Schlagwort: Nationalismus

Nadia Wassef: Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um – Mein abenteuerliches Leben als Buchhändlerin in Kairo (2021)

Wertvolles Buch mit vielen Aspekten: Ägypten, Unternehmertum, Literatur, Entwicklung, Islam u.v.a.m.

Nadia Wassef erzählt in diesem Buch, wie sie mit ihrer Schwester und einer guten Freundin die erste moderne Buchhandelskette in Ägypten gründete, wo der Buchhandel bis dahin in den Händen von verschlafenen Krämern lag oder per Versand abgewickelt wurde. Während der Erzählung erfährt der Leser eine Menge Einzelheiten über viele verschiedene Themen.

Man kann dieses Buch zunächst als Ratgeber für Unternehmer und Gründer lesen. Denn wir erfahren sehr viel über die praktischen Schwierigkeiten und Entscheidungen, die immer wieder überwunden und getroffen werden müssen. Vom Umgang mit der Bürokratie bis hin zur Lösung zwischenmenschlicher Probleme ist alles dabei. Es ist wirklich sehr lehrreich.

Der Zustand des ägyptischen Staates ist dabei ein ständiges Thema. Die Autorin ist eine entschiedene Gegnerin des Nasser-Sozialismus und zeigt an vielen Beispielen auf, wie sich sozialistische Politik negativ auf Ägypten ausgewirkt hat. Sei es die Korruption, seien es die faulen weil unkündbaren Beamten, sei es die Bürokratie. Auch die Zensur des Nasser-Sozialismus wird immer wieder angeprangert. Teilweise muss sie in der berüchtigten Mogamma, einem großen Bürokratie-Komplex in Kairo, vorsprechen, um bestimmte (harmlose) Bücher verkaufen zu dürfen. Manche durchtriebenen Händler haben parallel zu offiziellen Vertriebswegen ein erstaunlich gut funktionierendes Beschaffungsnetzwerk aufgebaut, mithilfe dessen auch illegale Artikel besorgt werden können. Die Autorin hat einen klaren Blick für die Verhältnisse:

„Früher dachte ich, dass die Undurchsichtigkeit der Gesetze und die Willkür, mit der sie gedeutet wurden, unbeabsichtigt wären. Doch nach fast zwei Jahrzehnten als Unternehmerin in Ägypten weiß ich: Es ist so gewollt. Die alles durchdringende Ungewissheit und die endlosen Verzögerungen waren Mittel zur Kontrolle. Du siehst aus der Ferne zu, immer in dem Wissen, dass du selbst eines Tages an die Reihe kommst. Und bis dahin unterziehst du dich einer panoptischen Selbstzensur und wägst jedes deiner Worte sorgfältig ab, als ob du unter Dauerbeobachtung stündest.“ (S. 99)

Sehr interessant sind die Einblicke in das Leben der ägyptischen Oberschicht, zu der die Autorin dazu gehört. Die Oberschicht schickt ihre Kinder auf englische Schulen, wo sie ausschließlich die englische Kultur kennenlernen. Die arabische Sprache, also die Sprache ihres eigenen Volkes, beherrschen diese Menschen nur schlecht. Wir erfahren, dass Angehörige der ägyptischen Oberschicht z.B. Urlaub in der Bretagne machen. Eine befreundete Künstlerin pendelt ständig zwischen London und Kairo. Die Finanzierung der Buchhandlung ist trotz Verlusten offenbar ebenfalls kein Problem. Die Autorin entscheidet sich nach dem Arabischen Frühling, nach London auszuwandern, wo sie nun ihre Heimat sieht. Letztlich ist sie aber überall ein wenig fremd.

Die Unterschicht kommt eher am Rande vor. Die Angestellten der modernen Buchhandlung sind arm und deshalb korruptionsanfällig. Die Überwachung der Angestellten der Buchhandlung hat ein orwellsches Ausmaß. Auch Fahrer und Haushälterinnen und deren Verhaltensweisen und Probleme werden besprochen. Die Buchhandlung kann der ägyptischen Vetternwirtschaft nicht entkommen, jeder Angestellte ist bestrebt, seine Verwandten im Unternehmen unterzubringen, und so geschieht es dann auch. Es scheint in Ägypten eine große Zahl an schlecht bezahlten Jobs zu geben wie Fahrer, Haushälterin, Kindermädchen, Concierge, usw. Insbesondere das Lieferwesen und die Verrichtung von Botengängen sind groß ausgebaut. Die kleinen Leute sympathisieren mit den Muslimbrüdern, aber nicht aus religiösen Gründen, sondern weil diese sich sozial betätigen, während die Staatsbürokratie die kleinen Leute im Stich lässt.

Die Buchhandlung richtet sich leider vor allem an diese Oberschicht. Denn nur die Oberschicht verfügt über das Geld, Bücher zu kaufen, und über die Zeit, sie zu lesen. Geführt werden englische, französische, deutsche und arabische Titel. Dass auch die deutsche Sprache für würdig befunden wurde, obwohl die Autorin selbst kein Deutsch kann, ist interessant zu lesen. Zur Sprache kommen Kunstbücher aus dem deutschen Taschen-Verlag (S. 241), aber es wird auch der deutsche Qualitätsklebstoff gelobt, mit dem die Werbeeinkaufstaschen der Buchhandlung verleimt werden (S. 47).

Auch die besonderen Probleme von Frauen in der ägyptischen Gesellschaft werden thematisiert. Allerdings befindet sich die Autorin in einer privilegierten Position, so dass ihre Darstellung dieser Probleme sich harmloser anhört als es vermutlich ist. Die Autorin spricht wie eine westliche Feministin über den Sexismus in westlichen Gesellschaften, aber dieser ist natürlich ganz anders und harmloser als der Sexismus in der ägyptischen Gesellschaft. Die Autorin hat nach eigenen Angaben westliche feministische Autoren gelesen („Gender Studies“). In diesem Punkt ist das Buch sehr schwach, denn für die ägyptische Durchschnittsfrau ist der Sexismus nicht mit energischen Worten spontan überwindbar, so wie es der Autorin gelingt.

Man erfährt auch ein wenig über die arabisch-ägyptische Kultur, für die die Autorin ein entwickeltes Nationalbewusstsein hat. Das steht auch hinter dem ganzen Projekt: „Aber was ist mit Ägypten? Was geschieht, wenn Länder ihre Kulturprojekte vernachlässigen und stattdessen immer nur Dämme und Autobahnen bauen? … Doch wir durften unseren Glauben an den Laden und an die Bücher nicht verlieren. Wenn wir Ägypter vergaßen, wer wir einmal waren, würden wir nie herausfinden, wer wir eines Tages sein konnten.“ (S. 29 f.)

Der Leser erfährt, dass das Buch „Tausendundeine Nacht“ in Ägypten Gegenstand eines ständigen Kulturkampfes ist, weil sich die Religiösen an den erotischen Szenen darin stoßen. Umm Kulthum wird am Rand erwähnt. Das Problem des Gegensatzes von klassischer Hochsprache (Fus’ha) und Volkssprache (Amiyya) wird thematisiert. Es sind vor allem die Religiösen, die verhindern, dass die Schriftkultur auf die Volkssprache umgestellt wird. Auf diese Weise wird das ägyptischen Volk von seiner eigenen Literatur entfremdet. Wir hören von dem arabischen Epos Al-Sira al-Hilaliya, von dem anderwärts sonst nie etwas zu hören ist.

Anhänger der Oberschicht, die auch Kunden in der Buchhandlung sind, hängen der Idee des „Pharaonismus“ an, d.h., sie wollen eine Rückbesinnung auf die vorislamische Zeit, was in der breiten Bevölkerung auf keinerlei Gegenliebe stößt. Ägyptische Geldscheine haben eine „islamische“ Seite mit Abbildungen von Moscheen und eine „pharaonische“ Seite mit Abbildungen von altägyptischen Monumenten. Wir erfahren von Taha Hussein und von Abu Zaid. Viele moderne arabische Autoren werden durch die neue Buchhandlung erstmals für einen breiteren Leserkreis verfügbar.

Leider geht der ägyptische Nationalismus ein wenig mir der Autorin durch, denn sie spielt die Errungenschaften der griechischen Kultur gegenüber der altägyptischen Kultur herunter (S. 62, 64, 72). Auch ist ihr Urteil über den Kolonialismus etwas zu einseitig: Denn sie wirft den Kolonialmächten vor, die Ägypter beim Umgang mit ihrem großen altägyptischen Erbe zu bevormunden (S. 61) – in Wahrheit lernten die Ägypter selbst dieses Erbe nur durch die Übernahme westlicher Kultur schätzen.

Die Entwicklung der Stadt Kairo wird in einer Weise beklagt, wie wir das auch aus Europa kennen: Die großen Einkaufszentren verdrängen die kleinen Geschäfte. Traditionelles Bauen wird durch gesichtsloses Architektur verdrängt. Traditionelles Kunsthandwerk stirbt aus. Die Autorin kann wunderbar von dem früheren Kairo erzählen, von den kleinen Geschäften und ihren schrulligen Inhabern,

Ein kleinerer Teil des Textes wird auch von Erziehungsfragen, Familienproblemen, Ehescheidungen und dergleichen eingenommen. Insofern es sich um Probleme handelt, die eine Unternehmerin neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit lösen muss, gehört das unbedingt zum Thema dazu. Die Lehren ihrer Eltern geben einen weiteren Einblick in das Denken der ägyptischen Gesellschaft. Immerhin gibt die Autorin offen zu, dass sie daran gescheitert ist, den Spagat zwischen Mutterrolle und Unternehmensführung zu meistern. Niemand könne das schaffen, meint sie. (S. 173)

Die Autorin berichtet auch ausführlich über ihr Verhältnis als Buchhändlerin zu bestimmten Büchern. Insbesondere Ratgeber-Bücher werden von ihr besonders skeptisch beäugt. Wohlfühl-Bücher wie „Der Alchemist“ von Paolo Coelho werden klar kritisiert, wobei sich die Kritik eher an den Autor richtet, den sie persönlich kennenlernen durfte. Generell fällt auf, dass die Autorin unglaublich belesen ist. Sie kennt einfach alles: Antike Autoren, das Rad der Fortuna, Voltaire, Hermann Hesse, englische und französische Klassiker, sie kann überall Zitate und Lehren aus diesen Werken einflechten. Einige Kunden kaufen Bücher auch nicht zum Zweck des Lesens, sondern als ästhetische Gegenstände. Oder als Projektion von Träumen.

Am Ende fühlt sich die Autorin von der unternehmerischen Aufgabe überfordert und flieht anlässlich der Wahl eines Muslimbruder-Präsidenten aus Ägypten nach London. Es bleibt die Erinnerung an unglaublich viele Menschen, deren Schicksal durch die Buchhandelskette „Diwan“ bestimmt worden ist. Und die Buchhandelskette existiert heute noch, unter anderer Führung.

Dieses Buch ist sehr reichhaltig und lehrreich. Doch wie sich anhand der klaren Trennung von Oberschicht und Unterschicht schon andeutete, versagt die Autorin am Thema Islam. Diesen möchte sie im Grunde eher verdrängen. Überwinden. Irgendwie loswerden und „weghaben“. Islam-theologische Werke will sie in ihrer Buchhandlung eher nicht führen, statt dessen Bücher über islamische Kunst und dergleichen. Und vieles über die Kopten, nicht über den Islam. Damit verfällt die Autorin genau demselben Fehler, dem die Oberschichten in arabischen Ländern seit fast einem Jahrhundert immer wieder verfallen: Man kann den Islam nicht einfach abhalftern. Die Masse der Bürger besteht aus gläubigen Muslimen.

Es gibt (für Ägypten) nur eine einzige Lösung für das Islam-Problem: Die Entwicklung einer islamischen Reformtheologie, so mühsam das auch ist, so aussichtslos es erscheint. Sie erwähnt immerhin zwei berühmte ägyptische Reformdenker: Muhammad Abdou und Nasr Hamid Abu Zaid. Doch sie macht nichts daraus. Sie beklagt sich nur kurz, dass diese nicht anerkannt wurden, ohne den Gedanken zu entwickeln, dass es dazu einer breiten religiösen und sozialen Bewegung bedarf, die die ganze Bevölkerung mitnimmt.

Am Ende hat die Autorin keine Lösungen für die Entwicklung der ägyptischen Gesellschaft anzubieten. Die Spaltung von Oberschicht und Unterschicht bleibt hart bestehen. Die Autorin ist geflohen. Dafür einen Punkt Abzug. Dennoch ein sehr lesenswertes Buch.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Michael Köhlmeier: Wenn ich Wir sage (2019)

Kein gebildeter Essay sondern irrationale Orgie des utopischen linken Zeitgeistes

Zu Anfang gewinnt der Leser den Eindruck eines wunderbar gebildeten Essays: Köhlmeier kreist mit spielerischer Leichtigkeit um die beiden Geistesgrößen Ralph Waldo Emerson und Montaigne, und macht sich angenehm eigenwillige und durchaus originelle Gedanken zu Platon, Homer, Thomas Mann und Isaiah Berlin. Alles beginnt mit der Einsicht, dass auch in engeren Beziehungen wie Familie und Freundschaft nicht nur reine Zuneigung herrscht, sondern oft auch Motive wie z.B. Überlegenheit, Abhängigkeit und Wettkampf eine Rolle spielen.

Doch bereits bei folgenden groben Fehlern und Irrtümern beginnt man zu stutzen: Von Sokrates und den platonischen Dialogen heißt es, Sokrates wisse immer alles schon im Voraus, und seine Dialoge seien angeblich kein fairer Austausch von Argumenten. Sokrates sei doktrinär, und die Platonischen Mythen seien Erfindungen in diesem Sinne. (S. 28, 30) Hat Köhlmeier dieselben Dialoge gelesen wie wir? Hat er noch nie etwas davon gehört, dass manche Dialoge Platons in einer Aporie enden? Bei einem derart zynischen Sokrates- bzw. Platonbild muss man sich fragen, wieviel Köhlmeier von Philosophie verstanden haben kann? – Ärgerlich ist die offenbar wohlwollend gemeinte Erwähnung, dass die Religionsgemeinschaft der Unitarier sich für immer mehr Glaubensrichtungen öffnete, am Ende auch für Atheisten (S. 20). Ärgerlich deshalb, weil dieser Vorgang natürlich nicht bedeutet, dass die Unitarier tolerant geworden wären, sondern einfach nur bedeutet, dass die Unitarier ihre eigenen Überzeugungen aufgegeben haben. Wie naiv muss man sein, um an eine Weltverbrüderung durch die Selbstaufgabe der eigenen Überzeugungen zu glauben? Wie naiv muss man sein, die gegenseitige Tolerierung von gegensätzlichen Weltanschauungen durch deren Verwischung und Selbstaufgabe erreichen zu wollen? Was bei Köhlmeier hingegen fehlt, ist der Gedanke, dass die verschiedenen Weltanschauungen in einem klassisch verstandenen Humanismus (Vernunft, historische Kritik, Wesen des Menschen) eine Brücke zueinander haben könnten. – Dann vergleicht Köhlmeier das Stockholm-Syndrom mit dem Phänomen, dass manche Menschen ihren Daseinszweck in einer Feindbeziehung finden, d.h. ohne ihren Feind würde ihr Leben plötzlich sinnlos (S. 33). Das ist aber etwas ganz anderes als das Stockholm-Syndrom und deshalb ein ziemlich schiefer Vergleich. – Zu dem Umstand, dass Montaigne Latein lernte, fällt Köhlmeier nur ein, dass ihm das damals Türen geöffnet haben mag, auch zu Bibliotheken, und dass der lateinische Wortschatz zum Philosophieren besser geeignet war als das damalige Französisch (S. 56). Aber damit verkennt er den zentralen Wert des Lateinlernens: Die vertikale Horizonterweiterung hinein in die Tiefe der Geschichte! Am Verlauf der Geschichte der antiken Welt kann man viele Einsichten über die Welt der Gegenwart gewinnen. Und natürlich bekommt man einen unverfälschten Zugang zum Denken der antiken Philosophen, fernab von allen modischen Verfälschungen des Denkens der Gegenwart. Für Köhlmeier ist Latein aber offenbar nur ein höchst gegenwärtiges, schnödes Werkzeug, ja sogar ein Status Symbol, ein Türöffner zur Gesellschaft. – Bei Thomas Manns Zauberberg konzentriert sich Köhlmeier ganz auf den Gegensatz von Naphta und Settembrini, während er über Peeperkorn kein Wort verliert (S. 23, 25). Naphta ist für Köhlmeier der Repräsentant des verführerischen Charismas, der Inbegriff des Gefährlichen. Damit hat Köhlmeier den ganzen Roman missverstanden, denn es ist Peeperkorn, der der charismatische, gefährliche Typ ist. Mit Naphta hingegen kann man noch reden, und dies geschieht im Roman auch ausgiebig. Immerhin: Mit diesem völligen Missverstehen von Thomas Manns Zauberberg ist Köhlmeier nicht allein. – Schließlich wird auch die eingangs erwähnte Fragestellung nicht gut aufgelöst: Nur wer von der naiven Idee herkommt, dass das Gute in purer Selbstlosigkeit bestünde, wird von der Erkenntnis erschüttert, dass auch engere Beziehungen nicht nur reine Liebe sind. Köhlmeier leistet aber keine philosophisch akzeptable Lösung des Problems, weil er bei dem naiven Maßstab des selbstlos Guten verharrt, und damit das wahre Wesen des Menschen dauerhaft verkennt, in dem die Brücke zum Mitmenschen paradoxerweise gerade über den Egoismus geschlagen wird. Köhlmeier kommt zwar auf das Mitleid, das diese Brücke schlägt, erkennt aber dessen Bedeutung nicht, sondern sieht darin nur etwas mehr als ein „Minimalprogramm“ von Humanität (S. 38 f.). – Und gleich setzt Köhlmeier einen weiteren, entlarvenden Irrtum oben drauf: Die Aufforderung Jesu, den Nächsten zu lieben „wie sich selbst“, funktioniere noch weniger als das Mitleid, weil es schwierig sei, sich selbst zu lieben (S. 39): Aber nur diese Selbstliebe ist im Mitleid die Brücke zum Mitmenschen! Köhlmeier hat das ganze Konzept der Philosophie vom Mitleid von A bis Z nicht verstanden. Er hat Jesu Aufforderung der Nächstenliebe nicht verstanden. Er hat Platon nicht verstanden. Er hat den Bildungswert von Latein nicht verstanden. Und noch vieles andere hat Köhlmeier nicht verstanden, was zum Grundbestand eines klassisch humanistisch gebildeten Menschen unbedingt dazugehören würde.

Köhlmeiers Überlegungen kulminieren in folgendem Gedanken: Im engeren Kreise, in Familie, Freundschaft und Heimat, gäbe es ein glaubwürdiges „Wir“, auch wenn es bisweilen schwierig sei. Das „Wir“ jedoch, das die Nation repräsentiert, sei grundsätzlich verlogen, mythisch und auf die Zerstörung des Glückes der Menschen aus (S. 75-85). Köhlmeier unterscheidet dabei nicht zwischen normalem Nationalbewusstsein und Nationalismus: Für ihn ist bereits der Patriotismus eine Lüge, und eine Nation könne gar nicht anders, als sich über ihre Feinde zu definieren. Als Kronzeuge dient ihm dazu Isaiah Berlin (S. 71-75).

Hier ist Köhlmeier entschieden zu widersprechen: Auch eine Nation kann ein legitimes und notwendiges „Wir“ sein, das aus einer gemeinsam erlebten Geschichte erwachsen ist. Die Nation ist zudem der einzige Organisationsrahmen, innerhalb dessen sich Demokratie entfalten kann, denn nur die Nation stellt den dafür nötigen Diskursraum sowie die historisch gewachsene Solidarität der Bürger untereinander zur Verfügung. Die Idee Köhlmeiers, dass Heimat „einschließe“, Nation jedoch „ausschließe“, ist irrationaler Blödsinn. Gerade die innige Kultur der Heimat grenzt Neuankömmlinge gnadenlos aus, man denke nur an den Dialekt. Und wenn Köhlmeier meint, wer eine Nation liebe, der könne genauso gut die Verkehrsschilder lieben, die von Nation zu Nation unterschiedlich sind (S. 81), dann ist ihm zu entgegnen: Ja, die Verkehrsschilder gehören auch dazu! Wer über eine Grenze von Nation zu Nation fährt, bemerkt sofort tausend kleine Unterschiede, die zusammen eine ganz andere Atmosphäre erzeugen, die eben typisch ist für die jeweilige Nation. Von den Verkehrsschildern, über die Werbeplakate bis hin zum Zuschnitt von Feldern und Wäldern: Alles zeugt von einem anderen inneren Zusammenhang, der über Jahrhunderte gewachsen ist, seinen ganz eigenen Charme hat, und sich bis in tiefste Tiefen fortsetzt, denn auch Politik, Literatur und Kunst funktionieren in jeder Nation wieder ganz anders.

Man fragt sich auch, wie Köhlmeier z.B. über den Zusammenschluss der Nationen in Europa denkt? Ist Europa für ihn auch nur eine einzige Lüge? Und völlig verrückt, was Köhlmeier dann vom Weltbürgertum sagt: Dieses sei seiner Meinung nach kein „Wir“ (S. 49). Die Menschheit also kein „Wir“? Gibt es wirklich nichts, was uns Menschen als Menschen verbindet, was wir gemeinsam haben, und was uns überhaupt erst zu dem macht, was wir sind, nämlich Menschen? Spätestens hier legt Köhlmeier die Axt an die Wurzel des Humanismus. Tatsächlich sieht er sich außerstande, überhaupt irgendetwas Verbindendes anzuerkennen, selbst innerhalb einer Nation. Über den Verschiedenheiten von Religionen, Interessen und Herkunftsländern gäbe es schlicht nichts Verbindendes (S. 82 f.). Da fragt man sich, wie Köhlmeier sich eigentlich die Integration von Zuwanderern vorstellt? Sollten sie nicht wenigstens die Landessprache ihrer neuen Heimat lernen? Was Köhlmeier hier präsentiert, ist die ganze Unmenschlichkeit der Multikulti-Ideologie in ihrer reinsten, gefährlichsten Form.

Zudem hat Köhlmeier Isaiah Berlin falsch gedeutet. Überall kann man nachlesen, dass Isaiah Berlin sehr wohl zwischen Nation und Nationalismus unterschied, auch wenn er den Unterschied an manchen Stellen durch eine ungeschickte Wortwahl verwischte. Dies kann schon durch ein wenig Googlen gefunden werden, also hätte auch Köhlmeier dies wissen können.

Köhlmeier ist nichts anderes als politisch radikal. Seine Vorstellungen sind nicht nur unrealistisch, sondern sie brandmarken auch ganz normale Bürger, die ihr Land, ihre Geschichte, ihre Sprache und ihre Kultur lieben, als böse Nationalisten. Genau diese unduldsame Haltung gegenüber völlig normalen Einstellungen ist es, die die Wähler scharenweise von den bisherigen Parteien weg und hin zur rechtsradikalen AfD treibt. Es sind Menschen wie Köhlmeier, die maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass unsere Demokratie zerfällt. Der Radikalismus der einen Seite füttert den Radikalismus der anderen Seite. Nicht zufällig findet sich in diesem Büchlein mindestens eine bösartige politische Verleumdung. Dem Vorsitzenden einer nicht genannten Partei (offensichtlich Strache von der FPÖ) wird unterstellt, er habe befunden, dass man den Nächsten lieben, den Übernächsten aber hassen solle (S. 82). Doch es ist nicht wahr. So sagte Strache in einem Interview z.B.: „… die Nächstenliebe beginnt ja beim Nächsten, der Familie und der eigenen Bevölkerung, und nicht beim Übernächsten. Und wenn dann noch Geld übrig bleibt, kann man gerne auch andere unterstützen.“ Es gibt genügend sachliche Kritik, die man an der FPÖ und Strache üben könnte, aber es ist definitiv falsch und schlicht unwahr, dass Strache zum „Hass“ auf den „Übernächsten“ aufgerufen hätte. Wer das behauptet, redet selbst voller Hass.

Woher kommt der Hass? Köhlmeier spricht sich zwar für die rationale Kühle der Aufklärung aus (S. 49), ist aber selbst ein ausgesprochener Gefühlsmensch. Damit trägt er einen veritablen Selbstwiderspruch mit sich herum. Dieses ganze Büchlein ist eine Ansammlung von emotionalen Assoziationen, weniger von rationalen Argumentationen. Sich selbst stellt Köhlmeier in diesem Büchlein ausführlich als Musiker dar, und wie Musik auf höchst unrationale aber ihm zugleich höchst erwünschte Weise ein „Wir“ konstitutieren kann (S. 66-69). Sehr nahe an die Irrationalität von Köhlmeier kommt man, wo er einen Gegensatz zwischen Wahrheit und Mensch aufmacht! (S. 30) Auch hier legt Köhlmeier die Axt an die Wurzel des Humanismus: Denn wer die Wahrheit und ihre freimachende Wirkung nicht liebt und diese Wahrheitsliebe nicht als etwas Urmenschliches begreift, sondern die freundliche Lüge bevorzugt, nur weil sich jemand durch die Wahrheit verletzt fühlen könnte, der hat Humanismus und Aufklärung aufgegeben. Angeblich unter Berufung auf Montaigne meint Köhlmeier, man brauche sich weder Platon noch Aristoteles „aufzuladen“, man solle die Welt lieber betasten und sinnlich begreifen (S. 57). Irgendwie fühlt man sich hier an Hitlers „Mein Kampf“ erinnert, wo ebenfalls einer fehlgeleiteten Vorliebe für das Praktische das Wort geredet und Intellektualität verpönt wird.

Köhlmeier zeigt sich nicht etwa als individueller Geist, sondern als ein dem Zeitgeist höriger Mensch. Früher einmal waren Linke noch halbwegs vernünftig. Noch in den 1990er Jahren verkündete Johannes Rau, einer der Altväter der SPD, in Wahlkampfveranstaltungen stolz: „Ich bin ein Patriot!“ Doch heute sind die Linken zum nationalen Selbsthass übergegangen, und verkünden eine Utopie von „no borders no nations – refugees welcome!“ Und Köhlmeier ist da einfach nur ein Kind seiner Zeit, das munter nachplappert.

Halten wir aber zwei Sachen fest, die Köhlmeier richtig gesagt hat:

  • Mitleid ist eine wichtige Basis für Humanität.
  • Romantische Irrationalität ist eine Ursache für Nationalismus.

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 02. Februar 2020)

Seyran Ates: Der Multikulti-Irrtum – Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können (2007)

Hört auf diese Frau! – Goldene Worte in Marmor gemeißelt

Die Probleme der Integration lösen sich leider nicht von selbst, wie viele noch vor Jahren gehofft haben. Die Probleme müssen also analysiert und angepackt werden. Aber der gelernte BRD-Bürger weiß: Das Thema Integration ist ein ideologisch hochgradig vermintes Gelände. Und im Stillen ahnt er, dass eine echte Problemlösung bereits an der äußerst mangelhaften öffentlichen Problemanalyse scheitert.

Und genau hier überrascht das Buch „Der Multikulti-Irrtum“ von Seyran Ates: Sie kennt keine ideologischen Scheuklappen und wagt es, sich ihrer Vernunft ohne die Anleitung eines anderen zu bedienen, um die Dinge so zu beschreiben, wie sie nun einmal sind; darauf aufbauend kann sie intelligente Lösungsansätze entwerfen. Diese Natürlichkeit des Denkens und ihre herzerfrischende Menschlichkeit lassen Seyran Ates alle Sympathien des Lesers zufliegen. Ihre Glaubwürdigkeit baut auf ihrer Lebenserfahrung auf: Selbst eine transkulturelle „Deutschländerin“ – ein Begriff, den Ates positiv besetzt – arbeitet sie in Berlin als Rechtsanwältin für Migrantinnen, wofür sie mitunter mit dem Tod bedroht wird; einen Mordanschlag hat sie bereits mit Müh und Not überlebt. Als Teilnehmerin an der Islamkonferenz des Bundesinnenministers wird sie von den dort vertretenen Islam-Funktionären angefeindet, an deren Verfassungstreue – nach eigenen Angaben – nicht einmal der einladende Innenminister glauben will.

Das Buch ist umfassend und lässt keinen Aspekt aus: Die unumgängliche Notwendigkeit einer Reform und Aufklärung des Islam wird genauso angesprochen wie die „schwere Schuld“ (sic!) der „urdeutschen Multikulti-Fanatiker“ und ihre vollkommen gescheiterte Gesellschaftspolitik. Ohne mit der Wimper zu zucken entlarvt Seyran Ates die politisch korrekten „Lösungen“ als fatale Irrwege: Nicht ein islamischer Religionsunterricht unter der Kontrolle der oben angesprochenen Islam-Funktionäre führt zu Integration und freiheitlicher Gesinnung, sondern z.B. ein gemeinsamer, weltanschaulich orientierender und aufklärender Unterricht für alle Kinder unter demokratischer Kontrolle. Nicht die servile Anbiederung an Migranten in deren Herkunftssprache führt zu einem guten Miteinander und gegenseitigem Respekt, sondern die konsequente Etablierung der deutschen Sprache als der in Deutschland geltenden lingua franca. Nicht die als Toleranz getarnte Akzeptanz einer wie auch immer motivierten Diskriminierung von Frauen und Mädchen bricht die Abschottung von Parallelgesellschaften auf, sondern die kompromisslose Durchsetzung der Gleichberechtigung.

Sehr wertvoll und für den Leser von unschätzbarem Wert sind die Einblicke in das Denken und Fühlen der türkischen Migranten, die uns Seyran Ates als Insiderin vermittelt: Wie verstehen die Zuwanderer den Islam konkret und praktisch, jenseits aller Theorie? Wie definieren sie Ehre, Respekt und Sexualität? Und was denken türkische Migranten über deutsche Behutsamkeiten, wenn gleichzeitig im türkischen Fernsehen eine tabulose Kampagne gegen häusliche Gewalt läuft und hunderttausende Türken in ohnmächtiger Wut gegen die Islamisierung ihres Landes auf die Straße gehen?

Wer das und noch viel mehr erfahren will, der sollte ARD und ZDF abschalten, Frankfurter Rundschau und FAZ in die Tonne treten und statt dessen zum Buch greifen: Zum „Multikulti-Irrtum“ von Seyran Ates, einem Buch, dessen analytische Schärfe und programmatische Kraft von manchen inzwischen mit den Standardwerken der 68er-Bewegung verglichen wird. Es bewegt sich wieder etwas in Deutschland. Es wurde auch Zeit.

PS 11.03.2016

Ein Grundkonzept von Seyran Ates ist die Transkulturalität:

Die geniale Grundidee von Transkulti ist die Erkenntnis, dass ein Mensch sich nicht zwischen Kulturen aufteilen muss. Ein Mensch ist nicht 50:50 deutsch-türkisch, oder 30:70, oder 100:0 (was eine hundertprozentige Assimilation bedeuten würde). In Wahrheit ist es ganz anders: Es ist gar kein Nullsummenspiel, sondern ein Mensch kann zwei Kulturen gleichzeitig beherrschen, also 100:100! Man verlernt ja nicht mit jedem Wort der deutschen Sprache ein Wort der Herkunftssprache, sondern beherrscht am Ende beide Sprachen. So ist es auch mit der Kultur.

Dieses Konzept nimmt alle Spannungen und alle Ängste aus der Integrationsdebatte: Die Zuwanderer müssen nicht befürchten, dass sie ihre Herkunftskultur aufgeben und sich bedingungslos assimilieren müssen. Und die Aufnahmegesellschaft muss nicht befürchten, dass sich die Zuwanderer die Kultur der Aufnahmegesellschaft nicht zu eigen machen und sich nicht integrieren: Man darf das Erlernen und Akzeptieren von Sprache und Kultur der Aufnahmegesellschaft durchaus abverlangen, ohne dem Zuwanderer dadurch etwas wegzunehmen – denn er gewinnt es ja nur hinzu, ohne etwas zu verlieren!

Überdies hatte Seyran Ates klipp und klar gemacht, dass bei Konflikten zwischen Herkunfts- und Aufnahmekultur die Aufnahmekultur Priorität haben muss. Dort, wo die Herkunftskultur nicht parallel zur Aufnahmekultur gepflegt werden kann, weil sie mit ihr im Widerspruch steht, dort darf und soll die Aufnahmegesellschaft ein Stück Assimilation abverlangen. Das ist ihr gutes Recht.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 4. August 2012)