
Die Dichtung Homers als Ganzes verstanden und kritisch hinterfragt
Mit „Homer und seine Zeit“ hat Barbara Patzek eine Einführung für den Leser der Ilias und der Odyssee vorgelegt, die nicht nur den schnellen Leser befriedigt, sondern auch dem interessierteren Leser einiges zu bieten hat.
Patzek lenkt den Blick nämlich über die bekannte Kernhandlung der beiden Epen und die Frage nach der Historizität des Trojanischen Krieges hinaus auf die Gesamtheit dieser Dichtungen: So wird deutlich, dass es sich um Welterklärungsliteratur und Weltwissensrepräsentation handelt, die von vergleichbarer orientalischer Literatur inspiriert wurde, um daraus etwas neues, griechisches zu machen: Da ist die Schöpfung der Welt, die Generationenkämpfe der Götter und auch die Abfolge der Zeitalter, zuletzt vom Zeitalter der Helden hin zum Zeitalter der historischen Menschen, der homerischen „Gegenwart“.
Patzek erklärt sehr gut die Welt der Sänger, die sich möglicherweise in Sängergilden um die sich herausbildenden panhellenischen Heiligtümer sammelten. Auf diese Weise konnten sich panhellenische Vorstellungswelten herausbilden, die lokale Mythologien überformten und teils ablösten.
Die Frage nach den historischen Bezügen wird konsequent in der homerischen Zeit, also in den Jahrhunderten unmittelbar vor Verschriftlichung der beiden Epen verortet. Der Sitz im Leben der homerischen Dichtungen ist nach Patzek nicht die mykenische Welt, sondern die zu Ende gehenden dunklen Jahrhunderte. Ein historischer Krieg um Troja liege der homerischen Dichtung also eher nicht zugrunde. Dieser Standpunkt ist natürlich umstritten, aber es lohnt sich, auch diese Seite der Argumentation einmal kennen zu lernen.
Ein Punkt Abzug, da in einer Einführung beide Seiten eines Gelehrtenstreites hätten dargestellt werden sollen.
Bewertung: 4 von 5 Sternen.
(Erstveröffentlichung auf Amazon am 10. November 2010)