Schlagwort: Glaube (Seite 2 von 2)

Martin Walser: Mein Jenseits – Novelle (2010)

Kein Jenseits, kein Glaube, sondern nur die üblichen inneren Kämpfe

Die Handlung des Büchleins ist kurz erzählt. Es geht um Augustin Feinlein, der einst verliebt und verlobt war mit Eva Maria. Doch dann wurde ihm die Freundin von einem Bekannten (Wagner-Fan, NS-Familie mit Schloss) im Handstreich ausgespannt und vor der Nase weggeheiratet. Eva Maria schreibt ihm dann noch Postkarten: „in Liebe“. Später dann, als Feinlein Direktor des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen war, heiratete Eva Maria zum zweiten Mal, aber wieder nicht ihn, sondern ausgerechnet Dr. Bruderhofer, einen Arzt am selben Krankenhaus, der Augustin Feinlein als Direktor beerben möchte und Schritt für Schritt gegen ihn arbeitet. So macht sich Dr. Bruderhofer lustig über die Reliquienforschung von Feinlein. Als Maßnahme gegen Dr. Bruderhofer (verwirrt im inneren Kampf) stiehlt Feinlein eine Reliquie, wird überführt, und überlässt Dr. Bruderhofer, entlarvt als verwirrter alter Mann, schließlich seinen Posten: Die Niederlage ist komplett.

Wie bei Martin Walser üblich geht es um die inneren Kämpfe, die der Protagonist gegen einen Kontrahenten führt, dem er hoffnungslos unterlegen ist. Der Kampf findet kaum auf der Handlungsebene statt, sondern vor allem im Inneren des Protagonisten, dem man beim Denken zusieht: Wie er sich ausmalt, was er alles gegen seinen Kontrahenten tun könnte, wie er sich seinem Kontrahenten gegenüberstellen könnte. Aber es bleibt fast alles Phantasie. Und es geht um die innere Einstellung zum aussichtslosen Kampf, um die Interpretation einer Niederlage als insgeheimem Sieg, um das Schönreden von Verlust als bereichernder Entsagung. Am Ende bleibt dennoch die Erkenntnis, dass man sich was vormacht. Auf der praktischen Ebene bleibt nur eine hilflose, symbolische Handlung übrig, mit der sich der Protagonist vollends lächerlich macht.

Im Hintergrund dieses Büchleins schwelt die Ur-Niederlage, dass Feinlein für Eva Maria nicht als Mann infrage kommt. Dass er tun und sein kann, was er will, und dennoch nicht infrage kommt. Andere hingegen schon. Schließlich stürzt er sich in den selbstbetrügerischen Glauben an die Wahrheit von Eva Marias Postkarten-Floskel: „in Liebe“. Dieses Thema wird ständig mit den anderen Konflikten und Themen verschränkt. Aber auch solches kennen wir aus anderen Werken.

Ganz neu ist in diesem Buch vielleicht der Aspekt des Glaubens. Der Glaube als Helfer in der Not, in der Not der Ausweglosigkeit und der hoffnungslosen Niederlage. So wird der Glaube für die Vorfahren beschrieben, so nimmt der Protagonist auch den Glauben für sich in Anspruch. So wird auch der Glaube an die Reliquien verhandelt: Es gehe nicht darum, dass die Reliquie echt sei, sondern dass der Glaube echt sei. So findet z.B. auch der alljährliche Blutritt statt, obwohl die Reliquie gestohlen ist – niemand merkt es, die Kirche nimmt einfach eine ähnlich aussehende Monstranz. Glaube heiße, sich die Welt so schön zu machen, wie sie nicht ist. Hier dichtet Walser sogar einen eigenen Psalm der selbstbetrügerischen Hoffnung (S. 113 f.). Aber am Ende wird man durch das „Unerklärliche“ doch völlig zurückgewiesen und alleingelassen. Das Unerklärliche: Gemeint ist nicht Gott, sondern dass er, Feinlein, für Eva Maria nicht infrage kam. Damit war sein Leben aus den Angeln gehoben und seine Existenz gescheitert. Unerklärlich. Endgültig. Kafkaesk. „Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben, die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Die Wand war das Leben.“

Es handelt sich natürlich um eine völlig unterbelichtete Sichtweise auf den Glauben. Am Anfang denkt man noch, es gehe darum, dem Unerklärlichen vorsichtig nachzuspüren, dem Glauben einen gewissen Raum zu geben. Auch um nostalgischen Katholizismus scheint es anfangs zu gehen, der in katholischen Symbolen, Ritualen und Kirchenräumen Kontakt zu einem wie auch immer gearteten „Jenseits“ bekommt. In Rom geht Feinlein immer in die Augustinus-Kirche und betrachtet dort ein Madonnenbild von Caravaggio. In Scherblingen sitzt er gerne in der Kirche und genießt die Atmosphäre. Doch im Laufe der Geschichte wird klar, dass es überhaupt nicht um Glaube und Jenseits geht, sondern um eine schnöde Indienstnahme des Glaubens als irrationale Ausflucht und gewissermaßen „Opium des Volkes“ vor der schrecklichen Welt. Mehr nicht. Der selbstbetrügerische Glaube an das Gute im Täter und in dem, was einem angetan wurde, wird hier zur höchsten Form der Niederlage. Dass es tatsächlich metaphysische Wahrheiten geben könnte, darum geht es in diesem Büchlein keine Sekunde lang. Im Gegenteil, es ist sogar regelrecht ausgeschlossen, denn nur dann ist die Ausweglosigkeit, in der sich Walser hier suhlt, wirklich völlig ausweglos.

Fazit:

Was die Kämpfe und Niederlagen anbelangt, ist es ein echter Walser, und man kann alles wie immer mit der eigenen Lebenserfahrung abgleichen, manches wiedererkennen, und so sein eigenes Scheitern besser verstehen und tragen. Was das Glaubensthema anbelangt, ist es unter Niveau und enttäuschend. Immerhin nimmt sich Walser auch ein klein wenig selbst auf die Schippe: Seine subtilen inneren Kämpfe und Befindlichkeiten wiesen ihn als „Luxustyp“ aus. Und am Anfang wird beschrieben, wie man im Dorf mit jemand umgeht, der „komisch“ wird. Das war’s dann aber auch. Kein wirklich gutes Buch. – Es soll sich übrigens um einen „ausgelagertes“ Kapitel des Romans „Muttersohn“ handeln, ein Versuchsballon, ob die Leser ein „Glaubensbuch“ von Walser akzeptieren würden. Nun, es ist ja gar kein Glaubensbuch. Es tut nur so.

Bewertung: 3 von 5 Punkten.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 2. Oktober 2020)

Mouhanad Khorchide: Islam ist Barmherzigkeit – Grundzüge einer modernen Religion (2012)

Echter Reformer – aber teilweise noch zu kurz gesprungen

Ja, anders als manche andere Muslime, die nur deshalb von Reform reden, weil sie damit ihren traditionalistischen Islam verschleiern wollen, ist Mouhanad Khorchide in der Tat ein echter Reformer. Und was ebenso wichtig ist: Seine Reformideen sind kein Wunschdenken sondern funktionieren theologisch tatsächlich. Im Prinzip macht Khorchide mit dem Islam das, was christliche Theologen mit dem Christentum in den letzten Jahrhunderten getan haben: Er bringt die Vernunft in den Glauben und dessen Interpretation zurück, und drängt traditionalistische Elemente zurück.

Es ist in der Tat möglich, im Koran zwischen ewig gültigen und kontextbedingten Aussagen zu unterscheiden, und man kommt damit in der Tat zu einem Islamverständnis, das Allbarmherzigkeit (bzw. Liebe) und Gnadenbarmherzigkeit ins Zentrum rückt. Ja, die problematischen Koranverse werden durch ihre historische Kontextualisierung entschärft. Ja, man kann bei Mohammed unterscheiden zwischen verschiedenen Rollen als Gesandter bzw. Staatsoberhaupt. „Islam“ im Kontext des Koran bedeutet auch noch nicht „den“ Islam als eigene Religion, sondern Religion im Allgemeinen. Diese Unterscheidungen lassen sich sogar sprachlich im Koran festmachen. Es funktioniert wirklich. Khorchide „verbiegt“ den Islam also nicht, sondern man kann mit Fug und Recht sagen, dass Khorchide den Islam wieder auf seinen eigentlichen Sinn zurückführt.

Und dieser Sinn ist mit westlichen Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten hinreichend kompatibel. Die Auffassungen von Khorchide sind zudem nicht brandneu, sondern haben in der islamischen Theologie schon immer eine gewisse Tradition gehabt. Soweit so gut.

Kritikpunkte

Die historische Kontextualisierung bei Khorchide beschränkt sich auf eine Kontextualisierung im Rahmen der überlieferten Mohammed-Legenden (Propheten-Biographie und Hadithe). Das ist theologisch nicht illegitim, aber dann hätte Khorchide mehr dazu sagen müssen, wie er denn unterscheidet, welche Überlieferungen glaubwürdig sind und welche nicht. (Die Frage nach menschlichen Einflüssen im Korantext lässt Khorchide gleich ganz aus, sie ist aber durch die Idee eines Gottes, der in einen historischen Kontext hinein spricht, praktisch mit abgedeckt.)

Khorchide wird, wenn er konsequent bleibt, nicht darum herum kommen, so manche liebgewordene Mohammed-Überlieferung als Legende zu entlarven. Insbesondere zu zwei dieser Legenden hat Khorchide nichts gesagt, obwohl er beide Ereignisse in seinem Buch berührt: (1) Das Massaker an den Juden von Banu Quraiza. Dieses Massaker ist nach historisch-kritischer Auffassung zum Glück nur eine böse Legende. Wer den Islam reformieren will, muss die Überlieferung dieses Massakers entschärfen. (2) Die Zerstörung der Götterbilder in der Kaaba durch Mohammed. Wenn Mohammed es ernst gemeint hätte, Toleranz im Glauben zu üben, dann hätte er diese Götterbilder von Andersgläubigen wohl kaum zerstört, sondern er hätte sie z.B. an einem anderen Ort wieder aufstellen lassen, damit sie dort weiter angebetet werden können. Auch diese Überlieferung muss entschärft werden.

Khorchide spricht über den zur Unbarmherzigkeit verfälschten Islam an vielen Stellen des Buches so, wie wenn dies nur eine Minderheit von „Fundamentalisten“ wäre. Erst am Ende des Buches kommt er darauf zu sprechen, dass nicht nur einige „Fundamentalisten“ das Problem sind, sondern der ganz normale traditionalistische Mainstream des Islam. Leider hat der verfälschte, unbarmherzige Islam die Mehrheit und die Haupttradition des Islam seit über 1000 Jahren auf seiner Seite. Die humanistische Interpretation des Islam hat hingegen fast immer nur als Nebenlinie der Haupttradition existiert. Das ist ein nicht unwesentlicher Gesichtspunkt, den Khorchide hätte mehr berücksichtigen und besprechen müssen.

Wenn wir das Spektrum der Glaubensrichtungen grob in die vier Kategorien traditionalistisch – konservativ – liberal – modernistisch unterteilen, gehört Khorchide zu den Liberalen. Er verbiegt und bricht den Glauben durch seine Reformen also nicht, wie es anpasserische Modernisten tun würden, und sein Fundament ist für einen vernünftigen Glauben von Konservativen und Liberalen gleichermaßen geeignet, gegen die Irrationalitäten von Traditionalisten und Modernisten.

Allerdings ist die Liberalität von Khorchide auch ein pädagogischer Schwachpunkt. Für traditionalistische Muslime ist der Schritt vom Traditionalismus zu einem aufgeklärten Konservatismus vielleicht gangbar. Aber der Schritt zu einem liberalen Verständnis von Religion könnte für viele zu weit sein, weshalb das Buch von Khorchide hier kontraproduktiv wirken könnte.

Das Ideal eines Glaubens, bei dem alles aus Gefühl und Neigung heraus geschieht, ist schön, aber oft ist es einfach nur rationale Pflichterfüllung. Bei Khorchide gibt es keinen aufgeklärten Begriff von Pflicht, Gehorsam und Autorität, er verwendet dieses Worte so gut wie nicht. Das Vollziehen von Ritualen, auch wenn es schwer fällt, kann zudem auch etwas Heilsames haben. Der Vorwurf von „Fundamentalisten“ (so nennt sie Khorchide), dass ein Muslim, der nicht betet, kein echter Muslim ist, ist im Prinzip durchaus berechtigt, was Khorchide verkennt. Schließlich ist Khorchides Auffassung zu hinterfragen, dass der Glaube allein zum Seelenheil nicht genügen würde. Dazu hat Luther bereits das Nötige gesagt. Khorchide hätte besser so formuliert, dass der Glaube zwar genügt, aber nur dann echt sein kann, wenn er auch zu Taten führt. Khorchide pflegt auch eine sehr modische Sprache: Es ist etwas zu viel von Liebe und Dialog, von Dynamik, Kritik und Dialektik die Rede, zu wenig von Pflicht, Vertrauen, Autorität und Glaubensgehorsam in einem aufgeklärten Sinn.

Schließlich taucht die Toleranz gegenüber Agnostikern und Atheisten bei Khorchide mit keinem Wort auf. Er spricht immer nur von Religionen, die alle der Weg zu Gott seien, und dass alle diese Religionen auf ihre Weise im Prinzip „Islam“ = „Hingabe an Gott“ seien. Nichtmonotheistische Weltanschauungen wie z.B. polytheistische Neuheiden, Agnostiker oder Atheisten hat Khorchide leider nicht in sein System der Toleranz eingebaut. Auch das ist ein deutlicher Schwachpunkt. – Zu Khorchides Verwendung von Koranvers 2:256 („Kein Zwang im Glauben“): Khorchide bezieht diesen Vers auch auf andere Religionen. Das ist problematisch, denn der Satz bezieht sich nach allgemeiner Auffassung nur auf den islamischen Glauben und die Art seiner Praktizierung, nicht aber auf Religionen im Allgemeinen. Das zerstört aber seine Argumentation nicht grundsätzlich.

Grundsätzlich gilt, dass Khorchide ein echter Reformer ist, dessen Weg vernünftig und tragfähig ist und in die richtige Richtung geht. Er ist deshalb zu unterstützen, er muss aber noch in einigen Punkten nachliefern.

Als gut lesbare Einführung in die historische Kritik der Ursprünge des Islam für jedermann sei folgendes Buch empfohlen, dessen martialischer Titel völlig in die Irre führt: Tom Holland, Im Schatten des Schwertes.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 13. April 2014)

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