick auf die Menschlichkeit aller Menschen, und sei es der Feind – gleichzeitig demonstriert der Plot aber auch die Überlegenheit des griechischen Weges: Wo sonst wäre solches zu zeigen möglich als in Athen?

Sehr anregend auch die kenntnisreichen Nachworte von Durs Grünbein. Widersprochen werden muss seiner zuletzt geäußerten Auffassung, dass die Verbindung zu den Gefallenen vergangener Kriege abreiße, sobald sich die Ideologie ändere oder die Nation auflöse. Dies ist nicht der Fall. Denn die Nachfahren werden immer das Bewusstsein in sich tragen, dass es Menschen waren wie sie selbst, die in ihrer Zeit mit sich und dem Schicksal gerungen haben, wie dies jeder Mensch tun muss. Und es fragt sich jeder: Hätte ich es anders getan als die Vorfahren? Die Vorfahren stecken in uns, ohne dass ein Abreißen der Tradition möglich wäre.

Das Erscheinen des Dareios im Stück signalisiert auch nicht das Abreißen einer Tradition, sondern im Gegenteil die Wiederaufnahme und Rückbesinnung auf eine Tradition, nämlich die Beschwörung des Besten, was Persien bislang hervorgebracht hatte, nämlich die Weisheit des Dareios gegen Hybris und Unvernunft.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 21. Oktober 2010)