Gelungene Verlebendigung der Athener Gesellschaft

Sascha Berst ist ein ein überraschend guter Roman gelungen! Normalerweise erwartet man von einem No-Name, der sein persönliches Interesse am Thema zu einem ersten Roman verarbeitet, eine eher holprige Erzählung ohne größeren Wert. Nicht so hier: Sascha Berst kann schreiben, spätestens nach der Obduktionsszene mit Hippokrates muss dies jedem Leser klar geworden sein. Und es gelingt ihm auch, die bekannten Figuren des klassischen Athens glaubwürdig zum Leben zu erwecken. Selten hat man sich so realistisch in die damalige Zeit versetzt gesehen. Auch der Ansatz, Demokratie und Diktatur einander gegenüber zu stellen, ist lohnend. Es handelt sich ohne Zweifel um einen der lesenswerteren historischen Romane über diese Zeit.

Es gibt aber auch Defizite. Manchmal springt Berst etwas zu schnell von Szene zu Szene. Politisch scheint mir das Merkmal der Ausländerfeindlichkeit nicht wirklich charakteristisch für eine Diktatur zu sein; sie ist eher generell menschenfeindlich. Man hätte sich auch mehr Momente und Szenen, die den Wert der Demokratie und die Bedingungen ihres Gelingens zeigen, gewünscht. Von der Vision des Perikles, und dass eine Demokratie auch Führung braucht, war gar nichts zu sehen. Auch der Sittenverfall während des Peloponnesischen Krieges schien mir ungenügend abgebildet. Philosophisch hätte man auch mehr daraus machen können. Platon und seine Motivationen hätten mehr ins Zentrum gehört.

Etwas enttäuschend dann auch, dass der Mord sich am Ende als ungeplante Tat eines Wichtigtuers entpuppt. Und der Mord fand auch nicht im Garten des Sokrates statt, wie der Titel verspricht, es sei denn, man sieht seine Anhänger als den „Garten“ an; ein Vergleich, der im Buch aber so nicht gezogen wird. Fraglich auch, ob Sokrates seine Anhänger als Schüler bezeichnet hätte. Die längere Liste von Abweichungen zur realen Geschichte, die Berst am Ende aufzählt, enthält auch manches, was unnötig abgeändert wurde. Aber egal. Trotzdem lesenwert.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 02. August 2010)