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Mark A. Gabriel: Islam und Terrorismus – Was der Koran wirklich über Christentum, Gewalt und die Ziele des Djihad lehrt (2002)

Gutes Buch – Schlechtes Buch – Differenzierung

Das Buch von Mark A. Gabriel beschreibt den Islam in hervorragender Weise. So erscheint es jedenfalls zunächst. Von den Anfängen mit Mohammed, der ein blutrünstiger und mörderischer Kriegsherr war und befahl, die ganze Welt zu erobern. Von den zahllosen Versen im Koran, die zu Gewalt und Mord aufrufen. Vom Dschihad als Angriff und Unterwerfung. Von der Lehre der Abrogation, derzufolge „milde“ Verse durch spätere Gewaltverse überschrieben werden. Von der Tötung der Apostaten. Von der Unterdrückung der Frauen. Von der Sklaverei. Von der Lehre, dass Muslime lügen dürfen, um ihre wahren Absichten zu verschleiern. Es wird nichts ausgelassen.

Und ja: Diesen Islam, den Mark A. Gabriel hier beschreibt, den gibt es wirklich. Wir sehen ihn überall. Wir erleben ihn überall. Westliche Islamverbände versuchen, das Bild weich zu zeichnen, doch es ist offensichtlich, dass sie nur verschleiern wollen, was unter der Decke wirklich stattfindet. Es ist falsch, wenn unsere Politiker sagen, es sei nur der Islamismus, während „der Islam“ völlig harmlos sei. Nein, es ist nicht nur der Islamismus. Es ist auch der traditionelle Islam. Es ist auch der Traditionalismus, nicht nur der Islamismus.

Als Warnung vor einer echten Gefahr ist dies ein wirklich gutes Buch.

Warum ist es dennoch ein schlechtes Buch?

Ein Vergleich mag zeigen, warum dies ein schlechtes Buch ist. Stellen wir uns einen Beobachter des Christentums vor, der im Jahr 1500 beschreibt, was er sieht.

Er sieht eine totalitäre Weltkirche, vom Papst diktatorisch beherrscht. Diese Kirche rechtfertigt die Herrschaft von Königen und Adligen über die Menschen als gottgewollt. Bauern leben praktisch wie Sklaven unter ihren Herren. Frauen sind ihren Männern untertan und müssen ihr Haupt bedecken. Hexen und Ketzer werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Juden müssen in Ghettos leben. Hin und wieder kommt es zu einem Judenpogrom. Die arme Bevölkerung wird über den Ablasshandel weiter ausgepresst. Christliche Heere erobern blutig das neu entdeckte Amerika. Bei der Ausbreitung des Christentums wird nicht zimperlich vorgegangen. Große Teile der Indio-Bevölkerung kommen ums Leben, der klägliche Rest wird versklavt. Die Indio-Kultur wird ausgelöscht, denn sie gilt als gottlos. Reformer wie Jan Hus wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Einzelne Reformstimmen wie z.B. Erasmus von Rotterdam bleiben ungehört. Auch der Reformer Martin Luther wird bald für vogelfrei erklärt werden.

Wir sehen wahrlich kein gutes Bild des Christentums. Der Beobachter hat aber einen Punkt: Die Beschreibung ist nämlich nicht falsch. Alles das gab es im Jahr 1500 wirklich. Das Christentum war damals in keinem guten Zustand.

Wenn der fiktive Beobachter des Jahres 1500 jetzt sagen würde: Seht, so ist das Christentum! So war es immer. So wird es immer sein. Denn das steht ja auch alles in der Bibel: Der Papst, die Kirche, das Verhältnis zu den Juden, die Unterdrückung der Frauen, die Verbrennung der Hexen: Es steht alles im heiligen Buch der Christen und kann niemals geändert werden! Denn die Bibel ist Gottes Wort! – Wäre das ein gerechtes, ein faires, ein gutes Urteil über das Christentum? Die Antwort ist klar: Nein, das wäre es nicht.

Wo liegen die Denkfehler des fiktiven Beobachters?

Der Beobachter des Jahres 1500 hat völlig vergessen, dass das Christentum in den letzten 1500 Jahren auch ganz anders war als das Christentum, das er in seiner Gegenwart erlebt. Der Beobachter irrt, dass die Zustände des Jahres 1500 alle in der Bibel festgeschrieben stehen. Das war nur die Deutung (!) des Bibeltextes im Jahr 1500 durch die Kirche. Doch der Text der Bibel selbst sagt so etwas nicht unbedingt. Und nicht zuletzt unterschätzt der Beobachter die Reformer völlig.

Der Beobachter ist völlig der falschen Suggestion der Traditionalisten erlegen, dass das alles schon immer so war und immer so sein müsse. Diesen Irrtum nennt man Traditionalismus. Traditionalismus ist kein Konservativismus. Konservativismus kann auf der Grundlage der Vernunft auch neue Deutungen akzeptieren. Traditionalismus ist ein Festhalten und Festklammern an einer mittelalterlichen Vorstellung von Kirche und Religion gegen jede Vernunft.

Die Fehler des Mark A. Gabriel

Und genau diese Fehler begeht auch Mark A. Gabriel bei seiner Beschreibung des Islam. Es ist einfach falsch, dass alle diese Lehren im Koran festgeschrieben stehen würden. Der Koran ist ein höchst widersprüchliches Buch, in dem Gebote zu Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und Gastfreundschaft direkt neben Tötungsbefehlen stehen. Viele angebliche Lehren des Koran stehen auch gar nicht im Koran, sondern in der Hadith-Literatur, die erst Jahrhunderte nach Mohammed aufgezeichnet wurde. Kann man diese Texte auch anders deuten als der aktuell vorherrschende Islam? Aber natürlich kann man das! Mark A. Gabriel ist der Suggestion der Traditionalisten erlegen.

Und die Lehren des Koran sind in der Vergangenheit tatsächlich auch vielfach anders gedeutet worden. Mark A. Gabriel unterschlägt völlig die lange und windungsreiche Geschichte des Islam und tut so, als wäre der Islam in 1400 Jahren völlig unverändert geblieben. Schon wieder ist er der Suggestion der Traditionalisten erlegen! Keine Religion bleibt über 1400 Jahre unverändert. Das sollte einem schon der gesunde Menschenverstand sagen.

Bereits die Anfänge des Islam waren ganz anders, als die Traditionalisten es sich vorstellen. Die historisch-kritische Forschung zeichnet heute ein völlig anderes Bild der Anfänge des Islam als die traditionellen Überlieferungen, die erst Jahrhunderte nach Mohammed erstmals aufgezeichnet wurden. Mohammed war kein blutrünstiger Kriegsherr, und er wollte auch gewiss nicht die Welt erobern. Dann gab es auch eine Phase, in der sich der Islam auf der Grundlage der antiken Philosophie dem Rationalismus zuwandte (Mutazila) und höchst moderne Lehren vertrat. Dschihad wurde von manchen Gelehrten klar auf einen Verteidigungskrieg beschränkt, und zwar im Einklang mit der Kriegslehre Platons im Dialog Nomoi. Es ist derselbe Platon, der auch Grundlage der europäischen Kultur ist. Nicht zu vergessen die Reformbemühungen im Islam seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts, die mit viel Optimismus bis zum Ersten Weltkrieg vorangetrieben wurden. Erst die Reaktion auf die Eroberung der arabischen Welt durch Briten und Franzosen brachte die Reformbemühungen zu einem Ende, und es entstand der politische Islam, der Islamismus, wie wir ihn heute kennen. Seitdem wird der Islam von Traditionalisten und Islamisten beherrscht.

Mark A. Gabriel ist auch ungerecht, wenn er dem Islam das Christentum als bessere Religion gegenüberstellt. Manche sagen z.B., Jesus wäre friedliebend gewesen, so dass er auch die andere Wange hinhielt und lieber ans Kreuz ging. Ein solcher Religionsgründer ist jedoch genauso problematisch wie ein blutrünstiger Kriegsherr. Denn es ist das andere Extrem. Wer das Böse gewähren lässt, wird keine gerechte Gesellschaft errichten können. Aber kein christlicher Islamkritiker verschwendet einen Gedanken auf dieses ernste Problem.

Wer jetzt einwendet, dass Jesus und das Neue Testament gar nicht so friedliebend sind, wie viele meinen, hat vielleicht Recht, gibt aber damit gleichzeitig zu, dass vorherrschende Deutungen auch falsch sein können. Und natürlich entstehen mit einem nicht-friedlichen Jesus neue Probleme: Bis hin zur Rechtfertigung von Kreuzzügen, weil Jesus sagte, er bringe keinen Frieden, sondern das Schwert. Ja, so wurden die Kreuzzüge theologisch begründet, so falsch das auch gewesen sein mag: Das war die damals vorherrschende Deutung.

Wenn wir an die Emanzipation der Frau denken, dann ist diese in den christlichen Ländern noch keine 100 Jahre her, und die kirchliche Akzeptanz der Gleichberechtigung vielleicht erst 50 Jahre her, und das in 2000 Jahren Geschichte des Christentums. Auch die Sklaverei wurde von den Christen lange nicht abgeschafft, sondern erst um 1800. Da hat sich das Christentum aber sehr lange Zeit gelassen, seine guten Seiten zu zeigen, könnte man sagen!

In Wahrheit waren die Abläufe ja auch ganz anders: Es sind Humanismus und Aufklärung, die sich der Wiedergeburt der philosophischen Ideen der Antike verdanken, die ab 1500 zu greifen begannen. Christliche Humanisten und Aufklärer haben das Christentum zu Reformen gebracht, und zwar immer wieder gegen den Willen der Traditionalisten in der Kirche. So entstand schrittweise das menschenfreundliche Christentum, wie wir es heute kennen. Ein menschenfreundliches Christentum konnte glaubwürdig entstehen, weil die Anfänge des Christentums anders waren, als man um 1500 dachte. Also genau derselbe Vorgang, den auch der Islam in der Zeit der Mutazila und bei anderen Gelegenheiten erlebt hat und noch in Zukunft erleben könnte.

Was die aktuellen Reformbewegungen im Islam anbelangt, schweigt Mark A. Gabriel völlig. Das ist natürlich ein totales Versagen. Gewiss, diese Reformbewegungen ändern am schlechten Gesamtbild des aktuellen Islam erst einmal nicht viel. Aber es wäre ein großer Fehler, sie nicht im Auge zu behalten. In Marokko z.B. wurde die Lehre von der Tötung von Apostaten vom höchsten Fatwa-Rat abgeschafft. Und zwar mit einer historisch-kritischen Begründung: Die entsprechenden Aussagen im Koran beziehen sich nach Meinung des Fatwa-Rates auf eine Kriegssituation, und was an dieser Stelle mit dem Tod bestraft wird, ist nicht der Abfall vom Glauben, sondern der Hochverrat im Krieg. Eine logisch und historisch schlüssige Argumentation, die Schule machen könnte. Mit Argumenten dieser Art wurde auch das Christentum reformiert. Es wäre ganz falsch, solche Reformbewegungen einfach zu ignorieren. Hier kann sehr schnell aus etwas Kleinem etwas Großes werden.

Völlig verrückt ist auch der Lösungsvorschlag von Mark A. Gabriel: Die Muslime sollen zum Christentum bekehrt werden, meint er. Natürlich darf ein Christ Muslime bekehren wollen, aber wie realistisch ist es, das als große Lösung für das Problem zu verkaufen?! Es ist bestenfalls eine sehr, sehr kleine Teillösung.

Zusammenfassung

Mark A. Gabriel hat einen richtigen und wichtigen Punkt: Der Islam in seinem aktuellen Zustand, der von Traditionalisten und Islamisten beherrscht wird, ist eine echte Gefahr.

Es wäre aber ganz falsch zu sagen, dass „der Islam“ so sei, und dass Islamreformer praktisch ignoriert werden könnten, weil das nur Traumtänzer seien. Damit wirft man den Reformern Knüppel zwischen die Beine, schlägt allen gutwilligen Muslimen die Tür vor der Nase zu und treibt die Muslime in die Arme von Traditionalisten und Islamisten. Das ist selten dämlich.

Beim Islam muss natürlich zweigleisig vorgegangen werden: Einerseits muss man gegen Islamismus und Traditionalismus vorgehen. Andererseits muss man gutwilligen Muslimen die Möglichkeit eröffnen, einen reformierten Islam zu entwickeln. Eine pauschale Verurteilung des Islam verbietet sich deshalb genauso wie eine pauschale Verharmlosung des Islam. Was verurteilt werden muss sind Islamismus und Traditionalismus, nicht „der Islam“, auch wenn dieser aktuell von Islamismus und Traditionalismus beherrscht wird.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

Katholischer Erwachsenenkatechismus (1985/1995) – Katechismus der Katholischen Kirche (1992)

Grundlegende Lektüre zum Verständnis unserer Welt: Ein katholischer Katechismus

Die meisten Menschen winken beim Wort „Katechismus“ ab: Sie denken an eine Sammlung von kurzen Fragen und Antworten, wie sie die Schüler in früheren Zeiten auswendig lernen mussten. Die reine Schikane. Und doktrinärer Kirchen-Unsinn ist es obendrein. Wer glaubt denn sowas? Wer tut sich das an? Also weg damit.

Aber so einfach ist es nicht. Es gibt eine ganze Reihe von sehr guten Gründen, warum man einen Katechismus gründlich gelesen haben sollte:

  • Was ist Christentum überhaupt? Das ist genau die Frage, die ein Katechismus beantwortet. Ein Katechismus ist die Zusammenfassung der christlichen Glaubens- und Sittenlehre: Was man als Christ inhaltlich glauben sollte, und wie man als Christ leben und handeln sollte in der Welt. Das Wort „Katechismus“ könnte man mit „Lehrbuch“ übersetzen. – Viele Menschen glauben zwar zu wissen, was Christentum ist, doch in Wahrheit ist das vorhandene Wissen oft nur sehr oberflächlich. Da das Christentum aber nun einmal tatsächlich ein wesentlicher Grundpfeiler unserer gesamten westlichen Kultur ist, sollte man sich durchaus die Mühe machen, der Sache etwas näher auf den Grund zu gehen. Und zwar völlig unabhängig von der Frage, ob man das nun glauben will oder nicht. Darum geht es gar nicht. Es geht um ein unverzichtbares Stück Bildung, ohne das wir die Welt, in der wir leben, nicht richtig verstehen können.
  • Die Bibel deuten: Die meisten Menschen glauben, was Christentum sei, das stünde in der Bibel. Man müsse nur die Bibel lesen, und schon wüsste man, was Christentum ist. Aber das ist falsch. Ganz falsch. – Natürlich ist die Bibel das heilige Buch der Christen und damit die Grundlage des Christentums. Aber reicht ein Blick in die Bibel wirklich? Wenn ein x-beliebiger Christ an unserer Haustüre steht und uns eine Bibel überreicht, wissen wir dann schon, was der glaubt? Es gibt so viele Variationen: Papst oder nicht Papst? Bußsakrament oder nicht? Abendmahl als echte Wandlung oder nur als Symbol? Ehescheidung erlaubt oder nicht erlaubt? Jesus der wahre Sohn Gottes oder nur ein Auserwählter? Maria als Mutter der Kirche, oder nur ein unbedeutendes Waschweib? – Mit der Bibel allein weiß man praktisch nichts! Denn was eine Kirche aus der Bibel herausliest, das steht nur im Katechismus der jeweiligen Kirche. Und nur dort! Die Bibel hingegen ist sehr interpretationsfähig. Die Deutungen gehen weit auseinander. – Katholiken glauben zudem, dass das Leben der Kirche eine Überlieferung außerhalb der Bibel transportiert, die ebenfalls von Bedeutung ist. Auch deshalb reicht die Bibel allein nicht. Aufmerksame Leser werden schnell bemerken, dass sich Christentum und Kirche gar nicht voneinander trennen lässt. Wir wissen von Christus nur durch die Kirche. Auch die Bibel ist eine Hervorbringung der Kirche.
  • Christentum durchschauen: Gerade dann, wenn man dem Christentum gegenüber kritisch eingestellt ist, sollte man es kennen. Denn nur wer das Christentum kennt, weiß überhaupt, was alles auf das Christentum zurückgeht. Und nur dann kann man es auch kritisieren. Und sich Alternativen überlegen. Viele Kritiker des Christentums wissen gar nicht, wie viele Bestandteile unserer Kultur auf das Christentum zurückgehen. Sie nehmen viele christliche Dinge für selbstverständlich, die es gar nicht sind, und täuschen sich über die Welt, in der sie leben. Sie sollten einen Katechismus lesen.
  • Andere Religionen durchschauen: Natürlich ist es das Durchschauen und Verstehen anderer Religionen viel einfacher, wenn man erst einmal eine Religion etwas gründlicher durchschaut hat. Und das sollte natürlich zuerst die traditionelle Religion des eigenen Kulturkreises sein. Viele Menschen haben ein oberflächliches Verständnis von Christentum, das sie kurzerhand auf andere Religionen übertragen. Auf diese Weise geraten sie in beliebige Irrtümer über andere Religionen. Mit teils tragischen Konsequenzen. – Von den Islamverharmlosern ist das bekannt. Kaum jemand hat von Kultur und Religion so wenig Ahnung wie die Anhänger eines zügellosen Multikulti. Aber auch jene sind auf dem Holzweg, die sagen, sie hätten den Koran gelesen und wüssten jetzt ganz genau, was „der Islam“ lehrt. Der Koran ist jedoch ein extrem interpretationsbedürftiger Text. Im Koran stehen Aufforderungen zur Gastfreundschaft direkt neben Tötungsbefehlen. Und von Mohammed steht so gut wie nichts im Koran. Nichts wissen sie also! Sie haben schlicht das falsche Buch gelesen, wenn sie es überhaupt gelesen haben. Nicht der Koran, sondern die Deutung (!) des Korans durch die jeweilige Gruppierung ist entscheidend. Das arabische Wort für Katechismus ist übrigens Ilmihal. Islamhasser haben genauso wenig Ahnung von Religion und Kultur wie Islamverharmloser.
  • Einzelthemen: Die Zahl der Themen, zu denen heute Irrtümer kursieren, ist groß. Viele wissen z.B. nicht, dass die Bibel als ganzes als vom Heiligen Geist inspiriert gilt. Manche Christen meinen, sie bräuchten gewisse Texte der Bibel einfach nicht ernst nehmen, weil diese im Alten Testament stehen, oder in den Paulusbriefen. Das ist aber falsch. Auch diese gelten als Gottes Wort. – Ebenso falsch ist es, zu behaupten, die Bibel wäre von Menschen geschrieben, der Koran hingegen sei Gottes Wort. Denn natürlich gilt auch die Bibel als Gottes Wort. Inspiriert durch den Heiligen Geist, aufgeschrieben durch menschliche Schreiber nach deren begrenztem, menschlichen Verständnis. Kein Wort der Bibel kann gestrichen werden. Kein einziges! Religiöse Reformen kommen nicht dadurch zustande, dass man an Bibel oder Koran Streichungen vornimmt, sondern vor allem dadurch, dass man eine irrige Interpretation durch eine bessere Interpretation ersetzt. Mehr dazu unten. – Typisch katholische Themen wie die Heilige Wandlung (Transsubstantiation), die Heiligenverehrung, die Unmöglichkeit der Weihe von Frauen zu Priestern oder der Zölibat der Priester werden ebenfalls erklärt. Man würde sich wünschen, dass alle Journalisten, die über diese Themen schreiben, wenigstens einmal in ihrem Leben einen Katechismus gelesen hätten. Das würde uns 50% des Unsinns, der zur Katholischen Kirche geschrieben wird, ersparen. – Interessant auch, was die christliche Sittenlehre zur Rolle des Staates und der Autorität über andere Menschen zu sagen hat. Oder zum Wirtschaftsleben und zur Soziallehre. Ebenso die Lehre, wann Gewalt, Aufstand und Krieg legitim sind. Schließlich auch das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Kirche und Wissenschaft. Die Menge der Themen ist unerschöpflich.
  • Wie sieht eigentlich eine Gesamtweltanschauung aus? Ein Katechismus spannt – ganz unabhängig von den konkreten Glaubensinhalten – einen Rahmen auf, was alles für Fragen beantwortet werden müssen, um zu einer umfassenden Weltanschauung zu kommen. Auf diese Weise richtet ein Katechismus auch einen Maßstab für alle Kritiker des Christentums auf: Denn alle diese Fragen müssen eine alternative Antwort bekommen, wenn man die christliche Antwort ablehnt! Es ist wirklich eine Menge geistiger Arbeit, die geleistet werden muss, wenn man kein Christ mehr sein will. – In dieser Fülle von Fragen, die ein Katechismus behandelt, ist auch das hohe kulturelle Niveau beschlossen, das die westliche Welt erreicht hat. Man kann nicht einfach hinhüpfen und sagen: Ich glaube das alles jetzt nicht mehr, weg damit! Dieser „Wegwerf-Atheismus“ ist ja heute sehr beliebt. Aber er ist zugleich ein dramatischer Absturz des kulturellen Niveaus. Denn der Wegwerf-Atheismus schafft keine tragfähige Alternative. Er haust vielmehr in den Trümmern des untergehenden Christentums und zehrt unwissentlich von einer Substanz, die immer mehr schwindet. Der Wegwerf-Atheismus kann seiner Natur nach nur eine Übergangserscheinung sein. Entweder die Kultur verfällt tatsächlich, oder es kommt zu einem neuen Aufschwung, sei es mit dem alten Christentum, sei es mit einer anderen Weltanschauung, die ähnliches leistet (oder mit beidem zugleich auf einer gemeinsamen Grundlage?).

Leseempfehlung

Warum sollte es ein katholischer Katechismus sein? Ganz einfach deshalb, weil man hier auch heute noch wesentlich näher dran ist an dem, was Christentum war, ist und sein sollte, als irgendwo sonst. Die evangelische Kirche ist bekanntlich schon länger vom Zeitgeist zerfressen. Hier müsste man wohl bis in die 1950er Jahre zurückgehen, um einen brauchbaren Katechismus zu finden. Der ist dann aber nicht mehr für heutige Menschen geschrieben. – Und die Werke von Theologen? Diese können sehr hilfreich sein, aber sie leisten eines nicht: Sie sind nicht das autoritative Wort der Kirche, die sich vom Heiligen Geist geleitet sieht. Das findet man nur im Katechismus der Kirche. Nur der Katechismus „gilt“ sozusagen, nur der Katechismus bietet besiegelte Glaubenslehre.

Drei Werke seien empfohlen:

  • Zuerst der erste Band des „Katholischen Erwachsenenkatechismus“ der deutschen Katholischen Kirche, mit dem Untertitel „Das Glaubensbekenntnis der Kirche“. Der deutsche Katechismus zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr viel erklärt und eine Brücke zwischen der alten Überlieferung und der modernen Lebenswelt der Lesers zu schlagen versucht. Das wurde damals (1985) unter der Federführung von Walter Kasper auch noch sehr gut gemacht, ohne sich dem Zeitgeist anzupassen. Wenigstens dieses Buch sollte man gelesen haben. Es lohnt sich!
  • Als Schocktherapie könnte man dann den 1995 erschienenen zweiten Band des deutschen Katechismus lesen: „Leben aus dem Glauben“. Hier wird die Sittenlehre der Kirche dargelegt, doch leider ist dieser zweite Band bereits deutlich vom Zeitgeist angekränkelt. Der Leser wird den Unterschied zum ersten Band schnell bemerken und sich mit Grausen abwenden. Hier wimmelt es von ethischem Relativismus, und der Fokus liegt auf Umweltschutz und „sozialer Gerechtigkeit“. Gedanken wie Ordnung, Vernunft, Disziplin und Konsequenz sucht man in diesem Buch vergebens. Marktwirtschaft und Liberalität kommen kaum vor. Tapferkeit wird in diesem Buch ohne Umschweife mit „Zivilcourage“ im Sinne des linken Zeitgeistes übersetzt. Dass man auch tapfer gegen (!) den linken Zeitgeist sein könnte, oder z.B. auch tapfer als Polizist oder Soldat, kommt nicht vor. Zwischen 1985 und 1995 muss es in der deutschen Katholischen Kirche zu einem Sieg der Linken gekommen sein.
  • Sehr empfehlenswert ist die Lektüre des sogenannten „Weltkatechismus“ der katholischen Kirche, der unter der Federführung von Kardinal Ratzinger erarbeitet wurde und 1992 erschienen ist. Der offizielle Titel lautet „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK). Dieser deckt beide Teile ab, Glaubens- und Sittenlehre. Die Glaubenslehre wird hier etwas steifer und mit weniger Erklärungen abgehandelt. Es schadet aber nicht, dasselbe noch einmal in anderen Worten zu lesen. Vor allem aber findet man hier endlich auch die christliche Sittenlehre, die der zweite Band des deutschen Katechismus völlig versaubeutelt hat, in angenehm glaubwürdiger und authentischer Weise dargelegt.

Was fehlt: Entwicklung von Religion

Wer mitreden möchte in Sachen Kultur und Philosophie, in Sachen Literatur und Geschichte, in Sachen Geschichte und Politik, in Sachen Wissenschaft und Medizin, ja, überhaupt in allen (!) Dingen, die unsere westliche Kultur ausmachen, der hat mit der obigen Lektüre eine wichtige Grundlage gelegt.

Allerdings hat man damit noch nicht das ganze Bild. Mindestens eine Sache fehlt. Nämlich die Entwicklung des Christentums. Religionen sind keine statischen Gebilde, auch wenn deren heilige Bücher weitgehend unverändert bleiben. Religionen verändern und entwickeln sich. Teilweise in glaubwürdiger und legitimer Weise. Teilweise nicht. Dazu erfährt man in einem Katechismus recht wenig, weil der Katechismus immer nur die jeweils aktuelle Glaubens- und Sittenlehre enthält, die zum Zeitpunkt seiner Abfassung galt.

Tatsächlich leben Religionen zu einem guten Teil auch von der Suggestion, dass ihre Lehre schon immer so war und sich nicht verändert habe. Jedenfalls ist eine Veränderung der Lehre immer ein schmerzhafter Prozess. Denn eine Veränderung der Lehre bedeutet logischerweise, dass die zuvor geltende Lehre falsch war und man im Irrtum lebte. Dennoch muss ein gläubiger Mensch an solchen Veränderungen interessiert sein, wenn es sich um Korrekturen handelt. Glaubwürdige religiöse Reformen können nur in diesem Sinne stattfinden: Als Korrekturen weg von Irrtümern, hin zur Wahrheit, zur Realität. Niemals als beliebige Anpassungen an den Zeitgeist. Deshalb ist auch die historisch-kritische Erforschung der Urtexte und der Ursprünge von Religionen so wichtig: Weil diese Betrachtungsweise viele Möglichkeiten für glaubwürdige Korrekturen in der Interpretation eröffnet.

Das solche Reformen möglich sind, hat das Christentum in den letzten Jahrhunderten wiederholt bewiesen. Von der Reformation bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. – Ein Beispiel: Das christliche Sittengesetz wurde früher tatsächlich als ein Gesetz verstanden, an das man sich zu halten hatte. Das staatliche Gesetz christlicher Staaten versuchte, das christliche Sittengesetz in Paragraphen zu fassen. Heute hingegen wird die christliche Morallehre nur noch als Empfehlung begriffen, die sich der einzelne Gläubige nach eigener Gewissensentscheidung zu eigen machen sollte. Kein Polizist oder Richter, nicht einmal mehr ein Priester schnüffelt den Menschen hinterher, ob sie sich daran halten. Das staatliche Gesetz und die christliche Morallehre werden völlig getrennt voneinander gesehen. Auch wenn die christliche Morallehre sich im Kern nicht verändert hat, so hat sich doch die Perspektive auf sie völlig verändert.

Aber auch der Islam hat im Laufe seiner Geschichte wiederholt starke Wandlungen durchgemacht. Schon sehr früh wurde eine rationalistische Deutung des Koran entwickelt. – Man kann den Islam natürlich nicht dadurch reformieren, dass man irgendwelche Passagen in Koran und Hadith streicht. Man kann ja auch die antisemitischen Passagen im Neuen Testament oder die Gebote zur Tötung von Hexen im Alten Testament nicht einfach streichen. Man kann den Islam auch nicht dadurch reformieren, dass sich der Islam von Mohammed und seinen Taten distanziert. Aber man könnte den Islam dadurch reformieren, dass man historisch-kritisch glaubwürdig herausarbeitet, dass Mohammed gewisse Dinge, die ihm später fälschlicherweise zugeschrieben wurden (und deshalb auch nicht im Koran stehen), gar nicht getan hat. Zum Beispiel die Vertreibung und Abschlachtung von drei jüdischen Stämmen aus Medina. Es handelt sich um spätere Hinzuerfindungen, um die Juden aus der Umma herauszudrängen, ganz ähnlich wie die antisemitischen Passagen im Neuen Testament dazu dienten, die christlichen Gemeinden von den Juden abzugrenzen.

Nicht der Text also, wohl aber die Interpretation kann sich ändern. Und zwar nicht aus Beliebigkeit und Hokuspokus, sondern weil es tatsächlich gute Gründe dafür gibt. In diesem Sinne muss (!) sich die Interpretation sogar ändern. Denn der gläubige Mensch will ja in der Wahrheit, in der Realität leben. Alles andere wäre Traditionalismus, also ein Festhalten an traditionellen Vorstellungen, obwohl sie widerlegt sind. Das gibt es natürlich auch. In allen Religionen. Traditionalismus ist nicht mit einem sinnvollen Traditionsbewusstsein zu verwechseln, das valide Traditionen hochhalten möchte.

Alternative

Wer wissen möchte, wie es möglich sein sollte, eine Alternative zum Christentum zu entwickeln, wird in einem Katechismus ebenfalls vielfach fündig werden. Denn viele der christlichen Lehren gehen ganz oder in Teilen auf die vorchristliche Antike zurück. Hier stoßen wir auf den anderen, den zweiten Grundpfeiler der westlichen Kultur: Die antike Philosophie und Geistesgeschichte.

Vieles von dem, was das Christentum ausmacht, ist in diesem Sinne gar nicht wirklich christlich. Es ist uns nur in christlicher Gestalt überliefert worden. Schon die Texte des Neuen Testaments sind mit Anspielungen und Wendungen aus der griechischen Philosophie durchdrungen. Augustinus und seine Zeit haben viel Platonismus ins Christentum hineingetragen. Thomas von Aquin hat Aristoteles für das Christentum ausgewertet. Was einst ins Christentum eingepackt wurde, kann heute wieder ausgepackt und ohne die Verpackung gesehen und gelesen werden. Vielleicht sogar besser ohne als mit der Verpackung.

Wer also nach Alternativen sucht, der muss auf Griechenland und Rom zurückgreifen. Empfohlen sei vor allem die Lektüre von Platon, Aristoteles und Cicero.

Die deutsche Ausgabe des katholischen Weltkatechismus enthält einen in diesem Sinne bezeichnenden Fehler: In den umfangreichen Indizes am Ende des Werkes, die es so nur in der deutschen Ausgabe gibt, wird Cicero bei den „kirchlichen Schriftstellern“ aufgeführt. Ein amüsantes und vielsagendes Detail.

PS 01. Mai 2026: Cicero wird nicht nur in der deutschen Ausgabe, sondern in allen Ausgaben weltweit als „kirchlicher Schriftsteller“ geführt. Auch auf Latein unter den „Scriptores ecclesiastici“.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.