Schlagwort: Gericht

Uwe Neumahr: Das Schloss der Schiftsteller – Nürnberg ’46 – Treffen am Abgrund (2023)

Der Prozess, die Journalisten und die Frage nach der Schuld der Deutschen

Uwe Neumahr hat ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit geschrieben. Das eigentlich Interessante des Buches ist aber gar nicht der Nürnberger Prozess und das Presselager im Faber-Schloss. Dieses vordergründige Thema wird sehr ordentlich abgearbeitet. Nach einem Überblicksartikel zum Presselager folgen weitere Kapitel, die jeweils eine Journalistenpersönlichkeit und parallel dazu den Fortschritt des Prozesses besprechen. Dieses Darstellungsverfahren ist recht gut gelungen.

Der Prozess

Die Beschaffung von Beweisdokumenten war offenbar besonders schwierig, da viele Akten vernichtet oder in Bombenkellern ausgelagert waren. Manche Unterlagen waren auch im sowjetisch besetzten Teil Europas und damit praktisch unzugänglich. Es galt die Regel, dass alle Beweisdokumente vollständig vorgelesen werden mussten, was den Prozess langwierig und langweilig machte. Der Nürnberger Prozess war auch eines der ersten Großereignisse, die simultan gedolmetscht wurden. Die Organisation der Dolmetscher ist ein Thema für sich in diesem Buch.

Wir begegnen den Angeklagten: Vor allem Göring, der arrogant auftritt und alle Schuld von sich weist. Allen Ernstes sagte er, dass Hitler und er keine Ahnung gehabt hätten, wie wörtlich die SS den Befehl zur Endlösung nahm. Der US-Chefankläger scheitert schließlich an der Chuzpe von Göring. Dann der überzeugte Nazi Otto Ohlendorf, der als Führer von Einsatzgruppen hinter der Front rund 90.000 Menschen ermordete. Rudolf Hess blieb verschlossen und wurde teilweise für verrückt gehalten. Er bereute nichts. Der Hitlerjugendführer Baldur von Schirach fiel bei Hitler in Ungnade, weil er sich Juden und Osteuropäern gegenüber zu milde zeigte. Schirach behauptete, er habe keine Ahnung von den Vorgängen in den Lagern gehabt: Bei einem Besuch in einem Lager sei ihm ein Potemkinsches Dorf vorgeführt worden. Beobachter des Prozesses, die selbst in einem NS-Lager einsaßen, bestätigen, dass das tatsächlich der Fall gewesen sein könnte. Auch das Rote Kreuz wurde auf diese Weise getäuscht. Albert Speer schließlich bekam mildernde Umstände, weil er einer der wenigen war, der Hitler offen sagte, dass der Krieg verloren war und der Maßnahmen gegen die sinnlose Vernichtung von Produktionsstätten ergriff.

Am 29.11.1945 wurde im Prozess der Film „Nazi-Konzentrationslager“ vorgeführt, der drastische Bilder zeigte. Um die Reaktion der Angeklagten beobachten zu können, wurden die Anklagebänke während der Vorführung beleuchtet. Alle zeigten sich schockiert.

Im Verhör der Zeugen sticht die Person des österreichischen Generals Erwin von Lahousen heraus, der als Mitarbeiter von Canaris dem Widerstand angehörte und einer der wenigen Überlebenden des Widerstandes war. Lahousen legt als einziger umfassend und glaubwürdig Zeugnis ab von den verbrecherischen Vorgängen in der NS-Staatsführung. Zeuge ist auch Joseph Diels, ein wahrer Fouché in der Zeit des Nationalsozialismus, der aus Opportunismus 1933-36 Gestapochef wurde, bevor man ihn wegen Kompetenzstreitigkeiten wieder absetzte.

Alle Verhöre des Nürnberger Prozesses können auf Youtube im Original angehört werden. Unbesprochen bleibt die Zeugenaussage von Rudolf Höß, dem Lagerleiter von Auschwitz, der genau beschreibt, mit welchen Maßnahmen die Vernichtung der Juden geheim gehalten wurde.

Am Rande erfahren wir, dass Graf Roland Faber, in dessen Schloss das Presselager untergebracht war, kein Nazi war. Er verweigerte sogar die Erschießung von Juden. Seine Ehefrau Alix-May wurde als jüdisch angefeindet, da sie der Bankiersfamilie Oppenheim entstammte. Die zweite Ehefrau von Faber, Katharina, stammte aus der Familie Sprecher von Bernegg aus der Schweiz, wo es deutlich rechtslastige Bezüge gab. Mit Joseph Diels ging sie eine Affäre ein. – Bei einer Begegnung mit Willy Brandt verharmloste die Herzogin von Sachsen-Coburg ihren Ehemann Carl Eduard Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha (1884-1954), obwohl er ein Wegbereiter Hitlers war: Ab 1929 unterstützte er die NSDAP offen, rief 1932 zur Wahl Hitlers statt Hindenburgs zum Reichspräsidenten auf, und trat 1933 in die NSDAP ein. Seine Mitgliedschaft verlieh der Partei Ansehen auch im Ausland, er übernahm zahlreiche Ehrenämter im NS-Staat.

Einige der Journalisten beim Nürnberger Prozess sind auch unabhängig davon berühmte Persönlichkeiten, so z.B. Ernest Hemingway, Willy Brandt oder Markus Wolf. Es ist spannend, sie unter der Perspektive des Nürnberger Prozesses zu betrachten. Ein Nebenthema ist die Emanzipation der Frau zur damaligen Zeit, denn einige der Journalisten waren Frauen.

Die Schuldfrage

Die Frage nach der Schuld der Deutschen ist das heimliche Hauptthema des Buches. Denn alle diese Journalisten und Schriftsteller, Richter und Ankläger, Beobachter und Kommentatoren hatten eine Meinung zu diesem Thema. Immer wieder kommt das Buch auf diese Frage zurück, und es ist extrem spannend zu sehen, wer aus welchen Gründen welche These zur Schuld der Deutschen vertrat.

Dieses Thema ist hochaktuell und von größter Wichtigkeit. Denn noch immer hadern die Deutschen mit dem Nationalsozialismus. Noch immer wird dieses Thema für politische Zwecke missbraucht, meistens von Links, oder allzu schnell abgetan, meistens von Rechts. Die Aufarbeitung dieser Vergangenheit hat schweren Schaden genommen, denn sie hat sich einseitig entwickelt und hat selbstzerstörerische Züge angenommen.

Ulf Poschardt stellt in seinem 2025 erschienenen Buch „Shitbürgertum“ die Diagnose, dass das Unwesen des linken Shitbürgertums seinen Anfang bei Menschen nahm, die im Nationalsozialismus schuldig geworden waren und sich nach dem Krieg in heuchlerischer Weise zu moralischen Instanzen in Sachen Nationalsozialismus aufschwangen und ihre Mitmenschen mit dem Schuldvorwurf drangsalierten. Das vorliegende Buch gibt dem Leser eine hervorragende Gelegenheit, diese Schuldfrage noch einmal ganz frisch zu durchdenken, und zwar anhand der Meinungen, die unmittelbar nach 1945 existierten.

Sachfehler

Auf S. 37 wird Göring als „zweiter Mann im Führerstaat“ bezeichnet. Das ist falsch. Der zweite Mann nach Hitler war eindeutig Goebbels, und nach Goebbels Himmler. Von Göring witzelte die deutsche Bevölkerung, dass er gar nicht kapieren würde, was Hitler will.

Auf S. 117 heißt es, Wilhelm Emanuel Süskind, der Vater des Bestsellerautors Patrick Süskind, hätte eine Schuld der Vielen abgelehnt, wohl auch, um seine eigene Identität nicht hinterfragen zu müssen. Das ist unlogisch. Als Verstrickter, der er war, hätte es genau umgekehrt sein müssen.

Auf S. 229 heißt es, US-Soldaten hätten in Dachau eine Wachmannschaft erschossen, die nur als Ersatzmannschaft vor Ort war und gar nicht verantwortlich für die Zustände im Lager war. Dazu scheint es eine Debatte zu geben, die vom Autor nicht genügend berücksichtigt wird.

Fazit

Ein sehr lesenswertes Buch, das sein Thema nicht nur ordentlich aufarbeitet, sondern darüber hinaus eine hervorragende Gelegenheit bietet, die Frage nach der Schuld der Deutschen neu zu durchdenken.

Notizen: Pro und Contra Kollektivschuldthese

Im folgenden eine notizenhafte Auflistung der im Buch genannten Personen, sortiert nach ihrer Meinung zur Kollektivschuld der Deutschen – Pro, Contra, Weder-Noch – mit einigen Anmerkungen zu ihrer Rolle und ihren Motiven. Einige der aufgelisteten Personen werden im Buch nicht besprochen, sollen hier aber dennoch notizenhaft mit vermerkt sein, da die Lektüre dieses Buches auf sie stoßen ließ.

Die Positionen pro und contra Kollektivschuld wurden damals auch unter der Überschrift „Ein-Deutschland-These“ und „Zwei-Deutschland-These“ diskutiert (S. 96). Während die „Ein-Deutschland-These“ alle Deutschen in einen Topf warf (Kollektivschuld), ging die „Zwei-Deutschland-These“ davon aus, dass im nationalsozialistischen Deutschland nicht alle Deutschen Anhänger des Nationalsozialismus waren.

-1- Pro Kollektivschuld

Die Alliierten Besatzer:
Diese gingen zumindest implizit von einer Kollektivschuld aus. Das folgt indirekt aus der Absicht zu einer Re-education der Deutschen: Denn eine solche Re-education auf breiter Front war natürlich nur nötig, wenn das Volk als solches schuldig geworden war (S. 96). Man ging davon aus, dass der deutsche Nationalcharakter einen Gegensatz zur Freiheit bildet; General Lucius D. Clay, 1947 bis 1949 US-Militärgouverneur in Deutschland, der von allzu großer Härte gegenüber den Deutschen abriet, wollte die amerikanische Kultur in Deutschland implementieren, um den deutschen Geist zu befreien (S. 99). Überall wurde der Film „Die Todesmühlen“ gezeigt (S. 103). Überall hingen Plakate mit dem Text: „Diese Schandtaten: Eure Schuld!“ (S. 241) Erst am 18.05.1947 kam es zu einem Meinungswechsel. An diesem Tag erließ die britische Militärregierung den sogenannten Be-kind-to-the-Germans-Befehl.

Lord Vansittart (1881-1957):
Der britische Diplomat Baron Robert Vansittart wurde zum sprichwörtlichen Vertreter der Kollektivschuld der Deutschen, weshalb man auch vom „Vansittarismus“ sprach. 1941 hatte er das Buch „Black Record. Deutsche Vergangenheit und Gegenwart“ veröffentlicht. Seiner Meinung nach war der deutsche Volkscharakter militärisch und aggressiv. Der Nationalsozialismus sei die Kulmination des deutschen Wesens. Es sei Unsinn, bei den Deutschen zwischen Linken, Rechten, Katholiken usw. unterscheiden zu wollen. Nur eine harte Niederlage und eine lange Umerziehung würde helfen. (S. 130) Willy Brandt nannte den Vansittartismus „Rassismus mit umgekehrtem Vorzeichen“ (S. 131).

William Shirer (1904-1993):
Der US-Journalist William Shirer war ein Anhänger des Vansittarismus. Er beteiligte sich am „Komittee zur Verhinderung eines Dritten Weltkrieges“, den er erneut von Deutschland ausgehen sah. Noch 1985 argwöhnte er, dass die gemeinsame Kranzniederlegung von Ronald Reagan und Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof von Bitburg, auf dem auch SS-Männer beerdigt waren, ein Versuch der Deutschen wäre, die SS zu rehabilitieren. Erika Mann verteidigte Willilam Shirer. (S. 125-138) – Später kam heraus, dass William Shirer, der 1934-40 Korrespondent in Deutschland war, anfangs durchaus begeistert von Adolf Hitler war. Sein Tagebuch aus dieser Zeit wurde von ihm nachträglich redigiert, um das zu verschleiern (S. 128). In seinem 1960 erschienenen Buch „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“ blendete Shirer den deutschen Widerstand gegen Hitler völlig aus (S. 137).

Rebecca West (1892-1983):
Die britische Journalistin Rebecca West führte ein unstetes Leben und hatte eine Affäre mit dem Nürnberger US-Hauptrichter Francis Biddle, der nach außen hin die Rolle des konservativen Familienvaters spielte. Auch West ging von einer Kollektivschuld aus und unterstellte den Deutschen ein Defizit an Verantwortung und sozialem Bewusstsein. Schon in den 1930er Jahren hatte sie die Frage gestellt, warum die Briten nicht jeden Mann, jede Frau und jedes Kind dieser „abscheulichen Nation“ nach dem Ersten Weltkrieg über die Klinge hätten springen lassen: „Die wahnsinnige Barmherzigkeit und Nächstenliebe des Vertrags von Versailles bereiten mir Zähneknirschen.“ (S. 211, 213) Bei einem Aufenthalt auf dem Balkan 1936-38 schrieb sie den Balkanvölkern rassistische Stereotype zu (S. 213).

Erika Mann (1905-1969):
Die Familie Mann musste zu Beginn der NS-Herrschaft aus Deutschland fliehen, was vor allem bei Erika Mann zu einer gewissen Verbitterung führte, die sich teilweise auf ihren Vater übertrug, auf den sie großen Einfluss hatte. Diese Verbitterung ist angesichts des erlittenen Traumas verständlich, doch überzog Erika Mann ins Maßlose. Erika Mann war Anhängerin der Kollektivschuldthese. Die Deutschen waren für sie das „garstige, unselige Volk“, das zu keiner Selbstreflexion fähig sei und aus subjektiver Schuldunfähigkeit ein penetrantes Selbstmitleid habe. Deutschland sei ein verlorenes Land, „es ist einfach nicht menschenerkennbar“. Sie verleugnete ihr eigenes Deutschsein und stylte sich amerikanisch. (S. 113 f.)
       Wer in der Inneren Emigration war – von ihr „diese stolze Bruderschaft“ genannt – wurde von ihr gehässig verspottet: Werner Bergengruen warf sie vor, „jegliche deutsche Schuld in einem Meer menschlicher Sündhaftigkeit aufzulösen“ zu wollen (S. 118). Dass Rudolf Heß – über die Beziehung mit Karl Haushofer – seine schützende Hand über ihren Großvater gehalten hatte, wurde von ihr ignoriert. Mit Karl Haushofer führte sie kurz vor dessen Selbstmord 1946 ein gehässiges Interview, das dessen Abkehr von seinen Irrtümern im Jahr 1941 nicht honorierte. In der Adenauerzeit sah Erika Mann überall Nazis. Und 1968 stellte sie sich kritiklos auf die Seite der Studenten. (S. 114-118, 264-266) Ihr Ehemann W.H. Auden mahnte Erika Mann, sie solle nicht zuviel hassen (S. 108). Ihr Bruder Golo Mann warf ihr vor, auch Unwahrheiten zu verbreiten (S. 114).
       Während des Krieges hatte Erika Mann noch zusammen mit Klaus Mann das Buch „The Other Germany“ (1940) geschrieben (S. 109), das dafür argumentierte, dass es neben den Anhängern des Nationalsozialismus ein „anderes Deutschland“ gab und dass die Mehrheit der Deutschen keine Nazis waren, sondern das Ende Hitlers herbeisehnten. Nach dem Krieg war von dieser Einstellung nichts mehr vorhanden. Dass es in Nürnberg keine deutschen Richter gab, verteidigte Erika Mann, da man „den Deutschen nicht zutrauen kann, sich angemessen um ihre eigenen Kriegsverbrecher zu kümmern“ und da unter den deutschen Richtern immer noch unbelehrbare Nazis waren (S. 256).
       Erika Mann war eine umtriebige und teils liederliche Person, die ihre Abitur nur mit Ach und Krach geschafft hatte (S. 108). Zur Zeit des Nürnberger Prozesses hatte Erika Mann eine Beziehung mit Betty Knox, ebenfalls eine liederliche Person, die von ihren Eltern nicht gern gesehen wurde (S. 105-107). Im Presselager machte sie sich durch ihre Ansprüche unbeliebt (S. 111). In seinen letzten Lebensjahren stand ihr Vater Thomas Mann unter dem starken Einfluss seiner Tochter Erika Mann, die sich um ihn kümmerte.

Klaus Mann (1906-1949):
Der jüngere Bruder von Erika Mann, Klaus Mann, war praktisch immer derselben Meinung wie seine Schwester. Nachdem er zusammen mit Erika Mann 1940 das Buch „The Other Germany“ geschrieben hatte (S. 109), das die Kollektivschuldthese ablehnte, wandte er sich später wie seine Schwester der Kollektivschuldthese zu. Klaus und Erika Mann kritisierten auch gnadenlos Erich Kästner, der in der inneren Emigration in Deutschland geblieben war (S. 96 f.).

Peter de Mendelssohn (1908-1982):
Der deutsch-britische Schriftsteller Peter de Mendelssohn gründete ab 1945 im Auftrag der Westalliierten verschiedene Zeitungen in Deutschland. Dazu rekrutierte er auch Erich Kästner für die „Neue Zeitung“ in München. (S. 86) Mendelssohn galt als „unerbittlicher Umerzieher“ und wurde als zu streng kritisiert (S. 98). Erich Kästner warf er später vor, antiamerikanisch zu sein (S. 98). Von den deutschen Intellektuellen war er enttäuscht, weil sie „typically German“ reagiert hätten, nämlich unbelehrbar und weltabgewandt (S. 96). Peter de Mendelssohn war aber vielleicht milder, als manche meinen, was man daran ablesen kann, dass er Erich Kästner rekrutierte und dass er selbst wieder nach München zog und deutscher Staatsbürger wurde (S. 99).

Martha Gellhorn (1908-1998):
Die Journalistin Martha Gellhorn war eine der großen Chronistinnen des Zweiten Weltkrieges, die sich nicht scheute, Verbote zu umgehen und selbst in Gefahr zu kommen. 1936 heiratete sie Ernest Hemingway (1899-1961). Die Ehe war offenbar schwierig, beide warfen sich gegenseitig vor, voneinander abzuschreiben. Wegen ihrer deutschen Vorfahren warf ihr Hemingway „preussisches Blut“ und „krautism“ vor (S. 222).
       Schon 1943 gibt sich Martha Gellhorn als Anhängerin der Kollektivschuldthese von Lord Vansittart zu erkennen (S. 234). Im August 1944 schreibt sie: „Was für eine Rasse ist das, diese Deutschen: Wenn man bedenkt, dass man versucht hat, die Malaria auszurotten, könnten wir uns doch allemal ein wenig Zeit nehmen, die Deutschen auszurotten, die noch sichereren und hässlicheren Tod bringen.“ (S. 229) Hass ist für Gellhorn ein positiv besetztes Gefühl (S. 229). 1948 erscheint ihr Roman „Point of no Return“, in dem sie ihren Rachephantasien freien Lauf lässt und ein jüdischer US-Soldat deutsche Frauen totfährt (S. 230).
       1962 äußerte sie anlässlich einer Reise nach Deutschland, dass die Deuschen „unheilbar“ seien, wie „ruhende Schafe und Tiger“, die ohne die betäubende Wirkung des Konsums wieder zu „wahnsinnigen blutliebenden Schafen und menschenfressenden Tigern“ werden würden (S. 234). 1990 äußerte sie sich anlässlich einer Reise nach Deutschland angesichts der ausländerfeindlichen Anschläge von Rostock und Hoyerswerda: „Ich glaube, die Deutschen haben ein Gen locker.“ (S. 235)

Janet Flanner (1892-1978):
Die US-Journalistin Janet Flanner lebte vor dem Krieg mit Freundinnen in Paris, wo sie ein Netzwerk von lesbischen Beziehungen unterhielt (S. 148). Das Berlin der 20er Jahre kam ihr ungefährlich vor: Statt preußischen Stiernacken fand sie multikulturelle Buntheit und „semitischen Chic“. (S. 149) Adolf Hitler wurde von Flanner zuerst falsch eingeschätzt. 1936 schrieb sie ein ironisch-witziges Portrait zu Hitler. Später meinte sie rückblickend, dass die Situation erst Mitte der 30er Jahre bedenklich geworden wäre. (S. 150) Die Deutschen seien uneinsichtig. Sie habe nie nur gegen die Nazis gekämpft, sondern immer gegen Deutschland und die Deutschen. (S. 162 f.) Die Besonderheit von Janet Flanner war, dass sie generell „gegen Männer“ schrieb. Das nationalsozialistische Deutschland war für sie nur eine gute Gelegenheit, sich generell gegen Männer auszulassen (S. 153, 163).

Elsa Triolet (1896-1970) und Louis Aragon (1897-1982):
Beide waren ausgemachte Stalinisten und Mitglieder der französischen Resistance. Elsa Triolet war vermutlich mit dem sowjetischen Geheimdienst GPU im Bunde. Ihrer Meinung nach waren die Nürnberger Prozesse überflüssig, man hätte die Angeklagten einfach alle hängen sollen (S. 175 f.). Ihre Berichte vom Nürnberger Prozess waren teilweise sachlich falsch und antiamerikanisch (S. 176). Wie alle Anhänger der Sowjetunion glaubten sie fest an die Kollektivschuld der Deutschen: Aragon meinte, alle französischen Kunstwerke müssten aus Deutschland nach Frankreich verbracht werden (S. 178). Erst 1962 kamen beide zu der Einsicht, dass der Stalinismus ein Irrweg war. 1965 schrieb Elsa Triolet, dass die Deutschen wegen des Kalten Krieges nie entnazifiziert worden seien (S. 182).

Markus Wolf (1923-2006):
Auch Markus Wolf, der spätere Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes (Stasi im Westen), war als Stalinist Anhänger der Kollektivschuldthese (S. 198). Angesichts des Nürnberger Prozesses fragte er, wie man jetzt noch Menschen die Freiheit rauben könne? Mit dieser von ihm selbst stammenden These wurde er später vor einem deutschen Gericht konfrontiert, als seine Verbrechen für die DDR verhandelt wurden (S. 199).

-2- Contra Kollektivschuld

Robert H. Jackson (1892-1954):
Der Chefankläger der USA beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, Robert H. Jackson, eröffnete seine Anklage am 21.11.1945 mit einer Rede, in der er u.a. diese Worte sagte:
„We would also make clear that we have no purpose to incriminate the whole German people. We know that the Nazi Party was not put in power by a majority of the German vote. We know it came to power by an evil alliance between the most extreme of the Nazi revolutionists, the most unrestrained of the German reactionaries, and the most aggressive of the German militarists. If the German populace had willingly accepted the Nazi program, no Stormtroopers would have been needed in the early days of the Party and there would have been no need for concentration camps or the Gestapo, both of which institutions were inaugurated as soon as the Nazis gained control of the German state. Only after these lawless innovations proved successful at home were they taken abroad.“
Damit sprach der US-Chefankläger das deutsche Volk mehr oder weniger frei von Schuld. Heutige Historiker halten die Rede von Jackson für fast schon naiv großzügig in der Schuldfrage (S. 67 f.).

Erich Kästner (1899-1974):
Während des Nationalsozialismus blieb Erich Kästner in Deutschland. Als Grund nannte er, dass er Chronist der Ereignisse hätte sein wollen, sowie seine betagte Mutter (S. 97). Die Absicht, Chronist sein zu wollen, kontrastiert aber damit, dass er seine Zusage an Peter de Mendelssohn, ein Buch über die NS-Zeit zu schreiben, nie realisiert hat (S. 99). Als Kästner 1934 das Buch „Drei Männer im Schnee“ veröffentlichte, polemisierte Klaus Mann gegen ihn (S. 97). Kästner hatte im Nationalsozialismus Publikationsverbot, schrieb aber anonym für Film und Theater. Er ließ sich vom Regime wohl mehr einnehmen, als er eingestand (S. 96). Nach dem Krieg wurde Kästner als „Exilschriftsteller honoris causa“ (Marcel Reich-Ranicki) gewertet und von Peter de Mendelssohn für eine der neuen Zeitungen im Land rekrutiert (S. 86, 99). Die Adenauer-Zeit sah Kästner als eine „Ära der Demokratur“.
       Zu den Verbrechen des Nationalsozialismus war Kästner von einer gewissen Sprachlosigkeit befallen (S. 94). Zur Schuldfrage brachte ein ähnliches Argument vor wie Robert H. Jackson: „und die übrige Welt sollte sich zuweilen daran erinnern, wieviel Deutsche darin [in diesen Lagern] umgebracht wurden.“ Von Umerziehung hielt Kästner gar nichts. Zwang sei immer falsch. Die Deutschen wären in der Lage, sich mittels ihrer eigenen Kultur vom Nationalsozialismus zu befreien. Dabei dachte er an die freiheitlichen Traditionen, an die man anknüpfen könne. (S. 97-99)

Alfred Andersch (1914-1980):
Auch der Assistent Erich Kästners, Alfred Andersch, wandte sich laut diesem Buch gegen die Kollektivschuldthese (S. 98). Das ist interessant, denn Alfred Andersch entspricht sonst eher dem Prototyp des „Shitbürgers“ im Sinne von Ulf Poschardt.

Golo Mann (1909-1994):
Der jüngere Bruder von Erika und Klaus Mann, Golo Mann, war ein Einzelgänger. Nach dem Krieg arbeitete er beim neuen Radio Frankfurt in Bad Nauheim, wo die Amerikaner eine Art „gesteuerten Pluralismus“ zu etablieren versuchten. Golo Mann wandte sich gegen die Kollektivschuldthese und sprach sich für die Kollektivhaftung im Sinne von Karl Jaspers aus. Den Alliierten warf er vor, auch keine Engel zu sein. (S. 258) Seine Schwester Erika Mann kritisierte er dafür, in ihrem Furor auch wahrheitswidrige Dinge gesagt zu haben (S. 114). Politisch bewegte sich Golo Mann immer mehr nach rechts. Später unterstützte Golo Mann Franz-Josef Strauß und engagierte sich für eine Begnadigung von Rudolf Heß, wobei er sich mehrfach mit allzu rechten Kreisen einließ, die ihn gegen seinen Willen vereinnahmten (S. 258-266).

Willy Brandt (1913-1992):
Der spätere Bundeskanzler Willy Brandt war als Korrespondent einer norwegischen Zeitung in Nürnberg. Zu dieser Zeit schrieb er an seinem 1946 auf Norwegisch und Schwedisch veröffentlichten Buch „Verbrecher und andere Deutsche“. Darin versuchte Willy Brandt, der Deutschenfeindlichkeit in Norwegen und Schweden entgegenzuwirken. Er sprach sich gegen den Vansittarismus aus und gegen die Vorstellung, dass die Deutschen eine Hordenmentalität hätten. Zwischen Schuld und Verantwortung müsse differenziert werden. Später wurde Willy Brandt unterstellt, das Buch sei deutschfeindlich, was aber nicht zutrifft. Es erschien erst 2007 in deutscher Sprache. (S. 190-194) Den Vansittartismus nannte Willy Brandt „Rassismus mit umgekehrtem Vorzeichen“ (S. 131).

George Orwell (1903-1950):
Der britische Schriftsteller George Orwell schätzte die Deutschen als Kulturvolk. Über die antideutsche Gesinnung vieler seiner Landsleute machte er sich lustig. (S. 47)

Victor Gollancz (1893-1967):
Der britische Verleger, Sozialdemokrat und Pazifist Gollancz war ein früher Gegner Hitlers, kritisierte aber nach dem Krieg die Behandlung der Deutschen, auch die Vertreibung. Er sprach sich gegen die Thesen von Lord Vansittart aus.

Wilhelm Emanuel Süskind (1901-1970):
Der Vater des späteren Bestsellerautors Patrick Süskind, Wilhelm Emanuel Süskind, hatte sich als Herausgeber und Beiträger von NS-Zeitschriften mit dem Regime verstrickt. Vor dem Krieg war er ein Jugendfreund von Erika Mann, nach dem Krieg verhielt er sich gegenüber den Manns ziemlich frech. Die These von der Schuld der Vielen lehnte er ab, es müsse genau unterschieden werden zwischen den Tätern und den passiv Gebliebenen (S. 117).

-3- Weder-Noch

Karl Jaspers (1883-1969):
Der bekannte Philosoph Karl Jaspers veröffentlichte 1946 das Büchlein „Die Schuldfrage“. Darin sprach er sich gegen die Kollektivschuldthese aus und differenzierte zwischen vier Schuldbegriffen: Der kriminellen Schuld, für die man sich vor Gericht verantworten muss, der politischen Schuld, für die man sich vor den Siegern verantworten muss, der moralischen Schuld, für die man sich vor dem Gewissen verantworten muss, und der metaphysischen Schuld, für die man sich vor Gott verantworten muss. (S. 241 f.)
       Allerdings wissen wir aus der Lektüre des Buches „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ von 1966, dass Karl Jaspers maßlos bei der Zumessung von individueller Schuld übertreibt, so dass daraus doch wieder eine Art von Kollektivschuld wird: Allein dass man überlebt hat, gilt praktisch schon als Schuld. Jeder, der nicht sein Leben daran gesetzt habe, den Nationalsozialismus zu bekämpfen, sei schuldig. Von allen Deutschen seien vielleicht 500.000 ohne Schuld, meint Jaspers. Paradoxerweise nimmt Jaspers aber z.B. den einfachen Soldaten in Schutz, weil er nur Befehlsempfänger war. Die Meinung von Jaspers erscheint sehr widersprüchlich.

Hannah Arendt (1906-1975):
Auch Hannah Arendt, die mit Karl Jaspers befreundet war, äußerte sich zur Schuldfrage. Sie sah eine „organisierte Schuld“ und wollte mehr als nur eine kriminelle Schuld sehen, von der Jaspers sprach. Näheres ist in diesem Buch nicht zu erfahren. (S. 241 f.) Generell wurde die Debatte um die Schuldfrage in kulturpolitischen Zeitschriften geführt. Daran beteiligen sich neben Hannah Arendt auch Thomas Mann und Franz Werfel (S. 241).

Thomas Mann (1875-1955):
Der Schriftsteller Thomas Mann tendierte in seinen Aussagen deutlich zur Kollektivschuld, doch steht das in seltsamem Kontrast zu seiner humanistischen Grundhaltung und seinem fortwährenden Bemühen um Deutschland und die Deutschen in Radioansprachen und Reden. Vielleicht verdankt sich manche Härte aus dem Mund von Thomas Mann dem Einfluss von Erika Mann, die sich um ihren Vater Thomas Mann in seinen letzten Jahren kümmerte. Da fallen dann Sätze wie dieser über die Deutschen: „Dass sie sich jedem verrückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt und sie lehrt, Nationalität als Isolierung und Rohheit zu begreifen, ist miserabel.“ In seiner Rede „Deutschland und die Deutschen“ wird aber eine ganz andere Perspektive eröffnet, nämlich der Gedanke: Kein Faust ohne Mephisto. In Frankfurt am Main hielt Thomas Mann 1949 eine Rede mit dem Titel „Goethe und die Demokratie“. Wer an eine Kollektivschuld glauben würde, würde das alles nicht tun. Wir ordnen Thomas Mann deshalb bei Weder-Noch ein. Die Lektüre dieses Buches sowie ein paar kurze Notizen sind definitiv nicht ausreichend, um die komplexe und widersprüchliche Meinung von Thomas Mann richtig zu erfassen und einzuordnen.

Alfred Döblin (1878-1957):
Der Schriftsteller Alfred Döblin verfasste im Auftrag der französischen Besatzungsmacht die Aufklärungsschrift „Der Nürnberger Lehrprozess“, die in 200.000 Exemplaren verteilt wurde. Darin täuschte er vor, in Nürnberg gewesen zu sein. (S. 140 f.). Döblin hielt „die Deutschen“ für schuldig, aber auch für bekehrbar. Seine Idee einer Kollektivschuld löste sich praktisch in Humanismus und Optimismus auf, zu denen sie im Widerspruch stand.

John Dos Passos (1896-1970):
Der US-Journalist und Schriftsteller John Dos Passos war mit Ernest Hemingway im Spanischen Bürgerkrieg, wurde dort aber desillusioniert und verließ Spanien wieder, während Hemingway blieb, was zum Zerwürfnis führte. John Dos Passos: „Meine Beobachtungen in Spanien führten zu einer vollständigen Desillusionierung über den Kommunismus und die Sowjetunion.“ (S. 60) Auf die Frage, warum der Nationalsozialismus schlimmer gewesen sein soll als die Kriegsverbrechen der USA, darunter die Bombardierung Dresdens, die 15 Millionen deutsche Vertriebenen oder die Auslieferung Polens an die Sowjetunion, wusste Dos Passos keine Antwort (S. 64). John Dos Passos erscheint hier sehr ratlos.

Wolfgang Hildesheimer (1916-1991):
Der Schriftsteller und Maler Wolfgang Hildesheimer war in Nürnberg als Dolmetscher tätig, was ihn psychisch offenbar sehr belastete. Damals kritisierte er, dass die Deutschen vor lauter Selbstmitleid kein Schuldgefühl hätten. Doch 1949 änderte er seine Meinung völlig. Die Deutschen seien „wenn auch vielleicht nicht zum größten, aber doch wohl zum großen Teil schuldlos.“ (S. 243) Als Fritz J. Raddatz in der ZEIT 1979 die NS-Vergangenheit der Mitglieder der Gruppe 47 hinterfragte, antwortete Hildesheimer, der seit 1951 Mitglied der Gruppe 47 war, mit einem Artikel: „Waren meine Freunde Nazis?“ Seine Antwort lautete, dass manche damals vielleicht tatsächlich Nazis waren, heute jedoch nicht mehr. 1957 ging Hildesheimer in die Schweiz. 1964 meinte er, zwei Drittel der Deutschen seien Antisemiten, und würden es immer bleiben. Als Richard von Weizsäcker den 1984 den 8. Mai einseitig als „Tag der Befreiung“ bezeichnete, begrüßte Hildesheimer das.

Fazit der Notizen

Wir sehen zur Schuldfrage erstaunlich viele Einseitigkeiten und erstaunlich viele Widersprüchlichkeiten. Vieles würde einer rationalen Überprüfung nicht standhalten. Bei den Anhängern der Kollektivschuldthese sehen wir teilweise Fanatismus am Werk: Wer selbst in kollektiven und rassistischen Stereotypen denkt, kommt natürlich leicht zu einer Kollektivschuldthese. Der primitive Deutschenhass erinnert strukturell an das stereotype Denken von Kirchenhassern, Islamhassern oder Judenhassern.

Die überzeugendsten Antworten auf die Schuld der Deutschen scheinen bei Erich Kästner und Willy Brandt zu finden zu sein. Beide waren gewiss keine Nazis, aber auch keine Kollektivschuld-Fanatiker, sondern Humanisten und Realisten, die die Situation der Otto-Normal-Deutschen im Nationalsozialismus aus eigener Anschauung kannten und sich allzu einfachen Anworten auf die Schuldfrage verweigerten. Aber auch diese beiden formulieren nur grobe, menschliche Überlegungen, eine ausformulierte Analyse der Schuldfrage findet sich nirgends. Strukturell hat Karl Jaspers wohl am weitesten gedacht.

Das Phänomen der „Shitbürger“ im Sinne Ulf Poschardts, dass also Nazis versuchten, sich mit der Kollektivschuldthese selbst von persönlicher Schuld rein zu waschen bzw. ihre persönliche Schuld von sich abzuspalten und auf das Volk zu projizieren, sehen wir in diesem Buch selten. Vermutlich, weil es die Zeit direkt nach 1945 betrifft. Die Shitbürger begannen sich erst im Anschluss an diese Zeit zu entwickelen. Ein „Shitbürgertum“ deutet sich aber bei Erika Mann an, die ihr Deutschsein verleugnete. Wer als Deutscher den Deutschen eine Kollektivschuld zuschreibt, sich selbst aber davon ausnimmt, kann dies logischerweise nur durch Selbstverleugnung tun. Auch Wolfgang Hildesheimer ist als Mitglied der Gruppe 47 ein Kandidat für das Shitbürgertum.

Im Jahr 1946 machte die US-Militärregierung eine Umfrage unter den Deutschen, bei der sich 92% gegen die Kollektivschuldthese aussprachen (S. 241). Die restlichen 8% müssen wohl entweder schuldige Nazis gewesen sein, die ihre Schuld durch die Kollektivschuldthese zu relativieren suchten, oder selbsthassende Deutsche wie Erika Mann.

Die Atmosphäre in Nachkriegsdeutschland wird besonders gut in dem Roman „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen eingefangen. Dort zeigt sich keiner schuldbeladen. Die Leute haben ganz andere, völlig praktische Sorgen. Auch die Beobachter von Nürnberg stellten wiederholt fest, dass die Masse der Deutschen sich keiner Schuld bewusst war und sich in ihrer misslichen Situation nach 1945 vielmehr selbst bemitleidete. Es wäre zu überlegen, ob dies bei den meisten vielleicht keine Verleugnung von Schuld war, sondern einfach nur naive Ehrlichkeit, also das, was die Leute wirklich glaubten.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow (1879/80)

Dostojewskis größtes Werk: Der Seelenzustand Russlands vor Gericht

Der Roman „Die Brüder Karamasow“ ist der letzte und zugleich der großartigste Roman von Fjodor Dostojewski, in dem alle Themen seiner früheren Romane wiederkehren und zu neuen Höhen geführt werden.

Ort der Handlung ist eine russische Kleinstadt mit ihren Bewohnern, in denen sich Russland wiederspiegelt. Russland spiegelt sich auch in der Familie Karamasow wieder, die aus dem Vater Fjodor Pawlowitsch, den drei Söhnen Dimitri, Iwan und Alexei, sowie dem unehelichen Sohn Smerdiakov besteht. Die Mütter sind bereits alle verstorben. Im Vater zeigt sich der Verfall der russischen Familie, die ihre Kinder vernachlässigt. Dimitri (Mitja) ist die unverfälschte russische Seele in all ihrer Widersprüchlichkeit, ein Schuft und ein Ehrenmann zugleich. Iwan ist der Intellektuelle, der von der westlichen Aufklärung zu Materialismus, Sozialismus und Zynismus verführt wurde und über den daraus folgenden Konsequenzen in seiner Seele zerrissen ist und nervlich zu Tode erkrankt. Smerdiakov ist ungeliebt, herabgesetzt, halbgebildet und selbstverliebt, und begeht den Mord an seinem Vater, nachdem er sich von Iwan auf psychologisch subtile Weise dessen unbewusstes Einverständnis besorgt hat. Alexei (Aljoscha) ist schließlich eine sanfte und offenherzige Seele, ein Gottesnarr, der immer nur das Gute will und immer nur die Wahrheit sagt. Von ihm heißt es, er habe sich in einer Fluchtbewegung vor den Schrecken der Aufklärung dem Glauben der russischen Orthodoxie zugewandt. Seine Gefahr sei es deshalb, dem Mystizismus und Chauvinismus (Nationalismus) zu verfallen, was vielleicht noch schlimmer sei als die Irrtümer der westlichen Aufklärung, wie es im Roman heißt.

Dennoch ist Aljoscha die heilste Seele von allen. Von seinem geliebten Staretz, der zu Beginn der Handlung verstirbt, wird Aljoscha angewiesen, nicht Mönch zu werden, sondern in der Welt zu leben. Den ganzen Roman über eilt Aljoscha von Ort zu Ort, um sich mit diesem oder jenem zu treffen und etwas zu besprechen. Immer hat er noch etwas zu erledigen und muss schnell weiter. Es ist offensichtlich, dass Aljoscha die Rolle eines Vermittlers und Heilers einnimmt, an dessen Wesen Russland genesen soll. Deshalb umgibt sich Aljoscha auch mit Kindern, die eine große Rolle in diesem Roman spielen. Die Kinder sind die Zukunft, und die Erinnerung an schöne Erlebnisse in der Kindheit sind ein Mittel zur Rettung vor dem Bösen, das ist ganz klar die Botschaft. Nicht umsonst wird Aljoscha schon im Vorwort als der eigentliche Held des Romans angekündigt, gerade weil er in seiner Naivität etwas sonderlich ist, und obwohl der heilende Effekt seines Wirkens unbestimmt erscheint.

Nach einer sehr langen Vorbereitung kommt es in diesem sehr langen Roman schließlich zu einem Mord und zu einem Gerichtsprozess gegen den Angeklagten Dimitri: Es ist klar, dass hier Russland vor Gericht steht. Die Plädoyers von Ankläger und Verteidiger sind präzise Analysen der russischen Seele der damaligen Zeit anhand der Brüder Karamasow. Der Angeklagte steht unschuldig vor Gericht, und wird zu Unrecht verurteilt, doch das Urteil des Autors fällt milde aus: Trotz mancher Schuld und einigen Ungestüms hat kein Mord stattgefunden.

Im Rahmen dieser weit gespannten Handlung finden sich zahllose größere und kleinere Szenen, die diesen Roman zu einem Füllhorn an Gedanken machen, an denen man sich ein Leben lang abarbeiten kann, so z.B.:

  • Der Staretz, das Klosterleben, das einfache russische Volk. Die russische Orthodoxie als solche: Die Kirche muss zum Staat werden, nicht der Staat zur Kirche. Die Idee, dass die Rettung des Christentums aus dem Osten kommt. Der Katholizismus, in dem der römische Staat weiterlebt und die Kirche in sich abgetötet hat, sei hingegen schuld an der westlichen Aufklärung, die von Dostojewski kurzerhand mit Materialismus und Sozialismus in eins gesetzt wird.
  • Die Rede des Staretz über seinen kranken Bruder, und dass alle Menschen Schuld aneinander haben. Dazu die Geschichten von dem seltsamen Duell und von dem Fremden, der seine Schuld offenbaren muss, um davon frei zu werden. Dass alle Menschen Schuld aneinander haben, erkennt später auch Dimitri voller Reue. Ein Grundthema bei Dostojewski.
  • In Smerdiakov kehrt die Figur des Raskolnikov wieder: Er mordet aus zynischem Kalkül, kann aber mit seiner Tat nicht leben. Reue verspürt er dabei keineswegs und begeht Suizid, ohne seine Schuld zu bekennen.
  • Im Stabskapitän und dessen sterbenden Sohn Iljuscha wird das völlige Scheitern, die völlige soziale Erniedrigung und die völlige Hoffnungslosigkeit gezeigt. Sehr berührend. Und doch lässt Dostojewski aus dem vergeblichen Aufstand des kleinen Iljuscha am Ende die Gemeinschaft von Aljoscha mit den Kindern erwachsen.
  • Kolja Krassotkin ist der Prototyp des „verdorbenen“ Jugendlichen, d.h. eines altklugen, ideologisch früh verblendeten, hochnäsigen, gnadenlosen Menschen, der alle rücksichtslos quält und nur an sich denkt. Mathematik und Naturwissenschaften findet er sinnvoll, das Studium der Weltgeschichte und der klassischen Sprachen hält er hingegen für überflüssig (ist aber gut in Latein!): Sehr bezeichnend. Er ist Sozialist und wäre sicherlich ein gnadenloser Funktionär geworden, wenn er nicht durch Aljoscha pädagogisch gerettet worden wäre.
  • Miussoff ist ein selbstgefälliger, egoistischer Liberaler, Rakitin ein weiterer zynischer Sozialist.
  • Erkenntnis: „Heutzutage fürchten sich fast alle begabten Menschen am meisten vor der Lächerlichkeit“. Und: „…nur soll man nicht so sein, wie alle sind, das ist es!“
  • Lise, Gruschenka: Liebenswerte Frauen, die plötzlich aus einer Laune heraus auf böse „umschalten“.
  • Der „russische Candide“: Iwan rechnet in seiner „Empörung“ mit den sinnlosen Verbrechen ab, die in der russischen Gesellschaft an unschuldigen Kindern geschehen, die darüber vergeblich im Glauben Schutz suchen.
  • Iwans Poem „Der Großinquisitor“. Eine Polemik gegen die katholische Art des Christentums, aus dem Dostojewski die westliche Aufklärung mit Materialismus und Sozialismus entspringen sah. Aber nicht nur das.
  • Der Alptraum Iwans: Die Aufdeckung seiner Seele durch den Teufel, den seine seelische Krankheit als Abspaltung seiner selbst ins Zimmer projiziert.
  • Viele offenherzige Reden, in denen Menschen ihr Herz ausschütten, wie Marmeladow in „Schuld und Sühne“. Unübertroffen Frau Chochlakowa, die ständig neben sich steht und so manche Wahrheit über das Verhältnis von Männern und Frauen zu verkünden hat.
  • Es gibt auch einiges zu lachen in diesem Roman.
  • Wiederholt wird Schiller zitiert, ganze Passagen aus: Die Räuber. Das Eleusische Fest. Ode an die Freude.
  • Einige Seitenhiebe gegen die Deutschen und ihre Kultur: Die Deutschen seien autoritätshörig, aber gut in Wissenschaften. Deutsche Kleidung habe ein schmutziges Aussehen. Der deutsche Witz ist kartoffelig und fröhlich-selbstzufrieden.
  • Thomas Mann hat sich für seine Romane, speziell für den „Zauberberg“ offensichtlich bei Dostojewski bedient: Parallelen sind u.a. ein Duellant, der nicht schießen will, oder Träume, die Erkenntnis bringen, oder eine Romanfigur als Repräsentant eines Landes und seiner Seele.

Fazit

In seinem geistigen Kampf gegen den Materialismus ist Dostojewski in diesem Roman noch einmal zur Hochform aufgelaufen und hat zugleich ein wenig Optimismus für die Zukunft gewagt. Die Analysen und Warnungen Dostojewskis sind natürlich richtig und haben sich in der Zeit der kommunistischen Diktatur vielfach bewahrheitet. Auch heute ist die Gefahr keineswegs gebannt, weshalb der Roman auch für unsere Zeit gültige Wahrheiten und Warnungen zu bieten hat.

Allerdings hat Dostojewski für unsere Zeit – und wohl auch schon für seine Zeit – zu wenige konstruktive Vorschläge zu machen. Ein Zurück zur christlichen Religion und speziell zur russischen Orthodoxie ist weder intellektuell redlich vertretbar noch sind die Probleme des organisierten Christentums übersehbar, und das nicht nur bei der von Dostojewski so schwer kritisierten katholischen Kirche. – Der Gedanke, dass alle voreinander schuldig sind, ist zwar richtig, aber für sich allein genommen nicht zielführend sondern nur erdrückend. Hier ist Albert Schweitzer mit seiner Maxime „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ vielleicht zielführender. – Schließlich ist die Sicht auf die Aufklärung zu einseitig. Ja, die Aufklärung hat auch Materialismus und Sozialismus hervorgebracht. Sie hat aber noch viel mehr hervorgebracht. Die geistige Bewegung der Aufklärung kann nicht über einen Kamm geschoren werden.

Immerhin finden sich folgende konkrete Punkte: Zum einen die klassische Bildung, konkret werden Schiller, das Studium der Geschichte und der klassischen Sprachen genannt, aber immer wieder auch russische Klassiker. Zum anderen die Familie als Ort der gegenseitigen sittlichen Bildung von Mann, Frau und Kindern in Liebe. Und vielleicht könnte man Dostojewski mit der Aufklärung versöhnen, wenn man sie als nahtlose Fortsetzung des klassischen Humanismus deuten würde? Auf dieser Grundlage ließe sich dann leichter unterscheiden, welche Aspekte der Aufklärung humanistisch sind, und welche nicht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 18. November 2021)