
Das Selbstverständliche sagen, auch wenn es ungelegen kommt
Joachim Gaucks Autobiographie ist solide, enthält aber auch keine Überraschungen. Vor allem im Schlussteil äußert Gauck einige Selbstverständlichkeiten, deren Besonderheit allein darin liegt, dass es heute leider nicht mehr selbstverständlich ist, dass diese Ansichten geäußert werden. Beispiele: Bei aller Kritik am „kapitalistischen“ System, vor allem von linker Seite – ohne Freiheit wird alles nur noch schlimmer, ohne Freiheit ist alles nichts. Und: Die Linken behindern die Aufarbeitung des DDR-Unrechts und messen mit zweierlei Maß, weil sie nicht in der Lage sind, sich mit ihrer eigenen Schuld zu befassen. Es tut gut, diese Selbstverständlichkeiten ausgesprochen zu sehen, und dass Gauck dies tut, ist zu würdigen.
Grenzwertig ist Gaucks Würdigung des Widerstandes von Kommunisten. Er macht nämlich nicht deutlich, ob er hier den Widerstand von Einzelnen würdigen möchte, die aus Naivität die Unmenschlichkeit ihrer eigenen kommunistischen Ideologie nicht verstanden haben – das wäre in Ordnung. Oder ob er hier die kommunistische Ideologie ganz oder teilweise mit würdigt – das wäre nicht in Ordnung.
Interessant ist Gaucks Verhältnis zum christlichen Glauben. Denn Gauck wurde nicht deshalb Pastor, weil er besonders gläubig gewesen wäre, sondern weil ihn die Suche nach einer Ausweichmöglichkeit vor dem Regime dorthin trieb. Völlig akzeptabel ist es, wenn er schreibt, dass der Glaube „neben“ dem kritischen Denken steht. Völlig unverständlich jedoch ist es, wenn er tiefgläubige osteuropäische Bauern als Vorbilder im Glauben nennt – denn deren Gläubigkeit und Ungeplagtheit von Zweifeln ist ja keiner besonderen Leistung geschuldet, sondern vielmehr einem Mangel: Einem Mangel an Fähigkeit zur Selbstreflexion. Überhaupt kann die christliche Ausformung von Gläubigkeit bei Gauck nur vor dem Hintergrund seines Lebens verstanden werden: Die Umstände legten es ihm eben nahe, in die allzu große Ungewissheit des christlichen Glaubens zu „springen“, und Gauck „sprang“. Vernünftig ist dieser „Sprung“ jedoch nicht. Gaucks Erklärungen zu diesem Punkt sind sehr verständlich und müssen hingenommen werden, sie sind aber nicht überzeugend.
Die von Gauck gewählten Schwerpunkte des Buches verwundern ein wenig. Werden hier nicht zu viele Fluchtgeschichten erzählt? Gab es denn nichts anderes im Alltag der DDR? Andererseits muss man davon ausgehen, dass Gauck diesen Schwerpunkt nicht ohne Bedacht gewählt hatte. Vielleicht war es ja tatsächlich so, dass den Menschen in der DDR die Fluchten und Ausreisen als Hauptereignisse im Vordergrund ihrer Wahrnehmung standen, und nicht ihr Alltagsleben.
Etwas problematisch ist die Chronologie: Die Kapitel sind teilweise chronologisch, teilweise aber auch unchronologisch thematisch gehalten, so dass Gauck z.B. zunächst plötzlich verheiratet ist, die Darlegung seiner Eheschließung jedoch erst weiter hinten im Buch erfolgt.
Bewertung: 4 von 5 Sternen.
(Geschrieben Anfang März 2012)
