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Fritz Lang: Metropolis (Film 1927)

Der gefährliche Mythos vom Dritten Weg: Metropolis oder Zauberberg?

Der Film Metropolis von Fritz Lang stammt aus dem Jahr 1927 und verfilmt den gleichnamigen Roman von Thea von Harbou von 1925. Er erzählt die Geschichte, wie zwischen „Hand“ und „Verstand“ (Arbeiter und Kapitalist) das „Herz“ treten muss, hier in der Gestalt des Sohnes des Großkapitalisten. Das alles vor dem Hintergrund einer utopischen Stadt Metropolis, die überirdisch aus Megahochhäusern, Autobahnen und Schienenwegen auf kreuz und quer durch die Luft führenden Brücken besteht, unterirdisch aber aus einem Reich der Maschinen, an denen die Arbeiter sich in Schichten abrackern müssen.

Damit schlägt der Film dasselbe Thema an, das Thomas Mann 1924 in seinem Roman „Der Zauberberg“ in der Person von Mynheer Peeperkorn anschneidet, allerdings mit gegenteiliger Konnotation: Während Metropolis das „Herz“, d.h. das Gefühl als Rettung anpreist, wird es bei Thomas Mann zum Dämon, der die Freiheit des Geistes und den notwendigen Streit der Meinungen zerstört. Später hat Hitler, der von Thomas Mann in der Gestalt von Mynheer Peeperkorn vorweggenommen wurde, genau diese Ideologie verkörpert, die Metropolis anpreist: Der „dritte Weg“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus, die „Versöhnung“ beider, die Überwindung der geistigen Kultur im Zeichen des arischen Gefühls – ein schrecklicher Irrweg. So sah es Thomas Mann.

Unfreiwillig bietet der Film Metropolis eine Menge Motive, die auf den Holocaust vorausweisen: Kolonnen von Menschen in einer Art Sträflingskleidung, die gebeugten Kopfes in Reih und Glied in eine Maschine hineinmarschieren, in der ein Höllenfeuer brodelt. Es ist tragisch, dass die irrige Ideologie von Metropolis am Ende genau das hervorgebracht hat, wovor der Film warnt. – Auch sonst bietet der Film in mancher Hinsicht eine Ästhetik, die man aus heutiger Sicht spontan mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen würde; es ist aber wohl nur die Ästhetik der Zeit.

Das Bildmaterial, die Idee des Maschinenmenschen, die utopische Stadt, die soziale Frage: All das hat wohl dazu geführt, diesen Film zu einem Mythos zu machen. Zu einem Mythos allerdings, der mit Vorsicht zu genießen ist. Man lese den „Zauberberg“ von Thomas Mann.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 09. Juli 2013)

Robert Bolt, Fred Zinnemann: Ein Mann zu jeder Jahreszeit (Film, 1966)

Passiver Widerstand aus Gewissensgründen glaubwürdig dargestellt

Der Film schildert eindrucksvoll, wie Thomas Morus versucht, den Anforderungen der Obrigkeit einfach aus dem Weg zu gehen und sie nicht zu reizen. Thomas Morus ist kein Held vom billigen Format, der die Gefahr sucht. Aber die Obrigkeit wird gerade durch dieses Verhalten dazu gereizt, ihn herauszufordern, von ihm Bestätigung zu verlangen, ihn Schritt um Schritt in die Enge zu drängen, um ihn zu unterwerfen. Ähnliches hörte man schon von DDR-Dissidenten: Wenn der Staat sie einfach in Ruhe gelassen hätte, wären sie gar keine Dissidenten geworden.

Es ist auch treffend dargestellt, wie Morus sich bewusst von seinen Freunden distanziert, um sie nicht ins Schlamassel mit hineinzuziehen. Es ist gut zu sehen, wie die Menschen um Morus von ihm Abstand nehmen, ihn sogar verraten oder persönliche Rache nehmen. Man sieht, wie schwer es ist, einen Standpunkt gegen die herrschende Meinung einzunehmen, welche sozialen Mechanismen plötzlich greifen und zu wirken beginnen, um den Dissidenten zu isolieren und zu zerstören.

Und es ist gut zu sehen, wie die Macht unter dem Deckmantel der Galanterie plump und brutal ist, im Gegensatz zur Tochter von Morus, die gebildet und feinsinnig ist.

Das alles ist kein Historienfilm, der eine historische Begebenheit dröge ableiert. Das ist ein Menschheitsdrama.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 11. Juli 2008)

Alejandro Amenábar: Agora (Film 2009)

Wie sich eine kollektive Weltanschauung Schritt für Schritt durchsetzt

Der Film „Agora“ ist gut, sehr gut sogar – verstörend gut. Er zeigt, wie eine kollektive Weltanschauung X – in diesem Fall das Christentum – sich in einer Gesellschaft Zug um Zug durchsetzt, und andere kollektive Weltanschauungen Y oder Z – in diesem Fall Serapis-Kult und Judentum – dabei schrittweise an Boden verlieren. Nebenbei kommen Freidenker, die mit den bisherigen kollektiven Weltanschauungen ein Arrangement gefunden hatten, unter die Räder, weil sie ein solches Arrangement mit der neuen kollektiven Weltanschauung eben noch nicht gefunden haben.

Der Film zeigt sehr gut, dass guter Wille allein nicht genügt, um widerstreitende kollektive Weltanschauungen zu befrieden. Denn die Dinge schaukeln sich hoch und haben eine Dynamik, die nicht beherschbar ist. Es nützt nichts, auf die Vereinfacher und Hetzer zu schimpfen – sie sind nun einmal immer da, man muss sie mitdenken, sonst hat man kein volles Bild der Wirklichkeit. Man sieht, wie auch vernünftige Menschen auf allen Seiten – auch wenn sie Macht haben – gegen die Neigung zur Dummheit, die in jeder kollektiven Weltanschauung angelegt ist, nichts ausrichten können.

Das Dumme an der Dummheit ist, dass man sie vollkommen gleichberechtigt mit der Realität behandeln muss, wenn sie nur gesellschaftliche Macht hat. Man muss mit ihr verhandeln. „Seit wann gibt es in Alexandria so viele Christen?“ lautet einer der Schlüsselsätze im Film. Dass in den Verfassungstexten einer Gesellschaft irgend etwas kodifiziert ist, spielt dann keine Rolle mehr – das wird alles gnadenlos Bestandteil der Verhandlungsmasse, wenn die Gewichte in der Gesellschaft sich verschieben.

Und dann gibt es noch die Möglichkeit, mit den Wölfen zu heulen, nur lauter. Im Film scheitert dieser Weg, weil der Protagonist nicht laut genug „mit den Wölfen heulte“ (der Moment, wo Orestes sich nicht niederkniet).

Natürlich denkt man bei all dem an das derzeitige Erstarken von Formen des Islams, die fern von der Vernunft sind (womit gesagt sein soll, dass der Islam auch vernünftig sein kann). Man kann die Sache aber auch tiefer hängen. Welcher Politiker z.B. könnte es sich leisten, Kohlendioxid als Verursacher des Klimawandels anzuzweifeln? Wer könnte es wagen, gegen das gedankenlose Multikulti und den Softsozialismus in der Gesellschaft anzugehen? Usw. usf.

Auch dies: Noch nie jedenfalls habe ich das Christentum so hinterfragt gesehen. Die meisten von uns sind ja mit einem „lieben“ Bild von Christentum aufgewachsen, und auch wenn wir alle es längst hinterfragt haben: So krass wie in diesem Film hat man es noch nie gesehen, und der Eindruck ist gerade auch deshalb so stark, weil der Film nicht übertreibt, sondern glaubwürdig bleibt: Auch wenn die wahre Story um Hypatia nicht exakt genau so gewesen ist, so kann man sich dennoch nur zu gut vorstellen, dass das Christentum diese üble Rolle auf diese Weise spielen kann und auch oft genug gespielt hat. „Halleluja“ statt „Allahu akbar“ – das kann man sich nur zu gut vorstellen.

Der Film war fast zu perfekt. Sogar die Aussprache von „Agora“ war richtig. Die meisten sagen ja „Agoora“, aber es heißt natürlich „Agoraa“ 🙂

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 27. März 2010; die Rezension ist dort inzwischen verschwunden.)