Schlagwort: Islamkritik

Mark A. Gabriel: Islam und Terrorismus – Was der Koran wirklich über Christentum, Gewalt und die Ziele des Djihad lehrt (2002)

Gutes Buch – Schlechtes Buch – Differenzierung

Das Buch von Mark A. Gabriel beschreibt den Islam in hervorragender Weise. So erscheint es jedenfalls zunächst. Von den Anfängen mit Mohammed, der ein blutrünstiger und mörderischer Kriegsherr war und befahl, die ganze Welt zu erobern. Von den zahllosen Versen im Koran, die zu Gewalt und Mord aufrufen. Vom Dschihad als Angriff und Unterwerfung. Von der Lehre der Abrogation, derzufolge „milde“ Verse durch spätere Gewaltverse überschrieben werden. Von der Tötung der Apostaten. Von der Unterdrückung der Frauen. Von der Sklaverei. Von der Lehre, dass Muslime lügen dürfen, um ihre wahren Absichten zu verschleiern. Es wird nichts ausgelassen.

Und ja: Diesen Islam, den Mark A. Gabriel hier beschreibt, den gibt es wirklich. Wir sehen ihn überall. Wir erleben ihn überall. Westliche Islamverbände versuchen, das Bild weich zu zeichnen, doch es ist offensichtlich, dass sie nur verschleiern wollen, was unter der Decke wirklich stattfindet. Es ist falsch, wenn unsere Politiker sagen, es sei nur der Islamismus, während „der Islam“ völlig harmlos sei. Nein, es ist nicht nur der Islamismus. Es ist auch der traditionelle Islam. Es ist auch der Traditionalismus, nicht nur der Islamismus.

Als Warnung vor einer echten Gefahr ist dies ein wirklich gutes Buch.

Warum ist es dennoch ein schlechtes Buch?

Ein Vergleich mag zeigen, warum dies ein schlechtes Buch ist. Stellen wir uns einen Beobachter des Christentums vor, der im Jahr 1500 beschreibt, was er sieht.

Er sieht eine totalitäre Weltkirche, vom Papst diktatorisch beherrscht. Diese Kirche rechtfertigt die Herrschaft von Königen und Adligen über die Menschen als gottgewollt. Bauern leben praktisch wie Sklaven unter ihren Herren. Frauen sind ihren Männern untertan und müssen ihr Haupt bedecken. Hexen und Ketzer werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Juden müssen in Ghettos leben. Hin und wieder kommt es zu einem Judenpogrom. Die arme Bevölkerung wird über den Ablasshandel weiter ausgepresst. Christliche Heere erobern blutig das neu entdeckte Amerika. Bei der Ausbreitung des Christentums wird nicht zimperlich vorgegangen. Große Teile der Indio-Bevölkerung kommen ums Leben, der klägliche Rest wird versklavt. Die Indio-Kultur wird ausgelöscht, denn sie gilt als gottlos. Reformer wie Jan Hus wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Einzelne Reformstimmen wie z.B. Erasmus von Rotterdam bleiben ungehört. Auch der Reformer Martin Luther wird bald für vogelfrei erklärt werden.

Wir sehen wahrlich kein gutes Bild des Christentums. Der Beobachter hat aber einen Punkt: Die Beschreibung ist nämlich nicht falsch. Alles das gab es im Jahr 1500 wirklich. Das Christentum war damals in keinem guten Zustand.

Wenn der fiktive Beobachter des Jahres 1500 jetzt sagen würde: Seht, so ist das Christentum! So war es immer. So wird es immer sein. Denn das steht ja auch alles in der Bibel: Der Papst, die Kirche, das Verhältnis zu den Juden, die Unterdrückung der Frauen, die Verbrennung der Hexen: Es steht alles im heiligen Buch der Christen und kann niemals geändert werden! Denn die Bibel ist Gottes Wort! – Wäre das ein gerechtes, ein faires, ein gutes Urteil über das Christentum? Die Antwort ist klar: Nein, das wäre es nicht.

Wo liegen die Denkfehler des fiktiven Beobachters?

Der Beobachter des Jahres 1500 hat völlig vergessen, dass das Christentum in den letzten 1500 Jahren auch ganz anders war als das Christentum, das er in seiner Gegenwart erlebt. Der Beobachter irrt, dass die Zustände des Jahres 1500 alle in der Bibel festgeschrieben stehen. Das war nur die Deutung (!) des Bibeltextes im Jahr 1500 durch die Kirche. Doch der Text der Bibel selbst sagt so etwas nicht unbedingt. Und nicht zuletzt unterschätzt der Beobachter die Reformer völlig.

Der Beobachter ist völlig der falschen Suggestion der Traditionalisten erlegen, dass das alles schon immer so war und immer so sein müsse. Diesen Irrtum nennt man Traditionalismus. Traditionalismus ist kein Konservativismus. Konservativismus kann auf der Grundlage der Vernunft auch neue Deutungen akzeptieren. Traditionalismus ist ein Festhalten und Festklammern an einer mittelalterlichen Vorstellung von Kirche und Religion gegen jede Vernunft.

Die Fehler des Mark A. Gabriel

Und genau diese Fehler begeht auch Mark A. Gabriel bei seiner Beschreibung des Islam. Es ist einfach falsch, dass alle diese Lehren im Koran festgeschrieben stehen würden. Der Koran ist ein höchst widersprüchliches Buch, in dem Gebote zu Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und Gastfreundschaft direkt neben Tötungsbefehlen stehen. Viele angebliche Lehren des Koran stehen auch gar nicht im Koran, sondern in der Hadith-Literatur, die erst Jahrhunderte nach Mohammed aufgezeichnet wurde. Kann man diese Texte auch anders deuten als der aktuell vorherrschende Islam? Aber natürlich kann man das! Mark A. Gabriel ist der Suggestion der Traditionalisten erlegen.

Und die Lehren des Koran sind in der Vergangenheit tatsächlich auch vielfach anders gedeutet worden. Mark A. Gabriel unterschlägt völlig die lange und windungsreiche Geschichte des Islam und tut so, als wäre der Islam in 1400 Jahren völlig unverändert geblieben. Schon wieder ist er der Suggestion der Traditionalisten erlegen! Keine Religion bleibt über 1400 Jahre unverändert. Das sollte einem schon der gesunde Menschenverstand sagen.

Bereits die Anfänge des Islam waren ganz anders, als die Traditionalisten es sich vorstellen. Die historisch-kritische Forschung zeichnet heute ein völlig anderes Bild der Anfänge des Islam als die traditionellen Überlieferungen, die erst Jahrhunderte nach Mohammed erstmals aufgezeichnet wurden. Mohammed war kein blutrünstiger Kriegsherr, und er wollte auch gewiss nicht die Welt erobern. Dann gab es auch eine Phase, in der sich der Islam auf der Grundlage der antiken Philosophie dem Rationalismus zuwandte (Mutazila) und höchst moderne Lehren vertrat. Dschihad wurde von manchen Gelehrten klar auf einen Verteidigungskrieg beschränkt, und zwar im Einklang mit der Kriegslehre Platons im Dialog Nomoi. Es ist derselbe Platon, der auch Grundlage der europäischen Kultur ist. Nicht zu vergessen die Reformbemühungen im Islam seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts, die mit viel Optimismus bis zum Ersten Weltkrieg vorangetrieben wurden. Erst die Reaktion auf die Eroberung der arabischen Welt durch Briten und Franzosen brachte die Reformbemühungen zu einem Ende, und es entstand der politische Islam, der Islamismus, wie wir ihn heute kennen. Seitdem wird der Islam von Traditionalisten und Islamisten beherrscht.

Mark A. Gabriel ist auch ungerecht, wenn er dem Islam das Christentum als bessere Religion gegenüberstellt. Manche sagen z.B., Jesus wäre friedliebend gewesen, so dass er auch die andere Wange hinhielt und lieber ans Kreuz ging. Ein solcher Religionsgründer ist jedoch genauso problematisch wie ein blutrünstiger Kriegsherr. Denn es ist das andere Extrem. Wer das Böse gewähren lässt, wird keine gerechte Gesellschaft errichten können. Aber kein christlicher Islamkritiker verschwendet einen Gedanken auf dieses ernste Problem.

Wer jetzt einwendet, dass Jesus und das Neue Testament gar nicht so friedliebend sind, wie viele meinen, hat vielleicht Recht, gibt aber damit gleichzeitig zu, dass vorherrschende Deutungen auch falsch sein können. Und natürlich entstehen mit einem nicht-friedlichen Jesus neue Probleme: Bis hin zur Rechtfertigung von Kreuzzügen, weil Jesus sagte, er bringe keinen Frieden, sondern das Schwert. Ja, so wurden die Kreuzzüge theologisch begründet, so falsch das auch gewesen sein mag: Das war die damals vorherrschende Deutung.

Wenn wir an die Emanzipation der Frau denken, dann ist diese in den christlichen Ländern noch keine 100 Jahre her, und die kirchliche Akzeptanz der Gleichberechtigung vielleicht erst 50 Jahre her, und das in 2000 Jahren Geschichte des Christentums. Auch die Sklaverei wurde von den Christen lange nicht abgeschafft, sondern erst um 1800. Da hat sich das Christentum aber sehr lange Zeit gelassen, seine guten Seiten zu zeigen, könnte man sagen!

In Wahrheit waren die Abläufe ja auch ganz anders: Es sind Humanismus und Aufklärung, die sich der Wiedergeburt der philosophischen Ideen der Antike verdanken, die ab 1500 zu greifen begannen. Christliche Humanisten und Aufklärer haben das Christentum zu Reformen gebracht, und zwar immer wieder gegen den Willen der Traditionalisten in der Kirche. So entstand schrittweise das menschenfreundliche Christentum, wie wir es heute kennen. Ein menschenfreundliches Christentum konnte glaubwürdig entstehen, weil die Anfänge des Christentums anders waren, als man um 1500 dachte. Also genau derselbe Vorgang, den auch der Islam in der Zeit der Mutazila und bei anderen Gelegenheiten erlebt hat und noch in Zukunft erleben könnte.

Was die aktuellen Reformbewegungen im Islam anbelangt, schweigt Mark A. Gabriel völlig. Das ist natürlich ein totales Versagen. Gewiss, diese Reformbewegungen ändern am schlechten Gesamtbild des aktuellen Islam erst einmal nicht viel. Aber es wäre ein großer Fehler, sie nicht im Auge zu behalten. In Marokko z.B. wurde die Lehre von der Tötung von Apostaten vom höchsten Fatwa-Rat abgeschafft. Und zwar mit einer historisch-kritischen Begründung: Die entsprechenden Aussagen im Koran beziehen sich nach Meinung des Fatwa-Rates auf eine Kriegssituation, und was an dieser Stelle mit dem Tod bestraft wird, ist nicht der Abfall vom Glauben, sondern der Hochverrat im Krieg. Eine logisch und historisch schlüssige Argumentation, die Schule machen könnte. Mit Argumenten dieser Art wurde auch das Christentum reformiert. Es wäre ganz falsch, solche Reformbewegungen einfach zu ignorieren. Hier kann sehr schnell aus etwas Kleinem etwas Großes werden.

Völlig verrückt ist auch der Lösungsvorschlag von Mark A. Gabriel: Die Muslime sollen zum Christentum bekehrt werden, meint er. Natürlich darf ein Christ Muslime bekehren wollen, aber wie realistisch ist es, das als große Lösung für das Problem zu verkaufen?! Es ist bestenfalls eine sehr, sehr kleine Teillösung.

Zusammenfassung

Mark A. Gabriel hat einen richtigen und wichtigen Punkt: Der Islam in seinem aktuellen Zustand, der von Traditionalisten und Islamisten beherrscht wird, ist eine echte Gefahr.

Es wäre aber ganz falsch zu sagen, dass „der Islam“ so sei, und dass Islamreformer praktisch ignoriert werden könnten, weil das nur Traumtänzer seien. Damit wirft man den Reformern Knüppel zwischen die Beine, schlägt allen gutwilligen Muslimen die Tür vor der Nase zu und treibt die Muslime in die Arme von Traditionalisten und Islamisten. Das ist selten dämlich.

Beim Islam muss natürlich zweigleisig vorgegangen werden: Einerseits muss man gegen Islamismus und Traditionalismus vorgehen. Andererseits muss man gutwilligen Muslimen die Möglichkeit eröffnen, einen reformierten Islam zu entwickeln. Eine pauschale Verurteilung des Islam verbietet sich deshalb genauso wie eine pauschale Verharmlosung des Islam. Was verurteilt werden muss sind Islamismus und Traditionalismus, nicht „der Islam“, auch wenn dieser aktuell von Islamismus und Traditionalismus beherrscht wird.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

Akif Pirinçci: Deutschland von Sinnen – Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer (2014)

Ehrliche und untermauerte „Rede an die deutsche Nation“

Akif Pirincci (wie immer sich dieser Name ausspricht) hat eine flammende Rede und einen aufrichtigen Appell an die Deutschen geschrieben, der sich durch Klarheit ebenso wie Einfachheit auszeichnet, mit der er die Wahrheit auf eine zutiefst menschliche Weise ausspricht: Pirincci pflegt einen bodenständigen Realismus, der sich ein X nicht für ein U vormachen lässt, der sich einen Blick für das bewahrt hat, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben. Dabei wünscht Pirincci den Grünen Gutmenschen nicht einmal Strafe an den Hals, sie mögen einfach nur die Klappe halten und gehen. Und seine holzschnittartigen Thesen lassen explizit Raum für Andersartigkeit, nur dass Pirincci diese nicht für den Normalfall hält und das auch klar sagt.

Seine Sprache ist weniger eine Gossensprache, sondern vielmehr die Sprache, in der ein Mensch denkt, aber nicht spricht. Eine Sprache der deutlichen Worte, die aber nicht verletzend gemeint sind, sondern nur wahr.

Sehr gut hat Pirincci das Thema der Öffentlichen-Rechtlichen Medien aufgegriffen, das im Tugendterror-Buch von Sarrazin seltsamerweise unter den Tisch fiel. Beim Thema Islam schwächelt Pirincci ein wenig, denn die Möglichkeit eines aufgeklärten Islam analog zum heutigen Christentum blendet er komplett aus – kein großes Problem, da der aufgeklärte Islam noch im Embryo-Status ist. Seine Erlebnisse vor einem deutschen Gericht sind lesenswert. Seine Analyse der prekären Lage der deutschen Mittelschicht (das sind Du und Ich) rüttelt auf. Seine Einsichten in Wirkzusammenhänge der Wirklichkeit sind teilweise beeindruckend.

Dies ist kein dummes Buch. Was ich bei Sarrazin ebenfalls noch nicht gelesen hatte, ist der Umstand, dass die Zuwanderer überwiegend männlich sind, und deshalb das Geschlechterverhältnis in Deutschland auf der Kippe steht. Pirincci kritisiert meisterhaft die deutschen Journalisten und Intellektuellen: Sollten sie nicht hinter den Vorhang der Verhältnisse schauen, anstatt dabei zu helfen, den Vorhang über die Verhältnisse auszubreiten?

Pirinccis Vision ist kein negativer Reflex, sondern ein konstruktiver Appell: Deutsche Männer! Deutsche Frauen! Ihr seid etwas, seid Euch dessen bewusst! Es ist eine Rede an die deutsche Nation, wie in Zeiten des Vormärz. Es ist weniger ein Versuch, ausgefeilte Lösungen für alles anzubieten, als vielmehr ein Aufruf zum Perspektivwechsel! Unter diesem Gesichtspunkt sind dann auch alle Grobheiten und Einfachheiten verständlich und verlieren ihre Schärfe.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 10. August 2014; inzwischen dort verschwunden)

Boualem Sansal: Allahs Narren – Wie der Islamismus die Welt erobert (2013)

Enttäuschende Ratlosigkeit eines linken Intellektuellen

Boualem Sansal lebt selbst in einem islamischen Land und hat die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebt. All das verarbeitet er in Romanen von internationalem Rang. Wenn jemand wie Boualem Sansal ein Buch über den Islamismus schreibt, dann erwartet man sich davon Antworten, die man anderswo nicht findet.

Doch Boualem Sansal enttäuscht diese Erwartung. Im Grunde beschreibt er nur das, was viele andere Sachbücher ebenfalls zu bieten haben: Dass bereits der traditionelle Islam ein Problem ist. Dass es [angeblich] nie eine Aufklärung in der islamischen Welt gab. Dass der Islamismus aus dem traditionellen Islam und aus Abwehr gegen den übermächtigen Westen und aus anderen Gründen erwächst. Dass der Großmufti von Jerusalem mit Hitler kooperierte, und dass dieser Großmufti den Gründer der Muslimbrüder inspirierte. Dass die Muslimbrüder die Spinne im Netz des Islamismus sind. Dass die Araber untereinander in viele kleine ethnische und sprachliche Gruppen zerfallen, die sich alle gegenseitig feindlich gesinnt sind. Wo Araber regieren, geht die Zivilisation zugrunde, schrieb schon Ibn Khaldun, und Boualem Sansal zitiert ihn praktisch unwidersprochen. Im Grunde bestätigt Boualem Sansal sogar manches Vorurteil, was man für gewöhnlich nur von Islamhassern hört.

Völlig enttäuschend ist, dass Boualem Sansal praktisch keine Lösungen anbietet. Boualem Sansal starrt nur wie das Kaninchen auf die Schlange. Und das war’s. Die Hauptbotschaft des Buches lautet: Mit dem „Arabischen Frühling“ hat der Islamismus in der arabischen Welt endgültig zu regieren begonnen. Der französische Titel des Buches lautet denn auch: „Gouverner au nom d’Allah“: Regieren im Namen Allahs.

Zwei Ratschläge kann man aber doch aus Sansals Buch herauslesen

  1. Die westliche Welt soll aufpassen, dass sie nicht selbst vom Islamismus unterwandert wird. Boualem Sansal beschreibt sehr eindrücklich, wie Algerien zunächst ein linkes Land war, von sozialistischen Idealen beherrscht. Als die ersten Prediger ankamen, nannte man sie nur „Allahs Narren“ und nahm sie gar nicht ernst. Bis dann eines Tages der äußerst blutige algerische Bürgerkrieg gegen die „Islamische Heilsfront“ FIS ausbrach. Dies ist eine klare Warnung an den Westen. Hierher gehört auch die klare Feststellung von Boualem Sansal, dass die politische Korrektheit die westliche Welt daran hindert, sich angemessen mit dem Problem auseinanderzusetzen.

Hier muss man Boualem Sansal allerdings wiederum kritisieren, dass er hier fast wie ein primitiver Islamhasser einfach gegen die politische Korrektheit anredet, ohne eine bessere Alternative anzubieten. Für die notwendige Gratwanderung, den Islam zu kritisieren, ohne islamfeindlich zu sein, bietet Boualem Sansal keine Ideen an.

  1. Ohne dass klar wird, wie das mit seinem negativen Bild von Islam zusammenpasst, schreibt Boualem Sansal, dass der Islam einstmals eine ehrwürdige Religion gewesen sei, unter der die Zivilisation blühte. Auch der Mythos von Al-Andalus wird von ihm beschworen.

Man sollte doch meinen, dass diese vergangenen Zeiten ein reaktivierbares Muster geprägt haben, nach dem man den Islam auch auf menschenfreundliche Weise interpretieren könnte? Man sollte doch meinen, dass diese vergangene Zeiten eine klare Auskunft darüber geben könnten, was dem Islam heute fehlt, was er einstmals angeblich durchaus hatte? Aber Boualem Sansal stellt diese Fragen gar nicht erst und liefert deshalb auch keine Antwort.

Kein dritter Weg

Völlig enttäuschend und erschreckend ist, dass Boualem Sansal Ansätze zu Reformen im Islam kaum erwähnt. Er nennt nur wenige Denker, wie Dschamal ad-Din al-Afghani (1838-97) und Muhammad Abduh (1849-1905) und Mohamed Arkoun (1928-2010). Heutige Reformbewegungen nennt Boualem Sansal nicht. Eine Bewegung wie die „Schule von Ankara“ nennt er genausowenig wie die Verbände für einen liberalen Islam in der westlichen Welt. Auch Ibn Ruschd (Averroes) oder die Mutaziliten kommen bei ihm nicht vor, und das wäre doch das Mindeste gewesen, um aufzuzeigen, dass Reformen wenigstens theoretisch möglich sind. Auch die historisch-kritische Erforschung der Ursprünge des Islam, aus der heraus der Funke zur Reform springen kann (und eines Tages auch springen wird, weil Wahrheit immer durchsickert), bleibt bei Boualem Sansal ungenannt (hier ist nicht von jenen die Rede, die Mohammed für nicht existent erklären, sondern von jenen, die den originalen Mohammed hinter den später verfassten und veränderten Texten herausarbeiten). Nun gut: Denker wie Abdelwahab Meddeb und Malek Chebel werden immerhin erwähnt.

Aber einen Gedanken wie den von Malek Chebel, dass der Westen den Muslimen zu Hilfe kommen muss, um den Islam zu reformieren, weil die Muslime es selbst nicht schaffen, findet man bei Boualem Sansal nicht.

Fazit

Die Analyse, die Boualem Sansal hier vorlegt, ist oberflächlich, eine Problemlösung kaum existent. Mehr als eine berechtigte Warnung ist es nicht. Man könnte auch sagen, Boualem Sansal schließt sich (leider) der etwas zu einfachen Analyse der Islamhasser an, ist dann aber als Linker nicht in der Lage, wie diese den Schluss zu einer robusten Gegenwehr zu ziehen, sondern starrt wie das Kaninchen auf die Schlange. Damit werden sich die Islamhasser einmal mehr bestätigt sehen.

Dass weder die Islamhasser noch die gelähmten Linken Recht haben, sondern dass es dritte Wege gibt, kommt bei Boualem Sansal nicht heraus. Für einen Schriftsteller, der Gehör findet, ist das fast schon sträflich.

PS: Boualem Sansal unterstellt George W. Bush, er habe nach der These vom „Clash of Civilizations“ von Huntington gehandelt. Das ist doppelt falsch. Erstens ist Huntington selbst nicht der Auffassung, dass man die Kulturen gegeneinander ausspielen sollte, sondern er meint, dass dies geschehen würde, auch ohne das man das will. Zweitens ist die Unterstellung an Bush, er habe gewissermaßen einen Kreuzzug des Christentums gegen den Islam geführt, einfach nur dumm und primitiv. George W. Bush hat vielmehr als erster Schluss mit dem Prinzip gemacht, dass der Westen im Nahen Osten immer nur auf Dikatoren setzt, um die Region in Ruhe zu halten. George W. Bush hat die These aufgestellt, dass auch islamisch geprägte Staaten zur Demokratie fähig sind. Man mag von Bush halten was man will, aber die primitive Kritik von Boualem Sansal ist Unfug. Bereits die naiven Ausführungen von Boualem Sansal in seiner Preisrede in der Frankfurter Paulskirche über den Palästina-Konflikt hatten angedeutet, dass Boualem Sansal kein politischer Kopf ist.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 25. September 2014)