Schlagwort: Alltag

Linda Stift: Kingpeng (2005)

Es ist ein Anfang – lasset uns hoffen

Wie soll man diesen Text einordnen? Es ist praktisch das Gedankenprotokoll von zwei mehr oder weniger verklemmten, neurotischen und – sic! – nekrophilen Menschen, das in seiner ganzen Alltäglichkeit ausgebreitet wird.

Als literarische Übung könnte man es durchgehen lassen, immerhin gehört einige Introspektion dazu, so einen Text auch nur denken zu können. Ebenso akzeptabel wäre der Text als Plot für eine von mehreren Figuren eines Romans, sofern eine literarische Verarbeitung geleistet würde. Denn Literatur muss die Realität zum Thema haben können, sofern sie sie verarbeitet. Auch als Tagebuch einer realen Person wäre es hinnehmbar, oder als Krankenakte der Psychiatrie.

Aber als Roman funktioniert es nicht. Literatur ist, wenn man etwas daraus macht. Und das fehlt hier.

Beim Lesen kamen mir böse Worte in den Sinn, z.B. „Scheißhausliteratur“. Oder böse Gedanken, etwa, dass dies nun wohl ein typisches Beispiel für jene Gossen-Literatur sei, die von der linksliberalen Schickeria die Literaturpeise zugeschustert bekommt. Aber zu solchen Hämmern muss man nicht greifen.

Es ist einfach ein missglücktes Werk. Eine Übung. Ein Anfang vielleicht. Die Autorin könnte es doch besser. Schritt für Schritt. Von Mal zu Mal. Sie sieht doch so intelligent aus und versprüht Esprit. So beruhige ich mich in einem solchen Fall dann immer selbst.

So hoffe ich dann immer und setze auf das Gute im Menschen. Möge mir niemand diese Hoffnung zerstören.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Vermutlich Erstveröffentlichung in einer sprachlich „gezähmten“ Version auf Amazon 2009; dort jedoch nicht mehr vorhanden.)

Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels (2006)

Ein Plädoyer für eigenwillige Intellektualität und das unvergänglich Schöne im Leben

Im Zentrum des Romans „Die Eleganz des Igels“ steht eine 54jährige verwitwete Concierge eines Pariser Nobelwohnblocks. Nach außen hin verbirgt sie, dass sie sich im Laufe der Zeit eine hohe Bildung angelesen hat und sich in Literatur, Philosophie, Musik und Kunst bestens auskennt, indem sie die Rolle der mürrischen Concierge spielt und darin bis zur Perfektion gelangt ist. Paloma, die aufgeweckte Dreizehnjährige die ihren Selbstmord plant, und Monsieur Ozu, ein neu zugezogener japanischer Millionär von hoher Bildung, sind die einzigen Bewohner des Blocks, denen die Intellektualität der Concierge nicht entgeht; sie decken ihr Geheimnis auf, befreien sie aus ihrer intellektuellen Einsamkeit und schließen Freundschaft. Doch so glatt geht die Sache am Ende nicht auf, denn das Schicksal ist launenhaft und ungerecht.

Mehr noch als die Handlung stehen philosophische Überlegungen, die sich an Alltagssituationen anknüpfen, im Mittelpunkt des Romans: Aus Banalitäten werden hochintelligente Betrachtungen über das Leben abgeleitet, und hohe Philosophie und Kunst wird direkt mit dem Alltag konfrontiert und auf praktische Tauglichkeit hin überprüft. In diesem Feuerwerk der Assoziationen von Bildung und Alltag liegt ein wesentlicher Teil des Reizes an diesem Buch.

Dieser Roman setzt nicht nur der Pariser Concierge und nicht nur dem ewigen Kleinkrieg zwischen Spießertum und Intellektualität ein literarisches Denkmal, sondern vor allem auch dem Typus des Autodidakten, der durch eigene Lektüre zu einer hohen Bildung gelangt ist. Ohne auf seinem Bildungsweg durch Rücksicht auf Schulen, Moden und Konventionen geformt worden zu sein, kann er seine Bildung und Vernunft frei in eigenwilliger Originalität entfalten und auf alles anwenden, wie es ihm beliebt. Andererseits kann diese Freiheit den Preis der Einsamkeit kosten, der zu Melancholie bis hin zur Verzweiflung an der Sinnhaftigkeit des menschlichen Daseins führen kann.

Am Ende des Buches behält diese Grundstimmung die Oberhand: Das Schicksal erlaubt es nicht, das die Concierge nach 54 Jahren der Einsamkeit zu einer optimistischen Weltsicht vordringt und mit spät entdeckten Gleichgesinnten zu leben beginnt. Gewiss, dieses Ende ist keineswegs unrealistisch, aber musste das sein? Vielleicht war der Autorin ein einfaches Happy End schlicht zu simpel. Dem Leser zum Trost sei festhalten: Auch ein Happy End wäre selbstverständlich möglich gewesen, das traurige Ende des Romans ergibt sich keinesfalls zwingend; es handelt sich hier also nicht um ein Plädoyer gegen das Streben und für die Ergebenheit in einen schicksalhaften Fatalismus, dem niemand entrinnen könne – ganz im Gegenteil! Paloma sagt es im Schlusskapitel: Es gibt die Möglichkeit, Momente unvergänglicher Schönheit zu erleben und das Schicksal durch Entscheidungen zu beeinflussen – und sie entschließt sich, zu leben!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 04. August 2012)