Schlagwort: Trojanischer Krieg

Barbara Patzek: Homer und seine Zeit (2002)

Die Dichtung Homers als Ganzes verstanden und kritisch hinterfragt

Mit „Homer und seine Zeit“ hat Barbara Patzek eine Einführung für den Leser der Ilias und der Odyssee vorgelegt, die nicht nur den schnellen Leser befriedigt, sondern auch dem interessierteren Leser einiges zu bieten hat.

Patzek lenkt den Blick nämlich über die bekannte Kernhandlung der beiden Epen und die Frage nach der Historizität des Trojanischen Krieges hinaus auf die Gesamtheit dieser Dichtungen: So wird deutlich, dass es sich um Welterklärungsliteratur und Weltwissensrepräsentation handelt, die von vergleichbarer orientalischer Literatur inspiriert wurde, um daraus etwas neues, griechisches zu machen: Da ist die Schöpfung der Welt, die Generationenkämpfe der Götter und auch die Abfolge der Zeitalter, zuletzt vom Zeitalter der Helden hin zum Zeitalter der historischen Menschen, der homerischen „Gegenwart“.

Patzek erklärt sehr gut die Welt der Sänger, die sich möglicherweise in Sängergilden um die sich herausbildenden panhellenischen Heiligtümer sammelten. Auf diese Weise konnten sich panhellenische Vorstellungswelten herausbilden, die lokale Mythologien überformten und teils ablösten.

Die Frage nach den historischen Bezügen wird konsequent in der homerischen Zeit, also in den Jahrhunderten unmittelbar vor Verschriftlichung der beiden Epen verortet. Der Sitz im Leben der homerischen Dichtungen ist nach Patzek nicht die mykenische Welt, sondern die zu Ende gehenden dunklen Jahrhunderte. Ein historischer Krieg um Troja liege der homerischen Dichtung also eher nicht zugrunde. Dieser Standpunkt ist natürlich umstritten, aber es lohnt sich, auch diese Seite der Argumentation einmal kennen zu lernen.

Ein Punkt Abzug, da in einer Einführung beide Seiten eines Gelehrtenstreites hätten dargestellt werden sollen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 10. November 2010)

Homer: Ilias (um 700 v.Chr.)

Einmal sollte man die Ilias als ganzes gehört haben

Es lohnt sich unbedingt, die Ilias als ganzes zu lesen, besser aber zu hören! Jeder kennt die Ilias und weiß so ungefähr, worum es da geht. Aber die Ilias ist eben nicht die Geschichte von dem Trojanischen Krieg mit dem hölzernen Pferd am Ende, die außerhalb der Ilias überliefert ist.

Sondern die Ilias ist eine großartige und gewaltige Dichtung vor dem Hintergrund dieses Krieges, die am Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht, und voller tiefgründiger Gehalte ist:

  • Das Walten der Götter und des Schicksals,
  • der Mensch in seinem Streben und Scheitern,
  • Krieg und Kampf,
  • Volk und Herrschaft,
  • Liebe und Zorn,
  • Feindschaft und Vergebung,
  • usw. usf.

Es ist eine Dichtung, die eine in sich geschlossene und schlüssige Handlung hat, fast wie ein Theaterstück. Man muss das als ganzes kennen:

  • Wie die Götter die Handlung bestimmen,
  • wie die Menschen in diesem Rahmen agieren,
  • wie Achilleus sich versagt,
  • wie die Troer die Achäer immer ärger bedrängen,
  • dann die Wende durch Zeus,
  • schließlich das gegenseitige Erkennen der Feinde (Achilleus/Priamos) als Menschen,
  • usw.

Man sollte es am besten hören: Der beste Ausdruck für die Wirkung der Ilias ist vielleicht „Kopfkino“. Beim Hören ist man der Situation, wie die Ilias einst vorgetragen wurde, am nächsten: Ein Sänger trägt sie vor Publikum vor.

Die Dichtung ist so reichhaltig, dass sie bis heute fortwirkt, und in vielem drinsteckt, von dem man es nicht vermutete. Jeder sollte sich einen eigenen Eindruck verschaffen, jeder wird es wieder anders und neu entdecken!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 29. Juli 2012)